1. Einleitung
Emotionale Störungen des Kindesalters bezeichnen eine Gruppe von Störungen in der Kinder-und Jugendpsychiatrie, bei der Angst durch bestimmte, im Allgemeinen ungefährliche Objekte, die sich außerhalb der Person befinden, hervorgerufen wird. Sie sind ähnlich einer „richtigen“ Angststörung und werden definiert als Verstärkung normaler Entwicklungsprobleme, jedoch mit besseren Prognosen: Viele ängstliche Kinder sind als Erwachsene unauffällig.
Zu der Gruppe von Störungen, nach dem ICD-10, werden Störungen gezählt, die eine Verstärkung normaler Entwicklungen darstellen. Darin unterscheiden sie sich von den Phobien. Bei den Emotionalen Störungen steht die Angst vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation im Vordergrund, die im Allgemeinen ungefährlich ist. Die Typen der emotionalen Störungen des Kindesalters (F 93) werden unterschieden nach Trennungsangststörung (F 93.0), phobische Störung des Kindesalters (F 93.1), soziale Angststörung des Kindesalters (F 93.2) und der Geschwisterrivalität (F 93.3). 1
Die folgenden Seiten werden als erstes definieren, was „Emotionen“ sind und wie diese in der frühkindlichen Entwicklung herausgebildet werden. Des Weiteren werden die emotionalen Störungen des Kindesalters thematisiert, mit den Untertypen der Trennungsangststörung, der phobischen Störung des Kindesalters, der sozialen Angststörung des Kindesalters und der Geschwisterrivalität. Hier sollen die Leitsymptome, die Ursachen und die Folgen der jeweiligen emotionalen Störungen näher beleuchtet werden. Als letzten Betrachtungspunkt sollen die möglichen Behandlungsmethoden der Störungen vorgestellt werden.
1 Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: ICD-10 online (WHO-Version 2006):
http://www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl2006/fr-icd.htm, Abgerufen am 04.04.09.
2
2. Hauptteil
2. 1 Emotionen
2. 1. 1 Definition
Das Wort Emotion (Synonym: Gefühl, Affekt) lässt sich vom lateinischen Begriff emovere ableiten, welches mit den Verben „wegschaffen, vertreiben, herausheben, aufwühlen, erschüttern“ übersetzt wird. Im Volksmund wird der Begriff der Emotion auch als Gemütsbewegung bzw. Gemütszustand definiert. In der Fachliteratur werden Emotionen als „Gefühlszustände beschrieben. Sie motivieren Handlungen, steuern den Gefühlsausdruck und regulieren die Interaktion mit anderen Menschen.“ 2
Es ist ein psychophysiologischer Prozess, der durch die bewusste bzw. unbewusste Aufnahme und Interpretation eines Objekts oder einer Situation hervorgerufen wird, wobei dieser physiologische Wandlungen, spezifische Kognitionen, subjektives Emotionserleben und die Abwandlung der Verhaltensbereitschaft auslöst.
Emotionen sind kurzlebige, vorübergehende Zustände, die auf äußere Ereignisse reagieren, wodurch sich diese deutlich von den Synonymen Stimmung, Gefühl und Affekt abgrenzen: Stimmungen sind länger anhaltende emotionale Phasen, deren Vorhandensein und Auslöser oft unbemerkt bleiben. Gefühle bezeichnen das subjektive Erleben der Emotion, wie das Gefühl der Freude, der Lust, der Unlust, der Angst, der Furcht, der Trauer, der Aggression, des Ärgers, der Scham oder des Neides. Von Affekten spricht man, wenn Emotionen Handlungen auslösen, die nicht mehr oder in geringerem Maße kontrollierbar sind. Sie bezeichnen die emotionale Färbung dessen, was man sagt oder tut. Die Affekte werden nach richtig, falsch, gut oder böse beurteilt. 3
Emotionen „sagen etwas über den inneren Zustand eines Menschen aus und sind meist mit bestimmten Körperempfindungen wie Muskelspannung oder -entspannung, Schwitzen, Erröten, Urindrang usw. verbunden. Deshalb sind Emotionen auch z.T. an der Mimik, Gestik, Sprechweise usw. ablesbar.“ 4 Dadurch dass wir unsere Emotionen durch Gesichtsausdruck oder Verhaltensweisen ausdrücken, teilen wir uns der Gesellschaft mit, was die Emotionen zu einem wichtigen Faktor im Sozialverhalten sowie Sozialleben macht. Des Weiteren „alarmieren (sie; d.V.) uns in Gefahrensituationen und werden von erkennbaren physiologischen Reaktionen begleitet, die unsere psychophysiologische Leistungsfähigkeit
2 Petermann, Franz, Niebank, Kay, Scheithauer, Herbert 2004: Entwicklungswissenschaft.
Entwicklungspsychologie - Genetik - Neuropsychologie. Berlin, S. 135.
3 Ebd., S. 135.
4 Remschmidt, Helmut 2000: Angstsyndrome und emotionale Störungen, In: Remschmidt, Helmut (Hrsg.),
Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine praktische Einführung. Stuttgart, S. 16.
3
erhöhen und uns auf entsprechende Reaktionen vorbereiten. Darüber hinaus besitzen Emotionen eine kognitive Komponente - sie beeinflussen Gedächtnis, Denken und Entscheidungsfindung - und bewegen uns zum Handeln oder zur Tatenlosigkeit.“ 5
2. 1. 2 Frühkindliche Entwicklung der Emotionen
In den ersten Lebenstagen zeigt das Neugeborene ein ruhiges, überwiegend gefühlsneutrales Verhalten. Es zeigt eher negative Gefühlsregungen, wie Schreien, die auf bestimmte, ihm unangenehme Reize hinweisen sollen.
Diese Beobachtung beweist auch die Theorie von Oerter und Holodynski 6 , nach der der menschliche Säugling mit angeborenen emotionalen Ausdrucksreaktionen zur Welt käme, die den Eltern dessen momentane Bedürfnislage anzeigen und darauf gerichtet seien, sie zu entsprechender Bewältigungstat zu veranlassen. Diese bilden sich in den ersten vier Wochen aus:
„1. Schreien: signalisiert einen dringenden Bedarf z.B. nach Nahrung, Körperkontakt etc. (Emotion Disstress); 2. Lächeln: markiert - zunächst als „Engelslächeln“ mit geschlossenen Augen - den Abschluss eines Spannungs-Entspannungs-Zyklus und signalisiert den Aufbau von Reizkontingenzen (Emotion Wohlbehagen);
3. (visuelle) Aufmerksamkeitsfokussierung mit leicht geöffnetem Mund: signalisiert die Neuartigkeit externer Stimulation (Emotion Interesse); 4. Schreckreflex mit aufgerissenen Augen und Körperspannung: signalisiert eine bedrohliche Überstimulation (Emotion Erschrecken);
5. Naserümpfen mit Vorstrecken der Zunge, um Mundinhalt auszuspucken: signalisiert ungenießbare Nahrung (Emotion Ekel).“ 7
Mit etwa acht Monaten hat das Kleinkind gelernt, bekannte Gesichter von unbekannten zu unterscheiden. Bei der sogenannten „Achtmonatsangst“ zeigt das Kind ein „abwehrendängstliches Verhalten […]. Der Säugling fühlt sich in dieser Zeit noch stark von der Mutter abhängig und nur in ihrer Gegenwart sicher.“ 8 Dies zeigt, dass die wichtigsten Bezugspersonen einen Einfluss auf die Entwicklung der Emotionen von Säuglingen und Kleinkindern haben. Die Erwachsenen vermitteln den Kindern ihre Standards: Die Kinder lernen durch Nachahmung der Erwachsenen Emotionen auszudrücken. Die Bezugspersonen
5 Petermann, Franz, Niebank, Kay, Scheithauer, Herbert 2004: Entwicklungswissenschaft.
Entwicklungspsychologie - Genetik - Neuropsychologie. Berlin, S. 135.
6 Holodynski, Manfred, Oerter Rolf 2008: Emotionale Entwicklung, In: Oerter, Rolf, Montada, Leo (Hrsg.),
Entwicklungspsychologie. Basel, S. 554f.
7 Ebd., S. 554f.
8 Remschmidt, Helmut 2000: Angstsyndrome und emotionale Störungen, S. 17.
4
steuern in manchen Fällen auch das Verhalten ihrer Kinder durch einen bestimmten Emotionsausdruck, z. B. warnt ein entsetzter Ausdruck das Kind davor, etwas Gefährliches zu tun. 9
Bereits bis zum zweiten Lebensjahr zeigt das Kleinkind alle Grundemotionen, wie Interesse, Leid, Widerwillen, Freude, Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verachtung und Schuldgefühle. In den folgenden Jahren setzt sich die Differenzierung der Gefühle fort. Dabei ändern sich sowohl der Bereich der die Emotionen auslösenden Reize als auch die Form des Ausdrucks dieser Emotionen und die Art des Reagierens auf diese Gefühle. Während z. B. ein Säugling auf Angst auslösende Reize mit Schreien reagiert, sucht der Zweijährige Schutz bei der Mutter oder er läuft davon. Das Kleinkind lernt, welche Gefühle und Arten des Gefühlsausdrucks von der Gesellschaft akzeptiert werden, und es lernt dadurch, welche Gefühle er zeigen darf und welche nicht. Daraus kann man schließen, dass die Entwicklung der Gefühle in den ersten Lebensjahren angelegt wird und sich im Laufe der Jahre eine Differenzierung sowohl der Gefühle als auch der auslösenden Reize und damit verbundenen Reaktionen vollzieht. 10
Die einzelnen Entwicklungsstufen der Emotionen bei Kleinkindern werden gut in der Sroufes Stufentheorie (1979) 11 zusammengefasst. Diese geht zunächst davon aus, dass „sich die meisten Emotionen aus drei Emotionsvorläufern (entwickeln; d.V.), die bereits beim Neugeborenen zu beobachten sind: Vergnügen/Freude, Ängstlichkeit/Furcht, Wut/Ärger.“ 12 Im Laufe der Entwicklung bilden sich weitere Emotionen heraus, die in folgenden acht Stufen der Differenzierungstheorie von Sroufe vorgestellt werden: „1. die Periode der absoluten Reizschranke (1. Monat);
2. Zuwendung zur Umwelt (2.-3. Monat) und Differenzierung von Neugier/Interesse und Freude/Lächeln;
3. Vergnügen an gelungener Assimilation (3.-5. Monat) mit Differenzierung von Freude/Vollem Lachen und Wut/Enttäuschung;
4. aktive Teilnahme am sozialen Geschehen (6.-9. Monat) mit Differenzierung von Vergnügen und Ärger;
9 Von Hofacker, Nikolaus 2004: Störungen der emotionalen Verhaltensregulation des späten Säuglingsalters und
des Kleinkindalters, In: Papousek, Mechthild, Schieche, Michael, Wurmser, Harald (Hrsg.),
Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Frühe Risiken und Hilfen im Entwicklungskontext der Eltern-Kind-
Beziehungen. Bern, S. 214ff.
10 Petermann, Franz, Niebank, Kay, Scheithauer, Herbert 2004: Entwicklungswissenschaft, S. 151f.
11 Ruth, Hellgard 2008: Sozialverhalten und Emotionen, In: Oerter, Rolf, Montada, Leo (Hrsg.),
Entwicklungspsychologie. Basel, S.203f.
12 Ebd., S. 203.
5
Arbeit zitieren:
Alina Heberlein, 2009, Emotionale Störungen des Kindesalters, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Alina Heberlein's Text Emotionale Störungen des Kindesalters ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Alina Heberlein hat den Text Emotionale Störungen des Kindesalters veröffentlicht
Alina Heberlein hat einen neuen Text hochgeladen
Emotionale Entwicklung in Psychoanalyse, Bindungstheorie und Neurowiss...
Theoretische Konzepte und Beha...
Viviane Green, Elisabeth Vorspohl
Sozial-emotionale Entwicklung fördern
Wie Kinder in Gemeinschaft sta...
Simone Pfeffer, Hartmut W. Schmidt
Wenn andere mit Gefühlen drohe...
Susan Forward, Donna Frazier, Diane von Weltzien
Emotionale Veränderung fördern
Grundlagen einer prozeß- und e...
Robert Elliott, Leslie S. Greenberg, Laura N. Rice
0 Kommentare