Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Leutnant Gustls Ehrverständnis. 4
III. Ein ehr-würdiges Verhalten? 7
IV. Eine Kritik an falschem Ehrverständnis 10
V. Zusammenfassung 12
VI. Literaturverzeichnis. 13
1. Primärliteratur. 13
2. Sekundärliteratur. 13
2
I. Einleitung
Mit der Publikation von „Leutnant Gustl“ hat Arthur Schnitzler in Militärkreisen heftige Reaktionen hervorgerufen:
Der beschuldigte Oberarzt etc. hat die Standesehre dadurch verletzt, daß er als dem Offizierstande angehörig eine Novelle verfasste und in einem Weltblatte veröffentlichte, durch deren Inhalt die Ehre und das Ansehen der österr. ung. Armee geschädigt und herabgesetzt wurde. 1
Angesichts dieser schwerwiegenden Vorwürfe, die den Begriff „Ehre“ ausdrücklich betonen, liegt es nahe zu fragen, wodurch nun eigentlich dieses Ärgernis ausgelöst wurde. Um dieser Frage nachzugehen, wird in Kapitel II zunächst versucht, die Auffassung und Handhabung von „Ehre“ durch den Protagonisten der Erzählung nachzuzeichnen. Daraufhin untersucht Kapitel III, ob sich der Leutnant als würdiger Vertreter der „Standesehre“ erweist, um die Relation zwischen Ideal und Realität einschätzen zu können. Abschließend erläutert Kapitel IV einige Methoden und mögliche Intentionen des Autors in Bezug auf zeitgenössische, reale Parallelen zum Image des Leutnant Gustl.
1 Wien, am 26. April 1901. In J. P. Stern: ‘Introduction. Leutnant Gustl’, in Arthur Schnitzler: Liebelei. Leutnant Gustl. Die letzten Masken, hg. v. J. P. Stern (Cambridge: University Press 1966), S. 28f.
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II. Leutnant Gustls Ehrverständnis
Für eine Untersuchung des Ehr-Begriffs bietet der Monolog des Leutnants vor allem zwei wesentliche Anhaltspunkte, die parallel verlaufen: Aus Gustls Überlegungen während des Konzerts entnehmen wir zunächst, dass ihn am folgenden Nachmittag ein Duell mit einem Doktor erwartet. In Bezug auf seine militärische Stellung scheint diese Reaktion die einzig angemessene, aber auch einzig mögliche zu sein: „[I]ch hab’ mich famos benommen; der Oberst sagt auch, es war absolut korrekt.“ 2 Die zweite Herausforderung seines Ehrgefühls begegnet ihm im Anschluss an das Oratorium in der Gestalt eines ihm bekannten Bäckers, dessen Beleidigung ihm allerdings nicht die Möglichkeit einer Revanche bietet 3 und folglich Gustls Ehr- und Sinnverlust mit sich bringt: „Ehre verloren, alles verloren!“ 4 Da der Protagonist allerdings sowohl einen Repräsentanten der österreich-ungarischen Armee als auch eine Privatperson verkörpert (wie sich bereits dem Titel des Werks entnehmen lässt 5 ), erscheint es sinnvoll, diese beiden Aspekte entsprechend zu berücksichtigen. Betrachtet man - wie Gustl - sein Verhalten nämlich vom militärischen Standpunkt aus, also als logische Konsequenz dieser beiden Affronte, so wirken seine Handlungen (bzw. Gedanken) nicht allzu unplausibel. Zieht man allerdings die mit den Auseinandersetzungen verbundenen persönlichen Konnotationen in Erwägung, so werden Gustls Verfehlungen offensichtlich. Zum einen scheint es ihm aufgrund seines Ranges legitim, Respekt zu heischen, andererseits aber verhält er sich nicht dem Ideal entsprechend, das er verkörpern sollte: „Gustl, as a soldier and officer in the Austrian army, is required to be a model of honor and decorum“ 6 , doch in der Konfrontation mit dem Bäcker benimmt er sich äußerst unhöflich („Sie, halten Sie das Maul!“ 7 ), und die vom Doktor angebotene Einladung zur Diskussion 8 schlägt er rundweg aus. 9 Darüber hinaus zielen die von Gustls Gegenspielern gemachten Äußerungen gerade nicht darauf ab, ihn in seiner Eigenschaft als Offizier zu beleidigen, sondern richten sich an ihn als Privatperson - mit dem Ausdruck „Sie dummer
2 Arthur Schnitzler: Liebelei. Leutnant Gustl. Die letzten Masken, hg. v. J. P. Stern (Cambridge: University Press 1966), S. 113.
3 Die Gründe für diese Unmöglichkeit werden im Folgenden erläutert.
4 Schnitzler Gustl, S. 124.
5 Dieser Eindruck bestätigt sich m. E. durch den Antagonismus zwischen der höflich-formellen Bezeichnung eines militärischen Ranges und dem umgangssprachlich-legeren Kosenamen.
6 Helga Stipa Madland: ‘Baroja’s Camino de perfección and Schnitzler’s Leutnant Gustl: Fin de Siècle Madrid and Vienna’, in Comparative Literature Studies, 21 (1984), S. 315.
7 Schnitzler Gustl, S. 116.
8 Die Wendung „Sie werden mir doch zugeben“ bezeichnet m. E. die Bereitschaft zur argumentativen Auseinandersetzung. Schnitzler Gustl, S. 114. Vgl. auch Dirk Dethlefsen: ‚Überlebenswille: Zu Schnitzlers Monolognovelle Leutnant Gustl in ihrem literarischen Umkreis’, in Seminar, 17 (1981), S. 63.
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Marion Luger, 2000, Leutnant Gustl - Eine Frage der Ehre?, München, GRIN Verlag GmbH
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