Abstract
Die vorliegende Ausarbeitung befasst sich mit „Scaling Social Impact“-Ansätzen bei Non-profit-Organisationen. Der „Open-Innovation“-Ansatz, der bislang vor allem bei privatwirtschaftlichen Unternehmen Berücksichtigung fand, wird im Kontext dieser Untersuchung auf die spezifische Form von Nonprofit-Organisationen angewandt. Geprüft wird dabei, inwieweit dieser Ansatz einerseits auf Nonprofit-Organisationen übertragbar ist, andererseits als neuartige „Scaling“-Strategie zur Anwendung kommen könnte. Die Untersuchungs-grundlage dieser Ausarbeitung baut auf den spezifischen Charakteristika von Nonprofit-Organisationen und den aus bestehenden „Scaling-„Strategien herausgearbeiteten Anforderungskriterien an neue „Scaling“-Ansätze auf. Die theoretisch abgeleiteten Befunde zeigen hierbei, dass der „Open-Innovation“-Ansatz trotz seines privatwirtschaftlichen Ursprungs generell auf Nonprofit-Organisationen übertragbar ist und unter Berücksichtigung von bestimmten Umsetzungsfaktoren zudem als adäquate „Scaling“-Strategie angesehen werden kann. Insofern erweist sich der „Open-Innovation“-Ansatz gegenüber bestehenden „Scaling“-Strategien als eine erfolgsversprechende Alternative, die im Hinblick auf die Ausgestaltung im Sinne eines fundierten Handlungsrahmens zukünftig noch genauer zu untersuchen wäre.
Keywords
Closed-Innovation-Ansatz, Lead-User-Ansatz, Nonprofit-Organisationen, Open-Innovation- Ansatz, Scaling-deep, Scaling-out, Scaling-up, Social Impact
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Inhaltsverzeichnis
Abstract /Keywords
Inhaltsverzeichnis I
Anhangsverzeichnis II
1. Einleitung 1
2. Nonprofit-Organisationen 3
2.1. Begriffliche Abgrenzung 3
2.2. Funktion und Bedeutung 7
2.3. Problemfelder und Herausforderungen. 11
3. Scaling Social Impact-Ansätze 14
3.1. Konzeptionelle Grundlagen und Systematisierung 14
3.2. Umsetzungsmöglichkeiten und -probleme bei Nonprofit-Organisationen 18
3.3. Anforderungskriterien an neue Scaling-Ansätze 23
4. Open-Innovation als Scaling-Ansatz 25
4.1. Basisidee der Open-Innovation 25
4.2. Open-Innovation-Ansätze 28
4.2.1. Konzeption nach H. W. Chesbrough 28
4.2.2. Konzeption nach R. Reichwald/ F. Piller 30
4.2.3. Zusammenführung und Ergänzung der Konzeptionen 33
4.3. Implikationen des Open-Innovation-Ansatzes für Nonprofit-Organisationen 36
4.3.1. Übertragbarkeit auf den Nonprofit-Bereich 36
4.3.2. Eignung als Scaling-Ansatz 38
5. Abschließende Bemerkungen und Ausblick 43
Anhang 46
Literaturverzeichnis 52
///
Anhangsverzeichnis
Anhang 1: Der Closed-Innovation-Ansatz ..................................................................... 46
Anhang 2: Die Kreislauflogik des Closed-Innovation-Ansatzes .................................. 47
Anhang 3: Die Kreislauflogik des Open-Innovation-Ansatzes ..................................... 48
Anhang 4: Der Open-Innovation-Ansatz ........................................................................ 49
Anhang 5: Kernprozesse des Open-Innovation-Ansatzes ........................................... 50
Anhang 6: Beurteilung des Open-Innovation-Ansatzes (Zusammenfassung) ........... 51
1. Einleitung
In den letzten Jahren hat sich das Umfeld des Nonprofit-Sektors, zu welchem ein breites Spektrum von unterschiedlichen Organisationen subsumiert werden kann, fundamental verändert. 1 Die fortschreitende Zunahme sozialer, ökologischer sowie ökonomischer Problemfelder durch die Globalisierung und die Internationalisierung der Märkte 2 , die immer deutlich werdenden Forderungen nach einer Modernisierung der Rolle des Staates und der damit einhergehenden Diskussion über die Neudefinition der Aufgabenverteilung zwischen öffentlichem, sozialem und privatem Sektor in vielen Ländern der Welt sowie die weitverbreitete Überzeugung, dass Nonprofit-Organisationen durch ihre flexiblere und effizientere Organisationsstrukturen eine bedarfsgerechte Leistungserbringung gewährleisten können, stellen dabei nur einige wenige Herausforderungen dar, denen Organisationen im Nonprofit-Sektor auch gegenwärtig noch gegenüberstehen. 3 In diesem Kontext verwundert es daher kaum, dass einerseits die Interventionsbereiche und das Leistungsspektrum von Nonprofit-Organisationen kontinuierlich zunehmen, andererseits von diesen Organisationen seitens der direkten Anspruchsgruppen und anderer gesellschaftlicher Bevölkerungsteile eine weitere Expansion der Tätigkeitsfelder und damit in indirekter Weise ein anhaltendes Wachstum sowie Ausweitung des „Social Impact“ gefordert werden. 4 Zeitgleich mit dieser Entwicklungstendenz stehen viele Nonprofit-Organisationen jedoch vor der kaum lösbaren Herausforderung, die notwendigen finanziellen, personellen und technologischen Ressourcen bereitstellen zu können, um die in sie gesteckten Wachstumsziele in praxi umzusetzen. Bedingt durch dieses Spannungsfeld von Mittelknappheit auf der einen und Expansionsanforderungen auf der anderen Seite kann folglich unter den Nonprofit-Organisationen ein zunehmender Wettbewerb um erforderliche Ressourcen, Legitimität und öffentliche Aufmerksamkeit beobachtet werden 5 , der nicht selten in Anlehnung an den gewinnorientierten Sektor mit dem Slogan „Grow or Die“ charakterisiert wird. 6
Trotz dieser scheinbaren Divergenz zwischen Ressourcenverfügbarkeit und den Anforderungen externer Parteien versuchen viele Nonprofit-Organisationen sog. „Scaling“-Ansätze, die im weitesten Sinne die Ausbreitung des sozialen Tätigkeitsbereichs bzw. die Replikation erfolgreicher Programme oder Maßnahmen implizieren und damit einherge-
1 Vgl. zu der Vielfalt an verschiedenen Organisationen die Ausführungen bei Seibel (1992), S. 455 ff.
2 Vgl. Sander/Bauer (2006), S. 5.
3 Vgl. Kraus/Stegarescu (2005), S. 2 ff.
4 Vgl. hierzu Evers/Olk (1996), S. 9 ff. sowie Zimmer/Priller (2000), S. 4.
5 Vgl. Ritchie/Weinberg (2000), S. 64 ff.
6 Vgl. Dees/Emerson/Economy (2002), S. 236.
hend die Erhöhung des „Social Impact“ anstreben, umzusetzen. 7 Der Vorteil dieser neuartigen Handlungslogik im Nonprofit-Sektor wird dabei zum einen in der Ausweitung des „Social Impact“ und damit in einer stärkeren Legitimität sowie der erhöhten öffentlichen Aufmerksamkeit, zum anderen in der inhärenten Chance, durch ein wachstumsorientiertes Verhalten gleichzeitig die Ressourcenbasis sowie die Wettbewerbsposition gegenüber anderen Organisationen nachhaltig zu stärken, gesehen. Obwohl unterschiedliche „Scaling“-Ansätze aus der wirtschaftlichen Praxis sowie der wissenschaftlichen Forschung für Non-profit-Organisationen bereitstehen und bereits in vielfältigen Organisationen implementiert wurden, können die erreichten Ergebnisse bislang als unzureichend und die verfolgten Ansätze als nur wenig erfolgsversprechend kategorisiert werden. 8 Der Grund für dieses Auseinanderdriften zwischen den Erwartungen an die ex-ante beabsichtigten sozialen Wirkungen und die ex-post erreichten „Scaling“-Resultate wird dabei überwiegend den unzureichenden, aber vehement postulierten Strategieschemata zugesprochen, die einerseits zu wenig an den spezifischen Charakteristika der Nonprofit-Organisationen ausgerichtet sind und daher nicht in allen Kontexten erfolgreich umgesetzt werden können, andererseits die synchrone Einbeziehung mehrerer „Scaling“-Optionen im Sinne eines integrativen Handlungsrahmens oftmals vermissen lassen. 9 Insbesondere die mangelnde Berücksichtigung der innovationsorientierten Wachstumsansätze, welche die Außenwelt der Organisation in den „Scaling“-Prozess offen - d.h. ohne Beschränkungen - mit aufnehmen und hierdurch die spürbare Lücke zwischen den wachsenden sozialen Herausforderungen und den potenziell vorhandenen, aber kaum replizierten Problemlösungsansätzen schließen können, ist hierbei evident. 10
Die skizzierten Problemfelder der bestehenden „Scaling“-Ansätze dürfen jedoch im Hinblick auf die sich verändernden Ausgangsbedingungen des Nonprofit-Sektors keineswegs als Einfallstor benutzt werden, um die wachstumsorientierte Handlungslogik der dort aktiven Organisationen wieder zu verwerfen. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, einen Strategieansatz unter Berücksichtigung der spezifischen Eigenschaften von Nonprofit-Organisationen zu entwerfen und in einem integrativen Rahmen einzuordnen. Gerade der Open-Innovation-Ansatz, bei dem die strategische Nutzung der Außenwelt zur Erreichung von Wachstumszielen im Vordergrund steht, scheint hierbei aufgrund seiner Generalisier-
7 Vgl. Beltran et al. (2004), S. 162.
8 Seltene Erfolge von „Scaling“-Ansätzen zeigen z.B. „Dialog im Dunkeln“ oder die „Grameen Bank“ auf.
9 Vgl. Food and Agriculture Organization of UN (2007), S. 2.
10 Vgl. Mulgan et al. (2006), S. 4.
barkeit und seiner starken Ausrichtung auf die innovationsorientierte Strategieausgestaltung einer Organisation prädestiniert zu sein, um in den Nonprofit-Bereich erfolgreich übertragen zu werden. Diese praxisorientierte Überlegung spiegelt folglich den Ausgangspunkt der nachfolgenden theoretischen Auseinandersetzung wider, bei der untersucht werden soll, inwieweit der Open-Innovation-Ansatz als „Scaling“-Strategie im Rahmen von Nonprofit-Organiationen umgesetzt werden kann und welche Möglichkeiten und Grenzen sich hierdurch für den Nonprofit-Sektor ergeben.
Um dieses Untersuchungsziel adäquat zu erreichen, werden im ersten Abschnitt dieser Ausarbeitung der Begriff, die Funktionen und die Bedeutung sowie Problemfelder und He-rausforderungen von Nonprofit-Organisationen bestimmt. Darauf aufbauend werden in einem zweiten Schritt bereits vorhandene „Scaling“-Ansätze konzeptionell skizziert sowie systematisiert, Möglichkeiten und Umsetzungsprobleme dieser Strategien bei Nonprofit-Organisationen identifiziert sowie hieraus resultierende Anforderungskriterien an neue „Scaling“-Ansätze extrahiert. Nachfolgend wird der Open-Innovation-Ansatz als neuartige „Scaling“-Strategie eingeführt, in dem einerseits die grundlegenden Konzeptionen dieses Ansatzes nach Chesbrough sowie Reichwald/Piller dargestellt, andererseits die dort generierten Kerngedanken in einem integrativen Handlungsrahmen zusammengeführt und ergänzt werden. Anschließend findet eine kritische Betrachtung und Beurteilung der Übertragbarkeit sowie der Eignung dieses Ansatzes in Nonprofit-Organisationen statt. Abschließende Bemerkungen zur behandelten Thematik runden die vorliegende Ausarbeitung ab.
2. Nonprofit-Organisationen
2.1. Begriffliche Abgrenzung
Die Abgrenzungsbestimmung von Nonprofit-Organisationen ist aufgrund der divergierenden Vorstellungen über die genaue Auslegung des Begriffes und der Vielfalt an in der wissenschaftlichen Literatur vorhandenen Definitionen, die abhängig vom jeweiligen Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen und gesellschaftlichen Kontexte vorgenommen worden sind, besonders diffizil und verlangt diesbezüglich eine schrittweise Annäherung an diesen Begriff.
Betrachtet man zunächst die vergangenen Abgrenzungsversuche zum Begriff „Nonprofit- Organisation(en)“, so lässt sich konstatieren, dass abweichend von den Definitionen ande-
rer Organisationsformen bei Nonprofit-Organisationen oftmals eine negative Abgrenzungs-form vorgenommen wird. In diesem Rahmen beruht die Konnotation des Begriffes nicht auf dem Aspekt, der diese Organisationen inhaltlich ausmacht, sondern vielmehr darauf, was diese Organisationen nicht darstellen. 11 Dementsprechend werden Nonprofit-Organisationen nach dem englischen Wortlaut als Organisationen bezeichnet, die bspw. keine Gewinne erzielen dürfen. 12 Dieses vom Kernbegriff abgeleitete Verständnis von Nonprofit-Organisationen kann jedoch kaum überzeugen und verleitet zu Fehlschlüssen, da Nonprofit-Organisationen durchaus an der Erzielung von Gewinnen orientiert sein müssen, um zumindest langfristig ihre Kostendeckung sicherstellen zu können. 13 Darüber hinaus können in der Literatur vorgenommene Konkretisierungen, die das fehlende Gewinnstreben deutlich weniger betonen, dafür aber primär die Sachzielorientierung postulieren, das Verständnis von Nonprofit-Organisationen kaum bereichern. 14 Vielmehr führen diese dazu, dass erwerbswirtschaftliche Unternehmen, die keineswegs nur auf die Maximierung ihrer Gewinne fokussiert sind, ebenfalls als Nonprofit-Organisationen zu bezeichnen wären. Folglich scheinen weitverbreitete Negativdefinitionen aufgrund ihrer inhaltlichen Unschärfe und der damit einhergehenden begrenzten Aussagekraft suboptimal zu sein, um Nonprofit-Organisationen differenziert zu erfassen. 15
In diesem Kontext stehen des Weiteren Definitionen von Nonprofit-Organisationen mit einem Abgrenzungsfokus auf bestimmte Charakteristika, die den räumlichen Kontext und damit eine spezifische Interpretation der Erscheinungsform einer derartigen Organisationsausgestaltung mit einschließen, zur Disposition. 16 Hierbei kann zwischen dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen Begriffsverständnis unterschieden werden. Während im angelsächsischen Raum die fehlende Gewinnerzielung als Hauptabgrenzungsrichtung von Nonprofit-Organisationen gegenüber privaten Organisationen im Vor-dergrund steht und damit der Begriff einen engen ökonomischen Sachverhalt widerspiegelt, ist im kontinentaleuropäischen Kontext die Trägerschaft und hierdurch gleichzeitig eine eher juristische Konnotation, die zudem die Unabhängigkeit der Nonprofit-Organisationen von staatlichen Finanzierungshilfen im Sinne von „Nichtregierungsorgani-
11 Vgl. Lohmann (2001), S. 197 ff.
12 Vgl. Finis-Siegler (2001), S. 2.
13 Vgl. Hansmann (1987), S. 28.
14 Vgl. Eichhorn (2001), S. 45 ff.
15 Vgl. die ähnliche Auffassung bei Lohmann (2001), S. 197 ff. sowie Siebart (2006), S. 41.
16 Vgl. Badelt (2002), S. 6.
sationen“ (NRO) oder „Nongovernmental Organization“ (NGO) betont 17 , von zentraler Bedeutung. 18 Obwohl diese beiden Abgrenzungsströmungen sich in Form des „Dritten Sek-tors“, welcher weder dem Markt (Erster Sektor) noch dem Staat (Zweiter Sektor) zuzuordnen ist und zugleich die Gesamtheit der Nonprofit-Organisationen darstellt, niederschlagen und eine Einordnung von Nonprofit-Organisationen im Bereich der verschiedenen Sektoren ermöglichen 19 , genügt diese Beschreibung nicht annähernd einer trennscharfen Abgrenzung. Auch bei diesem Demarkationsversuch wird auf eine Negativdefinition zurückgegriffen, so dass hierdurch bspw. „Nichtregierungsorganisationen“ zwar von staatlichen Einrichtungen, aber keinesfalls von privat-kommerziellen Unternehmen unterschieden werden können. 20 Insofern scheinen vielmehr Definitionen zielführend zu sein, die durch die Hervorhebung von bestimmten Eigenschaften den Versuch unternehmen, eine positive Beschreibung von Nonprofit-Organisationen anzustoßen.
In diesem Rahmen werden Nonprofit-Organisationen bspw. nach dem Kriterium der Gemeinnützigkeit, der Einkommens- bzw. Finanzierungsarten, der primären Sachzielausrichtung oder der Orientierung am Gemeinwohl eingeordnet und gegenüber anderen Organi-sationsformen abgegrenzt. 21 Obwohl diese Definitionsversuche einen im Vergleich zur Negativabgrenzung zweckmäßigen Weg darstellen, übersehen diese gleichzeitig den Aspekt, dass durch diese Vorgehensweise einerseits ähnliche Organisationen ungleich be-handelt werden und damit nicht das ganze Spektrum von Nonprofit-Organisationen erfasst wird, andererseits durch eine Ausweitung an möglichen Abgrenzungskriterien eine genaue Zuordnung nur noch vage erfolgen kann. 22 Trotz dieses augenscheinlichen Dilemmas setzt sich in der wissenschaftlichen Forschung die (positive) Definition des „John Hopkins Comparative Nonprofit Sector Projects“ 23 zunehmend durch, nach der die Zurechnung einer Organisation zum Nonprofit-Bereich anhand von spezifischen Kriterien abhängig ge-
17 Vgl.hierzu bspw. Bauer (1995), S. 59 ff. oder Schuhen (2002), S. 23.
18 Vgl. hierzu die gegenläufige Meinung von T. Wex, dass auch im kontinentaleuropäischen Raum die Unter-
scheidung von „Profit“ vs. „Nonprofit“ von Bedeutung sei. Wex (2004), S. 3.
19 Vgl. Badelt (2002), S. 6.
20 Vgl. ebenda, S. 7.
21 Vgl. zu den unterschiedlichen Kriterien und den damit eingenommenen Forschungsperspektiven bspw.
Witt/ Seufert/Emberger (1996), S. 420, Eichhorn (2001), S. 45 ff. sowie Seibel (2002), S. 21 und 27.
22 Vgl. Then (2001), S. 7 f.
23 Das „Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project“ wurde 1990 mit dem Ziel einer systematischen
Erfassung des „Dritten Sektors“ ins Leben gerufen und wurde durch zahlreiche Forscher aus den 20 teil-
nehmenden Ländern durchgeführt. Die Erfassung von Nonprofit-Organisationen erfolgte dabei unter An-
wendung eines einheitlichen Ansatzes und Methodologie. Vgl. Salamon/Anheier (1994), S. 7.
macht wird. 24 Hierzu zählen die Kriterien formelle Strukturierung, Trägerschaft, Autonomie, Gewinnausschüttung und Freiwilligkeit. Nach dieser operativen Definition können alle Organisationen unter Nonprofit-Organisationen subsumiert werden, wenn diese:
¾ einen Mindestgrad an formaler Struktur im Sinne von formalisierten Aufbau- und Ablaufstrukturen bzw. Verantwortlichkeiten aufweisen und über eine eigenständige Rechtsform verfügen (Kriterium der formellen Strukturierung),
¾ privat sind und eine institutionelle Abgrenzung gegenüber der staatlichen Administration möglich ist, wobei eine finanzielle Abhängigkeit von staatlichen Einrichtungen durchaus berücksichtigt wird (Kriterium der Trägerschaft),
¾ über ein Minimum an Selbstverwaltung verfügen und dadurch Entscheidungen innerhalb der Organisation selbst getroffen werden können (Kriterium der Autonomie),
¾ keine Ausschüttung der Gewinne an Eigentümer und andere Anspruchsgruppen vornehmen und dafür die thesaurierten Gewinne dem Organisationszweck zuführen, so dass eine Gewinnorientierung möglich wird (Kriterium der Gewinnausschüttung)
¾ und im Mindestmaß von freiwilligen Leistungen (z.B. freiwillige Mitgliedschaft, ehrenamtliche Arbeit u.a.) getragen werden (Kriterium der Freiwilligkeit). 25
Folglich können Nonprofit-Organisationen als spezifische Organisationen bezeichnet werden, die die beschriebenen Kriterien erfüllen und zwischen den Sektoren Markt und Staat agieren. 26 Wenngleich die Abgrenzung von Nonprofit-Organisationen anhand dieser Tat-bestandsmerkmale ebenfalls nicht trennscharf erfolgen kann 27 und diese daher in vielfältigen Untersuchungen modifiziert worden sind, weisen sie dennoch immanente Vorteile gegenüber anderen Abgrenzungsversuchen auf. 28 Unter Berücksichtigung der spezifischen Kriterien kann einerseits eine klare äußerliche Zuordnung von Organisationen erfolgen, ohne dabei auf eine Negativdefinition zurückgreifen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten in Kauf nehmen zu müssen. Andererseits wurde diese Abgrenzung für ei-
24 Vgl.Salamon/Anheier (1996), S. 14 f.
25 Vgl. zu den Abgrenzungskriterien bspw. Salamon et al. (1999), S. 40 f., Simsa (2001), S. 81, Pril-
ler/Zimmer (2001), S. 13 sowie Tiebel (2006), S. 3.
26 In diesem Kontext wird oftmals auch der Sektor der „Privathaushalte“ eingeführt, der neben dem Markt-
und Staatsbereich das Tätigkeitsfeld von Nonprofit-Organisationen umgibt. Vgl. hierzu Reichard (1988), S.
365.
27 Vgl. hierzu die Selbstkritik bei Salamon/Sokolowski/List (2003), S. 13.
28 Vgl. Salamon/Anheier (1996), S. 15.
ne länderübergreifende und systematische Analyse des Nonprofit-Sektors vorgenommen, so dass ungeachtet räumlicher Spezifika generelle und insbesondere vergleichbare Aussagen über Nonprofit-Organisationen möglich sind. 29 Da in der vorliegenden theoretischen Untersuchung der Open-Innovation-Ansatz als „Scaling“-Strategie eingeführt und dabei auch in vielfältigen Kontexten von Nonprofit-Organisationen berücksichtigt werden soll, wird in den nachfolgenden Abschnitten stets auf diese pragmatische Arbeitsdefinition Bezug genommen.
Nachdem die begriffliche Abgrenzung von Nonprofit-Organisationen vorgenommen worden ist, müssen im Folgenden die Funktionen und die hieraus resultierende Bedeutung dieser Organisationen skizziert werden, um den spezifischen Kern derartiger Akteure darzustellen.
2.2. Funktion und Bedeutung
Betrachtet man die Funktionen von Nonprofit-Organisationen eingehender, so lassen sich hierunter die generellen Aufgaben und Rollen derartiger Akteure subsumieren. Obwohl wissenschaftliche Untersuchungen bedingt durch die besonderen Struktur- und Organisationsmerkmale sowie die räumlichen Einflussfaktoren ein breites Spektrum an unterschiedlichen Aufgaben und Rollen von Nonprofit-Organisationen bereithalten und daher eine allgemeingültige Darstellung dieser weitgehend erschweren 30 , kann die Vielzahl an verschiedenen Funktionen aufgrund der in dieser Ausarbeitung eingenommenen generellen Betrachtungsweise dennoch komplexitätsreduzierend auf die Einzelfunktionen „serviceprovider role“, „vanguard role“, value-guardian role“ und „advocacy role“ dezimiert werden. 31
Die „service-provider role“, die mit Dienstleistungsfunktion übersetzt werden kann, spiegelt die Rolle wider, die Nonprofit-Organisationen bei der Bereitstellung von kollektiven Gütern bzw. Dienstleistungen einnehmen. Während staatliche Einrichtungen durch ihren weitläufigen Aktionsrahmen im großen Umfang standardisierte Kollektivgüter und -dienstleistungen anbieten können und dabei nicht selten die Bedürfnisse kleinerer Bevölkerungsteile vernachlässigen, unterstützen bzw. ergänzen Nonprofit-Organisationen eine derartige
29 Vgl. Kraus/Stegarescu (2005), S. 6.
30 Vgl. die verschiedenen Funktionszuschreibungen an Nonprofit-Organisationen bei Frumkin (2002), S. 29
ff.
31 Vgl. Anheier/Toepler (2004), S. 255.
fehlgeleitete Bedürfnisbefriedigung des Staates durch die eigene Leistungserstellung. Dabei können Nonprofit-Organisationen einerseits in Bereichen agieren, die weder vom Staat noch von anderen marktlichen Anbietern bedient werden bzw. werden können, andererseits in Feldern ergänzend operieren, in denen staatliche und marktliche Akteure zwar tätig sind, ihre kollektive Leistungserstellung aber nicht ausreichend erscheint, um den sozialen Herausforderungen adäquat zu begegnen. 32 Darüber hinaus stellt die „vanguard role“ eine weitere wichtige Funktion von Nonprofit-Organisationen dar. Diese den Nonprofit-Organisationen zugeschriebene Funktion beinhaltet i.e.S. den Umstand, dass derartige Akteure soziale Probleme identifizieren und damit die Problemerkennung in der breiten Gesellschaft vorantreiben können. Sie nehmen dabei eine avantgardistische Rolle ein, da sie durch die Entwicklung von innovativen Lösungsansätzen und der Implementierung von neuen Prozessabläufen oder Programmen nachhaltige soziale Veränderungen anstoßen, die anderenfalls nicht zustande kommen würden. Diese sozialen Innovationen können nach erfolgreicher Einführung im Rahmen von Nonprofit-Organisationen insofern auch von anderen Organisationen und staatlichen Einrichtungen repliziert bzw. adoptiert und damit einhergehend soziale Probleme in größerem Umfang gelöst werden. 33 Des Weiteren stehen Nonprofit-Organisationen im Sinne der „value-guardian role“ allgemeingültig für die Wahrung sowie das Leben von Werten und Normen in einer Gesellschaft. Diese Werterhaltungsfunktion trägt dazu bei, dass gemeinwohlorientierte Werte und Normen, die zwangsläufig für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und deren Fortbestand unerlässlich sind, bewahrt werden. Zusätzlich werden in diesem Kontext gesellschaftliche Akteure animiert, praktisch an der gemeinnützigen Arbeit teilzunehmen, wodurch die Selbstbestimmung und soziale Verantwortung jedes Einzelnen zum Ausdruck gebracht werden kann. 34 Zudem wird Nonprofit-Organisationen die Funktion der Sozialanwaltschaft, die sog. „advocacy role“, zugeschrieben. 35 Danach repräsentieren Nonprofit-Organisationen die Bedürfnisse von Hilfsbedürftigen und Minderheiten, indem sie Partikularinteressen Notleidender wahrnehmen und soziale Interessen gegenüber staatlichen Einrichtungen vertreten. Ihr Engagement gilt insofern den sozial Schwachen, die gesellschaftlicher Solidarität bedürfen, aber über keine hinreichende Lobby im politischen bzw. wirtschaftlichen Prozess verfügen. 36 Neben diesen verschiedenen Funktionen stellen Nonprofit-Organisationen des
32 Vgl. ebenda, S. 255.
33 Vgl. Tiebel (2006), S. 5.
34 Vgl. ebenda, S. 6.
35 Vgl. Warren (2003), S. 47.
36 Vgl. Anheier (2005), S. 174 f.
Weiteren ein Mittel gegen Ausgrenzung und Vereinzelung dar. Sie leisten nicht nur sozial motivierte ehrenamtliche Tätigkeiten für Bedürftige, sondern stellen gleichzeitig ein soziales Beziehungsgeflecht zur Verfügung, welches die Selbstverwirklichung und die Schaffung von sozialen Kontakten ermöglicht. Insbesondere in Zeiten einer zunehmenden Anonymisierung und der Herausbildung einer individualisierten Gesellschaft kommt dieser Funktion demzufolge ein höherer Stellenwert zu. Die bereits seit Jahren fortwährende wachsende Bedeutung von Nonprofit-Organisationen kann hierbei nicht nur durch die einzelnen Aufgabenfelder oder die erfolgreich kombinierte Umsetzung sämtlicher Funktionen begründet werden. Vielmehr lässt sich dieser Bedeutungszuwachs aus den ökonomischen Theorien des Staats- und Marktversagens, die gleichzeitig die Existenz und die Einordnung von Nonprofit-Organisationen zwischen Markt und Staat begründen, ableiten. 37
Die Theorie des Marktversagens basiert dabei auf den Annahmen von Hansmann, nach denen Nonprofit-Organisationen den geeignetsten Allokationsmechanismus für öffentliche Güter und Dienstleistungen darstellen. 38 Dieser Zusammenhang wird dabei mit der Kollektivgüterproblematik begründet, nach welcher erwerbswirtschaftlich-orientierte Unternehmen keinen Anreiz zur Bereitstellung von öffentlichen Güter bzw. Dienstleistungen haben können. Für diese Güter besitzt das Ausschlussprinzip keine Geltung, so dass es für Konsumenten folglich rationaler erscheint, nicht selbst Präferenzen für das Gut oder die Dienstleistung im Form von Nachfrage zu bekunden, sondern sich als sog. „Free-Rider“ zu betätigen. Da durch diesen Umstand wiederum für die Unternehmen keine Leistungsanreize zur Herstellung von Kollektivgütern bestehen, kommt es infolgedessen zu einer allokativen Unterversorgung. Diese resultiert schließlich im Marktversagen, da der Markt nicht mehr in der Lage ist, Güter bzw. Dienstleistungen mit hohem gesellschaftlichen Nutzen zur Verfügung zu stellen. 39
Bezieht man in diesen Zusammenhang zusätzlich den Staat als Akteur mit ein, so rechtfertigt das klassische ökonomische Denken den Eingriff des Staates bei vorliegen eines sog.
37 Obgleich einige grundlegende Theorien wie z.B. die Angebotstheorie, die Interdependenztheorie und die
Institutionelle Theorie den konzeptionellen Zugriff zur Entstehung und Bedeutung von Nonprofit-
Organisationen bereithalten, erscheinen die ökonomischen Theorien des Markt- und Staatsversagens auf-
grund ihrer vielseitigen und breiten Anwendbarkeit dennoch am geeignetsten, um eine fundierte Erklärung
von Nonprofit-Organisationen zu gewährleisten. Insofern werden nachfolgend nur diese Theorien betrach-
tet.
38 Vgl. Hansmann (1980), S. 835 ff. sowie Hansmann (1987), S. 27 ff.
39 Vgl. Finis-Siegler (2001), S. 5.
Marktversagens. 40 Folglich wird unterstellt, dass der Staat die vom Markt nicht befriedigte Nachfrage nach kollektiven Gütern mit Steuermitteln finanzieren und damit decken kann. Diese weitverbreitete Annahme wird gleichwohl von vielen Wissenschaftlern vehement bestritten, da nach ihnen der Staat diese Bereitstellungsfunktion nur gewährleisten kann, wenn die Mehrheit der Wähler die Produktion eines bestimmten öffentlichen Gutes auch tatsächlich unterstützt. 41 Problematisch wirkt hierbei jedoch der oftmals vorliegende politische Entscheidungsprozess, bei dem ein Mehrheitskonsens für ein bestimmtes Gut bzw. Dienstleistung bedingt durch insbesondere heterogene Bevölkerungszusammensetzungen und die damit einhergehenden Meinungsverschiedenheiten bzgl. der Art des zu bereitstellenden Kolletivgutes mitunter nicht erzielt werden kann. Insofern orientiert sich der Staat bei der kollektiven Leistungserstellung überwiegend am sog. „Median-Wähler“, wodurch der Bedarf an öffentlichen Gütern nicht vollständig gedeckt werden kann. Dieses im wissenschaftlichen Schrifttum postulierte Staatsversagen 42 resultiert zusammen mit einem gleichzeitigen Marktversagen mithin in der Herausbildung von Nonprofit-Organisationen, die die unbefriedigte Nachfrage nach kollektiven Gütern aufnehmen und decken können.
Diese aus den ökonomischen Theorien abgeleitete hohe Bedeutung von Nonprofit-Organisationen wird dabei zusätzlich durch empirische Studien belegt. Hiernach kann ergänzend konstatiert werden, dass ungeachtet der räumlichen Unterschiede zwischen nordamerikanischen, europäischen und asiatisch-pazifischen Ländern Nonprofit-Organisationen neben der Allokationsbedeutung zudem wirtschaftlich relevant sind. So zeigen Untersuchungen wie z.B. das „John Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project“, dass durch den Nonprofit-Bereich durchschnittlich ca. sechs Prozent des Bruttosozialprodukts eines Landes erwirtschaftet werden können. 43 Darüber hinaus halten Nonpro-fit-Organisationen in vielen Ländern mehr Arbeitsplätze bereit als die meisten anderen Wirtschaftszweige zusammen. 44 Dabei konzentrieren sie sich nicht mehr nur auf die in der Vergangenheit beobachteten traditionellen Tätigkeitsfelder der Bildung oder des Gesundheitswesens, sondern weiten diese zunehmend auf sämtliche soziale Dienstleistungen aus. Die Entwicklung resultiert zudem in einem kontinuierlich ansteigenden Interesse an Nonprofit-Organisationen seitens der Wissenschaft und der Politik, die Nonprofit-
40 Vgl. Toepler/Anheier (2005a), S. 48.
41 Vgl. hierzu Downs (1968) sowie Weisbrod (1977, 1988).
42 Vgl. Meyer (1999), S. 35 f.
43 Vgl. Maßmann (2003), S. 15 f. sowie Toepler/Anheier (2005b), S. 22.
44 Vgl. Maßmann (2003), S. 13.
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Dipl. Betriebswirt (Univ.) Thomas Martin Fojcik, 2009, Scaling Social Impact, München, GRIN Verlag GmbH
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