1. Einleitung
„Leb, so wie du dich fühlst!“ 1
Wer dachte, dass die deutsche Fernsehlandschaft ihren trivialen Höhepunkt mit den nachmittäglichen Talkshows der Privatsender erreicht hat, der wurde am 28. Februar 2002 eines Besseren belehrt. Das Realityformat „Big Brother“ startete auf RTL II und versprach, neben des bereits bekannten Talks über das Privatleben nun mit einem neuen Tabu-Bruch Deutschland zum Voyeur zu machen: Gelebtes Privatleben - 24 Stunden am Tag, 100 Tage lang und natürlich 100% authentisch. Sieh, so wie du dich fühlst. Das ambivalente Verhältnis von Distanz und Faszination des umstrittenen Formats verbindet den Daily Talk und den „Großen Bruder“. Beide Sendungen nähren sich von den Schwächen des vermeintlichen Normal-Bürgers, der für ein bisschen Ruhm seine intimsten Ansichten an den Sender verkauft. Der Transportkanal zwischen den Kandidaten und damit auch ihrem Publikum besteht im Gespräch.
Diese Kommunikation in der Medienöffentlichkeit charakterisiert eine Gesellschaft und ihren Wunsch nach Unterhaltung. Die Frage, in welchem der Sendeformate das Gesprochene auch tatsächlich ein Gespräch darstellt, oder ob der Unterhaltungsaspekt den eigentlichen Talk aus den Shows verdrängt hat, soll den Forschungsgegenstand dieser Hausarbeit darstellen. Hierbei richtet sich das Augenmerk auf die Rahmen, die eine Sendung für Gesprächsverläufe setzt und inwiefern so das authentische Gespräch manipuliert wird. Zunächst soll der alltägliche Dialog definiert werden und dieser dann in die Rahmung der Medien transferiert werden. Nachdem die mitwirkenden Faktoren und Regeln für den klassischen Daily Talk sowie für Big Brother umrissen wurden, wird auf den Begriff des Konflikts und auf moderative Gesprächsinterventionen eingegangen werden. Es soll erforscht werden, in welchem der Formate sich trotz oder gar aufgrund der Inszenierung ein tatsächliches Gespräch konstituiert.
1 Titel der Band „Die 3.Generation“, Erkennungsmelodie der ersten Staffel von „Big Brother“
2
2. Das Gespräch im Medienkontext
Klaus Brinker und Sven Sager definieren das Gespräch als eine „begrenzte Folge von sprachlichen Äußerungen, die dialogisch ausgerichtet ist und eine thematische Orientierung aufweist.“ 2
Damit ein Wortwechsel zwischen Personen überhaupt als ein Gespräch bezeichnet werden kann, müssen gewisse Faktoren gegeben sein. Als erstes ist hier die Gesprächsbereitschaft zu nennen, welche einer Konfliktlösung vorausgesetzt wird. Die abwechselnden Interaktionen müssen sich am Gesprächspartner orientieren. Hierbei ist eine rituelle Ordnung einzuhalten, die besagt, dass ein Vorwurf nicht mit einem Gegenvorwurf beantwortet werden kann, da so das Kooperationsprinzip außer Kraft gesetzt wird. 3
Gesprächskern und Gesprächsziel können eine Eigendynamik innerhalb des Gesprächs entwickeln, die Gesprächspartner müssen dieser Veränderung jedoch gleichermaßen zustimmen, um ein funktionierendes Gespräch zu erhalten. Das allgemeine Mediengespräch weist gegenüber der Alltagskommunikation situationsbedingte Charakteristika auf und muss von dieser abgegrenzt werden. Authentische Gespräche vor der Kamera sind eine Illusion, da viele Pseudoereignisse nur deswegen sattfinden, weil sich eine Kamera in der Nähe befindet. 4 Anders als bei der „Face-to-Face“-Situation liegt ein Mediengespräch in der Öffentlichkeit, worüber sich die Kommunikationspartner auch bewusst sind. Die durch den Rahmen vorgegebenen Gesetze (bzw. Spielregeln) der Medien verändern das Gespräch. Bei den Konzeptionen von „Big Brother“ und einer Daily Talkshow handelt es sich um die Rahmung von Kleingruppengesprächen, die von einem Publikum beobachtet werden. Ein Teil dieses Publikums ist bei der Talkshow durch die Studiogäste visualisiert und kann durch Reaktionen aktiv am Geschehen teilnehmen.
Das Mediengespräch kann in einer ersten Bestimmung als ein natürliches Gespräch eingestuft werden, jedoch ereignet es sich in einem inszenierten Konstrukt. Schon durch die Anwesenheit von Kameras handelt es sich um ein Arrangement, da die Gesprächsbeteiligten zu einem vereinbarten Zeitpunkt und Ort für die Kamera agieren. Der Gesprächsablauf ist koordiniert, auch wenn das nicht sofort merkbar ist: Durch Charakterkonstellationen, moderative Eingriffe und postproduktive Bearbeitungen entsteht ein geplanter Ablauf und damit meist eine vorkonzeptionalisierte Show.
2 Brinker, Klaus; Sager, Sven F.: Linguistische Gesprächsanalyse. S. 10.
3 Vgl. Ebd. S.82.
4 Vgl. Westerbarkey, Joachim: Wir Voyeure. S.313.
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3. Die Daily Talkshow
3.1. Strukturen und Voraussetzungen für Gespräche in Daily Talkshows
Zu Beginn einer Daily Talkshow 5 wird ein Thema vorgegeben, das den Anlass für eine Diskussion darstellt, außersprachliche Handlungen sind im Konzept einer klassischen Talkshow nicht vorgesehen. Verschiedene Parteien werden eingeladen, die von dem Thema betroffen sind und ihre Meinung äußern wollen, bzw. private Erfahrungen und Konflikte von sich preisgeben. Die Themen werden meistens von Tabu-Themen wie Sex, Lügen oder Gewalt dominiert; wobei die eingeladenen Gäste kontroverse Extrempositionen einnehmen, die oft im Widerspruch zu den bürgerlichen Moralvorstellungen stehen. Die Konstellation der Gäste setzt sich aus Vertretern der gesellschaftlichen Norm und Mitgliedern sozialer Randgruppen zusammen. Durch die gegensätzlichen Meinungen der Gäste, die zuvor von der Redaktion ausgewählt wurden, entsteht ein hohes Konfliktpotential. Es befinden sich nicht von Anfang an alle Parteien auf der Bühne, die Gäste werden also künstlich koordiniert und folgen den Regeln der Inszenierung.
Mittelpunkt des Studios einer Talkshow ist ein Podium, auf dem die Gäste sitzen oder stehen, wobei der Blick ins Publikum gerichtet ist. Das Studio selbst wird oft als Wohnzimmer inszeniert, indem warme Farben das Bild bestimmten und sich die Gäste auf Couchs unterhalten.
Bei Talkshows übernimmt der Moderator die Leitposition, indem er die Gäste hereinbittet, die Fragen an den Gast richtet und den Gesprächsverlauf kontrolliert. Er organisiert die Gesprächsbeiträge aus dem Publikum und ist für die Verteilung des Rederechts zuständig. Das Verhältnis zum Gast ist asymmetrisch, da der Moderator eine übergeordnete Rolle einnimmt und die strukturellen Entscheidungen trifft. In besonderen Fällen ist der Moderator befugt, die Gäste des Studios verweisen. Je nach Format kann der Moderator eine urteilende Instanz einnehmen, indem er sich mit einer Seite solidarisiert oder durch gezielte Fragen die Moralität des Gastes gegenüber dem Publikum in Frage stellt.
5 Der Begriff „Daily Talkshow“ bezieht sich auf Formate wie bspw. „Britt“, „Andreas Türck“ und „Sonja“.
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Arbeit zitieren:
Luise Knah, 2009, Daily Talkshows und „Big Brother“ , München, GRIN Verlag GmbH
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