Inhaltsverzeichnis
Einleitung 03
1. Frankreich 04
2. Österreich-Ungarn 07
3. Russland 09
4. Großbritannien 12
Fazit 14
Literaturverzeichnis 16
2
Einleitung
Mit der Reichsgründung vom 18. Januar 1871 wird die deutsche Einheitsbestrebung im Rahmen der kleindeutschen Lösung vollendet. Jenes Ereignis stellt ohne Zweifel eine Zäsur in der deutschen Geschichte dar. Grund genug zu fragen, wie der Rest Europas die Reichsgründung wahrnimmt? So rücken die Urteile, die die anderen über Deutsch-land fällen, in den Mittelpunkt dieser Betrachtung. Das Urteil Deutschlands über sich selbst oder über andere wird dementsprechend ausgeblendet. Weiterhin sollen weder der preußisch-österreichische Krieg, noch der deutsch-französische Krieg genauer untersucht werden. Höchstens die Ursachen und Folgen jener Kriege können Eingang in dieser Arbeit finden. Zudem muss auf eine konkrete Darstellung der Politik Bismarcks und dessen Absichten verzichtet werden. Im Gegensatz zur thematischen Abgrenzung erscheint die chronologische Begrenzung schwieriger, da Ausnahmen die Regel bilden. Jedoch soll der Zeitraum nach 1866 bis 1871 grundsätzlich beleuchtet werden. In bibliographischer Hinsicht fällt sofort auf, dass die überwiegende Literatur veraltet ist. Mit der Aufgabe, die Reichsgründung aus europäischer Perspektive zu betrachten, erscheint es ratsam, die einzelnen Großmächte in der Reihenfolge Frankreich, Österreich-Ungarn, Russland und Großbritannien zu untersuchen. Im Fazit sollen dann die einzelnen Ergebnisse in aller Klarheit wiedergegeben werden. Abschließend soll ein Exkurs unternommen werden, der das Verhältnis von Nationalstaatlichkeit und europäischen Gleichgewicht z. Z. des deutschen Einigungsprozesses aufzeigt. Was die nichtdeutschen Europäer über die Reichsgründung 1871 denken, bleibt abzuwarten. Angefangen mit dem Staat Frankreich, der von der deutschen Einigung am meisten betroffen ist 1 , soll nun die gestellte Frage auf langsamen Weg beantwortet werden.
1 Vgl. Duroselle, Jean-Baptiste: Die europäischen Staaten und die Gründung des Deutschen Reiches, in:
Schieder, Theodor/Deuerlein, Ernst (Hg.): Die Reichsgründung 1870/71, Stuttgart 1970, S. 388.
3
1. Frankreich
Bereits die Fragestellung, wie in Frankreich der deutsche Einigungsprozess und dessen Resultat bewertet wird, impliziert die Schwierigkeit, eine allgemeinfranzösische Haltung darzustellen. Man müsste wohl sehr kurz greifen, um eine eindeutige Tendenz erkennen zu wollen. Vielmehr wird sich zeigen, dass das französische Urteil über deutsche Einigung und Einigungsbestrebung von einer „außergewöhnliche[n] Vielschichtigkeit“ 2 gekennzeichnet ist. Schon für die Zeit nach 1866 und die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges von 1870 sind Ziele und Motive der französischen Außenpolitik sehr unklar. Einerseits lässt Napoleon III. das Nationalitätsprinzip auch für Deutschland gelten, andererseits betreibt er eine konsequente Status-quo-Politik 3 . Wie will man infolgedessen öffentliche und politische Meinung auf einen Nenner bringen, wenn selbst das außenpolitische Verhalten Frankreichs bereits in den Umrissen Widersprüche enthält? Das französische Deutschlandbild benötigt daher eine Ausdifferenzierung, welche den ebengenannten Widerspruch, nicht ausräumt, aber zumindest nachvollziehbar erscheinen lässt.
Zwei grundsätzliche Standpunkte, wohlbemerkt auf politischer Ebene, könnten daher als Erklärungsansatz dienen, weshalb das außenpolitische Handeln Napoleons von einer gewissen Gegensätzlichkeit bestimmt wird. Zum einen vertreten viele Liberale, Demokraten und Radikale den Standpunkt, nach dem das Nationalitätsprinzip allen Völkern zugestanden werden sollte - somit auch den Deutschen. Zum anderen herrscht eine „traditionell realistische Haltung“ 4 in Frankreich vor, die den überlieferten Vorstellungen des „Kardinals“ Richelieu entsprechen. Dem folgend könnte Deutschland nur ein annehmbarer Nachbar sein, wenn es geteilt bleibt, oder solange Preußen und Österreich um die Vorherrschaft wetteifern. Diese beiden Standpunkte, welche unvereinbar sind, deuten zweifelsohne das Dilemma französischer Außenpolitik bzw. Deutschlandpolitik an. Auf der öffentlichen Ebene ist hingegen festzustellen, dass ein großer Teil der französischen Bevölkerung bis zum Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges Sympathien für Deutschland und dessen Einigung hegt. Diese Sympathien verschwinden allerdings nach 1866 schlagartig. Gerade den preußischen Ansprüchen, die sich im Pra-
2 Duroselle,Jean-Baptiste: Die europäischen Staaten und die Gründung des Deutschen Reiches, S. 388.
3 Vgl. Radewahn, Wilfried: Europäische Fragen und Konfliktzonen im Kalkül der französischen Außen-
politik vor dem Krieg von 1870, in: Kolb, Eberhard (Hg.): Europa vor dem Krieg von 1870, München
1987, S. 36.
4 Duroselle, Jean-Baptiste: Die europäischen Staaten und die Gründung des Deutschen Reiches, S. 389.
4
ger Frieden manifestieren, ist der französischen Öffentlichkeit ein Dorn im Auge. Dies gilt ebenso und besonders für die Person Bismarck, dessen Polenpolitik und dessen Verhalten im dänischen Krieg schon vor 1866 zu einem äußerst negativem Bild in der Öffentlichkeit geführt hat. Ein Politiker, der keine friedliche Einigung anstrebt, sondern vielmehr eine kriegerische Macht- und Eroberungspolitik betreibt. Hinzu kommt die als rückläufig empfundene Innenpolitik Bismarcks, welche vielfach nur auf das bekannte Zitat von „Blut und Eisen“ reduziert wird 5 . Selbst bei den noch wenigverbliebenen Ei-nigungsbefürwortern mehren sich die Zweifel, ob das italienische Beispiel auch für das „militaristische Preußen“ gelten sollte. Insgesamt sehen nun die meisten „in der deutschen Einheit eine Gefahr oder verlangen nach Kompensationen, den berühmten >Trinkgeldern<, die Bismarck [aber] dann sehr geschickt zu umgehen“ 6 weiß. Der Krieg zwischen Preußen und Österreich kann demnach als ausschlaggebend für eine Neubewertung der deutschen Einigungsbestrebung verstanden werden. Dies gilt sowohl für die öffentliche Meinung, als auch für die politische Landschaft in Frankreich. In diesem Zusammenhang muss auf die widersprüchlich Deutschlandpolitik Napoleons nochmals verwiesen werden, da gerade jenes Dilemmata einen wichtigen Ansatzpunkt bietet, um den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges verstehen zu können. Denn schwankend zwischen dem Nationalitätsprinzip und dem Kurs des europäischen Gleichgewichts ist die Situation Napoleons III. mehr als verfahren. Einerseits unterstützt er Bismarck bei der Einheitsbewegung (Nationalitätsprinzip), jedoch nur in Nord-deutschland und verlangt andererseits hierfür die berühmten Kompensationen (Kurs des europäischen Gleichgewichts) 7 . Nach dem preußischen Sieg von Königgrätz wird dies um so deutlicher, als Napoleon den Versuch unternimmt, vermittelnd in die Geschehnisse einzugreifen, da ihm sein eigentliches Ziel, als Schiedsrichter im „deutschen Krieg“ 1866 aufzutreten, misslingt. Auf diesem Weg will er sein „Deutschlandprogramm“ doch noch durchsetzen. In jenem „Programm“ sollen die Mittelstaaten gestärkt und daraus resultierend, der französische Einfluss in Deutschland erhöht werden 8 . „Aber der Kaiser überzeugt nicht.“ 9 Die „Politik der Trinkgelder“ schlägt fehl und obwohl die Deutschlandpolitik Napoleons bis zur französischen Kriegserklärung undurchsichtig bleibt, so zeichnet sich dennoch eine gewisse Tendenz zum Kurs des europäischen
5 Vgl. Fehrenbach, Elisabeth: Preußen-Deutschland als Faktor der französischen Außenpolitik in der
Reichsgründungszeit, in: Historische Zeitschrift Beiheft 6 (1980), S. 128f.
6 Duroselle, Jean-Baptiste: Die europäischen Staaten und die Gründung des Deutschen Reiches, S. 390.
7 Vgl. ebd., S. 389ff.
8 Vgl. Radewahn, Wilfried: Europäische Fragen und Konfliktzonen im Kalkül der französischen Außen-
politik vor dem Krieg von 1870, S. 40.
9 Duroselle, Jean-Baptiste: Die europäischen Staaten und die Gründung des Deutschen Reiches, S. 390.
5
Arbeit zitieren:
Conrad Maul, 2007, Europa und die Reichsgründung von 1871, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Hobbes und Rousseau: Der Vertragsschluss als staatsbegründendes Moment...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 21 Seiten
Rudolf Losse von Eisenach und seine Bewerbung um ein Kanonikat am Erfu...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Conrad Maul's Text Europa und die Reichsgründung von 1871 ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Conrad Maul hat den Text Europa und die Reichsgründung von 1871 veröffentlicht
Conrad Maul hat einen neuen Text hochgeladen
Der Berliner Kapitalmarkt nach der Reichsgründung 1871
Gründerzeit, internationale Fi...
Markus Baltzer
Ereignis - Beschreibung - Insz...
Michael Fischer, Christian Senkel, Klaus Tanner
Entdecken und Verstehen - Sekundarstufe I - Berlin - Neubearbeitung. 9...
Thomas Berger-von der Heide, Petra Bowien, Stephan Burrichter, Heidrun von der Heide, Karl-Heinz Müller, Hans-Gert Oomen, Stephan Warnatsch, Thomas Berger von der Heide
Die Preußische Armee zwischen Ancien Régime und Reichsgründung
Peter Baumgart, Bernhard R. Kroener, Heinz Stübig
Das deutsche Innovationssystem seit der Reichsgründung
Indikatoren einer nationalen W...
Hariolf Grupp, Iciar Dominguez-Lacasa, Monika Friedrich-Nishio
Annals of the King OS Royal Rifle Corps: Vol 3 Othe K.R.R.C. O1831-187...
Lewis Butler, Lewis Butler Lieut -Col Lewis Butler
0 Kommentare