1 Vorwort
Diese Hausarbeit entstand auf der Grundlage eines vom Verfasser abgehaltenen Referates im Seminar „Französische Varietätenlinguistik“ im Wintersemester 2008/09 am Institut für Romanistik der Universität Leipzig. Sie setzt sich, im Rahmen des verschiedenen Varietäten außerhalb Frankreichs gewidmeten Seminarteils, mit dem Französischen des Überseedepartements La Réunion im Indischen Ozean auseinander. Nach einem kurzen, einführenden Überblick über die gegenwärtige Verbreitung und Bedeutung der französischen Sprache im indoozeanischen Raum sowie einigen grundlegenden Eckdaten zur Insel La Réunion soll deren heutige diglossische Sprachrealität aus ihrem historischen Entstehen heraus entfaltet werden. Ein sich anschließendes Kapitel wird sich derzeitigen Entwicklungen im Hinblick auf die Herausbildung einer sich von Frankreichs Normvorgaben befreienden regionalen Sprachnorm als Beitrag zur Schaffung einer reunionesischen Identität widmen. Daraufhin soll die Varietät des français régional réunionnais in ihren Unterschieden zum Standard-Französisch der Metropole näher vorgestellt werden.
Auf die verwendete Literatur wird am Ende der Arbeit verwiesen. Übersetzungen von französischen Originalzitaten entstammen der Feder des Verfassers.
2 Frankophonie im Indischen Ozean
Zur sogenannten Frankophonie, also zu denjenigen Gebieten der Erde, in denen die französische Sprache in der Kultur der jeweiligen Gesellschaft (auch heute noch) eine mehr oder weniger bedeutende Rolle innehat, zählen auch mehrere Inseln bzw. Inselgruppen im Indischen Ozean, dem südöstlichen Teil des afrikanischen Kontinents vorgelagert. Es sind dies neben Madagaskar, der viertgrößten Insel der Welt, die Archipele der Seychellen und der Komoren (einschließlich der Insel Mayotte) sowie die drei Inseln La Réunion, Mauritius und Rodrigues, welche geografisch auch unter der Bezeichnung Maskarenen zusammengefasst werden. Sie alle verbindet eine Vergangenheit, die, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise, vom kolonialen Interesse Frankreichs geprägt war. Folglich finden sich heute ganz verschieden ausgeprägte Verbindungen zur ehemaligen Kolonialmacht und zu deren Sprache, die sich nur bei näherer Betrachtung der jeweiligen geschichtlichen Entwicklung erhellen lassen. Für den sprachlichen Bereich ist hierbei vor allem auch die von Insel zu Insel sehr unterschiedlich ausfallende Bevölkerungszusammensetzung (oftmals eine Mischbevölkerung aus Ethnien unterschiedlicher Kulturen und Sprachen) entscheidend. Und so stellt sich die
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Situation des Französischen im indoozeanischen Raum heute keineswegs homogen, sondern vielmehr in einer Vielfältigkeit dar, welche sich zwischen den Polen Bedeutungsverlust und Ausbau der Sprache bewegt.
Da eine detaillierte Beschreibung aller Einzelfälle nicht das Ziel dieser Ausführungen sein kann, sollen an dieser Stelle lediglich zwei Beispiele kurz skizziert werden, die jene Unterschiedlichkeit der gegenwärtigen und zukünftigen Rolle des Französischen in diesem Gebiet illustrieren und sich vom Hauptgegenstand dieser Arbeit, dem Französisch auf La Réunion, wiederum sehr unterscheiden.
Im Falle der Islamischen Republik Komoren (bestehend aus drei der vier Hauptinseln der Komoren ohne das an Frankreich angeschlossene Mayotte; ca. 600.000 Einwohner) zeichnet sich in mittlerer Zukunft wohl eher ein Bedeutungsverlust der französischen Sprache ab. Auf der Inselgruppe, die 60 Jahre unter französischer Schutzherrschaft stand (1886-1946) und anschließend als Territoire d’oute-mer (TOM) dem Mutterland bis 1968 angegliedert blieb, ist Französisch heute neben Komorisch und Arabisch Amtssprache und in den Medien noch sichtlich präsent, wird jedoch im Alltag nur von einem geringen Prozentsatz der Bevölkerung verwendet. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 1996 sprechen und verstehen etwa 20% 1 der Einwohner diese Sprache, deren Kenntnisse allerdings hauptsächlich aus dem Schulunterricht rühren. Das verbindende Element der multiethnischen und -kulturellen Gesellschaft (v.a. Araber, Madagassen, Afrikaner, Inder und Europäer) ist vielmehr das Komorische (von 99,5% 2 gesprochen).
Die Sprache der ehemaligen Kolonialherren sieht sich in unseren Tagen zunehmend in Konkurrenz zum Arabischen als der Sprache der Elite und des sozialen Aufstiegs, sowie zum Englischen, das heute bereits als erste Fremdsprache an den Schulen des Landes gelehrt wird. Begünstigt wird dieser Prozess vor allem durch verstärkte wirtschaftliche Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten und dem afrikanischen Festland.
Ganz anders stellt sich dagegen die Situation auf Mauritius dar (etwa 1,25 Mio. Einwohner). Hier sprechen Wissenschaftler sogar von einem Paradoxon, denn die Insel scheint trotz einer länger währenden britischen Herrschaft (1810-1968) die Sprache der vormaligen Kolonialmacht (1715-1810 als Ile de France französisch) nicht aufzugeben. 3 Obgleich das Englische als einzige Amtssprache fungiert, besitzt Französisch als die Sprache der ehemaligen Elite ein weitaus höheres Prestige und ist die dominierende Sprache der Medien
1 Ehrhart, 2003, 956.
2 Ebd.
3 Stein, 2000, 38.
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und des öffentlichen Raumes. Es wird von ca. 5% 4 auch als Familiensprache benutzt. Wie auf den Komoren existiert allerdings eine Hauptsprache, die im Alltag vom Großteil der Bevölkerung gesprochen wird (von ca. 80% 5 ) und als Muttersprache weitergegeben wird, jedoch nicht die Sprache der ehemaligen Kolonialherren ist: das Kreolische von Mauritius bzw. Morisyen, welches auf dem Französischen basiert. Diese Verwandtschaft ist zugleich eine wichtige Ursache für die Präferenz des Französischen gegenüber dem Englischen auf Seiten der Bevölkerungsmehrheit. Hinzu kommt, dass die britischen Besatzer nur geringen Einfluss auf die damaligen Verhältnisse der Insel nahmen und den Status des Französischen nur wenig eindämmten.
Schließlich wirkt sich in der heutigen medialen Zeit auch die geografische Nähe zu La Réunion aus, so dass die französischsprachigen Radio- und Fernsehprogramme der Nachbarinsel auch hier empfangen werden können. Und so zeichnet sich auf Mauritius gegenwärtig im Zuge einer Zunahme der Französischkenntnisse ein weiteres Phänomen ab, welches Gabriel Manessy mit dem Begriff „néofrancophonie“ 6 bezeichnet: Eine sich neu herausbildende städtische Oberschicht (indisch- und chinesischstämmig, aber auch kreolisch) wählt Französisch freiwillig als Sprache des familiären Alltags und gibt es an ihre Kinder weiter.
3 Französisch auf La Réunion
3.1 Einführendes
Die Insel La Réunion (bis 1793 Ile Bourbon) liegt etwa 800 km östlich von Madagaskar und beherbergt heute etwa 800.000 Einwohner auf einer Fläche von rund 2500 km 2 . In der Hauptstadt Saint-Denis leben etwa 160.000 Menschen. La Réunion besitzt den Status eines Überseedepartements sowie einer Überseeregion Frankreichs, was seit 2003 mit der Bezeichnung DOM-ROM oder auch DROM (für Département d’outre-mer et Région d’outemer) ausgedrückt wird. Somit ist die Insel allen Departements innerhalb der Metropole (gemeint ist das europäische, hexagonale Frankreich) gleichwertig, deren Einwohner sind vollwertige französische Staatsbürger mit jeglichen Rechten und Ansprüchen auf Leistungen des Staates. Als Teil Frankreichs und der Europäischen Union gilt auch hier die Währung Euro.
4 Ehrhard, 2003, 958.
5 Stein, 2000, 38.
6 A.a.O., 39.
4
Die Bevölkerungszusammensetzung wird durch den französischen Begriff métissage (Vermischung) treffend beschrieben, denn La Réunion ist ein Schmelztiegel von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur. Laut einer Schätzung 7 leben hier heute etwa zu 45% Kreolen (Nachkommen französischer Kolonisten und afrikanischer Sklaven), zu 30% Menschen mit europäischer, 22% indischer sowie 3% chinesischer Abstammung friedlich zusammen. Das Französisch der Insel hält für jede dieser Bevölkerungsgruppen mindestens eine regionale Bezeichnung bereit. So werden die Kreolen von ostafrikanischer oder madagassischer Herkunft als Cafres bezeichnet, der Begriff Zarabes steht für Menschen mit indischen Wurzeln und zumeist muslimischen Glaubens, und mit Malbars benennt man Einwanderer aus dem Süden Indiens, die dem Hinduismus angehören. Die Weißen werden in die Grands Blancs (Nachkommen reicher französischer Großgrundbesitzer, die vornehmlich an der Küste der Insel lebten), die Petits Blancs bzw. Yabs (Nachkommen französischer Kolonisten, die nach der Abschaffung der Sklaverei 1848 verarmten und ins höher gelegene Innere der Insel zogen, daher auch Blancs des Hauts) und in die Zoreils (in jüngerer Zeit aus der Metropole zugewanderte Franzosen) unterschieden.
Der Begriff métissage beinhaltet darüber hinaus aber auch jene Zukunftsperspektive der Inselbewohner, auf der Grundlage dieser Vermischung eine eigene, reunionesische Identität zu finden. Gegenwärtig lässt sich die Situation der Einwohner eher mit einer Unsicherheit bzw. Zerrissenheit beschreiben, die von Mosaiksteinen wie den individuellen ethnischen, kulturellen und religiösen Prägungen (afrikanisch, europäisch, indisch, chinesisch etc.), dem Assimilationsdruck Frankreichs („Ihr seid Franzosen!“) und dem Gefühl der Zugehörigkeit zum Indoozeanischen Raum gekennzeichnet ist. 8 Wie in den weiteren Ausführungen noch deutlich werden wird, könnte hierbei auch das wachsende Bewusstsein einer eigenen, sich vom europäischen Frankreich unterscheidenden Sprachnorm zur Überwindung dieses „Identitäts-Dilemmas“ 9 beitragen.
Die heutige sprachliche Situation auf La Réunion ist allgemein von der Diglossie Französisch - Réunion-Kreolisch (créole réunionnais) gekennzeichnet. Das Französische ist gemäß der Verfassung der Grande Nation auch hier einzige Amtssprache und besitzt eine unangefochtene Monopolstellung in allen wichtigen öffentlichen Domänen wie Verwaltung, Politik, Bildungswesen und Medien. Es gilt als die Sprache der Bildung, des gehobenen Status und der offiziellen bzw. Distanzsituationen.
7 http://de.wikipedia.org/wiki/Réunion, letzter Zugriff am 28.2.2009.
8 Vgl. Stein, 2000, 33.
9 Daniel Baggioni zitiert in: a.a.O., 34.
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Arbeit zitieren:
2009, Französisch im Indischen Ozean - der Fall La Réunion, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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