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I Psychografien: Ist eine Alphabetisierung der Seele möglich? 01
II Die chinesische Schrift: Entstehung und Verständnis 06
III Die Idee des Esperanto: künstlich vs. natürlich 11
Quellen 16
I Psychografien: Ist eine Alphabetisierung der Seele möglich?
EEG bedeutet ‚Elektroenzephalogramm’. Im Folgenden will ich der Frage nachgehen, woher die Idee einer Hirnschrift stammt, auf welchen Möglichkeiten ihre Verwirklichung beruht und hinterfragen, ob es inzwischen möglich ist, (menschliche) Gedanken ohne jedwede Artikulation in eine buchstäbliche, d.h. geschriebene Sprache zu bringen. Kann das EEG eine solche hervorbringen? Wie sähe diese aus?
Als Grundlage für die Betrachtung soll zunächst das sprachwissenschaftliche Orgamon-Modell von Karl Bühler dienen, das die Elemente Sender, Empfänger und Gegenstand bzw. Sachverhalt triadisch gegenüberstellt und diese drei Elemente durch das sprachliche Zeichen verbindet. Bevor das Zeichen gesprochen oder geschrieben werden kann, muss es vom Sender gedacht werden, dies bezieht sich auf das Element: Gegenstand bzw. Sachverhalt. Der Sender denkt also über einen Gegenstand oder Sachverhalt nach, repräsentiert durch das Zeichen, und übermittelt das Gedachte in Form eines Signals an den Empfänger. Der Ausdruck des Senders geschieht durch Artikulation, genauer durch den Sprech- oder Schreibakt (oder Zeichensprache). Was aber, wenn diese Arten der Artikulation unterbunden werden? Der Sender denkt dabei nach wie vor, doch kommen seine Zeichen nicht beim Empfänger an, zumindest nicht auf diese Weise.
Die Idee von einer bestimmten anderen Art der Übermittlung fasziniert die Menschheit schon seit geraumer Zeit, wie Cornelius Borck in einem Aufsatz erklärt. Schon vor der Erfindung der Elektroenzephalographie beschrieb Etienne-Jules Marey in Méthode graphique (1878) ihre Vorstellung davon, wie eine „graphische Methode physiologische Prozesse so präzise in Zeichen“ 1 übersetzen könne. Sie ging dabei sogar so weit, dass diese Art der Zeichenvermittlung in der Zukunft vorherrschend würde. Die Idee der Wissenschaftlerin von einer Methode, die den artikulatorischen Sprechakt überflüssig macht, beschäftigt die Forschung auch im 21. Jahrhundert und die Erfindung des EEGs in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schien durchaus zur Verwirklichung dieser Idee beitragen zu können. Es trat eine Maschinerie in den Blickpunkt, die Gehirne zum Schreiben bringen und sozusagen eine elektrische Gedankenschrift möglich machen könnte. Das EEG hatte ein deutscher Psychiater erfunden, wobei die Intention vorrangig auf den medizinischen Aspekt hinsichtlich der Behandlung psy-
1 Borck,Cornelius: Schreibende Gehirne. In: Psychografien, hgg. von Borck, Cornelius und Schäfer, Armin. Zürich-Berlin 2005, S. 92.
chischer Erkrankungen bzw. speziell der Erkennung von Gehirnerkrankungen abzielte. Doch das Interesse an einer „unmittelbaren“ Schrift, die, so Marey, „als eine graphische Methode nicht mehr unter Umgehung, sondern im Überspringen der menschlichen Sprache“ operiere, blieb. 2
Bevor weiter auf die Möglichkeiten durch die Elektroenzephalographie eingegangen wird, soll nun ein Blick auf den Titel dieses Essays geworfen werden. Ist eine Alphabetisierung der Seele möglich? Um einer Klärung dieser Frage näher zukommen, müssen Begriffe definitorisch umrissen werden. Unter Alphabet soll hier eine festgelegte Reihenfolge aller Schriftzeichen in einem Sprachsystem verstanden werden, aus denen Laute, Silben und Wörter gebildet werden können. Das EEG gehört dem Gebiet der Psychografien an, deren Aufgabe es ist, psychologische Beschreibungen einer Person zu liefern aufgrund von mündlichen und schriftlichen Äußerungen.
Dazu ein Blick auf andere Psychografien, der das starke Interesse und die vielseitigen Ansatzpunkte verdeutlichen soll. In Amerika wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eine Maschine hervorgebracht, der Psycograph, eine „Anatomische Mess- und Aufzeichnungsmaschine, die „eine Art Aufsatz über das unter dem untersuchten Schädel verborgene Gehirn“ druckte, die aber auf vorgestanzte Sätze zurückgriff 3 und aufgrund dieses Sachverhalts für unsere Fragestellung an Wert verliert. Hier handelte es sich also nicht einmal um eine Annäherung an die „unmittelbare“ Schrift.
Zu dem Gebiet der Psychografien gehört u.a. auch die Graphologie, eine Methode, auf die man in Europa aufmerksam wurde und die sich auf einen Zusammenhang zwischen Handschrift und Persönlichkeitsmotiven des Senders beruft. Die spezielle Methode der Gehirn-Plethysmographie konzentrierte sich eher auf physiologische Gegebenheiten - der Arm und die Hand des Senders als Mittel zum Zweck, als Realisierung eines „pathophysiologisch signifikante[n] Schreibsystem[s] des Gehirns“ 4 , das mithilfe des Apparates Kurven hervorbrachte. Das Interesse orientierte sich schon bald an den eher zufällig vom Probanden hervorgebrachten, geschriebenen Kurven, die gewissenhaft zu deuten versucht wurden. Heute weiß man, dass diese eine Spiegelung der Schwankungen der Blutfülle des Gehirns repräsentierten. Insofern kann auch die Graphologie für unsere Frage keine große Rolle spielen, da die Kurven, denen als Zeichen ja große Bedeutung zu kommt, aber hier lediglich organische Reaktionen repräsentieren.
2 Borck, Cornelius: Schreibende Gehirne, S. 93.
3 Ebd., S. 94.
4 Ebd., S. 96.
Auch Stefan Rieger beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Der Takt der Seele“ mit dem hier thematisierten Phänomen. Seine Überlegungen verweisen allem voran auf die Voraussetzungen, um zu dem Ergebnis einer Gehirnschrift zu kommen. Rieger postuliert, dass man die Seele „zuallererst auf das Strukturmoment aller Schrift verpflichten“ muss 5 , hier geht es um die Forderung nach Segmentierung, ähnlich wie sie beim Alphabet vorliegt. Die Festlegung von Zeichen also ist notwendige Bedingung, um hier ein Sprachsystem sichtbar zu machen, unabhängig von einer Hierarchisierung, oder einer Laut-, Silben- und Wortbildung. Eine weitere Voraussetzung für „die Alphabetisierung der Seele [ist] diese dem Begriff der Frequenz“ zu unterstellen, Frequenz bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Verhältnis zwischen den Zeichen und der Zeit. Für das entstandene Ergebnis zähle „nicht mehr der Inhalt einer Vorstellung, sondern deren bloße Häufigkeit“ 6 . Ist so der Segmentierung ähnlich eines Alphabets und damit einer möglichen Verschriftlichung der Seele näher zu kommen? Ein Basisalphabet auf der Grundlage der Einheit „Hertz“?
Stefan Rieger untersucht die Problematik vor nachrichtentechnischem Hintergrund. In Bühlers triadischem Modell dient das Zeichen selbst als Nachricht und Rieger macht klar, dass „der Mensch [Sender, Empfänger] dem Geheiß einer Semiotik [untersteht], die an ihn gerichtet ist. Im Zeichen von Zahlen“ 7 . Dieser Weg kann aber nicht akt-los beschritten werden, der Akt des Lesens auf Seiten des Senders ist vonnöten.
Schon Johann Christoph Hoffbauer und Immanuel Kant waren auf diese Idee gekommen: „Um sich von der erstaunlichen Schnelligkeit, mit welcher wir urtheilen und schließen, einen Begriff zu machen, darf man sich nur an die Fertigkeit, wozu man es in dem Lesen bringt, halten.“ Die Verarbeitung von Buchstaben bzw. Silben bzw. Wörtern, d.h. verschriftlichten Zeichen soll also wiederum in eine neue Schrift übersetzt werden können? Die der Gedanken? Führt dieser Weg nicht vielmehr zu einer Feststellung der Auffassungsgabe des Senders, als zu etwas Unmittelbaren?
Karl Ernst von Baer ging in seiner Abhandlung von 1864 der Möglichkeit nach „frequenzfähige Segmente zu isolieren, um auf deren Grundlage eine Pulslehre vom menschlichen Bewusstsein zu erstellen“ 8 , doch diesbezüglich ergeben sich bei den folgenden Forschungen „fundamentale Probleme der Zählbarkeit der geistigen Akte“ 9 , zudem verliert diese Pulslehre
5 Rieger, Stefan: Der Takt der Seele - Zur medialen Modellierung des Bewusstseins. In: Psychografien, S. 178.
6 Ebd., S. 179.
7 Ebd., S. 181.
8 Ebd., S. 185.
9 Ebd., S. 190.
Arbeit zitieren:
René Ferchland, 2008, Das Alphabet im Psychogramm, im Chinesischen und im Esperanto, München, GRIN Verlag GmbH
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