Götterschock?
Qualitative Heuristik in Anwendung bei der Frage, ob es bei
Kulturkonfrontationen tatsächlich zu einer Identifizierung der technisch
überlegenen Kultur mit Göttern kommt, im Kontext
grenzwissenschaftlicher Überlegungen
Präsentation für die Übung: Empirische Forschungsmethoden
Von André Kramer
2009
Inhalt
1. EINLEITUNG ... 3
2. DER GEGENSTAND DIESER UNTERSUCHUNG... 4
2.1
Z
IVILISATIONSKONTAKTE UND
P
RÄ
-A
STRONAUTIK
... 4
2.2
Q
UALITATIVE
H
EURISTIK UND IHRE
A
NWENDUNG IN DIESER
A
RBEIT
... 9
3. ZIVILISATIONSKONTAKTE IN DER DARSTELLUNG UND ANALYSE... 12
3.1
F
ALLDARSTELLUNGEN
1 ... 12
3.2
A
NALYSE
1... 15
3.3
F
ALLDARSTELLUNGEN
2 ... 19
3.4
A
NALYSE
2... 26
3.5
V
ORBEMERKUNGEN ZU DEN
C
ARGOKULTEN UND ZUM
G
EISTERTANZ
... 32
3.6
F
ALLDARSTELLUNGEN
3 ... 34
3.7
A
NALYSE
3... 37
4. SONDERFÄLLE EROBERUNG MEXIKOS UND DIE TASADAY ... 38
4.1
B
EGRÜNDUNG
... 38
4.2
D
IE
E
ROBERUNG
M
EXIKOS
... 39
4.3
D
IE
T
ASADAY
... 41
5. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK ... 42
6. QUELLENVERZEICHNIS ... 45
2
1. Einleitung
Unter qualitativer Heuristik ist eine Forschungsrichtung zu verstehen, die von Gerhard
Kleining geprägt wurde und das Ziel verfolgt, mittels systematisierter Techniken der
Alltagsforschung neue Zusammenhänge bei den jeweils behandelten Forschungsgegenständen
zu entdecken.
Wenngleich tatsächliche Objektivität in der Sozialwissenschaft nicht zu erreichen ist, so doch
immerhin allgemeine Nachvollziehbarkeit und Intersubjektivität.
Gerhard Kleining schreibt dazu:
,,Verallgemeinerungen in den Sozialwissenschaften sind bezogen auf Gesellschaft und damit
auf Geschichte, da Gesellschaften geworden sind und sich verändern. Der
,,Objektivitätsbegriff" der Sozialwissenschaften ist deswegen der von Intersubjektivität: für
jeweils zu bestimmende Gruppen von Menschen in ihrer historischen Entwicklung gültig."
1
In dieser Arbeit, die den Zweck erfüllen soll, die qualitative Heuristik praktisch zu erproben
und anzuwenden, wird dieser Aspekt besonders deutlich.
Das Thema der Zivilisationskontakte und deren Auswirkungen auf die technisch unterlegenen
Kulturen ist natürlich eines, das sehr von Raum, Zeit und Situation geprägt ist, weswegen sich
die Ergebnisse nicht so ohne weiteres zum Beispiel auf unsere Moderne übertragen lassen,
etwa den fiktiven Fall angenommen, die heutige Menschheit würde sich plötzlich mit einer
höheren Intelligenz konfrontiert sehen. Sicherlich aber würden sich gewisse Grundmuster
wieder finden lassen, die in ihrer Konsequenz aber schwer voraussagbar sind, da hier einfach
zu viele, höchst komplexe Umstände eine Rolle spielen.
Dieses Thema habe ich im Kontext grenzwissenschaftlicher Überlegungen gewählt, dies hat,
neben dem überaus spannenden Thema, auch den Grund, dass die Grenzwissenschaften
(alternativ auch Anomalistik oder Pseudowissenschaften genannt) und ihre Thesenbildung
sich auf einem vorwissenschaftlichen Stand befinden, die häufig durch wenig Selbstreflexion
und Systematisierung gekennzeichnet sind.
Hier sehe ich eine interessante Möglichkeit der Überprüfung solch vorwissenschaftlichen
Ideenguts auf ihre Haltbarkeit.
1
Kleining 1995, S. 79
3
Der Kontext in der grenzwissenschaftliche Annahmen getätigt werden, eignet sich hierbei
meiner Meinung nach besonders für eine heuristische, also entdeckende Verfahrensweise, da
sie sich (deswegen sind es ja GRENZwissenschaften) abseits vom Mainstream bewegen und
häufig in ihrer Entwicklung eine ganz eigene Dynamik genommen haben.
Der Gegenstand dieser Arbeit und der Kontext grenzwissenschaftlicher Thesen soll nun im
Folgenden dargestellt werden.
2. Der Gegenstand dieser Untersuchung
2.1 Zivilisationskontakte und Prä-Astronautik
1968 erschien das Erstlingswerk ,,Erinnerungen an die Zukunft" von Erich von Däniken, mit
dem er die These, Außerirdische im Laufe der Geschichte immer wieder in die Geschicke der
Menschheit eingegriffen, weltbekannt machte.
Seitdem reißen Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen unzähliger Autoren zu diesem
Thema nicht ab und in Internet-Foren wird zum Teil sehr emotional das Für und Wider dieser
Forschungsrichtung, für die sich die Begriffe Prä-Astronautik und Paläo-SETI eingebürgert
haben (hier häufig mit PA oder PS abgekürzt), diskutiert. Sogar eine eigene Laien-
Forschungsgesellschaft, die A.A.S (Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik und
SETI) existiert, die eine eigene Zeitschrift herausgibt und nationale und internationale
Kongresse organisiert.
2
Doch seit fast 40 Jahren hat sie eines nicht geändert, die grundsätzliche Methodik mit der
Laienforscher, aber auch Akademiker (die sich hier häufig allerdings fachfremd bewegen) das
Thema bearbeiten. Hierbei wird immer von gewissen Grundannahmen ausgegangen, mit
denen diese Methodik legitimiert werden soll.
Aber auch die Kritik an dieser Methodik und den vorgestellten Indizien wurde und wird
immer größer. Zu Recht weisen Kritiker auf Denkfehler bei der Vorgehensweise der Prä-
Astronautiker hin und auf die eine mangelnde Bereitschaft, eindeutig widerlegte Thesen
abzustoßen und aus dem Denkgebäude zu entfernen.
Die Paläo-SETI geht von der These aus, dass, sollten Außerirdische einst die Erde besucht
haben, sie von den Menschen aufgrund ihrer unbegreiflichen Technologie nur als Götter
erkannt worden sein konnten. Auf diese Weise sollen neue Religionen und Mythen initiiert
worden sein. Erich von Däniken bezeichnete dieses postulierte Verhalten als ,,Götterschock".
3
2
Weitere Informationen hierzu auf der Homepage der A.A.S
www.sagenhaftezeiten.com
3
Vgl. Däniken 1992
4
Bei dieser These wird sich oftmals auf verschiedene Zivilisationskontakte berufen, von denen
die melanesischen Cargokulte die wahrscheinlich berühmtesten sind.
Schon in seinen ersten Büchern fordert der Schweizer Bestseller-Autor seine Leser dazu auf,
die alten Mythen einmal mit der modernen Brille zu lesen. Immer wieder versucht er in seinen
Frühwerken den Leser durch fiktive Beispiele von seiner These des Götterschocks zu
überzeugen. So konstruiert erst zum Beispiel folgendes Szenario:
,,Konstruieren wir ein Beispiel: Im afrikanischen Busch landet zum ersten Mal ein
Helikopter. Kein Eingeborener hat je eine solche Maschine gesehen. Mit unheimlichem
Getöse landet der Helikopter in einer Lichtung, Piloten in Kampfanzügen, mit Sturzhelmen
und Maschinengewehren springen heraus. Der Wilde in seinem Lendenschurz steht
benommen und fassungslos vor diesem Ding, das vom Himmel hernieder, und vor den ihm
unbekannten >>Göttern<<. Nach einer gewissen Zeit erhebt sich der Helikopter wieder und
entschwindet in den Lüften."
4
Ein solches Szenario lässt sich in ähnlicher Form durchaus vorstellen und Däniken spinnt die
Geschichte weiter:
,,Wieder allein, muss der Wilde mit dieser Erscheinung fertig werden. Er wird anderen, die
nicht zugegen waren, erzählen, was er sah: einen Vogel, ein Himmelsgefährt, das lärmte und
stank Wesen, die weiße Haut hatten die Waffen trugen, die Feuer spien...Der wunderbare
Besuch wird für alle Zeiten festgehalten und überliefert. Wenn der Vater seinem Sohn erzählt,
wird der Himmelsvogel freilich nicht kleiner und die Wesen, die ihm entstiegen, werden
immer merkwürdiger, großartiger und mächtiger. (...) Fortan existiert das Ereignis in der
Mythologie des Stammes weiter."
5
Auf dem ersten Blick scheint es sich bei dieser These um eine plausible Annahme zu handeln.
Seine Schlussfolgerung daraus, ist für Däniken und seinen nachfolgenden Mitstreitern der
Paläo-SETI, dass man alte Mythen durchaus als konkrete Ereignisse verstehen sollte.
Beschreibungen von Göttern, die womöglich noch in fliegenden Wagen unterwegs waren und
über unglaubliche Kräfte verfügten sollen also in Wirklichkeit auf vergangene Kontakte mit
Außerirdischen Wesen zurück zu führen sein, deren wahre Natur von den Menschen nicht
4
Däniken, 1968, S. 96 f.
5
Däniken 1968, S. 97
5
erkannt wurde. Ein solcher Kontakt muss für die Menschen, folgt man dieser Überlegung, so
unglaublich und unverständlich gewesen sein, dass man in den Besuchern nur Götter
erkennen konnte. Die Beschreibungen dieser Ereignisse wurden dann mythologisiert und die
technischen Geräte, Fahrzeuge etc., für die man natürlich keine Begriffe hatten, in
Analogieschlüssen mit Begriffen besetzt, die man kannte. So wurden dann aus den
Fluggeräten zum Beispiel fliegende Wagen oder seltsame Vögel.
Nach dieser Prämisse wurden und werden dann alte Mythen durchforscht um nach
vermeintlichen Hinweisen auf Begegnungen mit Außerirdischen zu suchen. Ein früher
Klassiker in der PS war und ist der Hesekieltext im alten Testament der Bibel.
Aus einer israelitischen Priesterfamilien stammend, lebte Hesekiel (oder auch Ezechiel
geschrieben) um 597 v. Chr. im Exil in Babylon. Dort hatte er eine Erscheinung Gottes, die er
sehr ausführlich schildert. Zum Beispiel heißt es im alten Testament:
,,Am fünften Tag des vierten Monats im dreißigsten Jahr, als ich unter den Verschleppten am
Fluss Kebar lebte, öffnete sich der Himmel und ich sah eine Erscheinung Gottes. (...)
Ich sah: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben
von einem hellen Schein. Aus dem Feuer scheinte es wie glänzendes Gold.
Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. Und das war ihre Gestalt: Sie sahen aus wie
Menschen. Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter und vier Flügel. Ihre Beine waren
gerade und ihre Füße wie die Füße eines Stieres; sie glänzten wie glatte und blinkende
Bronze."
6
Hesekiel hat mehrere derartige Erscheinungen und wird von dieser auch auf einen hohen Berg
gebracht, wo er den Tempel von Jerusalem ,,besichtigt" und mit einem Maßband vermisst.
In der PS wird hinter dieser Prophetie ein konkretes Ereignis vermutet. Hesekiel habe, so die
These, in Wirklichkeit eine Begegnung mit einem Außerirdischen Luftfahrzeug gehabt. Der
inzwischen verstorbene ehemalige NASA-Ingenieur Josef Blumrich glaubte sogar aus den
Beschreibungen Hesekiels eine Art Zubringerschiff mit Helikoptereinheiten und Atomantrieb
rekonstruieren zu können.
7
6
Herder 1980, S. 942
7
Blumrich 1973
6
Ein weiterer Ingenieur, Hans Herbert Beier, nahm sich darauf hin den Tempel vor, zu dem der
biblische Prophet ,,entrückt" wurde und rekonstruierte eine Art Raumschiffwartungsstation
für Blumrichs Shuttle.
8
Dieses Thesengebilde ist aus der prä-astronautischen Literatur heute kaum noch wegzudenken
und wird quasi unwidersprochen (von Detailfragen einmal abgesehen) als Fakt behandelt.
In ähnlicher weise kam und kommt es in der Paläo-SETI immer wieder zu der Behandlung
von Mythen als Reportagen. Seien es nun die Beschreibungen des himmlischen Mannas und
der Bundeslade, aus denen dann eine Nahrung produzierende Mannamaschine wird
9
oder
Beschreibungen aus alt-indischen Sanskrittexten, in denen es vor fliegenden
Götterfahrzeugen, Vimanas genannt, nur so zu wimmeln scheint.
10
Was man allerdings immer wieder vermisst, ist die Nennung dieser Mythen und Berichte in
ihrem religionsgeschichtlichen und Kulturhistorischen Zusammenhang. Die Texte werden
tatsächlich wie rein sachliche Beschreibungen behandelt, lediglich auftauchende
Widersprüche zur ,,außerirdischen" Deutung werden damit abgetan, die Texte wären im Laufe
der Jahrhunderte verfälscht und die tatsächlichen Ereignisse nicht verstanden worden. Damit
kommt es bei der Bewertung der Texte zu einer auf reiner Assoziation beruhenden und vor
allem stark selektiven Auswahl.
Weiter kommentiert Däniken über die ursprünglichen Verfasser der alten Mythen:
,,Sie melden in ihrer zeitlosen Überlieferung einen Wahrheitsanspruch an, der zur Kenntnis
zu nehmen ist. Einmal als sie entstanden, waren sie Reportagen erlebter Ereignisse.
Die ersten Mythenerzähler brauchten keine vieldeutigen Kommentare: Sie wussten nicht,
wovon sie sprachen."
11
Es wird an dieser Stelle nicht möglich sein, die Interpretationen der PA-Anhänger auf ihre
methodische Konsistenz hin zu überprüfen. Vielmehr soll ein anderer Aspekt in den Fokus
genommen werden.
Während es Anfangs bei der reinen Behauptung blieb, in dieser Form würde sich ein solcher
Kontakt mit Außerirdischen in den alten Schriften widerspiegeln, versuchte man in der PA
diese These später durch unsere konkreten Erfahrungen mit ähnlichen in historischen Zeiten
stattgefundenen Zivilisationskontakten zu untermauern. Der populäre Vorreiter war auch hier
8
Beier 1996
9
Sasson / Dale 1994
10
Zum Beispiel bei: Gentes 1996
11
Däniken 1977, S. 122
7
0 Kommentare