Inhaltsverzeichnis:
1 Einführung 1
2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand 3
Gr ündungsforschung 3
2.1
2.1.1 Gegenstand der Gründungsforschung 3
2.1.2 Stand der Gründungsforschung 4
Rubikon -Modell der Handlungsphasen 6
2.2
2.2.1 Der Gründungsprozess im Handlungsverlauf 6
2.2.2 Handlungsphasen im Handlungsverlauf 6
2.2.3 Volitionale Prozesse im Handlungsverlauf 7
Salutogenese und das Konzept des Kohärenzgefühls 9
2.3
2.3.1 Positionierung der Salutogenese in der Stressforschung 9
2.3.2 Stressoren und Widerstandsressourcen 10
2.3.3 Kohärenzgefühl 12
2.3.4 Aktueller Forschungsstand zum Kohärenzgefühl 13
Koh ärenzgefühl im Handlungsverlauf des Gründungsprozesses 15
2.4
3 Konkretisierung der Forschungsfrage 17
Entscheidungsprozess zur Gründung 17
3.1
Handlungsmuster im Gründungsprozess 17
3.2
Ressourcen im Gründungsprozess 18
3.3
Kognitive Bewertungen 18
3.4
4 Darstellung der Untersuchungsmethoden 19
Forschungsdesign 19
4.1
4.1.1 Forschungsansatz 19
4.1.2 Methode der Datenerhebung 20
4.1.3 Gestaltung des Leitfadens 21
4.1.4 SOC Fragebogen 22
Datenerhebung 22
4.2
4.2.1 Wahl der Stichproben 23
4.2.2 Beschreibung der Stichprobe 24
4.2.3 Durchführung der Datenerhebung 25
Auswertung 26
4.3
4.3.1 Ermittlung des SOC-Wertes 27
4.3.2 Transkription der Interviews 27
4.3.3 Auswertungsmethoden der Rohdaten 28
5 Darstellung der Untersuchungsergebnisse 31
Profil der Stichprobe 31
5.1
Ergebnisse der einzelnen Interviews 33
5.2
5.2.1 Teilnehmer TN01- SOC-Wert 128 33
5.2.2 Teilnehmer TN02 - SOC-Wert 119 36
5.2.3 Teilnehmer TN06 - SOC-Wert 169 38
5.2.4 Teilnehmer TN07 - SOC-Wert 171 40
5.2.5 Teilnehmer TN09 - SOC-Wert 155 41
5.2.6 Teilnehmer TN15 - SOC-Wert 164 43
5.2.7 Teilnehmer TN22 - SOC-Wert 145 46
5.2.8 Teilnehmer TN00 - SOC-Wert 157 48
5.2.9 Teilnehmer TN90 - SOC-Wert 151 50
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6 Interpretation und Diskussion der Untersuchung 52
Interpretation der Untersuchungsergebnisse 52
6.1
6.1.1 Entscheidungsprozess zur Gründung 52
6.1.2 Handlungsmuster im Gründungsprozess 55
6.1.3 Ressourcen im Gründungsprozess 56
6.1.4 Kognitive Bewertungen 59
Diskussion der Gütekriterien 60
6.2
6.2.1 Intersubjektive Nachvollziehbarkeit 60
6.2.2 Reflektierte Subjektivität 61
6.2.3 Indikation des Forschungsprozesses 61
7 Resümee und Ausblick 64
Literaturverzeichnis 67
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis 71
Anhang 72
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1 Einführung
Die wirtschaftspolitische Bedeutung von Gründungsaktivitäten und auch deren Förderung ist in Deutschland in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt. Ein Grund ist sicherlich darin zu sehen, dass die Industriestaaten mit den höchsten Gründungsquoten die höchsten Zuwächse beim Bruttoinlandsprodukt und die geringsten Arbeitslosenquoten aufweisen (Sternberg, Otten & Tamásy, 2000). Die aktuellen Analysen der Gründungsaktivitäten des Global Entrepreneurship Monitors (GEM) zeigen, dass Deutschland diesbezüglich weltweit im unteren Drittel zu finden ist (Sternberg, Brixy & Hundt, 2007). Mit Blick auf die Gründungshemmnisse zeigt diese Studie, dass Deutschland zu den Ländern gehört, in denen die Angst mit dem eigenen Unternehmen zu scheitern, sehr ausgeprägt ist. Deutschland belegt in dieser Analyse im weltweiten Vergleich den 37. Rang unter den insgesamt 42 Nationen, die diesem internationalen Forschungskonsortium angehören.
Mit der zunehmenden wirtschaftspolitischen Bedeutung von Gründungsaktivitäten ist auch die Frage nach dem Erfolg neu gegründeter Unternehmen im Allgemeinen und dem Fortbestehen von Gründungen im Speziellen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt (Kohn & Spengler, 2007). So zeigen die Auswertungen der Daten des Jahres 2006 zum Gründungsgeschehen in Deutschland, dass spätestens nach zwei Jahren knapp ein Viertel (24 %) der Gründer ihre Selbstständigkeit wieder beenden (Kohn & Spengler, 2007). Ein-flussfaktoren für das Fortbestehen einer Gründung werden nach dieser Studie in den Eigenschaften der Gründerperson, den Besonderheiten des Gründungsprojekts sowie in der Disposition des Gründungsumfeldes gesehen.
Weniger Information ist noch darüber zu finden, in welchem Umfang die Eigenschaften des Gründers dafür förderlich sind, dass Gründungsabsichten in tatsächlichen Gründungen münden und zum Fortbestehen einer Gründung beitragen. Da Deutschland zwischenzeitlich eine gute Förderinfrastruktur für Gründer mit breit gefächerten Beratungsangeboten besitzt, kommen Kohn und Spengler (2007) in ihrer Studie zu dem Schluss, dass die Gründungshemmnisse auch auf der individueller Ebene des potenziellen Gründers gesucht werden müssen.
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat in seinem Modell der Salutogenese das Konstrukt des Kohärenzgefühls entwickelt, das von der Ausprägung einer individuellen Grundeinstellung des Menschen ausgeht, die darüber entscheidet wie gut Menschen in der Lage sind, vorhandene Ressourcen zu nutzen (Antonovsky, 1997). Er nimmt an, dass selbst für außerordentlich belastende
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Lebensereignisse der Effekt des Ereignisses grundlegend von der Art und Weise der Verarbeitung abhängt. Nach Antonovsky befähigt ein starkes Kohärenzgefühl einen Menschen dazu, seine Bewältigungsstile flexibel an die momentanen Umstände anzupassen. Er kann seine Ressourcen optimal auszuschöpfen und mit Belastungen besser umgehen und somit auch zur Förderung und Aufrechterhaltung seiner Gesundheit beitragen.
Der Schritt zur Gründung kann sowohl als ein herausforderndes als auch als ein belastendes Lebensereignis eingeordnet werden, das Anstrengung und Engagement erfordert, mit Risiken verbunden ist, sowie einschneidende Veränderungen im gesamten Umfeld nach sich ziehen kann. Ob ein starkes Kohärenzgefühls auch im Umgang mit den Herausforderungen einer Gründung einen positiven Einfluss zeigt, soll in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob das Konstrukt des Kohärenzgefühls ein Indi-kator für die Umsetzung von Gründungsabsichten sein kann. Es wird dabei der Gründer mit seinen individuellen Motiven, Handlungsmustern, Ressourcen und Bewertungen im Prozess der Gründung in den Fokus der Betrachtung gestellt. Anhand der individuellen Herausforderungen und Hindernisse der Gründungsphase soll untersucht werden, ob die Art und Weise der Verarbeitung und Bewältigung dieser Herausforderungen durch das Kohärenzgefühl des Gründers beeinflusst werden.
In dieser Arbeit werden zunächst der theoretische Hintergrund und der For-schungsstand beschrieben. Einem Überblick zur Gründungsforschung folgt die Beschreibung der Gründung als Prozess von Handlungsphasen. Diesem schließt sich die Erläuterung des Konzepts des Kohärenzgefühls an, bevor die Bereiche des Gründungsprozess aufgezeigt werden, bei denen ein möglicher Einfluss des Kohärenzgefühls angenommen wird. Nach der Konkretisierung der Forschungsfrage und der Annahmen, werden die Untersuchungsmethoden ausführlich aufgezeigt und diskutiert. Danach folgt die Präsentation der Ergebnisse, die zur Beantwortung der Untersuchungsfrage führen sollen. Nach der Interpretation und Reflektion dieser Ergebnisse wird das Resümee dieser Arbeit gezogen und Ansätze aufgezeigt, die gewonnenen Erkenntnisse in der Gründungspraxis zu berücksichtigen.
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2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand
In diesem Kapitel wird zunächst ein Überblick über den Stand der Gründungs-forschung gegeben, um dem situativen Kontext einer Gründung Rechnung zu tragen. Anschließend wird das Rubikon-Modell der Handlungsphasen (vgl. Heckhausen & Heckhausen, 2006) als theoretisches Modell und Rahmen für die Betrachtung des Gründungsprozesses beschrieben. Mit der Vorstellung der salutogenetischen Orientierung und dem Konzept des Kohärenzgefühls werden die persönlichkeitsbezogenen Anteile des Gründers berücksichtigt. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Bereiche im Handlungsverlauf des Gründungsprozess, bei denen ein möglicher Einfluss des Kohärenzgefühls untersucht werden soll.
2.1 Gründungsforschung
Nachfolgend wird zunächst der Gegenstand der Gründungsforschung erläutert, um anschließend auf den aktuellen Forschungstand einzugehen.
2.1.1 Gegenstand der Gründungsforschung
Bei der Gründungsforschung handelt sich um eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die schwerpunktmäßig in den Wirtschaftswissenschaften angesiedelt ist und sich in Deutschland Mitte der 70er Jahre bildete.
Inhaltlich lassen sich zwei große Themenfelder der Gründungsforschung unterscheiden. Die Arbeiten beschäftigen sich zum einen mit den Prozessen der Gründung neuer Unternehmen und zum anderen mit den Prozessen der Be-standserhaltung und der Entwicklung neu gegründeter Unternehmen, also mit dem Gründungserfolg. Im Bereich der Gründungsprozesse liegt der Schwerpunkt der Fragestellung darauf, wer unter welchen Bedingungen ein Unternehmen gründet und entwickelt, und wie die Aktivitäten und Ergebnisse zu beschreiben und zu erklären sind. Forschungsaktivitäten zum Gründungserfolg beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit Fragen wer mit welcher Gründungsaktivität Erfolg hat, wie der Erfolg beschrieben und erklärt oder auch mit welcher Wahrscheinlichkeit er gestaltet und positiv beeinflusst werden kann.
Neben diesen wissenschaftlichen Aktivitäten gibt es in der Wirtschaftspraxis seit den neunziger Jahren vielfältige Gründungsinitiativen, die beispielsweise von Industrie- und Handelskammern gestartet und getragen werden. Darüber hinaus werden Gründerzentren, Technologieparks und andere Einrichtungen auf staatlicher, regionaler und kommunaler Ebene gefördert. Auch Hochschulen unterstützen den Transfer ihrer Forschungsergebnisse in Ausgründungen.
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2.1.2 Stand der Gründungsforschung
Das Forschungs- und Lehrgebiet Entrepreneurship ist zwischenzeitlich in Deutschland mit ca. 90 Entrepreneurship Professuren voll etabliert (Stand 2004, vgl. dazu Klandt, Koch & Knaup, 2005). Bedingt durch ihre auf viele unterschiedliche Fachdisziplinen verteilten Anknüpfungspunkte, kann die Gründungsforschung nicht als homogenes Forschungsfeld angesehen werden. Sie ist bis heute gekennzeichnet durch eine insgesamt wenig aufeinander abgestimmte Entwicklung und einen Mangel an Einheitlichkeit und Konsistenz ihrer Terminologie (vgl. Schulte, 2006). Nach Schulte verfügt die Gründungsforschung mittlerweile über eine Fülle einzelner Ergebnisse, jedoch sind diese bisher noch nicht zu einem umfassenden und widerspruchsfreien, in sich konsistenten System von Gesetzmäßigkeiten integrierbar.
Die in der Psychologie ihren Ursprung habenden persönlichkeitsbezogenen Ansätze der Gründungsforschung gehen von einem Einfluss persönlicher Eigenschaften („traits“) und dem Einfluss persönlichen Verhaltens auf die Unternehmensgründung aus (vgl. Brüderl, Preisendörfer & Ziegler, 1996). Die Ei-genschaftstheorie umfasst dabei zwei Ansätze, die sich in der Annahme über die Herkunft der Eigenschaften unterscheiden. Die erste Gruppe geht von der genetischen Bedingtheit der Eigenschaften aus, d.h. diese Eigenschaften sind angeboren und nicht veränderbar. Die Ansätze der zweiten Gruppe gehen davon aus, dass die „Gründereigenschaften“ im Verlauf des Lebens durch Erziehung und andere Einflüsse geformt bzw. „sozialisiert“ werden. Diese personenbezogenen Ansätze zur Erklärung von Erfolgen sind nach heutigem Er-kenntnisstand eher kritisch zu beurteilen, sofern sie sich allein auf einzelne Eigenschaftsmerkmale oder deren Kombinationen beschränken (vgl. dazu Brüderl et al, 1996).
Die Unterscheidung zwischen „Necessity“-Gründern (Gründung aus Mangel an Erwerbsalternativen) und „Opportunity“-Gründern (Gründung durch eine Erfolg versprechende Geschäftsidee) hat in der wirtschaftspolitischen Diskussion in den letzen Jahren stark an Gewicht gewonnen. Kohn und Spengler (2007, S. 38) konnten in der Analyse der Gründungsmotive von Existenzgründern belegen, dass bei Vollerwerbsgründern mit 55 % das Notmotiv überwiegt. Das theoretische Modell der Push- und Pull-Faktoren (vgl. Shapero & Sokol, 1982; Plaschka, 1986) räumt Gründern aus der Arbeitslosigkeit eine geringere Überlebenschance ein. Entgegen der Annahme des Modells der Push- und Pull-Faktoren, sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen hinsichtlich des Erfolgs der Gründung nicht eindeutig zu beantworten (vgl. Niefert & Tchouvakhina, 2006). In den vorliegenden Studien konnte die Abhängigkeit
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der Erfolgswahrscheinlichkeit einer Gründung vom vorherigen Erwerbsstatus nicht bestätigt werden.
Nach dem KfW-Gründungsmonitor 2007 (Kohn & Spengler, 2007) ist das Gründergeschehen in Deutschland in 2006 gegenüber den Vorjahren deutlich zurückgegangen. Gründe für diese Abnahme werden einerseits in dem Rückgang der Gründungen aus der Arbeitslosigkeit gesehen. Andererseits wird dies auch damit erklärt, dass viele Menschen eine abhängige Beschäftigung einer selbstständigen Tätigkeit vorziehen und diese Option durch den konjunkturellen Aufschwung wieder eher gegeben ist. Hemmend für das deutsche Gründungsgeschehens wird auch ein im Vergleich zu anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften pessimistisches Gründungsklima in Deutschland angesehen (Kohn & Spengler, 2007). So konnten Kohn und Spengler (2007) belegen, dass die persönliche positive Einstellung des Gründers zu seiner Eignung zum Unternehmertum, zur Vereinbarkeit einer Selbständigkeit mit der persönlichen Lebenssituation und zur finanziellen Realisierbarkeit sehr hohen Einfluss darauf haben, dass eine Gründung tatsächlich umgesetzt und die problematische Frühphase erfolgreich überstanden wird. Frauen sind im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil im Gründungsgeschehen stark unterrepräsentiert. Ihr Gründeranteil liegt bei ca. 40 % (vgl. Kohn & Spengler, 2007, S. 32). Ein wesentlicher Grund wird darin gesehen, dass bei Frauen die Angst vorm Scheitern sehr viel ausgeprägter ist als bei Männern. Auch im aktuellen Länderbericht Deutschland 2006 zum Global Entrepreneurship Monitor (Sternberg, Brixy & Hundt, 2007) sind im Wesentlichen drei Faktoren genannt, die den potentiellen Gründer bei der Umsetzung seiner Gründungsabsicht beeinflussen. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Angst vor dem Scheitern als Gründungshemmnis ein. An zweiter Stelle wird die Einschätzung der Gründungschancen im regionalen Umfeld des Gründers angeführt. Der dritte Faktor, der die Umsetzung von Gründungsabsichten hemmt, liegt in der Wahrnehmung der eigenen, für eine Gründung notwendigen Fähigkeiten.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass für eine erfolgreiche Entwicklung eines Unternehmens die Stimmigkeit von Personen-, Umfeld- und Unternehmensmerkmalen von Bedeutung ist (vgl. dazu auch Brüderl et al, 1996). Dabei ist der Einfluss der Persönlichkeit der Gründerperson vor allem in der Vorgründungsphase bestätigt. Die Dominanz der Person ist nach Frank, Korunka und Lueger (1999) grundsätzlich dort vorherrschend, wo Situationen nicht oder nur schlecht strukturiert sind, was gerade in der Gründungsphase gegeben ist.
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2.2 Rubikon-Modell der Handlungsphasen
Um den Handlungsverlauf des Gründungsprozesses näher betrachten zu können, wird das Rubikon-Modell der Handlungsphasen als theoretisches Modell zugrunde gelegt (vgl. Heckhausen & Heckhausen, 2006).
2.2.1 Der Gründungsprozess im Handlungsverlauf
Der Handlungsverlauf wird im Rubikon-Modell der Handlungsphasen als ein zeitlicher und horizontaler Pfad beschrieben, der mit der Entstehung einer Motivationsintention beginnt und mit der Bewertung des erreichten Handlungsziels endet (Heckhausen & Heckhausen, 2006, S. 7). Mit diesem Modell kann der Gründungsprozess von der Gründungsidee, über die Entscheidung zur Gründung, der Planung und Umsetzung des Gründungsvorhabens bis hin zur Bewertung der Handlungsergebnisse beschrieben werden.
Die entscheidende Innovation dieses Modells liegt nach Achtziger und Gollwitzer (2006, S. 278) darin, dass der diskrete Wechsel zwischen motivationalen und volitionalen Handlungsphasen identifiziert wurde. Diese sind bei der Betrachtung des Gründungsprozesses von besonderem Interesse. Die Motivation bezieht sich auf die Ursachen der Gründungsintention, den Wahl- und Entscheidungsprozessen, die z. B. in den Motiven und Grundüberzeugungen des potentiellen Gründers oder auch in den mit einer Selbstständigkeit verbunden Anreizen zu suchen sind. Es geht in dieser Phase um das „warum“ und „was“ den Gründungsinteressierten motiviert, die Gründung zu initiieren. Die Volition dagegen bezieht sich auf die Umsetzung des Gründungsvorhabens und die Selbststeuerung psychischer Funktionen zur Handlungsausführung (Kuhl, 2006). In diesen Phasen geht es darum, „wie“ der Gründer den Gründungsprozess vorantreibt und beeinflusst und welche Kräfte ihn antreiben, dieses Ziel zu verfolgen und bis zur Zielerreichung durchzuhalten.
2.2.2 Handlungsphasen im Handlungsverlauf
Heckhausen (2006) beschreibt vier Phasen im Handlungsverlauf, die er als natürlich und chronologisch aufeinander folgend charakterisiert. Sie „unterscheiden sich hinsichtlich der Aufgaben, die sich einem Handelnden jeweils dann stellen, wenn er eine bestimmte Phase erfolgreich abschließen will und begründen so ein strukturfunktionales Model aufeinander folgender Handlungsphasen“ (Heckhausen, 2006, S. 278). Diese Gliederung in vier Phasen stellt allerdings eine idealtypische Betrachtungsweise dar, die in dieser Form in der Realität kaum anzutreffen ist (vgl. Heckhausen, 2006).
Die Phasen des Abwägens und Bewertens werden dabei als motivational bezeichnet, da es in ihnen um die Einschätzung der Wünschbarkeit und Erreich-
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barkeit von Zielen bzw. um die Bewertung von Handlungsergebnissen geht. Dagegen werden die Phasen des Planens und Handelns als volitional bezeichnet, da es in ihnen um die Realisierung von Absichten geht.
Mit der Bildung einer verbindlichen Absicht wird der Übergang vom Abwägen zum Wollen (der „Rubikon“ ist überschritten) markiert. Der potentielle Gründer hat sich zu seinem Ziel, sich selbstständig zu machen, verpflichtet. Kann diese Absicht nicht unmittelbar in die Tat umgesetzt werden, schließt sich die Phase des Planens (präaktionale Volitionsphase) an. In dieser Phase werden Ziel führende Umsetzungsstrategien entwickelt, die Abfolge einzelner Handlungsschritte geplant und Vorsätze gebildet, die für die Gründung förderlich erscheinen. Die Initiierung der Gründung beim Eintreten einer geeigneten Gelegenheit bildet den Übergang zur Phase des Handeln (aktionale Volitionsphase). In dieser Phase werden die gefassten Pläne umgesetzt. Bei der Umsetzung der Gründungsabsicht, die durch eine Sequenz von Handlungsschritten gekennzeichnet ist, kann es zu Schwierigkeiten kommen, die durch beharrliches Verfolgen des Ziels und durch Anstrengungserhöhung überwunden werden können. Die Komplexität und der Umfang der Zielhandlung selbst hängen vom jeweiligen Ziel ab. Nach der Beendigung der Handlung schließt sich die Phase des Bewertens an.
2.2.3 Volitionale Prozesse im Handlungsverlauf
Für die nähere Betrachtung der Umsetzung von Gründungsabsichten sind besonders die volitionalen Prozesse von Bedeutung. In der Motivationspsychologie wird der Begriff Wille oder Volition als Kategorie psychischer Funktionen definiert, die die „Koordination einer großen Zahl einzelner Teilfunktionen... wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kognition, Emotion, Motivation, Aktivierung und Bewegungssteuerung... aufgrund eines einheitlichen Steuerungsprinzips vermittelt, das wir „Absicht“ oder „Ziel“ nennen.“ (Kuhl, 1996, S. 678).
Nach Kuhl (1981) können sich Personen bei der Umsetzung einer Handlungsintention in zwei unterschiedlichen Zuständen befinden. Dieser aktuelle Kon-trollzustand einer Person ist dafür ausschlaggebend, ob sie in der Lage ist ihre Absichten in die Tat umzusetzen und die dazu erforderlichen Handlungskontrollstrategien zu aktivieren. Kuhl hat das Konstrukt der Handlungs- vs. Lage-orientierung eingeführt, um individuelle Unterschiede in der Affektkontrolle zu untersuchen (Kuhl, 1981, 1983). In der Theorie der Handlungs- und Lageorientierung bezeichnet Kuhl mit Handlungskontrolle die Steuerung derjenigen Prozesse, die zur Umsetzung einer Intention in die Realität notwendig sind. Sie
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dienen insbesondere zur Abschirmung aktueller Handlungsabsichten gegenüber konkurrierenden Motivationstendenzen. Wie effizient das volitionale System ist, das für die Handlungskontrolle zuständig ist, hängt vom Vorherrschen des jeweiligen Handlungskontrollmodus ab, nämlich der Handlungs- oder der La-georientierung. Von Kuhl (1990) wurde ein entsprechender Fragebogen (HAKEMP 90) zur Erfassung der Handlungskontrolle entwickelt. Handlungs-orientierung ist durch drei Prozesse gekennzeichnet: nach Misserfolg durch Loslösung von intentionsinkompatiblem Grübeln, bei der Handlungsplanung durch Initiative und bei der Tätigkeitsausführung durch Persistenz. Bei Lage-orientierung sind dagegen Unentschiedenheit, Fixierung auf Misserfolg, negative Bewertungen und Inkonsistenz in der Beurteilung eigener Präferenzen zu beobachten. Kuhl schließt aus der Zunahme negativer Bewertungen bei den Lageorientierten auf eine Hemmung des Selbstzugangs, sobald diese mit bedrohlichen Situationen konfrontiert werden (Kuhl, 2006, S. 315). Damit kann Hilflosigkeit durch Kontrollverlust auch dann zu einer Beeinträchtigung der objektiven Leistungsfähigkeit führen, wenn der subjektive Kontrollverlust gar nicht auf die neue Aufgabe generalisiert wird. Die Ursache für generalisierte Leistungsdefizite nach erlebtem Kontrollverlust liegt in der Unfähigkeit den negativen Affekt und die durch ihn ausgelösten negativen Gedanken abzuschalten.
Beeinträchtigungen der Handlungskontrolle bei lageorientierten Personen konnten in einer ganzen Reihe von empirischen Untersuchungen nachgewiesen werden (vgl. Kuhl, 2006, S. 317- 320). Es wurde unter anderem bestätigt, dass in der Gegenwart von Stressoren Lageorientierung mit nachteiligem Stressmanagement und damit einem größeren Ausmaß an subjektiver Belastung, Unzufriedenheit und Depression zusammenhängt (Bossong, 1998). Andere Untersuchungen belegen, dass Handlungsorientierung die Bewältigung von Stress erleichtert und vor stressbedingten Symptomen schützt (Beckmann & Kellmann, 2004).
Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Handlungskontrollmodus der Handlungsorientierung gegenüber dem der Lageorientierung im Umgang und der Bewältigung von Herausforderungen erhebliche Vorteile zeigt. Die Lage-orientierung kann jedoch nicht in jedem Fall als Fehlfunktion betrachtet werden, da auch der jeweilige situative Kontext zu berücksichtigen ist (vgl. Nerdinger, 1995). So kann die Hemmung eigener Ziele zugunsten einer verstärkten Sensibilität für widersprüchliche oder unerwartete Informationen eine angemessene Reaktion auf eine Umwelt sein, in der aktuell unkontrollierbare oder schwer vorhersagbare Rahmenbedingungen vorherrschen und die eine mög-
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lichst schnelle Reaktion erfordern. Auch kann eine zeitweise Unterdrückung eigener Bedürfnisse Voraussetzung für das Erreichen langfristiger Ziele sein. Es wird vermutet, dass Lageorientierte in relativ hoch strukturierten Organisationen sehr effektiv arbeiten (Nerdinger, 1995, S. 133). Diese Rahmenbedingungen sind jedoch bei Gründungen in der Anfangsphase eher selten zu finden.
2.3 Salutogenese und das Konzept des Kohärenzgefühls
In den vorangegangen Kapiteln wurden theoretische Überlegungen zum situativen Kontext und der Prozesshaftigkeit der Gründung vorgestellt. Mit der Salutogenese und dem Konzept des Kohärenzgefühls werden die persönlichkeitsbezogenen Anteile des Gründers als Akteur im Gründungsprozess beleuchtet.
Der Begriff Salutogenese bedeutet „Gesundheitsentstehung“ oder „Ursprung von Gesundheit“ und wurde von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky geprägt. Während sich die Pathogenese primär mit der Entstehung von Erkrankungen auseinandersetzt, wendet sich die Salutogenese der Erforschung der Prozesse zu, die Gesundheit erhalten und fördern. Es wurde die dichotome Klassifizierung von Menschen als gesund oder krank verworfen und diese stattdessen auf einem multidimensionalen Gesundheits-Krankheits-Kontinuum lokalisiert (Antonovsky, 1997, S.29). Antonovsky hat in seiner Zusammenfassung der salutogenetischen Orientierung eindringlich davor abgeraten, sich auf Stressoren zu konzentrieren. Er hat dazu aufgefordert, sich auf die Faktoren zu konzentrieren, die daran beteiligt sind die Position auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum zumindest beizubehalten oder aber auf den gesunden Pol hin zu bewegen (1997, S. 30). Mit dieser Orientierung werden die Bewältigungsressourcen in das Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt
Im Folgenden wird zunächst die Positionierung der salutogenetischen Orientierung in der Stressforschung aufgezeigt, bevor auf die „generalisierten Wider-standsressourcen“ und das Konzept des Kohärenzgefühls von Antonovsky eingegangen wird. Abschließend wird der aktuelle Forschungsstand zum Kohärenzgefühl dargestellt.
2.3.1 Positionierung der Salutogenese in der Stressforschung
Die Stressforschung der letzten Jahrzehnte hat zu vielfältigen Theoriebildungen geführt (vgl. z.B. Richter & Hacker, 1997, S. 22ff). Während reiz- und reakti-onsorientierte Stressmodelle von einem linearen Ursachen-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Belastung und Beanspruchung ausgehen, beziehen transaktionale Modelle die individuellen Anpassungsprozesse eines Menschen auf eine Belastung bzw. Anforderung mit ein. Nach dem Transaktionalen Stress-
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modell (Lazarus & Folkmann, 1984) entsteht Stress dann, wenn die Anforderungen die Anpassungsfähigkeiten oder Ressourcen der Person zu sehr beanspruchen oder übersteigen. Dabei handelt es sich um eine dynamische Beziehung zwischen der Person und der Umwelt. Der subjektiven Wahrnehmung und kognitiv-emotionalen Bewertung der Divergenz zwischen Anforderungen und Ressourcen kommt hierbei eine große Bedeutung zu. Die Möglichkeiten Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stress (Coping) zu entwickeln, steht im Mittelpunkt dieser ‚kognitiven’ Stresstheorien. Mit der Copingforschung rückten die individuellen Bewältigungskonzepte und Ressourcen in den Vordergrund, während sich die Stressforschung auf die Bedeutung von Stress und den Risikofaktoren für die Entstehung und den Verlauf von körperlichen und psychischen Erkrankungen fokussiert.
Die durch Antonovsky (1997) geprägte salutogenetische Perspektive stellt die stabilisierenden, gesunden Anteile bei der Betrachtung von Gesundheitsförderung in den Vordergrund. Es handelt sich beim salutogenetischen Modell also weniger um eine Stresstheorie, als vielmehr um eine neue Sichtweise auf Krankheit und Gesundheit. Das Konzept weist in vielen Bereichen Parallelen zum transaktionalen Stressmodell auf. Es wird das Problem von Krankheit und Gesundheit nicht allein auf der biologisch-medizinischen Ebene betrachtet, sondern mit gleicher Gewichtung auch auf der psychosozialen Ebene. Nach Antonovsky (1997) beeinflussen sowohl die geistig-seelischen Grundorientierungen (Kohärenzgefühl) als auch die persönlichen Widerstandsressourcen die Auswirkungen der Stressoren. Als Protektivfaktoren der Gesundheit benennt Antonovsky, neben körpereigenen und genetischen Abwehrkräften, auch individuelle, kulturelle und soziale Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Problemlösung. Nach Antonovsky schafft ein starkes Kohärenzgefühl eine kognitivemotional günstige Ausgangslage, die es den betreffenden Personen ermöglicht, flexibel solche Copingstrategien auszuwählen, die geeignet erscheinen, mit der jeweiligen Anforderung umzugehen (Antonovsky, 1997, S. 130). In der Arbeits- und Organisationspsychologie wird das Modell der Salutogenese in Zusammenhang mit der Gestaltung einer gesundheitsförderlichen Lebens- und Arbeitswelt diskutiert. Es findet Eingang in Konzepten, die die Gesundheitsförderlichkeit und die Erweiterung von Ressourcen im betrieblichen Umfeld propagieren (vgl. z.B. Ulich & Wülser, 2004; Badura & Hehlmann, 2003).
2.3.2 Stressoren und Widerstandsressourcen
Ein Stressor ist in der Tradition der interaktiven Copingansätze definiert als eine Anforderung, auf die der Organismus keine direkt verfügbaren oder automatischen adaptiven Reaktionen hat und der damit die Ressourcen eines Sys-
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tems angreift oder übersteigt (Lazarus & Folkmann, 1984). Innerhalb der salutogenetischen Orientierung existiert die „grundlegende philosophische Sichtweise, dass der menschliche Organismus sich prototypisch in einem dynamischen Zustand eines heterostatischen Ungleichgewichts befindet“ (Antonovsky, 1997, S. 124). Diese Annahme impliziert, dass uns das Leben permanent mit Reizen konfrontiert, die unsere Ressourcen angreifen oder übersteigen und damit Spannung erzeugen. Nach Antonovsky ist es entscheidend, diese Annahme auf alle Stimuli zu beziehen, die unsere Ressourcen herausfordern. Dies ist unabhängig davon, ob sie als potentiell gefährdend bewertet oder als erfreulich eingestuft werden. Die erste Bewertung eines Reizes entscheidet darüber, ob er als Stressor, d.h. als Reiz, dem gegenüber dem Organismus keine automatisch adaptiven Reaktionen zur Verfügung stehen, definiert wird oder nicht.
Als zentrale Faktoren der Bewertung formuliert Antonovsky das Konzept der generalisierten Widerstandsressourcen. Generalisierte Widerstandsressourcen ermöglichen ein konstruktives Umgehen mit Stressoren. Sie sind sowohl im Individuum als auch in dessen Umfeld und in der Gesellschaft zu finden. Antonovsky fasst darunter gesellschaftliche Faktoren wie intakte Sozialstrukturen und funktionierende gesellschaftliche Netze, individuelle kognitive Ressourcen wie Wissen, Intelligenz und Problemlösefähigkeit, aber auch übergeordnete Konstrukte wie Selbstvertrauen und Ich-Identität und nicht zuletzt politische, ökonomische und materielle Sicherheit. Generalisierte Widerstandsressourcen bedingen, inwieweit Menschen in der Lage sind, die Dauerkonfrontation mit Stressoren zu handhaben. Dies kann durch deren Vermeidung oder durch konstruktiven Umgang mit ihnen geschehen. Stehen einer Person ausreichend Wi-derstandsressourcen zur Verfügung, so können die Stressoren ihr gesundheitsschädigendes Potential nicht entfalten, da die Person bei Konfrontation mit ihnen immer wieder die Erfahrung macht, dass sie sie meistern kann und ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist. Generalisierte Widerstandsressourcen werden als potentielle Ressourcen definiert, die die Person mit einem starken Kohärenzgefühl mobilisieren und dann bei der Suche nach einer Lösung für das instrumentelle Problem anwenden kann (Antonovsky, 1997, S. 19). Ein starkes Kohärenzgefühl liefert nach Antonovsky die motivationale und kognitive Basis für Verhalten, mit dem die von Stressoren gestellten Probleme wahrscheinlicher gelöst werden können.
In Untersuchungen zu Zusammenhängen von Arbeit und Gesundheit wird zunehmend die Frage nach den Bedingungen des Erhalts der Gesundheit gestellt (vgl. z.B. Ulich & Wülser, 2004). Die positive Wirkung von Ressourcen auf
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die Gesundheit, z. B. der Direkteffekt situativer oder sozialer Ressourcen, konnte mehrfach belegt werden (vgl. Ducki & Kalytta, 2006, S. 33). Udris, Kraft, Muheim, Mussmann und Rimann (1992) konnten in ihrer Studie nachweisen, dass hohe Belastungen nur dann pathogen wirken, wenn nicht genügend gesundheitliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Die Ressourcen wurden dabei in einem lebensweltlichen und nicht nur arbeitsweltlichen Zusammenhang klassifiziert. Ein Ergebnis dieser Studie war, dass hohe Belastungen durch die Arbeit nicht zwingend im arbeitsweltlichen Umfeld bewältigt werden müssen, sondern auch durch situative und soziale Ressourcen im Privatbereich ausgeglichen werden können. Auch in der Gründungsforschung liegen zahlreiche Untersuchungen vor, die einen positiven Einfluss sozialer Unterstützung auf die Gründungswahrscheinlichkeit bestätigen (vgl. z.B. Brüderl & Preisendörfer, 1998; Bruce, 1999). So konnten Brüderl und Preisendörfer (1998) beispielsweise den positiven Effekt der unterstützenden Funktion von Familienangehörigen in der Gründungsphase belegen.
2.3.3 Kohärenzgefühl
Je häufiger eine Person die Erfahrung macht, dass sie Stress nicht wehrlos ausgeliefert ist, umso mehr bildet sich eine Überzeugung heraus, dass das Leben in den individuell relevanten Bereichen sinnvoll, überschaubar und handhabbar ist. Dies wird umso wahrscheinlicher sein, je mehr generalisierte Widerstandsressourcen der Person zur Verfügung stehen. Das Ausmaß dieser Überzeugung ist nach Antonovsky (1997) der entscheidende Parameter für die Platzierung auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum. Er bezeichnet dies als Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC) und definiert es als eine „globale Orientierung“ eines durchdringenden, andauernden und dennoch dynamischen Gefühls des Vertrauens (Antonovsky, 1997, S. 36). Dieses globale Gefühl des Vertrauens, die Art der Lebensbetrachtung, konnte Antonovsky in seinen empirischen Studien auch in der detaillierten Auswertung von Interviewprotokollen anhand von bestimmten Sätzen und einzelnen Worten belegen (Antonovsky, 1997, S. 73). Auch wenn er davon ausging, dass das Kohärenzgefühl im Erwachsenenalter weitgehend ausgebildet und wenig veränderbar ist, hat er eingeräumt, dass „…eine mutige Entscheidung oder sogar eine von außen herbeigeführte Veränderung eine beträchtliche Veränderung des Ausmaßes des SOC in die eine oder andere Richtung auslösen kann“ (Antonovsky, 1997, S. 117). Der Schritt zu einer Gründung kann als ein mutiges und herausforderndes Lebensereignis betrachtet werden.
Die drei Teilkomponenten des Kohärenzgefühls bezeichnet Antonovsky als Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit. Verstehbarkeit ist das
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Ausmaß, in dem eine Person interne und externe Stimuli als kognitiv sinnhaft wahrnimmt. Handhabbarkeit kennzeichnet das Maß, in dem eine Person wahrnimmt, dass sie geeignete Ressourcen zur Verfügung hat, um den von den Stressoren ausgehenden Anforderungen zu begegnen und sie handhaben zu können. Die Teilkomponente Bedeutsamkeit repräsentiert das motivationale Element des Kohärenzgefühls. Ein hohes Ausmaß an Bedeutsamkeit lässt Aufgaben und Anforderungen „…als Herausforderung und als wichtig genug…“ erscheinen um „…emotional in sie zu investieren und sich zu engagieren“ (Antonovsky, 1997, S. 35). Im wechselseitigen Zusammenhang der Teilkomponenten wird die motivationale Komponente der Bedeutsamkeit als am wichtigsten eingestuft, da sie die Richtung der Veränderung bestimmt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die anderen Komponenten unwichtig sind. Erfolgreiches Coping hängt vom Kohärenzgefühl als Ganzem ab (vgl. Antonovsky, 1997, S. 36ff).
Das Konstrukt des Kohärenzgefühls steht in Konkurrenz zu anderen gut untersuchten Dimensionen, was teilweise zu Kritik geführt hat (vgl. z.B. Schmidt-Rathjens, Benz, van Damme, Feldt und Amelang, 1997). Es lässt sich zwischen der SOC-Skala und Skalen zur Messung von Ängstlichkeit, Depressivität oder Neurotizismus zumeist sehr hohe (negative) Korrelationen finden (Schumacher, 2002). Darüber hinaus erweist sich auch eine klare Abgrenzung des Kohärenzgefühls von anderen inhaltlich verwandten Konstrukten als schwierig. Bengel et al. (2001, S. 52ff) haben die Konstrukte Kontrollüberzeugung, Selbstwirksamkeitserwartung, Widerstandsfähigkeit und dispositioneller Optimismus in Hinblick auf Übereinstimmungen und Unterschiede zum Kohärenzgefühl untersucht und diese Konstrukte vergleichend nebeneinander gestellt.
Auch konnte in verschiedenen Untersuchungen zur faktoriellen Struktur der SOC-Skala konnte keine Faktorenstruktur identifiziert werden, die eine eigenständige Messbarkeit der drei Komponenten des Kohärenzgefühls belegt (vgl. Bengel, Strittmatter & Willmann, 2001, S. 40; Schumacher, Wilz, Gunzelmann, Brähle, 2000b). Deswegen wird in empirischen Untersuchungen meist auch nur ein Gesamtwert für das Kohärenzgefühl ermittelt und berichtet.
2.3.4 Aktueller Forschungsstand zum Kohärenzgefühl
Es liegen eine große Anzahl an empirischen Studien zum Kohärenzgefühl in unterschiedlichen Zusammenhängen vor. Diese beziehen sich auf Gesundheit und Gesundheitsverhalten, Stresswahrnehmung, Personenmerkmale, soziales Umfeld, etc. (vgl. dazu zusammenfassend Bengel et al., 2001).
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In Zusammenhang mit Gesundheit belegen zahlreiche Befunde eine fast ausschließlich signifikante Korrelation zwischen verschiedenen Aspekten psychischer Gesundheit und dem Kohärenzgefühl, wo hingegen der Zusammenhang zu körperlicher Gesundheit deutlich geringer ausfällt (Bengel et al., 2001, S. 43ff; Flensborg-Madsen, Ventegodt, & Merrick, 2005). Es finden sich ebenso Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Kohärenzgefühl und dem Ausmaß an wahrgenommenen Stress. In einer Studie von McSherry und Holm (1994) konnte beispielsweise bestätigt werden, dass Personen mit niedrigeren SOC-Werten weniger Bewältigungsressourcen wahrnahmen und weniger Zutrauen zu sich hatten eine Situation zu meistern, als diejenigen mit einem ausgeprägten Kohärenzgefühl. In dieser Untersuchung wurden Gruppen mit niedrigem, mittlerem und hohem Kohärenzgefühl kontrollierten Stresssituationen ausgesetzt. Es konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass Probanden mit mittlerem und hohem Kohärenzgefühl signifikant weniger gestresst, ängstlich und ärgerlich waren. In einer schwedischen Studie wurde die Beziehung des Kohärenzgefühls zu anderen psychosozialen Indikatoren untersucht (Holmberg, Thelin & Stiernström, 2004). In dieser Studie wurde eine stark negative Korrelation zwischen erlebten hohen beruflichen Anforderungen und Kohärenzgefühl sowie eine positive Korrelation zwischen dem beruflichen Handlungsspielraum und dem Kohärenzgefühl nachgewiesen. Darüber hinaus hat diese Studie gezeigt, dass weder der Bildungsstand noch der ausgeübte Beruf mit dem Kohärenzgefühl korrelieren. Die Forscher ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass das Kohärenzgefühl ziemlich unabhängig von soziodemographischen Bedingungen ist, aber mit anderen psychosozialen Indikatoren variiert (Holmberg et al, 2004, S. 235). Auch in einer finnischen Studie, in der das Kohärenzgefühl und die damit verbundenen Einflussfaktoren von arbeitslosen Krankenschwestern untersucht wurden, konnte bestätigt werden, dass das Kohärenzgefühl nicht mit dem Bildungsstand korreliert (Leino-Loison, Gien, Katajisto & Valimaki, 2004). Von allen soziodemographischen Variabeln zeigte nur das durchschnittliche Familieneinkommen eine signifikante Beziehung zum Kohärenzgefühl. Zu der Fragestellung ob ein hohes Kohärenzgefühl eines angehenden Gründers den Gründungsprozess unterstützt, sind keine Untersuchungen bekannt.
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2.4 Kohärenzgefühl im Handlungsverlauf des Gründungsprozesses
Die Fragestellung ob das Kohärenzgefühl eines Gründungsinteressierten oder Gründers ein möglicher Indikator für die Umsetzung von Gründungsabsichten sein könnte, stellt den potentiellen Gründer mit seinen individuellen Motiven, Handlungsmustern, Ressourcen und Bewertungen im Handlungsprozess der Gründung in den Fokus der Betrachtung.
Das Rubikon-Modell der Handlungsphasen soll in dieser Untersuchung als Rahmen dienen (vgl. Kap. 2.2.1.). Die nachfolgende Abbildung (Abb. 1, in Anlehnung an Heckhausen & Heckhausen, 2006)) zeigt diesen Handlungsrahmen im Überblick:
Abb. 1: Das Rubikonmodell der Handlungsphasen (erweitert in Anlehnung an Heckhausen & Heckhausen, 2006) Im Folgenden sind die Bereiche im Handlungsverlauf des Gründungsprozesses zusammengefasst, die in der Untersuchung näher betrachtet werden sollen.
In der abwägenden Phase des Gründungsprozesses, wird das „Warum“ der Gründungsabsicht beantwortet. Es stehen die individuellen Motive und Überzeugungen im Vordergrund, die den potentiellen Gründer bei der Entscheidung zur Umsetzung seiner Gründungsidee beeinflussen. Die Bewertung und Abwägung der Chancen und Risiken können durch die gründungsspezifischen Rahmenbedingungen wie Innovation, Marktchancen etc. bestimmt werden. Sie können aber auch durch die persönliche Einstellung des Gründers zu seiner Eignung zum Unternehmertum, seiner Wahrnehmung der eigenen, für eine Gründung notwendigen Fähigkeiten und Erwartungen beeinflusst werden. Die Bedeutsamkeit, als motivationales Element des Kohärenzgefühls, lässt Aufgaben und Anforderungen „…als Herausforderung und als wichtig genug“ erscheinen um „…emotional in sie zu investieren und sich zu engagieren“ (Antonovsky, 1997, S. 35).
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In den beiden Phasen des Planens und Handelns geht es darum, „wie“ der Gründer den Gründungsprozess vorantreibt und beeinflusst. Es stehen die Handlungsprozesse, die er wählt und die Kräfte, die ihn antreiben sein Ziel zu verfolgen, im Fokus der Betrachtung. Nach Antonovsky schafft ein starkes Kohärenzgefühl eine kognitiv-emotional günstige Ausgangslage, die es den betreffenden Personen ermöglicht, flexibel solche Handlungsstrategien auszuwählen, die geeignet erscheinen, mit der jeweiligen Anforderung umzugehen (Antonovsky, 1997, S. 130).
Ressourcen werden über alle Phasen des Handlungsverlaufs eingesetzt. Sie dienen dazu die Handlungsintensität oder die Stabilität und Variabilität positiv zu beeinflussen. Dies bedeutet, dass in den einzelnen Handlungsphasen unterschiedliche Ressourcen von Bedeutung sind. In der abwägenden Phase ist die Aktivierung von solchen Ressourcen erforderlich, die einen Sinnbezug für die beabsichtigte Gründung herstellen (vgl. auch Ducki & Kalytta, 2006). In der planenden Phase tragen in erster Linie personale Ressourcen dazu bei, eine stabile Entscheidungsbasis für oder gegen eine Handlung aufzubauen. In der Phase des aktiven Handelns können situative und personale Ressourcen dazu verhelfen, den Handlungsanforderungen flexibel zu begegnen. Antonovsky weist auf den Unterschied „zwischen einer Widerstandsressource als potentiellem Aktivposten und der tatsächlichen Mobilisierung und Nutzung einer Ressource“ hin (Antonovsky, 1997, S. 130). Er hat Ressourcen als potentielle Ressourcen definiert, die eine Person mit einem starken Kohärenzgefühl mobilisieren und bei der Suche nach einer Lösung für das Problem anwenden kann (Antonovsky, 1997, S. 19). Dabei wählt die Person aus einem Repertoire vor-handener Ressourcen die Kombination aus, die am besten geeignet erscheint.
In der Phase des Bewertens wird ein Abgleich zwischen den anvisierten und den tatsächlich erreichten Zielen durchgeführt. Es wird geprüft, ob das Ziel erfolgreich erreicht wurde oder nicht und welche Ursachen dem zugrunde liegen. Die Bewertungen dieser Phase wirken sich auf die nächsten Handlungszyklen aus. Sie sind also sowohl mit Rückschau als auch mit dem Blick in die Zukunft verflochten. Der Bewertung der Herausforderungen und Handlungsergebnisse kommt mit der Definition des Kohärenzgefühls als „globale Orientierung“ eines durchdringenden, andauernden Gefühls des Vertrauens (Antonovsky, 1997, S. 36) eine besondere Bedeutung zu. Kann den Herausforderungen aufgrund ihrer Verstehbarkeit und der vorhandenen Ressourcen konstruktiv begegnet werden, wird die wahrgenommene Handhabbarkeit die Überzeugung stärken, auch zukünftige Anforderungen meistern zu können.
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Arbeit zitieren:
Ella Kolb, 2008, Kohärenzgefühl als ein möglicher Indikator für die Umsetzung von Gründungsabsichten? , München, GRIN Verlag GmbH
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