Inhalt
1. Einleitung Seite 03
1.1. Aufbau und Gliederung Seite 04
1.2. Forschungsstand Seite 05
2. Eine biographische Annäherung Seite 07
2.1. Thomas Mann Seite 07
2.2. Kurt Sontheimer Seite 10
3. Das Deutschlandbild bei Thomas Mann Seite 12
3.1. Die Jahre bis Kriegsende Seite 12
3.2. Thomas Mann in Weimar Seite 14
3.3. Die Jahre nach 1933 Seite 17
4. Das Deutschlandbild bei Kurt Sontheimer Seite 20
4.1. Weimar als Trauma Seite 20
4.2. Sontheimer und die 68er Seite 22
4.3. Sontheimer als „politischer Professor“ Seite 24
5. Thomas Mann und Kurt Sontheimer - Ein Vergleich Seite 28
6. Fazit und Ausblick Seite 32
7. Quellen- und Literaturverzeichnis Seite 34
1. Einleitung 3
1. Einleitung
Nicht erst im 20. Jahrhundert äußerten sich Literaten, Philosophen, Gelehrte, Profes-soren, Künstler u. a. zu politischen Themen und lösten damit gesellschaftsübergreifende Debatten und Kontroversen aus, die auch in richtungsweisenden Situationen einer Gesellschaft oder eines Staates Impulse setzen konnten. In der beginnenden Neuzeit, dem Mittelalter und ja sogar in der Antike lassen sich hierfür immer wieder hervorstechende Beispiele finden, die beweisen, daß diese essayistische und literarische Tätigkeit, wenn auch nicht mit der modernen, schnellebigen Medienwelt vergleichbar, in ihrer Wirkung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Eine Besonderheit in der politischen Essayistik der Bundesrepublik ist in den Katastrophen von 1914 bis 1918 und 1933 bis 1945 zu sehen. Die Revolution von 1918 in Deutschland schuf einen gesellschaftlich nicht anerkannten Staat, welcher den Essayisten und Literaten ein weites und umkämpftes Feld eröffnete, das keine Regeln kannte. Der Verfassungsschutzapparat der Weimarer Republik war in seiner Funktion und Ausprägung nicht mit der Bundesrepublik Deutschland zu vergleichen. Dazu kam die nationalsozialistische Diktatur von 1933-1945 mit dem darausfolgenden Weltkrieg, welche einen solchen Eindruck hinterließ, daß nunmehr die Essayisten im „neuen“ Deutschland der Bundesrepublik sich gezwungen sahen, eine abermalige Entwicklung in die Katastrophen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. Forciert wurde dies durch die Entdeckung von ehemaligen Nationalsozialisten in ranghohen Positionen der Bundesrepublik Deutschland. Zwei Literaten stechen vor dem Hintergrund dieser Historie hervor. Der eine ist Thomas Mann, welcher nach dem Attentat auf Reichsaußenminister Walter Rathenau im Jahre 1922 versuchte, die junge Deutsche Republik mit seinen Aufrufen und Bekenntnissen zu stabilisieren. Bei Mann handelte es sich eigentlich um einen Anhänger des Kaiserreiches und Gegner der Weimarer Republik, der aber, für viele überraschend, die kriselnde junge Republik zu verteidigen und stützen suchte. Als sich der rasante Aufstieg der NSDAP abzeichnete, appellierte Mann in einer Rede 1930 öffentlich an die Vernunft der deutschen Bürger und warnte die Wähler vor einer Eskalation in der politischen Landschaft der Weimarer Republik. Während des gesamten Zweiten Weltkrieges richtete er aus dem US-amerikanischen Exil regel- mäßige Radioansprachen an die deutsche Bevölkerung, um Einfluß auf die
1.1. Aufbau und Gliederung 4
Entwicklung in Deutschland zu nehmen. Wie wichtig Manns Rolle war, zeigt u. a. daran, daß Mann als erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland im Gespräch war.
Der andere hervorstechende Literat ist Kurt Sontheimer. Er erlebte den Weimarer Niedergang zwar nur in frühen Kindertagen, doch der nachfolgende Nationalsozialismus und die folgende deutsche Katastrophe traumatisierte ihn zutiefst, ein lebenslanges und -begleitendes Trauma. War es für Mann das Jahr 1922, so war für Sontheimer das Jahr 1949 prägend, als die Bundesrepublik gegründet wurde und er ehemalige Nationalsozialisten in wichtigen Positionen wiederentdeckte. Dies forderte ihn heraus und trieb in an, schon während seines Studiums. Sontheimer sah seine Aufgabe darin, die Bundesrepublik zu verteidigen, zu verändern und zu verbessern, vor allem aber gegen eine neuerliche Katastrophe zu immunisieren. Dabei wirkte er mit seinen Aufsätzen häufig auch als gesellschaftliches Korrektiv und Pendant zur aktuellen Tendenz des Diskurses. In Zeiten des Wirtschaftswunders und der Zufrieden- und Verschwiegenheit in der Bundesrepublik thematisierte Sontheimer gegen alle Widerstände die nationalsozialistische Vergangenheit. Als er die Ausuferung der linken Gewalt der 1970er Jahre erlebte, schrieb er gegen die 68er Generation und als zur Jahrtausendwende sich in der Öffentlichkeit eine Perspektivlosigkeit breit machte, die Arbeitslosenzahlen waren konstant hoch und die New-Economy-Blase an der Börse geplatzt, da veröffentlichte er ein Werk, in dem er seine Zufriedenheit und Versöhnung mit der Bundesrepublik zeigte.
1.1. Aufbau und Gliederung
Begonnen werden soll in dieser Arbeit im zweiten Kapitel mit einer biographischen Annäherung an Thomas Mann und Kurt Sontheimer, dabei werden die wichtigsten Stationen des Leben und Wirkens dargestellt und auch wichtige, prägende Elemente dargestellt. Im dritten Kapitel wird dann der Versuch unternommen, das Deutsch-landbild bei Thomas Mann im Einzelnen zu analysieren und darzustellen. Dabei sollen wichtige Punkte auch im Hinblick auf den Vergleich mit Thomas Mann herausgearbeitet werden. Besonderer Fokus liegt hierbei auf den Veränderungen und dem abschließenden Bild, welches am Ende des Lebens bestand. In Kapitel vier soll
1.2. Forschungsstand 5
ähnliches, wie für Thomas Mann im dritten Kapitel erarbeitet wurde, auch für Kurt Sontheimer vorgenommen werden.
Das fünfte Kapitel soll dann dem Vergleich Manns und Sontheimers dienen. Sowohl literarische als auch biographische Elemente finden hierbei Beachtung, um ein möglichst vollständiges Bild der beiden Autoren im Vergleich zu zeichnen. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und Ausblick auf mögliche Nachfolger und die politische Essayistik und den Einfluß von Literaten und Essayisten in der Bundesrepublik. Nachfolgend sollen noch einmal die zentralen Fragen zusammengefaßt werden, denen in dieser Arbeit nachgegangen wird:
x Wie standen Thomas Mann und Kurt Sontheimer zu dem Deutschland Ihrer Zeit am Anfang Ihrer literarischen Tätigkeit?
x Wie hat sich das Deutschlandbild bei den beiden Autoren im Laufe ihres Wirkens entwickelt?
x Wie unterscheiden sich Thomas Mann und Kurt Sontheimer in ihrem Deutsch-landbild?
1.2. Forschungsstand
Das vorstehende Thema der Arbeit ist innerhalb der Literatur, zumindest in Form eines Vergleichs, kaum kommentiert worden. Kurt Sontheimer selbst hat ein Werk zu Manns Verhältnis zu den Deutschen verfaßt, allerdings nicht reflexiv auf seine eigene Person. In der aktuellen Literatur lassen sich eine Vielzahl von Biographien 1 zu Thomas Mann finden, häufig aber auch mit dem Fokus auf die schriftstellerische Tätigkeit Manns 2 als Romanautor. Einige wenige Werke gehen auch auf die Rolle Manns während der Weimarer Republik und vor allem während des Exils im Zweiten Weltkrieg ein, Verbindungen zu Kurt Sontheimer existieren hier jedoch nicht.
1 Harpprecht, Klaus: Thomas Mann. Eine Biographie, Reinbek 1995; Kurzke, Hermann: Thomas
Mann. Das Leben als Kunstwerk, München 1999; Mendelssohn, Peter de: Der Zauberer. Das Le-
ben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, Frankfurt/Main 1997; Prater, Donald A.: Thomas
Mann - Deutscher und Weltbürger. Eine Biographie, München/Wien 1995; Reents, Edo: Thomas
Mann, München 2001.
2 Lukacs, Georg: Thomas Mann, Berlin 1949.
1.2. Forschungsstand 6
Kurt Sontheimer wurde bis dato noch nicht die Ehre zuteil, Gegenstand einer Biographie zu sein, jedoch spricht eine Vielzahl seiner oftmals sehr politischen Werke 3 für sich selbst. Sontheimer selbst führte Thomas Mann in den Diskurs mit ein 4 , verzichtete jedoch auch auf einen Vergleich mit seiner eigenen Person. Insofern fehlen auch hier weitere Verbindungen.
Die fortwährende Aufarbeitung von Archiven stellt in Aussicht, daß sowohl über beide Personen noch weitere Werke unterschiedlicher Blickwinkel erscheinen werden, aber auch, dass weitere Vergleiche der Deutschlandbilder führender Intellektueller der Weimarer Republik, der Bundesrepublik wie auch der DDR, erscheinen können.
3 Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, in:
Eschenburg, Theodor: Der Weg in die Diktatur. 1918-1933, München 1962, S. 47-71.; ders.:
Deutschland zwischen Demokratie und Antidemokratie, München 1971; ders.: Grundzüge des poli-
tischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, München 1971; ders.: Das Elend unserer Intel-
lektuellen, München 1976; ders..: Die verunsicherte Republik. Die Bundesrepublik nach 30 Jahren,
München 1979; ders. / Bleek, Wilhelm: Grundzüge des politischen Systems der Bundesrepublik
Deutschland, München 1984; ders.: Deutschlands politische Kultur, München 1990; ders.: Die
Adenauer-Ära: Grundlegung der Bundesrepublik, München 1991; ders.: Von Deutschlands Repub-
lik: politische Essays, Stuttgart 1991; ders.: So war Deutschland nie. Anmerkungen zur politischen
Kultur der Bundesrepublik, München 1999.
4 Ders.: Thomas Mann und die Deutschen, München 1961.
2. Eine biographische Annäherung 7
2. Eine biographische Annäherung
Nachfolgend werden die Werdegänge von Thomas Mann und Kurt Sontheimer im kleinen Rahmen nachgezeichnet. Eine biographische Auseinandersetzung ist vor allem deshalb nötig, weil sowohl Person als auch literarisches Wirken untrennbar miteinander verbunden sind. In beiden Fällen haben zudem besondere Ereignisse zu einer besonderen politischen Aktivität und Partizipation geführt.
2.1. Thomas Mann
Geboren wurde Paul Thomas Mann am 06.06.1875 in der Hansestadt Lübeck. Sein literarisches Debüt gab Mann nach seinem Umzug nach München 1894, bevor er in den folgenden zwei Jahren regelmäßig für die Zeitschrift „Das zwanzigste Jahrhundert“ schrieb. 5 Die Zeitschrift hatte einen konservativen bis nationalkonservativen Ruf und wurde in jener Zeit von seinem Bruder Heinrich geleitet. Aufgrund aufkeimender antisemitischer Tendenzen verließ Thomas Mann „Das zwanzigste Jahrhundert“ jedoch recht schnell im Jahr 1896. 6 Er wechselte 1898 zur Satirezeitschrift „Simplicissimus“ 7 , der er bis zu seiner Einberufung vom Militärdienst 1900 verbunden blieb. 8
1903 erlangte Thomas Mann mit dem Roman „Buddenbrooks“ Bekanntheit in der breiten Öffentlichkeit und erhielt hierfür 1929 den Literaturnobelpreis. 9 Seine Zustimmung zum Ersten Weltkrieg führte zum Bruch mit seinem Bruder Heinrich, der diesen kategorisch ablehnte. Thomas Mann hingegen stimmte dem deutschen Waffengang als Erfordernis zu, motiviert auch durch eine Abneigung gegenüber dem Zarismus. Nachdem er bereits 1914 mit „Gedanken im Kriege“ seine kriegbefürwortende Haltung öffentlich gemacht hatte 10 , folgte mit „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 ein weitreichendes Werk. Mann legte damit ein eher ideengeschichtlich-philosophisches Werk vor denn einen Kommentar zu den Kriegsjahren,
5 Prater: Thomas Mann, S. 29f.
6 Harpprecht: Thomas Mann, S. 70ff.
7 Ebd., S. 112.
8 Prater: Thomas Mann, S. 55f.
9 Harpprecht: Thomas Mann, S. 180ff.
10 Ebd, S. 371ff.
Arbeit zitieren:
Christopher Scheele, 2008, Das Deutschlandbild bei Thomas Mann und Kurt Sontheimer im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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