0 Einleitung
Diese Ausarbeitung wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung ”Die aktuelle Schuldebatte” angefertigt. In dieser wurde die Schulstruktur in Deutschland näher betrachtet. Neben der Vorstellung der einzelnen Schulformen, den Hintergrund, Aufgaben und Chancen, wurde u. a. der Zusammenhang von sozialer Herkunft und der Erfolg im Schulsystem diskutiert. In den letzten Jahren ist die Schulstruktur in Deutschland erneut kritisch hinterfragt worden, die Institution Schule wird von vielen Seiten kritisiert. Das Thema betrifft nahezu alle Bundesbürger und ist ein dementsprechendes brisantes Thema.
Inwieweit das gegliederte Schulsystem zur Debatte steht, zeigt folgendes Zitat von Prof. Dr.
Rita Süßmuth 1 :
„Wir haben in Deutschland ein ständisches Schulwesen. Die Hauptschule entspricht der früheren Volksschule für das gemeine Volk. Die Realschule nimmt die Mittelschicht auf, das Gymnasium wendet sich an die Bildungsoberklasse. So sieht, ein wenig überzeichnet, die heutige Schulstruktur aus. Und die reicht nicht mehr für eine Wissensgesellschaft mit einer dramatisch sich beschleunigenden Alterung. Wir müssen jeden einzelnen Schüler voranbringen, weil wir jeden später als Bürger und als Finanzierer des Sozialsystems brauchen. Wir können uns die dreigliedrige Schule schlicht nicht mehr leisten [...]“
PISA, TIMSS, IGLU und andere Schulleistungsuntersuchungen sind immer wieder Ausgangspunkte um die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems zu überdenken. Die schulstruktuellen Probleme, die u. a. die oben genannten Studien immer wieder aufzeigen, werden in vielen Bereichen deutlich. Allerdings lassen sich zwei Hauptentwicklungen feststellen, die für die Schulkrise eine zentrale Rolle einnehmen: Die Abnahme der Zahl der Kinder und somit auch der Schüler
Das deutsche Schulsysten, welches als Selektionsmodell als sozial ungerecht gilt (vor allem im Bereich der Sekundarstufe 1) (vgl. Preuss-Lausitz, 2008, S. 7).
Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Arbeit die Zukunft des mehrgliedrigen Systems, welches in Deutschland die Schullandschaft prägt, aus soziologischer Sicht analysiert, sowie mögliche Alternativen angesprochen. Bewusst wird hier nicht von dem (traditionellen) dreigliedrigen System gesprochen, da sich das Schulsystem unter dem immer größer werdenden Veränderungsdruck stetig gewandelt hat. Durch die bildungspolitischen Maßnahmen und das förderale System ist die Struktur sehr unübersichtlich und unüberschaubar, da jedes der 16 Bundesländer ihre Schultsruktur eigens gestalten kann. So finden sich viele unterschiedliche Systeme, von dem zweigliedrigen bis hin zum fünfgliedrigen System ist alles vorzufinden. Diese Arbeit besteht aus zwei zentralen Blöcken: Zum einen wird die deutsche Schullandschaft mitsamt einem historischen Abriss vorgestellt, anschließend wird im zweiten Themenblock eine mögliche Alternative aufgezeigt.
1 Im Interview mit der TAZ (Nr. 7780) vom 28.08.2005, S. 18
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So beginnt das erste Kapitel mit der Geschichte des deutschen Schulwesens ab 1945. Um das aktuell vorherrschende System zu verstehen, ist ein geschichtlicher Abriss unabdingbar. Da für die Bundesrepublik ab 1945 quasi ein neues Zeitalter anfing und um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, macht es Sinn, diesen geschichtlichen Abriss 1945 zu starten. Dennoch werden auch die Strukturen vor und nach der Weimarer Republik angesprochen, da diese für das Verständnis ebenfalls von großer Bedeutung sind.
Die anschließende Bestandsaufnahme versucht die deutsche Schullandschaft, in der, wie oben beschrieben, sehr unterschiedliche Strukturen vorhanden sind, so gut es geht einheitlich dazustellen. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf die Sekundarstufe I, da diese für die Schullauf-
bahn der Schüler 2 eine bedeutende Rolle spielt.
Die Sonder- bzw. Förderschulen werden aufgrund ihres speziellen Auftrags bewusst ausgeklammert und ferner können nur die im Regelfall auftretenden Phänomene aufgegriffen werden. Auch wenn man durchaus von sechzehn verschiedenen Schulsystmen ausgehen kann, wurde versucht, diese in drei große Gruppen einzuteilen und die wesentlichen Strukturen der Sekundarstufe I herauszuarbeiten.
Im dritten Kapitel wird ein Vergleich zwischen einem mehr oder weniger klassischen dreigliedrigen System (Bayern) und einem der Reformbundesländer (Hamburg) angestellt, um mich anschließend mit einer Alternative zum dem mehrgliedrigen System, der Gemeinschaftsschule, kritisch auseinandersetzen zu können. Für den Begriff ”Gemeinschaftsschule” gibt es viele Definitionen, die unterschiedliche Bedeutungen haben und somit in vielen unterschiedlichen Kontexten auftauchen. Der Begriff Gemeinschaftsschule wird in dieser Arbeit als ein „neues Strukturmodell, das auf eine Überwindung der strikten Gliederung des Schulsystems zielt und dabei unterschiedliche Varianten zuläßt“aufgefasst. (Jungmann, 2008, S. 19). Zusammenfassend kann man also folgende Leitfragen, die diese Arbeit begleiten festhalten: Welche geschichtlichen Hintergründe prägen das deutsche Schulsystem und somit auch die Diskussion, die um die Schulstruktur geführt wird? Ist ein gegliedertes Schulsystem zukunftsfähig?
Welche Struktur zeichnet die aktuell vorhandene Schullandschaft in Deutschland aus?
Sind die durchgeführten Reformen echte Alternativen und lösen sie die vorhandenen Probleme?
Inwieweit lässt sich eine Gemeinschaftsschule einführen? Welche Vor- und Nachteile stehen sich diesbezüglich gegenüber?
2 Um einen einfacheren Lesefluss zu gewährleisten, schließt auch der Begriff Schüler in den folgenden Ausführungen immer beide Geschlechter mit ein
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1 Geschichte des deutschen Schulsystems ab 1945
Mit Ende des zweiten Weltkrieges musste das deutsche Bildungssystem neu aufgebaut werden. Die nachkriegszeitlichen Probleme wie z. B. der Mangel an Lehrmittel- und Räume, sowie die Personalsorgen erschwerten den Neuaufbau des Schulsystems erheblich (vgl. Cortina u. a., 2003, S. 55).
Eine entscheidene Frage, auf welchem Fundament die Neuorientierung geschehen sollte, stand hierbei im Vordergrund. Im Osten wie auch im Westen knüpfte man zunächst an die re-formpädagogische Tradition der Weimarer Republik an (vgl. Führ, 1997, S. 56). Exkurs: Der Weimarer Schulkompromiss
Dennoch kam es zu einer unterschiedlichen Entwicklung der Schulsysteme im Westen und im Osten:
Im Osten setzte man auf die polytechnischen Schulen (Klasse 1-10), die als Einheitsschulen die Realschulen und die Gymnasien ablösten und man somit durchaus von einem Traditionsbruch sprechen kann (vgl. Führ, 1997, S. 8). Das Abitur und somit die Hochschulberechtigung konnte man auf der erweiterten Oberschule (auch polytechnische Oberschule) erwerben. Im Westen setze sich hingehen die Restauration des gegliederten Schulwesens durch. Die echte dreigliedrige Struktur, ist aber erst nach der flächendeckenden Einrichtung der Realschulen entstanden (vgl. ebd., S. 8). Diese entsprang aus den Mittelschulen und bekam gegen Ende der 1950er Jahre den Namen Realschule. Die Realschule steht von ihrem Anspruch her zwischen der Hauptschule und dem Gymnasium.
Ungebrochen galt in diesem System das Gymnasium als Elitebildungsanstalt. Die Hauptschule löste im 1964 beschlossenen Hamburger Abkommen die Volksschule ab, die somit als selbständige Schule der Sekundarstufe I galt. Die vertikale Gliederung des Schulsystems wurde durch die Klassifikation der Berufsgruppen gerechtfertig, so galt die Hauptschule z. B. eher als praktische Schule und diente der volkstümlichen Bildung, das Gymnasium hingegen galt demgegenüber als eine Elitebildungsanstalt, diente also der höheren Bildung (vgl. Cortina u. a., 2003, S. 55f).
In den 1960er Jahren entflammte in Westdeutschland eine erneute Diskussion um die Reform des Schulwesens. Man sah sich zu einer Anpassung der Schulstruktur an die gewandelten Gegebenheiten gezwungen. Ein klares Ziel war hierbei der Erhöhung der Zahl der Abiturienten (vgl. Herrlitz u. a., 2005, S. 171ff).
So entstand 1965 der Bildungsrat, der sich aus einer Bildungskommission (18 namhafte Wissenschaftler) und einer Verwaltungskommission (bestand zum größten Teil aus Politikern), zusammensetzte. Die Chancenungleichheiten im Bildungssystem sollten abgebaut werden. Empirische Untersuchungen ergaben, dass Geschlechts-, Konfession-, Schicht- und Regionlaspezifische Ungleichheiten vorherrschen, diese sollten gelöst werden. Das katholische Arbeitermädchen vom Land präsentierte die im Bildungssystem diskriminierte Gruppen (vgl. ebd., S. 174).
Um die gesteckten Ziele und vor allem das Hauptziel der Chancengleichheit zu erreichen, schlug der Bildungsrat die Auflösung der typisierten Bildungsgänge (und der damit verbundene Zwang zu frühen Selektionsentscheidungen) hin zu einem Stufenschulsystem vor. So kam es ab Ende der 1960er Jahre zur Einrichtung von Gesamtschulen, allerdings lösten diese das dreigliedrige System nicht ab, da der Vorschlag des Bildungsrates aus politischen Interessen und Ansichten nicht durchgesetzt wurde. So wurden die Gesamtschulen als ergänzende Schul-form neben Haupt-, Realschulen und Gymnasien als Kompromisslösung eingeführt. Nachdem der Versuch, das Schulsystem komplett neu zu strukturieren, und zwar von einem gegliederten hin zu einen gestuften Schulaufbau, als gescheitert angesehen werden konnte, gingen die einzelnen Bundesländer im Westen vermehrt eigene Wege. Dieses wird vor allem bei der Verbreitung der Gesamtschulen deutlich, die je nach Bundesland und politischer Richtung
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mehr oder weniger ausgebaut wurden (vgl. Herrlitz u. a., 2005, S. 176ff). Auch wenn grundlegende Merkmale des Schulsystems erhalten geblieben sind, kann man eine deutliche Veränderung des Schulwesens in den Jahren ab 1960 erkennen. Die gestiegene Bildungserwartung, die damit verbundene Bildungsexpansion, d.h. vor allem das Wachstum der Schülerzahlen an den weiterführenden Schulen, haben das Verhältnis der einzelnen Schulformen zueinander verändert. So hat z. B. die Hauptschule dadurch an Bedeutung verloren, dass sich der mittlere Bildungsabschluss als Bildungsstandart entwickelt hat (vgl. ebd., S. 181ff). Es begann also eine ”Umschichtung nach oben”, bei der die höheren Bildungsschichten sich ausdehnen, die unteren Bildungsschichten sich im Gegensatz dazu verringern.
Eine weitere große Herausforderung im Bildungsbereich brachte die Wiedervereinigung 1990 mit sich. Eine neue Phase in der Bildungspolitik begann mit dem Neuaufbau. Die fünf neuen Bundesländer (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) und der östliche Teil Berlins mussten ihre Rahmenbedingungen für das Schulwesen den westdeutschen Verhältnissen anpassen. Es gab keine ernsthafte Diskussion über die Beibehaltung bzw. Weiterentwicklung der Schulstruktur der DDR. So mussten ca. 6000 Polytechnische und erweiterte Oberschulen dem gegliederten System des Westens angepasst werden (vgl. ebd., S. 237ff).
Der Osten hat das Bildungswesen des Westen in den Grundzügen übernommen, dennoch kann man einige Besonderheiten beobachten: Im Osten wurden die Gesamtschulen, wie auch im Westen, stark diskutiert und haben sich nur vereinzelt durchgesetzt. Das Gymnasium hat sich in allen Bundesländern erfolgreich durchgesetzt und kann als deutlichstes Zeichen der Anpassung an die westdeutsche Struktur gesehen werden. Die Kombination bzw. das Zusammenlegen von Haupt- und Realschule war dagegen eine Besonderheit der ostdeutschen Bundesländer und zugleich eine der wichtigsten Innovationen der Schulgesetzgebung geworden. So ersetzte die Schulform in nahezu allen (neuen) Bundesländern die Hauptschule als selbständige Schulform (vgl. ebd., S. 239). Lediglich Mecklenburg-Vorpommern orientierte sich zunächst an die Dreigliedrigkeit des westlichen Schulsystems, aber aufgrund der demographischen Entwicklung konnte dieses nicht aufrecht erhalten werden. So haben die starken Wanderungsverluste, von denen vor allem die ostdeutschen Bundesländer betroffen sind, der Rückgang der Geburtenzahlen und die dadurch resultierende Veränderung der Bevölkerungsstruktur natürlich Einfluss auf das Schulwesen. Diese Entwicklung ist ein entscheidender Faktor und Begründung für die Zusammenlegung der Haupt- und Realschulen (vgl. Cortina u. a., 2003, S. 70f).
Trotz grundlegender Übereinstimmungen der Bildungsstrukturen im Westen und Osten zeigt sich vor allem im Bereich der Sekundarstufe I, dass es unterschiedliche Ausrichtungen gibt. Dementsprechend brachte die Umstellung der Schulstruktur in den östlichen Bundesländern eine vergrößerte Vielfalt der Schullandschaft mit sich. Von einem zweigliedrigen Schulsystem bis hin zu dem fünfgliedrigen Modell ist in der Bundesrepublik alles vorhanden. Nachdem die Entwicklungsprozesse des Schulwesens nach 1945 vorgestellt wurden und bevor die einzelnen Bundesländer hinsichtlich ihrer Schulstruktur präsentiert werden, ist es sinnvoll
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Arbeit zitieren:
Holger Müller, 2009, Die Zukunft des mehrgliedrigen Schulwesens, München, GRIN Verlag GmbH
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