1 Einleitung
Die Regula Virginium 1 gilt als erste uns heut bekannte Nonnenregel. Das Kloster, für welches sie geschrieben wurde, war das Kloster St.Jean in Arles (Südfrankreich) und ihm stand seine Schwester und erste uns heute bekannte Äbtissin Caesaria von Arles vor. Die Regula Virginium regelte sehr streng das gesamte Leben im Kloster der Frauen. Die Schilderung eines detaillierten Tagesablaufes und Vorgehensweisen bei Ungehorsam prägen den Charakter der Regula Virginium. Wichtige Regelungen wurden vor allem im Umgang mit außerklösterlichen Personen und dem Gehorsam gegenüber der Äbtissin und einer damit ver-bundenen, streng geregelten Hierarchie getroffen. Ersteres wurde hauptsächlich durch die Klausur bestimmt.
Geschrieben wurde die Regula Virginium vom Bischof Caesarius von Arles, welcher seiner Schwester ein Nonnenkloster erbaute und sich um dieses bis an sein Lebensende intensiv kümmerte.
In dieser Seminararbeit wird zuerst ein Einblick in die weibliche Monastizität des frühen Mittelalters gegeben (Punkt 2).Anschließend werden zwei tragende Personen vorgestellt: Caesarius von Arles (Punkt 3) und seine Schwester Caesaria von Arles (Punkt 4). Im sich anschließenden Hauptteil wird die Regula Virginium nähere betrachtet, unter besonderer Berücksichtigung der Entstehung und zweier inhaltlicher Aspekte - der Bedeutung der Klausur zum einen und der Rolle der Äbtissin zur anderen. Abschließend soll die Bedeutung der Regula Virginium herausgestellt werden.
1 Auch “Regula ad virgines” genannt. Bis auf die Quellenangabe wird in dieser Arbeit durchgängig die Be- zeichnung RegulaVirginium benutzt.
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2 Weibliche Monastizität im frühen Mittelalter - Quellenlage und For-schungsstand
Quellen und Materialien von und über Frauen im frühen Mittelalter sind sehr dürftig. Da nur ein sehr geringer Teil der damals lebenden Frauen lesen und schreiben konnte, existieren auch nur sehr wenige Quellen, welche von Frauen geschrieben wurden oder aber auch von Frauen handeln. Daraus resultiert ein mangelndes Selbstverständnis der damaligen Zeit und ein nur zu erahnendes Bild der Lebenswirklichkeit. Der wesentlich größere Teil der Quellen wurde von Männern verfasst. Jene Quellen wurden jedoch sehr stark beeinflusst von der Herkunft des Autors, seinem geistlichen Stand und seinem Informationsgrad. Cordula Nolte misst eine besondere Bedeutung der geringen Mobilität und dem geringen Bildungsstand der damaligen Zeit bei. Ebenfalls wichtig ist das Bildungsprivileg der oberen Gesellschaftsschichten, welches mit einem gewissen Standesbewusstsein einhergeht.
Der Beginn der weiblichen Monastizität liegt bereits im vierten Jahrhundert in den Wüsten Ägyptens. Von dort aus gelangte sie über Mittelasien, Palästina und Rom nach Gallien. In Marseille wurden von Johannes Cassian im Jahr 410 ein Männerkloster und kurz darauf das erste Frauenkloster, St. Sauveur, gegründet. 2 Im folgenden Jahrhundert entwickelten sich die Frauenklöster immer weiter. Über den Beginn der Entwicklung existieren jedoch nur wenige Informationen. Es gab verschiedene Gründe als Frau in ein Kloster einzutreten oder die Tochter in ein Kloster zu geben. Zum einen waren Klöster eine Bildungsanstalt, in denen die Mitglieder lesen und schreiben lernen konnten. Eine weitere große Rolle spielte der Glaube an Gott und die Annahme, dass ein streng asketisch geführtes Lebens nach dem Tod im Paradies belohnt werden würde. Ein wichtiger Aspekt stellte die rechtliche Position der Frau dar: Klöster boten Schutz vor ungewollten Hochzeiten, Gewalt in der Ehe und auch außerhalb. Letztlich hatten Frauen im Kloster die damals seltene Möglichkeit, als Äbtissin eine führende administrative Position in der Gesellschaft einzunehmen. 3
Die Frauenklöster des 4. und 5. Jahrhunderts besaßen keine eigenen Regeln. Sie waren aus verschiedenen Gründen sehr kurzlebig, hier spielte wahrscheinlich die Wirtschaftlichkeit eine große Rolle. Statt eines definierten Klosterlebens handelte es sich bei den Frauenklöstern um
2 Vgl.: McCarthy, Maria Caritas: The rule for nuns of St. Caesarius of Arles: A translation with a critical introduction, The Catholic University of America, Studies in Mediaeval History, Washington D.C. 1960, S.28. Im Folgenden: McCarthy: The rule for nuns.
3 Zur Geschichte der Monastizität im frühen Mittelalter vgl. Heidebrecht, Petra/Cordula Nolte: „Leben im Kloster: Nonnen und Kanonissen. Geistliche Lebensformen im frühen Mittelalter“, in: Becher, Ursula A./ Jörn Rüsen (Hgg.): Weiblichkeit in geschichtlicher Perspektive. Fallstudien und Reflexionen zu Grundproblemen der historischen Frauenforschung, Frankfurt a. M. 1988,, S.81 ff. Im Folgenden: Heidebrecht/ Nolte: „Leben im Kloster“.
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zum Teil sehr verschiedene Formen des Zusammenlebens. Die „Regeln“ orientierten sich hierbei stark an den Mönchsregeln, welche damals schon existierten, und wurden gemäß den eigenen Bedürfnissen modifiziert. 4 Die erste eigene Nonnenregel, die Regula Virginium, wurde dann von Caesarius von Arles erstellt. Bevor auf die Regula Virginium genauer eingegangen wird, sollen zunächst einige Informationen zu Caesarius von Arles, seiner Schwester Caesaria von Arles und dem gemeinsamen Kloster St. Jean in Arles folgen.
3 Caesarius von Arles
Das Leben von Caesarius von Arles erschließt sich uns hauptsächlich durch seine von fünf Bischöfen aus seinem Bekanntenkreis verfasste Vita Cesarii, welche von Caesaria von Arles in Auftrag gegeben wurde. 5 William E. Klingshirn urteilt über die Vita Cesarii und deren geschichtliche Wert folgendermaßen:
Like other saint’s lives, the Life of Caesarius is a valuable source for the mental world of its authors and their immediate audience. For example, the abundance of miracle stories in the Life testifies not only to its contemporary use as an instrument for promoting the cult of St. Caesarius, but also to contemporary ideas of sanctity and the miraculous, which made such a use conceivable in the first place. 6
Nach dieser Vita wurde Caesarius von Arles um das Jahr 470 als Sohn adliger Eltern in Chalon-sur-Saône geboren. Schon im Jahr 490 ging er in das südgallische Kloster Lérin. 7 Dort führte er ein sehr einsames und bußfertiges Leben, durch welches sein Körper sehr geschwächt wurde. Er musste das Kloster 499 verlassen und wurde als Abt in einem Kloster in der Nähe von Arles eingesetzt. 8 Hier begann er, seine Mönchsregel, die Regula Monachorum zu erstellen. Im Jahr 502 wurde Caesarius von Arles dann zum Bischof gewählt. Als dieser
4 Cordula Nolte bezeichnet dies als Praxis der regula mixta, vgl.: Nolte, Cordula: „Klosterleben von Frauen in der frühen Merowingerzeit. Überlegungen zur Regula ad virgines des Caesarius von Arles“, in: Affeldt, Werner/ Annette Kuhn (Hgg.): Frauen in der Geschichte VII. Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Frauen im
Frühmittelalter. Methoden - Probleme - Ergebnisse (Geschichtsdidaktik. Studien, Materialien 39), Düsseldorf 1986, S.275. Im Folgenden: Nolte: „Klosterleben von Frauen in der frühen Merowingerzeit“; Heidebrecht/ Nolte: „Leben im Kloster“, S.83.
5 Caesarius of Arles: Life, Testament, Letters, transl. with notes and introduction by William E.Klingshirn, Liverpool 1994, S.4. Im Folgenden: Caesarius of Arles: Life, Testament, Letters.
6 Caesarius of Arles: Life Testaments, Letters, S.7.
7 Vgl.: Stroheker, Karl-Friedrich: Der senatorische Adel im spätantiken Gallien, Tübingen 1948, S.94. Im Folgenden: Stroheker: Der senatorische Adel im spätantiken Gallien..
8 „The life of Caesarius“, 1.Buch, Kap. 5-7, in: Caesarius of Arles: Life, Testaments, Letters, S.11-13; vgl.: Berg: Ein Bischof des sechsten Jahrhunderts, S. 31; McCarthy: The rule for nuns, S.3; Prinz, Friedrich: Frühes Mönchtum im Frankenreich. Kultur und Gesellschaft in Gallien, den Rheinlanden und Bayern am Beispiel der monastischen Entwicklung (4.bis 8.Jahrhundert), München; Wien 1965, S.76.
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berief er fünf Konzile ein und nahm eine vielseitige Gestaltung des Kirchenrechts vor. 9 Zu seinem Gesamtwerk zählen neben den Klosterregeln Regula Monachorum und Regula Virginium auch zahlreiche Briefe und sein eigenes Testamentum. Mit Hilfe der letzteren sicherte er das von ihm gegründete Nonnenkloster St. Jean rechtlich ab und mahnte die Nonnen verstärkt, diese Maßnahmen unter keinen Umständen zu verändern. Während seines Wirkens als Bischof unternahm er mehrere Reisen, unter anderem auch nach Rom zu Papst Symmachus im Jahr 513. 10 Das Kloster St. Jean und die Regula Virginium nahmen in seinem Leben einen besonders großen Stellenwert ein. Wie weiter unten noch aufgezeigt werden wird, widmete er sich diesen Sorgen mit zunehmendem Alter verstärkt. Seine letzten Tage verbrachte er dann auch im Kloster St. Jean, in dessen Basilika St. Mariae er auch neben seiner Schwester, Caesaria von Arles, bestattet wurde. 11
4 Caesaria von Arles
Über die Schwester von Caesarius von Arles, Caesaria von Arles, gibt es weitaus weniger Informationen. Auch wenn sie die erste Äbtissin eines Klosters war, geben oft nur Schriften über Caesarius von Arles Aufschluss über ihr Leben (Vita Ceaesarii). Die einzig bekannten Lebensdaten sind das Jahr der Aufnahme ihrer Tätigkeit als Äbtissin und das Todesjahr, ob sie die jüngere oder ältere Schwester von Caesarius von Arles war, bleibt ungewiss. Ist von Caesaria der Älteren die Rede, so handelt es sich hierbei um eine Formulierung, die zur Unterscheidung von ihrer Nachfolgerin, wahrscheinlich einer Nichte, Caesaria der Jüngeren, dient.
Bevor Caesaria von Arles das Kloster St. Jean als Äbtissin übernommen hat, wurde sie in dem bereits oben genannten Frauenkloster St. Sauveur in Marseille ausgebildet. 12 Spekuliert werden muss an dieser Stelle, ob sie freiwillig in das Kloster gegangen ist, oder auf Entscheidung der Verwandten, in diesem Falle die ihres Bruders Caesarius von Arles, in das Kloster kam. In
9 Vgl.: Stroheker: Der senatorische Adel im spätantiken Gallien, S.96.
10 Mit Papst Symmachus stand Caesarius von Arles in regem Briefkontakt, hauptsächlich, um die rechtliche Stellung des Klosters St. Jean abzusichern. Einige der Briefe sind zu finden in: „The letters of Caesarius“, Brief 7a, 7b, 8a, 8b, in: Caesarius of Arles: Life testament, Letters, S.89-96.
11 “The life of Caesarius”, 2.Buch, Kap.50, in: Caesarius of Arles: Life Testaments, Letters, S.65.
12 Vgl.: Arnold, Carl Franklin: Caesarius von Arelate und die gallische Kirche seiner Zeit, Leipzig 1972, S.406. Im Folgenden: Arnold: Caesarius von Arelate und die gallische Kirche seiner Zeit; Buchberger, Michael: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd.2, 3., völlig neu bearb. Auflage, Freiburg u.a. 1994, S.878. Im Folgenden: Buchberger: Lexikon für Theologie und Kirche.
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Arbeit zitieren:
Annegret Jahn, 2009, Die 'Regula Virginium', München, GRIN Verlag GmbH
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