1 Einleitung
„Eine neue Technologie fügt nichts hinzu und zieht nichts ab. Sie verändert vielmehr alles.“ 1 Der Satz von Neil Postman hat meines Erachtens einen aussagekräftigen Charakter, was die Einführung der neuen Medienplattform IP-TV betrifft.
Wie viele der deutschen Zuschauer an Veränderungen annehmen können, wird die Zeit zeigen. Diese Arbeit versucht zu beschreiben, was IP-TV ist und was es leisten kann. Auch sind rechtliche sowie wirtschaftliche Aspekte mit eingebaut, womit sich primär die Macher des IP-TV und diejenigen, die über IP ihr Fernsehprogramme senden möchten, beschäftigen.
Wer sich schon einmal darüber geärgert hat, das Fernsehprogramm abbrechen zu müssen, weil ein Anruf kommt oder gar ein Besuch oder wenn die besten Fernsehprogramme laufen, wenn man da nicht zu hause ist, dem kommt die Möglichkeit der Interaktivität beim Fernsehen sehr gelegen. Dadurch können beispielsweise die Programme, die man verpasst hat, zu einer beliebigen Zeit wieder abgerufen werden. Ich bestimme, wann ich rezipiere und bin nicht an feste Zeiten gebunden. Dies bringt enorme Vorteile. Interaktives Fernsehen funktioniert mit der Kombination Fernseher und Computer, ist aber (ist) noch nicht ausgereift. Über das Internet kann fern gesehen werden, was keine Kompetenzen erfordert wie z.B. das Umgehen mit dem Internet. Es wird nach wie vor per Fernbedienung genutzt. Viele, vor allem ältere Generationen, befassen sich immer noch nicht mit dem Internet. Ein Großteil der Internetnutzer haben jedoch noch nie etwas von IP-TV gehört und wissen damit nichts anzufangen. Wer sich zur Zeit am meisten damit befasst, sind natürlich die Entwickler des IP-TV und die Produzenten, die ihre Sendungen in diesem Format anbieten und ihr Angebot so weit wie möglich verbreiten wollen. Auch sind die klassischen TV-Sender aufgefordert, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Es stellt sich nämlich die Frage, ob Internetfernsehen für die klassischen Sendungen eine Gefahr darstellt. Klassische Sender haben ein beschränktes Maß an Interaktivität, sie ist das Mitwirkungsrecht des Zuschauers. Bertolt Brecht hat in den 70er Jahren seine Idee über die Entwicklung des Rundfunks deklariert, darin sagt er:
„Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h. er wäre es, wenn er es verstünde, nicht
1 Neil Postman, 1930-2003
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nur auszusenden sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechend zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen…“ 2 Die vorliegende Arbeit untersucht unter anderem die Frage, ob Internet Broadcasting als eine eigene Nutzungsart oder lediglich als technischer Übertragungsweg zu betrachten ist. Ist der Optimismus von Grid-TV berechtigt, dass IP-TV mit der enormen Verbreitung des Breitbandes (10 Millionen Anschlüsse Ende 2006) in jedem Haushalt vertreten ist? Es ist natürlich alles eine Kostenfrage, inwieweit Deutschlands Haushalte sich das leisten können oder die Möglichkeit der Interaktivität nutzen wollen. Kostenfrage daher, weil zur Zeit IP-TV durch die Telekom noch mit dem Zusatz des VDSL angeboten wird. Was vermisst der in Deutschland lebende Zuschauer, das er sich durch das IP-TV nach Hause holen kann? In dieser Arbeit ist es nicht möglich auf alle Fragen eine Antwort zu haben, da sich Antworten erst in den nächsten Jahren ergeben werden. Der tendenzielle Anstieg der Verbreitung des IP-TV wird prognostiziert.
2 Basiswissen IP-TV
Die von Grid-TV entwickelte IPTV-Technologie ermöglicht ein globales Fernsehen über alle digitalen Kommunikationswege: Internet, Satellit, Terrestrisch, Kabel, UMTS und GPRS, ohne die Notwendigkeit von Zusatzgeräten oder Decodern. 3
Wie in der Internetpräsens von Grid-TV zu lesen, ist er der Vordenker und Vorreiter. Beachtlich ist, dass die Technologie, Fernsehen über IP-Kanal, von Grid TV vor 9 Jahren entwickelt wurde und heute ihrer Meinung nach das traditionelle Fernsehen bedroht, genau wie Voice-over IP die traditionellen Festnetzanschlüsse bedroht. Um in das IP-TV Geschäft zu starten bedarf es einer Sendelizenz, die man über die Ethik-Kommission 4 erwerben kann. Jedes Land entscheidet für sich im Namen der Ethik-Kommission.
2.1 Begriffsdefinition IP-TV
Mit IPTV (Internet Protocol Television; deutsch: Internet-Protokoll-Fernsehen) wird die digitale Übertragung von Fernsehprogrammen und Filmen über ein digitales Datennetz bezeichnet. Hierzu wird das dem Internet zugrunde liegende Internet Protokoll (IP)
2 vgl. Bertolt Brecht, 1975:129
3 www.medienhandbuch.de
4 www.ethik-kommission.de
3
verwendet. Die Übertragung von digitalen Videosignalen erfordert eine hohe Datenrate (etwa 6 16 MBit/s für HDTV, abhängig von der eingesetzten Kodierung). Daher ist IPTV erst durch die weite Verbreitung von Breitbandanschlüssen zum Teilnehmer (z. B. ADSL2, Kabelmodem oder VDSL) und neue Kompressionsmethoden (VC1, H.264) möglich geworden.
2.2 Technologie
IPTV bedarf eines Ausbaus der Infrastruktur. Erforderlich sind VDSL, was zur Zeit die Telekom mit T-Home anbietet, oder die Erweiterung des DSL Breitbandzugangs ADSL2+, deren Abwicklung um einiges schneller voran geht als bei Kabelgesellschaften. 5
Das Internet Protokoll
Das gegenwärtig wichtigste Protokoll zur Netzkoppelung ist das Interne Protocol (IP). Die Hauptaufgabe des IP ist die netzübergreifende Adressierung. Es verbessert jedoch kaum die Dienste der darunterliegenden Netze bzw. Schichten. IP arbeitet verbindungslos durch den Austausch von Datagrammen. Datagramme bestehen dabei aus Datenpaketen, versehen mit einem IP-header, der alle Informationen in Bezug auf Länge, Überprüfungssummen, Sender-und Empfängeradressen und Protokollbezeichner enthält. Sender- und Empfängeradresse werden in 32-bit-Feldern angegeben und bestehen aus einer Sender- und Empfängeradresse und des darin befindlichen Anschlusses (Rechner, host). Ein Datagramm besteht dabei aus einem IP-header und dem IP-Datenfeld. Der IP-header enthält unter anderem die Adresse des End-Empfängers. 6 Falls sich dieser in einem anderen Netz befindet als der Sender, ist keine direkte Versendung möglich, statt dessen wird ein Router (im Internet wird dieser auch Gateway genannt) im eigenen Netz angesprochen, der die Weiterleitung der Informationen anhand sogenannter Routing-Tabellen (sinngemäß als Wegweiser zu anderen Netzen zu verstehen) übernimmt. 7
2.3 Begriffsverwirrungen
An der Schnittstelle zwischen TV und Internet herrscht eine deutliche Begriffsverwirrung: Unter Internet-TV wird die grundsätzliche Idee verstanden, das Internet auf einem
5 http://www.iptvtoday.de/blog/iptv-grundlagen/
6 Fielding, R; Berners-Lee, R; Nielsen, H: Internet draft "Hypertext Transfer Protocol
7 http://www.powerweb.de/phade/diplom/kap212.htm
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Fernsehgerät zu nutzen. WebTV bedeutet gemeinhin dasselbe, ist aber zugleich der Name eines Unternehmens aus dem Microsoft-Konzern, das sowohl eine Set-Top-Box, als auch providerähnliche Dienste anbietet. Die daraus resultierende Begriffsverwirrung ist problematisch. Mit WebTV können zwar auch Internet Inhalte auf dem Fernsehschirm betrachtet werden, allerdings nutzt WebTv eine proprietäre Technik, so dass nicht das gesamte Internet erreichbar ist, sondern nur die von WebTv aufbereiteten Seiten. 8 Der Begriff Cyber-TV wurde von Noam (1996) geprägt und stellt für ihn die vorläufige letzte Entwicklung in einer dreistufigen Evolution des Fernsehens dar: vom lizenzabhängigen TV zum Vielkanalfernsehen hin zum Cyber-TV. Darunter fasst Noam nicht die forcierte Ausweitung der Zahl der Sender, sondern eine Form des dezentralisierten, interaktiven Fernsehens, das sich als virtuelles „Ein-Kanal-Fernsehen“ zum persönlichen Kanal, dem „Me-Channel“ wandelt. 9
Digital-TV ist wiederum ein vielfältig belegter Begriff, der aber nichts anderes meint als die Übertragung von Fernsehprogrammen in digitalisierter Form. Digitales Fernsehen, bei dem auf einer Frequenz mehrere miteinander synchronisierte Informationsangebote gleichzeitig verbreitet werden können, erlaubt bereits rudimentäre Formen von Interaktivität, indem zum Beispiel einzelne Kamerapositionen während eines Autorennens ausgewählt werden können. In Zukunft sollen auch interaktive Buttons, sog. „HotSpots“ möglich werden, die Bestellungen oder Zusatzinformationen aus dem laufenden Programm heraus abrufbar machen.
Digitales Fernsehen benötigt bislang eine Set-Top-Box und moderne Boxen sind auch in der Lage, Internet-Inhalte auf den Fernsehschirm zu bringen. Dadurch wird das Fernsehen immer interaktiver und eine zufrieden stellende Differenzierung immer weniger sinnvoll. Digitales Fernsehen wird daher in Zukunft vermutlich immer mehr mit den Funktionalitäten des Internets verschmelzen. 10
8 Desiere, Susanne (1998): Internet-TV der Zukunft:smart und simpel. In: Horizont, Nr, 39/98 v. 24. September
1998, S. 90
9 Noam, Eli M. (1996): Cyber-TV. Thesen zur dritten Fernsehrevolution. Gütersloh, S. 11-15
10 Rundfunk Online, Entwicklung und Perspektiven des Internets für Hörfunk- und Fernsehanbieter, Band 14,
Klaus Goldhammer, Axel Zerdick, Schriftenreihe der Landesmedienanstalten, Berlin, 1999, S.19 ff
5
3 Konvergenz zwischen TV und Computer
Die Einführung des IP-TV bedeutet nicht das Verdrängen des klassischen Mediums TV, vielmehr ist es eine Anpassung des TV an die Computertechnologie 11 . Das IP-TV ist eine neue Distributionsmöglichkeit. 12 Es gibt drei Ebenen der Konvergenz:
Technische Konvergenz: Rein technisch werden somit am Fernsehen alle Anwendungen möglich, die bisher dem Computer eigen waren (Interaktivität, Internet, E-Mail, etc.) Wirtschaftliche Konvergenz: Zusammenarbeit von Unternehmen aus der Computer- sowie TV-Branche. Es entsteht ein neues Forschungsgebiet und ein neuer Absatzmarkt. Synergieeffekte können ausgenutzt werden.
Konvergenz der Nutzung: Computer und TV werden auf gleiche Art und Weise genutzt. 13
4 Heutiger Zustand der Fernseh-Produktionstechnik
Der Produktionsablauf ist durch eine lineare Kette gekennzeichnet. Diese Kette wird vom Programmaterial durchlaufen, eine parallele Verarbeitung erfordert zusätzliche Kopien und höhere Kosten. Auf vielen Inseln in der News-Produktion, in Nicht-linearen Schnittsystemen, sind digitale Geräte eingesetzt. Im News-Bereich werden seit einiger Zeit neue integrierte Lösungen 14 mit Erfolg erprobt.
Alle Geräte können ihre Daten über die standardisierte, unkomprimierte Schnittstelle 601 austauschen. Die Metadaten werden heute jedoch manuell geführt und auch so weiter gegeben. Eine Mehrfachfunktion ist deshalb nur schwer möglich. In der herkömmlichen TV-Programmproduktion wird das Material von Hand als MAZ-Band transportiert. In der IT-Welt erfolgt die Übertragung des Materials normalerweise durch Netzwerke, Datenbänder werden nur für Sicherheitskopien und Archive verwendet. 15
11 Stipp, Horst: wird der Computer die traditionellen Medien ersetzen? Wechselwirkung zwischen Computer und
Fernsehnutzung am Beispiel USA. Media Perspektiven (MP), Febr. ´98
12 Dr. Marcus Englert, als Vorsitzender der Geschäftsführung von SevenOne Intermedia in der
ProSieben.SAT1-Gruppe „zuständig für alles, was nicht klassisches Fernsehen ist.
13 Stipp, Horst: wird der Computer die traditionellen Medien ersetzen? Wechselwirkung zwischen Computer und
Fernsehnutzung am Beispiel USA. Media Perspektiven (MP), Febr. ´98
14 ZDF-PDA-Digitales Produktionssystem Aktuell
15 2. Tagung NMI 2006, „Film, Computer und Fernsehen“, neue Medien und Technologien der
Informationsgesellschaft, 19.-21. Juli 2006, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Klaus
Rebensburg (Hrsg) Technische Universität Berlin, S. 163
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Arbeit zitieren:
Saliha Balkan, 2006, IP-TV - eine neue Technologie im Fernsehmarkt, München, GRIN Verlag GmbH
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