Günter Rutkowski: Minna oder Madame
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Gliederung: Seite
1. Einführung Eingrenzung des Themas
1.1. Migration ein aktuelles Thema 3
1.2. Deutschlands Beruf und das Wirken der Frau als Komplizin 4
2. Die Auswanderung von Dienstmädchen nach Deutsch-Südwest
2.1. Der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft 5
Exkurs 1: Koloniale Schreckgespenste: Mischehe
Mischlingskinder Verkafferung 6
2.2. Das Leitbild: Die Aufgaben der Entsandten 9
2.3. Deutsche Sitten - deutsche Prügel 10
2.4. Deutsche Kulturmission 11
2.5. Übersiedlung der Dienstmädchen 14
Exkurs 2: Lebensbedingungen von Dienstmädchen um 1900 im
Deutschen Reich 17
3. Die Wirklichkeit in Deutsch-Südwest: Begegnung Kolonisten und Kolonisierte
3.1. Die Stellung der Dienstmädchen: Minna oder Madame 19
3.2. Zur Reaktion der Kolonisierten auf den Kolonialisierungsprozess 20
4. Machtfragen Zusammenfassung und Fazit:
4.1. Durchsetzung der Macht in den Kolonien Schwarzafrikas 21
4.2. Ausnutzung einer vermeintlichen Machtsstellung durch die weiße Frau 22
4.3. Könnte kolonialistisches Eingreifen auf dem Boden einer Kulturmission
heute wieder passieren 23
Im Anhang:
A Abkürzungsverzeichnis 24
B Bildnachweise 24
C Währungsumrechnungstabelle und Fahrpreistafel Woermann-Linie 24
C Quellen- und Literaturverzeichnisse 26
Günter Rutkowski: „Minna“ oder „Madame“
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1. Einführung und Eingrenzung des Themas:
1.1. MIGRATION - EIN AKTUELLES THEMA
„Das globalisierte Dienstmädchen“ lautete ein Artikel in DIE ZEIT. Wolfgang UCHATIUS be- schrieb die Migration von Ausländerinnen nach Deutschland am Beispiel einer Philippina, die trotz akademischer Ausbildung zu Hause ihre Familie nicht unterhalten konnte, wie folgt:
„Manila. Im Hafen der philippinischen Hauptstadt lagerten die Spanier einst den Zucker, den sie
nach Europa verschifften. Heute sitzt das vielleicht wertvollste Exportprodukt der Dritten Welt auf
Plastikstühlen in einem fensterlosen Raum, erhellt von weißem Neonlicht. Es sind Frauen.
Sie sind gekommen, um zu lernen. Zwei Dutzend sind es, in diesem Kurs an der Philippine
Women’s University. Die meisten sind Ende zwanzig oder Anfang dreißig, sie haben studiert, sie
haben ein paar Jahre gearbeitet. Jetzt wollen sie endlich richtig Geld verdienen.
Vor ihnen steht ein großes, schweres Bett, und neben dem Bett steht eine dicke, ebenfalls jun-
ge Frau, das ist die Dozentin. Sie sagt: »Wichtig ist, dass das Muster der Tagesdecke parallel zur
Matratze verläuft.« Sie zupft ein wenig an der Decke.
Die Frauen sind ausgebildete Lehrerinnen, Buchhalterinnen, Tierärztinnen. Sie wissen, wie
man Mathematik unterrichtet, eine Bilanz erstellt, eine Kuh kuriert. Jetzt bekommen sie gezeigt,
wie man in reichen Ländern Betten macht, in einem amerikanischen Hotel zum Beispiel oder in
einem italienischen Haushalt. Sie lernen, wie eine Geschirrspülmaschine funktioniert, und erfah-
ren, mit welchen Spielsachen sich kanadische oder deutsche Kinder die Zeit vertreiben. Nach
sechs Monaten sind sie diplomierte Haushälterinnen.
1
Dann steigen sie in ein Flugzeug und verlassen das Land.“
Zwanzig Stunden später können die Damen in Frankfurt stehen, oft zur Unfreude der einhei- mischen Bevölkerung (Deutsche). Die Zuwanderung von fremden Menschen in die Bundes- republik sorgt bereits seit Jahren für angsterfüllte Debatten in den Medien. Der Furcht vor „Überfremdung“ durch Osteuropäer, durch Moslems oder „Chinesen“. Seltener finden man Überlegungen zur Definition des „deutschen Wesens“.
Dabei haben vor gerade einmal einhundert Jahren die Deutschen selber das getan, was ihnen heute bezüglich der Heimat große Furcht einflößt: Fremde Länder besiedelt. Im Unterschied zum Dienstmädchen aus Manila, von dem laut Uchatius täglich etwa 1900 ihre Heimat verlas-
sen 2 , betrug die Zahl der insgesamt in die deutschen Kolonien 3 Schwarzafrikas emigrierten Frauen nur wenige Hundert. Auch will die moderne fremde Kraft zunächst nur Geld verdie- nen, während die deutsche Frau der Kaiserzeit ans Herrschen und Verbreiten des „Deutsch- tums“ dachte. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Frau als gebildete Bürgersfrau im Gefolge deutscher Missionare, Beamten oder Offiziere in Afrika erschien oder als Dienstmädchen per
Vertrag mit dem Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft. 4
In dieser Arbeit soll wegen der mir verfügbaren Quellen bevorzugt auf die Entsendungspraxis von Dienstmädchen durch den vorgenannten Frauenbund eingegangen werden. Dabei muß die Frage angesprochen werden, was eine im Kaiserreich eher unterprivelegierte Berufsgrup- pe für die Entsender so attraktiv machte, dass sie große Geldsummen nicht scheuten, um Werbung um für die Kolonien, Überfahrt und Betreuung zu finanzieren. Darüber hinaus wird
sich der Schwerpunkt um „Deutsch-Südwestafrika“ als der eigentlichen Siedlungskolonie 5 des deutschen Reiches in Afrika drehen. Siedlungskolonien sind nach Osterhammel militä- risch flankierte Landnahmen unter Missachtung der Interessen der ortsansässigen Bevölke-
1 Uchatius, Wolfgang: Das globalisierte Dienstmädchen, Die Zeit 35 (2004), S. 3
2 ebd., S.5
3 Ich verwende den amtlichen Begriff „deutsche Schutzgebiete“ und den umgangssprachlichen Terminus „deut-
sche Kolonien“ synonym.
4 Siehe auch Schnee, Heinrich (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Band III, S. 95. Die Deutsche Kolonialge-
sellschaft, 1887-1943, (1913: 42.000 Mitglieder) war der Nachfolger des Deutschen Kolonial-vereins (1882-
1887). Sie führte die vom Kolonialverein initierte „Deutsche Kolonialzeitung“ fort. Daneben existierte eine
Reihe weiterer Zeitschriften und amtlicher Verlautbarungen der Gouverneure. Zur Propaganda in “Kolonie
und Heimat“ siehe auch Tuschik, Marta: Kolonialpropaganda.
5 Söldenwagner, Philippa: Sie bestreitet dessen ausschließliche Stellung. Ihr zufolge trägt auch Deutsch-
Ostafrika Züge der Siedlungskolonie, wengleich die Kolonialpolitik des Reiches diesbezüglich schwankte.
Günter Rutkowski: „Minna“ oder „Madame“
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rung durch Farmer und Pflanzer, die auf Nutzung billigen Landes und billiger Arbeitskräfte
abzielen. 6
1.2. „DEUTSCHLANDS BERUF“ UND DAS WIRKEN DER FRAU ALS „KOMPLIZIN“
Die deutschen Dienstmädchen wünschten sich nicht nur bessere Lebensbedingungen oder womöglich einen gewissen sozialen Aufstieg durch Heirat mit einem deutschen Pflanzer. Ein Hauptanliegen war die Förderung des deutschen Nationalprestiges, wie Lora Wildenthal in ih-
rem Buch bemerkt 7 . Das Nationalprestige speiste sich aus der wahrgenommenen ökonomisch- militärischen-kulturellen Überlegenheit der Deutschen in den Schutzgebieten und dem Glau-
ben an Rassenunterschiede, demzufolge der „weiße“ 8 Mensch auf der höchsten Entwicklung- stufe stünde. In der Tat hat es in allen deutschen Kolonien ein deutliches rassistisches „Wei- ßen“-Bewusstsein gegeben, verbunden mit dem Gedanken, tieferstehende Völker mit den für besser empfundenen deutschen Segnungen zu beglücken, so wie es Emanuel Geibel bereits in der letzten Strophe seines Gedichts „Deutschlands Beruf“ formuliert hatte:
„Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
„Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.“ 9
Dieser Gesichtspunkt ist verknüpft mit den Fragen, welche Frauen mit welchen Absichten und Hoffnungen in die deutschen Schutzgebiete nach Afrika auswanderten. Hierzu soll vor al- lem das Vereinsorgan des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft „Kolonie und Heimat“ Auskunft geben. Allerdings erschien dieses erst ab 1907, was den Untersuchungs- zeitraum auf die Zeit von etwa 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 begrenzt.
Immerhin war die Zahl ausreisewilliger Frauen so groß, dass der Frauenbund sich geeignete Personen aussuchen konnte. Der Ausleseprozess umfasste nach Walgenbach eine Reihe von kolonialpolitisch bedeutsamen Kriterien wie ein gewisses Alter, Sittlichkeit, Tugendhaftigkeit
und Tüchtigkeit. 10 In diesen Auswahlkriterien spiegelt sich das wider, was die Vereinsfüh- rung, die überwiegend dem Adel bzw. gehoben Bürgertum entstammte, unter Deutschtum verstanden wissen wollte. Den Frauen, deren Ausreise schließlich gefördert wurde, dürfte nach dem Ausleseverfahren sicherlich bewusst gewesen sein, dass ihre Reise nach Deutsch- Südwestafrika auch einer politischen Aufgabe diente, wenngleich sie persönlich wohl eher ih- re eigene, gegenwärtige Arbeitssituation, z.B. als städtisches Alleinmädchen einer bürgerli- chen Familie und die wenig rosigen Zukunftsperspektiven sowie die vermeintlich vorzügli- chen Aussichten in den Kolonien, durch Heirat den sozialen Aufstieg zur („weißen“) „Mada- me“, vor Augen gehabt haben dürfte. Da die Dienstmädchen selber nur ausnahmsweise ideo-
logische Aufsätze verfasst haben 11 , soll die Untersuchung der „amtlichen“ Vorgaben und der tatsächlichen Machtausübungsgpraxis den Überlegenheitswahn der „weißen“ Frau gegenüber dem Menschen anderer Hautfarbe und Kultur belegen.
Unerheblich bleibt hier die Trennung zwischen temporären Arbeitswanderern und echten Daueremigrantinnen. Auch die Dienstmädchen des Frauenbundes reisten nur mit einem be-
6 Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus, S. 17f.
7 Wildenthal, Lora: German Women for Empire, S. 2f.
8 Die Begriffe „weiß“, „schwarz“ werden in Bezug auf Hautfarben außer in Zitaten in Anführungszeichen ge-
setzt, um ihre Konstruiertheit hervorzuheben.
9 Geibel, 3. Band: Neue Gedichte. - Gedichte und Gedenkblätter, S. 214. Franz Emanuel August Geibel, 1815-
1884, deutscher spätromantischer Lyriker, schrieb das Gedicht wohl 1861. Die Idee des „deutschen Wesens“
war aber schon zuvor bei Johann Gottlieb Fichte erwähnt worden (s. Schulz). Literaturwissenschaftlich gilt
Geibel zwar als Patriot, aber nicht als Nationalist, was der Nationalsozialismus später gerne in seine Werke
hineininterpretieren wollte.
10 Walgenbach, Katharina: Dei weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 91f.
11 Pauweleit, Karin: Dienstmädchen um die Jahrhundertwende, S. 8 und 13f.
Günter Rutkowski: „Minna“ oder „Madame“
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grenzten Zweijahresvertrag aus, wenngleich politisch die Verheiratung und permanente An- siedlung das Ziel blieb.
Missionarinnen und Krankenschwestern spielten in der Heiratsstrategie wegen oft zölibatärer Verpflichtungen keine Rolle. Allerdings prägten auch sie das Bild der „weißen“ Frau erheb- lich.
Verglichen mit den Auswanderungswellen nach Nordamerika blieb die Emigration von Frau- en in die deutschen afrikanischen Kolonien unbedeutend. Anderseits schreibt Martha Mamo- zai über die deutschen Frauen wenig vorteilhaft:
„ Diese {die Männer, G.R.] brauchten sie zur rassistischen Herrschaftssicherung ihrer Eroberun-
gen (...) Stattdessen brachten sie Unheil und Unrecht, machten sich mitschuldig. (...) Die deut-
schen Frauen hatten daran [an der Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der
ehemaligen Kolonien, G.R.] ihr gerütteltes Maß an Verantwortung.“ 12
Hier wird das Wirken der deutschen Kolonialfrau offensichtlich mit bis heute bestehenden Zuständen in Zusammenhang gebracht. Insofern hätte selbst eine verschwindend geringe An- zahl von Frauen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Das koloniale Selbstverständnis, das diesen Eindruck prägte, soll im zweiten Abschnitt detaillierter untersucht werden.
2. Die Auswanderung von Dienstmädchen nach Deutsch-Südwest
Wie schon festgestellt, war der Hauptträger für die Entsendung von Dienstmädchen nach Afrika der Frauenbund der DKG. Zunächst soll geklärt werden, wer der Frauenbund war und was seine Aktivitäten waren.
2.1. DER FRAUENBUND DER DEUTSCHEN KOLONIALGESELLSCHAFT
Der Frauenbund der DKG hatte sich erst 1907 als Deutschkolonialer Frauenbund gegründet und sich ein Jahr später korporativ der DKG angeschlossen. Bis 1914 erreichte er 18.700 Mit-
glieder 13 . Seinen größten Mitgliederstand erreichte der Bund allerdings erst in der nachkolo- nialen Zeit, bis er nach der Machtergreifung „gleichgeschaltet“ wurde. Die erste Vorsitzende
des Frauenbundes, Fraufrau von Liliencron 14 , beschrieb anlässlich der Jahreshauptversamm- lung 1909 des Vereins die Anlässe für die Gründung wie folgt:
„Der Gedanke dieser Arbeit ging von den Damen des Kommandos der Schutztruppe aus. (...) Wir
stellten uns zur Aufgabe Südwestafrika mit weiblichen Hilfskräften zu versehen, nach Möglichkeit
für Schulen und für Bildung in den Kolonien zu sorgen und den deutschen Frauen drüben mit Rat
und Tat zur Seite zu stehen. (...) Der Mann hat mit den Waffen in der Hand die Kolonie erobert
(...), nun ist die Zeit da, wo die Frau als seine Gehilfin mit ihm schaffen soll.“ 15
Diese Rede benannte bereits drei Hauptaufgaben:
- weibliche Hilfskräfte zu entsenden
- für Schulen und Bildung zu sorgen und
- dem Mann eine Frau („Gehilfin“) zu schaffen.
12 Mamozai, Martha: Einheimische und „koloniale“ Frauen, in: Bechhaus-Gerst, Marianne, Leutner, Mechthild (Hrsg.): Frauen in den deutschen Kolonien („Schlaglichter der Kolonialgeschichte“, Band 10), Berlin 2009, S. 30
13 Kundrus, Birthe: Die imperialistischen Frauenverbände des Kaiserreichs, S.7
14 Walgenbach, Katharina: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 294. Adda Freifrau von Liliencron,
geb. 1844 (als Freiin von Wrangel zu Lützow)- 1913, Gründungsmitglied und Vorsitzende des Frauenbundes
1907-1909, Schriftstellerin. Sie hatte nie selbst in den Kolonien gelebt..
15 Kolonie und Heimat, Jg. II, Nr. 21 (1909), Beilage S.8 (bei Zitaten aus dieser Zeitung wird der Kurztitel ver-
wendet und der Herausgeber, der nicht auf dem Titelblatt angegeben wird [Eduard Buchmann, lt. Jg.IV, Nr.43,
S.8], nicht aufgezählt.)
Günter Rutkowski: „Minna“ oder „Madame“
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Schon diese drei Stichworte lassen erahnen, dass es um mehr als nur bloße Personalbeschaf-
fung ging. Wozu brauchte man weibliche auswärtige Hilfskräfte in einem Landstrich, der ge-
nügend lokale Kräften bereithielt? Um Schulen und Bildung kümmert sich der, der einen
Mangel wahrgenommen zu haben glaubt und seine eigenen Curricula verbreiten möchte. So-
mit versteht sich von selbst, dass die Freifrau dabei nicht an Ausbildung im englischen oder
womöglich afrikanischen Stil gedacht hatte. Deutsches Wissen sollte verbreitet werden. Dass
die Frau dem Mann nur eine Gehilfin (statt gleichberechtigter Partnerin) sein sollte, war nicht
nur ein biblisches Wort, sondern entsprach dem Zeitgeist.
Die Vereinsssatzung gab als weitere Ziele vor, „Frauen aller Stände für die koloniale Frage zu
interessieren“ und „Frauen und Kindern beizustehen, die in den Kolonien schuldlos in Not ge-
raten sind“ 16
Die Beistandsverpflichtung dürfte sich überwiegend auf die (deutschen) Hinterbliebenen aus
den Herero- und Nama-Kriegen (1904-1907) bezogen haben.
Das harmlos klingende „Interessewecken an der kolonialen Frage“ bedarf der Erklärung, was
denn die koloniale Frage war. Dieses beantwortete die Freifrau selbst in einem früheren Bei-
trag in Kolonie und Heimat wie folgt:
„Die Frauenfrage in den Kolonien entspringt, umgekehrt wie in der Heimat, dem Fehlen der
deutschen Frauen draußen. (...) Im Jahre 1907 waren – ohne die Angehörigen der Schutztrup-
pe – 4899 Männer und nur 1179 Frauen in der Kolonie. Infolge dieser mangelhaften Zuwande-
rung deutscher Frauen und Mädchen besteht zunächst die grosse Gefahr, dass eine Mischrasse
aus den Eingeborenen heranwächst.“ 17
Die koloniale Frage war also geschürt von der Angst, die deutschen Männer würden sich zu
intensiv der Damenwelt vor Ort widmen und somit zu einer „Mischrasse“ beitragen. Wieso
wäre das so schlimm gewesen?
---
EXKURS 1: KOLONIALE SCHRECKGESPENSTE: „MISCHEHE“, „MISCHLINGSKINDER“, „VERKAF-
FERUNG“
Die Mischehe, in der Regel zwischen einem deutschen, „weißen“ Mann und einer andersfar-
bigen Frau, stellte nach Martha Mamozai einen Angriff auf die koloniale Herrschaft dar.
„Herrschaft“ würde sich durch Ausschluss der anderen von der Macht definieren. „Die ande-
ren“ waren in Afrika die Afrikaner. Mischlingskinder hätten damals automatisch die Staats-
angehörigkeit des Vaters, also deutsch, erhalten und hätten damit alle „Herrenrechte“ beses-
sen. Sie hätten womöglich Richter oder Polizeipräsident werden können. 18 Die Herren des Landes hatten deutsch zu sein, und Deutsche waren „weiß“. So schrieb Clara Brockmann
schon 1909 in Kolonie und Heimat:
„Die Kolonie braucht weiße Frauen. Schon als Vorbeugungsmittel gegen die Mischehen, die den
Ruin des Landes in sittlicher und kultureller Beziehung herbeiführen würden. Und dieses Land
muss deutsch bleiben, deutsch bis ins innerste Mark.“ 19
Hier zeigte sich, dass die Mischehe nicht nur als Risiko der politischen Herrschaft empfunden
wurde, sondern sie wurde mit moralischen Werten (Sittlichkeit) verknüpft. Der Hintergrund
war die Darstellung des „Negers“ als absolut ungleichwertig gegenüber dem „Weißen“. Dabei
wichen die Einzelbeschreibungen je nach Motiv voneinander ab. Die „Neger“ wurden oft
nach Volksstämmen geordnet und bewertet; dabei reichten die Attribute von „schwerfällig“,
16 Walgenbach, Katharina: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 85f.
17 Kolonie und Heimat, Jg. II Nr. 4 (1908), S.8
18 Mamozai, Martha:Einheimiche und „koloniale“ Frauen, in: Bechhaus-Gerst, Marianne, Leutner, Mechthild
(Hrsg.): Frauen in den deutschen Kolonien, S.16f.
19 Kolonie und Heimat, Jg. II Nr. 22 (1909), S.2
Günter Rutkowski: „Minna“ oder „Madame“
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„ungehobelt“, „faul“, „triebhaft“, „hässlich“, “charakterlos“, “undankbar“ bis zu „leicht be-
greifend“, „arbeitsam“,“körperlich stark“,“kindlich fröhlich“. 20 Dabei waren die Bewertungen durch die „weißen“ Herren stark instrumentalisiert: Sprach man beispielsweise über mögliche Mitbestimmungsrechte, galt der Eingeborene als „dumm, faul und alkoholfreudig“. Brauchte der Siedler aber billige Arbeitskräfte, lobte man auf einmal dessen Stärke und Lernfähigkeit. Allerdings ging diese Anerkennung nie so weit, ihn bis zur Gleichheit erziehen zu wollen oder können. Nach allgemeiner Diktion waren die Farbigen wie Kinder und bedurften daher
der ständigen Aufsicht, Anleitung und häufig auch Prügel. 21 Die Andersartigkeit der „schwar- zen“ Bevölkerung in Afrika führte zu einem deutlich negativeren Bild als dieselbe Andersar- tigkeit der Samoaner. Bei letzten spielten wohl romantische Reminiszenzen über die Südsee und deren „freundliche, blümchentragende Bewohner“ eine Rolle.
Es ist verständlich, dass die „weißen“ Herren nach wissenschaftlichen Grundlagen für ihre Vorurteile suchten. Diese fanden sie in der besonders im 19 Jahrhundert grassierenden Mode-
erscheinung der Physiognomie 22 , Phrenologie 23 und Biometrie und den daraus abgeleiteten Rassetheorien (das Konzept wurde von den Anthropologen erst Mitte der 1980er Jahre nach Aufkommen von vergleichenden DNA-Analysen aufgegeben!). Nach Walgenbach gelten seither die Ethnizität/Rasse, Klasse und das Geschlecht (im sozialen Umfeld) (!) eines Men-
schen als gesellschaftlich konstruiert. 24 Nachdem – wie dargelegt – der farbige Schwarzafrikaner allein schon aufgrund seiner Hautfarbe vom „Weißen“ abgewertet wurde, ist verständlich, dass eine „Rassenmischung“ in den Augen der „Weißen“ um 1900 herum einer Katastrophe gleich kommen musste. Durch die eheliche Verbindung mit einer „schwarzen“ Frau verlor der „weiße“ Mann regelmäßig wichtige gesellschaftliche Privilegien (Wahlrecht, Recht auf Landbesitz; in Deutsch-Ostafrika drohte sogar die Ausweisung). Gelegentliche rein sexuelle Exkurse waren davon ausgenom- men. Im kolonialen Sprachgebrauch erhielt solch eine Verbindung den verächtlichen Titel der „Verkafferung“, den das deutsche Koloniallexikon wie folgt definiert:
„Verkafferung. Unter V. versteht man in Deutsch-Südwestafrika das Herabsinken eines Europä-
ers auf die Kulturstufe des Eingeborenen, eine Erscheinung, für die man in anderen Schutzgebie-
ten Vernegern oder Verkanakern gebraucht. Einsames Leben im Felde, in stetem Verkehr mit
Farbigen, ganz besonders aber die Mischehe mit jenen begünstigt diese bedauerliche Entartung
weißer Ansiedler. Der verkafferte Europäer ist trotz bisweilen vorhandener persönlicher Intelli-
genz stets ein verlorenes Glied der weißen Bevölkerung, da ihm selbst in diesem besten Falle ei-
ne der wesentlichsten Förderungen der heimischen Kultur, das energische Wollen und das Fest-
halten an einem bestimmten Plane, völlig abgehen. Solche Unglücklichen sind selbst in Anstel-
lungen meist weniger brauchbar als ein intelligenter Eingeborener. Nur durch gesetzgeberische
(Verbot der Mischehe) und gesellschaftliche Maßnahmen läßt sich diesem Übel auf die Dauer
Steuern. Das sicherste Mittel gegen diese keineswegs zu unterschätzende Gefahr besteht in der
Erleichterung der Eheschließung mit weißen Frauen.“ 25
Die Angst vor Mischehen und deren Folgen hatte erhebliche Überwachungen eventuell ab- weichlerischer Personen durch die Bezirksämter zur Folge. Dabei war die Zahl gemischter
Ehen denkbar gering: Henrichsen beziffert die Gesamtzahl bis 1914 auf etwa 50 Paare. 26 Da- bei gab es einige Möglichkeiten, das in Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1905 erlassene
20 Details zu den Beurteilungen einzelner Völker siehe bei Scheulen, Peter: Die „Eingeborenen“ Deutsch-
Westafrikas, besonders Kapitel 5 „Ethographische Auswertung“, S.75-106
21 Sexuelle Phantasien „weißer“ Frauen mit „gutgebauten Negern“ werden nur selten thematisiert. Echte Liai-
sons werden in der Literatur negiert.
22 Lehre von Körpermerkmalen und daraus resultierenden Charaktereigenschaften, begründet vom reformierten
Prediger und Schriftsteller Johan Caspar Lavater (1741-1801).
23 Schädelkunde; Ablesen des Charakters aus der Mimik; begründet vom deutschen Arzt Franz Josef Gall (1758-
1828)
24 Walgenbach, Katharina: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 52ff.
25 Schnee, Heinrich (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Band III, S. 606
26 Henrichsen, Dag: „...unerwünscht im Schutzgebiet...nicht schlechthin unsittlich“, in: Bechhaus-Gerst, Marian-
ne, Leutner, Mechthild (Hrsg.): Frauen in den deutschen Kolonien, S.81
Quote paper:
Dr. med. Guenter Rutkowski, 2009, "Minna oder Madame", Munich, GRIN Publishing GmbH
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Rana P. Behal, Marcel van der Linden
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