1. Einleitung
Descartes muss in seinen Meditationen über die erste Philosophie auf das Problem des Wahren und Falschen eingehen, da Wahrheit eine Grundlage für den Beweis Gottes ist. Wie wäre es möglich, Gott zu beweisen, wenn man nicht wüsste, was Wahrheit wäre? Dadurch kommt Descartes auch auf das Problem des Irrtums zu sprechen. Wenn Gott gütig ist, wie kann er es dann zulassen, dass der Mensch irrt und sich und anderen dadurch schaden kann? Wie kommt der Irrtum, als eine Ursache für das Schlechte in der Welt, überhaupt zustande? Und wie ist es möglich, einem Irrtum vorzubeugen?
Ich stützte mich bei meiner Arbeit auf die Ausgabe der Meditationen im Felix Meiner Verlag 1 . Weiterhin kommen Gedanken aus dem Seminar in der Arbeit zum Tragen.
2. Die Begriffe ‚klar und deutlich’
Um ergründen zu können, was den Irrtum ausmacht, muss man die Grundlage des Begriffes ‚klar und deutlich’ bei Descartes verstehen. Aufgrund der Erkenntnis, dass die Sinne „uns bisweilen täuschen, und es [...] ein Gebot der Klugheit [ist], denen niemals ganz zu trauen, die uns aber auch nur einmal getäuscht haben“ 2 , macht Descartes es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was als gesichert anzusehen ist, was schließlich zum cogito-sum-Argument führt. Er bemerkt, dass er seine Hand „so deutlich“ (S. 16) nicht im Schlafe spürt und daraufhin sieht er „ganz klar, daß Wachsein und Träumen niemals durch sichere Kennzeichen unterschieden werden können“ (S. 17). Hierin ist zu finden, dass das ‚deutliche’ Erspüren der Hand eine sinnliche Erfahrung darstellt, die im Verstand erkannt wird. Das Fühlen der Hand ist als gegeben anzusehen, da der Verstand dies deutlich erkannt hat, das heißt, die Sinne haben die wahre Information geliefert, dass die Hand da ist und gespürt wird. Ob dies im Schlaf genauso geschieht wie im Wachen, ist eine andere Frage. Durch genaueres Nachdenken kommt Descartes darauf, dass man das Träumen und das Wachen nicht an bestimmten Merkmalen unterscheiden kann. Somit ist die Sicht klar und deutlich, wenn man die Merkmale der Dinge erkennt. Erst wenn man die Gesamtheit der Merkmale einer Sache erkannt hat, ist eine Sache nach Descartes ‚klar und deutlich’.
1 Descartes, René: Meditationen: über die Grundlagen der Philosophie. Hamburg 1960 (=Philosophische
Bibliothek, 271).
2 Ebd., S. 16 Weitere Stellen aus diesem Text werden im Text mit einer Seitenzahl gekennzeichnet.
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Diese Erkenntnis der Merkmale und das klare und deutliche Erkennen der Dinge ist die Grundlage, um dem Irrtum zu entgehen und um das Problem des Irrtums bei Descartes zu verstehen.
3. Über den Grund von Irrtum und Falschheit
3.1. Das Verhältnis zwischen Mensch und Gott - Gottesbeweis
Durch die Betrachtung der Gründe des Irrtums kommt Descartes in der dritten Meditation überhaupt erst zur Erkenntnis des Daseins Gottes. Die Gedanken werden in drei Klassen eingeteilt und daraufhin auf ihre Wahrheit und Falschheit untersucht: So gibt es „Bilder“ (S. 32) der Dinge, die als Vorstellungen zu verstehen sind. Die zweite Klasse sind die Willensakte, bei denen eine Entscheidung gefällt wird - sie werden zum Beispiel bejaht oder verneint. Die Urteile bilden die dritte Klasse. Nach Descartes sind die Vorstellungen wahr, da man sich Bilder von etwas vorstellen kann, das es in der Realität nicht gibt; aber das vorgestellte Bild selbst ist wahr. Genauso verhält es sich mit dem Wunsch, also dem Willensakt, man kann sich etwas Unmögliches wünschen, der Wunsch selbst bleibt wahr. Der häufigste Irrtum bei dem Urteil sei, „daß ich urteile, die in mir vorhandenen Vorstellungen seien gewissen außer mir befindlichen Dingen ähnlich oder entsprechend“ (S. 33). Vorstellungen sind „angeboren, andere erworben, wieder andere von mir selbst gemacht“ (S. 33). Deshalb untersucht Descartes genauer, welche Vorstellungen aus einem selbst hervorgehen können und kommt zu dem Schluss, dass „einzig die Vorstellung Gottes“ (S. 41) scheinbar nicht aus mir selbst heraus entstehen könne. Die Vorstellung einer unendlichen Substanz ist a priori und Gott ist somit sicher existent. Da „mir eine Vorstellung eines vollkommenen Wesens“ (S. 46) innewohnt, ist Gott auch existent. In der fünften Meditation wird gezeigt, dass ein vollkommenes Wesen nur dann vollkommen ist, wenn es existent ist, da der Mangel an Existenz die Vollkommenheit des Wesens ausschließen würde (vgl. S. 60).
3.2. Die Vollkommenheit Gottes und der Irrtum
Wäre Gott ein deus malignus, wäre er kein vollkommenes Wesen, da das „täuschen wollen“ (S. 49) eine Bosheit und somit einen Mangel ausdrücken würde. Somit ist Gott ein vollkommenes Wesen und es stellt sich die Frage, inwiefern ich von Gott abhänge. Da Gott uns so hätte schaffen können, dass wir uns nicht täuschen können, und er immer das Beste will, stellt Descartes noch die zusätzliche Frage, ob „es also besser [sei], daß ich mich täusche, als daß ich mich nicht täusche?“ (S. 50) Als Gott mich erschuf, hat er mir die Vorstellung eines vollkommenen Wesens eingepflanzt und dadurch ist es nach Descartes
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„glaubhaft, daß ich gewissermaßen nach seinem Bilde und seinem Gleichnis geschaffen bin“ (S. 47). Auch sieht Descartes sich als ein „unvollständiges, von einem anderen abhängendes Wesen“ (S. 47). Wenn nun Gott den Menschen als ein Abbild seiner selbst erschaffen hat, wie kommt dann der Mangel im Menschen zustande?
Descartes antwortet auf diese Frage, dass es nicht möglich sei, zu wissen, was Gott plant (S. 50). Gerade dieser Mangel zeigt wieder, dass der Mensch von Gott abhängig ist, und beweist, dass Gott den Menschen erschaffen hat. Weiter argumentiert Descartes, dass man nicht nur nicht wissen kann, was Gott plant, sondern dass man gar nicht wissen kann, wie Gott plant. So kann der Mangel eines einzelnen Wesens - zum Beispiel der Irrtum beim Menschen - in einem großen Gesamtgebilde zur Vollkommenheit führen. Wenn man diese Argumentation betrachtet, ist der Mensch doch nach dem Abbild Gottes geschaffen. Jedoch ist er nur ein Teil, um eine Abbildung der göttlichen Vollkommenheit auf der Welt zu erschaffen, und erreicht erst im Zusammenspiel mit anderen Dingen die Vollkommenheit, die Gott in sich vereint.
3.3. Der Grund des Irrtums
Wie kommt der Irrtum aber überhaupt zustande, wenn Gott uns nicht täuscht und uns nicht fehlerhaft ausgestattet hat, da er nichts fehlerhaft verrichten kann und uns nicht absichtlich fehlerhaft schaffen würde? Laut Descartes kommen Irrtümer durch zwei gleichzeitig zusammenwirkende Ursachen zustande. Von der Erkenntnisfähigkeit und von der Fähigkeit zu wählen, „d.h. vom Verstande und zugleich vom Willen“ (S. 51). Der Irrtum kommt dadurch zustande, dass der Verstand etwas nicht klar und deutlich erkennt, also nicht die Wahrheit erkennt, wie es Descartes fordert, bevor man ein Urteil fällt. Jedoch zwingt der Wille dazu, ein Urteil zu fällen, wodurch der Irrtum entsteht. Man muss sich über die drei beteiligten Gegebenheiten klar werden: der Verstand erkennt die Dinge und versucht, die Wahrheit über sie herauszufinden. Aus der Klarheit im Verstand folgt dann eine Neigung im Willen. Jedoch folgt aus der Art des „endlichen Verstandes“ (S. 54), dass man Vieles nicht einsehen kann. Wenn nun der Wille trotz einer nicht durch den Verstand begründeten Neigung ein Urteil fällen lässt, kommt der Irrtum im Urteil zustande, da man die Freiheit des Willens falsch verwandt hat und somit Schuld auf sich lädt (vgl. S. 54). Der Irrtum ist ein Fehler im Zusammenspiel von Verstand und Willen, das heißt ein Ding wird nicht klar und deutlich erkannt und wider besseres Wissen zwingt der Wille zu einem Urteil. Dieses Zusammenspiel muss nach der Betrachtung der Freiheit des Willens noch einmal genauer unter die Lupe genommen werden.
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Arbeit zitieren:
Christoph Höbel, 2005, Descartes' Meditationen über die Grundlagen der Philosophie und der Irrtum, München, GRIN Verlag GmbH
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