Danksagung
Gedankt sei Andrea Böttcher und Kerstin Benkstein für die sprachliche und
inhaltliche Beihilfe. Meiner Freundin Kathleen Morgenstern danke ich für die
Unterst ützung, die mir eine Fokussierung auf die Arbeit ermöglichte. Für die
zus ätzlich bereit gestellte Zeit danke ich meiner Teamleiterin und Mentorin
Claudia Wabersich.
Desweiteren möchte ich mich bei Fr. Prof. Dr. Helmer-Denzel, meiner
Betreuerin und Prüferin der Bachelorarbeit bedanken, da sie mir private und
nicht entleihbare Literatur zur Verfügung gestellt und mir wichtige Hinweise in
Bezug auf den Aufbau der Arbeit gegeben hat. Ebenfalls gilt ein herzliches
Dankesch ön Hr. Prof. Dr. P. K. Warndorf für die solide Vorbereitung in den
Arbeitsfeldseminaren.
F ür den thematischen Austausch danke ich Markus Weißschnur, Christoph
Weber und Susanne Feige.
cWenn aus Liebe Leben wird, dann l uu 'oºl vv EuvX
Herzlich willkommen kleine Helena
ctZscheinlich ist ein kultureller Trägheitseffekt dafür verantwortlich, dass
das Schulsystem, der Ideologie von der `befreienden Schule´ entsprechend, nach
wie vor für einen Faktor sozialer Mobilität gehalten werden kann. Deutet doch
im Gegenteil alles darauf hin, dass es einer der wirksamsten Faktoren der
Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung ist, indem es der sozialen
Ungleichheit den Anschein von Legitimität verleiht und dem kulturellen Erbe,
dem als natürliche Gabe behandelten gesellschaftlichen Vermögen, seine
^vl]}v]oX^ (Bourdieu, 2001: 25)
INHALTSVERZEICHNIS
Thema
1 Einleitung 7
2 Terminologie und Begriffsabgrenzung 10
2.1 Zur Erziehung 10
2.1.1 Das generalisierte gesellschaftsbezogene Erziehungsverständnis 10
2.1.2 Das humanistische Telos als konträre Auffassung von Erziehung 12
2.1.3 Kritik am generalisierten pädagogischen Erziehungsverständnis 14
2.2 Zur Bildung 17
2.2.1 Bildungshistorischer Abriss 17
2.2.2 Bildungstheorie nach Humboldt 20
2.2.3 Zur kontextbezogenen Bildungsbestimmung 22
2.3 Zur definitorischen Bestimmung sozialer Ungleichheit 23
2.3.1 Rousseaus Verständnis von Ungleichheit 24
2.3.2 Zum Phänomen sozialer Ungleichheit in der Gegenwart (nach Hradil) 26
2.3.4 Primäre und sekundäre soziale Ungleichheit nach Tillmann (2008) 29
2.4 Zwischenfazit: Terminologie und Begriffsabgrenzung 30
3 Intelligenz und Begabung: Psychologische Betrachtung von
Begabungsunterschieden 31
3.1 Neurobiologische Hirnforschung 32
3.2 Pädagogische Folgerung 34
3.3 Sozialpädagogische Herausforderung 36
3.4 Zwischenfazit: Intelligenz und Begabung 38
4 Zur Theorie Pierre Bourdieus 39
4.1 Praxeologische Erkenntnis 39
4.2 c' Zul µv o vZ µ t Die Habitustheorie 41
4.3 Ökonomie der Felder t Die Feldtheorie 43
4.4 Bourdieus Kapitalverständnis 45
4.4.1 Ökonomisches Kapital 45
4.4.2 Kulturelles Kapital und dessen Varianten 46
4.4.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital 47
4.4.2.2 Objektiviertes Kulturkapital 48
4.4.2.3 Institutionelles Kulturkapital 48
4.4.2.4 Anwendung kulturellen Kapitals auf den Forschungsgegenstand 49
4.4.3 Soziales Kapital 52
4.4.4 Symbolisches Kapital 53
4.5 Zwischen Konflikttheorie und Rational-Choice-Ansatz 54
4.6 Empirische Fundierung 57
4.7 Zwischenfazit: Zur Theorie Pierre Bourdieus 58
5 Ausmaß und Folgen derzeitiger Bildungspraxis t
Empirische Forschungsgegenstände 60
5.1 Studentische Erhebung 60
5.1.1 Elterlicher Bildungsgrad und Schulform der Kinder 61
5.1.2 Ergebnisse der studentischen Erhebung 66
5.2 Schülerleistungen im internationalen Vergleich - PISA-Ergebnisse 66
5.2.1 PISA 2000 66
5.2.2 PISA 2003 69
5.2.3 PISA 2006 72
5.3 Barrieren im Schulwesen 75
5.3.1 Einschulungszurückstellungen, Sitzenbleiben und Sonderschulüber--
weisung 76
5.3.2 Schulformgliederung und Übergangsauslese 78
5.3.3 Abschulung 80
5.4 Beispiele alternativer Schulkonzeptionen 82
5.4.1 Die Laborschule Bielefeld 82
5.4.2 Die Freie Comenius Schule Darmstadt 83
5.4.3 uµv ' µv Zµoc o v o 84
5.4.4 Bedingungen und Ausblick der Institutionalisierung 85
5.5 Gesellschafts- und sozialpolitische Rahmenbedingungen 86
5.5.1 Vom Wohlfahrts- ̵ucl À vv Ì o 86
5.5.2 Auswirkungen der Workfare-Politik 90
5.5.3 Einfluss auf den Bildungskontext 91
5.6 Zwischenfazit: Ausmaß und Folgen derzeitiger Bildungspraxis 93
6 Resümee 95
7 Anhang 97
8 Literaturverzeichnis 102
1 Einleitung
1 Einleitung
Unter Berücksichtigung aktueller, teils demagogisch popularisierter Phänomene, die als generelle Strukturprobleme moderner Gesellschaften auftreten, ist es Ziel dieser Arbeit, Zusammenhänge zwischen diesen als Armut, Segregation und Exklusion bezeichneten Erscheinungen und der Struktur bildender Verhältnisse in der Bundesrepublik zu erkunden und zu beschreiben. Die zunehmende neoliberalistische Politik, welche eine postindustrielle und finanzkapitalistische Ökonomisierung fast aller Lebens- und Arbeitsbereiche herausfordert, führt neben den neu entstehenden Freiheiten, die Beck (1986) nicht µvZcZ]lv&]Z]v^vvvUµZ̵µlµoovÁvPvU]Á]µu]se Freiheiten relativierevX c ]Z µZÌv /vµ]l]o]uµ Z(( Proletarisierung und Verelendung, er provoziert neue politische, kämpferische und solidarische Auslegungen un WÆv PPv sovµvP µv v(uµvPX^ ~dZ]ZU 2008: 30). Aktuelle Beispiele aus den Medien, so die Aufstände der solidarisierten Belegschaft und des Betriebsrats bei OPEL, zeigen, dass in Zeiten volkswirtschaftlicher Notstände durch die weltweite Finanzkrise auch zunehmend Kritik an den bestehenden kapitalistischen Zuständen geäußert wird. ] l}v]µ]v cvµ W]u ökonomischer, wirtschaftsbedingter Interessen, das Bildung unter das Postulat der Ausbildung zum Humankapital stellt, einhergehend mit einer Dethematisierung sozialer Probleme, einer Privatisierung der Lebens- und Lernschwierigkeiten, die die neuen sZov] ̵Pv µv Y ]v D}o]]µvP U ] ]v ]Zvv so] ]vX^
(Thiersch, 2008: 30). Eine zentrale Frage stellt sich nach der Position der Sozialpädagogik in den Grenzen dieser Gegebenheiten mit exkludierenden Tendenzen. Wenn Bildung in den bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnissen dazu dient, mittels Produktion von cHumankapital^ genau diese Gegebenheiten wieder zu reproduzieren, auch wenn sie selbst der Ursprung für die gesellschaftliche Entgrenzung darstellen, dann nimmt die Sozialpädagogik ihren genuinen Auftrag derart wahr, dass sie die Gegenposition bezieht. ' vvU Ávv ^}Ì]oP}P]l o c,]o( ̵ ^oZ]o(^ ]v lv
Lebensverhältnissen oder als Inklusions- bzw. Integrationshilfe für selektierte bzw. segregierte oder für die von dieser Gefährdung betroffenen Personenkreise agiert. Da diese Problematik innerhalb sozialpädagogischer und vor allem sozialpolitischer Diskussionen
7
1 Einleitung
einen hohen Stellenwert einnehmen sollte, dient die Arbeit vornehmlich dazu, auch in diesen Kreisen sich den Status dieser Rolle stets neu bewusst zu machen. Es werden Stellen und Zeitpunkte in der Lebensbiografie aufgezeigt, an denen sozialpädagogische Handlungserfordernisse entstehen können, die allerdings ggf. durch Strukturveränderungen und einen weniger neoliberalen Einfluss der Politik sowie eine geringere Beeinflussung der Wirtschaft in die Bildungsangelegenheiten vermeidbar oder abgemildert werden. Nach Angaben des Bildungsberichts der Bundesregierung clebte 2006 mehr als jedes zehnte Kind unter 18 Jahren in einer Familie, in der kein Elternteil erwerbstätig war. 13% der Kinder wuchsen in Familien auf, in der niemand einen Abschluss des Sekundarbereichs II hatte. Bei über 3,4 Millionen oder 23% der Kinder lag das Einkommen der Familie unter der Armutsgefährdungsgrenze. Von mindestens einer dieser Risikolagen waren 4,2 Millionen oder 28% der Kinder betroffen.^ ~MBF, 2008: 10). Anhand dieser Zahlen wird deutlich, welche Ausgrenzungstendenzen bestehen und dass eine Interdependenz zwischen Bildung und Armut nachzuweisen ist. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, soziale Ungleichheiten aufzuzeigen, die auf Bildungsangelegenheiten zurückzuführen sind sowie Theorieansätze zu präsentieren, welche die Genese dieser Tatsache zu erklären versuchen. Dabei wird die vorwiegende Aufmerksamkeit auf dem sozioökonomischen Status der Betroffenen liegen, während soziokulturelle und geschlechtsspezifische Disparitäten in der Forschungsfrage eine Nachrangigkeit einnehmen.
Im anschließenden Kapitel wird sich mit den Grundbegriffen Erziehung, Bildung und sozialer Ungleichheit auseinandergesetzt, die dem Verständnis dieser Arbeit als Fundament dienen. Das darauf folgende 3. Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob Intelligenz und Begabung, die dem Bildungssystem als Differenzierungskriterium zugrunde liegen, vorwiegend genetisch bedingt sind oder einen sozialisierten und damit sozial konstruierten Hintergrund besitzen. Sind sie Resultat einer genetischen Prädisposition, so ließe sich schlussfolgern, dass es ungerecht wäre, diese Gegebenheiten nicht auch differenziert zu fördern. Sind sie jedoch auf die familiäre Primärsozialisation zurückzuführen, so wäre es ungerecht, diese sozial konstruierte Ungleichheit im Bildungswesen fortwährend zu unterstützen. Das 4. Kapitel befasst sich mit den Theorieansätzen Pierre Bourdieus, der sich bereits seit den 1970er Jahren mit Bildungsdisparitäten auseinandergesetzt hat und der darin eine Reproduktion gesellschaftlicher Machtverhältnisse erkennt. Im Kapitel 5 werden dann anhand der Pisa-
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1 Einleitung
Ergebnisse sowie mittels Auszügen einer eigener studentischen Erhebung empirische Daten herangezogen, welche einen verifizierbaren Aufschluss über den Gehalt der Theorie geben. Im selben Kapitel werden zudem Schulkonzepte vorgestellt, die eine Alternative zur bisherigen Bildungspraxis darstellen. Außerdem folgt ein Diskurs über die gesellschafts- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen, welche die aktuelle Bildungspolitik bestimmen. Das Kapitel 6 enthält abschließend ein Resümee zur Arbeit.
In der vorliegenden Arbeit wurde versucht, stets beide Formen des Geschlechts bei der Bezeichnung von Personen zu verwenden. um eine sexistische Diskriminierung zu vermeiden. An Stellen, bei denen nur eine Form des Geschlechts genutzt wurde, dient dieses der leichteren Lesbarkeit des Inhaltes. Dabei wurde mit beiden Formen experimentiert.
9
2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
2.1 Zur Erziehung
Bevor eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Erziehungs- & Bildungssystem erfolgen
lvvU ( ]v
treten Fragen und Positionierungen auf, die eine Konkretisierung und Reflexion benötigen. Erziehung ist ein umfassender Begriff, dessen inhaltliche Bestimmung einen breiten Spielraum bereithält. Um das Verständnis zu erfassen, welches hier seine Anwendung findet und welches ebenso in den alternativen Schulkonzepten durchscheint, wird nachstehend ein Diskurs zum Erziehungsbegriff erfolgen. Erst wenn ein Bewusstsein über den erzieherischen Prozess auf der Mikroebene geschaffen wurde, dessen Inhalte und Leitbilder einen größtmöglichen Konsens hervorrufen, kann dieses Bewusstsein auch auf die organisationale und gesamtgesellschaftliche Ebene übertragen und dort institutionalisiert werden. Dazu muss jedoch bereits auf der Handlungsebene ein Begriff von Erziehung konstituiert werden, der eine demokratische Entwicklung der Gesellschaft zulässt. Partizipation, also Mitbestimmung und Mitwirkung am Aufbau und der Rekonstruktion gesellschaftlicher Verhältnisse, lässt sich erst verwirklichen, wenn diese bereits in der Kindheit erlernt und von den älteren Generationen akzeptiert und getragen wird. Dieses setzt, wie sich in den folgenden Kapiteln zeigen wird, auch eine offene und veränderungsbereite Haltung voraus, bei der sich die älteren Generationen in der Erziehung sowohl als Subjekt, wie auch als Objekt sehen müssen.
2.1.1 Das generalisierte gesellschaftsbezogene Erziehungsverständnis
In der Pädagogik hat sich ein Bild des Erziehungsbegriffs manifestiert, welches sich an der Einpassung des Individuums in die gesellschaftlichen Gegebenheitsstrukturen orientiert. So versteht Bernfeld µv Ì]ZµvP c] ^µuu Zl]}vv ]v 'ooZ( µ( ] vÁ]loµvPZ^ (Bernfeld, 1973: .51). Erziehung ist demnach das Objekt dessen, was die Gesellschaft, oder partikulare Einheiten wie Familie, stationäre Jugendhilfe, Bildungseinrichtungen usw. als Subjekt an einem Objekt, dem Zögling o.a. Heranwachsenden vollziehen. Nichts anderes also, als c]vZl]}v'ooZ(µ(]dZ<]vZ] Y o ]v ZvÁ Kil ]Z uºZµvPvX^ ~v(oU íõóïW ñî. Unter der
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
Entwicklungstatsache wird hier das Faktum verstanden, dass der Mensch eine ontogenetische povo vÁ]loµvP µZoµ(X Á] o cµvÀ}ool}uuv^U o} körperlich, geistig und sozial entwicklungsfähig und -bedürftig geboren. Ohne genauere Erläuterungen wird ersichtlich, dass jedes Kind mit unterschiedlichen genetischen, psychischen und sozialen Bedingungen das Licht der Welt erblickt und das gemäß dem Strukturalismus stets verschiedene Faktoren auf das Individuum einwirken und es verändern. c]v<]vZ]U]vuÀoµ(vUÌÁ]vPl]vÌ]ZµvPXYÌ]ZµvPP] es nur dort, aber überoo}UÁ}<]vZ]]v'ooZ(oµ(X^~v(oUíõóïWðõf.). Die Intention scheint beim Erziehenden, wohl aber auch beim Heranwachsenden eine enorme Bedeutung einzunehmen. Genau diese Intentionalität unterscheidet den Erziehungs- vom Sozialisati}vP]((X ctZv ^}Ì]o]]}v- (und Enkulturations-) Prozesse als ^}Ì]oÁµvP Z]v ÁvU P]( uv Ì]ZµvP o ^}Ì]ouZµvPX^ ~<µvU 2001: 58). Sozialisation wird demnach als Prozess verstanden, den ein Heranwachsender durchläuft, wenn er beginnt, seine Umwelt wahrzunehmen, zu bewerten und die eigenen Handlungen in dieser zu reflektieren. Erziehung beinhaltet für den Zögling dieselben Gegebenheiten, für dessen Umfeld jedoch stellt sie eine absichtsgeleitete Aufgabe dar.
Gesellschaftliche Zusammenhänge nehmen folglich eine zentrale Rolle bei der Erziehung ein. cEs geht darum, der nachwachsenden Generation die in der Gesellschaft vorhandenen und für ihren Bestand und für ihre Weiterentwicklung als wichtig angesehene Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen zu vermittelnX^ ~<]U íõôíW íñX Ein ähnliches Verständnis von Erziehung teilt Dietrich (1988: 43; Hervorh. N.B.) indem er eher aus der handlungsgeleiteten Perspektive Z]W cÌ]ZµvP ](( ]vv s}PvPU v Menschen in den Bereich der sittlichen Normen einführt und ihm eine Lebenshilfe anbietet, damit er sein Leben menschlich gestaltet und für das Zusammenleben in der Gesellschaft tauglich Á]X^. Mit den Worten einer interaktionistischen Ebene definiert Brezinka (1974: 95) Z ooPu]vW co Ì]ZµvP Áv ,voµvPv Ì]ZvU µZ ] DvZv ÀµZvU]Wvo]Zl]vDvZv]v]Pv]v,]v]Z̵(vX^ Die zu
Anfang des Kapitels angedeutete Subjekt-Objekt-Beziehung wird hierbei deutlich erkennbar: c&µvP}ÌÁ]o]vPZUÀ}uµ}̵uµvvV]]o]
Förderung bleiben unreflektiert und unlegitimiert; der Erziehungsprozess insgesamt wird
(]vo PZU ]u
^]vv
]v
Ì]Z]Z
<µouZv]lX^
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
Intentionalität mag gradueller und inhaltlicher Art variieren, nicht aber das Prinzip der Kausalkette aufheben.
Erziehung unterliegt also, rein phänomenologisch gesehen, einem variablen und reproduktiven Moment, der von der jeweiligen Zeit und ihren historischen Besonderheiten geprägt ist. Ändern sich die Faktoren und Bedingungen einer Gesellschaft, so kommt es gezwungener Maßen auch zu einem Wandel in dem Zweck, dem der erzieherische Prozess unterliegt und mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu einer Veränderung der Art und Weise, wie Erziehung verläuft.
Festzuhalten ist, dass Erziehung im generellen pädagogischen Verständnis immer einem Rhythmus unterliegt. Zum Einen besitzt der Begriff eine konstante Variable, die seine Interdependenz zur Umwelt formuliert, indem kontinuierlich gesellschaftliche Norm und Wertvorstellungen an das Individuum herangetragen werden. Zum Anderen unterliegt sie jedoch auch einem unbeständigen Moment, der die strukturelle Veränderbarkeit der Erziehung und seiner konkreten Inhalte beschreibt. Ähnlich dieser Auffassung bekundet sich nach Kunert (2001: 57) Ì]ZµvPP]((oÁUÁ]ZcoPµvPPZ]Zo]Z Phänomen in seiner Formbestimmung verändern mag, sich dabei aber in seiner Substanz als äµ v]P Á]X^X Ì]ZµvP ] c]v ]vP µv ]vPv &l} ]u gesellschaftlich-historischen Entwicklungs-, Auseinandersetzungs-und
Entscheidungsprozess, jederzeit und durchgängig verbunden mit Formen und Bedingungen gesellschaftlicher ,Z(µvDZX^~W(((vPUíõõóWîôî.
2.1.2 Das humanistische Telos als konträre Auffassung von Erziehung
Humanismus in seiner ureigenen Form definiert sich aus seiner Semantik (lat. Humanitas: Menschlichkeit), in der das Ziel verfolgt wird, cPvÌ u DvZv µv ]v DvZÁµvP À(o]Z ̵ ]vX^ ~,µ]lvU îììíW íïX Die Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens nimmt eine zentrale Rolle ein. Die humanistische Perspektive, welche auch im Bereich der Psychologie einen eigenen Part mit ihren Vertretern A. Maslow, C. Rogers u.a. ÌUl}v]µ]]Zµ(]vu}]u]]ZvDvZv]oXc]'µvvµ(] ]Z À}ooÌ]Zvv uvZo]Zv ^]v ] l}vµl]À µv ÀµvÁº]PX^ ~Hinte &
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
Runge, 1999: 301, vgl. Rogers, 1970) c^olµo]]µvPU ,}u}U µ}v}u] µv }Pv]u]Z sµv Áv o W}v]o uvZo]Zv ]v À}µPÌX^ (Hinte & Runge, 1999: 301).
Bereits die hellenistische Tradition im antiken Griechenland geht auf den Begriff der c]]^̵ºlX]zielt cauf ],À}]vPµvP^Zvvµv'µv~YUµvdas Z]µZWZvvµvPµvDvZv^~<µvUîììíWòì, ab. Ein Erziehungsideal, welches auf eine umfassende Bildung und die Autonomie des Menschen angelegt ist (Vgl. Kunert, 2001: 60f.; Wehnes, 2001: 230). In Anlehnung an diese Auffassungen einer positiven Grundnatur des Menschen leitet der aufklärerische Rousseau (1998: 10) seinen Ì]ZµvP}uvcu]o oder Über die Erziehung^u]vt}vcoo]PµUÁ] es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter dv,vvDvZvX^]vX Der humanistische Tenor, den Zögling auf dem Weg zu sich selbst zu begleiten, klingt in seinem Werk permanent mit.
c/v vºo]Zv KvµvP ]v oo DvZv Poeich; ihre gemeinsame Berufung ist: Mensch zu sein. Wer dafür gut erzogen ist, kann jeden Beruf, der damit in Beziehung steht, nicht schlecht versehen. Ob mein Schüler Soldat, Priester oder Anwalt wird, ist mir einerlei. Vor der Berufswahl der Eltern bestimmt ihn die Natur zum Menschen. Leben ist ein Beruf, den ich ihn lehren will. Ich gebe zu, dass er, wenn er aus meinen Händen kommt, weder Anwalt noch Soldat noch Priester sein wird, sondern in erster Linie Mensch. Alles, was ein Mensch zu sein hat, wird er genau so sein wie jeder andere auch; und wenn das Schicksal ihn zwingt, seinen Platz zu ÁZovUÁ]]uuv]vvWoÌ]vX^~Z}µµUíõõôWíð
Erziehung ist für Rousseau in dem Moment wertvoll, wenn sie das Kind wachsen und sich frei entwickeln lässt. Seine Kritik an der durch den Erziehenden geprägten Intentionalität der Ì]ZµvP Á] ]u (}oPvv ] µo]ZW cDvZ ,uuv ZµvU ] lvvv den Kopf eines Neugeborenen in hübschere Formen kneten; und das duldet man! Unsere Köpfe sind also vom Schöpfer schlecht geformt worden; und sie müssen erst durch ,uuvÀ}vµvµvÀ}vWZ]o}}ZvÀ}v]vvv]Z&}ul}uuvJ^ Viele
nachfolgenden Pädagogen orientierten sich an diesem Werteverständnis, so auch der deutsche Pädagoge Fröbel in der Klassisch-idealistischen Epoche, welcher als Begründer des
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
Kindergartens giltW cBei der Erziehung muss man etwas aus dem Menschen herausbringen µv v]Z ]v ]Zv Z]v]vX^ (F. FRÖBEL; vgl. Reble, 2002: 151ff. & 231ff.). Die Liste der Protagonisten eines humanistischen Ansatzes ließe sich bis in die Gegenwart beliebig erweitern. Anzumerken ist jedoch, dass sich eine Reinform des Humanismus in der Pädagogik an keinem Ort anfindet, da selbst der Wille des Educatoren, den Zögling, völlig frei von den eigenen Werten, zu sich selbst zu begleiten, einer Wertung unterliegt. Nämlich derer, die eigenen Wert- und Normvorstellungen zu vernachlässigen.
2.1.3 Kritik am generalisierten pädagogischen Erziehungsverständnis
Da bereits verschiedene Zugänge zum Erziehungsbegriff niedergelegt wurden, soll nun in einem kurzen Diskurs Kritik an einzelnen Aspekten dieser Auffassungen ausgeübt und ein konstruktives Bild des hier verwendeten Erziehungsverständnisses dargelegt werden.
Die gesellschaftsbezogene Definition impliziert diverse Beanstandungen. Es handelt sich in diesem Erziehungsverständnis um erwünschte Verhaltensweisen, welche die Gesellschaft vom Individuum einfordert, bspw. ]cmvZuE}uviÁ]o]Pv<µoµ^µv µu ] cvµvP v ] PooZ(o]Z huÁo^ ~,µ]lvU îììíW íïX Eicht aber um Interessen und Bedürfnisse, die dem Individuum selbst als mündigem Wesen entspringen. cu Po]vP ÌÁX µvµ Áv l]v ]Pv svµv( µv l]v ]Pv t]oo
̵Pvv^~<µvUîììíWñôXIn der Folge muss sich gefragt werden, ob es legitimierbar ist, den Heranwachsenden an ein Werte- und Normsystem heranzuführen, zu dessen Anerkennung oder Ablehnung er keine Freiheit besitzt und dessen Inhalt er nicht mitbestimmen kann. Gewiss erreicht der Zögling irgendwann ein Alter, mit dem er rechtlich ausgewiesen ist, über sein Leben eigenverantwortlich zu walten. Jedoch lassen sich die bis dahin verlaufenen Prägungen des Charakters nicht mehr revidieren, bestenfalls modifizieren. Eine absolute Ablehnung der Werte und Normen der Eltern ist sicherlich eher unüblich, nicht aber selten oder ausgeschlossen. Spätestens mit der Entwicklungsphase der Pubertät, wenn der Heranwachsende beginnt, die Welt in konstruktivistischer Weise in Frage zu stellen, entstehen zµu]v ]lµo }oZ <}v(o]lX cÌ]ZµvP}Ì Zv ]vv tendenziell aufklärerischen und (selbst-)reflexiven Effekt. Anders gesagt: Die jeweils
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
vermittelte Intention wird nicht nur übernommen, unkritisch akzeptiert, sondern vom Zögling wird zugleich über die Sinnhaftigkeit dieser Intention reflektiert; Erziehungsprozesse ]v (]v]}]Z <}v(o]l}ÌX^ ~<µvU îììíW ñôX Diese Subjekt-Objekt-Beziehung weist ein gegenseitiges Lernvermögen der Betroffenen zurück. Gemäß dieser pädagogischen Didaktik werden Erziehungsprozesse stets mit Vorstellungen und Erwartungen des Erziehenden assoziiert, der seine Einstellungen und sein Weltbild als gegeben an den Zögling überträgt. Entgegen dieser Auffassung des Erziehungsbegriffs soll hier eine Subjekt-Subjekt-Beziehung in Kraft treten. Erziehung wird als reproduktiver Augenblick verstanden, bei dem die Beteiligten stets ein Nutzen aus dem gegenüberstehenden Individuum ziehen können. Versucht man nun diese Auffassung von der Mikro-, also der Handlungsebene, auf die Makro- bzw. Systembene zu transportieren, so gelangt man zu einer Definition, die sich antonym an die im Kapitel 2.1 erwähnte Begriffsbestimmung von KAISER anlehnt:
Es geht (bei der Erziehung) darum, mit der nachwachsenden Generation gemeinsam ein Werte- und Normverständnis in der Gesellschaft zu konstituieren, welches Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen beinhaltet, die für ihren Bestand und für ihre Weiterentwicklung als wichtig angesehenen werden.
Partizipative Ansätze, wie sie hier dargelegt werden, sind bekanntlich keine neuen Erkenntnisse, sie müssen jedoch beschrieben werden, da sie als Fundament der weiteren Analysen zum Bildungssystem dienen. Wie sollen nachwachsende Generationen mündig an einem demokratischen System partizipieren bzw. es wenn nötig zu ihren Gunsten verändern und dann verändert reproduzieren, wenn im Fundament der Erziehung und Bildung keine Weichen gelegt werden, die eine solche Entwicklung arrangierend beeinflussen? Beispiele für direktdemokratische Elemente im Erziehungs- und Bildungswesen finden sich im Konzept des Service-Learning, welches freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement und die Mitbestimmung und Mitgestaltung im didaktischen Aufbau des schulischen Unterrichts vereint (Vgl. Sliwka et al., 2004) sowie in Schulkonzepten, die die Lernziele gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern festlegen (Siehe Kapitel 5.4).
Neben der Partizipation leitet sich jedoch ein weiterer zentraler Punkt aus der Abwendung vom Subjekt-Objekt-Verständnis ab: die Kausalkette. Wenn Erziehung kausal verläuft, vom Erzieher zum Zögling, so impliziert dieses die Vorstellung, dass der Educator über absolutes
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
Wissen verfügt. Parallel zur Degradierung des Educandus zu Vernunft-, Willens- und Interessenlosigkeit, da Konflikte ein Unvermögen der Lernfähigkeit des Zöglings darstellen, nicht aber einen Ausdruck seiner Reflexivität, entsteht die Intentionalität der Erziehung. Pädagogische Intentionalität in der interaktionalen, also Subjekt-Subjekt-Vorstellung cist immer schon cP}Zv^ /vv]}vo]X^~<µvUîììíWñôXPZuvZooÌ]µu ein Arrangement von mindestens zwei Intentionalitäten. Ähnlich dieser Vorstellung wird auch im aktuellen Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder ein entsprechendes c]o À}u <]v^ Àu]oW c DvZ l}uu o íl}uv ^µPo]vPò ̵ to YX Ausgestattet mit funktionsfähigen Sinnesorganen und grundlegenden Kompetenzen ist er auf Kommunikation, Interaktion und damit auf den Dialog mit Erwachsenen vorbereitet. Bereits unmittelbar nach der Geburt beginnt der Säugling seine Umwelt zu erkunden und mit ihr in Austausch zu treten und damit selbst einen aktiven Beitrag zur Aneignung seiner huÁo ̵ o]vX^ ~,]Z ^}Ì]o- und Hessisches Kultusministerium, 2007: 20). Demnach wird Bildung, hier synonym mit Erziehung verwendet als sozialer, ko- l}vµl]À]]Z W}Ì vPZvU cÀ}v <]vv µv ÁZvv Pu]vu l}vµ]^ (Hessisches Sozial- und Hessisches Kultusministerium, 2007: 20) wird. Auch Piaget & Inhelde ~íõõòW íñð ]ov ] Wl]ÀU ]vu ] c^}Ì]o]]µvP^ o ]v ^µlµ]µvPZ]vUc̵/v]À]µµuv}À]o]PUÁ]ZoX^^] ZµvU c] }Ì]o l]}v }gar im Falle von Übermittlungen, bei denen das Subjekt noch am meisten als aufnehmend erscheint, etwa die Übermittlung in der Schule, µvÁ]lu}Zv]vl]À]u]o]}v<]v^~W]P/vZoUíõõòWíñð]X
Im herkömmlichen Verständnis erfolgt der erzieherische Verlauf jedoch nicht zum Selbstzweck, zum Dienst am Zögling, sondern zum Fremdzweck. Erziehung unterliegt einer Zweckgerichtetheit (Intentionalität), was sich nicht nur im familialen Rahmen zeigt, wenn ]Pv<]v]vuoc<ºvo^Áv}ooµvµ(]vto}(ZµoPchickt
wird, oder Naturwissenschaftler und eine Bildung am naturwissenschaftlichen Gymnasium erfährt. Dieses Zeigt sich ebenso auf der Makroebene am Erziehungs- und Bildungssystem an sich, wie in den Kapiteln 4 und 5 lvvUÁvvc]oµvPo(µvl]}voE}Áv]Pl]^U als Ausbildung von Humankapital aufgefasst wird. Pfaffenberger (1997: 282) beschreibt ]PooZ(o]Z]ZU]vuZ]U]ZÌ]ZµvPcÌÁ]ZvvW}ov À}v &µvl]}vo] µv /vv]}vo]^ ÁPX Verdeutlicht wird diese Ziel- und
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
Zweckgerichtetheit der Erziehung, wenn man einige zentrale Funktionen von Erziehung betrachtet, die er wie folgt benenntW c/vP]}vU >P]]u]}vU ^]ZµvP Massenloyalität; soziale Kontrolle, Konformitätssicherung; Qualifikation; Reproduktion der ]l(V oo}l]}v µv ^ol]}v^ (Pfaffenberger, 1997: 283). Erziehung als interaktionaler Prozess (Subjekt-Subjekt-Beziehung) unterliegt stets einem Doppelcharakter: c]v]µo](]Ì]]/v]À]µµu(ºvPooZaftlichen Verkehr; das macht ihre anpassende, funktionale, abrichtende Seite aus. Andererseits stärkt sie das Individuum in der Entfaltung des eigenen kritischen Vernunftgebrauchs; das ist ihre aufklärerische, uvÌ]}]Z ^]X^ ~<µvU îììíW òíX Eine ähnliche Definition, allerdings aus der System- oder auch Makroebene betrachtet, formuliert Pfaffenberger (1997: 283): cÌ]ZµvP hat (wie Sozialisation) eine Doppelfunktion, nämlich eine gesellschaftliche (Reproduktion der Gesellschaft) und eine personale (Aufbau der individuellen Persönlichkeit) und bewegt sich im Spannungsverhältnis von Reproduktion und Innovation, Systemstabilisierung und SystemveränderµvPX^. Die Frage ist nur, von welchen Instanzen und gesellschaftlichen 'µv ] cZ}µl]}v 'ooZ(^ ÌÁX ] c^Çu]o]]µvP^ µPZ µv inwieweit dieses zu einer Reproduktion sozialer Ungleichheit beiträgt. Die nachfolgenden Kapitel gehen auf diese Ausführung differenziert ein.
2.2 Zur Bildung
2.2.1 Bildungshistorischer Abriss
Historisch betrachtet kann nicht von einer neuzeitlichen c(]vµvP^von Bildung gesprochen werden. Bildung als phänomenologisches Konstrukt, also als Beschreibung einer Erscheinung, besteht seit Menschengedenken. Infolge dessen, dass der Mensch aus sozialanthropologischer Perspektive nicht an eine bestimmte Umwelt gebunden und demnach nicht ohne den Eingriff in diese überlebensfähig ist, benötigt er ein Bewusstsein, welches ihm eine Umweltanpassung ermöglicht. Er entfaltet ein rationales Subjektvermögen, damit die gegebenen Naturmaterialien in Lebens- und Überlebensmittel umgewandelt werden können. Arbeit wird auch nach der hegelianischen Bildungstheorie zu einem wesentlichen Faktor, denn dadurch, dass der Mensch die Natur bearbeitet und sie so
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2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
in menschliche Kultur umwandelt, erhebt er sich über die Natur und wird sich dadurch seiner selbst t als Nichtnatur, als Geisteswesen t Áµ^ ~tZvU îììíW íôïX Diese Arbeit ist kein instinktgesteuerter, determinierter Entwicklungsgang, sondern eine bewusste bzw. bewusstseinskonstruierende gesellschaftliche Tätigkeit. Mit dieser Arbeit wird das eigene Überlebenskapital produziert und zeitgleich zur Reproduktion der Gesellschaft beigetragen. Diese Beschreibung trifft auf frühe Gesellschaftformen vor ca. 2000 Jahren ebenso zu, wie es in derzeitigen kapitalistischen und neoliberalen Industrienationen der Fall ist. Die Bildung eines Bewusstseins, welches den Menschen befähigt, sich an aktuelle Gegebenheiten anzupassen, ist Teil seiner genetischen Disposition. Diese zu übermitteln hilft bei der praktischen Organisation der Lebensverhältnisse und unterliegt einem gemeinschaftlichen Selbstnutzen. Hiermit zeigt sich, dass Bildung im evolutionären Prozess der Gattungsgeschichte stets eine Rolle gespielt hat, selbst wenn diese nicht weiter reflektiert wurde (Vgl. Berhard, 2001: 63). Im Gegensatz zur Bildung als konstitutivem Element, das sich zwar graduell in seiner Ausprägung geändert hat, nicht aber in seinem Fundament zur gesellschaftlichen Reproduktion, zeigt sich historisch eine fortlaufende Veränderung des Bildungsideals oder auch der Bildungstheorien. In diesen Vorstellungen unterliegt der Begriff c]oµvP^ ] ]v ]uuµvP zwei ambivalenten Momenten: einem prozessualem und einem resultativem. Demnach kann Bildung zum einen als Ergebnis eines früher oder später endenden Prozesses, oder auch als Prozess selbst verstanden werden. Dem zweiten, prozessualen Moment wird sich im Kapitel 2.2.3 zugewendet. Im resultativem Moment ist ]oµvPc]µZ(ZµvPµvÀ]o]]ge Anstrengung erworbene individuelle Prägung im Denken, Fühlen und Handeln, die das Welt- µv^oÀvv]DvZv]uu^ (Koch, 1999: 78). Anhand dieser Beschreibung wird deutlich, dass die individuellen Erfahrungen und Anstrengungen höchst unterschiedlich sind und folglich jede Wirklichkeit ~cto- µv^oÀvv]DvZv^ lediglich ein Konstrukt dieser Personen bzw. Personengruppen bleibt. Daraus ergibt sich, dass, je nach Machtkonstellation und individueller Prägung der Hegemonie, die Ziele und Ergebnisse von Bildung bereits zuvor determiniert sind.
In der historischen Betrachtung ist diese resultative Bestimmung des Bildungsideals recht deutlich ̵lvvvX/uD]oo~]vcDÇ]l^wurde Bildung bspw. oc,]v(ºZµvP zµ'}Zvo]Zl]^~Schröder, 2001: 45) verstanden. Die Bedeutung des Bildungsbegriffs
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geht in dieser Epoche auf das biblische Verständnis der jüdisch-christlichen Denktradition c]uP} ]^ ̵ºlU ] c'}v]oo]Zl] DvZv^ digmatisch
veranschaulicht. Der Mensch wurde von allem Kreatürlichen entbunden und sollte in Gott cÁ]P]oÁv^UÁoZ]v&}uµvPµ]Pv<(µZo}X]oµvPÁµ
hiermit als Wiedervereinigung mit Gott durch dessen göttliche Gnade aufgefasst (Vgl. Ehrenspeck, 2004: 66; Wehnes, 2001: 280f.; Schröder, 2001: 45). Erste, von theologischreligiösen Kontexten losgelöste, Auffassungen finden sich in der Aufklärung, im Humanismus bzw. Neuhumanismus. Diese säkularisierten Formen beschreiben
- c]oung als Kritikfähigkeit des Menschen (Aufklärung),
- Bildung als Verwirklichung der reinen Menschlichkeit (homo universale), des allseitig gebildeten freien Menschen (Humanismus),
- Bildung als Entfaltung der Individualität, der im Menschen in eigentümlicher Weise vPoPv&Z]Pl]vµv&]Pl]v~EµZµuv]uµ^~^ZUîììíWðñ, vgl. Wehnes, 2001: 277ff.).
Solche Entwicklungen werden stets in ihrem gesellschaftsgeschichtlichen
Gesamtzusammenhang betrachtet. So vollzog sich cin dieser Zeit auch die Emanzipation des Bürgertums, was in der Folge zu einem spezifischen Milieubegriff führte, dem sogenannten c]oµvPºPµu^ (Ehrenspeck, 2004: 66). Mit dieser aufstrebenden Kraft des 18. Jahrhunderts wurde Bildung zu einer aufstrebenden politischen Kraft. Die zuvor bestehende &]Æ]µvP ]oµvP cµ( ] ^µÌµÁ]µvP ,vÁZvv ]u ZZuv ]]}voov ^µlµv^ Áµ ºÁµvv µv cv PvÌ Ì](]Z PooZ(o]ZU }o]]Z µv lµoµoo ]vPµvPv Plvº(^ ~vZU îììí: 63). Nach Kunert (1974: 50) (}uµo] du]vµ c]oµvP^ c] P}P]Z /vlv]}v iv ]v gesellschaftlichen Befreiungsbewegung, die mit dem Entstehen des Bürgertums aus dem &µo]uµ ]vÌX^X Bildung wurde demnach zum zentralen Element, die einstmaligen konstitutiven Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse zu überwinden, um eine gerechte, d.h. alle Bürger betreffende und gleichberechtigte gesellschaftliche Ordnung zu konstruieren. Das ultimative Wissen der herrschenden Schichten wurde erstmals auf dem W]vÌ] c'o]ZZ] µv v DvZv^ ]v &P Poo µv sollte mithilfe von
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Allgemeinbildung ºÁµvv ÁvX c Subjekt wird zum alleinigen Motor seiner Geschichte, zum Beweggrund seiner Aktivitäten, zur verursachenden Initiative seiner Handlungen, und Bildung wird zur wichtigsten Potenz, dieses individuelle Subjektvermögen ]vovWÆ]Z̵oovX^~vZUîììíWòðX]c^o̵vP^µil^ (Koneffke, 1987: 133) befreit den Menschen von seinem, von Geburt an bestimmten und lebenslang festgelegten Platz im sozialen Geflecht der Gesellschaft. Ein Ideal, welches sich zwar in seiner Ausprägung maximiert hat, allerdings nie seinen Idealisierungsstatus ablegen konnte, da die Verhältnisse in ihrer historisch-chronologischen Abfolge bis in die heutigen Gesellschaftsformationen nicht vollständig überwunden wurden. Diese Arbeit wird in den folgenden Kapiteln empirische Belege dieser Hypothesen darlegen und versuchen, Ursachen und Theorien für dieses phänomenologische Konstrukt darzustellen.
2.2.2 Bildungstheorie nach Humboldt
Das in der Aufklärung aufkommende Verständnis von Bildung führte zu einem Wandel, ÁoZcvµvsvµv(µv]v]ZDvZv]vv}oo^~<µZouvvUîììôW 303). In Folge dessen entwickelte HUMBOLDT mit seiner neuhumanistisch geprägten Auffassung während der Klassik (gegen Ende des 18, Jahrhunderts) eine ideale Vorstellung À}v]oµvPXlu̵uvZoµU]oµvP]c]v(oµvPoo<(DvZv
zu einem Ganzen in Auseinandersetzung mit allen Bildungsgütern der Welt^ (Kuhlmann, 2008: 303). Humboldt widerstrebte die gesellschaftliche Entwicklung, dass sich Bildung zunehmend instrumentalisierte und spezialisierte und sich resultierend eine Determination der menschlichen Natur vollzog. Die Entfaltung der vollen Menschlichkeit konnte nach Ansicht Humboldts nicht vonstatten gehen, wenn in den frühen Lebensjahren eines Menschen bereits die Weichen mittels spezialisierter Qualifikation für seinen beruflichen Werdegang gelegt werdenX c<]]Z µ]vv̵vPU v]Z o} vµvP v to und Gesellschaft, Emanzipation zu persönlicher Freiheit und Eigengestaltung, nicht Reaktion und Determination sind das Ziel. Darum wird die frühe berufliche Spezialisierung verworfen, stattdessen möglichst für jeden Menschen eine anfängliche allgemeine Bildung gefordert, die dann Vorbildung für jeden Beruf und Grundlage sowohl für die individuelle Selbstentfaltung, als auch für eine verantwortliche Mitgestaltung der Welt sein kvv YX^
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(Wehnes, 2001: 283). ]o ]v dZ}] Á }u] ] cÌÁl(] sÀ}ool}uuvµvP /v]À]µµu µZ ] v]PvµvP ]v Ì](]Zv ]Ì v P]]Pv <µoµPºv^ (Kuhlmann, 2008: 303). Eine allseitige harmonisch geformte Individualität wurde zur vordringlichsten Aufgabe des Bildungsprozesses. Humboldt legte mit diesem Ansatz den Grundstein für die bis heute zeitgemäße Elementar bzw. Grundbildung, die jedem als geistiges Fundament dienen soll, bevor eine berufliche Spezialisierung erfolgt.
Eine Kritik an diesem Modell soll an dieser Stelle anhand zweier Aspekte aufgezeigt werden. µvZ v]uu ]v tµvP t]v À}U ]vu oPU ct]v º >]µ µv <µv ]v Z}Z µµvP^ ZU ÁZv ]v cDvPo v naturw]vZ(o]Zu t]v Y o oo]Z ^ºv^ notiert wurde. Zwischenmenschlich-soziale, empathische Begabungen blieben schier unbeachtet, trotzdessen sich zeigt, dass Teamfähigkeit, Kontaktfreudigkeit und Einfühlungsvermögen wichtige Güter in einer differenzierten Gesellschaft sind. Daran ist zu erkennen, dass Humboldts Idee in ihrer Realisierung nie absolut zweckfrei war. Zudem war seine Bildungsauffassung nur an die Privilegierten des Bürgertums adressiert, die in den Institutionen der höheren Bildung den gesellschaftlich akzeptierten Habitus und die Titel erwarben, welche wiederum ihre Legitimation darstellte, gehobene gesellschaftliche Positionen einzunehmen. Die Elite blieb somit mit derselben Selbstverständlichkeit unter sich, wie Frauen von der Bildungsdiskussion ausgeschlossen wurden. Mit dieser Entwicklung zerfiel gleichsam auch der revolutionäre und emanzipative Charakter des Bildungsbegriffs aus der Aufklärung und glich wieder eher einer idealisierten Utopie, als einer realen Chancengleichheit DvZvXc/vuDU]vu]ZºPµuo]µv seine Hegemonie ausbaute, verfiel jedoch auch der emanzipative Anspruch seiner Bildungsphilosophie. Immer stärker wurde Bildung auf ihre Funktion als Qualifizierung für das von der Gesellschaft benötigte Arbeitsvermögen reduziert. Bildung, in den ursprünglichen bürgerlichen Bildungskonzeptionen für alle Gesellschaftsmitglieder ohne jede Ausnahme gedacht, wurde zunehmend zum Instrument der Selektion und der Allokation der ,vÁZvvX^ (Bernhard, 2001: 64).
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2.2.3 Zur kontextbezogenen Bildungsbestimmung
Während in der Fachliteratur keine einheitliche Bestimmung des Bildungsbegriffes anzufinden ist, eher sogar die Meinungen zu diesem Terminus soweit auseinandergehen, dass die Versuchung besteht, ihn aufzuheben, wird im Folgenden eine kurze Ausführung zur verwendeten Begriffsbestimmung von Bildung stattfinden.
Da im Kapitel 2.1.3 ein idealisiertes Bild des erzieherischen Prozesses dargestellt wurde, stellt sich nun die Frage, welche Inhalte, Ziele und Erwartungen der Bildungsbegriff in Abgrenzung zum Erziehungsbegriff in sich birgt. Eine Trennung der Termini Bildung und Erziehung wurde in der traditionellen pädagogischen Fachliteratur oft angestrebt. Diese zielt jedoch zumeist auf eine UnteZ]µvP À}v c'Pvv µv ]Z^ ~EÌU íõòòW íò ab. Eine solche Auffassung wird hier nicht geteilt. t] Ì]ZµvP o c(u]uu µºµvP DvZv (º À} PPv }Ì]o sZov] vPZv^ (Bernhard,
2001: 65), dessen Intentionalität zwar nicht einer Subjekt-Objekt-Beziehung gleicht, wohl aber im kommunikativen Austausch der Beteiligten des Erziehungsprozesses zu einem Erschließen der gesellschaftlich gegebenen Horizonte führen soll, so geht Bildung darüber hinaus. Sie mündet c]v ] Áµ &]̵vP ZvÁZvv ^µil^U ]v c] P]]P Zo]µvP À}v to^ ~vZU îììíW òñX ]oµvP v uvZ v]Z u gegebenen Horizont, sondern versucht bspw. durch Wissenschaft und Forschung immer neue Landschaften zu erschließen. Bildung kann in diesem Zusammenhang nicht resultativ, sondern prozessual verstanden werden, wie im Kapitel 2.2.1 bereits angedeutet wurde. Im >µ( ]v >v o] c]Z ]ov^ ]v µvµ(Zo]Z Vollzug von
Wissensanreicherung. Bildung als perpetuierender Prozess in der Lebensbiografie wird in lµoov]lµ]}vvµvv^]ZÁ}vcovovP>vv^Uc]oµvP-^Uct]v}µZc&}- ÌÁXt]]oµvPPooZ(^À}v^]vµvP]µvP und der
Landesregierungen zunehmend propagiert. Im hessischen Bildungs- und Erziehungsplan, der v îììó µo]Ì] ÁµU Z] Æuo]ZW c]oµvP µv >vv ]v ]v ]v
Wissensgesellschaft ein offener, lebenslang andauernder Prozess. Lernen findet bis ins hohe o X^ ~,]Z ^}Ì]o- und Hessisches Kultusministerium, 2007: 24). Neben der allgemeinen Bildung in Grund- und den Sekundarstufen, der Berufsausbildung, den Weiterbildungsinstitutionen und den Volkshochschulen wird auch das Interesse am
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Norman Böttcher, 2009, Über die Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungswesen, München, GRIN Verlag GmbH
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