die Möglichkeit und die Bewältigungstaktik des Ereignisses vermittelt, auch wenn nicht jeder in diese Situation gerät. 2
Kommunikation wird als wichtiges Instrument und Spiegel der Sozialisation gesehen. Anhand der verbalen und nonverbalen Sprache zeichnet sich eine Rollenzugehörigkeit ab, die sich gegen andere Gruppen in ihrem Ausdruck und ihren Verhaltensmustern absetzt und wie ein Code die eigenen Mitglieder verbindet und untereinander zu erkennen gibt. Oberflächlich betrachtet, zeigt sich dies in Deutschland beispielsweise allein schon an den einzelnen Dialekten der verschiedenen Regionen. Ein Bayer in Berlin fällt unvermeidlich auf, sobald er zu sprechen beginnt. Doch nicht nur die äußeren Merkmale der Ausdrucksweise geben ihn als Bayer zu erkennen. Vielmehr wird er auch über den Inhalt seiner Worte entlarvt, falls er katholisch konservativ gegen die Ansichten eines Atheisten in der Streitfrage um das Kreuz im Klassenzimmer argumentiert. Doch nicht nur im deutlichen Konflikt tritt seine bayrisch geprägte Identität zu Tage, sondern sie scheint auch in ganz alltäglichen Handlungen durch, zum Beispiel in seinem Verhaltensmuster im Straßenverkehr gegenüber dem eher hektischen Berliner. Jedoch hört seine Rolle mit der des Bayern bei weitem nicht auf, wie Berger in „Einladung zur Soziologie: eine humanistische Perspektive“ zeigt. Er vereint viele Rollen auf sich, nach denen er sich in verschiedenen Situationen bezüglich eines bestimmten Umfeldes verhält: So die Rolle des Familienvaters beispielsweise, der in seinen Worten Strenge walten lässt, die Rolle des ergebenen Sohnes, der seiner Mutter in allem nachgibt, oder er ist von Beruf Ingenieur, der eine gewisse Fachsprache gebrauchen muss, um von seinen Kollegen verstanden und anerkannt zu werden, die ihm aber im häuslichen Leben nicht nützlich sein kann. Über das verwandte Vokabular und die Ausdrucksweise gibt er seine jeweilige Rolle zu erkennen. Das spezifische Vokabular 3 hilft ihm große Sachverhalte gegenüber seinen Kollegen in Kürze zu erklären. Als Ingenieur zum Beispiel, musste er sich zunächst im Studium die entsprechenden Vokabeln aneignen, um sein Fach zu verstehen und verstanden zu werden. Nach Heinz- Günter Vester macht hier das Wissen die Identität aus. 4 Die Identität ist somit nichts anderes als die erworbene Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die über den gleichen Konsens verfügt. So muss der Ingenieur eine gewisse Technik des Zeichnens benutzen, um in seinem Beruf produktiv werden zu können, wie auch eine Fachsprache verwenden. Vester nennt dies die „Kulturelle Kompetenz“, die aber auch über den Fortschritt und die Zeit veränderlich ist und immer wieder neu für die Erhaltung der Identität ausgelotet
2 Z.B. über Redewendungen und Sprichworte („Wer einmal lügt, dam glaubt man nicht, auch wenn er mal die
Wahrheit spricht.“)
3 Dazu zählen auch Metaphern und Anspielungen, die nur ein Gruppenmitglied richtig deuten kann.
4 Vgl. Vester, Heinz- Günter: Kollektive Identitäten und Mentalitäten. Von der Völkerpsychologie zur
kulturvergleichenden Soziologie und interkulturellen Kommunikation, Frankfurt/ M. 1996, S.99. Seite 2 von 8
werden muss. 5 Nur über den Austausch mit anderen gelingt es ihm, sein eigenes Rollenwissen mit dem der anderen zu vergleichen und eventuell seine Rolle, sprich einen Teil seiner Identität, zu erweitern. Er muss, um in seiner Rolle, also um in seiner Berufsgruppe, bestehen zu können, ständig überprüfen, ob seine Art der Kommunikation noch aktuell ist und er über das notwendige Vokabular und Wissen verfügt, um dazugehörig zu sein. In der Sprache wird so die ständige Veränderung der Sozialisation deutlich. Auch als Familienvater ist das Verhalten unseres Bayern ständigen Veränderungen unterworfen, allein durch das Heranwachsen seiner Kinder. Um mit ihnen befriedigend kommunizieren zu können, muss er sich zumindest ein wenig auf ihre erlebten Veränderungen einstellen, damit sein Wort Geltung behält. Durch dieses Anpassen verändert sich auch sein Verhalten, also seine Handlung gegenüber den Kindern und damit seine Identität. Wo er dem Kleinkind einen Klaps auf die Finger gegeben hat, muss er dem Teenager erklären, warum er nicht mit dem Feuer spielen darf. Das Individuum steht demnach im ständigen Behauptungskampf seiner Identität. Nur über Anpassung der Sprache und Handlung zu seinem Umfeld, ist es ihm möglich Akzeptanz zu finden. Damit ist die Kommunikation der wichtigste Bestandteil der Sozialisation, weil diese nur über sie gelingen kann.
Das bereits oben genannte zu erlernende Wissen des jeweiligen Individuum, welches ihm hilft, sich der Gruppe entsprechend zu verhalten, beinhaltet Regeln und Normen, sowie einen Schlüssel zum Vokabular, der sich u.a. aus Metaphern, Redewendungen und Symbolen zusammensetzt. 6 Um die Handlung anderer Gruppenmitglieder richtig einordnen zu können, ist es demnach unerlässlich, auch den traditionellen Background zu erlernen und gewisse Zusammenhänge von Handlung und Wirkung zu erkennen. Die Familie ist demgemäß der erste Ort der Kommunikation und damit der Sozialisation. So würde der Sohn unseres Familienvaters diesen nicht anerkennen, wenn er nicht von Beginn an erlernt hätte, dass er in eine patriarchalische Gesellschaft geboren wurde, in der die Stimme des Familienoberhauptes Gewicht trägt. Zudem schlüsselt das Wissen um diesen Sachverhalt auch seine Rolle in der Gesellschaft auf und gibt ihm einen Verhaltensspielraum, dessen er sich selbst immer wieder versichern muss, sei es durch Konflikte mit dem Vater, um Ansprüche geltend zu machen und seine eigene Rolle zu erweitern, oder sei es durch den Versuch eine andere Rolle der Identität in das Familienleben zu integrieren, wie die des jugendlichen Rebell vor seinen
5 Vgl. Vester, Heinz- Günter: Kollektive Identitäten und Mentalitäten. Von der Völkerpsychologie zur
kulturvergleichenden Soziologie und interkulturellen Kommunikation, Frankfurt/ M. 1996, S.99: „Im Falle der
personalen Identität geschieht dies in Situationen interpersoneller Kommunikation, im Falle der kulturellen
Identität in der interkulturellen Kommunikation.“
6 Vgl. ebd, S.101: „Zur Identifikation gehört die kulturelle Kompetenz, das heißt das praktische Wissen um die
zentralen Bedeutungen und Regeln der Kultur.“ Seite 3 von 8
Klassenkammeraden. Seinen Jargon den Freunden gegenüber wird er wohl in Gegenwart seines Vaters ablegen müssen, um eine gelungene Kommunikation zwischen den beiden zu gewährleisten. Allein die Mimik des Vaters wird ihm Aufschluss darüber geben, ob er mit einer Standpauke oder einem Lob rechnen kann, was Außenstehende eventuell nicht deutlich erkennen können. Er wird zu dem in der Lage sein, Aussagen wie „Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst…“ einordnen und entschlüsseln zu können. Würde der bayrische Vater stattdessen sagen „Solange das Wasser die Spree runter fließt…“ (eine Redewendung, die er auf seiner Berlinreise verinnerlicht hat) wäre es dem Sprössling nicht unbedingt möglich allein anhand der Worte die Aussage des Vaters auszumachen, da er nicht über das zum Vokabular gehörige Hintergrundwissen verfügt, um die Metapher einzuordnen. Über die nonverbalen Ausdrücke allerdings (Körperhaltung, Gesichtsausdruck, usw.) wäre es ihm aber möglich das Gesagte zu deuten. Dennoch ist immer die Möglichkeit einer Fehlinterpretation der Zeichen und Signale gegeben, die nur durch das komplette Wissen über das Rollendasein ausgeräumt werden kann.
Sprache kann ebenfalls zur Abgrenzung zu anderen Gruppen dienen. Als Ingenieur gelingt es unserem Mann durch seinen berufsspezifischen Wortschatz sich von Laien abzusetzen und sich hervorzuheben. 7 Er lässt weniger gut ausgebildeten Kollegen vielleicht auch seine Zugehörigkeit zur Berufselite spüren, indem er einen forcierten Fachjargon zur Schau trägt. Sein Sohn hingegen wird sich von ihm eventuell nicht nur durch seine Jugendsprache absetzten, sondern dem Vater auch durch die von seiner Clique anerkannte Musikrichtung den Altersunterschied verdeutlichen und ihn von jenem Hintergrundwissen der gängigen Jugendkultur ausschließen, um seine eigene Identität zu stärken. Die Clique wird zudem in der Schule gegenüber anderen Schülergruppen ihren Musikgeschmack forcieren, um sich von ihnen abzusetzen und ihre Identität und Exklusivität zu festigen, unabhängig davon, ob ihnen die je andere Musikrichtung (Kleidungsstil, Rituale etc.) auch gefallen könnte. Über die Kommunikation des Vaters mit dem Sohn gelingt es ihm, gewisse Informationen z.B. über die Musik, die er hört, zu gewinnen und lernt die Signale der Sprache einzuordnen. Auf der anderen Seite gibt er aber auch einzelne Vokabeln seiner Altersgruppe z.B. musiktechnisch gesehen an den Sprössling ab. Durch diesen andauernden Austausch und den damit verbundenen immerwährenden Lernprozess, bleibt die Sozialisation nicht starr, sondern hilft dem Individuum sich ununterbrochen anzupassen und zu orientieren, um die eigene Identität im Zusammenhang mit der Gruppenzugehörigkeit auszuloten. 8
7 Vgl. Badura, Bernhard: Sprachbarrieren zur Soziologie der Kommunikation, Stuttgart 1971, S. 124.
8 Vgl. Zitat Klix in: Sperka, Markus: Psychologie der Kommunikation in Organisationen. Eine Einführung auf
systematischer Grundlage, Essen 1996, S.90. Seite 4 von 8
Arbeit zitieren:
Kati Neubauer, 2005, Die Position der Sprache in der Sozialisation, München, GRIN Verlag GmbH
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