Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 6
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 9
1 Wandel der Armut in Deutschland 9
2 Der Armutsbegriff. 11
2.1 Definitionsansätze - Methoden der Armutsmessung. 12
2.1.1 Einkommensarmut 13
2.1.2 Das Sozialhilfekonzept - politisch normative Armut 14
2.1.3 Das Unterversorgungskonzept 16
2.1.4 Das Deprivationskonzept 18
2.2 Ein kindgerechter Armutsbegriff 19
2.2.1 Das Deprivationskonzept nach Andreß 20
2.2.2 Erweitertes Lebenslagemodell nach Chassé/Zander/Rasch 21
2.2.3 Das Zusammenwirken von vier Lebenslagen nach Hock/Holz 22
3 Ursachen von Kinderarmut 23
3.1 Wirtschaftlicher Strukturwandel 24
3.2 Demografische Entwicklung 27
4 Formen von Kinderarmut: Das Zusammenwirken von Risiko- und
Schutzfaktoren 29
4.1 Die Elternebene 30
4.2 Die Kindebene 32
4.3 Außerfamiliäre Systeme 34
5 Zwischenfazit 36
Inhaltsverzeichnis
II. Untersuchung der Folgen von Armut für die Entwicklung von Kindern
im Grundschulalter 39
1 Aktueller Forschungsstand zu den Folgen von Kinderarmut 39
1.1 Materielle Versorgung 40
1.2 Gesundheit 42
1.3 Soziale Lage 44
1.4 Kulturelle Lage 45
2 Darstellung der Untersuchung 48
2.1 Motivation 48
2.2 Fragestellung und Hypothesen 49
2.3 Untersuchungsmethode 51
2.4 Untersuchungskriterien 53
2.4.1 Stichprobe 54
2.4.2 ExpertInnen 55
2.4.3 Untersuchungsorte 56
2.5 Der Untersuchungsverlauf 57
2.5.1 Fragebogenkonstruktion 57
2.5.2 Rahmenbedingungen und Rekrutierung 62
2.6 Problematik: Stichprobenverzerrung 63
2.7 Datenauswertung 64
3 Darstellung der Ergebnisse 64
3.1 Einrichtungen und befragte Personen 64
3.2 Stichprobenbeschreibung 65
3.3 Ergebnisse der Hypothesentests. 69
3.3.1 Materielle Versorgung 69
3.3.2 Physische und psychische Gesundheit 71
3.3.3 Soziale Lage 75
Inhaltsverzeichnis
3.3.4 Kulturelle Lage 79
3.3.5 Bildungschancen und Bildungsmilieu 81
3.4 Lebenslagenvergleich anhand des sozioökonomischen Status 84
3.5 Weitere Ergebnisse 86
3.5.1 Wechselwirkung der Lebenslagebereiche 86
3.5.2 Persönlichkeitsprofile im Gruppenvergleich 88
4 Zentrale Ergebnisse im Spiegel des aktuellen Forschungsstandes 88
III. Rollenverständnis und Handlungsansätze der Sozialen Arbeit im
Kontext von Kinderarmut 93
Schlusswort 97
Abk ürzungsverzeichnis 102
Literaturverzeichnis 103
Materialband
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 5
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Das Unterversorgungskonzept 17
Tab. 2: Befragte und deren Qualifikation (n 18) 65
Tab. 3: Haushaltsformen im Gruppenvergleich (n 128) 67
Tab. 4: Durchschnittliche Anzahl der Geschwister im Gruppenvergleich unter
Ber ücksichtigung des Migrationshintergrundes (n 125) 68
Tab. 5: Materielle Versorgung der Kinder im Gruppenvergleich (n 128) 70
Tab. 6: Auftreten von Stresssymptomatik im Gruppenvergleich (n 128) 73
Tab. 7: Umgang mit Gleichaltrigen im Gruppenvergleich (n 128) 76
Tab. 8: Emotionale Kompetenz im Gruppenvergleich (n 128) 77
Tab. 9: Kognitive Kompetenz im Gruppenvergleich (n 128) 80
Tab. 10: Weiterführende Schulform im Gruppenvergleich (n 114) 82
Tab. 11: Ausbildungsgrad der Eltern im Gruppenvergleich (n 128) 83
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Entwicklung der Armutsraten bei unter 15-Jährigen (1984-2003 ) 14
Abb. 2: Entwicklung der Sozialhilfequoten nach Altersgruppen (2000-2004 ) 16
Abb. 3: Haushaltsbezogene EmpfängerInnenquote von Sozialhilfe Ende 2004 26
Abb. 4: Wohnort und sozioökonomischer Status (n 128 ) 66
Abb. 5: Haushaltsform nach sozioökonomischem Status (n 128 ) 67
Abb. 6: Allgemeiner Entwicklungsstand des Kindes und sozioökonomischer
Status der Familie (n 128 ) 84
Abb. 7: Unterschiedliche Lebenslagen im Gruppenvergleich (n 128 ) 85
Abb. 8: Ausreichende Versorgung der Kinder in den vier Lebenslagebereichen
(n 128 ) 90
Einführung 6
Einführung
Armut und insbesondere Kinderarmut in einer führenden Industrienation wie Deutschland ist längst kein Tabuthema mehr. Laut einer aktuellen Studie der UNICEF wachsen heute deutschlandweit mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in relativer Einkommensarmut auf - das bedeutet jede/r zehnte Minderjährige ist betroffen. 1 Erschreckendes Ergebnis der Studie ist insbesondere die Entwicklung in Deutschland: Wuchsen 1989 noch 4,5% der Kinder und Jugendlichen in Familien auf, die mit weniger als 50% des Durchschnittseinkommens auskommen mussten und somit als arm gelten, waren dies im Jahr 2001 bereits 9,8%, also mehr als doppelt so viele. 2 Noch vor 30 Jahren waren überwiegend alte Menschen von Armut betroffen - heute sind es erwiesenermaßen häufiger Kinder, die in armen Familien heranwachsen. Nicht nur SozialwissenschaftlerInnen 3 sprechen aufgrund dessen seit einigen Jahren von einer „Infantilisierung der Armut“, auch die bundesdeutsche Politik widmet sich seit einiger Zeit verstärkt dem Thema Kinderarmut.
Dies war jedoch nicht immer so: Bis Ende der neunziger Jahre wurde seitens der Bundesregierung vehement bestritten, dass Menschen und insbesondere Kinder in diesem Land unter Armut leiden, obwohl SozialwissenschaftlerInnen und Wohlfahrtsverbände immer wieder auf den Tatbestand sozialer Ungleichheit aufmerksam machten - von Arbeitslosigkeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen waren bereits immer mehr Menschen betroffen und mit ihnen ihre Familien. 4 Im Jahr 2000 beauftragte schließlich der Deutsche Bundestag die Bundesregierung, regelmäßig über Armut und Reichtum in Deutschland Bericht zu erstatten. 5 Seither zeichnet sich eine Veränderung im Umgang mit dem „Mythos“ Armut ab und es ist ein gesteigertes öffentliches Interesse zu konstatieren, was an der stetig wachsenden Zahl der Publikationen und einer regen medialen Berichterstattung zum Thema Kinderarmut ersichtlich wird. Im April 2005 ist bereits
1 Vgl. UNICEF vom 1.03.2005
2 Vgl. UNICEF 2005: 25
3 Im weiteren Verlauf wird diese Form für die Kennzeichnung beider Geschlechter verwendet. Die männliche bzw. weibliche Form wird dann angeführt, wenn es sich ausschließlich um Personen des jeweiligen Geschlechts handelt.
4 Z.B. Lompe 1987, DGB/DPWV 1994, Hübinger 1996 (Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001)
5 Vgl. BMGS 2005: XV
Einführung 7
der zweite „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung erschienen.
Die Armut von Kindern ist ein komplexes und vielschichtiges Thema, denn sie umfasst multiple und von der Erwachsenenarmut zu differenzierende Dimensionen. Dessen ungeachtet wird Kinderarmut insbesondere von Seiten der Regierung in erster Linie am Einkommen der Eltern gemessen, wobei diese eindimensionale Sichtweise vehement kritisiert wird. 6 Es wird einstimmig gefordert, die Armutslage aus Sicht der Kinder zu definieren, da nur auf diese Weise genaue Einblicke in kindliches Erleben von Armut und dessen materielle, gesundheitliche, sozialisatorische und kulturelle Folgen gewonnen werden können. In einer Stellungnahme des Bundesministeriums formulierten die AutorInnen diesen Sachverhalt einst sehr prägnant:
„[...] Obwohl Kinderarmut eng mit Elternarmut verknüpft ist, ist sie ein eigenes Phänomen. Sie unterscheidet sich [...] von der Eltern- und Erwachsenenarmut erheblich sowohl in Ausmaß als auch in der Qualität, da Kinder besondere Bedürfnisse und Handlungsziele haben.“ 7
Ausmaß und Qualität von Kinderarmut - diese beiden Perspektiven möchte ich im Rahmen dieser Arbeit sowohl theoretisch als auch mittels einer selbständig durchgeführten, quantitativen Untersuchung beleuchten. Die alles leitende und zu diesem Zweck sehr allgemeine Frage ist: Wie gestaltet sich Kinderarmut in Deutschland? Eine detaillierte und vielseitige Analyse dessen umfasst ebenso die Erörterung von historischen Entwicklungen, Ursachen und Formen sowie die daraus hervorgehenden individuellen Folgen für die Entwicklung der Kinder.
Das Ausmaß von Kinderarmut in Deutschland wird im ersten Teil der Arbeit in Form einer Bestandsaufnahme theoretisch erarbeitet und bildet nicht nur die Voraussetzung für meine empirische Untersuchung der Folgen von Kinderarmut im zweiten Teil, sondern soll in erster Linie zum Verständnis dieses komplexen und vielschichtigen Phänomens beitragen. Es wird dargestellt, wie und weshalb sich das Bild der deutschen Armut über Jahrzehnte hinweg verändert hat, um schließlich eine solch starke Betroffenheit von Kindern hervorzurufen. Es werden unterschiedliche Konzepte zur Definition von Armut im Allgemeinen kritisch dar- 6 Vgl.z.B. Butterwegge (Hrsg.) 2000, Holz 2003, Lutz 2004, Chassé/Zander/Rasch (Hrsg.) 2005 u.a.m.
7 BMFSFJ 1998: 88
Einführung 8
gestellt, um darauf aufbauend einige Ansätze für einen kindgerechten Armutsbegriff zu erläutern. Weiterführend sollen die wirtschafts- sowie gesellschaftsstrukturellen Ursachen auf der Makroebene beleuchtet werden. Um des Weiteren auf die Folgen von Armutslagen für die kindliche Entwicklung im zweiten Teil eingehen zu können, müssen zuvor die Bedingungen und Kriterien geklärt werden, welche die Form der Armutslage bestimmen. In Anlehnung an die Resilienzforschung werden Risiko- und Schutzfaktoren im Kontext familiärer Armut auf der Mikroebene erörtert, welche für die jeweiligen Auswirkungen einer Kindheit in Armut ursächlich sind und woraus die individuelle Erscheinungsform hervorgeht. Ein Aufwachsen in Armut bedeutet nicht zwangsläufig, dass dadurch Benachteiligungen für die Entwicklungschancen der Kinder entstehen.
Die Qualität oder auch die Dimensionen eines Heranwachsens in Armut werden im zweiten Teil dieser Arbeit anhand der Ergebnisse meiner ExpertInnenbefragung vertiefend dargestellt. Insgesamt wurden 130 Kinder im Grundschulalter von Fachkräften nach unterschiedlichen Kriterien beurteilt. Das Ziel der empirischen Untersuchung war, herauszuarbeiten, welche Folgen ein Aufwachsen in Armut für die Kinder in den Bereichen der Grundversorgung, Gesundheit, sozialen und kulturellen Lage haben kann und des Weiteren, ob die Bildungs- und somit Zukunftschancen der untersuchten Kinder ungleich verteilt sind. Eingangs wird der aktuelle Forschungsstand dargestellt, der die wissenschaftliche Basis für meine eigene Untersuchung und deren Inhalte bildet. Darauf aufbauend erfolgen die Darstellung des Untersuchungsdesigns und dessen praktische Durchführung. Im weiteren Verlauf werden detailliert die Ergebnisse dargestellt und schließlich im Kontext aktueller Forschungserkenntnisse interpretiert.
Im dritten Teil der Arbeit erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Rollenverständnis Sozialer Arbeit und den sich daraus ergebenden Handlungsansätzen in Bezug auf die multiplen Dimensionen von Kinderarmut. In diesem Kapitel sollen der Diskurs in der Praxis verdeutlicht und zugleich Perspektiven für Handlungsmaximen in der Sozialen Arbeit aufgezeigt werden.
Im Schlusswort möchte ich aufzeigen, welche Antworten auf die Fragestellungen gefunden wurden und die wichtigsten Erkenntnisse diesbezüglich sollen noch einmal zusammengefasst werden. Es soll ein Fazit die gesamte Arbeit betreffend gezogen werden und eine zukunftsweisende Perspektive wird den Diskurs er- gänzend abschließen.
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 9
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Be-
standsaufnahme
1 Wandel der Armut in Deutschland
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Bild der Armut in Deutschland grundlegend verändert und im Zuge dessen auch der wissenschaftliche, öffentliche und politische Umgang mit diesem Thema. Der folgende Abschnitt soll einen Einblick über die wichtigsten Veränderungen geben.
Nachdem die sozioökonomische Krise des zweiten Weltkrieges überstanden worden war, begannen SozialforscherInnen erstmals wieder in den 80er Jahren, sich mit dem Thema Armut in Deutschland auseinander zu setzen. 8 Heiner Geißler, ehemaliger Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, verwies mit der Veröffentlichung seines Buches „Die Neue Soziale Frage“ bereits 1976 auf die Verschärfung und Veränderung der innerdeutschen Armutslage aufgrund von steigender Arbeitslosigkeit. Doch erst Jahre später wurde das Phänomen der „neuen Armut“ rege diskutiert. Im Mittelpunkt standen insbesondere die Zunahme der Arbeitslosigkeit und deren Folgen für die materielle und psycho-soziale Lage der Erwachsenen, weniger derer Kinder. 9 Man konstatierte eine Veränderung in der Struktur der Betroffenen - stellten bislang marginalisierte Randgruppen wie Obdachlose, SozialhilfeempfängerInnen, MigrantInnen 10 und alte Menschen die so genannten „traditionellen Armen“ dar, sind mit Beginn der frühen neunziger Jahre an deren Stelle besonders Alleinerziehende und kinderreiche Familien einem höheren Armutsrisiko als andere Bevölkerungsgruppen ausgesetzt. 11 Im Zuge dessen betrifft Armut heute in hohem Maße Kinder und Jugendliche.
Das Risiko arm zu werden ist bereits in die Mitte der Gesellschaft vorgestoßen, da Armut nicht mehr nur Randgruppen, sondern eine breite und in wachsender Zahl der (ehemaligen) Mittelschicht angehörende Bevölkerungsschicht bedroht. Arbeitslosigkeit stellt nach wie vor das größte Armutsrisiko dar, doch sind immer
8 Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 10
9 Vgl. Walper 1995: 186
10 Als MigrantInnen werden Personen bezeichnet, die entweder im Ausland geboren sind oder Eltern ausländischer Staatsbürgerschaft haben.
11 Vgl. Zimmermann 2001: 55
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 10
häufiger auch (kinderreiche) ArbeitnehmerInnenhaushalte betroffen. 12 Die als „working poor“ bezeichneten BezieherInnen von Niedrigeinkommen (weniger als 60% des nationalen Durchschnittseinkommens) machen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 14% der in Deutschland Vollzeit Erwerbstätigen ausjede/r siebte ArbeitnehmerIn ist demnach von Armut bedroht und mit ihnen ihre Familien. 13 In unabhängigen Studien ist sogar von jedem/jeder Fünften die Rede. 14
Das Bild der Armut hat sich nicht nur hinsichtlich der Betroffenen verändert. Ferner vollzieht sich eine immer stärkere Polarisierung zwischen arm und reich - nie zuvor gab es so viele arme und zugleich reiche Menschen in Deutschland, und diese „Schere“ öffnet sich Prognosen zufolge immer weiter. 15 Dies trifft besonders Kinder und Jugendliche, die in einkommensschwachen Familien aufwachsen. Während Erwachsene materielle Defizite mit bewusstem und frei gewähltem Verzicht kaschieren können, werden Kinder und Jugendliche deutlich schneller sozial ausgegrenzt, wenn sie den gängigen Peergroup 16 -Maßstäben hinsichtlich Kleidung, Freizeitgestaltung oder moderner Medien nicht gerecht werden. 17 Seit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe im Jahr 2005 hat sich insbesondere die Lage von bedürftigen Familien zunehmend verschlechtert. In Deutschland leben heute nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes etwa 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren von Sozialhilfe, also jede/r siebte Minderjährige. 18 Der Regelsatz pro Kind unter 14 Jahren beträgt 207 Euro monatlich und 6,70 Euro pro Tag - neben Kleidung und Nahrung müssen hiervon auch Schulmittel, eine kindgerechte Zimmerausstattung (Spiele etc.) und Freizeitaktivitäten (Vereinssport, Kindergeburtstage etc.) bestritten werden. 19 Laut ExpertInnenmeinung ist dies nicht möglich, selbst wenn sich Eltern in strengem Verzicht üben. Infolge dessen werden die Forderungen nach einer Erhö-
12 Vgl.Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 11
13 Vgl. Statistisches Bundesamt vom 31.08.2007
14 Vgl. Palentien 2005: 155
15 Vgl. Becker/Hauser 2003: 40 f und Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 9
16 Der Begriff „Peergroup“ kommt aus dem Englischen und bezeichnet die Gruppe der Gleichaltrigen.
17 Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 10
18 Vgl. Bauer im Auftrag des DPWV vom 15.11.2007 und BMFSFJ (Hrsg.) 2006: 59
19 Vgl. Bündnis 90/Die Grünen 11.06.2007 (Drucksache 14/4512)
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 11
hung der Regelsätze für Kinder und der Zahlung von bedarfsorientierten Zusatzleistungen immer lauter.
Festgehalten werden kann an dieser Stelle, dass sich das Armutsbild in der Bundesrepublik grundlegend verändert hat. Immer mehr Kinder sind betroffen, weswegen der Begriff der „Infantilisierung der Armut“ im wissenschaftlichen und politischen Sprachgebrauch zunehmend Verwendung findet. 20
Im Fokus dieser Arbeit stehen insbesondere das Ausmaß von Kinderarmut und die Folgen für die individuelle kindliche Entwicklung. Von großer Bedeutung ist hierbei ein kindgerechter Armutsbegriff, der alle Dimensionen des (Er-)Lebens von Kindern berücksichtigt. Im folgenden Kapitel soll anhand unterschiedlicher Armutstheorien und Definitionsansätze schließlich ein umfassender, kindgerechter Armutsbegriff erläutert werden.
2 Der Armutsbegriff
Eine einheitliche Definition von Armut existiert in der deutschsprachigen Literatur nicht. Die Ansichten darüber, wer als arm zu bezeichnen ist und welche Dimensionen besonders in Hinblick auf Kinderarmut berücksichtigt werden müssen, variieren in Abhängigkeit von der Perspektive des Betrachters sowie vom Erleben der Betroffenen selbst, wie in diesem Kapitel herausgestellt werden soll.
Primär muss zwischen absoluter und relativer Armut differenziert werden. Absolute Armut liegt dann vor, wenn das physische Existenzminimum unterschritten wird, also eine lebensnotwendige Grundversorgung mit Nahrung, Gesundheit und Wohnraum nicht gewährleistet ist. 21 Man denke dabei an Hungersnöte, Epidemien und Massenvertreibungen in den Entwicklungsländern dieser Welt, aber auch an die geschätzten 900.000 Obdachlosen und etwa 50.000 Straßenkinder in Deutschland, die faktisch in absoluter (und häufig verdeckter) Armut leben. 22
In Deutschland jedoch dominiert die Ansicht, dass kein Bürger hungern muss, das Gesundheitssystem allen eine Behandlung im Krankheitsfall garantiert und niemand gezwungen ist, auf der Straße zu leben. Der durchschnittliche Wohl-
20 DerBegriff wurde geprägt durch Richard Hauser (Hauser 1995: 9)
21 Vgl. BMGS (Hrsg.) 2005: 11
22 Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 11 f
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 12
stand liegt über dem physischen Existenzminimum, weshalb in diesem Zusammenhang von relativer Armut gesprochen wird. Relative Armut wurde bislang von Staatsseite als „auf einen mittleren Lebensstandard bezogene Benachteiligung aufgefasst“ 23 , die den Betroffenen ein menschenwürdiges Leben und eine Teilhabe an der vorherrschenden Lebensweise in materieller, kultureller und sozialer Hinsicht nicht ermöglicht.
Soweit eine erste Differenzierung des Armutsbegriffs. Im folgenden Abschnitt sollen die unterschiedlichen Ansätze zur Definition von Armut genauer erläutert und Vor- und Nachteile herausgestellt werden. Abschließend erfolgt darauf aufbauend die Erläuterung eines kindgerechten Armutsbegriffs anhand aktueller Studien aus dem Bereich der Kinderarmutsforschung.
2.1 Definitionsansätze - Methoden der Armutsmessung
Um Armut messen bzw. empirisch erfassen zu können, bedarf es einer klaren Definition dessen, was unter Armut verstanden wird. Generell finden in Studien zu diesem Thema zwei Definitionsansätze Anwendung - der Ressourcen- und der Lebenslageansatz.
Der Ressourcenansatz stützt sich bei der Messung von Armut auf monetäre und nichtmonetäre Güter. 24 Eine Grenze zwischen Armut und Wohlstand wird anhand von Richtwerten in Bezug auf Einkommen, Vermögen, öffentliche und private Leistungen oder Produkte aus hauswirtschaftlicher Arbeit (z.B. Ernte) gezogen. Jede Nation hat diesbezüglich in Anlehnung an das jeweilige Durchschnittseinkommen der Bevölkerung ihre eigenen Richtlinien, die sich jedoch primär auf monetäre Güter und insbesondere das jeweilige Erwerbseinkommen stützen.
Das Lebenslagekonzept wiederum nimmt subjektive Aspekte der von Armut Betroffenen und weitere Lebensbereiche auf, wodurch die Möglichkeit besteht, mehrere Dimensionen von Armut zu erfassen. 25 Dieser komplexe und mehrdimensionale Ansatz wurde in den neunziger Jahren entwickelt und geht über die „Triade sozialer Ungleichheit“ hinaus - Einkommen, Bildung und Beruf werden
23 BMGS (Hrsg.) 2005: 11
24 Vgl. Zimmermann 2001: 57 f
25 Der Begriff „Lebenslage“ wurde 1953 von Gerhard Weisser geprägt und geht auf Otto Neurath (1931) zurück (Vgl. Zimmermann 2001: 57). Ingeborg Nahnsen hat das Konzept 1970 für die prak- tische Anwendung weiter entwickelt (Vgl. Chassé/Zander/Rasch (Hrsg.) 2005: 53).
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 13
durch weitere Lebensbereiche wie z.B. Wohnen, Gesundheit, Sozialbeziehungen etc. erweitert. 26 Es wird davon ausgegangen, dass individuelle Handlungsspielräume in einer Gesellschaft nicht allein durch die finanzielle Situation bestimmt werden, sondern Armut auch dann existent sein kann, wenn eine Unterversorgung in anderen Lebensbereichen besteht. Doch auch dieser Ansatz kann in seiner ursprünglichen Form die Armutslagen von Kindern nicht umfassend beschreiben, weshalb einige SozialwissenschaftlerInnen in den späten neunziger Jahren eine kindgerechte Modifizierung des Konzeptes vornahmen (siehe I, 2.2).
Im Folgenden sollen zu beiden Ansätzen der Armutsmessung Methoden vorgestellt werden, die in der Praxis Anwendung finden. Zwei ressourcenbezogene Methoden sind der Einkommens- und der Sozialhilfeansatz, das Unterversorgungssowie das Deprivationskonzept dagegen stellen lebenslageorientierte Ansätze dar. Im Anschluss daran erfolgt die Darstellung eines kindgerechten, lebenslage-orientierten Armutsbegriffs.
2.1.1 Einkommensarmut
Bei diesem Definitionsansatz wird Armut in Relation zum durchschnittlichen Nettoeinkommen, genauer dem bedarfsgewichteten Nettoäquivalenzeinkommen einer Nation gesetzt. 27 Bedarfsgewichtet bedeutet, dass den Mitgliedern eines Haushaltes unterschiedliche Bedarfsquoten zugewiesen werden. So erhalten erwachsene Haushaltsmitglieder den Gewichtungsfaktor 1, weitere Haushaltsmitglieder ab 14 Jahre den Faktor 0,5 und Kinder bzw. Jugendliche bis 14 Jahre den Faktor 0,3 in Bezug auf das durchschnittliche Nettoeinkommen. 28 Um differenzieren zu können, wurden zusätzlich so genannte Armutsrisikoquoten festgelegt. Demzufolge sind Personen, denen weniger als 40% des äquivalenzgewichteten Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht, von strenger Armut betroffen, bei weniger als 50% wird von Armut und 60% von Niedrigeinkommen oder prekärem Wohlstand (bis 75%) gesprochen. 29 In Deutschland beläuft sich die
26 Vgl. Zimmermann 2001: 59
27 Nettoäquivalenzeinkommen: „(...) das Markteinkommen, also das Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit, aus selbstständiger Tätigkeit und aus Vermögen einschließlich des Mietwerts selbstgenutzten Wohneigentums, zuzüglich laufender Transfers und abzüglich der Pflichtbeiträge zur Sozialversicherung und Steuern, das durch die Summe der bedarfsgewichteten Haushaltsmitglieder geteilt wird.“ (bpb 2005: 26)
28 Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 12 (Neue OECD-Skala)
29 Vgl. Klocke 2000: 313 und Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 9
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 14
Armutsgrenze auf 938 Euro monatlich für einen Haushaltsvorstand oder Alleinstehenden. 30
In welchem Ausmaß Kinder und Jugendliche von Einkommensarmut betroffen sind und wie sich das Risiko über die Jahre hinweg verändert hat, zeigt die folgende Abbildung. Ausgegangen wird von einem Einkommen von weniger als 60% des Medians der Gesamtbevölkerung.
Abb. 1: Entwicklung der Armutsraten bei unter 15-Jährigen (1984-2003; %)
20
15
10
1984 1993 2003
Quelle: BMFSFJ 2005: 78, Datenbasis SOEP 2003.
Im Jahr 2005 waren laut Angaben von UNICEF 16,9% aller Minderjährigen in Deutschland von relativer Einkommensarmut betroffen. 31 Diese in der Fachliteratur als „eindimensionaler Ansatz“ bezeichnete Fokussierung auf in erster Linie monetäre Ressourcen lässt subjektive Aspekte im Zusammenhang mit Armutslagen außen vor. Insbesondere mit Blick auf die Lebenslagen der Kinder wird dieser Ansatz einstimmig als unzureichend und wenig lösungsorientiert bezeichnet. Kinderarmut ist aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Niedrigeinkommen eine Folge familiärer Armut, jedoch ist der alleinige Fokus auf die Einkommenssituation der Eltern nicht ausreichend. Monetäre Defizite können eine Ursache für weitere Probleme bezüglich der Zukunftschancen der Kinder darstellen. Aufgrund dessen wurde diese Methode der Armutsmessung bereits früh in der sozialwissenschaftlichen Literatur kritisiert. 32
2.1.2 Das Sozialhilfekonzept - politisch normative Armut
30 Vgl. BMGS (Hrsg.) 2005: 11 (Datenbasis EVS 2003)
31 Vgl. UNICEF 2005: 11 (basierend auf der 60% Armutsrisikoquote)
32 U.a. Zimmermann 1993, Hanesch 1994, Andreß 1995 (Vgl. Klocke 2000: 314)
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 15
Um die Entwicklung der Armut in Deutschland zu beschreiben, wird von Regierungsseite häufig der Sozialhilfebezug als Indikator für Bedürftigkeit und demzufolge für Armut herangezogen. Das im Sozialhilferecht definierte soziokulturelle Existenzminimum als Armutsgrenze ist allgemein umstritten, da es sich hierbei um politisch-normative Vorgaben für eine „quasi“ offizielle Armutsgrenze handelt und der Mindestbedarf oftmals als nicht annähernd ausreichend beschrieben wird. 33 Insbesondere die hohe Dunkelziffer unter den Sozialhilfeberechtigten verursacht ein verzerrtes Bild der Armutslage in Deutschland - die Statistik der relativen Einkommensarmut liefert erfahrungsgemäß weitaus höhere Zahlen als die der Sozialhilfe. 34 Die Zahl der so genannten „verschämten Armen“, welche ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend machen, wird mindestens auf das Doppelte der registrierten SozialhilfeempfängerInnen geschätzt, deren Zahl sich im Jahr 2004 auf 2,9 Mio. Menschen, also 3,5% der Gesamtbevölkerung belief. 35
Kinder und Jugendliche sind besonders häufig von Sozialhilfe bzw. laufender Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen abhängig. Im Jahr 2004 lebten 7,5% aller Minderjährigen in Haushalten mit Sozialhilfebezug bzw. bezogen selbst Sozialhilfe - das sind 1,1 Mio. Kinder und Jugendliche, prozentual also mehr als doppelt so viele wie der deutsche Gesamtdurchschnitt.
Die folgende Abbildung zeigt den Verlauf der Sozialhilfequote von Minderjährigen im Vergleich zur EmpfängerInnenquote in der Gesamtbevölkerung.
33 Vgl. Rentzsch 2000: 136 und Walper 1995: 183
34 Vgl. Holz/Richter/Wüstendörfer/Giering 2005: 3
35 Vgl. Statistisches Bundesamt 2006: 213
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 16
Abb. 2: Entwicklung der Sozialhilfequoten nach Altersgruppen (2000-2004; %)
8 6 4 2 0 Quelle: Statistisches Bundesamt 14.12.2005: 39.
Während der Sozialhilfebezug sich innerhalb der bundesdeutschen Bevölkerung nur gering verändert hat (von 3,3 zu 3,5%), sind die EmpfängerInnenzahlen von Kindern und Jugendlichen stetig angestiegen. 2004 lebte etwa jedes 10. Kind unter 7 Jahren in einer Familie mit Sozialhilfebezug.
Mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe ab dem Jahr 2005 erhöhte sich die Zahl der unter 15-Jährigen EmpfängerInnen auf 1,7 Mio. (13,1%). 36 Insgesamt bezogen 6,8% der Deutschen Mitte des Jahres 2005 Sozial- oder Arbeitslosengeld (Alg) II. 37 Bis Ende 2007 erhöhte sich die Zahl der minderjährigen EmpfängerInnen auf 2,5 Mio. (14%). 38 Kinder und Jugendliche sind demnach in der Sozialhilfestatistik immer noch überrepräsentiert und doppelt so häufig von staatlicher Unterstützung abhängig als der bundesdeutsche Durchschnitt.
Hinzu kommt, je jünger ein Kind ist, desto größer ist das Risiko in einer Familie mit Sozialhilfebezug aufzuwachsen. Gründe hierfür sind insbesondere die in Deutschland vorherrschende Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf, was insbesondere Alleinerziehende betrifft. Auf die genauen Ursachen wird in Kapitel 3 eingegangen.
2.1.3 Das Unterversorgungskonzept
Das Unterversorgungskonzept stellt eines der beiden Armutskonzepte dar, wel-
36 Vgl.Bauer im Auftrag des DPWV vom 15.11.2007
37 Vgl. bpb 2005: 52 (Quelle: Agentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt Stand 2005)
38 Vgl. Bauer im Auftrag des DPWV vom 15.11.2007
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 17
ches über monetäre Daten hinaus multiple Dimensionen von Lebenslagen erfasst. Der Begründer Gerhard Weisser definierte als zentrale Kriterien eines soziokulturellen Mindeststandards die Bereiche Einkommen, Arbeit, Bildung und Wohnen. 39 Als generell arm im Sinne des Unterversorgungskonzeptes gilt, wer in mindestens zwei dieser vier Bereiche eine Mangelversorgung erfährt. Die Richtlinien hierfür sind in Anlehnung an den Armutsbericht des Deutschen Gewerk-schaftsbundes und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes aus dem Jahr 1994 in der folgenden Tabelle dargestellt:
Tab. 1: Das Unterversorgungskonzept
Quelle: Hanesch/Krause/Bäcker 1994 und Zimmermann 1998 in: Klocke 2000: 17 Die Unterversorgungsschwellen wurden anhand der Ergebnisse der jeweiligen Bereichsforschung festgelegt. Der Bereich Einkommen wird analog zur bereits erörterten Einkommensarmut definiert - wem weniger als 50% des Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung steht, gilt in dieser Lebenslage als defizitär ver-sorgt. Unterversorgung im Bereich Arbeit wird dann konstatiert, wenn eine Person von Arbeitslosigkeit betroffen oder in einem subjektiv unsicheren Arbeitsverhältnis beschäftigt ist. Ein fehlender Berufs- oder Bildungsabschluss wiederum steht für eine Unterversorgung im Bereich Bildung. Herrschen Wohnverhältnisse, die es nicht ermöglichen, dass jedes Familienmitglied einen eigenen Raum zur Verfügung hat, dann gilt eine Familie bzw. gelten deren einzelne Mitglieder als unterversorgt im Bereich Wohnen.
Diese vier Bereiche können ergänzt werden, indem weitere Dimensionen von Armutslagen abgeleitet werden. In materieller Hinsicht sind dies Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung aber auch Transport-, Kommunikations- und
39 Vgl. Klocke 2000: 17
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 18
Freizeitgestaltungsmöglichkeiten sowie die Beteiligung an kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten, welche unmittelbar die Partizipation eines Menschen bewerkstelligen. Unklar ist jedoch, welche Werte für eine Unter-versorgungsschwelle festgelegt werden sollen. 40 In einzelnen Studien wurde dieser objektive Ansatz durch subjektive Dimensionen erweitert - Wohlbefinden und Zufriedenheit bspw. sollten von den Befragten nach eigenem Empfinden beurteilt werden. Dieses subjektive Armutsempfinden erhielt dieselbe Gewichtung wie die objektiven Lebenslagebereiche. 41 Besonders in Zusammenhang mit der Armut von Kindern ist diese subjektive Dimension von großer Bedeutung - sie nehmen ihre persönliche Armutslage anders wahr als ihre Eltern und haben zumeist andere Vorstellungen hinsichtlich konventioneller Lebensstandards.
Klocke und Hurrelmann bezeichnen fast 10 Jahre nach der Modifizierung durch Hanesch, Krause und Bäcker dieses Konzept als den „umfassendste[n] und soziologisch gehaltvollste[n] Ansatz“. 42 Ein Nachteil mit Blick auf das Phänomen der Kinderarmut ist jedoch, dass kaum ein Kind in den Lebenslagen Einkommen, Arbeit und Bildung (im Sinne von Bildungsabschluss) merkmalsfähig sein kann. 43 Dies impliziert, dass Kinderarmut erneut als Folge von Familienarmut betrachtet wird, da die hierfür herangezogenen Dimensionen keine kindzentrierten Lebensbereiche erfassen. Einige SozialforscherInnen haben in ihren Studien jedoch den Versuch unternommen, kindgerechte Dimensionen bzw. Lebenslagebereiche zu erörtern und die Armutslage dementsprechend aus Kindersicht zu definieren. In Kapitel 2.2 werde ich darauf näher eingehen.
2.1.4 Das Deprivationskonzept
Das Deprivationskonzept wurde Ende der neunziger Jahre von Hans-Jürgen Andreß entwickelt und ist auf Arbeiten aus England und den Niederlanden zurückzuführen. Deprivation beschreibt allgemein einen Zustand der Entbehrung bzw. des Verlustes. Das Besondere an diesem Ansatz zur Armutsdefinition ist der subjektive Blickwinkel. In erster Linie sollten Befragte in einer breit angelegten Untersuchung selbst festlegen, was aus ihrer Sicht für einen „normalen, aus-
40 Vgl.Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 13
41 Vgl. Zimmermann 2001: 59
42 Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 2001: 13
43 Vgl. Klocke 2000: 17 und Zimmermann 2001: 60
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reichend guten Lebensstandard“ 44 notwendig oder aber entbehrlich ist. Die Befragten sollten somit ein subjektives soziokulturelles Existenzminimum beschreiben. Die insgesamt 20 Standards beziehen sich jeweils auf einzelne Lebensbereiche wie bspw. Wohnen, Ernährung, Gesundheit oder soziale Kontakte in Form von Gütern bzw. Aktivitäten. Als arm gilt, wer sich eine bestimmte Anzahl dieser „als notwendig angesehenen Ausstattungsmerkmale“ 45 finanziell nicht leisten kann, also in mehreren Bereichen eine Deprivation erfährt. Personen, die bewusst und nicht aus finanziellen Gründen auf Güter oder Aktivitäten verzichten, gelten in den jeweiligen Bereichen als nicht depriviert. 46
Ergebnis der Untersuchung nach diesem Richtmaß für Armut ist, dass besonders kinderreiche Familien und Alleinerziehende von Armut betroffen sind, gleich den Ergebnissen der bereits erwähnten Methoden. Ein Unterschied ist jedoch darin zu sehen, dass Armut differenzierter betrachtet werden kann und Bereiche der Mangelversorgung klarer herausgestellt werden können. Besonders spannend ist die Tatsache, dass Andreß dieses Konzept auf die Lebenswelt von Kindern angepasst und modifiziert hat, wie im Folgenden erläutert wird.
2.2 Ein kindgerechter Armutsbegriff
Armut ist ein komplexes Phänomen, dem man sich im Forschungsalltag - wie soeben dargestellt - auf unterschiedliche Arten und mittels mannigfacher Methoden nähern kann. Um einen kindgerechten Armutsbegriff zu entwickeln, greifen eindimensionale Konzepte wie jene des Ressourcenansatzes - und darin sind sich ArmutsforscherInnen einig - zu kurz. 47 Ein mehrdimensionaler Ansatz wiederum muss die Lebensbereiche von Kindern differenziert und umfassend beschreiben und die kindliche Autonomie im Familienkontext fokussieren.
Kinderarmut im Sinne der EU-Kommission etwa bedeutet, dass Kinder dann als arm zu bezeichnen sind, wenn sie und ihre Familien „[...] über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise und damit von den Sozialisationsbedingungen ausgeschlossen sind, die in dem Land,
44 Andreß/Lipsmeier 2001: 47
45 Klocke 2000: 18
46 Vgl. Andreß/Lipsmeier 2001: 48
47 Butterwegge 2000, Hock/Holz/Simmedinger/Wüstendörfer 2000, Chassé/Zander/Rasch (Hrsg.) 2005 u.a.m.
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 20
in dem sie leben, als Minimum angesehen werden.“ 48 Innerhalb der Europäischen Union liegen laut dem Aktionsprogramm zur Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung aus dem Jahr 2005 jedoch „kaum brauchbare und vergleichbare Daten über Kinderarmut vor“ 49 und die grundlegenden Kinderinteressen sind nicht im Detail erfasst. 50 Einige SozialwissenschaftlerInnen haben sich jedoch dieser Problematik angenommen und in ihren Studien die Armut von Kindern nach kindgerechten Lebensstandards eruiert. Allen Untersuchungen ist die Grundannahme gemein, dass Kinder ihre Armutslage unabhängig von den Eltern wahrnehmen, da für ihr Leben andere Standards oder Spielräume von Bedeutung sind und sie aufgrund dessen Benachteiligung anders wahrnehmen. Drei Beispiele sollen dies im Folgenden näher erläutern.
2.2.1 Das Deprivationskonzept nach Andreß
Hans-Jürgen Andreß hat das Deprivationskonzept um vier aus Kindersicht notwendige Items erweitert. Demnach empfinden Kinder die folgenden Güter bzw. Aktivitäten als notwendig für einen normalen und guten Lebensstandard: 51
• Eine außerschulische Ausbildung (z.B. Musik-, Sport- und Sprachunterricht)
• Kindergeburtstage mit vielen FreundInnen feiern • Für jedes Kind über zehn Jahre ein eigenes Schlafzimmer • Spielzeug und Freizeitartikel (z.B. ein Fahrrad, ein Computer oder ein Sportgerät)
Im Rahmen der in den neunziger Jahren durchgeführten Studie wurde herausgestellt, dass Kinder aus monetär armen Familien deutlich häufiger auf eines oder mehrere dieser Items aus finanziellen Gründen verzichten müssen. So war nur jedes zweite Kind, dessen Familie drei Merkmale des allgemein als gut erachteten Lebensstandards fehlten, frei von Benachteiligung in den vier angeführten Bereichen. 52 Erfuhr die Familie vier und mehr Entbehrungen der 20 Le-bensstandard-Merkmale, so hatten die Kinder nur in 38% der Fälle keine Be-
48 BMFSFJ(Hrsg.) 2006: 59
49 Europäische Kommission (Hrsg.) 2005: 1
50 Vgl. Lutz 2004: 43
51 Andreß/Lipsmeier 2001: 54 (Anhang)
52 Bundesdeutscher Durchschnitt errechnet nach Andreß/Lipsmeier 2001: 49
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 21
nachteiligungen erfahren. War die Familie hingegen keiner Entbehrung aus finanziellen Gründen ausgesetzt, waren fast 97% der Kinder in allen vier Bereichen eines kindgerechten Lebensstandards ausreichend versorgt.
Andreß hat seine Methode zur Armutsanalyse durch kindliche Lebensbereiche erweitert - andere ForscherInnen sind hierbei weiter gegangen und haben eine qualitative Herangehensweise zur Erforschung der kindlichen Wahrnehmung von Armut favorisiert. Die Ergebnisse der beiden folgenden Studien fließen in das Kapitel 6 zu den Folgen von Kinderarmut ein und werden an dieser Stelle nicht vorweg genommen. Die mehrdimensionalen Ansätze zur Begriffsklärung sollen hier im Vordergrund stehen.
2.2.2 Erweitertes Lebenslagemodell nach Chassé/Zander/Rasch
Das Lebenslagemodell konzentriert sich - wie bereits in Kapitel I, 2.1 erläutertauf individuelle, menschliche Grundanliegen und geht über den ökonomischen Blickwinkel hinaus. Lebenslage wird laut Nahnsen, welche das Prinzip von Gerhard Weisser weiter entwickelt hat, als „Lebensgesamtchance“ 53 verstanden. Armut steht somit in Wechselwirkung mit anderen Lebenslagen, so genannten Handlungsspielräumen. Die Lebenswelt von Kindern wird laut Chassé, Zander und Rasch durch folgende Spielräume bestimmt: 54
• Einkommens- und Versorgungsspielraum (Ressourcenaufteilung in der Familie, Taschengeld für Kinder, kindliche Wahrnehmung des Einkommensspielraums der Familie)
• Lern- und Erfahrungsspielraum (Förderung der Kinder durch Eltern und Umfeld, außerschulische Freizeitaktivitäten, räumlicher Aktionsradius und sozialräumlicher Erfahrungsraum, Schule als Lern- und Erfahrungsfeld bzw. als sozialer Erfahrungsraum)
• Kontakt- und Kooperationsspielraum (familiäres soziales Netzwerk, kindliches Netzwerk wie z.B. Schulfreunde, soziale Teilhabemöglichkeiten wie z.B. an Schulfahrten und Geburtstagen, Nutzungsmöglichkeiten von sozialer Infrastruktur wie z.B. Vereine, Spiel- und Freizeitmöglichkeiten) • Regenerations- und Mußespielraum (Wohnumfeld, Freizeitaktivitäten, All-
53 Nahnsen1970 zit. n. Chassé/Zander/Rasch (Hrsg.) 2005: 53
54 Chassé/Zander/Rasch (Hrsg.) 2005: 62
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 22
tagsstrukturen in Bezug auf Belastungen und Entlastungen, familiäres Klima und Eltern-Kind-Beziehung, besondere familiäre Belastungen) • Dispositions- und Entscheidungsspielraum (Beteiligung der Kinder an den sie betreffenden Lebenslagebereichen. Welche Wahlmöglichkeiten haben Kinder bezüglich ihrer persönlichen Lebensvorstellung?)
Nach diesem Konzept werden sowohl objektive und strukturelle Bedingungen des kindlichen Lebens erfasst als auch die subjektive Wahrnehmung der Kinder selbst und ihre Verarbeitung derer. Allerdings werden sowohl geschlechtsspezifische Anteile als auch die Veränderung je nach Dauer der Armutslage vernachlässigt, da es sich hierbei um eine Querschnittsanalyse handelt. Im Vergleich dazu steht die im Folgenden beschriebene Methode, die zusätzlich die Dauer von Armut in Betracht zieht.
2.2.3 Das Zusammenwirken von vier Lebenslagen nach Hock/Holz
Im Rahmen einer Längsschnittstudie (1997-2003) des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) wurde der mehrdimensionale Ansatz, wie ihn bereits Chassé et al. angewandt haben, um eine objektive und strukturelle Kategorie erweitert. 55 Die Tatsache, dass Kinder selbst keinen Einfluss auf ihre Situation ausüben können und somit ihre Armutslage nicht zu verändern vermögen, wird stärker betont. Eine zentrale Bedingung des kindgerechten Armutsbegriffs nach Hock und Holz ist die kindliche Autonomie in familiärem Kontext zu beachten, ohne die finanzielle Lage der Familie zu vernachlässigen. Von Armut wird nur dann gesprochen, wenn eine finanzielle Defizitlage der Familie im Sinne von Sozialhilfebezug vorliegt. Die zentrale Frage bei der Konzeptentwicklung lautet: „Was kommt beim Kind an?“ 56 . Um die Mehrdimensionalität von kindlicher Armut zu erfassen, gehen die WissenschaftlerInnen von den drei Kapitalbereichen Ökonomie, Soziales und Kulturelles nach Bourdieu 57 aus und ergänzen diese durch eine vierte Kategorie, die Gesundheit. Kinderarmut umfasst demnach vier Dimensionen: 58
55 Die Ersterhebung fand in der Zeit von 1997-2000 statt, in den Jahren 2003 und 2004 wurden Messwiederholungen durchgeführt.
56 Holz/Skoluda 2003: 7
57 Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Frankfurt/ Main: Suhrkamp Verlag
58 Vgl. Holz/Skoluda 2003: 7
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 23
• Materielle Grundversorgung (materielle Situation des Haushaltes, materielle Versorgung des Kindes bezüglich Wohnen, Nahrung, Kleidung und materielle Partizipationsmöglichkeiten)
• Versorgung im kulturellen Bereich (kognitive Entwicklung, sprachliche und kulturelle Kompetenzen, Bildung)
• Versorgung im sozialen Bereich (soziale Kontakte und Kompetenzen) • Physische und psychische Lage (Gesundheitszustand und körperliche Entwicklung)
Da dieses Konzept großen Anklang in der sozialwissenschaftlichen Forschung fand und sich speziell auf das frühe Grundschulalter bezieht, habe ich die vier Dimensionen der Lebenslage von Kindern in Armut auch für meine empirische Untersuchung im Rahmen dieser Arbeit herangezogen. Voraussetzung für die Bezeichnung „arm“ bzw. „nicht arm“ ist auch dort der Sozialhilfebezug. Nähere Erläuterungen hierzu folgen jedoch im zweiten Teil der Arbeit.
Nachdem an dieser Stelle die begriffliche Klärung abgeschlossen ist und einige bedeutende Ansätze der empirischen Sozialforschung vorgestellt wurden, gehe ich im folgenden Abschnitt näher auf die Ursachen von Kinderarmut ein. Welche strukturellen und demografischen Veränderungen werden von Politik und Wissenschaft als relevant für die Wandlung des Armutsbildes in Deutschland, also eine Infantilisierung der Armut, angesehen? Diese Frage steht im Fokus des folgenden Kapitels.
3 Ursachen von Kinderarmut
Wenn es um die Entstehung, Existenz und Dauer von Kinderarmut geht, stehtim Gegensatz zur Begriffsdefinition - die Erwerbssituation der Eltern an erster Stelle. Die Ursache dafür, weshalb Eltern und Alleinerziehende keiner Arbeit nachgehen können oder diese verlieren, sieht die Bundesregierung laut dem zweiten Armuts- und Reichtumsbericht primär in der schlechten wirtschaftlichen Lage Deutschlands und dem Mangel an Arbeitsplätzen. 59 Einige weitere Veränderungen müssen jedoch berücksichtigt werden, wenn man den Prozess der „Infantilisierung der Armut“ erklären will.
59 Vgl. BMGS (Hrsg.) 2005: 12
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 24
3.1 Wirtschaftlicher Strukturwandel
Laut Butterwegge wirkt...
„[...] der Globalisierungsprozess als ‚soziales Scheidewasser’, das die Bevölkerung der Bundesrepublik wie die anderer Länder in Gewinner und Verlierer/innen, diese jedoch wiederum in Marginalisierte (Dauerarbeitslose, Deprivierte und Langzeitarme) einerseits sowie Geringverdiener/innen (prekär Beschäftigte, von Überschuldung Bedrohte und
60 Kurzzeitarme) andererseits spaltet.“
Dieser Tatbestand wird deutlich, wenn man einen genaueren Blick auf die Zahl und vor allem die Struktur der Erwerbslosen und SozialhilfeempfängerInnen richtet.
Tatsache ist, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt - die Quote jener, die laut SGB III keine Beschäftigung haben oder weniger als 15 Wochenstunden arbeiten, wuchs von 4,9% im Jahr 1991 auf aktuelle 8,4%. 61 Die Arbeitslosenquote aller erwerbsfähigen Personen, die nach SGB II und III gemeldet sind, betrug im Jahresdurchschnitt 2006 10,8%. Die Bundesregierung begründet dies in erster Linie mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel im Zuge der Globalisierung. 62 Deutschland wandelt sich von einer Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, was in erster Linie Nachteile für Beschäftigte des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes bringt. 63 ArbeitnehmerInnen müssen ein höheres Maß an Flexibilität und Mobilität aufbringen, um auf dem sich schnell verändernden Arbeitsmarkt bestehen zu können, was jedoch besonders für Ein-Eltern- und kinderreiche Familien aufgrund von mangelnder Betreuungsangebote für Kinder schwierig zu bewerkstelligen ist. 64 Die Arbeitslosenquote von Familien mit Kindern liegt im Bundesdurchschnitt bei etwa 7,6%. 65
Im Zuge der Globalisierung wird neben Flexibilität und Mobilität auch ein immer höheres (Weiter-) Bildungsniveau der ArbeitnehmerInnen erforderlich. Beschäftigte müssen neben einer guten schulischen Bildung auch über eine qualifizie- 60 Butterwegge2003: 228 f
61 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) 2007: 8 (Das SGB III behandelt den Bereich „Arbeitsförderung“, das SGB II die „Grundsicherung für Arbeitssuchende“)
62 Vgl. BMGS (Hrsg.) 2005: 12
63 Vgl. Palentien 2005: 154
64 Vgl. BMFSFJ (Hrsg.) 2006: 61
65 Vgl. Bertram 2006: 33
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 25
rende Berufsausbildung verfügen. Die Zahl der bildungsfernen Personen (ohne abgeschlossene Berufsausbildung) unter den Arbeitslosen im Jahr 2006 beträgt immerhin 43%. 66 Ein Wiedereinstieg dieser Personengruppe in den ersten Arbeitsmarkt stellt sich aufgrund der beschriebenen Strukturveränderungen problematisch dar. Insbesondere der Personenkreis der ausländischen MitbürgerInnen ist hiervon betroffen. Laut einer Studie der OECD zur Situation von Migrantenkindern aus dem Jahr 2006 weisen besonders in Deutschland die nichtdeutschen im Gegensatz zu den deutschen Eltern ein starkes Bildungsdefizit auf, wobei Sprachprobleme erschwerend hinzu kommen. 67 Als Ursache hierfür sieht UNICEF eine Einwanderungspolitik, welche vor 30 Jahren das Ziel verfolgte, bildungsferne Arbeitskräfte für unattraktive Tätigkeiten für einen begrenzten Zeitraum nach Deutschland zu holen. Mit ihnen kamen jedoch im Zuge der Familienzusammenführung Frauen und Kinder, worauf die innerdeutsche Integrationspolitik nur unzureichende Antworten fand. Heute leben 10,4% aller nichtdeutschen MitbürgerInnen laut ILO-Statistik von Arbeitslosengeld I oder II 68 und mit ihnen ihre Kinder - diese Familien haben erwiesenermaßen eine weitaus höhere Reproduktionsrate als Deutsche und häufig drei und mehr Kinder. 69
Mit der steigenden Arbeitslosigkeit erhöhte sich auch die Zahl der SozialhilfeempfängerInnen. Mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe im Rahmen der Hartz-Gesetze erreichte deren Quote 2005 die 6,8%-Marke. Im selben Zuge jedoch sanken die monetären Leistungen drastisch. 70 Am häufigsten von Sozialhilfe betroffen sind allein erziehende Frauen. Deren Risiko, auch dauerhaft von Sozialhilfe abhängig zu sein, steigt mit der Anzahl der Kinder im Haushalt. Auch Paare mit Kindern beziehen häufiger Sozialhilfe als Paare ohne Kinder (2,5% im Vergleich zu 0,8%). Die folgende Grafik veranschaulicht dies:
66 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) 2007a: 93
67 Vgl. Bertram 2006: 19
68 Vgl. Statistisches Bundesamt 2006: 80
69 Vgl. Boos-Nünning 2000: 151
70 Vgl. Palentien 2005: 154
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 26
Abb. 3: Haushaltsbezogene EmpfängerInnenquote von Sozialhilfe Ende 2004
50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 0
Quelle: Statistisches Bundesamt 2006 in Haustein/Dorn 2006: 379
Erwerbstätigkeit ist heute jedoch kein Garant mehr für die Sicherstellung des Existenzminimums. 53% aller SozialhilfeempfängerInnen sind nebenbei berufstätig und werden als „Aufstocker“ bezeichnet - Menschen, die trotz Erwerbsarbeit aufgrund von Niedriglöhnen oder Teilzeitbeschäftigungen unter die Armutsgrenze fallen und staatliche Unterstützung beziehen müssen. 71 Kinderreiche Familien schaffen es häufig trotz Steuererleichterungen im Zuge des Familienlastenausgleichs nicht, ihr Existenzminimum durch Erwerbsarbeit zu sichern und müssen aufgrund dessen zusätzlich Sozialhilfe beziehen. 72
Steigende Arbeitslosigkeit, die Zunahme von (überwiegend weiblicher) Teilzeitsowie Niedriglohnbeschäftigung von in hohem Maße schlecht ausgebildeten Personen sind jedoch nicht allein ausschlaggebend für eine gesteigerte Armutsbetroffenheit von Kindern. So hat UNICEF in einer 2005 veröffentlichten Studie zu Kinderarmut in reichen Ländern herausgestellt, dass insbesondere die Verteilung der Sozialausgaben eines Landes ausschlaggebend für die jeweilige (Kinder-) Armutsrate ist. 73 Deutschland verwendet einen Großteil dieser für die Alters- und Gesundheitssicherung und nur einen geringen Anteil für die Förderung von Fami-
71 Vgl.Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) 2007: 10
* Die Zahl der „verdeckten Armen“ unter der ausländischen Bevölkerung liegt laut einer Untersuchung der Caritas bei 22%. Die Werte in der hier dargestellten Grafik liegen demnach weit unter dem realen Sozialhilfebedarf. (Vgl. Boos-Nünning 2000: 154)
72 Vgl. Walper 1995: 191
73 Vgl. UNICEF 2005: 24
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 27
lien.
Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass Armut in engem Zusammenhang mit dem Bezug von öffentlichen Transferleistungen wie Alg I und II, der Nationalität und der Bildung und Ausbildung steht. 74 Die strukturellen Ursachen und die davon betroffenen Risikogruppen, d.h. Alleinerziehende und kinderreiche (ausländische) Familien, erklären die hohe Armutsbetroffenheit von Kindern in der Bundesrepublik. Im internationalen Vergleich wird deutlich, dass besonders jene Länder eine hohe Armutsrate bei Kindern aufweisen, welche nur einen geringen Anteil ihrer Sozialbudgets in die Unterstützung von Familien investierenso auch Deutschland. Verstärkend auf diese (wirtschafts-) strukturellen Einfluss-faktoren wirkt sich zudem der demografische und familienstrukturelle Wandel aus, der sich seit einigen Jahrzehnten in vielen wohlhabenden Ländern abzeichnet und nicht zuletzt auch eine Folge des wirtschaftlichen Strukturwandels ist.
3.2 Demografische Entwicklung
Bereits seit den siebziger Jahren vollzieht sich in Deutschland ein demografischer Wandel in Form einer Alterung oder auch „Vergreisung“ der Gesellschaft. Die Zahl der über 65-Jährigen nimmt aufgrund verbesserter Lebensbedingungen und moderner medizinischer Versorgung stetig zu, während die Zahl der unter 20-Jährigen Schätzungen zufolge bis 2050 von gegenwärtigen 20,6% auf 15,7% zurückgehen wird. 75 Der Anteil der über 65-Jährigen wird sich dann auf 30,8% belaufen. Dies hat zur Folge, dass die Kosten für die Gesundheits- und Alterssicherung steigen, die Zahl der BeitragszahlerInnen jedoch immer weiter sinkt. Der Kinderanteil an der Bevölkerung ist seit Mitte der sechziger Jahre rückläufig, was auf die wachsende Zahl Kinderloser und eine geringe durchschnittliche Geburtenquote von 1,36 Kindern pro Frau zurückzuführen ist. 76
Dies hängt auch damit zusammen, dass sich die familiären Lebensformen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend verändert haben. Das Bild der traditionellen Eltern-Kind-Familie überwiegt zwar nach wie vor in der deutschen Gesellschaft (73%), jedoch wird es immer stärker ergänzt durch Alleiner-
74 Vgl.Palentien 2005: 156
75 Vgl. BMGS (Hrsg.) 2005: 13
76 Vgl. BMFSFJ (Hrsg.) 2006a: 74 und BMGS (Hrsg.) 2005: 77 (Stand 2000)
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 28
ziehenden-Haushalte (16,9%, davon 84% Mütter) und nichteheliche Gemeinschaften mit Kindern (7,4%). 77 Es werden heute im Gegensatz zu den sechziger Jahren weitaus weniger Ehen geschlossen und mehr Scheidungen verzeichnet. 78 Das traditionelle Rollenverhältnis zwischen dem Mann als Ernährer und der Frau als Erzieherin der gemeinsamen Kinder hat sich weitgehend verändert. Der in der Soziologie als Individualisierungsprozess bezeichnete Wandel der Lebensführung und der Lebensformen ist weitgehend auf ein erhöhtes und in breiten Bevölkerungsschichten zu konstatierendes Bildungsniveau zurückzuführen. 79 In diesem Zusammenhang spielt auch die Gleichberechtigung der Frau und eine damit verbundene Steigerung weiblicher Erwerbsbeteiligung eine Rolle. Die Entscheidung für bzw. gegen eine Mutterschaft hängt maßgeblich vom Bildungsstatus der Frau ab und aufgrund des gesteigerten Bildungsniveaus entscheiden sich heute oftmals gut ausgebildete Frauen gegen ein Kind und für den Beruf. Denn im Vergleich zu anderen Industrieländern gibt es in Deutschland kein ausreichendes Angebot der ganztägigen Kinderbetreuung, mit deren Unterstützung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet werden könnte. 80 Besonders problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass Kinder infolgedessen häufiger in bildungsfernem als in bildungsnahem Kontext und häufiger in (stärker traditionsbewussten) ausländischen als in deutschen Familien geboren werden. Das Armutsrisiko ist für diese Gruppen - wie bereits erläutert - besonders hoch.
Zudem verändert sich die Bevölkerungsverteilung innerhalb von Ballungszentren. Wohlhabendere Familien wandern überwiegend in städtische Randlagen ab, während benachteiligte und häufig ausländische Familien und Alleinerziehende sich aufgrund von günstigeren Mietpreisen in so genannten Brennpunktvierteln der Städte niederlassen. 81 Die räumliche Polarisierung birgt große Risiken für die Kinder armer Haushalte, da ihr Lebensumfeld oftmals stark problembehaftet ist und es sich aufgrund der meist schlechten Infrastruktur wenig regenerativ auf ihre Entwicklung auswirkt.
77 Vgl. BMGS (Hrsg.) 2005: 75 f (Stand 2003). Am 12.05.2004 verkündete das Statistische Bundesamt, dass 79% aller Kinder in einer Zwei-Eltern-Familie aufwachsen.
78 Vgl. Alt 2002: 142 f
79 Vgl. Kosmann/Neubauer/Schultz/Wunderlich 2003: 18
80 Vgl. Hurrelmann 2002: 145
81 Vgl. Bertram 2006: 20
I. Kinderarmut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme 29
Die steigende Arbeitslosigkeit, der Bedeutungszuwachs von Bildung und Flexibilität im Zuge der wirtschaftlichen Veränderungen und die Tatsache, dass Kinder häufiger in bildungsfernen Familien und immer öfter bei Alleinerziehenden aufwachsen, macht sie zu den Hauptbetroffenen von (Einkommens-) Armut, wie in diesem Kapitel herausgestellt wurde. Aufgrund der Kumulation von strukturellen Risikofaktoren greift eine einseitige Konzentration auf die Schaffung von Arbeitsplätzen zur Reduzierung von Armut, wie sie die Bundesregierung zum Hauptziel ernannt hat 82 , zu kurz in Bezug auf die Armut von Kindern. Studien haben erwiesen, dass bereits kurzzeitige Armutsbetroffenheit von Kindern langfristige Folgen für ihre Entwicklung haben kann. 83 Demzufolge müssen neben strukturellen Ursachen die multiplen Risikofaktoren, welchen Kinder in Armutslagen ausgesetzt sind, durch eine Stärkung unterschiedlicher Schutzfaktoren kompensiert werden. Denn das Zusammenwirken dieser Faktoren bestimmt maßgeblich die individuelle Erscheinungsform der kindlichen Armut, welche schließlich die kurz- und langfristigen Folgen für die Entwicklung des Kindes bestimmt. Das folgende Kapitel dient der Auseinandersetzung hiermit auf der Ebene der Eltern, des Kindes und den Systemen außerhalb der Familie.
4 Formen von Kinderarmut: Das Zusammenwirken von
Risiko- und Schutzfaktoren
Wenn man von Kinderarmut spricht, muss man sich der großen Bandbreite an Erscheinungsformen gewahr sein. Eine einheitliche Typologisierung greift zu kurz, was auf der Basis von diversen Studien unter Beweis gestellt wurde. 84 Es wurde beobachtet, dass Kinder bei ähnlicher sozioökonomischer Benachteiligung der Familie unterschiedlichen Entbehrungen ausgesetzt waren. Die Bandbreite reichte von multipler Deprivation über leichte Benachteiligung bis hin zu gänzlichem Wohlergehen trotz eingeschränkter monetärer Ressourcen. Diese Tatsache führt zu der Schlussfolgerung, dass es unterschiedliche Formen von Kinderarmut gibt, die auf das Zusammenspiel von Belastungen und Ressourcen zurückzuführen sind. Hinter diesen Formen stehen unterschiedliche Ausgangsbe-
82 Vgl.BMGS (Hrsg.) 2005: 12
83 Vgl. Walper 1995
84 Hock/Holz/Simmedinger/Wüstendörfer 2000, Holz/Skoluda 2003, Chassé/Zander/Rasch (Hrsg.) 2005, Bertram 2006 u.a.m.
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