Meinen Eltern gewidmet
Vorwort
Das Vorwort zu dieser Masterarbeit ist eine gute Gelegenheit, die Motivation, die mich zu diesem Thema bewog, und ein Dankeswort zu äußern. Die Impulse, die in mir das Interesse am Thema „Die Nationalitätenpolitik in Mittelasien“ erweckten, haben ihren Ursprung in meiner persönlichen Lebensgeschichte.
Ich bin in der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik 1 (TASSR) mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung aufgewachsen. In Kazan, der Hauptstadt, habe ich von Kindheit an in einer multinationalen Umgebung gelebt: Tataren, Russen, Ukrainer, Weißrussen, Usbeken, Juden, Tadschiken u. a. Als Kind aus einer tatarisch-russischen Mischehe bin ich sozusagen selbst ein Ergebnis der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion, denn generell wurden solche Ehen staatlich gefördert, um die Verschmelzung zur sowjetischen „sozialistischen Nation“ zu erreichen.
Am Beispiel meiner Familie kann man recht gut die Veränderungen verfolgen. In meiner Familie ist dies an den Lebensgeschichten nachvollziehbar, die dank dieser Arbeit nun auch schriftlich niedergelegt wurden.
Als Kind mit sowjetischer Erziehung habe ich mich gewundert, dass MARŠIDA, meine Urgroßmutter mütterlicherseits, kein Wort Russisch sprechen konnte. Sie sprach nur Tatarisch, schrieb es mit arabischen Schriftzeichen, las den Koran und verrichtete fünf Mal am Tage islamische Gebete. Den Inhalt nicht verstehend, sollte ich diese Gebete auf Arabisch nachsagen, um sie auswendig zu lernen. Das kam mir als Kind merkwürdig vor. Die einfache Erklärung meiner Eltern dafür war: „Das machen alte Leute. Früher war das so.“
Meine Großeltern AHMED und RUZALIA waren dann schon gut in die sowjetische Gesellschaft unter STALIN integriert. Dies mussten sie sich hart erarbeiten. In den 30er Jahren des XX. Jhs. mussten sie nach den Abschlüssen in einer nationalen Schule mit dem Unterricht auf Tatarisch, um sich beruflich weiter zu entwickeln, Russisch erlernen, was für sie eine völlig andere Sprache war.
1) Heute hat sie den Status einer souveränen Republik Tatarstan und ist die größte muslimische Region in der Russischen Föderation.
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Für ihre Tochter - also meine Mutter - wurde der stolze tatarische Name ILSIAR ausgewählt. Er bedeutet „die, die ihre Heimat liebt“. In der Zeit von CHRUSCHTSCHOV absolvierte meine Mutter die Hochschulreife sowie Hochschule auf Russisch und beherrschte dies auf muttersprachlichem Niveau. Im Kreise der Familie wurde überwiegend Tatarisch gesprochen.
Ich repräsentiere die vierte Generation dieser Familie. Russisch ist für mich durch Kindergarten, Schule und Universität praktisch zur ersten Muttersprache geworden, und die Rolle des Tatarischen war nur noch auf das Familienleben bei meinen Großeltern begrenzt. In meinem ehemaligen sowjetischen Pass bekannte ich mich jedoch zu meinen tatarischen Wurzeln, 2 denn bei Kindern aus Mischehen konnte selbst gewählt werden, welche Nationalität gelten sollte.
Tatarisch schreiben erlernte ich erst bewusst in den 1990er Jahren an der Universität, als ein nationales Wiedererwachen in der Zeit von BORIS JELZIN begann. Meine nationale Identität als Kazan- Tatarin bewahre ich bis heute.
An dieser Stelle möchte ich auch meinen Dank aussprechen an diejenigen, die wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit beitrugen und mir mit ihrem Wissen und weiterbringenden Ratschlägen zur Seite standen.
Mein Dank gilt CHRISTINE MÜLLER-RADLOFF, Dipl.-Ing./Textilrestauratorin am Grassi-Museum für Völkerkunde zu Leipzig der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen. Beim Entstehen dieser Arbeit war sie eine erste Bezugs- und Diskussionsperson. Mit ihrer Hilfe als Lektorin für die deutsche Sprache hat sie dazu beigetragen, dass ich meine Gedanken auf Deutsch niederschreiben konnte.
Weiterhin möchte ich ROLF SCHWARZER, Diplom- Museologe und ehemaliger Konservator im Leipziger Völkerkundemuseum, für seine sorgfältigen letzten Korrekturen danken.
2) In den sowjetischen Pässen wurde die Nationalitätenzugehörigkeit eingetragen.
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Gliederung
Vorwort S.2
Einleitung S.6
1. Die Ethnografie in der Sowjetunion: Theorie und Praxis
1.1. Die Anfänge der sowjetischen Ethnografie S.13
1.2. Die „Sovjetskaja Etnografija“ und ihre Autoren S.15
1.3. Wichtige theoretische Ansätze der sowjetischen Ethnografie S.18
1.4 Sowjetische (Feld)forschungen in Mittelasien S.21
2. Die sowjetische Nationalitätenpolitik in Mittelasien
2.1. Die Grundzüge der Nationalitätenpolitik unter Stalin und seinen S.30
Nachfolgern
2.2. Die Umsetzung der sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien S.36
2.3. Nationenbildung in Mittelasien S.45
2.4. Die Entwicklung nationaler Kulturen S.48
2.5. Der Stalins Kampf gegen den „bürgerliche Nationalismus“ S.54
3. Die Folgen der Nationalitätenpolitik in Mittelasien
3.1. „Sozialistische Nationen“ in Mittelasien S.61
3.2. Soziokulturelle Transformationsprozesse in Mittelasien S.69
3.3. Postsowjetisches Mittelasien S.80
Umschrift der russischen kyrillischen Schrift S.85
Abk ürzungsverzeichnis S.86
Literaturverzeichnis
Literaturangaben S.87
Zitierte Beiträge aus der „Sovjetskaja Etnografija“ S.93
Anh änge
Anhang 1 S.96
Anhang 2 S.130
Anhang 3 S.133
Anhang 4 S.135
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Einleitung
In dieser Masterarbeit wurde zum Thema Mittelasien in der ethnologischen Fachzeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ (SE), russisch „Сoветская Этнография“, recherchiert. Im Mittelpunkt des Interesses standen die Beiträge aus der SE, die sich 1. den Völkern des sowjetischen Mittelasien und ihrer Stellung im Rahmen der Nationalitätenpolitik und
2. den soziokulturellen Transformationen bzw. den Auswirkungen der sowjetischen Nationalitätenpolitik auf die Lebensweise, Kultur und die Traditionen der mittelasiatischen Völker widmeten.
Beide Fragen wurden im Kontext sowohl der offiziellen sowjetischen Historiografie als auch der westlichen kritischen bzw. antisowjetischen Historiografie behandelt. Es wurden insgesamt etwa 450 Artikel 3 aus der Zeit von der Gründung der Zeitschrift im Jahre 1931 bis zum Jahre 1991 ausgewählt, in einer Tabelle im Windows-Exel-Programm zusammengefasst und in Bezug zu den oben geschriebenen Schwerpunkten analysiert bzw. ausgewertet. Der Zeitraum von 60 Jahren ermöglichte die notwendige Übersicht, um die wichtigsten Aspekte der sowjetischen Nationalitätenpolitik zu vergleichen. Zweitens werden der Stand, die Entwicklung und die Leistungen der sowjetischen Mittelasienwissenschaft in der UdSSR dargestellt.
An dieser Stelle ist es sehr wichtig zu bestimmen, was man eigentlich unter dem Begriff Mittelasien versteht. Unter den Begriffen sowjetisches Mittelasien, Mittelasien oder Zentralasien wird im Rahmen dieser Arbeit das Gebiet verstanden, das durch das Kaspische Meer im Westen, die Grenze von Kasachstan und Kirgistan zu Russland im Norden, China im Osten und die Grenzen von Tadschikistan und Turkmenistan zu Afghanistan bzw. Iran im Süden begrenzt ist.
Im Fokus dieser Untersuchung stehen ausschließlich die fünf Sowjetrepubliken, die man im Kontext der Sowjetgeschichte als Turkmenische SSR (TuSSR), Usbekische SSR (UsSSR), Kasachische SSR (KSSR), Kirgisische SSR (KiSSR) und Tadschikische SSR (TaSSR) bezeichnete. Weitere gebräuchliche Bezeichnungen, die in den sowjetischen Quellen vorkamen, waren Turkmenien, Usbekien, Kirgisien, Tadschikien und Kasachstan.
3) Die Namen von den 450 Beiträgen aus der SE wurden aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Bei den russischen Vor- und Nachnamen wurde die wissenschaftliche lateinische Transkription der kyrillischen Buchstaben verwendet. Siehe Umschrift der russischen kyrillischen Schrift auf Seite 85
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Nach der Unabhängigkeit im Jahre 1991 wurden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Nationalstaaten gegründet. Dies sind heute die selbständigen Staaten Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgis(is)tan. 4
Während der Recherche der verschiedenen Quellen, die in Bezug zu Mittelasien stehen, wurde festgestellt, dass es keine Übereinstimmung bei der Bezeichnung für das Wort Turkvölker gibt, die im Sinne der ethno-linguistischen Gruppe in mehreren Varianten bezeichnet wurden:
• Turken, Turkvölker,
• Türken, Türkvölker,
• Turkophone, turkophone Völker. 5
In den für die Arbeit verwendeten Quellen setzte man Turkvölker mit Türken gleich, wobei das definitiv falsch ist, weil die Türken die bestimmte ethnische Gruppe in der Türkei sind. Möglicherweise kommt diese Verwirrung aus der Übersetzung der russischen Quellen, die für das Wort Turkvölker das Wort Türken benutzen und umgekehrt. In dieser Arbeit ist mit dem Wort „Turkvölker“ eine ethnisch - linguistische Gruppe und mit dem Wort Türken die türkische Nation in der Türkei gemeint.
Forschungstand
Zum Thema Nationalitätenpolitik in der UdSSR und speziell für das Gebiet Mittelasien liegen mehrere Monographien und Aufsätze vor, in denen eine grundsätzliche Spaltung in sowjetische und antisowjetische bzw. westliche Historiografie zu erkennen ist. Viele Literaturquellen stammen aus der Zeit des Kalten Krieges (1945 - 1991) und sind offensichtlich ideologisch geprägt. Das bestätigt unter anderen der renommierte Historiker GERHARD SIMON. Er weißt darauf hin, dass die Beschäftigung mit der sowjetischen
4) Das Suffix „stan“ das aus dem Persischen stammt und sowohl Ort wie Heimat bedeutet, hat auch eine zusätzliche politische Bedeutung, um die staatliche Unabhängigkeit zu betonen. In den verschiedenen Literaturquellen stellt man einen freien Umgang mit den Namen der Republiken ungeachtet des politischen Kontextes fest. Das betrifft besonders englischsprachige westliche Literatur. Das wird in dieser Arbeit vermieden. Die Staatsnamen sollten meines Erachtens den historisch-politischen Kontext beachten.
Des weitere möchte ich auf den Landesnamen von Kirgisien eingehen. Im Deutschen gibt es zwei Varianten des Landesnamens: Kirgistan und Kirgisistan, wobei die erste Bezeichnung nicht korrekt ist, weil sie den Namen des Volkes verkürzt und übersetzt „Land der Kirgen“ statt Land der Kirgisen bedeutet. In dieser Arbeit wird die erste Variante Kirgistan benutzt, die der kirgisischen Eigenbezeichnung Kyrgystan näher steht.
5) Siehe BALDAUF 1993, 782 S.
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Nationalitätenpolitik mit den politischen Orientierungen der Forscher und Geldgeber zusammenhängt. 6
In dieser Phase entstanden im Westen zahlreiche Russland- und Osteuropastudien und wissenschaftliche Zentren. Diese Institutionen hatten unter anderem die Aufgabe, im Bereich der Propaganda eine Nivellierung des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs der UdSSR und im Bereich der Politik die sowjetische Nationalitätenpolitik und allgemein das Bild vom Sowjetstaat in den Augen der internationalen Öffentlichkeit und selbst in den Ländern des Ostblocks negativ darzustellen.
Die Traditionen der Erforschung Russlands waren in England am stärksten ausgeprägt. In den 1950er Jahren existierten dort die Abteilung für Slawistik in Cambridge, Nottingham und London, Abteilung für Russisch in Edinburgh, Manchester, Liverpool und Oxford, Studium der Sowjetgeschichte in Birmingham und Glasgow. In diesem Zusammenhang ist auch das Royal Institute of International Affairs in London zu erwähnen, dessen Forschungsschwerpunkt sich auf die Sowjetunion und Osteuropa konzentrierte. Sie entwickelten die Theorie vom sowjetischen Kolonialismus, die u.a. in den Büchern von WALTER KOLARZ und zwei Fachzeitschriften für Osteuropakunde: „The Slavonic and East European Review“ sowie „Soviet Studies“ 7 vorgestellt wurde. 8 Viele Autoren interpretierten die Geschichte Mittelasiens einseitig als erzwungene Kolonisation und „eine Fortsetzung der Politik des zaristischen Russlands“ 9 , die die traditionelle Kultur der einheimischen Völker zerstörte. Sie schrieben über die Ausbeutung der Randgebiete als wirkliches Ziel der Sowjetpolitik. Oft wurden diese Aussagen aufgrund mangelnder russischer Sprachkenntnisse ohne echtes Quellenstudium gemacht, und das führte zur Vereinfachung der Sicht über die Geschichte. Als verblüffendes Beispiel dazu ist in unseren Literaturquellen das Buch von LADISLAUS SINGER „Sowjetimperialismus“ zu nennen. Er betrachtete die nationalen Republiken in Mittelasien als kolonial beherrschtes Gebiet. „Turkestan ist ein militärisch besetztes Land, wie dies andere Kolonien der Erde waren, die von Engländern, Franzosen, Holländern, Deutschen oder Belgiern verwaltet worden waren“. 10
6) SIMON 1986, S.45
7) BOLSOVER, SETON-WATSON 1956, S.88
8) KOLARZ 1961
9) PIERCE 1955, S.665
10) SINGER 1970, S.78 Der Autor gliedert die Geschichte Russlands unter dem Kriterium „Imperialismus“ in den zaristischen Imperialismus (1700-1917), die Anfänge des Sowjetimperialismus (1917-1920), Stalin - Schöpfer des Sowjetimperialismus, Imperialismus als höchstes Stadium des Sowjet-Kommunismus (1939-1954) und den sowjetischen Neo-Imperialismus (1954-1970).
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In den USA waren die Traditionen der Erforschung Russlands „weniger tief verwurzelt“ als in England. „Das plötzliche und schnelle Anwachsen des amerikanischen öffentlichen Interesses an der übrigen Welt fiel zeitlich zusammen mit dem Anwachsen der internationalen Bedeutung Sowjetrusslands.“ 11 In der ersten Zeit wurde die Wissenschaft auf diesem Gebiet von den Auswanderern der ersten und zweiten Welle aus dem Russischen Imperium, der UdSSR und anderen osteuropäischen Ländern beherrscht. Hier sind besonders die Namen des amerikanischen Slawisten BERNARD PARES und des Sowjetologen RICHARD PIPES zu nennen. In seinen politisierten Büchern vertritt PIPES die Theorie des „sowjetischen Kolonialismus“. 12
Die sowjetischen Ethnografen, Orientwissenschaftler und Historiker haben sich öffentlich mit den westlichen Ansichten auseinandergesetzt. So wurde der Wissenschaftszweig „Kritik der westlichen bzw. bourgeoisen Wissenschaft“ zu einem wichtigen Teil der sowjetischen Wissenschaft. Die Sowjetethnografen erhoben gegen die „bürgerliche“ Ethnologie den Vorwurf, sie diene der Festigung der „imperialistischen Kolonialherrschaft“. 13 Jedoch waren ihre eigenen Positionen und Kritiken stark von der sowjetischen Ideologie beherrscht, so dass sie nicht überzeugend und objektiv erschienen. In den Abhandlungen der sowjetischen Wissenschaftler ist lediglich über das Aufblühen bzw. die allmähliche Annäherung der sozialistischen Nationen als einen Triumph der Leninschen Nationalitätenpolitik zu lesen.
In der SE sind zahlreiche Auseinandersetzungen der sowjetischen Ethnologen mit amerikanischen Veröffentlichungen zu finden, beispielsweise schrieb TAT’JANA ŽDANKO eine Kritik anlässlich des Artikels des amerikanischen Historikers RICHARD PIPES "Muslime im sowjetischen Mittelasien, Tendenzen und Perspektiven - Demagogie und historische Wahrheit“. 14 Nach ihrer Einstellung verfälscht PIPES die Erfolge der Nationalitätenpolitik in Mittelasien und beruht sich auf nicht zuverlässige Quellen. „Von Anfang an ignorierte der Autor die aktuelle wissenschaftliche Literatur über die Geschichte und Ethnografie der Völker Mittelasiens. Aufgrund des Mangels an objektiven, zuverlässigen und veröffentlichten Quellen musste er die Aussage von etwa 30 mittelasiatischen muslimischen Emigranten aus den jeweiligen Regionen der UdSSR einbeziehen.“ 15
Einen besonderen Stellenwert nehmen hierbei die Anhänger des Konzepts „Panturkismus“ ein, die aus emigrierten ehemaligen Sowjetbürgern bzw. Wissenschaftlern bestanden.
11) BOLSOVER, SETON-WATSON 1956, S. 89-90
12) PIPES 1954, 1955
13) Kommunistische Partei und die sowjetische Ethnografie. In: SE 1969, Nr.6 S.7
14) PIPES 1955
15) ŽDANKO, in: SE 1958, Nr.3 S.136
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Einigen von ihnen, wie JUSUF AKČURA, SADRI MAKSUDI, ZEKI VALIDI, AHMET TIMER, GAJAZ ISHAKI und MUSTAFA CHOKAEV, ist es gelungen, vor den stalinistischen Säuberungen in den Jahren 1920 - 1930 zu fliehen. 16 Andere Sowjetbürger sind nach ihrer Kriegsgefangenschaft in der Zeit des Zweiten Weltkrieges entweder in Europa geblieben oder nach den USA ausge-wandert.
„Mit den nationalen Kreisen arbeitet die turkestanische Emigration Hand in Hand, deren Zahl
etwa drei Millionen Menschen umfasst.“ 17 In ihren wissenschaftlichen Arbeiten und gesellschaftlichen Aktivitäten haben sie viel zur Verbreitung der Ideen des Panturkismus in Europa beigetragen. Ein wichtiger Vertreter dieser Richtung war BAYMIRZA HAYIT, der hier mehrmals zitiert wird. Er bezeichnete sich selbst als Turkestaner und beherrschte sowohl Russisch als auch alle Turksprachen, die in Mittelasien gesprochen werden. HAYIT arbeitete an einer wichtigen Stelle in der Kulturverwaltung in der UdSSR, und als ehemaliger Kriegsgefangener promovierte er 1949 an der Universität Münster. Er bezog auch in seiner Arbeit die Quellen in usbekischer, kasachischer und russischer Sprache ein, was den Wert seiner Arbeiten um ein mehrfaches erhöht und schrieb eine ausführliche und faktenreiche Geschichte von Turkestan 18 . Seiner Meinung nach „versuchen die sowjetischen Historiker durch Fälschung der turkestanischen Geschichte zu beweisen, dass Turkestan ein „Kolonialland“ gewesen sei. Die alte Volkskultur wird verächtlich gemacht, das Bewusstsein einer Gemeinschaft des Turkentums bekämpft, und den religiösen Anschauungen werden im Interesse des Marxismus Grenzen gesetzt.“ 19
Aus der großen Reihe der politisierenden Arbeiten jeglicher Richtung ist die Arbeit von OTTO RUDOLF LIESS in zwei wesentlichen Gesichtspunkten hervorzuheben. Er versuchte, „die Wandlungen der ideologischen Konzeption, Beweggründe und Zielsetzung der sowjetkommunistischen Nationalitätenpolitik in Theorie und Praxis aufzuzeigen“ 20 und gehörte zu den wenigen Autoren, die in ihre Schriften die russischen Quellen, beispielsweise sowjetische Dekrete, Dokumente, 21 Zeitungen („Kommunist“, „Sowjetunion heute“) sowie die Zeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ einbezogen hatten.
16) Siehe Anhang 3
17) HAYIT 1997, S. 23
18) HAYIT 1956, 1958, 1980, 1997
19) HAYIT 1997, S. 22
20) LIESS 1972, S. 5
21) Dazu gehören z. B. die zahlreichen Thesen des Zentralkomitees der KPdSU.
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Eine weitere Arbeit, die auf Archivmaterialien und Dokumenten basiert, ist die von REINHARD EISENER. 22 Sie widmet sich dem Phänomen des tadschikischen Nationalismus. Am Beispiel des tadschikischen Nationalismus wurden die Fehler bei der Grenzziehung Mittelasiens aufgezeigt.
End der 1970er Jahre rückten Probleme des Islam und des Nationalismus in den Vordergrund. So kam BENNIGSEN in seinem Buch „The Muslims of the Soviet Empire“ zu der Schlussfolgerung, dass der Islam das sowjetische Regime bedrohte. Er behauptete im Rahmen seiner Konzeption des Nationalismus, dass sich der Islam in den sowjetischen Republiken Mittelasiens als kultureller Faktor deutlich präsentierte. Die sowjetischen Muslime sollten seiner Meinung nach die Demografie und den Charakter des sowjetischen Systems ändern. 23 Aus der Sicht der sowjetischen Ethnologen haben die westlichen Autoren „die Ideen von Panislamismus und Panturkismus zu politischen Zielen benutzt, um eine Möglichkeit der Unabhängigkeit Mittelasiens von der UdSSR zu begründen.“ 24
Den Zerfall der UdSSR führte zu einer neuen Generation von Mittelasienwissenschaftlern. Zu der Zeit waren bereits die Wissenschaftler, die durch den „Kalten Krieg“ ideologisch geprägt waren, verstorben. 25 Die neu heranwachsenden westlichen Geisteswissenschaftler konzentrierten sich auf die geopolitischen Aspekte der neu entstandenen mittelasiatischen Republiken. Zu ihren Zielen gehörten auch die Sicherung der geopolitischen Interessen des Westens in Mittelasien, die Verdrängung Russlands aus dieser Region, die Frage nach den Ressourcen des Kaspischen Meeres, die Gefahr des islamischen Fundamentalismus etc. Daraus wird ersichtlich, dass diese Arbeiten auch ideologisch beeinflusst sind. 26
Die Kritik an der sowjetischen Nationalitätenpolitik war ein Teil des wichtigsten politischen Ziels der westlichen Welt - Kampf gegen die UdSSR als größten geopolitischen Gegner in der zweiten Hälfte des XX. Jhs. Deshalb sind weder die sowjetischen noch die westlichen Quellen zuverlässig, und die Diskrepanz zwischen Reden, Wollen und Tun war besonders hoch anzusetzen. 27 Aus diesem Grunde sollte man das Betrachten solcher Themen wie der Nationalitätenpolitik, die sich nur auf die ideologisch politisierten Arbeiten oder die politi-
22)EISENER 1991, 72 S.
23) BENNIGSEN, WIMBISH 1986
24) ŽDANKO, in: SE 1958, Nr.4, S. 138
25) LAUMULIN 2001, S. 7
26) FULLER 1997
27) Aus diesem Grund versucht diese Arbeit, die Identität von Reden, Wollen und Tun gleichmäßig zu postulieren.
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schen Reden verlässt, vermeiden, denn dies birgt in sich die Gefahr, falsche Rückschlüsse daraus zu ziehen und bequemen Annahmen zu erliegen.
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1. Die Ethnografie 28 in der Sowjetunion: Theorie und Praxis
1.1. Die Anfänge der sowjetischen Ethnografie
Im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution (1918 - 1928) genoss die sowjetische Ethnografie noch relative Freiheit von der marxistischen Ideologie. Die Ausbildung der jungen sowjetischen Ethnografen lag noch in den Händen von bedeutenden Ethnologen mit Weltruf aus der vorrevolutionären Epoche wie VLADIMIR/ WALDEMAR BOGORAZ, LEV ŠTERNBERG, PETER PREOBRAŽENSKIJ, BERNGARD PETRI u. a. 29
In den Beiträgen aus der Zeitschrift SE kann man ablesen, dass die Wissenschaftler im freien wissenschaftlichen Austausch mit der westlichen Welt standen und Aufsätze in englischen und deutschen Zeitschriften, aber auch Bücher bei fremden Verlagen erscheinen lassen konnten. In jedem Heft der SE konnte man sich durch die zahlreichen Berichte, Mitteilungen und Rezensionen über den aktuellen Stand der westlichen Ethnografie informieren. Es wurden regelmäßig neue Bücher und europäische ethnologische Zeitschriften präsentiert, Bibliografien zusammengestellt sowie über bestimmte Themen in der westlichen Literatur recherchiert. 30 Besonders aktiv in diesem Bereich war Professor EVGENIJ KAGAROV, der in der
28) Zwar wird in den meisten slawischen Sprachen Ethnografie als Synonym zu Ethnologie verwendet, aber es ist im Rahmen des politischen Kontextes zu sehen. Ethnografie (bzw. Ethnographie) ist nach der sowjetischen Definition ein Zweig in der historischen Wissenschaft, die durch die Methode der Beobachtungen Traditionen der Völker, materielle Kultur, soziale Institutionen, Ideologie und die Volkskunst erforscht. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf das Fixieren der aktuellen Prozesse, sondern betrachtet diese in ihrem historischen Kontext, im Prozess des Werdegangs. Gegenstand der sowjetischen Ethnografie ist die Erforschung der Abstammung der Völker, die Geschichte der Formierung der kulturellen Unterschiede, die Geschichte der Volksmigration. Siehe dazu Große Sowjetische Enzyklopädie. Moskau 1951, Band 12, S.249-255
Heute hat es sich jedoch auch im internationalen Sprachgebrauch immer mehr durchgesetzt, dass man zwischen „Ethnologie“ und „Ethnografie“ deutlich differenziert, indem man auf den ursprünglichen Wortsinn zurückgreift: „Ethnografie“, eine Zusammensetzung aus griechisch ethnos und graphein, lässt sich am besten mit Beschreibung fremder menschlicher Gruppierungen übersetzen. Dagegen ist „Ethnologie“ umfassender, insofern hierunter - in ebenfalls wörtlicher Übersetzung die „Lehre“ oder „Wissenschaft“ von eben jenen „fremden menschlichen Gruppierungen“ zu verstehen ist.. Mit diesen beiden Begriffen lassen sich demnach zwei verschiedene Arbeitsschritte in der Tätigkeit des Wissenschaftlers bezeichnen. Ethnografie ist die beschreibende Darstellung einzelner Ethnien. Ethnologie bezeichnet dagegen die systematische Auswertung der erhobenen empirischen Daten unter vergleichenden und theoretischen Gesichtspunkten. Siehe dazu KOHL 2000, S.100 . In dieser Arbeit wird der Begriff Ethnologie bzw. Ethnologen als Synonym zu Ethnografie bzw. Ethnografen verwendet.
29) Siehe Anhang 2
30) KАRUNOVSKAJA, in: SE 1922, S.262-263, SE 1931, S.128-129, KATOV, in: SE 1936, Nr.4-5, S.274-277
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SE verschiedene Auslandsberichte und bibliografische Überblicke über die aktuelle deutsche, italienische, spanische und rumänische Ethnografie schrieb. 31
Durch die Politik der sowjetischen Regierung wurden die ethnografischen Forschungsarbeiten und die Ausbildung der jungen Ethnologen gezielt gefördert. Diese Periode zeichnete sich auch durch vermehrte Gründungen ethnografischer Institutionen, die Einbeziehung der einheimischen Wissenschaftler und die Verbreitung der ethnologischen Feldforschungen aus. Bereits im Jahre 1917 wurde an der Akademie der Wissenschaften die Kommission zur Erforschung der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung Russlands eingerichtet, die später zur Kommission für die Erforschung der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung der UdSSR umgestaltet wurde. 1919 schuf man ethnografische Zentren an den Universitäten in Petrograd und Moskau. 1933 wurde auf der Grundlage des Museums für Anthropologie und Ethnografie das Institut für Anthropologie, Archäologie und Ethnografie gebildet, das später zum Institut für Ethnografie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR umgestaltet wurde.
Ende der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre begann die Veränderung in der Methodologie der Ethnografie sowie allgemein in der sowjetischen Wissenschaft. Die erste Konferenz der sowjetischen Ethnografen, die im April 1929 in Leningrad stattfand, fasste u.a. die Resolution über die Einführung des Marxismus in die ethnologische Forschung. Diese Beschlüsse der Leningrader Konferenz wurden „für jeden Ethnografen als verpflichtend, der aktiv am sozialistischen Aufbau der UdSSR mitarbeiten und seine Forschung . erklärt. 32
im Sinne der materialistischen Richtung zu betreiben wünscht“ Ethnologen und Turkologen wie auch andere Wissenschaftler standen in Kontakt mit den zentralen Behörden und Institutionen, welche mit den Angelegenheiten der nationalen Republiken und Regionen befasst waren. Dies war 1917-1923/24 das Volkskommissariat für Nationalitätenangelegenheiten, dem aufgetragen war, „spezielle Forschungseinrichtungen und Lehranstalten zu organisieren zum Zwecke der Erforschung des Lebens der Nationalitäten und der Heranbildung von Kadern politischer Aktivisten nichtrussischer Nationalität.“ 33 Die ethnografischen Wissenschaftler waren in die Arbeit des Volkskommissariates mit einbezogen, das sich mit den Nationalitäten der UdSSR beschäftigte. So konstatierte LEV
31) KAGAROV, in: SE 1934, a), b) c) d)
32) KOPPERS, Schicksal, S. 509
33) Zitate nach BALDAUF 1993, S. 460
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ŠTERNBERG im Jahre 1926 mit Bedauern, dass „ethnografische Arbeiten bei uns äußerst extensiv und manchmal von wenig vorbereiteten Leuten betrieben werden.“ 34
Nach der Auflösung des Volkskommissariates 1924 ging dieser Aufgabenbereich für die Jahre 1924-1930 auf die zweite Kammer des Zentralen Exekutivkomitees der Union über. Nach 1930 wurden die genannten Funktionen auf die Sowjetorgane übertragen. 35 Die Forschungsinstitutionen waren zu politischen Organen zugeordnet. „Das sorgte für eine 36
direkte Implantierung der Staats- und Parteipolitik in die wissenschaftlichen Institutionen.“
Während der 20er und 30er Jahre wurde die sowjetische Wissenschaft von all jenen Gelehrten „gesäubert“, die sich gegenüber diesen Vorschriften gleichgültig verhielten oder sie gar offen abgelehnt hatten. Auf diese Weise wurden zwischen 1920 und den 1950er Jahren etwa 500 sowjetische Ethnologen und andere Geisteswissenschaftler der konterrevolutionären Propaganda, der Verbreitung nationalistischer Ideologie oder den Kontakten mit ausländischen Geheimdiensten beschuldigt und hingerichtet. Unter ihnen sind die Namen von renommierten Ethnologen wie PROF. PETER PREOBRAŽENSKIJ, PROF. BERNGARD PETRI, PROF. NIKOLAJ MATORIN, ALEXANDER ADRIANOV, der erste abchasische Ethnograf und Pädagoge SIMON BASARIJA, der erste jakutische Ethnograf GAVRIIL KSENOFONTOV. Viele andere starben unter unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern und Gefängnissen. Unter ihnen sind die Ethnologen NIKOLAJ KOZ’MIN, ANATOLIJ GENKO, FEDOR FIJEL’STRUP, ALEXEJ CHARUZIN, ALEXANDER ZOLOTAREV UND LEV ŠTERNBERG zu nennen. 37 Die überlebenden Forscher wurden endgültig gezwungen, ihre Theorien den Klassikern des Marxismus anzupassen.
1.2. Die „Sovjetskaja Etnografija“ und ihre Autoren
Die „Sovjetskaja Etnografija“, deutsch „Sowjetische Ethnografie“, war die bedeutendste Fachzeitschrift auf dem Gebiet der Ethnografie in der Sowjetunion, „die zum zentralen Organ aller Ethnografen im Lande wurde.“ 38 Die SE wurde von der führenden Institution der Völkerkunde in der Sowjetunion, dem Institut der Ethnografie „NIKOLAJ MIKLUCHO-
34)ŠTERNBERG, in: SE 1931, S.217
35) SIMON 1986, S. 157
36) BALDAUF 1993, S. 463
37) Siehe Anhang 2 und Repressalien ausgesetzte Ethnografen. Moskau 2003 (russ.)
38) PERŠIC, ČEBOKSAROV, in: SE 1967, Nr.5, S.6
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MAKLAJ“ der Akademie der Wissenschaften (AdW) der UdSSR, seit 1931 herausgegeben. 39 Sie ist die Nachfolgerin der Zeitschrift „Etnografija“, deutsch „Ethnografie“, die in den Jahren 1926-30 herausgegeben wurde. 40 Im Jahre 1931 wurden vier Hefte (Ausgaben), in den Jahren 1932-1936 sechs Hefte, 1937 vier Hefte und 1933-1947 nur zwei Hefte herausgegeben. Ab 1946 führte man die Herausgabe der Zeitschrift weiter. Bis 1956 wurde die Zeitschrift viermal im Jahr herausgegeben und ab 1957 sechsmal.
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Begriff „Sovjetskaja Etnografija“ nicht nur im Sinne der Zeitschrift zu verstehen ist, sondern auch als die ideologisch geprägte sowjetische Wissenschaft. Ein wichtiges Merkmal der sowjetischen Ethnologie, die sich in der Zeit der Entstehung des multikulturellen sowjetischen Staats herausbildete, war ihre Verbindung mit dem Aufbau des Sozialismus, den Aufgaben der Veränderungen der Kultur und Lebensgewohnheiten der Völker der UdSSR. Als Ziel der sowjetischen Ethnografie beschreibt die Ethnologin TAT’JANA ŽDANKO die Erforschung der Herausbildung und Entwicklung der sozialistischen Nationen und des Prozesses der Annäherung der Nationen und ihrer Umwandlung vom Sozialismus zum Kommunismus. 41 Deshalb diente eine Reihe von Arbeiten diesen ideologisch-politischen Zielen. In der SE wurden beispielsweise die politischen Reden von STALIN, BRESCHNEV, CHRUSTSCHOV und die zahlreichen Beschlüsse der Kommunistischen Partei und der Sowjetregierung veröffentlicht. 42
In der SE findet man Artikel und Rezensionen, die sich Fragen der Ethnografie von Völkern der UdSSR und des Auslands sowie der Geschichte der Ethnografie widmen. Es wurden auch Abhandlungen und Feldforschungen über Anthropologie, Folklore und Archäologie veröffentlicht. Weiterhin wurden in Beiträgen und Mitteilungen die ethnographische Arbeit von Museen und wissenschaftlichen Instituten der UdSSR und des Auslands beleuchtet. Aus der Zeitschrift erfuhr man über zahlreiche Kongresse und Tagungen, an denen die sowjetischen Forscher über Fragen der Ethnogenese teilnahmen. 43
39) Die weiteren Veröffentlichungen des Institutes für Ethnografie sind: „Die Mitteilungen des Institutes der Ethnografie“, (1946-1963) und „Die Abhandlungen des Institutes der Ethnografie“ (1947-1991)
40 Die ethnografischen Zeitschriften vor der Oktoberrevolution sind: „Der ethnografische Sammelband“ (Sankt Petersburg, 1853-1864), „Die ethnografische Rundschau“ (Moskau, 1889-1916)
41) ŽDANKO, in: SE 1964, S.3-24.
42) Die Rede von STALIN.In: SE 1938, Nr.1, S.3-4.
43) Unter anderem fanden statt: VII. Internationaler Kongress der Anthropologen und Ethnografen in Moskau 1964 und 1966 der VI. Internationale Kongress der Soziologen in Erevan, oder Tagung in Taschkent über die Ethnogenese (1947 und 1962), Allunionskonferenz in Frunze (heute: Bischkek), der Hauptstadt Kirgisiens, mit dem Hauptthema „Zur Koordinierung der Probleme der Annäherung sozialistischer Nationen“, siehe in: SE 1967, Nr. 1, S.8
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Das Gebiet Mittelasien wurde sehr vielfältig präsentiert. Folgende Themenbereiche sind zu nennen: Anthropologie, Archäologie, Bibliografie, Sprachwissenschaft, Typologie, ethnische Geschichte, Ethnogenese, Ethnogeografie, materielle Kultur, geistige Kultur und die Nationalitätenpolitik. All das wurde in Artikeln, Vorträgen, Berichten, Kritiken, Diskussionen und Rezensionen vorgestellt. Jeder erwähnte Themenbereich wurde von sowjetischen Wissenschaftlern komplex erforscht. Z.B. die materielle Kultur der Völker Mittelasiens teilte sich in die verschiedenen Fachgebiete wie Behausungen, Bekleidung, Schmuck und handwerkliche Künste. Die Lebensgewohnheiten bildeten einen wichtigen Aspekt bei der Erforschung der geistigen Kultur. Die gesellschaftliche Struktur spiegelte sich in Themen wie den Mischehen usw. wider. 44 Außerdem findet man regelmäßig in der SE Rezensionen von Dissertationen und neu veröffentlichten Büchern, Berichte über aktuelle Feldforschungen, Beiträge zur Museologie und Kritiken zu westlichen ethnologischen Beiträgen. 45
In der SE waren sowohl wissenschaftliche Arbeiten von führenden Sowjetgelehrten als auch von jungen Wissenschaftlern und Doktoranden veröffentlicht worden. Unter den renommierten ethnografischen Fachvertretern sind der Direktor des Institutes der Ethnografie VASILIJ BARTOLD und die Ethnologen SERGEJ MALOV, SERGEJ DUDIN, E. GAFFERBERG, ANNA ROZENFELD, NIKOLAJ KISLJAKOV, SAUL ABRAMZON, V. KURYLEV, SERGEJ TOLSTOV UND RACHMAT RACHIMOV zu nennen. 46 Viele von ihnen waren im Museum der Anthropologie und Ethnografie in Leningrad in der 1918 eröffneten Abteilung „Muslimische Völker Mittelasiens“ tätig. 47
In den Zeitschriftenheften der „Sovjetskaja Ethnografija“ kann man die wissenschaftlichen Karrieren vieler anderer sowjetischer Ethnografen über die Jahre verfolgen, z.B. TAT’JANA ŽDANKO, S. MIRCHASILOV, GALINA VASIL’EVA UND SNEGIREV. 48 Sie begannen ihre Veröffentlichungen in den 30er Jahren in der SE als Doktoranden in Forschungsprojekten in Mittelasien, in den 50er Jahren habilitierten sie sich, waren Autoren von wissenschaftlichen Monografien und nahmen führende Positionen in ethnografischen Instituten der UdSSR ein.
44) Die SE gliederte sich in bestimmte Rubriken: Allgemeine Ethnografie und Anthropologie, Ethnogenese und historische Ethnografie, Forschungen über der Völker der UdSSR, Forschungen über Ethnografie von ausländischen Staaten, Berichte und Chroniken, Kritiken und Bibliografien.
45) Siehe Anhang 1
46) Siehe Anhang 2
47) ABRAMZON, KURYLEV, KISLJAKOV, LAVROV, RACHIMOV und JA. VINNIKOV leiteten zu unterschiedlichen Zeitpunkten diese Abteilung.
48) Siehe Anhang 2
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Die meisten dieser Wissenschaftler blieben lange Jahre in den nationalen Gebieten tätig und bildeten im Laufe der 30-60er Jahre eine einheimische Nachwuchsgeneration heran. 49
Eine Welle von „Spezialisten aus dem Zentrum“ erreichte die nationalen wissenschaftlichen Einrichtungen, als in der ersten Hälfte der 30er Jahre im Zuge der politischen Zentralisierung auch eine verbale Aufwertung der wissenschaftlichen Arbeit im Zentrum gegenüber den nationalen Gebieten stattfand und die einheimischen Kräfte in die Rolle des Lehrlings zurückversetzt wurden. Zusätzlich zu diesem Zuzug russischer Wissenschaftler kam es zu einer bedeutenden Einflussnahme des Zentrums auf die Wissenschaft in den Republiken und nationalen Gebieten dadurch, dass eine ständig steigende Zahl von jungen Leuten zum Studium nach Moskau und Leningrad ging und nach der Rückkehr an den nationalen Einrichtungen tätig wurde. 50
1.3. Wichtige theoretische Ansätze der sowjetischen Ethnografie
Die sowjetische Ethnografie hatte sich als ein spezialisierter Zweig der historischen Wissenschaft, die die ethnische Entwicklung und die Entwicklung der Kultur und Lebensweise der Völker erforscht, verstanden. 51 Sie schloss bis zu einem gewissen Grade eine Anzahl von Disziplinen ein, die im Grenzbereich der Ethnografie mit anderen Wissenschaften lagen. Nach Auffassung der sowjetischen Ethologen gehörten dazu die Folkloristik, in der die Ethnografie die Literaturwissenschaft berührt, die Ethnogeografie, in der sie sich mit der Geografie verflicht, die Ethnoliguistik, die ethnische Anthropologie, die Ethnopsychologie, die Ethnobotanik usw. Die sowjetische Ethnografie beschäftigte sich mit der Siedlungsgeschichte und der Klassifikation der Völker, der Ethnogenese und ethnischen Geschichte, der Geschichte des Gesellschafts- und Familienlebens, der materiellen und geistigen Kultur, was anhand der Zeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ veranschaulicht wird.
In den Arbeiten der sowjetischen Ethnografen bildeten die Fragen der Ethnogenese bzw. Ethnogenetik einen wichtigen Schwerpunkt. Dieses Wort ist zum Leitmotiv für die
49) Z.B. TAT’JANA ŽDANKO hat mehr als 40 Jahre in Karakalpakien gelebt, geforscht und die einheimischen Ethnografen ausgebildet. Unter ihrer Leitung sind etwa 20 Doktorarbeiten verteidigt worden.
50) Der Lebenslauf der sowjetischen Ethnologin KLAVDIJA ANTIPINA (1904 - 1996) spiegelt das Schicksal vieler sowjetischer Bürger wider. In den 1930er Jahren studierte sie Ethnologie an der Moskauer Universität. Nachdem ihr Mann 1937 Repressalien ausgesetzt war und in einem stalinistischen Lager hingerichtet wurde, wurde sie mit ihrem kleinen Sohn nach Kirgisien ins Exil gebracht. Dort unterrichtete sie Russisch in einer nationalen Schule. Mit 49 Jahren begann sie jedoch ihren wissenschaftlichen Aufstieg in der Ethnologie. Sie wurde zur Professorin berufen und Autorin zahlreicher Monografien über die Ethnografie der Kirgisen. (Siehe ANTIPINA 1962, 124 S.)
51) PERŠIC, ČEBOKSAROV, in: SE 1967, Nr.5, S.62
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sowjetische Ethnologie geworden. Die Lehre der Ethnogenese besagte, dass die ethnische Vereinigung und Verschmelzung im Sozialismus keineswegs gewaltsam verlaufen werden. Im August 1942 fand in Taschkent eine Sitzung der historischen und philosophischen Abteilung der AdW der UdSSR „Über Fragen der Ethnogenese Mittelasiens“ statt. Unter den fünfzehn Referaten darf man den Vortrag von dem sowjetischen Historiker ALEXANDER UDAL’COV: „Die theoretischen Grundlagen der ethnogenetischen Forschung“ als wegweisend bezeichnen. 52 Mit dieser Tagung von Taschkent, kommentierte LIESS, war „eine wirkliche Wende in der weltanschaulich vorbestimmten Forschung der Archäologie, Geschichte, Anthropologie, Linguistik, Biologie, der materiellen und geistigen Kultur“ 53 usw. gegeben.
Diese und spätere Konferenzen der beteiligten historischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen der Ethnogenetik zielten für die UdSSR selbst darauf ab, den nationalen Bestand und die nationale Selbstbehauptung der nichtrussischen Nationalitäten zu relativieren und als ein unablässiges Verfließen mit Kreuzungen, Einschmelzprozessen und „dialektischen“ Neubildungen aus antagonistischen Elementen - als ein „Werden des Volkes“ darzustellen.
Hierfür ist die Theorie von Ethnosen von JULIAN V. BROMLEJ, sowjetischer Historiker und Ethnologe, Direktor des Instituts für Ethnografie der AdW der UdSSR (1966-1989) besonderer Beachtung wert. Seine Theorie über das Ethnos hatte riesigen Einfluss auf die sowjetische Ethnologie in den Jahren von 1950 bis 1980. In seinen Büchern 54 unternahm er
52) Einige der wichtigsten Thesen daraus seien nach LIESS 1972, S.38 auszugsweise angeführt:
a) „Vor unseren Augen entsteht eine neue wissenschaftliche Disziplin - die Ethnogenetik, welche die Fragen der Ethnogenese behandelt. Eine derartige wissenschaftliche Disziplin vermag ihre echte wissenschaftliche Fragestellung und Entwicklung allein in der Sowjetunion zu erhalten.
b) Keine einzige Frage der Ethnogenetik kann allseitig, endgültig auf der Grundlage eines einzigen Forschungsgebietes entschieden werden - des archäologischen, anthropologischen, linguistischen oder historischen - sondern jede nur durch gleichzeitige Zusammenarbeit all dieser Disziplinen.
c) Die sowjetische Ethnogenetik lehrt nicht metaphysisch das ein für allemal festgelegte „Ethnos“, sondern die Prozesse der Ethnogenese im Leben der Stämme und Völker, die auf der Entwicklungsgrundlage der produktiven Kräfte und Beziehungen verlaufen, und sich geschichtlich in immer engeren Wechselbeziehungen, Vereinigungen, Kreuzungen und Kultureinflüssen bekunden.
d)Der grundlegende Prozess der Ethnogenese führt von der Vielheit zur Einheit, von der Vielzahl der Sprachen und Kulturen der kleinen Stämme und Völkerschaften zu stärkeren Stämmen und ihren Verbänden, schließlich zu den heutigen nationalen Sprachen und Kulturen. Gleichzeitig kann ein zweiter Nebenprozess der Auflösung von Stämmen und Völkern in Tochterstämme und - Völker stattfinden, der den ersten Prozess von der Vielheit zur Einheit nicht aufhebt“. Siehe auch SE 1947, Nr. 6-7, S. 301
53) LIESS 1972, S.47
54) Ethnos und Ethnografie, Moskau 1973, (russ.) Theorie vom Ethnos, Moskau,1983, (russ.) Aktuelle Probleme der Ethnografie, Moskau, 1981, (russ.) Ethno- soziale Prozesse: Theorie und Praxis, Moskau, 1987 (russ.)
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den Versuch, eine sehr detaillierte Theorie zum Ethnos zu schaffen. Er unterscheidet dies im engeren und weiteren Sinn. Er bezeichnet eine Gemeinschaft von Menschen von der Urgesellschaft an als Ethnos im allgemeinen Sinne 55 . Im engeren Sinne deutete er den Begriff als eine historisch gewachsene, auf einem gemeinsamen Territorium und mit einer gemeinsamen Kultur lebende Gruppe von Menschen, die sich durch bestimmte Merkmale von den anderen abgrenzen und die sich dadurch als eine Gemeinschaft verstehen. Das sprachliche Äquivalent zu Ethnos in diesem Sinne im Russischen ist laut BROMLEJ der Begriff Nationalität.
Weiterhin schlägt er vor, den Terminus "Ethnos" im engeren Sinne durch den Begriff „Ethnikos“ zu ersetzen. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet soviel wie "volkhaft, dem Volke eigen". Das Ethnos wird sowohl durch spezifisch ethnische als auch zwischenethnische Kulturkomponenten gekennzeichnet. Die Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden Seiten der Kultur im Rahmen eines Ethnos, die das dialektische Verhältnis von Besonderem und Allgemeinem widerspiegeln, sind nach Bromlej als Wechselwirkung von Form und Inhalt aufzufassen.
Laut BROMLEJ existiert das Ethnos nur außerhalb sozialer Institutionen, die als seine strukturbildende Form auftreten. Diese Funktion erfüllten unterschiedliche soziale Gemeinschaften, z.B. die Familie oder des Staat. Aus dieser Symbiose entstehen nach BROMLEJ spezifische ethno- soziale Gebilde bzw. Organismen. Diese Gebilde zeichnen sich durch eine relative Selbstständigkeit aus, die besonders günstige Voraussetzungen für die ethnische Reproduktion schaffen. Diese Gebilde definiert BROMLEJ als ethno- soziale Organismen (abgekürzt ESO). 56 ESO verfügen über eine ethnisch-kulturelle, territoriale, ökonomische, soziale und politische Gemeinsamkeit. Außerdem steht ein ESO in direkter Verbindung zu einer bestimmten Formation bzw. historisch- stadialen Typologisierung der ethnischen Gemeinschaften: Stamm, Völkerschaft, bürgerliche und soziale Nation. 57 Außer Ethnos bzw. Ethnikos verwendete BROMLEJ die Begriffe Meta- Ethnos und Sub-Ethnos.
Meta- Ethnos wird als die überethnische und politische Gemeinschaft der Völker, z.B. das sowjetische Volk, verstanden, die sowohl ein gemeinsames Territorium, eine gemeinsame Wirtschaft als auch eine Kultur und Wertvorstellung hat. Als Synonym zu Meta- Ethnos schaffte Bromlej einen neuen synthetischen Begriff: ethnisch-sozialer Organismus (ESO), um
55) BROMLEJ zufolge ist „Ethnos“ den Wandlungen der Sozialentwicklung seit der Sklavenhaltergesellschaft bis zum Sozialismus schlechthin entzogen.
56) BROMLEJ 1973, S.37
57) Siehe dazu ausführlich auf Seit 60 ff.
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allmähliche oder plötzliche Veränderungen, Entstehungen ethnischer Gemeinschaften oder Gruppen zu motivieren und die ethnische Existenz unabhängig von den Stufen der historischen Sozialentwicklung zu sehen. Sub- Ethnos ist nach BROMLEJ eine innere kulturelle Gliederung der Meta-Ethnose, z.B. Afroamerikaner in den USA. Eine einzelne Person ist ein Ethnophor, der persönlicher Träger der ethnischen Kultur ist.
1.4. Sowjetische (Feld)forschungen in Mittelasien
Die Schaffung einer Grundlage für die politische Verwaltung Mittelasiens gehörte aus sowjetischer Sicht zur den wichtigsten staatlichen Projekten und erforderte dringend die Erforschung der Völker und ihrer Kulturen.
Aus diesem Grund wurden zahlreiche Feldforschungen in Mittelasien von der Sowjetregierung gezielt unterstützt. Es begannen die Zeiten der großen Feldforschungen. Die erste große mittelasiatische Expedition war in der Zeit von 1926-1930 unter der Leitung von IVAN ZARUBIN durchgeführt worden. 58 Die Resultate dieser Expedition stellten die bedeutendsten Leistungen in der sowjetischen Ethnografie auf diesem Gebiet dar und bestimmten die Thematik der ethnografischen Forschungen in Mittelasien. Dazu gehören:
• ethnische Geschichte und Ethnogenese
• kulturelle Tradition und Brauchtum
• Traditionen in der Familie
• Unterschiede im kulturellen Bereich, die durch neue sowjetische Traditionen
entstanden bzw. ersetzt wurden
Die in dieser Zeit gesammelten umfangreichen ethnografischen, geografischen und demografischen Quellenmaterialien spiegelten sich in zahlreichen Publikationen, Monografien, Doktor- und Habilitationsschriften wider. 59
Eine der größten Expeditionen war die Choresmische Expedition unter der Leitung von SERGEJ TOLSTOV. 60 (in den Gebieten Turkmeniens, Süd- und Nordusbekistans und Karakalpakien). Zwischen 1937 und 1947 wurden von den sowjetischen Archäologen Überreste der materiellen Kulturen sowie Grabstätten, Festungen und religiöse Plätze
58) Siehe dazu KONDAUROV, in: SE 1936; S.111-117
59) ZARUBIN 1932, 220 S., KISLJAKOV 1959, 268 S., GAFFERBERG 1969, 270 S, PEŠČEREVA .Moskau, 1959, 396 S.
60) TOLSTOV 1953, 363 S.
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entdeckt. Unter ihnen waren: Toprak- Kama, Staraja Nisa, Kara- Tepe, Fajaz - Tepe, Kiva Ak- Beschim, Adžina- Tege, Kalankach- Kasa, Zaman- Babas, Ismamut- Ata usw. 61
Von 1951 bis 1954 wurde von Archäologen und Ethnografen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR eine komplexe Feldforschung zur Bevölkerung des Fergana- Tals durchgeführt. Als nächste ist eine kirgisische Expedition von 1953-1956 mit dem Ziel, Atlanten und Abhandlungen darüber zu erstellen, zu nennen. Seit 1959 gab es auch Feldforschungen in Samarkand. 1951-1954 führte man Feldforschungen in Karakalpakien unter der Leitung von TOLSTOV und VINNIKOV durch. Danach folgten fünf weitere Expeditionen, die vom Institut der AdW der UdSSR koordiniert wurden. 62 Laut den Berichten von Ethnologin BALKIS KARMYŠEVA waren die Ziele der Expeditionen:
• die Sammlung von Informationen für die Erstellung des historisch-ethnografischen
Atlasses Mittelasiens und Kasachstans
• die Untersuchung von Problemen der Ethnogenese der Völker Mittelasiens und der
Herausbildung ihrer Kultur
• die Erforschung der aktuellen ethnischen Prozesse
• die Erforschung von soziokulturellen Transformationsprozessen unter dem Einfluss des Kommunismus 63
Für diese Zwecke wurden drei Arbeitsgruppen gebildet:
• Kaška-Darinskij unter der Leitung von K. ZADYCHIN
• Zeravšanskij unter der Leitung von B. KARMYŠEVA 64
• Turkmenskij unter der Leitung von JA. VINNIKOV
Die ethnische Struktur dieses Gebietes war recht kompliziert. Hier lebten Usbeken, Tadschiken, Turkmenen, Kasachen, Karakalpaken, Kirgisen, Tataren, Russen sowie andere ethnische Gruppen wie Araber, Juden, Zigeuner und Iraner. 65 Die Ergebnisse der langjährigen Expedition waren:
• die ethnografischen Karten
61) KUZ’MINA, in: SE 1958, Nr.2, S.24-33
62) 1957-1958 unter der Leitung von KISLJAKOV 1959-1961, unter der Leitung von KARMYŠEVA
63.) KARMYŠEVA, in: SE 1962, S. 137-140
64) Die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Karmyševa hatte die usbekischen halbnomadischen Stämme, die früher unter den Namen Turken bekannt waren, erforscht.
65) Bis Ende des XIX./Anfang des XX. Jhs. war die ethnische Struktur noch komplizierter dadurch, dass die Usbeken und die Turkmenen aus verschiedenen Völkerschaften und lokalen Gruppen entstanden waren.
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• die ethnografischen Abhandlungen, Berichte und Monografien 66
Es wurde die Veröffentlichung des Bandes „Die Völker Mittelasiens und Kasachstans“ aus der Buchreihe „Die Völker der Welt“ geplant, die die Notwendigkeit einer neuen Feldforschung hervorgerufen hatte. Aus diesem Grund wurden weitere Arbeitsgruppen gebildet. Diese waren:
• die Zigeuner- Gruppe unter der Leitung von GRIGORIJ SNESAREV
• die Belutschen- Gruppe unter der Leitung von EDIT GAFFERBERG
• die Koreanische Gruppe unter der Leitung von JURIJ IONOV.
Darüber hinaus wurden die individuellen Feldforschungen der Wissenschaftler, die Berichte für den Sammelband “Völker Mittelasiens und Kasachstans“ erarbeitet. Dazu zählen Feldforschungen in der KiSSR über:
• die Russen und Ukrainer von T. STANJUKOBIČ
• die Dunganen von G. STRATANOVIČ
in der TaSSR über:
• die Juden von JA. KOLONTAROV
in Buchara über:
• die Iraner von F. LJUŠKEVIČ
• die Araber von PREDGORNYJ usw.
Die Berichte der Mittelasiatischen Feldforschungen kamen in die Bände „Die Völker Mittelasiens und Kasachstans“ und „Die Völker der Welt“, die man im Jahr 1960 auf dem XXV. Internationalen Kongress der Orientwissenschaftler in Moskau vorstellte. SAUL ABRAMZON hat in der Zeit von 1953-1954 eine Feldforschung im Rahmen der Kirgisischen Archäologisch-ethnografischen Expedition, die von der AdW der UdSSR und der AdW der Kirgisischen SSR organisiert wurde, durchgeführt. Ergebnisse dieser Feldforschung wurden in zahlreichen Abhandlungen von diesem Wissenschaftler präsentiert. 67
Eng mit den Ergebnissen und Auswertungen der zahlreichen Feldforschungen waren die Fragen der ethnischen Geografie verbunden. Die ethnische Geografie entwickelte sich in den
66) z.B. die Monografie von K.L. ZADYCHIN „Usbeken des Gebietes Kaška-Darja, Moskau 1965 (russ.), der Artikel von VINNIKOV, JA. Eine Fahrt zu den Usbeken-Sakar. In: SE 1959, Nr. 3, S. 107-114 (russ.) GAFFENBERG, EDIT, Die materielle Kultur und Lebensgewohnheiten der Belutschen in der Turkmenischen SSR. Moskau 1965. KISLJAKOV, Usbeken und Tadschiken in Bucharischen Königreich. Moskau 1961 (russ.)
PEŠČEREVA, E.M Handwerk in Mittelasien Ende XIX./ Anfang XX. Jhs. In: Berichte des Instituts der Ethnografie der AdW der UdSSR, Band XXV, S. 39-46. (russ.)
67) ABRAMZON, in: SE 1960, 356 S., SE 1972, 478 S., SE 1974, S.403, SE 1990, S. 403
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Jahren der Sowjetmacht zu einer besonderen Wissenschaftsdisziplin, die die ethnische Zusammensetzung der Erdbevölkerung, ihre territoriale Verteilung, die Bevölkerungszahl und auch die Zusammensetzung der Völker nach ethnografischen Gruppen erforschte. 68 Bereits 1940 wurde an der Moskauer Universität das Institut für ethnische Statistik und Kartographie gegründet, das zwei Jahre später an das Institut für Ethnografie der AdW der UdSSR überführt wurde. Seit 1944 begann man an diesem Laboratorium planmäßig mit der Zusammenstellung von Karten über die Völker der Erde.
In verschiedenen Beiträgen der SE wurde das Projekt „Historisch-ethnografische Atlanten Mittelasiens“ und seine Ergebnisse vorgestellt. Diese Atlanten gehörten zu einer Reihe über die sowjetischen Republiken. Die Erstellung der ethnografischen Karten bzw. Atlanten trug erheblich zur Erforschung Mittelasiens bei. 69 Für die Herausgabe des Atlas war ein großer Zeitaufwand berechnet worden. Es wurden die thematischen Ausgaben geplant und im darauf folgenden Zeitraum realisiert: „Irrigation, Ackerbau und Rindviehwirtschaft“, „Handwerke und Gewerbe“, „Siedlungen und Behausungen“, „Bekleidung und Schmuck“, „Essen und Haushaltsgegenstände“, „Glaube und Gebräuche“, „Volkskunst und Ornament“ und weiteres. Es wurde weiterhin ein Sonderatlas, der die geografischen, geologischen, klimatischen Bedingungen und Bodenschätze beschrieb, geplant. Die Abhandlungen über die ethnischen Gruppen und zur ethnischen Geschichte spiegelten sich in den ethnischen Atlanten wider. Hierzu kamen auch linguistische und anthropologische Karten.
Die Frage nach der Zusammenstellung der Atlanten wurde schon in den 1950er Jahren diskutiert. In diesen Jahren kamen die Veröffentlichungen über die Arten, Strukturen, Inhalte und die Quellen der Atlanten zusammen. Bei der Zusammenstellung der Karten über die Siedlungsgebiete der Völker mussten von den sowjetischen Ethnografen eine ganze Reihe theoretischer und methodischer Fragen der ethnischen Kartografie und Statistik gelöst werden. Im Institut für Ethnografie der AdW der UdSSR wurden einige neue Kartografierungsmethoden erarbeitet, darunter die Methode der ethnischen Territorien, die es ermöglichte, Gebiete mit gemischter ethnischer Zusammensetzung kartografisch darzustellen. Gleichzeitig wurde eine andere Methode entwickelt, die es erlaubte, auf einer Karte sowohl den ethnischen Bestand als auch die Bevölkerungsdichte darzustellen. Die Ausarbeitung von Methoden der ethnischen Kartografie gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der sowjetischen Ethnografie.
68) BRUK 1964, S.43
69) Darüber berichtete ausführlich ŽDANKO, in: SE 1971, S. 31-42
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1956 fand der zweite Kongress der Archäologen und Ethnografen Mittelasiens in Duschanbe statt, wo beschlossen wurde, die kollektive Zusammenstellung des Atlasses Mittelasiens zu beginnen. Aus der SE erfahren wir über einen Kongress (1964 Moskau), auf dem die Methoden der Zusammenstellung historisch-ethnografischer Atlanten diskutiert wurden. 70 Vom Institut für Ethnografie der AdW der UdSSR wurden die Programme zum Sammeln von Informationen zum Atlas über die Themen „Bekleidung“ und „Behausung“ veröffentlicht. 71 In den Jahren 1955 - 1965 wurden zahlreiche Feldforschungen in Mittelasien und Kasachstan durchgeführt. In der Zeit veröffentlichte man schon das Album der Bekleidung der Tadschiken. 1959 wurden die ersten ethnografischen Karten, die die Verbreitung der Jurten und verschiedener Arten der Frauenmützen innerhalb Kirgisiens darstellten, herausgegeben. In den „Berichten der kirgisischen Expedition“ wurden die detaillierten ethnischen Karten von Kirgisien gedruckt. Einen großen Beitrag zur Zusammenstellung der Atlanten hat das Buch von KLAVDIJA ANTIPINA über die materielle Kultur der südlichen Kirgisen geleistet. 72 Der Atlas von Mittelasien und Kasachstan zählte nach den zwei Bänden „Völker Mittelasiens und Kasachstans“ zur zweiten kollektiven Arbeit der sowjetischen Ethnologen. 1967 fand in Aschchabat die Besprechung der Arbeitsgruppen aus den mittelasiatischen Republiken sowie aus Moskau und Leningrad statt. Zum zweiten Treffen in Taschkent waren einige ethnografische Karten erarbeitet. 73
Der Atlas Mittelasiens spiegelte drei historische Ereignisse wider:
• die Anngliederung 74 an Russland in den 60-70er Jahren des XIX. Jhs. 75
• den Stand zu Anfang des XX. Jhs. vor der Oktoberrevolution. (Diese Atlanten
fixierten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der jungen, sich neu gebildet habenden Nationen.)
• 1917-1930 als den Anfang der sowjetischen Geschichte.
70) BRUK, RABINOVIČ, in: SE 1964, S.103
71) MACHOVA, RUSJAJKINA, in: SE 1958, 24 S., VASIL’IEVA, MACHOVA, in: SE 1958, 16 S.
72) ANTIPINA, 1962, 123 S.
73) z.B. über das Thema „Ackerbau“
74) In sowjetischen Quellen als Beitritt bezeichnet. Siehe MIRCHASILOV, FAJZIEV, in: SE 1964, S.7
75) Außer den Chanaten Buchara und Chiva , deren Eingliederung zu Russland 1868 und 1873 geschah. Diese Gebiete waren sogar aus der Volkszählung 1897 ausgeschlossen, weil sie noch als unabhängige Protektoratstaaten betrachtet wurden.
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2. Die sowjetische Nationalitätenpolitik in Mittelasien
2.1. Die Grundzüge der Nationalitätenpolitik unter STALIN und seinen Nachfolgern
In Anlehnung an DANIEL MÜLLER versteht die vorliegende Arbeit unter Politik grundsätzlich drei Dinge: Das Reden, das Wollen und das Tun. Das Reden ist dabei der Diskurs über das (angebliche oder tatsächliche) Wollen und/oder Tun. Das Wollen ist das, was Politik tatsächlich beabsichtigt, aber keineswegs immer mit dem Reden identisch ist, da Politik ihre Ziele oft verschleiert, und auch keineswegs immer mit dem Tun identisch ist, da Politik ihre Ziele oft verfehlt. 76 Unter der Nationalitätenpolitik versteht man den Komplex von politischen, wirtschaftlichen sowie soziokulturellen Maßnahmen zur Regulierung der nationalen Vielfalt innerhalb eines Nationalitätenstaates.
In der UdSSR stellte die Nationalitätenpolitik einen zentralen Bereich der inneren Entwicklung des Staates dar. Die Anfänge der sowjetischen Nationalitätenpolitik und ihre Durchsetzung in der Gesellschaft sind von STALINS Persönlichkeit enorm geprägt worden. JOSEF W. STALIN (1879 - 1953) 77 bekleidete den wichtigen Posten des Volkskommissars für die nationalen Angelegenheiten (1917-1923) und bezeichnete sich selbst als „russifizierter Georgier“. 78 STALIN befasste sich mit den nationalen Fragen schon vor der Oktoberrevolution. Zur Nationalitätenpolitik ist aus seinen Texten besonderes der Aufsatz „Marxismus und die nationale Frage“ (1913) bekannt. Mit dieser Schrift verfolgte er das Ziel, eine Nation und die sie kennzeichnenden Merkmale zu entwickeln, und hob die nationale Frage als von grundlegender Bedeutung für eine bolschewistische Lösung hervor. Die Weltbedeutung der Oktoberrevolution deutete STALIN in seiner Schrift „Der Oktoberumsturz und die nationale Frage“ (1918). Sie bestand aus seiner Sicht „in der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus“. 79
Die Lektüre der Äußerungen STALINS und des späten LENIN zeigen deutlich die Akzentverschiebungen in der kommunistischen Nationalitätentheorie, die sich auf entsprechende Äußerungen des Manifestes der Kommunistischen Partei von MARX und ENGELS beruft. Der Nationalismus war für sie nur ein Hindernis auf dem Weg zur Weltrevolution.
Es heißt im Abschnitt des Manifestes „Proletarier und Kommunisten“:
76) MÜLLER 2008, S. 28
77) mit bürgerlichem Namen JOSIF DŽUGAŠVILI
78) NEVEŽIN 2003, S.158
79) STALIN 1918, S. 60
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„Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen. Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.“ 80
Das Problem, das vor der Sowjetregierung unmittelbar nach der Oktoberrevolution stand, war die Integration einer Vielfalt von ethnischen Gruppen in eine sozialistische Nation, die sich dazu in den verschiedensten Entwicklungsstadien befand. Aus diesem Grunde wurde die nationale Frage in der UdSSR unvermeidlich als eine der zentralen Fragen der proletarischen Revolution begriffen. STALINS bedeutendster Beitrag zur marxistischen Nationalitätentheorie bestand in der Idee, dass eine „Nation nicht einfach eine historische Kategorie ist“, sondern eine „historische Kategorie einer bestimmten Epoche, der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus.“ 81 Er formulierte die später parteioffizielle Definition für den Begriff Nation als „eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, [die] … auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart entstanden ist.“ 82
Später machte aber STALIN deutlich, dass die nationale Unterdrückung die Entwicklung des Bewusstseins des Proletariats der unterworfenen Nation behinderte, da sie von der sozialen Frage ablenkte. Sie stand aber auch der Revolutionierung des Proletariats der unterdrückenden Nation entgegen, wenn dieses sich mit der Unterdrückung anderer Nationen abfinden würde. Nationale Unterdrückung musste daher unbedingt bekämpft werden: „Darum kämpfen die Arbeiter… gegen die Politik der Unterdrückung der Nationen…. Darum proklamiert die Sozialdemokratie aller Länder das Selbstbestimmungsrecht der Nationen… Recht auf Selbstbestimmung, das heißt: Die Nation kann sich nach eigenem Gutdünken einrichten. … Die Nation ist souverän, und alle Nationen sind gleichberechtigt.“ 83 Die Festlegung einer richtigen, der Sache des Proletariats dienenden Linie in der nationalen Frage erfordert auch die Analyse des historischen Zusammenhangs ihrer Entwicklung. Hieraus folgt, schreibt STALIN weiter, dass die nationale Frage nur im Zusammenhang mit den in ihrer Entwicklung betrachteten historischen Bedingungen gelöst werden kann.
80) MARX, ENGELS 1959, S.29-30
81) STALIN 1913, S.269
82) STALIN 1913, S. 268
83) STALIN 1913, S.283
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„Die konkreten historischen Verhältnisse als Ausgangspunkt, eine dialektische Stellung der Frage als einzig richtige Fragestellung - das ist der Schlüssel zur Lösung der nationalen Frage.“ 84
Die Errichtung der Diktatur des Proletariates und der Beginn des sozialistischen Aufbaus eröffneten laut STALIN die Möglichkeit zur tatsächlichen Lösung der nationalen Frage.
Er hob grundlegende Momente hervor, welche die neue Art und Weise der Behandlung der nationalen Frage durch die Kommunistische Partei charakterisierten. Unter ihnen waren:
• die revolutionäre Lösung des Rechts der Nationen und der Kolonien auf staatliche
Lostrennung und auf Bildung eines selbständigen Staates,
• die „Gleichstellung der Nationen (Hilfe, Beistand für die rückständigen Nationen,
damit sie das kulturelle und wirtschaftliche Niveau der vorangeschrittenen Nationen erreichen können) als eine der Bedingungen für die Herstellung brüderlicher Zusammenarbeit zwischen den werktätigen Massen der verschiedenen Nationen.“ 85 Diesen Grundsätzen entsprechend formulierte STALIN die Aufgaben der KPR gegenüber den Millionen Sowjetbürgern nichtrussischer Nationalität wie folgt:
• Aufgabe aller und jedweder Ansprüche und Rechte auf Gebiete, die von
nichtrussischen Nationen bevölkert sind.
• Anerkennung des Rechts dieser Nationen auf selbständige staatliche Existenz;
freiwilliges militärisch-wirtschaftliches Bündnis dieser Nationen mit Zentralrussland;
• Unterstützung der rückständigen Nationen in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen
Entwicklung, da sonst die so genannte „nationale Gleichberechtigung“ zu leerem Schall wird, all das auf der Grundlage einer völligen Befreiung der Bauern und der Konzentrierung der gesamten Staatsmacht in den Händen der arbeitenden Elemente der Nationen der Randgebiete - das ist die nationale Politik der russischen Kommunisten. 86
Von 1930 bis 1953 stand die sowjetische Ethnografie unter dem direkten Einfluss von STALIN. Seine Gedanken über die Nation bildeten in der „Sovjetskaja Etnografija“ einen Mittelpunkt beim Betrachten der theoretischen Grundlagen der sowjetischen Ethnografie. Der Leiter des Institutes der Ethnografie in Moskau, TOLSTOV, schrieb in einem Beitrag in der SE:
84) STALIN 1913, S. 291
85) STALIN 1921 a) S.45
86) STALIN 1921 b) S.99
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„Die sowjetische Archäologie und Ethnografie haben ein Schicksal, nämlich: Die Anweisungen wurden von der Partei und ihrem Führer bestimmt.“ 87 Der Personenkult um STALIN drückt sich in vielen anderen Beiträgen der SE aus. Jede Ausgabe der Zeitschrift jener Zeit begann mit seinem Portrait. STALINS Gedanken wurden von den sowjetischen Ethnografen als genial bezeichnet. 88 Es wurde viel über seine „genialen“ Theorien über die Nation sowie ihre Bedeutung für die sowjetische Ethnografie geschrieben, und STALINS Persönlichkeit wurde vergöttert. 89
Nach dem Tod STALINS im Jahre 1953 90 wurde er als „Klassiker“ entthront. Der XX. Parteitag der KPdSU 1956 saß über STALIN zu Gericht, dessen Politik von seinem Nachfolger NIKITA CHRUSCHTSCHOV (1894-1971) als für die Entstellung der Nationalitätenpolitik verantwortlich erklärt wurde. In die sowjetische Historiografie ist diese Phase (1953-1964) als Tauwetterperiode eingegangen. Sie stand in der Analogie zu diesem Bild und wurde als Zeit der „Liberalisierung“ der sowjetischen Gesellschaft unter CHRUSCHTSCHOV bezeichnet. Unter seiner Losung „für die Reinheit der marxistisch-leninistischen Theorie“ 91 begann der Kampf gegen den stalinistischen Personenkult. Unter anderem wurden die den Repressalien ausgesetzten Ethnografen 92 rehabilitiert. Jedoch erfolgte die vollständige Entstalinisierung erst nach dem Zerfall der UdSSR, als STALINS Verbrechen wie Massenterror, Massenmord, Massenrepressalien, Millionen von Hungertoden bei der Zwangskollektivierung und Gulag offen gelegt wurden. In der Realität setzten sich die stalinistische Denk- und Sprechweise im öffentlichen Leben fort. Die die Gesellschaft disziplinierende Funktion von Partei und Staat blieb erhalten und wurde sogar noch intensiviert. Als wichtiges politisches Ziel wurde von CHRUSCHTSCHOV „die Festigung des sowjetischen Systems“ genannt. 93 Die Ethnografie wurde für die Durchsetzung der politischen Ziele instrumentalisiert. Die sowjetischen Ethnografen wurden auf ihre Zielsetzung eingeschworen. 94
In der SE findet man die wichtigsten Beschlüsse der KPdSU, die sie sich als Aufgaben der sowjetischen Gesellschaft für den Fünfjahrplan gestellt hatten.
87) TOLSTOV, in: SE 1951, Nr. 3, S. 6
88) Siehe KUŠNER, in: SE 1949, S. 4-20 sowie POTECHIN in: SE 1953, S.10- 21
89) Siehe PRUSAKOV, in: SE 1949, Nr. 4, S.156- 160 und VOSKOBOJNIKOV, in: SE 1949, Nr. 4, S.94- 106
90) STALINS Nekrolog wurde in der SE 1953, Nr. 1 veröffentlicht: „KPdSU informiert mit großer Trauer: am 5. März 1953 um 21.50 Uhr ist der Sekretär der KPdSU JOSIF STALIN gestorben“.
91) POTECHIN, in: SE 1959, Nr.6, S.11
92) Siehe Anhang 2
93) Das Programm des Aufbaus des Kommunismus und die Ziele der Ethnografen. In: SE 1959, Nr.2, S.7
94) Ausführlich siehe dazu Seite 57
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Für diesen Fünfjahrplan 1959-1965 proklamierte der Parteichef CHRUSCHTSCHOV eine neue Etappe in der Geschichte der UdSSR - „die Phase des beschleunigten Prozesses zum Übergang zur kommunistischen Gesellschaft.“ 95 Und der sozialistische Aufbau wurde auf dem XXI. Parteitag für abgeschlossen erklärt. 96
Im Zuge des beschleunigten Übergangs zum Kommunismus wurde die Sprachenpolitik geändert. 97 Es ging daran, den Muttersprachunterricht aus der Administration, Schule sowie aus den wissenschaftlichen Einrichtungen und den Hochschulen zugunsten der russischen Sprache zu verdrängen. In den 60er und 70er Jahren wurden die nationalen Sprachen aus den Mittelschulen innerhalb der RSFSR verdrängt. Seit Mitte der 70er Jahre verlangte die Partei, in den Unionsrepubliken mit dem russischen Sprachunterricht bereits im Kindergarten und nicht erst in der Grundschule zu beginnen und die nationalen Sprachen als Unterrichtssprachen auf der Hochschulebene in den Unionsrepubliken allmählich durch das Russische zu ersetzen. Die wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen in Sowjet- Zentralasien zu 70 - 80 Prozent in russischer Sprache mit Zusammenfassungen von höchstens ein oder zwei Sätzen in den einheimischen Sprachen. Unter CHRUSCHTSCHOV wurde Russisch als die Sprache der "sozialistischen Nation" und die „zweite Muttersprache“ proklamiert. Die Beherrschung der russischen Sprache sicherte den Aufstieg in der Sowjetgesellschaft, und die nationalen Sprachen standen unter dem Verdacht des „bürgerlichen Nationalismus“.
Westliche Autoren erblickten darin Tendenzen der Verstärkung der Russifizierung in der UdSSR. Als Gegenargument präsentierten die sowjetischen Ethnografen in den Beiträgen der SE zahlreiche Statistiken, die die Entwicklung des Gebrauchs der nationalen Sprachen in den sowjetischen Republiken beweisen sollten. Laut der Volkszählung von 1959 sprachen von 208,8 Mio. der UdSSR-Bevölkerung 124,1 Mio. Russisch als Muttersprache. Von dieser Anzahl stellten die Russen 113,9 Mio., was 59,5% der Gesamtbevölkerung der UdSSR entsprach. Unter der nichtrussischen Bevölkerung sprachen 10,2 Mio. Russisch als Muttersprache. Die Verbreitung des Russischen verlief nach Meinung der sowjetischen Ethnologen parallel mit der Entwicklung der nationalen Sprachen. 98
Eine qualitativ neue Entwicklungsstufe markierte LEONID BRESCHNEV (1907-1982), nächster Parteichef in der Zeit von 1964 bis 1982. In seinem Bericht 1971 vermerkte er, dass „in der
95) Das Programm zum Aufbau des Kommunismus und die Ziele der Ethnografen. In: SE 1959, Nr.2, S.7
96) Die theoretischen Probleme des Aufbaus des Kommunismus in der UdSSR und die Aufgaben der sowjetischen Ethnografen. In: SE 1958, Nr.5, S. 9
97) Bis 1957 verfügten noch alle Völker der UdSSR mit einer Schriftsprache über Grundschulen, in denen in der Muttersprache gelehrt wurde.
98) GARDANOV, DOLGICH, ŽDANKO, in: SE 1961, S.12
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Zeit des sozialistischen Aufbaus eine neu historische internationale Gemeinschaft - das sowjetische Volk - entstanden ist. Es hatte ein gemeinsames Territorium, die sowjetische Staatlichkeit, sozialistische Wirtschaft und Kultur, das gemeinsame Ziel des Aufbaus des Kommunismus und eine gemeinsame Sprache - Russisch“. 99 Wie im Programm der KPdSU betont wurde, ist die Hauptentwicklungsrichtung der nationalen Beziehungen in der UdSSR während des kommunistischen Aufbaus „die weitere gegenseitige Annäherung der Nationen und im Endergebnis ihre völlige Einheit.“ 100 Zum 50. Jahrestag der Bildung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken erklärte Breschnev, die nationale Frage in der UdSSR sei gelöst, 101 wie immer das auch zu verstehen ist.
In den Dokumenten des XXIV. Parteitags hieß es, dass die Tätigkeit der Partei vor allem darauf abzielt, unter den Bedingungen des entwickelten Sozialismus eine allseitige Blüte und enge Annäherung der Nationen herbeizuführen sowie ihre brüderliche Zusammenarbeit, Freundschaft und gegenseitige Hilfe zu festigen.
Industrialisierung, Urbanisierung und Bildungsexplosion schufen in der Ära BRESCHNEW neue nationale Eliten, die in die sowjetische Verwaltung, Partei, in Wirtschaft und Bildungswesen erfolgreich integriert waren. Seit Ende der 70er Jahre verschärfte die sowjetische Führung die Sprachenpolitik und machte die Integration der nationalen Eliten von ihrer Assimilation an das Russische abhängig.
BRESCHNEV proklamierte die Losung, dass die nationalen Eliten „verschont“ werden sollten. Das bedeutete, dass die Personen durch unantastbare Ämter unantastbar wurden, was praktisch zu einer Vetternwirtschaft führte. Auf diese Weise würden die nationalen Eliten sich leichter in den sowjetischen Zentralstaat fügen und entwickelten weniger Autonomieforderungen.
Unter der Führung des letzten Parteichefs der UdSSR, MICHAIL GORBATSCHEW (*1931), wurden in der Zeit von 1985 bis 1991 etwa 82% aller Parteisekretäre der nationalen Republiken abgelöst.
99) Der XXIV. Parteitag der KPdSU und die aktuellen Probleme der sowjetischen Ethnografie. In: SE 1971, Nr.2, S.4
100) ROSSENKO 1974, S.18.
101) BRESCHNEV 1973, S.48
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2.2 Die Umsetzung der sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien
„Meine Heimat ist Turkestan und ich bin selbst ein Turkestaner. Jedoch bereitet es heutzutage Schwierigkeiten, das Land Turkestan im Atlas zu finden.“ 102 Diese Worte stammen von Dr. BAYMIRZA HAYIT. Im Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Interesses stand ausschließlich die Geschichte seiner Heimat Turkestan. Er verzichtete wie alle andere Anhänger des Konzeptes des Panturkismus 103 auf die Terminologie "Mittelasien und Kasachstan", da es höchst politisiert war, und betrachtete Turkestan als einen gemeinsamen Raum der Turkvölker. „Als Türk- und Islamvölker in der Sowjetunion gelten die Turkestaner: Usbeken, Kasachen, Kirgisen, Turkmenen, Tadschiken, Kara- Kalpaken und Ujguren, ferner Kasan- Tataren, Baschkiren, Krim-Türken, Aserbaidschaner, nordkaukasische Völkergruppen, Jakuten, Tuwaner, Hakasen u.a. Sie bilden gemäß ihrer Rassen- und Kulturgemeinschaft eine Gemeinsamkeit.“ 104 Aus seiner Sicht stellte die Schaffung mehrerer Nationalstaaten statt eines ge-
schlossenen, turkestanischen Staates eine künstliche Teilung dar und sei überhaupt nicht nötig.
Man sollte auch darauf hinweisen, dass der Begriff „Turkestan“ eine lange Geschichte unterschiedlicher Konnotationen hat. Das Wort Turkestan bzw. Turan wurde zum ersten Mal in den persischen Schriften in der Zeit des Sassanidenreiches verwendet. Unter dieser Bezeichnung verstanden die alten Perser die Gebiete westlich des Tienschan- Gebirges und östlich der Wolga, einschließlich des Raumes zwischen den beiden Flüssen Syr- und Amu-Darja bis nach Chorassan. Die arabischen Geographen verwendeten den Begriff "Bilad-al-Türk"- das Land der Türken. Nachdem Marco Polo den von den arabischen Geographen bevorzugten Begriff „Mawarannahr“ nicht verwendete, nannte er in seinen Reiseberichten das Land wieder Turkestan und nicht Transoxanien, wie es aus antiken Schriften bekannt war.
Turkestan, Turan, Türk Yurdu oder „große Tatarei“ sind unterschiedliche Bezeichnungen des historisch-geographischen Gebietes in Zentralasien im XIX./ Anfang des XX. Jhs. Turkestan untergliedert sich in:
1. das westliche Turkestan, Westturkestan, Russisch-Turkestan oder das (post)sowjetische Turkestan. Es bestand/ besteht aus dem Territorium des heutigen
102) HAYIT 1980, S.12
103) die Anhänger des Panturkismus und die politischen Emigranten aus der UdSSR ZEKI VALIDI, AHMET TIMER, GAJAZ ISHAKI, MUSTAFA CHOKAEV u.a.
104) HAYIT 1997, S.434
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Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan sowie Kasachstan und einigen Gebieten des südlichen Sibiriens.
2. das östliche Turkestan, Ostturkestan, Chinesisch-Turkestan oder Uighuristan „Land der Ujguren“ war ursprünglich nur auf das südwestliche Gebiet des Uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang beschränkt, wird aber heute auf die gesamte Region ausgedehnt.
In der russischen bzw. sowjetischen Historiografie hatte die Bezeichnung Turkestan auch etliche Bedeutungen. Das Wort wurde verwendet für:
• die Bezeichnung für das geographische Gebiet Westturkestan,
• die Bezeichnung für eine Provinz im Russischen Imperium; das Russische General-gouvernement Turkestan seit 1867,
• die Abkürzung der offiziellen Bezeichnung des Turkestanischen Russischen General-gouvernements ab 1886,
• die Bezeichnung der Turkestanischen Sowjetischen Autonomen Republik vor der
nationalen Abgrenzung in Mittelasien in den Jahren 1918 - 1925,
• ein historisches Gebiet in Zentralasien, das dem sowjetischen Mittelasien gleichgesetzt
wurde,
• die Stadt Turkestan (kasachisch Türkestan) Sie liegt in der Nähe des Flusses Syr-Darja
in Süd- Kasachstan, 325 km nordwestlich von Taschkent.
In dieser Arbeit wird ausschließlich das Gebiet des westlichen (russischen) Turkestan be-handelt. Bis zum Ende des Russischen Imperiums gliederte sich dieses Gebiet in drei politische Gebilde mit unterschiedlichem politischem Status:
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• die Provinz Turkestanisches Russisches Generalgouvernement 105 (Turkestan) mit
Taschkent als Hauptstadt unter direkte Verwaltung des Russischen Imperiums (1867-1920)
• die zwei halbselbständigen Protektoratsstaaten:
a) das Khanat Buchara (das Emirat von Buchara) mit Buchara als Hauptstadt (1500-1920) und seit 1868 halbselbständig
b) das Khanat Chiwa (Choresmien) mit Chiwa als Hauptstadt (1512-1920) 106 und seit 1873 halbselbständig
Bereits am 15. November 1917 erließ der Rat der Volkskommissare die „Deklaration der Rechte der Völkerschaften Russlands“. Es wurde in dieser Deklaration verkündet, dass
• die Gleichheit aller Völkerschaften Russlands,
• das freie Selbstbestimmungsrecht der Völkerschaften Russlands bis zur Loslösung und
Bildung selbstständiger Staaten,
• die Abschaffung aller nationaler Vorrechte und Beschränkungen und die freie Ent-
wicklung nationaler Minderheiten und ethnografischer Gruppen innerhalb des Terri-toriums Russlands gelten sollte. 1
Aufgrund der sowjetischen Deklaration entstanden in Turkestan die einheimischen Regierungen von Alasch-Orda und Kokand unter der Leitung des Anhängers des Panturkismus MUSTAFA CHOKAEV. Aus sowjetischer Sicht bezeichnete man sie als „reaktionäre Kräfte - Mullas, Bais, Basmatschenbanditen, religiöse Fanatiker“, 107 die „konterrevolutionär“, „nicht sowjetisch“, „bourgeois“ und „nationalistisch“ 108 waren. Die Regierungen bezeichneten sich selbst als national und versuchten, das Land im nationalen Sinne bis zur Lostrennung Turkestans von Sowjetrussland zu regieren. Ende 1917 wurde ein muslimischer Regionskongress in Kokand einberufen, der Turkestan für unabhängig erklärte. Die Voraussetzungen dafür sollten jedoch noch geschaffen werden. Der Kulturminister der
105)Die Provinz wurde ab 1867 von Alexander II. schrittweise erobert. Zu diesem Gebiet gehörten:
• 1867 das Gebiet Syr-Darja mit Taschkent als Zentrum
• 1867 das Gebiet Semireč ’ e mit Wernyia dem heutigen Alma-Ata, als Zentrum,
• 1868 das Gebiet Zerevšan, 1887 als Gebiet Samarkand bezeichnet,
• 1876 das Fergana-Tal-Gebiet, nach der Eroberung des Khanats Kokand ,
• 1897 das Transkaspische Gebiet mit dem Zentrum in Poltorazk, dem heutigen Aschchabat.
106) Siehe Karte S. 38
107) MAAHA, BRONOWSKI 1979, S.149
108) DACHŠLEJGER, in: SE 1966, S.14
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Kokand- Regierung, NARIŠAN TORA, äußerte sich dazu: „Der Autonomie-Gedanke war im Volk noch nicht verwurzelt…. Da wir kein Geld, keine Waffen, keine Armeen, Verwaltungsbeamte und keine Verbündeten im Ausland hatten, befürchteten wir, dadurch in eine Sackgasse geführt zu werden und zum Schluss unsere Unabhängigkeit zu verlieren.“ 109 Nach dem Sturz der nationalen Regierungen fand in Taschkent 1918 die erste Versammlung der Völker Turkestans statt, auf der das Land zu einer Turkestanischen Autonomen Sowjetischen Sozialistischen Autonomen Republik (TUASSR) innerhalb der RSFSR erklärt wurde. Sie erstreckte sich über das Territorium des Fergana- Tals, der späteren Kirgisischen ASSR, den größten Teil der Turkmenischen ASSR, Karakalpakien sowie den südlichen und südöstlichen Teil von Kasachstan. 1920 drang die Rote Armee in das Emirat von Buchara und Khanat Chiwa ein, an deren Stelle die Bucharischen (BSVR) und Choresmischen Sowjetischen Volksrepubliken (CSVR) entstanden.
Die sowjetische Interpretation der Geschichte Mittelasiens wurde später sehr vereinfacht. „Die Oktoberrevolution eröffnete den Völkern Mittelasiens und Kasachstans eine Ära der freien nationalen Entwicklung. Es begann im Jahre 1918 der nationale sowjetische Staatsaufbau in Mittelasien. 1920 stürzte das Volk die Macht der Feudalherren im Khanat Chiwa und im Emirat Buchara und errichtete dort die Sowjetmacht. Es entstanden die Sowjetischen Volksrepubliken Buchara und Choresm.“ 110
Der Sturz der nationalen Regierungen führte zur Entstehung der Basmači- Bewegung, die unter dem Motto „Turkestan den Turkestanern“ kämpfte. Die sowjetischen Autoren leugneten den politischen Charakter der Bewegung, betrachteten sie als „Bandenkrieg“ 111 und benutzten das Wort „Basmač“ für ihre ideologischen Ziele, indem sie ihm die Bedeutung „Räuber“, (basmači) gaben, 112 denn sie „versuchten, den Sieg der Revolution in Mittelasien durch Terror zu verhindern.“ 113 Aus der Sicht der turkestanischen Nationalisten ist dies „als bewaffneter Nationalkrieg gegen die Sowjetherrschaft zu verstehen.“ 114
Nach Angaben von HAYIT wurden von 1924 bis 1926 bei der Verfolgung der Basmačen-Angehörigen etwa 270.000 Personen verhaftet. Während der Operationen der Roten Armee
109) Zitat von HAYIT 1956, S.70
110) MAAHA, BRONOWSKI 1979, S.22
111) BARTHOLD 1935, S.143
112) Siehe auch MIRCHASILOV, FAJZIEV, in: SE 1964, Nr. 6, S.3-22
113) PANDER 1988, S.375
114) HAYIT 1956, S.173
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wurden die Städte Andidžan, Namangan, Margilan und Duschanbe vollständig verbrannt und neun weitere Städte schwer zerstört. Rund 1.200 Dörfer sind vernichtet worden. 115
Die Verwaltungsgrenzen der neu entstandenen sowjetischen Republiken berücksichtigten nicht die ethnischen Kriterien, sondern basierten auf administrativen und ökonomischen Gesichtspunkten. Dies führte zur Zersplitterung der Völker, die über drei Republiken verteilt wurden. Zum Beispiel setzte sich die Turkestanische ASSR aus 41,4 % Usbeken, 19,3 % Kasachen, 10,8 % Kirgisen, 4,7 % Turkmenen, 1,4 % Karakalpaken und unter 1% Russen zusammen. Die Statistik zeigt, dass von der Gesamtheit der Usbeken in Mittelasien 66,5% in der TUASSR, 22,2% in der BSVR und 11,3% in der CSVR lebten. Und von den Turkmenen lebten 43,2% in der TUASSR, 27% in der BSVR und 29,8% in der CSVR. Die Zahl der Tadschiken betrug 47,7% in der TUASSR und 52,3% in der BSVR.
Aus diesem Grunde ergab sich aus der Sicht der sowjetischen Regierung die Notwendigkeit einer veränderten Grenzziehung unter der verstärkten Berücksichtigung der ethnischen Siedlungsgebiete. In diesem Sinne schlug LENIN die Herausbildung der Sowjetischen Sozialistischen Republiken Mittelasiens und Kasachstans vor In seinen Bemerkungen zu diesem Projekt vom 13. Juni 1920 schrieb er:
1. Man sollte die ethnografische Karte Turkestans mit ihrer Untergliederung in Usbekien, Kirgisien und Turkmenien erstellen. 116
2. Man sollte ausführlich die Voraussetzungen bzw. Kriterien dieser Gliederung klären. 117
Aus der Sicht von HAYIT bereitete die Sowjetregierung die Teilung Turkestans aus Angst vor der Lostrennung des Gebietes vor. „Auf den Kongressen der KPdSU Turkestans wurde über die historische Einheit der Turkvölker geredet und die Projekte der Gründung der türkischen Republik mit Türkisch als Staatsprache entworfen“… Außerdem bemühte sich die turkestanische Sowjetrepublik, „Qazaqen, Özbeken, Türkmenen, Kirgisen, Tadschiken, Tataren und Baschkiren zu einem Staatsvolk emporzuheben.“ 118
115) HAYIT 1993, S.57
116) Am 30. Dezember 1922 fasste der 1.Sowjetkongress den historischen Beschluss zur Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Nationen und ihres Rechts auf Lostrennung wurde die freiwillige Vereinigung der verschiedenen Sowjetrepubliken zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der UdSSR, möglich.
117) LENIN 1942, S. 325-326
118) HAYIT 1980, S. 14, 107
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In diesem Zusammenhang ist wohl verständlich, wieso LENIN das Projekt der turkestanischen Kommunisten zur Entwicklung der Staatlichkeit der Völker Turkestans unterstützte und das panturkistische Projekt einer Türkischen Republik „Turkestan“ von vornherein ablehnte.
Am 12. Juni 1924 stimmte das Politbüro der KPdSU offiziell dem Projekt „die nationale Abgrenzung in den Republiken Mittelasiens“ (nazional’noje razmeževanije sredneje asii) zu. Um eine Basis für die Neuzeichnungen von Grenzen zu schaffen, wurde die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema bestimmt. Aus diesem Grunde ging dem Projekt eine große Vorarbeit von Ethnologen, Historikern und Sprachwissenschaftlern voraus. Zwischen 1923/1924 wurden zahlreiche ethnografische Feldforschungen und statistische Untersuchungen in allen Regionen Mittelasiens durchgeführt. In Moskau wurde ein Mittelasiatisches Büro der KPdSU organisiert, das dieses Projekt ausarbeitete und vor allem koordinierte.
In Umsetzung der vorgegebenen Linie wurde 1924/25 aus Teilen der Sowjetrepublik Turkestan sowie aus Teilen der Volksrepubliken Buchara und Choresmien die Turkmenische SSR mit der Hauptstadt Aschchabat gebildet. Die übrigen Teile der Republiken wurden zur Usbekischen SSR mit der Hauptstadt Samarkand und ab 1930 Taschkent einschließlich eines autonomen tadschikischen Gebietes, das 1929 in eine eigenständige Tadschikische Sowjetrepublik umgewandelt wurde, sowie zur Kasachischen SSR mit der Hauptstadt Alma-Ata und zur Kirgisischen SSR mit der Hauptstadt Frunze, dem heutigen Bischkek, umgebildet. 119 Anschließend wurde in den Jahren 1924-1936 die Bezeichnung Turkestan von der Sowjetregierung verboten. Anstatt Turkestan stellten die sowjetischen Wissenschaftler den Sammelbegriff „Mittelasien und Kasachstan“ in den Vordergrund. 120
In den Erinnerungen der überlebenden Panturkisten ist Turkestan bis heute die verlorene Heimat, ein zerstückeltes Geschichtsland und ein gemeinsamer Kulturraum der Turkvölker geblieben. „Das Gefühl der Zugehörigkeit zu der Gesamtheit des Turkentums hält die
Turkestaner trotz der Aufteilung ihres Landes in fünf „Nationen“, mit der die Sowjetregierung den nationalen Widerstand zu schwächen beabsichtigte, immer wieder zusammen.“ 121
119) 1924 entstand das Kara-Kirgisische Autonome Gebiet innerhalb der RSFSR, das 1926 in Kirgisische Autonome SSR unbenannt wurde. 1936 erhielt Kirgistan den Status einer SSR.
120) Siehe MIRCHASILOV, FAJZIEV, in: SE 1964, Nr. 6, S. 3-22
121) HAYIT 1997, S. 23
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2.3. Nationenbildung in Mittelasien
Mit der Errichtung der nationalen Republiken wurde eine erste Voraussetzung für die Herausbildung im Sinne der „sozialistischen Nationen“ in Mittelasien geschaffen. Des Weiteren erhielten die Republiken die formalen Symbole eigener Staatlichkeit:
• ein definiertes Territorium
• eine eigene politische Führung in Form der einheimischen Filialen der KPdSU unter
der Kontrolle der zentralen Regierung in Moskau
• eine eigene Hymne und Flagge
• eine nationale Sprache sowie
• nationale Institutionen wie Akademien, Universitäten und Gewerkschaften 122
Eine nationale Identität hatte sich bei den mittelasiatischen Völkern zu dieser Zeit noch nicht herausgebildet. 123 Das bestätigte schon die erste Volkszählung von 1926, die deutlich machte, dass vor allem die nomadische und die Landbevölkerung, aber auch große Teile der städtischen Bevölkerung sich unter dem Begriff der Nation oder der Nationalität nichts vorstellen konnten. Die Lebensweise der Nomaden war von der Verfügbarkeit über das Weide-land bestimmt, über dessen Nutzung unter den Stammesführern verhandelt wurde. Im mittelasiatischen Raum herrschten nach wie vor die alten vorrevolutionären Identifikationsmuster bzw. Identifikationsebenen nach Stamm, Clan oder Lokalloyalität. Sehr weit verbreitet war die lokale Zugehörigkeit nach dem Geburts- oder Wohnort, beispielsweise Fergana- Tal, Buchara und Choresmien. 124 Die Stammeszugehörigkeit hatte keine territoriale Konnotation und war nur unter der nomadischen Bevölkerung verbreitet. Erst STALIN als Volkskommissar für nationale Fragen hatte sich das Ziel gesetzt, diese traditionellen Identitätsebenen zu zerschlagen.
Diese Maßnahme wurde im Rahmen der gewaltigen sozialwirtschaftlichen Veränderungen in der UdSSR unternommen, die STALIN selbst als „Revolution von oben“ bezeichnete. Als wirkungsvolle, aber auch erzwungene Instrumente betrachtete er insbesondere die
122) SCHMIDT 2007, S.209-223
123) Im Gegensatz dazu vertritt die westliche Historiografie die Meinung, dass sich Turkestan am Anfang des 20. Jhs. auf dem Weg zu einer gemeinsamen Nationenbildung befand und die Sowjetregierung dies durch die Gründung der fünf mittelasiatischen Sowjetrepubliken verhinderte. Somit bestimmte sie durch die „ethnische Sonderentwicklung“ das Schicksal der Völker Mittelasiens. Siehe LIESS 1972, S.226
124) Für die russische Landbevölkerung war auch die regionale bzw. lokale Zugehörigkeit bestimmend, vor allem die Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft, zumal die Leibeigenschaft und damit die unlösbare Bindung an das Land erst 1861, unter ALEXANDER II., abgeschafft worden war.
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Seßhaftmachung, die Zwangskollektivierung und die Industrialisierung. Die gewaltsame Auflösung vieler traditionaler Gesellschaften hatte in der Zeit zwischen 1928 und 1953 zu einer relativen Angleichung der Sozialstrukturen der Völker geführt. Die sowjetischen Ethnologen konstatierten, dass schon 1935 der Prozess der Entnomadisierung vollendet worden war. 99,3 % der Haushalte in Kasachstan wurden in Kolchosen umstrukturiert. Es entstand die Klasse der Arbeiter und Angestellten. 125 In Mittelasien wurde die Kollektivierung sogar schneller vorangetrieben als in Zentralrussland. Über dem Durchschnitt lagen die Usbekische SSR mit 82% der kollektivierten Bauernhaushalte und die Kasachische SSR mit 73% im Jahre 1937. Im Zuge der Zwangskollektivierung wurden in der Zeit von 1926 bis 1939 etwa eine Million nomadischer Kasachen vernichtet, was einem Viertel der kasachischen Gesamtbevölkerung entsprach. Aus diesem Grund gehörten die Kasachen seit dem Zweiten Weltkrieg zu den am besten integrierten Völkern der Sowjetunion. 126
In der SE wurden diese Ereignisse einseitig dargestellt und nur positiv eingeschätzt. Die sowjetischen Ethnologen beschrieben die Zwangskollektivierung und die Industrialisierung als „Herausbildung der Arbeiterklasse unter den Nomaden“, die besonders in den Kasachischen und Kirgisischen SSR mit „großen Schwierigkeiten verliefen.“ 127 Als positive Ergebnisse dieser Politik sahen sie die Entstehung der kasachischen Arbeiterklasse nach 10 Jahren. 128 In Gegensatz dazu schrieben die westlichen Autoren über die „brutale Politik der Seßhaftmachung der Nomaden“ und ihre katastrophalen Folgen. 129
Eine weitere äußerst wichtige Maßnahme zur Angleichung des Lebensstandards der sowjetischen Bevölkerung war die Industrialisierung und Unterstützung der Wirtschaft in den nationalen Randgebieten. Die wirtschaftliche Konsolidierung der Nationalitäten der UdSSR zählte zu den wichtigen Zielen der KPdSU, die zur Bekämpfung der Ungleichheit der Nationen und zur Herausbildung der sozialistischen Nationen führen sollte. Laut STALIN sind die Völker nur durch wirtschaftlichen sowie kulturellen Aufschwung in der Lage, „die ihnen durch die nationale Gleichberechtigung gebotenen Rechte und Möglichkeiten vollständig zu nutzen und damit auf eine höhere Entwicklungsstufe zu gelangen und dadurch die voran-
125)ŽDANKO, in: SE 1967, Nr.4, S. 5
126) HALBACH 1992, S. 83
127) CHARMANDARJAN, ŠERSTOBITOV in: SE 1972, Nr. 6, S. 11
128) 1940 waren in der KSSR 914.700 Arbeiter. Die Hälfe davon waren Kasachen. In der KiSSR waren im Jahr 1937 146.600 Arbeiter, Jedoch waren es vor der Oktoberrevolution nur etwa 1.000. Siehe CHARMANDARJAN, ŠERSTOBITOV, in: SE 1972, Nr.6, S. 3-27
129) FISCHER 1991, S 369
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geschrittenen Nationalitäten einzuholen.“ 130 Nach der Meinung von HAYIT verfolgte die russische Wirtschaftspolitik das Ziel, Turkestan zu kolonisieren, d.h., die dortige Wirtschaft den russischen Bedürfnissen anzupassen. Und dieses Gebiet sollte als Rohstoffquelle für die Industrie der Sowjetunion dienen. 131
Mittelasien und Kasachstan bildeten in der sowjetischen Zeit einen einheitlichen Wirtschaftskomplex, in dem die ausschlaggebende Bedeutung der Baumwolle, Reis, Mais, Tabak und der Seidenraupenzucht zukam. 132 Darum wurden in den Republiken Mittelasiens vor allem die Textilindustrie und die baumwollverarbeitende Industrie entwickelt. Gleichzeitig entwickelten sich in Mittelasien auch andere Industriezweige. Bis zum Jahre 1900 deckte die Baumwolle 32,6% des Bedarfs des Staates, 1913: 54,9% und 1943: 100%. 133 Bereits im Jahre 1929/30 erreichte die Erdölförderung in Usbekistan 41.000 Tonnen. Am Ende des Fünfjahrplans waren es schon 400.000 Tonnen. Es entwickelte sich die Kohleindustrie. Es wurden eine Papierfabrik mit einer Leistungsfähigkeit von 5.000 Tonnen Papier und eine große Zuckerfabrik in Kirgisien gebaut. Im Jahre 1927/28 betrug das Grundkapital der Industrie der mittelasiatischen Republiken 104 Millionen Rubel. Aufgrund des Fünfjahrplanes erreichte die Höhe der Investitionen in der Industrie Mittelasiens 466 Millionen Rubel, was einen Zuwachs von 449 Prozent des Grundfonds der Industrie bedeutete. 1928 bestätigte die Regierung der UdSSR den Plan für die Finanzierung der Wasserwirtschaftsarbeiten in Mittelasien. 1939 war gekennzeichnet durch den Bau des Großen Fergana-Kanals in Usbekistan.
In der Wirtschaft traten die Prozesse der weiteren Konsolidierung aller Nationalitäten der UdSSR am deutlichsten hervor. Es gab eine schnelle Entwicklung der Produktivkräfte. 1970 betrug der Anteil solcher Produktionszweige wie der Stromerzeugung sowie der chemischen und der petrolchemischen Industrie, des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung an der gesamten Volkswirtschaft der jeweiligen Unionsrepublik in der Ukraine 39,2 %, in Kirgisien 44,2 % usw. In Usbekistan wurde während einer kurzen Zeitspanne eine sich schnell entwickelnde Traktorenindustrie aufgebaut, mit der Produktion von Chemiefasern und Erzeugnissen der organischen Synthese begonnen, eine Anzahl neue Maschinen und Geräte in Serienfertigung genommen, und die EDV-Technik verbreitete sich weiter. Mittelasien war zudem ein strategisch außerordentlich wichtiger Teil des Sowjetstaates. Im nördlichen Teil
130) STALIN 1921, S. 217
131) HAYIT 1956, S. 25, 261
132) Dazu gehörten die Kirgisische, Tadschikische, Turkmenische und Usbekische SSR. Die Kasachische SSR allein hatte eine selbständige wirtschaftliche Zone gebildet.
133) HAYIT 1956, S. 29
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befanden sich zwischen Kaspischem Meer, Aral- und Bachašsee die Raketen- und Atomwaffenzentren der UdSSR.
Die ökonomischen Entwicklungsmaßnahmen der Sowjetregierung wurden nicht zuletzt deswegen unternommen, um die Region wirtschaftlich auszunutzen. Auf diesen Aspekt machten die westlichen Geschichtsschreiber besonders aufmerksam. Laut SINGER strebte die Politik der Sowjetregierung danach, „das Land auszubeuten“, und die kommunistische Ideologie diente lediglich dem traditionellen imperialistischen Instinkt Russlands. 134 Im Gegensatz betonten die sowjetischen Ethnografen die fortschrittliche Bedeutung der sowjetischen Maßnahmen in Mittelasien. Die Verherrlichung des russischen Volkes als „großer Bruder“, „Befreier“ bzw. „Schützervolk“ war nicht zu vermeiden. Schreckliche Folgen der Kollektivierung wurden verschwiegen. Die radikalen sozioökonomischen Trans-formationen in der sowjetischen Gesellschaft wurden mit der Begründung als positiv angesehen, dass sie die ethno-sozialen Abstände zwischen den Völkern verkleinern und die russischen und beispielsweise usbekischen Bauern einander näher rücken sollten. In der SE kann man zu dem Thema wirtschaftliche Förderung Mittelasiens zahlreiche Rechenschaftsberichte finden. Sie erstrecken sich in erster Linie auf Fragen der Industrie, Landwirtschaft und Steigerung des Wohlstandes der Bevölkerung. 135
2.4. Die Entwicklung nationaler Kulturen
Die 20er Jahre des 20. Jhs. waren für die nichtrussischen Völker der UdSSR „eine Art goldenes Zeitalter“ 136 des Ausbaus der nationalen Literatursprachen, in deren Rahmen die nationalen Schriftsysteme entstanden.
Im September 1920 berief LENIN unter dem Aushängeschild der Komintern einen Kongress der unterdrückten Völker des Orients ein. Dort wurden „die Möglichkeiten einer Revolution im Orient diskutiert, die gleichzeitig antikolonialistisch und sozial sein sollte.“ 137 In seiner Rede „An alle arbeitenden Muslime Russlands und des Orients“ erklärte er: „Ab jetzt sind ihr Glauben und die Traditionen, ihre nationalen und kulturellen Institutionen frei und unantastbar, und sie können ihr nationales Leben frei und ungehindert gestalten. Sie haben ein
134) SINGER 1970, S.79
135) Siehe MUCHIDDINO in: SE 1971, Nr.1, S.90-98, PENŽIEV in: SE 1978, Nr.1, S. 98- 102
136) SIMON 1979, S. 48
137) MIRCHASILOV, FAJZIEV, in: SE 1964, S. 18
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Recht darauf.“ 138 Man glaubte, sie mit der Zusicherung des nationalen Selbstbestimmungsrechts für die Revolution zu gewinnen.
STALIN entwickelte diese Idee weiter, „man sollte die nationalen Kulturen entwickeln, unterstützen und zur Entfaltung bringen, dadurch schaffen wir die Voraussetzung für die Vereinigung dieser Kulturen in eine einheitliche sozialistische Nation mit einer gemeinsamen Sprache.“ 139
Viele Völker, unter ihnen auch die mittelasiatischen, haben dieses Recht genutzt. Die Intellektuellen der turksprachigen Republiken und Gebiete nutzten die neuen Möglichkeiten einer Entfaltung der kulturellen Eigenständigkeit. Nach der politischen Gliederung Mittelasiens wurde die Entwicklung eigener Literatursprachen vorangetrieben. Insgesamt 48 Sprachen 140 wurden in den 1920er und 1930er Jahren verschriftet, deren Status aus außersprachlichen Faktoren resultierte. Dazu zählen die Zahl der Sprecher, die Geschlossenheit des Verbreitungsgebietes und das Vorhandensein einer national-territorialen Autonomie. 141 Als ein anderer Indikator für die kulturell-sprachliche Förderung der nichtrussischen Völker galt auch die Publikationstätigkeit in diesen Sprachen. In den meisten nationalen Republiken und Gebieten entstanden eigene Verlage, von denen viele den dringendsten Bedarf an Literatur in der einheimischen Sprache decken konnten. Zur Förderung sowie zur politischen Kontrolle und ideologischen Beherrschung 142 wurde ein zentraler Verlag der Völker in Moskau gegründet. Die von diesem Verlag herausgebrachte Bogenzahl erreichte im Jahr 1930 81 Millionen. Dieser Verlag hat viel zur Schaffung des Schrifttums vieler Nationalitäten wie auch zur Festigung der lokalen nationalen Verlage beigetragen. Im Jahre 1933 brachten die nationalen Verlage bis zu 15.000 Titel in verschiedenen Sprachen mit einer Gesamtbogenzahl von einer Milliarde heraus. Die Gesamtzahl der Zeitungen in nationalen Sprachen erreichte 1931 700. Im Gegensatz dazu erschienen vor der Revolution in den nationalen Sprachen in Russland nur etwa 20 Zeitungen.
Dem Sowjetregime ist es gelungen, eine Schicht der Intelligenz für die jeweiligen lokalen Bedürfnisse zu bilden. Die Ausbildungsprogramme erforderten aus Gründen der Praxis die Schaffung von Schriftsprachen für die betreffenden Völker, die Erarbeitung und Publikation
138) LENIN über Mittelasien und Kasachstan, Taschkent 1960, S. 358
139) STALINS Zitat von KUŠNER, in: SE 1949, Nr. 4 S.16.
140) Siehe Anhang 4
141) Hierfür waren auch das Alter und die Kontinuität der Schriftverwendung in Verbindung mit dem Umgang der aktuellen Druckschriftproduktion und den Sprachdialekten bestimmend. Siehe FAENSON 1983, S. 8.
142) „Um den nationalen Verlagen zu helfen“ aus der Sicht der sowjetischen Historiografie. Siehe NENAROKOV 1983, S.17
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von Schulbüchern usw. Die sowjetische Sprachenpolitik umfasste die Schaffung von standardisierten Schriftsprachen auf der Grundlage bestimmter Sprachen und Dialekte.
Die neuen nationalen Sprachen wurden unterstützt. Der Unterricht wurde in der Muttersprache erteilt und die allgemeine Schulpflicht eingeführt. In Usbekistan wurde 1938 beispielsweise in 22 Sprachen unterrichtet. Die Organe der nationalen Republiken und Gebiete wurden vorwiegend aus Einheimischen gebildet, denen die Sprache, Lebensweise, die Sitten und Gebräuche der betreffenden Völker vertraut waren.
In dieser Phase wurden die nationalen Schriftsysteme entwickelt. Die Schriftreformbewegung hatte aber schon in den 1910er Jahren begonnen. Die Träger dieser Bewegung waren tatarische Intellektuelle aus dem Wolga- Kama- Gebiet, die vom europäischen Gedankengut sehr stark beeinflusst wurden. Die Tendenzen zur Europäisierung wurden von den tatarischen Intellektuellen wie MARDŽANI UND MAKSUDI 143 durch die Ideen vom Džadidismus 144 verbreitetet. Ihre Anhänger plädierten für die islamische Modernisierungsbewegung, für eine Reformierung des Schulwesens, der Kultur und Denkweise der Muslime in Russland. Aus ideologischen Gründen begrenzten die sowjetischen Ethnologen den Einfluss der Tataren des Wolga- Kama- Gebietes nur auf die materielle Kultur. So wurde als Beispiel ein nationales Frauenkleid eingeführt, „das am Anfang des 20. Jhs. in Taschkent zur Mode wurde“ und „von den Tataren aus Kazan in den 80er Jahren des XIX. Jhs. übernommen wurde.“ 145 Die tatarische Tracht verbreitete sich unter dem Namen „usbekisches Kleid“ in Karakalpakien, in der Tadschikischen SSR, in Süd- Kasachstan und im Osten der Turkmenischen SSR. Dasselbe betrifft auch das Kleid Kemzor, das im Gebiet Choresmien in dieser Zeit sehr verbreitet war.
Tatarisches aufklärerisch- reformatisches Gedankengut war jedoch auch in der Bildungs-, Sprach- und Alphabetfrage bis nach Mittelasien und Südsibirien bekannt. Die Schulen in Kazan dienten „für Transoxanien als Vorbild“. Sie waren „…für die Kirgisen und Turkmenen die Stätten …wo sie höhere Bildung suchten.“ 146 Die tatarischen Frauen waren bei den Völkern Mittelasiens als Ehefrauen sehr angesehen, weil sie als gebildeter und offener als z.B. usbekische Frauen galten. 147 Nach dem Vorbild der tatarischen Schriftreform erneuerten die Völker in Mittelasien in den 1910er Jahren ihre Schriftlichkeit, die auf der Basis des arabischen Alphabets verlief.
143) Siehe Anhang 3
144) Das arabische Wort dshadid bedeutet neu, modern.
145) VASIL'EVA, in: SE 1979, Nr.3, S. 28
146) AKČURA 1916, S. 6
147) BORZYCH, in: SE 1970, Nr.6, S. 90
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Die Schriftproblematik war sehr eng mit der nationalen Frage und mit alten vor der Oktoberrevolution geltenden Identifikationsmustern verbunden. Eines von diesen war das Konstrukt „Orient“, in den Turksprachen „Šaryk“ genannt, was im Russischen dem Wort „Vostok“ entspricht. Zu diesem Begriff gab es zwei Auslegungen: zum einen die tatarische, die in Mittelasien verbreitet war, und zum anderen das aserbaidžanische Šaryk-Konzept. 148 Nach der Vorstellung der Tataren umfasste der Begriff Šaryk den Raum zwischen Wolga und Mittelasien, wo eine gemeinsame islamische (Panislamismus) bzw. türkische (Panturkismus) Gemeinschaft geschaffen werden könnte. Zur Verbreitung dieses supranationalen Gemeinschaftsgefühls hatten unter den muslimischen Völkern in Mittelasien viel die tatarischen Intellektuellen beigetragen.
Der Panturkismus als Ideologie wurde vor der Oktoberrevolution mit der Persönlichkeit von ISMAIL MUSTAFA GASPIRALI, einem Tataren von der Krim, assoziiert. 149 Er war der Erste, der durch seine Zeitung „Terdžiman“, was Übersetzung heißt, die Ideen von einer gemeinsamen muslimischen Supranation in den islamischen Kreisen Russlands weckte. 150 Die Muslime haben ihn für den Vater (baba) der turkischen Nation gehalten. „Die Hirne der Aktivisten waren noch immer von einem Erbe GASPRINSKIJschen Denkens, der Hoffnung auf eine türkische Gemeinsprache besetzt.“ 151 Seine Ideen wurden von dem in Kazan gebürtigen Tataren JUSUF AKČURA weiter entwickelt. 152 Da ihm „die nationale Zukunft am Herzen liegt“,
gründete er die Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte der Turko-Tataren Russlands. „Sobald die wirtschaftliche Entwicklung einen geistigen und wissenschaftlichen Aufstieg und dieser wiederum einen politischen Fortschritt hervorgerufen hatte, übten die Russen, deren Ziel die vollständige Assimilation war…, die sprachliche und soziale Russifizierung“ schrieb er im Jahre 1916. 153 Seine Ideen besprach AKČURA mit seinem Landsmann LENIN bei einem Treffen in Europa. 154 Aber für LENIN spielte damals die nationale Frage nur eine unter-
148)Das in Aserbaidžan damals gültige Šaryk-Konzept verbreitete die übernationale Idee der„Orientalismus- und Islamismus-Gefühle“. Es sollte auch in der Türkei, dem Iran und in den arabischen Ländern bis nach Indien, Indonesien und China verbreitet werden. Für die Region Wolga-Ural-Sibirien und Mittelasien war es nicht konzipiert. Siehe BALDAUF 1993, S. 224
149) Siehe Anhang 3
150) Das war die einzige turksprachige Zeitung im Russischen Reich. Die „Terdžiman“ existierte von 1873 bis 1918.
151) BALDAUF 1993, S.205
152) Siehe Anhang 3
153) AKČURA 1916, S.11
154) Beide wurden in der Stadt Simbirsk geboren.
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geordnete Rolle und im Mittelpunkt standen die Ideen der sozialen, proletarischen Weltrevolution. 155
Die Zugehörigkeit zu einem traditionell-religionsbezogenem Denken war besonderes stark in Mittelasien. Muslimisch als Selbstidentifikation behielt seine Bedeutung bis weit in die nachrevolutionäre Zeit hinein: „Vor der russischen Okkupation hatten sich die Turkestaner als eine muslimische Nation gefühlt.“ 156 Um diese Selbstidentifikation zu zerschlagen, wurden in den 1920er Jahren von der Sowjetregierung die Maßnahmen zur Entinslamisierung durchgeführt. Dazu gehörte die Abschaffung der arabischen Schrift, weil die arabische Schrift für die Muslime mit der islamischen Religion in direkter Verbindung steht.
Bei der Abschaffung der lateinischen Schrift in den 1930er Jahren hatte der Kampf gegen den Panturkismus eine wesentliche Rolle gespielt. Dies kann man als eine weitere sowjetische Maßnahme der Entturkisierung betrachten Die Türkei unter Führung von ATATÜRK, der das lateinische Alphabet eingeführt hatte, konnte damals als ernsthafter Konkurrent für die nationalen Gefühle der mittelasiatischen Turkvölker gelten. Türksprachig war das zentrale Kriterium der nationalen Identitätsfindung in der Blütezeit der modernen nationalen Kulturen und sollte mit dem Übergang zum russischen Alphabet ebenfalls zerschlagen werden. Im Jahr 1940 wurde im Zuge der oben genannten Tendenzen die kyrillische Schrift (russisch: 157 Auf diese Weise ver-
Kyrilliza) unter das Primat der gesamtsowjetischen Kultur gestellt. drängte zu Beginn der 30er Jahre das russische Alphabet sowohl das einheimische arabische wie auch das lateinische. 158 In den sowjetischen Quellen wurde dies als „auf Wunsch der Arbeiter“ dargestellt. 159 Nur in russischer Schrift und Sprache konnte die Nivellierung der nationalen Kulturen, im Sprachgebrauch der 40er Jahre „Internationalisierung“ genannt, gelingen. Eine marxistisch- leninistische Begründung dafür war: Latein galt als Sprache der Sklavenhaltergesellschaft, Französisch die des Feudalismus und Englisch die des Kapitalismus und Russisch ist die Sprache des Sozialismus. 160
155) Die Möglichkeit eines Nationalitätenproblems nach der Revolution hätten die Bolschewiki nicht angenommen. Sie waren antinationalistisch. Die Nationalismus galt ihnen als eine kleinbürgerliche Bewegung, die vom Befreiungskampf der internationalen Arbeiterklasse ablenkte.
156) HAYIT 1956, S.31 157) Siehe Anhang 4
158) Von diesen Maßnahmen waren Georgier, Armenier, Deutsche, Juden und Balten verschont worden. Sie konnten ihre einheimischen Schriftsysteme behalten.
159) IVANOV 1969, S. 30
160) STÖLTING 1991, S.24
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Nach der Oktoberrevolution entwickelte sich die TASSR zum panturkistischen Zentrum, wo viele Muslime aus der UdSSR studierten. So ist bekannt, dass 1923 an die Kazaner Universität 64% der Studenten aus Mittelasien und dem Kaukasus kamen und nur 35,5% Einheimische waren. Die tatarischen Zeitungen aus Kazan wurden auch in Mittelasien verbreitet. Einer der berühmtesten tatarischen Panturkisten in Russland war JUSUF AKČURA. Er verglich den Prozess der Entstehung der gemeinsamen Nation unter Muslimen in Russland mit der Entstehung europäischer Nationen. AKČURA betrachtete die turkische Nation als eine sprachliche, religiöse und kulturelle Gemeinschaft. Dabei sollten die Völker vom Wolga-Gebiet bis nach Mittelasien nach dem Vorbild der Französischen Revolution von 1789 geeint werden. Diese neu entstandene Nation im Orient sollte nach seiner Vorstellung zwei Zentren haben. Das Verwaltungszentrum sollte in Istanbul und das Handels und Bildungszentrum in Kazan sein.
Die Ideen eines weiteren Tataren hatten einen großen Einfluss nicht nur unter den Muslimen der UdSSR, sondern auch in der internationalen muslimischen Öffentlichkeit und waren als „islamischer Marxismus“ bekannt. Von seinen Ideen waren der damalige Präsident von Ägypten GAMAL ABDEL NASSER und der erste Staatspräsident von Algerien MOHAMMED AHMED BEN BELLA beeinflusst worden. Hierbei handelte es sich um den prominenten tatarischen Nationalkommunisten MIRSAID SULTAN- GALIEV. 161 1917 trat er in die kommunistische Partei ein und vertrat die Tatarische ASSR in der Sowjetregierung in Moskau und stand offensichtlich unter dem Einfluss der panturkistischen Ideologie von JUSUF AKČURA.
SULTAN- GALIEV unterstützte zwar die KP, jedoch nicht wegen der Ideen des Klassenkampfes und der Weltrevolution, sondern wegen der von ihm erhofften Möglichkeiten zur nationalen Entfaltung und förderte den Zusammenhalt aller Muslime und stieg unter der Protektion STALINS in den nationalitätenpolitischen Gremien der KPdSU auf. Er entwickelte eine Theorie über die Rolle des Islam im Sozialismus und war bestrebt, eine kommunistische Partei des Orients zu organisieren. In seinen Losungen vertrat er die Ideen von der doppelten Unterdrückung muslimischer Völker. Sie beruhten darauf, dass muslimische Völker zum einen eine Unterdrückung durch die sozialistische Ideologie und zum anderen eine Unterdrückung des Proletariats durch die europäischen Nationen erlitten. SULTAN- GALIEV schlug das Projekt zur Bildung einer Republik Turan bzw. Turkestan als Föderation der Turkvölker mit Kazan als Hauptstadt vor. In der Zeitschrift „Nationen“ von 1923, Nr. 5 schrieb er: „Kasan ist die Hauptstadt des östlichen Teils Russlands - von der Wolga bis zum Pazifik -
161)Siehe Anhang Nr.3
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weil dieser Raum von Turkvölkern bewohnt ist.“ 162 Aus Furcht vor den vorhandenen panturkistischen Autonomiebestrebungen unter den Tataren, schuf man in den 20er Jahren für die Tataren und Baschkiren getrennte autonome Republiken. 163 Die Ideen von SULTAN- GALIEV zur Einheit der Turkvölker blieben für Anhänger des Panturkismus in Europa weiter aktuell. „Die Türken der Sowjetunion stellen in kultureller und sprachlicher Hinsicht eine Einheit dar, obwohl sie zum Teil geografisch voneinander getrennt leben. Sie sind auf der Krim, im Wolga-Ural-Gebiet, in Aserbaidschan, Turkestan und Jakutien beheimatet, dazu kommen einige kleine Gebiete in Sibirien und im Nordkaukasus, besonders Dagestan.“ 164
2.5. STALINS Kampf gegen den „bürgerlichen Nationalismus“
In weiter verstärkten nationalen bzw. nationalistischen Tendenzen sah die KPdSU die Gefahr, dass diese zur Abtrennung der neu entstandenen Republiken führen könnten. STALIN schrieb: „Die Welle des Nationalismus rollte immer stärker heran und drohte, die Arbeitermassen zu erfassen. Und je mehr die Freiheitsbewegung abebbte, umso üppiger kamen die Blüten des Nationalismus zur Entfaltung.“ 165 Nach seiner Meinung gehörte zu den sich entwickelten Spielarten des Nationalismus bei den Völkern der UdSSR der Zionismus unter den Juden, der Nationalismus unter den Armeniern, Georgiern sowie Ukrainern und der Panislamismus unter den muslimischen Völkern. Schon im Jahre 1918 hatte STALIN als Volkskommissar für Nationalitätenfragen die Auffassung vertreten, der Föderalismus in Russland sei „dazu verurteilt, eine ein Übergangsrolle zu spielen - bis zum zukünftigen sozialistischen Unitarismus“. 166 Sein Ziel war eine Zersplitterung der großen muslimischen nationalen Blöcke im Orient. Deshalb wurde alles verfolgt, was die nationale bzw. nationalreligiöse Identität und Emotionen wecken bzw. Energien in Bewegung setzen könnte. In der sowjetischen Zeit war dieses Konzept unerwünscht, weil es mit der übernational-gesamtstaatlichen Identifikation und mit dem Begriff „Muslime“ verbunden war. In seinem Referat auf dem XII. Parteitag der KPdSU im April 1923 erinnerte STALIN daran, dass im Vergleich zur „Arbeiterfrage“ die nationale Frage von untergeordneter Bedeutung sei und es daher auch zu Situationen kommen könne, in denen die Sicherung der
162) Im selben Jahr wurde SULTAN- GALIEV aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und verhaftet. Seine Theorie wurde als „nationalistische Abweichung“ verurteilt.
163) NESEMANN 1997, S.217
164) HAYIT 1958, S.11
165) STALIN 1913, S. 52
166) Zitat nach SIMON 1979, S.34
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Diktatur des Proletariats gegenüber dem nationalen Selbstbestimmungsrecht der Völker der Vorrang eingeräumt werden muss. „Wir müssen daran denken, dass es außer dem Recht der Völker auf Selbstbestimmung auch ein Recht der Arbeiterklasse auf Festigung ihrer Macht gibt, und diesem Recht ist das Selbstbestimmungsrecht untergeordnet.“ 167 Die Diktatur des Proletariats war laut STALIN der einzige Garant für die Verwirklichung der Rechte der Nationen und Nationalitäten.
Die nationalen Schriftsteller wurden von der Sowjetregierung kritisiert, weil sie angeblich „versuchten, die Werktätigen mit panturkistischen und nationalistischen Ideen zu vergiften und sie der UdSSR zu entfremden.“ 168 Im Mai 1925 hielt STALIN seine Rede „Zur Frage der nationalen Kultur“ vor den Studenten der Universität für die Werktätigen des Ostens. In Folge dieser Rede prägte STALIN die verbindliche Formel zur nationalen Kultur: national in der Form und proletarisch im Inhalt. 169 Die nationale Kultur, an deren Aufbau die Intellektuellen der neuen Nationen so intensiv arbeiteten und in deren Rahmen der Sprache so große Bedeutung zufiel, erklärte STALIN zu einem Konstrukt der Bourgeoisie, „welche die Hirne der Menschen im Osten vergiftete und sie zur religiöser Feindschaft und nationaler Zwietracht aufstachelte.“ 170 Aus dem sowjetischen Sprachgebrauch verschwanden die Begriffe wie Muslim, Supranation des Ostens, die mit den Worten „der Rote Orient“, „die östlichen Völker“ ersetzt wurden.
Nach derartig massiven Angriffen auf die nationalen Tendenzen ist es nicht verwunderlich, dass sofort repressive Maßnahmen gegen die sich in der Entwicklung befindenden nationalen Kulturen und ihre Aktivisten eingesetzt wurden. In den 30er Jahren wurde den usbekischen und turkmenischen Schriftstellern 171 auch die Verbindung mit dem Džadidismus vorge-worfen.
Der Nationalismusvorwurf war eng mit der Sprach- und Schriftfrage verbunden, dessen unerwünschte Konzeptionen die von Panturkismus und Panislamismus waren. Zu einem Großereignis wurde der im Jahre 1926 in Baku einzige in der Geschichte der UdSSR stattge-fundene Turkologiekongress. Er unterstützte die Ideen des Panturkismus. Der geplante zweite
167) STALIN 1923, S. 232
168) BALDAUF 1993, S. 78
169) Nach LENIN gab es zwei Arten nationaler Kultur eine im Sinne des Proletariats, und die andere war die bourgeoise nationale Kultur.
170) Zitat nach BALDAUF 1993, S. 256
171) Beispielsweise sind die Namen von ABDULCHAMIT SULAIMAN, ANDURAUF FITRAT, BERDI KERBABAJ-OGLI und GARAJA BURUN-OGLI zu nennen.
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Turkologiekongress in Samarkand hat im Zuge von Stalins Kampf gegen Nationalismus und Panturkismus nie stattgefunden. 172
Viele einheimische Intellektuelle, die sich am Ausbau der nationalen Kulturen und der Sprach- und Schriftreformen aktiv beteiligten, waren in den turksprachigen Republiken in die Verfolgungen geraten. Einigen von ihnen wie SADRI MAKSUDI, ZEKI VALIDI, AHMET TIMER, GAJAZ ISHAKI, MUSTAFA CHOKAEV 173 war es gelungen, durch das Fergana- Tal, über Taschkent und Georgien entweder nach Istanbul oder weiter nach Europa zu emigrieren. Sie organisierten in Berlin die Vereinigung gegen die Besatzung von Turkestan „Džmiat“ und verbreiteten die Ideen vom Panturkismus weiter in Europa durch ihre gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Aktivitäten.
Viele wurden irgendwelcher „Verbrechen“ im Zusammenhang mit der Frage der nationalen Kultur beschuldigt, arretiert und verbannt. In der Kasachischen SSR geriet z.B. der Vordenker der kasachischen Sprachbildung und Schriftreform und zugleich Volksbildungskommissar AQYMET BAJTURSYN unter die Verfolgung. Die KP bezeichnete ihn als „Inbegriff patriarchalischer Rückständigkeit mit bourgeois-nationalistischem Gedankengut.“ 174 AQYMET BAJTURSYN und ELDES OMAROV wurden 1926 aus der Partei ausgeschlossen und drei Jahre später arretiert und verbannt.
In Usbekistan hatte bereits zur Zeit der Entstehung der Republik 1924/1925 eine teilweise Ablösung der nationalen Intelligenz stattgefunden. Manche Kulturpolitiker hatten sich aus der Sicht von STALIN in der Frage der Nationenbildung für ein “falsches“ panturkistisches Konzept engagiert. Es sind hier die Namen von ABDULRAUF FIRAT, dem Volksbildungsminister der Republik Buchara, und VAHUD MAHMUD, dem Literaturkritiker, zu nennen. In den späten 1920er und 1930er Jahren wurde der „Sultan-Galievismus“, Anhänger von SULTAN-GALIEV, zum Vorwand für Säuberungen in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken genommen. In den Jahren 1925 und 1926 folgte eine Kampagne gegen seine Anhänger in der Usbekischen SSR. So beispielsweise wurde den usbekischen nationalistischen Kreisen um die Personen INOMOV, CHIDIRALIEV und MIRZO RAHIM vorgeworfen, sie hätten entgegen Stalins Formel versucht, die Kultur, welche doch nur der Form nach national sein durfte, auch dem Inhalt nach national zu gestalten. Dies habe sich in Kulturkonservatismus geäußert, der für den Aufbau der neuen Kultur bevorzugt auf das Traditionelle zurückgreifen wollte. Die zweite Verfolgungswelle zielte 1928 in Usbekistan auf Anhänger der Lateinschrift, in deren
172) Siehe dazu BALDAUF 1993, S.387 - 493
173) Siehe Anhang 3
174) Zitat nach BALDAUF 1993, S.368
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Unterstützung eine Verknüpfung mit den Ideen des Panislamismus und Panturkismus vorge-worfen wurde. Es sind hier die Namen der Volkskommissare RAMON RAMZI, CHOLID SAID und UMAR ALIEV zu nennen. Unter gleichen Vorwürfen wurden der Volkskommissar von Turkmenistan BÖRIEV und der Sprachwissenschaftler MUHAMMED GELDIEV verfolgt. Im Jahre 1940 wurde SULTAN- GALIEV in einem stalinistischen Lager hingerichtet. Seine Anhänger aus den nationalen intellektuellen Schichten, die am Aufbau der nationalen Kulturen aktiv teilgenommen hatten, wurden physisch vernichtet. 175 Auf diese Weise wurden die Nationalkommunisten und Panturkisten, die zum Sieg der Oktoberrevolution beigetragen hatten, in den 20er und 30er Jahren des 20.Jhs. liquidiert. STALIN beschuldigte sie vor allem in „nationalistischen Absichten“, was bis zur Lostrennung der mittelasiatischen Sowjetrepubliken führen könnte. Die Entfaltung der nationalen Kulturen haben die nationalistischen Kommunisten nicht in der vorgegebenen Linie der KPdSU verstanden. In der sowjetischen offiziellen Geschichtsschreibung wurde angedeutet, dass „die Volksmassen die panturkistischen Ideen nicht unterstützen.“ 176 Die Entwicklung der Kulturen - national in der Form und sozialistisch dem Inhalt nach - sollte aus sowjetischer Sicht zu ihrer Vereinigung in die gemeinsame sozialistische Nation führen, darin bestand laut STALIN „die Dialektik der leninistischen Lösung der nationalen Kulturen.“ 177
175) Siehe Anhang 3
176) DACHŠLEJGER, in: SE 1966, Nr.4, S.18
177) STALIN 1937, S.194
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3. Die Folgen der Nationalitätenpolitik in Mittelasien
Wie schon im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt wurde, waren die Anfänge der sowjetischen Ethnografie durch eine Reihe von groß angelegten ethnologischen und archäologischen Feldforschungen gekennzeichnet. Obwohl die Forschungsinstitutionen schon zu dieser Zeit starker politischer Beeinflussung unterlagen, hatten die sowjetischen Ethnografen noch ganz am Anfang relativ freie Räume bei der Bestimmung ihrer Forschungsschwerpunkte. Die gesammelten archäologischen sowie ethnografischen Daten wurden für die Geschichtsschreibung der Völker der UdSSR benutzt. Das merkte auch der führende Ethnograf SERGEJ TOLSTOV an: Die „Geschichte der UdSSR und ihrer Völker kann nicht ohne archäologische und ethnografische Belege aufgebaut werden.“ 179 Jedoch beschränkten sich die Sowjetethnografen häufig auf das Sammeln von Fakten ohne jede theoretische Verarbeitung.
In den späteren Auswertungen wird darauf hingewiesen, dass in dieser Zeit die Entwicklung der sowjetischen Ethnografie „mehr quantitativen als qualitativen Charakter“ trug. 180 Es ist paradox, dass zu STALINS Zeit die Partei keine ins Detail gehenden Richtungslinien bzw. Forschungsschwerpunkten für die Ethnografie gegeben hatte. STALIN selbst betrachtete sich als den einflussreichsten Theoretiker in der Sowjetunion auf diesem Gebiet. Deshalb sollten sich die sowjetischen Ethnografen nach ihm richten. 181 STALIN betrachtete die Legitimierung seiner politischen Maßnahmen durch die Ethnografen generell als überflüssig. In dieser Zeit hatte die Zeitschrift SE eine besonders große Rolle „in der Verbreitung die marxistischen Ideen“ 182 gespielt.
Im Unterschied dazu brachte die Zeit seines Nachfolgers CHRUSTSCHOV eine Wandlung in der Entwicklung der sowjetischen Ethnografie und kennzeichnete „eine neue historische Etappe in der Entwicklung des sowjetischen Vielvölkerstaates“ 183 , wie es in der sowjetischen
Historiografie dargestellt wurde. Auf dem XXI. Parteitag der KPdSU wurden nicht nur „die
179) Tolstov, in: SE 1951, Nr. 3, S.6
180) Peršic, Čeboksarov, in: SE 1967, Nr.5, S.11
181 Siehe POTECHIN, Neue Aufgaben der Ethnografie unter dem Einfluss von Stalins Arbeit „Wirtschaftliche Probleme des Sozialismus in der UdSSR“. In: SE 1953, Nr.2, S.10-21
182 Peršic, Čeboksarov, in: SE 1967, Nr.5, S.6.
183) Ždanko, in: SE 1960 , Nr.2, S.14
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Ergebnisse der Nationalitätenpolitik präsentiert“, sondern „die Ziele und Aufgaben für die Ethnografen in detaillierter Form festgelegt.“ 184
Darüber berichtete die Zeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ sehr ausführlich. Sie erfüllte die Rolle der Vermittlerin zwischen der Partei und den Wissenschaftlern. Die eindeutig programmatischen Beiträge wie „Die grundlegenden Probleme der ethnografischen Forschungen für die nächsten sieben Jahre“ oder „Das Programm des Aufbaus des Kommunismus und die Aufgaben der Ethnografen“ 185 gaben der sowjetischen Ethnografie die Forschungsrichtungen und Themenfelder vor. Es waren grundsätzlich drei von der Partei festgelegte Schwerpunkte:
• Erforschung der Entstehung und Annäherung der sozialistischen Nationen
• Erforschung der soziokulturellen Transformationen in der Übergangszeit vom
Sozialismus zum Kommunismus
• Probleme der Entstehung der Menschheit 186
Ein wesentliches politisches Ziel bestand darin, „auf der Grundlage der Zusammenarbeit die Wirtschaft und die Kultur der sozialistischen Nationen zu fördern. Dies ist eine erforderliche Voraussetzung für eine Annäherung zwischen den Nationen.“ In diesem Sinne hatte CHRUSTSCHOV im Namen der KPdSU die sowjetischen Ethnografen angewiesen, „ihre Forschungen eng mit der praktischen Tätigkeit der Partei und dem sowjetischen Volk zu verbinden.“ Das bedeutete, dass Ethnografen „wissenschaftliche“ Grundlagen für die Nationalitätenpolitik in der UdSSR schaffen sollten. „Das grundlegende Ziel der sowjetischen Ethnografie war die Erarbeitung der theoretischen Grundlagen des Aufbaus des Kommunismus in der UdSSR.“ So hieß es in den Anweisungen der Partei. 187
In den ethnologischen Forschungen hatte sich eine einheitliche Grundorientierung herausgebildet, so dass man behaupten kann, „es hat sich eine sowjetische ethnografische Schule formiert“. 188 Die sowjetischen Ethnografen schwenkten weitgehend auf die von der Partei vorgegebene Linie ein und erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen. Das bestätigt auch die vorliegende Recherche.
184) Ždanko, in: SE 1960 Nr.2, S.17
185) in: SE 1959 Nr.2-3, S.3-10
186) Die grundlegenden Probleme der ethnografischen Forschungen für die nächsten sieben Jahre. In: SE 1959, Nr.3, S.4
187) in: SE 1959, Nr.3
188) PERŠIC, ČEBOKSAROV, in: SE 1967, Nr.5, S.101
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Aus der Fülle der zahlreichen Beiträge in der SE kann man zwei thematische Schwerpunkte entsprechend der vorgegeben Parteilinie finden. Das sind:
• Herausbildung der Nationen in Mittelasien
• soziokulturelle Transformationen in Mittelasien
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3.1. „Sozialistische Nationen“ in Mittelasien
Die Herausbildung von „sozialistischen Nationen“ gehörte zu den grundlegenden Zielen der sowjetischen Nationalitätenpolitik überhaupt. Deshalb spielte diese Problematik auch eine zentrale Rolle in der Ethnografie.
Die Arbeit der Forscher, die sich auf diesem Gebiet spezialisierten, wurde in einer Arbeitsgruppe namens „Erforschung der Entwicklung des Sozialismus und des Übergangs zum Kommunismus“ am ethnografischen Institut „MIKLUCHO MAKLAJ“ in Moskau geschaffen. In der SE wurden Beiträge zu diesem Thema regelmäßig veröffentlicht. Einige Fachvertreter traten besonders oft als Autoren in Erscheinung. Hier sind in erster Linie die Namen der prominenten sowjetischen Ethnografen TAT’JANA ŽDANKO und SAUL ABRAMZON zu nennen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde mit dem Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere gleichgesetzt. In den Beiträgen der SE kann man über die zahlreichen wissenschaftlichen Kongresse und Konferenzen lesen, die sich mit dieser Problematik beschäftigten. 189 1963 fand beispielsweise in Frunze, der Hauptstadt der Kirgisischen SSR, der bedeutendste Kongress, der sich den Fragen zur Entwicklung der nationalen Beziehungen unter den Bedingungen des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus widmete, statt. Die Ergebnisse dieses Treffens wurden in der SE veröffentlicht. An diesem Kongress nahmen Wissenschaftler aus allen Sowjetrepubliken teil, und es wurden mehr als 50 Berichte präsentiert und grundlegende Schwerpunkte und Richtlinien des sowjetischen wissenschaftlichen Schrifttums definiert. 190
Unter anderem wurde die parteioffizielle Interpretation des Begriffes Nation festgelegt. Darunter verstand man „eine ethnische Gemeinschaft, die sich in der Zeit des Kapitalismus auf der Grundlage wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen, die in einem bestimmten Lebensraum einer Gruppe herrschten, entwickelte.“ 191 Auf dieser Basis bildeten sich historische und sprachliche Gemeinsamkeiten heraus, und es entstanden ein einheitliches Nationalbewusstsein sowie eine gemeinsame nationale Kultur anstelle früherer lokaler Kulturen.
Die theoretische Erarbeitung der Probleme der sozialistischen Nationen wurde von dem führenden (Partei-)Ethnologen und Direktor des Institutes für Ethnografie in Moskau JULIAN W. BROMLEJ verbindlich für alle sowjetischen Ethnologen festgelegt. Er unterschied verschiedene Entwicklungsstufen: Stamm- Völkerschaft - bürgerliche bzw. bourgeoise
189) z.B. XXV. Internationaler Kongress der Orientwissenschaftler 1960 in Moskau, 1964 der VII. Internationale Kongress der Anthropologen und Ethnografen in Moskau und 1966 der VI. Internationale Kongress der Soziologen in Erevan.
190) ŽDANKO, in: SE 1964, Nr.6
191 BROMLEJ 1977, S.45
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Nation - sozialistische Nation, die in ein deterministisch- evolutionistisches Schema eingebaut wurden.
Unter den Stammeseinheiten verstand man relativ kleine Gruppen von Jägern und Sammlern, deren Größe selten mehr als zweihundert Menschen betrug, was auch zu einer extremen sprachlichen Zersplitterung führte. Ihre traditionelle Lebensweise war üblicherweise nomadisch. Es fehlen bei ihnen die Landwirtschaft, eine soziale Differenzierung und politische Strukturen. 193
Der Kategorie Völkerschaft wird eine Mittelstellung zwischen den „primitiven“ Stämmen und voll entwickelten Nationen zugewiesen. Diese Völkerschaften betrieben meist Hirtennomadismus und Bodenbau. Sie besaßen eine innere politische Ordnung, die ihren örtlichen Bedürfnissen, z.B. der Regelung der Bewässerung oder der Landzuteilung, entsprach. Dem gegenüber gerieten oft durch Steuer- und Tributpflicht solche Gruppen in die Abhängigkeit übergeordneter politischer Strukturen (z.B. des Khanats bzw. Emirats, später der zaristischen Regierung). Industrie war bei den Völkerschaften nicht entwickelt, jedoch gab es regional begrenzt spezialisierte Handwerker. Dieser Kategorie wurde der größte Teil der einheimischen Bevölkerungen von Kasachstan und Mittelasien vor der Oktoberrevolution zugeordnet. Als nächste Stufe folgte nach dieser evolutionistischen Klassifikation die Herausbildung der Nationen. 194 Hier unterschied man zwischen bürgerlicher, sozialistischer und kommunistischer Nation. Aus der Sicht der sowjetischen Ethnografen unterschieden sich die sozialistischen Nationen in der UdSSR wesentlich von den Nationen in den kapitalistischen Ländern. Sie funktionierten auf anderen wirtschaftlichen und politischen Grundlagen und waren offen für kulturellen Austausch. 195 Die bürgerliche Nation bildet keine soziale, sondern eine wirtschaftliche Einheit. Sie entstand in der Epoche des Kapitalismus, mit dessen vorhergesagtem Untergang sie zwangsläufig zugrunde gehen müsse. 196 Auf den „Ruinen“ der bürgerlichen
193) Die meisten dieser Gruppen lebten zur Zeit der Oktoberrevolution in Sibirien und Turkestan. Der Volkszählung von 1959 zufolge umfassten diese Gruppen zwischen 127.200 und 140.000 Personen.
194) Das Konzept der Nation im Westen wurde oft zum Stand der Kritik in der sowjetischen Ethnografie. Hier sind die Namen von Wissenschaftlern Hans Kohn, William Thomson, William Schorger und Rupert Emerson zu nennen. Aus der Sicht der Sowjetethnografen „vertauschten sie das Konzept der Nation gegen unbestimmte Vorstellungen und Definitionen über den nationalen Willen, die nationale Idee und den nationalen Charakter“ und „ignorierten wichtige Faktoren wie die wirtschaftlichen Beziehungen bzw. die historischen Ereignisse der nationalen Prozesse“. Siehe ŽDANKO, in: SE 1964, Nr.2, S.7. Im Rahmen dieser Arbeit wird es nicht möglich sein, auf dieses Thema ausführlich einzugehen.
195) BROMLEJ, 1977, S.23
196) POTECHIN, in: SE 1951, S.25
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Nation entstehe die neue sozialistische Nation. Diese wiederum stelle lediglich eine Übergangsstufe zur höchsten Form der Nation dar, der klassenlosen und überethnischen kommunistischen Nation, die als utopisches Ziel und Endpunkt der Entwicklung propagiert wurde.
Als sich nach der Oktoberrevolution aus den großen bürgerlichen Nationen (Russen, Weißrussen, Ukrainer, Armenier, Georgier und Tataren) sozialistische Nationen herauszubilden begannen, hatten die Völker in Mittelasien und Kasachstan das Stadium des Kapitalismus noch nicht durchlaufen. 197 Nach der Auffassung der „BROMLEJ- Schule“ wurden zwischen 1917 und 1930 durch politische (Zwangs)maßnahmen (Industrialisierung
Zwangskollektivierung und Entnomadisierung/ Seßhaftmachung) die sozialistischen Nationen der Usbeken, Kasachen, Turkmenen, Kirgisen sowie Tadschiken geschaffen. 198 Der größte Teil dieser Maßnahmen wurde mit drastischen Mitteln durchgesetzt und hatte Millionen Menschen das Leben gekostet. Gerade die gewaltsame brutale Vorgehensweise der sowjetischen Macht und die große Zahl von Opfern bildeten einen Hauptgrund für die fast ausschließlich negative Bewertung der sowjetischen Nationalitätenpolitik seitens westlicher Autoren. Etwas differenzierter erscheint das Bild, wenn man die Entwicklung von den Ergebnissen her betrachtet. Insgesamt gesehen, erscheint die Nationalitätenpolitik durchaus erfolgreich in ihrem Ergebnis, die durch die Entstehung und den nationalen Aufschwung dieser Völker auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet gekennzeichnet ist. Das Ziel bestand vor allem in der Beschleunigung der Herausbildung sozialistischer Nationen. Die Völker wurden mit Zwang in die sozialistische Zukunft gebracht. „Es scheint so, dass in der Sowjetunion die Menschen vielfach zu ihrem ‚Glück’ gezwungen werden mussten“. 199 Und die Frage, mit welchen Mitteln, gehört eher zu den ethisch-moralischen Überlegungen. Die turkestanischen Nationalisten betrachteten die Herausbildung der sozialistischen Nationen als sowjetische Maßnahmen gegen die kulturelle Einheit des turkestanischen Volkes. „Als erster Schritt zur Sowjetisierung der Turkvölker erfolgte die Trennung der Volksgruppen voneinander. Der Kampf gegen die völkische Einheit stand dabei im Vordergrund. Die Sowjets haben in der Frage der Teilung Turkestans behauptet, dass durch die Aufgliederungein Synonym für die Teilung - den Völkern das nationale Recht gewährt worden sei. Also wurde diese Teilung als Nationalfrage hingestellt.“ 200
197) Dazu gehören auch die Völker aus dem Nordkaukasus, Ural und Sibirien.
198) Dazu siehe auch Kapitel 2. dieser Arbeit
199) SCHOTT 1960, S.53
200) HAYIT 1997, S.434
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Die ethnischen Prozesse, die in den sozialistischen Nationen auf unterschiedliche Weise verliefen, bildeten unter anderem in den Arbeiten der sowjetischen Ethnologen einen Schwerpunkt. Hierzu wurden die theoretischen Grundlagen, die für Ethnografen als verbindlich galten, von JULIAN BROMLEJ erarbeitet. Seine Theorie ist insofern von großer Bedeutung, da die sowjetische ethnologische Forschung in dieses Schema gepresst wurde und als ihre praktische Anwendung galt.
Im Zusammenhang mit seiner Theorie des Ethnos unterschied BROMLEJ zwischen ethnoevolutionistischen und ethnotransformatorischen bzw. ethnogenetischen Prozessen. Ethnoevolutionistische Prozesse liegen vor, „wenn es sich um Veränderungen einzelner Komponenten eines ethnischen Systems handelt, die evolutionären Charakter in dem Sinne tragen, dass das System als solches insgesamt selbst erhalten bleibt. 201 “ Dazu gehören die Erscheinungen wie:
• die Konsolidierung innerhalb des Sub- Ethnos (die Nivellierung der Dialekte und
kulturellen Besonderheiten)
• zwischenethnische Integration (Herausbildung der gemeinsamen kulturellen
Merkmale und Entstehung eines Gemeinsamkeitsgefühls zwischen ihnen unter verschiedenen Ethnien)
Unter den ethnotransformatorischen bzw. ethnogenetischen Prozessen versteht man laut BROMLEJ „die ethnischen Prozesse, die mit einem Bruch in der Kontinuität verbunden sind.“ 202 Dazu gehören:
• die Partipation (wenn sich ein Ethnos in mehrere andere mit neuen
Namensbezeichnungen gliedert)
• die Separation (die Umwandlung eines Teils des Ethnoses in einen neuen Ethnos
oder die Spaltung eines Ethnos durch aufgezwungene staatliche Grenzziehung)
• die Konsolidierung (die Vereinigung kleiner kulturell verwandter Ethnien zu
einem größeren Ethnos)
• Mix (die Vereinigung kulturell und historische nicht verwandter Ethnien in ein
neues Ethnos)
• Assimilation als das Ergebnis der Evolution 203 .
201) BROMLEJ 1977, S.141
202) BROMLEJ 1977, S.141
203) Für seine Theorie wurde BROMLEJ in den Jahren 1981 und 1987 von der Sowjetregierung prämiiert.
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Ethnotransformatorische bzw. ethnogenetische Prozesse führen „zum Übergang der Menschen in einen neuen ethnischen Zustand“. Von den ethnischen Prozessen unterscheidet BROMLEJ ethnosoziale Prozesse, die Veränderungen auf der Ebene der ethnosozialen Gemeinschaften widerspiegeln. Nach BROMLEJS Auffassung „wird diese Abgrenzung durch die Unterschiede im Typ der Veränderungen ethnischer und sozial- ökonomischer Tätigkeitssphären bedingt.“ 204 Die Hauptvariante ethnosozialer Prozesse besteht in den nationalen Prozessen. Es ist wichtig zu vermerken, dass in der „BROMLEJ- Schule“ die ethnischen Prozesse aus zwei Sichten betrachtet werden konnten: der strukturellen und der stadialen. Unter strukturellen Aspekten verstand man die ethnischen Prozesse, die mit den ethnischen Makroeinheiten in Zusammenhang stehen. Als stadiale Aspekte betrachtet man die ethnischen Prozesse, die sich in den ethnischen Gemeinschaften einer vorkapitalistischen Formation vollziehen.
Zu den wichtigsten Vereinigungsprozessen zählten nach BROMLEJ die Konsolidierung, die Assimilierung und die Integration.
Nach Auffassung der sowjetischen Ethnologen kann man zu den ethnischen Konsolidierungsprozessen den Zusammenschluss sprachlich und kulturell verwandter ethnischer Einheiten zu einer ethnischen Gemeinschaft zählen. In diesem Zusammenhang sollte unterschieden werden, ob es sich um eine Konsolidierung von Völkerschaften aus nahe verwandten Stämmen und ethnografischen Gruppen handelt oder um die Konsolidierung von Nationen aus sich sprachlich und kulturell nahe stehenden Völkerschaften und ethnischen Gruppen. Als Beispiel dazu wurden in den Arbeiten der sowjetischen Ethnologen die pamirischen Völkerschaften betrachtet. Aus ihrer Sicht näherten sich in Mittelasien das kleine Bergvolk Jagnoben, sowie die pamirischen Völkerschaften - Yazgi, Ruschanen, Schugnen, Wachi und anderen den Tadschiken an. Die sowjetischen Ethnografen betonten, dass diese Prozesse auf freiwilliger Basis verliefen. Hierzu schrieb TAT’JANA ŽDANKO: „Diesen Prozess der Konsolidierung der sozialistischen Nationen kann man nicht als gewaltsame Assimilierung bezeichnen. Die kleinen ethnografischen Gruppen kamen freiwillig in die größeren Nationen.“ 205 Aus der Sicht der sowjetischen Ethnografen, wurde in Mittelasien die Isolierung lokaler ethnografischer Gruppen überwunden. Die Identifizierung nach Herkunftsregion bzw. Wohnort - wie z.B. aus Fergana, Buchara oder Choresmien - büsste ihre dominante Bedeutung ein bzw. ging ganz verloren. Deshalb verringerte sich die Anzahl ethnografischer
204) BROMLEJ 1977, S.142
205) ŽDANKO, in: SE 1960, Nr.2, S.13 207) ŽDANKO, in: SE 1949, Nr.2, S.41
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Gruppen in Mittelasien, stattdessen wurden große monolithische „sozialistische Nationen“ ins Leben gerufen. Am meisten drückte sich dies durch das Integrieren kleiner Nationen in größere Nationen aus.
Als ethnischer Assimilierungsprozess wird die Verschmelzung kleiner Gruppen eines Volkes mit einem anderen Volk definiert. Dabei unterscheiden die sowjetischen Ethnologen zwischen der gewaltsamen und der natürlichen Assimilierung. Als Beispiel der natürlichen Assimilierung sind die mittelasiatischen Araber, Zigeuner und Ujguren anzuführen, die sich den Usbeken und Tadschiken annäherten. Teilweise assimilierten sie sich mit den Usbeken oder Kasachen sowie Karakalpaken, die außerhalb der Karakalpakischen ASSR lebten. Wesentlich merkbarer und schärfer vollzogen sich die Assimilierung auf dem Gebiet der Sprache: anfänglich entwickelte sich ein Bilinguismus und später ein völliger Wechsel der Sprache. Beispiele dazu liefern die Feldforschungen vom Saul Abramzon 1951-1954, die gezeigt hatten dass 18.000 im Fergana-Tal lebenden Karakalpaken ihre Muttersprache fast völlig verloren. „Sogar ein Versuch im Jahre 1936, die karakalpakische Sprache als Unterrichtssprache in der Schule einzuführen, schlug fehl, weil der Einfluss der usbekischen Sprache zu stark war.“ 207 Jedoch ihr nationales Selbstbewusstsein hatten sie erhalten. BROMLEJ legte das allgemeine Schema der Assimilierungsprozesse fest: Wandlungen in der Kultur (Anfangsstadium- Adaption auf dem Gebiet der Alltagskultur. Endstadium- kulturelle Assimilation), Sprachwandel (Bilinguismus, Sprachassimilation), Wechsel des ethnischen Selbstbewusstseins (ethnische Assimilation). 208
Unter interethnischer (zwischennationaler) Integration bzw. Annäherung werden die Wechselbeziehungen von „ethnischen Hauptgliedern“ - Stämmen, Völkerschaften und Nationen, die zur Herausbildung gemeinsamer ethnischer Züge bei den Ethnien führen, verstanden.
Zwischen den oben erwähnten Formen ethnischer Prozesse bestehen enge Beziehungen. Beispielsweise wird die ethnische Konsolidierung, oft von Assimilierung begleitet, während die ethnische Integration eine spezifische Phase auf dem Weg zur ethnischen Konsolidierung darstellen kann. Die Ethnizität unterlag ständigen Veränderungen. Als Beispiel dazu kann man die Beobachtungen von den Ethnografen INOGAMOV und VINNIKOV anführen, die 1951-1954 Feldforschungen im Fergana-Tal durchgeführt hatten. An der Ethnogenese der Usbeken vor der Oktoberevolution waren unter anderen zwei ethnische Gruppen beteiligt. Das waren
208) BROMLEJ 1977, S.142
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die Turkvölker Sarten und Kypčaken. (etwa 32.000 Menschen). Die Feldforschungen hatten gezeigt, dass diese Gruppen sich zur Zeit der Feldforschungen als Usbeken und nicht als Sarten, Turken oder Kypčaken bezeichneten. Sie hatten ihre ursprüngliche „vorrevolutionäre“ Identität gegen die usbekische aufgegeben. Im sowjetischen Schrifttum wurde das als Beispiel für die Prozesse der Konsolidierung mit Elementen von natürlicher Assimilierung innerhalb 209
einer Nation angeführt.
Von den sowjetischen Ethnografen wurden auch Usbekisierungsprozesse unter Turkmenen in Choresmien beobachtet. Nach dem Übergang dieses Territorium zur Turkmenischen SSR wurde dieser Prozess gestoppt, und das nationale Selbstbewusstsein der Turkmenen wuchs wieder. Unter diesen Bedingungen verloren die Usbeken teilweise ihre Identität und bezeichneten sich als Turkmenen.
Der theoretische Ansatz der „BROMLEJ- Schule“ wurde im Rahmen des Projekts „Liste der Völker“ der Sowjetunion verwendet. Auf diese Diskussion hatte die Position von BROMLEJ einen großen Einfluss, der behauptete, dass es eine Hierarchie von Ethnien gibt. Er unterteilt in:
Er vertrat die Meinung, dass bei der Klassifizierung ethnischer Gruppen diese Hierarchie praktisch angewendet werden soll. 210
Die Ethnologen aus dem Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR hatten nach der Volkszählung aus dem Jahre 1970, etwa 800 verschiedene Eigenbezeichnungen (Ethnonyme) zusammengestellt. Diese Volksnamen wurden in 141 „Hauptnationalitäten“ 211 gruppiert. Nach Überarbeitung dieses Ergebnisses blieben 104 Nationalitäten übrig. Später kamen einige Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass „sich die Zahl der Völker im Land katastrophal verringert hatte.“ 212 1926 waren es 194 Volksbezeichnungen und im Jahre 1989 nur noch 128. Vergleicht man die Zahlen, entsteht die Frage, wie man sich diese Fakten erklärt. Wie sind diese nahezu 70 Völker „verschwunden“? Die Ethnologien SEMJONOVA hat dazu ihre Gedanken dargelegt. Nach ihrer Meinung spiegelt jede Liste der Völker kein echtes Abbild der ethnischen Wirklichkeit wider. Sie wurde jeweils auf Grund von verschiedenen
209) ŽDANKO, in: SE 1960, Nr.2, S.12
210) BROMLEJ, in: SE1989, Nr.2, S.33
211) BRUK, KOSLOV, in: SE 1967, Nr. 6, S. 10-11
212) ČAMOKOVA, FILIMONOVA 1994, .S.94.
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Kriterien von den Wissenschaftlern konstruiert. Deshalb bleibt diese Zahl nicht konstant, sondern verändert sich kontinuierlich. 213 Damit verweißt SEMJONOVA indirekt auf eine Hauptschwäche des BROMLEJ - Models bzw. der sowjetischen Ethnografie insgesamt, nämlich die essentielle Betrachtungsweise. Grundlagen der Klassifikation bildeten ausschließlich so genannte „objektive“ Kriterien, die von den Ethnologen festgelegt wurden, bzw. durch Partei und Staatsführung vorgegeben wurden und die sich unter veränderten Bedingungen und politischen Interessenlagen wandelten. Der subjektive Faktor - die so genannte emmischer Sicht - die Position der Betroffenen selber stand dabei völlig außer Betracht.
SERGEJ SOKOLOVSIJ plädierte in seinem Beitrag zu der oben beschriebenen Diskussion 1989 für „ein Modell der ethnischen Realität“, das auf sozial- politischen, historisch- kulturellen sowie subjektiven Faktoren basiert. Seine Auffassung widerspricht dem „ethnischen Realismus“ (essentielle Sicht) und führt zum Verstehen der Grenzen jeder „Liste“ zu ethnischen Gemeinschaften. So gelangt SOKOLOVSKIJ zum Konzept der „offenen Völkerlisten“. Im Kern beruht 214 dieses Konzept auf dem Gedanken, dass jeder Mensch seine Nationalität selbst auswählen kann. Er kann sich selbst einordnen, aber auch diese Identifikationen nach ethnischem Prinzip generell ablehnen. Als Beispiel dazu finden wir bei den Ethnologinnen VASIL’EVA und KARMYŠEVA unter anderen auch eine solche Antwort bei einer Befragung nach der ethnischen Zugehörigkeit in der Usbekischen SSR: „Wir sind usbekisch, aber wir selbst sind Araber“, oder sie bezeichnen sich als „usbekische Araber." 215 In der UdSSR gab es nach der Volkszählung von 1959 vier Kategorien von Nationalitäten mit unterschiedlichen politischen Status:
1. Nationalitäten, die eigene Sowjetrepubliken haben (Usbeken, Kasachen, Kirgisen, Turkmenen, Tadschiken)
2. Nationalitäten, die eigene autonome Republiken haben (Karakalpaken in der Karakalpakischen ASSR)
3. Nationalitäten und Völkerschaften, die autonome Gebiete und nationale Bezirke
4. übrige Nationalitäten und Völkerschaften (Araber, Koreaner, Dunganen,
213) SEIMJONOVA 1994, S.90.
214) SOKOLIVSKIJ 1990, S. 109-110
215) KARMYŠEVA, in: SE 1962, Nr. 3, S.140
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3.2. Soziokulturelle Transformationsprozesse in Mittelasien
In den Beschlüssen des XXIV. Parteitags der KPdSU wurde unter anderem hervorgehoben, dass „die Ergebnisse der fünfzigjährigen Entwicklung des multinationalen Sowjetstaates mit aller Eindringlichkeit die Kraft und Lebensfähigkeit der Nationalitätenpolitik der KPdSU veranschaulichen und vor Augen führen, dass die nationale Frage nur auf der Basis der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft konsequent gelöst werden kann.“ 216 Der soziokulturelle Wandel spiegelte sich insbesondere in:
• neuen veränderten gesellschaftlichen Werten und Normen (zurückgedrängte Religion)
• der Zunahme der (konfessionell und national überschreitenden )Mischehen
• der Einführung und Ausbreitung der so genannten sowjetischen „Bräuche“ und
Traditionen
• der materiellen Kultur 217 wider.
In sowjetischer Zeit fand eine drastische Veränderung des ethnischen Profils Mittelasiens statt. Im Zuge der Arbeitsmigration in den 30er und 40er Jahren kamen etwa 3 Mio. Russen, Weißrussen und Ukrainer nach Mittelasien. 218 Ende der 70er Jahre betrug der Anteil der Russen in der Kasachischen SSR 40.85% und in der Kirgisischen SSR 25.9%.
Nach Mittelasien gelangten im Zuge der stalinistischen Deportationen im Laufe der 40er Jahre zahlreiche weitere Bevölkerungsgruppen (in der sowjetischen Begrifflichkeit „bestrafte“ Völker genannt). Als erste waren 400.000 Polen in Weißrussland und der Ukraine von gewaltsamer Umsiedlung betroffen und wurden ab 1939 als „vertrauensunwürdige Personen“ (podozritel’nyje ličnosti) nach Kasachstan deportiert. 1937 wurden 190.000 Koreaner und 8000 Chinesen aus der Fernostregion als angebliche „japanische“ Agenten nach Mittelasien und in die anderen Regionen umgesiedelt. Im Jahre 1941 wurde die ASSR der Wolgadeutschen aufgelöst. Dies wurde mit der Anschuldigung begründet, dass „Tausende von Diversanten und Spionen“ auf Anweisung HITLERS Sabotageakte an der Wolga durchführen. 1941-1942 wurden über eine Mio. Deutsche nach Kasachstan und Südsibirien
216) ROSSENKO 1974, S.4.
217 Zahlreiche Beiträge aus der SE, die sich mit Transformationen in der materiellen Kultur (Behausung, Bekleidung, Haushaltsgeräte, Hauseinrichtungen usw.) beschäftigen, werden in der vorliegenden Arbeit im Einzelnen nicht behandelt. Siehe dazu z.B. VASIL'VA, in: SE 1979, Nr.3, S. 18-30
218) Laut Volkszählung 1979 machte in der Kasachischen SSR die Titularnation 36,0% der Bevölkerung aus, in der Kirgisischen SSR 47,9%, in der Tadschikischen SSR 58,8%, in der Turkmenischen SSR 68,4% und in der Usbekischen SSR 68,7 %. Siehe FAENSON 1983, 145 S.
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deportiert. 1944 wurden die Krimtataren nach Mittelasien deportiert, und 1945 galt die ASSR Krim auch nominell als aufgehoben. In den Ergebnissen der Volkszählung von 1979 waren die Krimtataren als Nationalität nicht mehr ausgewiesen. Ihre Zahl wurde nach anderen Quellen mit etwa 900.000, davon 378.000 in der Usbekischen SSR, angegeben. 219 Im Zuge der Entstalinisierung erfolgte eine Rehabilitierung der deportierten Völker, die meisten wurden auch repatriiert. Die Rehabilitation der Deutschen und Krimtataren erfolgte verspätet in den Jahren 1964 und 1968 ohne Repatriierung und Wiedererrichtung nationaler Gebietskörperschaften.
Zu dieser Problematik der Deportation der Völker in ihre neuen Heimatgebiete findet man in der SE keinen einzigen Beitrag. In der offiziellen Historiografie hieß es: „Unter der Sowjetmacht haben die Kasachen, Usbeken, Turkmenen und Karakalpaken in ihren Wohngebieten Zehntausenden Angehörigen anderer Völker Platz geboten: Russen, Ukrainern, Tataren, Koreanern, Mongolen usw., so dass man heute in den Städten Mittelasiens fast 30 Nationalitäten antrifft, die hier gemeinsam im Interesse aller arbeiten.“ 220
In der Sowjetzeit vollzog sich ein grundlegender Wertewandel, der von der Partei und der Regierung durchgesetzt wurde. Von zentraler Bedeutung war in diesem Zusammenhang die Verdrängung der Religion aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens. 1918 erließ die Sowjetregierung die Dekrete über die Trennung von Staat und Religion sowie von Schule und Kirche. Als neue Werte und „die größte Errungenschaft des Sozialismus“ 221 wurden Brüderlichkeit, Hilfsbereitschaft, Patriotismus und Internationalismus propagiert. Unverkennbar ist dabei eine gewisse Glorifizierung des russischen Volkes als „größeren Bruder“ und uneigennützigen Helfer. So heißt es in der Zeitung „Pravda Vostoka“ („die Wahrheit des Orients“) vom 14.2.1960: „Das usbekische Volk wird dem großen russischen Volk immer für dessen allseitige, selbstlose Hilfe beim Aufbau des neuen Lebens dankbar sein. Mit seinem grenzenlosen Heroismus, seinem lichten Geist und seinem freigiebigen Herzen und mit seiner Zielstrebigkeit zu den leuchtenden kommunistischen Idealen hat sich das russische Volk - unser großer, älterer Bruder - die allgemeine Liebe und tiefste Verehrung aller Brudervölker der UdSSR erworben.“
219) FAENSON 1983, S.81
220) ALBAUM, BRENTJES 1986, S.11
221) Beziehungen zwischen den Nationen: Probleme und Perspektiven. Moskau 1989, S. 25
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Sowjetisches Brauchtum war „die Gesamtheit aus Gebräuchen, Ritualen und Feiern, die mit den Umwandlungen in der Gesellschaft und der Familie verbunden waren“. 223 Hierzu gehörten die geistige Kultur, die Lebensgewohnheiten und das Verhalten der sowjetischen Menschen untereinander. Die sowjetischen Ethnografen teilten die Bräuche in zwei Kategorien ein: Auf der einen Seite gab es traditionelle und gleichzeitig unter sowjetischen Einfluss modifizierte bzw. sowjetisierte Bräuche. Zum anderen gehörten völlig neue, gewissermaßen „rein“ sowjetische Gebräuche dazu.
Aus Beiträgen der sowjetischen Autoren geht hervor, dass zahlreiche Bräuche oft aus „älteren“ entstanden. (wie z.B. Familienfeier und insbesondere Hochzeitszeremonien, wobei nach den Beobachtungen der Sowjetethnologen sich die Rituale die mit Geburt und Sterben zu tun hatten, sehr langsam veränderten.) 224
Die Herausbildung neuer Bräuche geschah unter mehreren Faktoren: Zum einen als Ergebnis der politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Transformationen in der Gesellschaft sowie in der Familie 225 und zum anderen in der Einführung neuer sowjetischer Riten und Feierlichkeiten. Als Beispiele sind der Tag der Oktoberrevolution am 7. November, der Tag der Arbeiter am 1. Mai, der Frauentag am 8. März, der Tag der sowjetischen Armee am 23. Februar, Lenins Geburtstag am 22 April, der Siegestag über den Hitlerfaschismus am 9 Mai zu nennen. Das Zentrum des sowjetischen Kultus wurde auch das Leninmausoleum, der Ausdruck des Personen- bzw. Führerkults war. Der russische Philosoph MICHAIL RYKLIN bezeichnete dies als ein System von kommunistischen Riten und Massenfesten als „Glauben ohne Gott“, das die Funktionen der Religion nach russisch-orthodoxem Model kopierte. 226 Demgegenüber galten die so genannten „alten“ Bräuche als Überbleibsel veralteter Traditionen, Religion sowie überwundener Beziehung in der Familie und der Gesellschaft. Dazu äußert sich der Ethnograf MIRCHASILOV im Beitrag „Soziokulturelle Veränderungen und ihre Widerspiegelung in der modernen Familie der Landbevölkerung in der Usbekischen SSR“. In: SE 1979, Nr. 1, S. 3-15
Ein wichtiges Anliegen der sowjetischen Politik und Propaganda bestand in der Trennung dieser Rituale von ihren meist religiösen Wurzeln. Es lässt sich in der Tat eine weitgehende
223 BEKMURATOVA, in: SE 1966, Nr.3, S.102
224 Über die veränderten Hochzeitzeremonien bei choresmischen Usbeken und Tadschiken oder über das Ritual „Kampiruidji, siehe ausführlich Borozna, in: SE 1969, Nr.2, S.80-86
225 Ethnograf VASIL’EVA beschrieb die Entstehung neuer Bräuche in einem Schema: alter Brauch - gesellschaftliche Veränderungen - neuer Brauch. In: SE 1979, Nr.3, S.18-30
226 RYKLIN 2008, S.51
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Entislamisierung des „traditionellen“ Brauchtums feststellen. Die religiösen Ursprünge gerieten oft in Vergessenheit. Ethnograf PAVEL KUŠNER schreibt dazu: „Im Kampf gegen Sitten und Bräuche, die für die sowjetische Gesellschaft schädlich sind, hat der sowjetische Ethnograf … die Möglichkeit, das zu unterstützten, was das Wachstum der neuen, sozialistischen Bräuche und Vorstellungen fördert, was die neuen Gesellschaftsnormen festigt und den neuen Menschen schafft“. 227
Sowjetisch geprägte Werte und Normen wurden insbesondere durch das staatliche Bildungswesen massiv verbreitet. In den Schulen und Universitäten unterlagen die Menschen von Kindheit an starker ideologischer Beeinflussung. Das sowjetische Schulsystem spielte eine entscheidende Rolle bei der „Herausbildung der Völker der UdSSR der kommunistischen Moral und der Erziehung der „neuen Menschen“ (novogo čeloveka). 228 “ Sie diente „als Instrument zur Durchsetzung der kommunistischen Ideologie“ 229 und „die Kontrolle über, was ein Sowjetbürger denken dürfte.“ 230 Zu diesem Zweck wurden auch die speziellen politischen Schuleinrichtungen, die der KPdSU unterstanden, begründet. Dazu gehörten die Parteischulen und die kommunistischen Hochschulen, die es ermöglichten, die Jugend im Geiste der kommunistischen Moral zu erziehen. 231 Baymirza Hayit unterscheidet sieben Ziele der sowjetischen Schulen. Dazu gehören:
• den Schüler im Sinne des Internationalismus zu erziehen,
• den Sowjetpatriotismus zu erwecken,
• antireligiös zu erziehen,
• arbeitsliebende Menschen zu erziehen,
• den Charakter des Schülers der kommunistischen Gesellschaft entsprechend zu
bilden,
• eine tapfere, treue und den Sowjets gehorsame Jugend zu erziehen
• die Unterrichtsfächer im Sinne der marxistischen Lehre zu erteilen. 232
227) KUŠNER, in: SE 1964, Nr.4, S.28
228) Die grundlegenden Probleme der ethnologischen Forschungen SE 1959. N.3 S.7
229) HAYIT 1956, S.322 Dabei merkte an, dass die Instrumente der Verbreitung der nationalen Unabhängigkeitsideologie fehlte turkestanischen Nationalisten bei der Erhoffung der Herausbildung des Staates Turkestan im Jahre 1917. Die nationale Regierung „war nicht stark genug ideell, materiell oder personell das ganze Volk zu führen“. HAYIT 1956, S.60
230) RYKLIN 2008, S.47
231) 1930 war in Taschkent Mittelasiatische Kommunistische Universität und 1934 Kommunistische Universität für die Werktätigen des Ostens gegründet worden.
232) HAYIT 1956, S.325
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Die westlichen Autoren benutzten das sowjetische Bildungs- und Erziehungssystem als Argument für die Russifizierung der einheimischen Bevölkerung Mittelasiens. Dem gegenüber verwiesen die sowjetischen Ethnografen vor allem auf einen deutlich höheren Bildungsgrad als wesentliches Ergebnis der sowjetischen Nationalitäten- und Bildungspolitik. Ethnograf NIKOLAJ KISLJAKOV stellte fest, dass im Vergleich zu der muslimischen Bevölkerung im Iran, in der Aserbaidžanischen SSR auf 10.000 etwa 93 Akademiker und im Iran nur drei entfielen. 233 Dem Sowjetregime ist es auch gelungen, aus der Schicht der einheimischen Intelligenz Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler und wirtschaftliche wie politische Administratoren für die jeweiligen lokalen Bedürfnisse zu bilden. Verglichen mit den mittelasiatischen Sowjetrepubliken waren die meisten islamischen Länder auf den Gebieten des Schul- und Gesundheitswesens in den 60er Jahren zurückgeblieben. Beispielsweise waren im Irak etwa 80 % der Bevölkerung Analphabeten. Im Jemen kam auf 150.000 ein Arzt. 234 Eine große Rolle für die Verbreitung der kommunistischen Ideologie spielte der Kampf der Sowjetregierung gegen den Islam. „Der Islam hatte eine Gesellschaftsmoral,… die die Welt-und Lebensanschauung der Turkestaner, ihren Charakter und ihre Denkweise geprägt hatte.“ 235
Laut FRANK NESEMANN unterscheidet man drei Etappen in der sowjetischen Islam- Politik. Die erste bis zum Ende der 20er Jahre andauernde Phase bezeichnete er als „relativ Toleranzphase“ mit gewissem „Waffenstillstand“ zwischen Staat und Religionsgemeinschaft. 236 Die Geistlichen hatten noch einen sehr starken Einfluss auf die muslimische Bevölkerung Mittelasiens. Deshalb versuchten die Kommunisten den Kommunismus mit dem Islam gleichzustellen. Der russische Philosoph MICHAIL RYKLIN zeichnete die Konturen des kommunistischen Glaubens und die Funktionsweise des Kommunismus als Religion bzw. Glauben ohne Gott nach. „Die Bolschewiki inspirierte der Glaube - eine Art weltliche Religion - an die Möglichkeit einer radikalen Umgestaltung der Welt“. 237 Nach seiner Ansicht wuchs sich die monumentale Propaganda zu einem sowjetischen System von Ritualen aus, welche das orthodoxe Modell einerseits kopierten, andererseits verdrängten. BAYMIRZA HAYIT berichtet hierzu als Augenzeuge: „Sie versuchten uns klar zu machen, dass der Kommunismus und der Islam den gleichen Sinn haben.“ 238
233) Beispiel aus KISLJAKOV SE 1953, N.3 S.107
234) Länder des Nahen und Mittleren Ostens 1964, S.129 (russ.)
235.) HAYIT 1956, S.304
236) NESEMANN, 1997, S.216
237) RYKLIN 2008, S.31
238) HAYIT 1956, S.307
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Anfänglich waren die Kommunisten zu gewissen Kompromissen bereit, z.B. im Bereich der islamischen Rechtsordnung. Die religiösen Institutionen z.B. „waqf“- Nutzung sowie „Scharia“- Gerichte waren den staatlich-sowjetischen Organen als Parallelinstitutionen gegenüber gestellt. Im Zuge Stalins Kampf gegen „bürgerlichen Nationalismus“ erfuhr die sowjetische Islampolitik „eine einschneidende qualitative Veränderung“. 239 Es begann ab 1927/1928 die Phase einer offenen und offensiven atheistischen Kampagne der Partei- und Staatsführung auf mehreren Ebenen. Die Geistlichen wurden verhaftet, sämtliche Medresen geschlossen und die religiösen Schulen verboten, islamische Ländereien wurden kollektiviert viele Moscheen zerstört und zu Kulturzentren oder sogar Gefängnissen umgewandelt. Ab den Jahren 1941/1942 begann einen Kurswechsel in islampolitischen Fragen. Genau wie im Falle der Russisch-Orthodoxen Kirche läutete der Staat auch gegenüber staatlicher Kontrolle und einer Duldung und neuer Institutionalisierung unter staatlicher Kontrolle ein. Es wurde in den 40er Jahren in Taschkent die sowjetische Religiöse Verwaltung der Muslime Mittelasiens und Kasachstans die Geistige Verwaltung der Muslime Zentralasiens (Sredneasiatskoe Duchovnoe Upravlenie Musulman - „SADUM“) gegründet. SADUM hatte mehrere Zwecke. Einerseits spiegelte sie die allgemeine Ausnutzung der Religion für politische Ziele wider. Andererseits bot SADUM die Gelegenheit, den Islam nicht lediglich zu überwachen, sondern zu unterwandern. So etablierte sich ein offizieller Sowjetislam. Der Islam war in der Sowjetzeit eine ausschließlich private Angelegenheit, die staatliche Interessen nicht berührte.
Einen weiteren wesentlichen Punkt in den Forschungen der sowjetischen Ethnologen bildeten Mischehen. Auf der Konferenz über die Entwicklung der nationalen Beziehungen in Frunze im Jahre 1963 stellte der sowjetische Ethnologe SAUL ABRAMZON fest, dass die Mischehen verschiedene Aspekte widerspiegeln und daher erforscht werden sollten:
• politische, weil bei Mischehen die Problematik mit der nationalen Frage zusammen
hängt,
• ethnische, weil sie das Zusammenwirken zwischen den Völkern aufzeigen,
• soziale, weil sie öffentliche und persönliche Beziehungen betreffen und
• ethische, weil die Mischehen auf den gesellschaftlichen und moralischen Werten basieren. 240
In Mittelasien unterlagen die Mischehen bzw. binationalen Familien nicht den islamischen Beschränkungen. Die Tendenzen der Entwicklung der Integration führten dazu, dass die
239) NESEMANN, 1997, S.218
240) BORZYCH, in: SE 1970, Nr.2, S.87-95
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Familien bei unterschiedlichen Völkern eine gemeinsame gleichartige Struktur und gewissermaßen einen sowjetischen Charakter annahmen.
Die sowjetischen Historiker stellten fest, dass Mischehen seit Mitte des XIX. Jh. in Mittelasien vorkamen, wobei vor der Oktoberrevolution fast ausschließlich Ehen zwischen den Angehörigen der muslimischen Völker geschlossen wurden. Die Ethnografen betonten die Stabilität der Mischehen zwischen Kasachen und Kirgisen. Wie die Feldforschungen ergaben, führten sich unter den Kasachen ganze Stämme auf kirgisisch-kasachische Vorfahren zurück. ŽDANKO berichtete, dass am südlichen Ufer des Aralsees oft Mischehen zwischen den Karakalpaken und Kasachen statt gefunden hatten. Bei den Karakalpaken aus Fergana waren die Ehen mit usbekischen Frauen verbreitet. Im Gegensatz dazu wurden diese Ehen mit karakalpakischen Männern aus Sicht der Usbeken verurteilt.
Die Struktur der Mischehen bei den Völkern Mittelasiens bestimmte die Zusammensetzung der Bevölkerung in der Stadt und in ländlichen Gebieten. Im Jahre 1936 wurden in Mittelasien 34.554 Ehen in den Städten und 86.774 auf dem Lande registriert. Von den 15.795 Mischehen wurden 42% in den Städten und 58 % auf dem Lande registriert. In den Städten Mittelasiens waren von je 1000 Ehen durchschnittlich 163 Mischehen, unter denen in den Städten Usbekistans 173, Kasachstans 176, Kirgisiens 250, Tadschikistans 250 und 255 Turkmenistans. Je mehr sich Industrie, Landwirtschaft und der Wohlstand der Bevölkerung entwickelte, desto größer wurde auch die Anzahl der Mischehen. Am Beispiel der Stadt Frunse zeigte der Ethnograf NIKOLAJ BORZYCH die strukturellen Veränderungen bei Mischehen in der Stadt und auf dem Lande in der Zeit von 1927 bis 1963. Im Jahre 1927 wurden in der Stadt Frunse 111 Mischehen geschlossen, 1936 waren es 220 und 1963 1009. 1963 war jede sechste Ehe eine Mischehe. Noch 1927 und wieder ab 1939 wurden in Frunse keine Ehen unter usbekischen, kirgisischen, ujgurischen und kasachischen Frauen mit Männern, die nicht Turkvölkern angehörten, geschlossen. Jedoch waren im Jahre 1960 14 Mischehen zwischen russischen Männern und turkstämmigen Frauen geschlossen worden und 1963 hatte sich diese Zahl verdoppelt. Überwiegend wurden Mischehen unter der städtischen Bevölkerung geschlossen. Die Anzahl der Mischehen unter verschiedenen Volksgruppen vergrößerte sich auch im Zuge der Arbeitsmirgation in Mittelasien. Die intensiven Beziehungen zwischen den Nationen spiegelten sich zunehmend in der Sprache, der materiellen und geistigen Kultur wider. Diese Kultur erwarb sich mehr und mehr die Eigenschaften des Internationalismus. Dies entsprach dem allgemeinen Konzept der Entwicklung nationaler Beziehungen in der Etappe des Übergangs von Sozialismus zum Kommunismus.
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Der bekannte sowjetische Ethnograf KOZLOW schlug in seinem Artikel über die Zahlendynamik der Völker vor, auf die nationale Zugehörigkeit zu verzichten und sich einfach als sowjetische Menschen zu bezeichnen. „Es ist bekannt, dass es keine Nation gibt, die sich sowjetisch nennt. Es gibt nur Nationen und Völkerschaften, die im Rahmen der Sowjetunion existierten“. 241
Hierbei ist es wichtig, auf den Begriff „Nationalität“ näher einzugehen. Nationalität“ war eine der zentralen Ordnungskategorien der sowjetischen Politik und „eine sowjetische Innovation“. 242 Das zaristische Russland beschränkte sich darauf, die Religion zu erfassen. Die Sowjetunion verzichtete ganz auf die Religion. Im Vordergrund stand zunächst die soziale Herkunft. Erst 1932 beschloss die sowjetische Regierung, die Nationalität zu registrieren. Der Pass eines Sowjetbürgers gab sowohl die Staatsbürgerschaft (sowjetisch) als auch die Nationalität (russisch, usbekisch usw.) an. „Wenn die Sowjetmacht in irgendeiner Hinsicht liberal war, dann hinsichtlich der Nationalitätenfrage. 243 “ Was jemand als Nationalität angab, wurde zunächst nicht überprüft, es genügte die einfache Angabe. So erschien der Nationalitätseintrag noch als freie Äußerung des ethnischen Bewusstseins. Mitte der dreißiger Jahre schon war aus dem „unschuldig“ scheinenden Eintrag eine „unauslöschliche Markierung“ geworden. Es wurde unmöglich, die Nationalität zu wechseln. Die Kinder aus Mischehen zwischen Sowjetbürgern verschiedener Nationalität waren ein Problem. Von 1947 bis 1954 besaßen sie obligatorisch die Nationalität der Mutter, später hatten die Kinder aus „gemischten“ Ehen mit 16 Jahren die Wahl zwischen den Zugehörigkeiten der Eltern. Ihre nationale Zugehörigkeit (bzw. das ethnische Bewusstsein) und die Muttersprache stimmten jedoch nicht immer überein, was durch die Tatsache bezeugt wurde, dass die Vertreter verschiedener Völker, die als ihre Muttersprache Russisch betrachteten, sich der Nationalität ihrer Eltern zurechneten. Nach Angaben der sowjetischen Ethnologen gab es in der UdSSR insgesamt 13 Millionen dieser Bürger. Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass sich das nationale Bewusstsein langsam, im Lauf der Zeit und mit dem Generationswechsel änderte, während der Wechsel der Muttersprache bedeutend schneller vor sich ging, was dem Schema von der „natürlichen Assimilierung“ von BROMLEJ entsprach. 244 Die sowjetischen Soziologen und Ethnografen, welche die Entwicklung der gemischtnationalen Ehen in der UdSSR studierten, hoben hervor, dass die Kinder gewöhnlich die
241)BRUCK, KOZLOV, in: SE 1967, Nr.6, S.10
242) STÖLTING 1991, S.18
243) STÖLTING 1991, S.20
244) BROMLEJ 1977, S.135
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Nationalität des Vaters annahmen, wenn dieser ein Vertreter der „Hauptnationalität“ der Republik war. Wenn aber die Ehen zwischen Vertretern des russischen Volks und anderer nationaler Gruppen, welche außerhalb ihrer eigenen Republiken lebten, geschlossen wurden, nahmen die Kinder in der Mehrzahl der Fälle die russische Nationalität an. 245 Diese „Aufstiegsassimilation“ ist leicht zu erklären, die Zugehörigkeit zur Hauptnationalität einer Unionsrepublik bot gewisse Vorteile im Bereich von Kultur, Schule und in den einheimischen Parteipositionen. Es wurde von den Sowjetethnologen betont, dass innerhalb gemischtnationaler Ehen die „freiwillige, natürliche Assimilation“ stattfand, die dem sozialistischen Zielen entsprach. Die „natürliche Assimilation“ war in dem Sinne freiwillig, denn es bestand kein staatlich- struktureller Zwang. Mit der Hilfe der Theorien von BROMLEJ, die für alle Sowjetethnologen als verbindlich galt, war es möglich diese Prozesse wissenschaftlich zu begründen.
Westliche Autoren betrachteten diesen Prozess in der Regel als sprachliche und kulturelle Russifizierung. Nach Ansicht von ERHARD STÖLTING reduzierte sich die Verschmelzung der Nationen auf die Russifizierung nicht- russischer Bevölkerung. Er wies darauf hin, dass die verschiedenen Nationen in unterschiedlichem Ausmaß russifiziert wurden. Das bedeutete aber keineswegs, dass die Russifizierten rechtlich zu Russen geworden wären. „Gleichgültig welcher Kultur sich jemand verbunden fühlt und welche Sprache er spricht, seine Personalpapiere zeigen, ob er Russe, Ukrainer oder Kasache ist. Es gehört zu den sowjetischen Paradoxien, dass gerade dieses System trotz aller Russifizierung das jeweilige Nationalbewusstsein fördert.“ 246 Ein Widerspruch steckte darin, dass „Sowjetisch“ keine Nationalitätsbezeichnung war, die die „Verschmelzung der Nationen“ erwartet ließ. 247 Und „Mischehen waren schon im Interesse einer Russifizierung erwünscht, da die Kinder meistens die „Titularnationalität“ annahmen.“ 248
Nach Ansicht der sowjetischen Autoren sind diese Prozesse ein wesentlicher Beitrag für die Annäherung und zukünftige Verschmelzung der sozialistischen Nationen, was zur Herausbildung einer kommunistischen Nation führen sollte. „Die 50jährige Entwicklung der UdSSR hat in Theorie und Praxis bestätigt, dass sich die Dialektik der Entwicklung der sozialistischen Nationen in einem gesetzmäßigen Prozess vollzieht, nämlich in der weiteren
245) ABRAMZON, in: SE 1965, Nr.4, S.147
246) STÖLTING 1991, S.19
247) Dazu ist die historische Analogie „Amerikanisch“ nahe liegend. Diese Bezeichnung war ursprünglich keine nationale Bezeichnung, aber im Laufe der Zeit wurde sie dazu und zwar mit Prägung durch die größte nationale Gruppe, die englische.
248) PEREPELICYNA 1966, S.124
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Entwicklung, im allseitigen Aufblühen und der allmählichen Annäherung der sozialistischen Nationen“. 249 Infolgedessen hatte die sowjetische Politik gegenüber den ethnischen Gruppen zwei Aspekte: Einerseits die Entfaltung der Kulturen der einzelnen Gruppen, zumindest für ein gewisses Stadium: „die Gesamtheit der werktätigen Massen der russischen und der mittelasiatischen Völker vollzog eine Annäherung.“ 250 Andererseits ist dies die Integration dieser Gruppen in eine sie überwölbende, „hoch entwickelte“ gesamtsowjetische Gesellschaft. 251 Sowjetische Ethnografen betrachteten das Sowjetvolk als eine historische Gemeinsamkeit von Menschen. Aus ihrer Sicht vertraten sie keine neue Nation, sondern eine übernationale Gemeinsamkeit höherer Ordnung. Anders gesagt, der Begriff „sowjetisch“ drückte nicht eine nationale Zugehörigkeit aus, sondern die Zugehörigkeit von Menschen verschiedener Nationalitäten zur sowjetischen Gesellschaft.
Im Zuge der soziokulturellen Transformationen veränderte sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft wesentlich. Der Anfang der Umwandlungen war durch Dekrete bzw. Gesetzte politisch verordnet worden. Im Jahre 1925 hatte die Sowjetregierung ein Dekret erlassen, in dem verboten wurde:
• islamische Eheschließung
• Eheschließung mit Minderjährigen
• Zahlung des Brautpreises (kalym)
Anstelle der islamischen Ehen wurden standesamtliche Ehen eingeführt. „Zu den alten Bräuchen kamen neue hinzu, z.B. standesamtliche Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und gemeinsames Feiern von Frauen und Männer an einem Tisch. Das war früher für alle mittelasiatischen Völker völlig fremd. Es gab auch einige Besonderheiten. z.B. bei den mittelasiatischen Völkern folgt nach der standesamtlichen Trauung die religiöse Heirat, usbekisch Nokach. Aber im Unterschied zu früher feierte danach nicht nur das Brautpaar allein, sondern auch ihre Eltern mit.“ 252
Des weiterem wurde die Abschaffung des Schleiers verordnet, was unter großen Teilen der Bevölkerung auf Widerstand stieß. BAYMIRZA HAYIT berichtete als Augenzeuge: „die Sowjetaktivisten versuchten mit Polizisten in den Häusern und auf der Strasse, den Frauen die
249) BAGRANOV, SMIRNOV 1978, S.4
250) LOBAČEVA, in: SE 1970, S.79
251) Die These gleichzeitigen Blühens und Aufgehens in eine höhere Einheit wurde auf das Leben der Nationalitäten in den Volksdemokratien Europas und Asiens übertragen.
252) LOBAČEVA, in: SE 1970, Nr.2 S.70
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Schleier zu entreißen. Die Bevölkerung protestierte dagegen.“ 253 Es wurden groß angelegte Kampanien gegen die Verschleierung der Frauen durchgeführt, teilweise mit bewaffneten Militärkräften. Bis 1937 wurde das Schleiertragen vollkommen abgeschafft. Eine sehr große Rolle dabei spielte die aufklärerisch- propagandistische Arbeit der Partei- und Komsomolaktivisten. Die Frauen wurden im gesellschaftlichen Leben den Männern formell gleichgestellt. Die sowjetische Regierung förderte gezielt die Beschäftigung von Frauen im öffentlichen Dienst, in leitenden Stellen der Partei und im Erziehungswesen. Die sowjetische Regierung „verhaftete die Männer, die versuchten ihre Frauen aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.“ 254
Ein zentrales Ziel der Frauenförderung bestand darin, Arbeitskräfte zu gewinnen. Zwar wird es als überspitzte antisowjetische Polemik überwertet, wenn HAYIT über „Staatssklaventum der Frauen“ 255 spricht, doch trifft es zu, dass die Frauen mit einer wesentlich höheren Arbeitsbelastung als Männer konfrontiert waren. Sie wurden voll in den Arbeitsprozess integriert (und so den Männern gleichgestellt), mussten sich jedoch zusätzlich weiterhin um den Haushalt und die Kinder kümmern.
Nach Vorstellung der kommunistischen Partei sollten die „Ethnografen ihren Beitrag zur Befreiung der Frauen aus dem Haushalt leisten, indem sie die Position der Frau in die sowjetische Gesellschaft fördern.“ 256 Die sowjetischen Ethnologen begleiteten und unterstützten sozusagen den Prozess der Befreiung der Frauen durch ihre propagandistischen Beiträge.
253) HAYIT 1956, S.301
254) HAYIT, 1956, S.302
255) HAYIT 1956, S.
256) XXV. Parteitag und die Ziele der sowjetischen Ethnografie. In: SE 1976, Nr.3, S.6
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3.3. Postsowjetisches Mittelasien
Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 257 verwandelten sich die mittelasiatischen Sozialistischen Sowjetrepubliken (SSR) in die unabhängige Nationalstaaten Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan. In der westlichen Historiografie hieß es: „Der Zerfall der Sowjetunion bedeutet 258 vornehmlich das Ende von ethnischer Unterdrückung“. 259 Die innerstaatlichen Verwaltungsgrenzen wurden zu internationalen Staatsgrenzen, und die nationalen Gemeinschaften in den neu gebildeten nationalen Republiken sind die Fortsetzung der zuvor existierenden sowjetischen Kulturgemeinschaften. „Aus diesem Grund erscheint die sowjetische Neuordnung Mittelasiens von 1924 und ihre ethnische Grundlage in einem neuen Licht.“ 260 Die Tatsache, dass die heutigen Nationalstaaten auf der Grundlage der sowjetischen nationalen Abgrenzung basieren, muss als Beleg für die tief greifenden und dauerhaften Auswirkungen sein, und damit letztlich auch als deren Erfolg gewertet werden.
Von westlichen Autoren ist oft eingewandt worden, dass die Schaffung mehrerer Nationalstaaten anstelle eines einheitlichen turkestanischen Staatswesen, eine künstliche Teilung darstellte (so genanntes „Divide et impera“ Prinzip) und für Zwecke der Modernisierung nicht nötig gewesen wäre.
Demgegenüber betonten die sowjetischen bzw. russischen Ethnografen die „progressive“ Bedeutung der Nationalitätenpolitik in Mittelasien. TAT’JANA ŽDANKO, die zu den profiliertesten Vertretern der sowjetischen Ethnografie zu zählen ist, schrieb: „Einmalig in der Geschichte ist es gelungen, auf dem ethnisch vielfältigen Territorium auf friedlichem Wege die Staatlichkeit der Völker Mittelasiens zu schaffen. 261 “ Aus heutiger Sicht erscheint diese Deutung einseitig. TAT’JANA ŽDANKO, die selbst in der ethnischen Gestaltung Mittelasiens mitgewirkt hat, lässt die Gewalt der stalinistischen Maßnahmen und die Russifizierungseffekt völlig außer Betracht. Gerade dieser Aspekt steht bei westliche Autoren sowie heute auch in der postsowjetischen Historiografie, besonders Georgiens und Aserbaidschans und anderer ehemaliger sowjetischer Republiken, besonders im Mittelpunkt.
257 Die Zeitschrift „Sovjetskaja Etnografija“ stellte das Erscheinen ein.
258 KAPELLER 1990, S.47
259 ŽDANKO 1997, S.23
260 GEIß 1997, S.32
261 ŽDANKO 1997, 34
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Es ist nicht zu verleugnen, dass die nationale Abgrenzung in Mittelasien in direkter Verbindung mit der sowjetischen Nationalitätenpolitik der KPdSU stand. Damals waren jedoch auch „ziemlich stark die panturkistische und panislamistische Lösungen der nationalen Probleme in Mittelasien“ 262 . (die Schaffung des Staates „Turkestan“). Weiterhin betonten Mittelasienexperten im Westen den willkürlichen Charakter der „nationalen“ Teilung Mittelasiens und die Künstlichkeit der von der sowjetischen Regierung geschaffenen Republiken. Bei der nationalen Abgrenzung war politische Stabilität wichtiger als „ethnografische Präzision“. 263 Mit dieser Meinung stimmt ŽDANKO überein, die in einem Interview sagte, dass „wenn die sowjetischen Ethnografen nach 1924 ethnologische Feldforschungen weiter durchgeführt hätten können, wären viele Fehler bei der nationalen Abgrenzung Mittelasiens vermieden worden.“ Eine andere Meinung zu diesem Problem hat der heutzutage in Russland einflussreiche Ethnologe VALERIJ TIŠKOV. Nach seiner Ansicht „ist es überhaupt nicht möglich, ethnisch „richtige“ administrative Grenzen zu schaffen. Das ist eine Utopie.“ 264 Aus diesem Grunde „wurde mit der Evolution nationaler Identität innerhalb von ethnisch-territorial definierten Sowjetrepubliken ein potenzieller Faktor für Instabilität und Unruhen gelegt“. 265
Als Beispiel dafür können die Gewaltausbrüche, die im Jahre 1990 zu 200 Toten unter Kirgisen und Usbeken führten, genannt werden. Nach Prognosen westlicher Autoren werden die Interessen der Usbeken in Kirgistan (wo sie die größte ethnische Minderheit bilden), weiterhin ignoriert, was zu einer Wiederholung ethnischer Gewalt führen könnte. Die Vorbehalte zwischen Kirgisen und Usbeken sind auf beiden Seiten sehr hoch, dass die gegenseitige Abgrenzung gerade gegenüber den Usbeken ist, scheint für die Kirgisen heute von größerer Bedeutung als gegenüber den Russen zu sein. Die gespannten Verhältnisse herrschen zwischen den Usbeken und Tadschiken im Fergana-Tal. Die Konflikte zwischen den ethnischen Minderheiten innerhalb der mittelasiatischen Republiken gehören sicherlich zu den stärksten. Nach 1991 begann eine Phase nationalen Wiedererwachens bzw. der nationalistischen Ideologie, deren Folge die massiven Vertreibungen der Russen und anderen Nationalitäten aus Mittelasien war. So wurden unter den Losungen „Usbekistan den Usbeken“, „Kasachstan für den Kasachen“ usw. Mio. Russen und Tataren, die oft die leitende Stellen in den sowjetischen mittelasiatischen Republiken
262 ŽDANKO 1997
263 SCHMIDT 2007, S.213
264 TIŠKOV 1997
265 GEIß 1997, S.34
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besaßen, in die Russische Föderation vertrieben. Andere nationalistische Losungen in den 1990er Jahren waren: „Russen, fahrt ihr nach Rjazan“ und „Tataren nach Kazan“. Ein weiteres großes Konfliktpotential zwischen den Staaten verbirgt in sich im Wasserproblem. Hierzu kann man den Konflikt am Amurdarja zwischen Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan aufzählen. Gegenwärtig ist das Verhältnis zwischen Usbekistan und Turkmenistan sicherlich das angespannteste in Mittelasien. Aus usbekischer Sicht erscheint die Aufteilung der Wasserressourcen zu gleichen Teilen zwischen Usbekistan und Turkmenistan ungerecht, da mehr als dreimal so viele Menschen in Usbekistan (14 Mio.) gegenüber in Turkmenistan (.4 Mio.) davon abhängig sind. Die unterschiedliche Verfügbarkeit und Zugriffsmöglichkeit auf die knappen Wasserressourcen wird in Zentralasien noch dadurch kompliziert, dass die VR China sowohl als Abnehmerstaat 266 als auch als Zulieferstaat 267 involviert ist. Die drei Abnehmerstaaten Kasachstan, vor allem Usbekistan und Turkmenistan hängen „am Tropf“ der Zulieferstaaten Kirgistan und Tadschikistan 268 .
Die Bildung der eigenständigen Nationalstaaten sowie die Ausgestaltung der Unabhängigkeit lagen in Mittelasien - ähnlich wie in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken - in den Händen der früheren KPdSU- Funktionäre, wie des ersten Präsidenten Turkmenistans und schon seit 1985 ehemaligen Sekretärs der turkmenischen KP SAPARMURAT NIJAZOV. (1940 - 2006).
Die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken waren wie auch die jungen Nationalstaaten in Mittelasien auf die Unabhängigkeit ökonomisch sowie politisch kaum vorbereitet. Die Loslösung von der UdSSR und der Zusammenbruch des sowjetischen Systems hatten gravierende Folgen: Zunehmende Armut des wachsenden Teils der Bevölkerung, soziale und wirtschaftliche Differenzen 269 . Die Wirtschaft war sehr stark auf die sowjetische Planwirtschaft ausgerichtet. Die Aufgaben bestanden darin, Rohstoffen für andere Republiken vor zu bereiten. Bei großen Teilen der Bevölkerung Mittelasien genießt das sowjetische Wirtschaftssystem noch heute eine hohe Anerkennung. Die Arbeitsplätze waren früher garantiert und wurden relativ gut bezahlt. In einigen Regionen Mittelasiens konnten nur durch massive Transferzahlungen der sowjetischen Regierung, Subventionierung von Lebensmitteln
266 Hauptzufluss des Tarim kommt aus Kirgistan.
267 Haupzufluss des Ili kommt nach Kasachstan aus Xinjiang.
268 GIESE, SEHRING, Trouchine 2004, S.10.
269 Ein krasses Beispiel dafür war das fast völlige Austrocken des Aralsees durch die Bewässerung der Felder für die Baumwollproduktion.
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und Energie, Transport- und Kommunikationsinfrastruktur, sowie die öffentliche Versorgung in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Kultur und Administration aufrechterhalten werden. 270 Die gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Entwicklung in vielen Regionen Mittelasiens ist gekennzeichnet durch zunehmende Verarmung der Bevölkerung. Eine Vielzahl der Arbeitsplätze in den staatlichen Betrieben ging mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft verloren und konnte durch die 1995 eingeleitete Privatisierung von Land und Vieh nur teilweise kompensiert werden.
Der Transformationsprozess hat besonders Frauen stark getroffen. Oftmals verloren sie als erste die Arbeitsstellen. Als direktes Resultat dieser Veränderung haben geschlechtsspezifische Unterschiede innerhalb der Haushalte sowie in der Gesellschaft wieder zugenommen. Die vormals starke Position von Frauen in Wirtschaft und Politik wurde deutlich geschwächt. Die Stellung der Frauen wird zunehmend wieder den Normen des Islam unterworfen. Verstärkt wird diese Tendenz durch den unübersehbaren Prozess schleichender Re-Islamisierung und der wachsenden Rolle des Islam im öffentlichen und privaten Leben. Der Islam wird heute als systematisch gefeiertes Kultursymbol politisch- taktisch genutzt, um die eigene, postsowjetische Nationalstaatlichkeit zu festigen. In diesem Zusammenhang spricht man über die Politisierung des Islam. 271 Er dient als kulturelle Tradition sowie als Basis für eine eigene Identität und soll vor allem auch die Legimitätsansprüche der Regierung untermauern. Eine kritische Bewertung dieser augenscheinlichen Prozesse der politischen Instrumentalisierung des Islam nimmt besonders der Autor ULRICH HALBACH vor. Die von ihm geprägte Bezeichnung „Islamistan“ ist sicherlich überspitzt und überbewertet, deutet aber die Richtung dieser Entwicklung an.
Den Islam bzw. die islamisch geprägte Kultur wird als Abgrenzungsfaktor gegenüber der bisherigen sowjet- russischen Hegemonie eingesetzt. Die betreffende Regierung wird somit von ihrer eigenen Beteiligung an der Sowjetpolitik „entlastet“. Das erscheint besonders in den Fällen von existentieller Bedeutung, wenn die betroffenen Regierungen selbst aus der sowjetischen Kaderelite hervorgegangen sind.
Einen wichtigen Aspekt stellt die Wiederbelebung der nationalen Kulturen dar. Neben der Annerkennung lokaler Bräuche und nationaler Traditionen wurde in vielen Bereichen des täglichen Lebens der „Turkmenisierung“, „Usbekisierung“, „Kirgisierung“ usw. betrieben. Die Staaten konstruieren die Geschichten ihrer nationalen Eigenstaatlichkeit. Dabei wurden
270 z.B. das Gebiet Gorno Badachschan in der Tadschikischen SSR, deren Budget setzte sich bis jetzt zu 93% aus Mitteln der Republik Tadschikistan und nur zu 7% aus lokalen Steuern und Gebühren zusammen.
271 HALBACH 2006, S.19
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neue Staatssymbole geschaffen, z.B. bei den Kirgisen verbreitete sich der Tunduk, der Dachkranz einer Jurte, als Symbol für das Nomadenleben. Weiterhin werden Helden aus Epen wie Batyr- khan Manas, der als Vater und moralisches Vorbild für Kirgisen gilt, popularisiert. Dadurch fühlen sich die Menschen als stolze Usbeken, Kasachen, Kirgisen, Turkmenen oder Tadschiken.
Die Nationen in Mittelasien und ihre nationalen Grenzen sind Konstruktionen der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Die in der sowjetischen Zeit geschaffenen Einheiten von Sprachen und Nationen bilden ein neues Profil der Nationalstaaten. Die jungen Nationalstaaten Mittelasiens weisen für die Zukunft große Potenziale auf, die die wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung der Bevölkerung vorantreiben können. Die mittelasiatischen Republiken befinden sich heutzutage in einem Orientierungsprozess und daher sind sie für verschiedenste Kooperationen offen. Es entstand nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Machtvakuum von Interessensphären und Einflusszonen. Der Iran ist sehr an dieser Region interessiert und besitzt einen sehr guten Zugang. Er teilt eine lange Grenze mit Turkmenistan und öffnet den Zugang zum iranischen Hochland durch den Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen Meschhed und Aschchabad. Vor allem bei den dem persischen Kulturkreis sehr nahe stehenden Tadschiken rechnet er sich gute Chancen aus, Fuß zu fassen. Saudi-Arabien ist in Mittelasien durch die großzügige Förderung des Islams und des islamischen Unterrichts und durch die Finanzierung des Baus und der Renovierung von Moscheen präsent.
Die Türkei ist ein weiterer Staat, der enge Beziehungen vor allem zu den turksprachigen Nachfolgerepubliken der Sowjetunion anstrebt. Sie wirbt für ihr Modell eines laizistischen islamischen Staates und versteht sich als Vermittlerin zwischen der westlichen Welt und Mittelasien.
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Abkürzungsverzeichnis
AdW Akademie der Wissenschaft ASSR Autonome Sozialistische Sowjetrepublik BSVR Bucharische Sowjetische Volksrepublik CSVR Choresmische Sowjetische Volksrepublik EDV elektronische Datenverarbeitung
ESO KASSR KiSSR Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik KP Kommunistische Partei KPdSU Kommunistische Partei der Sowjetunion KSSR Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik RSFSR Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik SE Sovjetskaja Ethnografia SSR sozialistische Sowjetrepublik SU Sowjetunion TaSSR Tadschikische Sozialistische Sowjetrepublik TASSR Tatarische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik TuASSR Turkestanische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik TuSSR Turkmenische Sozialistische Sowjetrepublik UdSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken UsSSR Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik ZK Zentralkomitee ZK-Plenum Plenum des Zentralkomitees
GUS Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
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95
96
ANHANG 1 Im Folgenden wurden die Beiträge aus der Zeitschrift „Sovetskaja Etnografija“ aus allen Jahrgängen bis zum Jahr 1991
Turkmenen Tadschiken Völker der Völker der
Kasachen
Usbeken Kirgisen Ethnien UdSSR UdSSR
Juden
Tadschikische 1-2 213 Turkmenische
Kasachische
1-2 214 Usbekische Kirgisische Mittelasien Nr. Seite Region SSR SSR SSR SSR SSR
1-2 195-135-3-4 135-1-2 222-1-2 185-5-6 102-5-6 1-14 115 196 139 166 103 223 187 58-86-38-97 57
1 6 2 1
Bevölkerung der UdSSR nach den Angaben der Völkerzählung
Glauben und Rituale der mittelasiatischen Juden in der frühen
aufgelistet, die sich thematisch mit der Region Mittelasien befassen
Zerfall der Stammesbeziehungen bei den Nomaden in
Die sozialistischen Veränderungen der nomadischen
Ethnografie im Kampf gegen Klassenfeinde Eine ethnografische Arbeit in Kirgisien
15 Jahre der sowjetischen Ethnografie Folklore in der Usbekischen SSR
Über die Ethnien in der UdSSR
Die Tadschikische Expedition
Folklore in Turkmenien Museen Mittelasiens
kasachischen Auls
Mittelasien
von 1926 Kindheit Titel
Abramzon, S.M. Abramzon, S.M.
Bernštam, A.N. Amitin-Šapiro, Matorin, N.M. Šachnovič, M. Z. Z. Slastuchin, F.
Kornilov, P.
Černjakov, Černjakov. Fadeev, A. Fadeev, A.
Jahrg. Autor
Z.L.
1931 1931 1932 1933 1933 1933 1933 1933 1934 1934 1934 1934
ANHANG 4 Im Folgenden werden die Sprachen, die in Mittelasien gesprochen werden, vorgestellt. Hierfür wurden Angaben nach dem
Stand von 1979 verwendet. Quelle: FAENSEN J., Sprachen in der UdSSR: Verzeichnis der Namen mit Angaben zu
Arbeit zitieren:
Sofya Fayzi, 2009, Die Zeitschrift "Sovjetskaja Etnografija" zur sowjetischen Nationalitätenpolitik in Mittelasien, München, GRIN Verlag GmbH
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Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
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