Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung 3
1.1. Thema und Zielsetzung der Arbeit 3
1.2. Inhaltlicher Überblick: Krise und Prüfung als zentraler Teil des Romans. 4
1.3. Einordung der Abenteuerreise in die Gesamtstruktur. 4
2. Recreantise. 5
2.1. Der Begriff der recreantise. 5
2.1.1. Etymologische Ableitung und Bedeutung des Wortes 5
2.1.2. Moralische und gesellschaftliche Relevanz im mittelalterlichen Rittertum 6
2.2. Die Bedeutung der recreantise für die Romanhandlung. 6
2.2.1. Die recreantise zur Offenbarung von Erecs Charakter? 6
2.2.2. Die recreantise als Rahmen der Abenteuerreise 8
3. Der Abenteuerritt. 10
3.1. Der Verlauf der einzelnen Abenteuer. 10
3.1.1. Erstes Abenteuer: Drei Raubritter (V. 2791-2920) 10
3.1.2. Zweites Abenteuer: Fünf Raubritter (V. 2921-3079) 10
3.1.3. Drittes Abenteuer: Der Graf Galoain (V. 3206-3652) 10
3.1.4. Viertes Abenteuer: Givret, der Herr des Turmes (V. 3661-3911) 11
3.1.5. Fünftes Abenteuer: Die zwei Riesen (V. 4283-4537) 11
3.1.6. Sechstes Abenteuer: Der Graf Oringle von Limors (V. 4636-4873) 11
3.1.7. Siebtes Abenteuer: Givret (V. 4901-5049) 11
3.1.8. Achtes Abenteuer: Die Joie de la Cort (V. 5319-6111) 12
3.2. Definition der avanture 12
3.3. Die Grobstruktur der Abenteuerreise 13
3.3.1. Vorstellung verschiedener Strukturierungsvorschläge 13
3.3.1.1. Strukturierungsvorschlag nach Bezzola (1947) 13
3.3.1.2. Strukturierungsvorschlag nach Bayrav (1957) 14
3.3.2. Strukturierungsvorschlag nach Goulden (1989) 14
3.3.2.1. Strukturierungsvorschlag nach Maddox (1978) 16
3.3.3. Bewertung der Vorschläge 16
3.3.4. Die strukturelle Einordnung der Joie de la Cort 17
3.3.5. Ein neuer Strukturierungsvorschlag 21
4. Schlussbemerkungen 24
5. Literaturverzeichnis. 25
5.1. Primärliteratur 25
5.2. Sekundärliteratur 25
2
1. Hinführung 1.1. Thema und Zielsetzung der Arbeit
Erec et Enide - der erste in Versen abgefasste altfranzösische Roman des mittelalterlichen Schriftstellers Chrétien de Troyes, der formale und inhaltliche Prototyp des arturischen Versromans. 1 Viel wurde über dieses Werk bereits reflektiert, das gerade auch in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft aufgrund seiner starken Rezeption durch Hartmann von Aue Interesse erfährt. Die folgende Arbeit widmet sich einem vor allem in der Vergangenheit immer wieder diskutierten Thema der Artusforschung, nämlich der Strukturierung des zweiten Romanhauptteils, 2 der die recreantise des Helden und die durch sie ausgelöste avanture-Fahrt enthält, die als Einheit zu verstehen sind. 3 Es soll dabei nach einer Kurzinterpretation der bisher meist nur beiläufig untersuchten recreantise-Szene, 4 die die Bedeutung der Verfehlung des Helden für die Struktur des Romans herausarbeitet, 5 der Versuch unternommen werden, die wichtigsten literaturwissenschaftlichen Beiträge zur Strukturierung des genannten Romanabschnitts zu ordnen und bewerten. 6 Anschließend sollen Überlegungen zur strukturellen Einordnung der Episode der Joie de la Cort in den zweiten Romanteil angestellt werden - ein Untersuchungsansatz, der bis jetzt nicht systematisch, allenfalls fragmentarisch verfolgt wurde. 7 Die gesammelten und entwickelten Beobachtungen führen dann zu einem neuen Strukturierungsansatz, 8 der einige Elemente aus früheren Ansätzen übernimmt, andere verwirft und vor allem der Joie de la Cort eine andere als bisher angenommene Stellung im Roman zuschreibt. Eine zusätzliche Einzelinterpretation der Abenteuerepisoden verbietet der beschränkte Umfang der Arbeit, 9 die Untersuchung konzentriert sich daher beinahe ausschließlich auf die Analyse der Strukturierung des Romans.
1 Vgl. SCHMOLKE-HASSELMANN (1980), S. 10 und 12.
2 Die Diskussion des von Chrétien de Troyes gewählten markanten Strukturmodells ist vor allem deshalb von besonderer Brisanz, weil es sowohl der Rezeption seiner Romane bei anderen Autoren eine „verbindliche Norm“ vorgibt als auch den Erwartungshorizont der Leser von Artusromanen entscheidend prägt (vgl. SCHMOLKE-HASSELMANN (1980), S. 19f.).
3 Diese Behauptung soll gegen die Sichtweise von BRADLEY-CROMEY (1988) aufgestellt werden, der in seinem Aufsatz zur recreantise versucht, diese Szene getrennt vom Romanganzen zu interpretieren.
4 Für den Bereich der einschlägigen romanistischen Artusforschung steht nur der englischsprachige Aufsatz „The ‚recreantise‘ episode in Chretien’s Erec et Enide“ von BRADLEY-CROMEY (1988) zur Verfügung, der teilweise handwerkliche Nachlässigkeiten aufweist (vgl. Fußnote 42) und nach einer Übersetzung der Szene (V. 2081-2763) v. a. Interpretations- und Diskussionsfragen stellt, die unbeantwortet bleiben (S. 464-468). Ansonsten musste bei der Untersuchung auf Literatur aus der Germanistik zurückgegriffen werden. Als hilfreich erwies sich z. B. der Aufsatz „verligen und versitzen: Das Versäumnis des Helden und die Sünde der Trägheit in den Artusromanen Hartmanns von Aue“ von RANAWAKE (1993).
5 Vgl. Kap. 2.2, S. 6.
6 Vgl. Kap. 3.3.1, S. 13 und Kap. 3.3.3, S. 16.
7 Vgl. Kap. 3.3.4, S. 17.
8 Vgl. Kap. 3.3.5, S. 21.
9 Beiträge dazu lieferten z. B. LOOMIS, Roger: Arthurian Tradition and Chrétien de Troyes, London 1961 (Nachdruck der Erstauflage von 1949), v. a. S. 118-186, oder BERGERON, Guillaume: Les combats chevaleresques dans l’oeuvre de Chrétiens de Troyes, Bern 2008, darin v. a. Kapitel 4: „Les affrontements contre des groupes de combattants et contre des créatures monstrueuses“, S. 139-181.
3
1.2. Inhaltlicher Überblick: Krise und Prüfung als zentraler Teil des Romans
Bei einem Ritt durch den Wald werden die Königin Guenièvre und eines ihrer Fräulein von einem unbekannten Ritter und seinem Zwerg bedroht und beleidigt (V. 138-191) 10 . Die Königin schickt ihren Ritter Erec, der sie begleitet, zum Ritter (V. 201ff.). Erec wird jedoch vom Zwerg der Zugang zum Ritter verwehrt (V. 208-224), woraufhin er beschließt, die Verfolgung aufzunehmen (V. 270). Schließlich gelangen sie zu einer befestigten Stadt (V. 345). Erec nimmt bei einem Edelmann Quartier (V. 384ff.). Die Schönheit und das höfliche Benehmen von dessen Tochter erwecken bei Erec Eindruck (V. 402ff.), sodass er darum bittet, mit ihr an seiner Seite im Kampf um den Sperber, einem Brauch der Stadt, von dem Erec nach seiner Ankunft erfahren hat (V.556ff.), gegen den unbekannten Ritter antreten zu dürfen (V. 639f.). Der Edelmann gewährt ihm diesen Wunsch (V. 678) und tatsächlich trägt Erec den Sieg davon (V. 989).
Erec darf das Fräulein - ihr Name ist Enide (V. 1979) - nun an den Artushof führen (V. 1497ff.), um es zu heiraten (V. 1973ff.). Wenige Wochen nach der Hochzeit verlässt Erec mit seiner Frau den Artushof, um in seine Heimat zu ziehen (V. 2223ff.). Sie gelangen ins Reich von Erecs Vater Lac, nach Carnant (V. 2259). Dort, an einem Ort, der zum Lebensgenuss regelrecht einlädt (un chastel de grant delit; | onques nus mialz seant ne vit, V. 2261f.), entbrennt Erec gänzlich in Liebe zu seiner Frau Enide und vergisst auf seine ritterlichen Pflichten (V. 2430ff.). Die recreantise (V. 5606), die ihm von den anderen Rittern vorgeworfen wird und auf die ihn seine Gattin aufmerksam macht (V. 2476ff.), muss er nun widerlegen, indem er in die Welt zieht und verschiedene Abenteuer besteht (V. 2762-6111): Nachdem er auch der letzten und schwierigsten Herausforderung, der Joie de la Cort (ab V. 5652), erfolgreich standhalten konnte, ist seine Ritterehre wiederhergestellt. Die Romanhandlung wird abgerundet, indem davon berichtet wird, dass Erec nach dem Tod seines Vaters in sein Land zurückzieht (6452ff.) und in Nantes in der Bretagne zum König gekrönt wird (V. 6820ff.).
1.3. Einordung der Abenteuerreise in die Gesamtstruktur
Um später die Struktur der Abenteuer richtig interpretieren zu können, 11 muss vorher zumindest ansatzweise die im Gesamtroman angelegte Struktur verstanden werden, die einer strikten Zweiteilung folgt und bereits ausführlich untersucht worden ist. Die in der früheren Forschung unumstrittene Theorie vom doppelten Kursus in den Artusromanen wird jedoch in der neueren Literaturwissenschaft mitunter in Frage gestellt. 12 Dennoch gilt Chrétien de Troyes als der „Erfinder des Schemas“ 13 , das zum „genealogische[n] Strukturprinzip“ 14 zahlreicher Artusromane wird. Der Doppelweg wird, soweit vorhanden, in der Gesamtkonzeption der Romane sichtbar. Selbst SCHMID (1999), eine Gegnerin der Doppelweg-Theorie, muss die Auffälligkeit dieses Gerüsts in Chrétiens erstem Roman einräumen. 15
10 Die Verszählung und die Orthographie der direkten Zitate aus dem Roman Erec et Enide folgen im Weiteren, wenn nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet, der Ausgabe von Albert GIER, erschienen im Reclam-Verlag, Stuttgart 1987 [RUB 8360].
11 Insbesondere kann dann ein in den doppelten Kursus hinein geflochtener doppelter Kursus der zweiten avanture-Fahrt erkannt werden, vgl. Kap. 3.3.5, S. 21.
12 Vgl. z. B. den Aufsatz von Elisabeth SCHMID (1999) mit dem Titel „Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung“. Auch WOLFZETTELs (1999) erklärtes Ziel ist es, „die unübersichtliche und weithin konventionalisierte und fomalistische Struktur- und Doppelweg-Debatte der Artusforschung im Lichte eines vereinheitlichten Paradigmas auf ihre funktionalen Bedingungen zu überprüfen“ (S. 121).
Es soll hier allerdings nicht die poetologische Theorie vom doppelten Kursus diskutiert werden, vielmehr steht ihre Anwendbarkeit auf Chrétiens Roman Erec et Enide im Mittelpunkt der Betrachtung, immer mit Blick darauf, wie die avanture-Fahrt des Helden in den Roman einzuordnen und ihre Struktur in sich zu verstehen ist.
13 SCHMID (1999), S. 73.
14 SCHMOLKE-HASSELMANN (1980), S. 12.
15 Vgl. SCHMID (1999), S. 76.
4
Ausgangs- und Zielpunkt des Handlungsverlaufs bildet in Romanen, die eine Doppelwegstruktur aufweisen, der Artushof. Eine Provokation von außen veranlasst jeweils einen Artusritter dazu auszuziehen, um die Provokation stellvertretend für die Gemeinschaft des Artushofs zu rächen. Dieser erste Auszug vom Hof führt zu einer Herausforderung, in der der Ritter eine Frau für sich gewinnt, mit der er zu König Artus zurückkehrt. Daraus ergibt sich aber noch keine stabile Situation: Im Gegenteil, es kommt zu einer Krise, die den Helden zu einer zweiten Ausfahrt zwingt, auf der er neue Abenteuer bestehen muss, bevor er zur Endeinkehr an den Artushof zurückkehren kann. 16 Der unten näher zu untersuchende Abenteuerritt entspricht also dem zweiten Teil des doppelten Kursus, er ist die zweite avanture-Fahrt des Helden Erec im Roman.
Andere Literaturwissenschaftler wie z. B. MADDOX (1978) entwickeln bei der Strukturierung des Romans zunächst einen linearen Ansatz. Der Ablauf der Handlung wird hier in sechs Segmente gegliedert, 17 von denen das dritte die Szene der recreantise enthält, das vierte den Abenteuerritt und das fünfte die Episode der Joie de la Cort. 18 Der Abenteuerritt ist also eine von mehreren Untereinheiten und nimmt strukturell keine Sonderstellung ein. 19 Doch auch MADDOX sieht im formalen Aufbau der Handlung eine Zweiteilung, wenngleich er sie nicht als ‚Doppelwegstruktur‘ bezeichnet: Die ersten drei Segmente („the before“) stehen den zweiten drei („the after“) gegenüber. 20 Das vierte Segment, das die anderen in seiner Länge weit überragt, 21 befindet sich dann insofern an einer zentralen Position, als es den Anfang der zweiten großen Einheit des Romangeschehens bildet.
2. Recreantise
2.1. Der Begriff der recreantise
2.1.1. Etymologische Ableitung und Bedeutung des Wortes
Das Adjektiv recreant und das entsprechende Substantiv recreantise leiten sich nicht, wie aufgrund der Ähnlichkeit in Lautung und Schreibung vermutet werden könnte, vom lateini-
16 Vgl.HAUG (1985), S. 93f.
17 Segment 1: „Disjunctive Community“ (1769 Verse), Segment 2: „Wedding and Tournament“ (450 Verse), Segment 3: „Sojourn at Carnant“ (513 Verse), Segment 4: „Quest“ (2616 Verse), Segment 5: „Joie de la Cour“ (979 Verse), Segment 6: „Coronation“ (519 Verse), vgl. MADDOX (1978), S. 389f.
18 Vgl. MADDOX (1978), S. 389f.
19 Der Ansatz scheint nachvollziehbar und soll hier nicht kritisiert werden. Angemerkt sei jedoch, dass beispielsweise BURRICHTER (1999), S. 88, vor sehr stark am Inhalt orientierten Strukturierungen, wie auch die von MADDOX eine ist, warnt: „Die jeweiligen Segmentierungen des Romans sind so gleichzeitig und ausschließlich die Einteilung der Liebesbeziehung in verschiedene Phasen.“ Sie möchte sich bei der Aufspaltung des Romans in zwei Teile allein an Chrétiens eigenem Einschub orientieren, der mit den Worten „ici fenist li premiers vers“ (V. 1796) das Ende des ersten großen Abschnitts markiert.
20 Vgl. MADDOX (1978), S. 387.
21 Vgl. Fußnote 17.
5
schen Verb recreare (wiederherstellen, sich erholen) ab, sondern gehen auf ein anderes Etymon, nämlich recredere bzw. recroire zurück, 22 was einerseits bedeutet an etwas Neues glauben, von seinen alten Ansichten ablassen, seine Lebenseinstellung ändern, übertragen dann aber auch im Sinne von sich geschlagen geben, aufgeben verwendet werden kann. Recreant ist jemand, dem die Kräfte versagen, sowie jemand, der seine Verfehlungen gesteht. 23 Alle Aspekte des semantischen Feldes deckt auch das zugehörige Substantive recreantise aus. 24
2.1.2. Moralische und gesellschaftliche Relevanz im mittelalterlichen Rittertum
Die Tatsache, dass jemand recreant, also der recreantise verfallen ist, stellt im mittelalterlichen Denken den Gegensatz zur Ideologie der hochgeschätzten Rittertugenden dar. 25 KELLY (2006) bezeichnet das Vergehen der recreantise als „failure to act as a knignt should“ 26 . Ein Ritter, der seinen Mut sinken lässt, sich nicht in allen Kontexten als tapfer erweist, verdient Tadel. Die recreantise, die Chrétien de Troyes in seinem Erec-Roman beschreibt, kann als negative Abbildung der gesellschaftlichen und moralischen Pflichten eines idealen Ritters verstanden werden, von der sich die positiven Eigenschaften ableiten lassen, 27 indem das Versäumnis der von außen gestellten Erwartungen die Diskrepanz zwischen dem Streben nach persönlichem Wohlergehen eines frischen Bräutigams, dem die Liebe in ihrer übertriebenen Form geradezu entgegenwirkt, 28 ohne dass der Held sich dessen von selbst bewusst werden kann, und den sozialen Verpflichtungen eines angesehenen Ritters und zukünftigen Königs veranschaulicht. Beiden Anforderungen muss der junge Erec, der stellvertretend für einen beliebigen Ritter seiner Zeit und Generation steht, gerecht werden.
2.2. Die Bedeutung der recreantise für die Romanhandlung
2.2.1. Die recreantise zur Offenbarung von Erecs Charakter?
Erec wird als edler und hochangesehener Ritter der Tafelrunde in den Roman eingeführt: V. 81 Aprés les siust a esperon uns chevaliers, Erec a non; de la Table Reonde estoit, an la cort molt grant los avoit (...)
22 Vgl. GREIMAS (2007) s. v. recreant, S. 506.
23 Vgl. GODEFROY (1965) s. v. recreant, S. 691ff. Zusammengefasst ist das Bedeutungsfeld auch bei BRADLEY-CROMEY (1988), S. 453f.
24 Vgl. GODEFROY (1965) s. v. recreantise, S. 692f.
25 „Knighthood as a noble calling“ (KELLY (2006), S. 167) - der Ritter ist nicht nur Reiter, sondern verkörpert eine Ideologie, die festen gesellschaftlichen und moralischen Regeln gehorchen muss.
26 KELLY (2006), S. 138.
27 Vgl. BRADLEY-CROMEY (1988), S. 453.
28 Vgl. BEZZOLA (1947), S. 140.
6
Diesem Ansehen wird Erec, der sich in verschiedenen Episoden als tapfer und tugendhaft erweist, 29 gerecht, bis er in Carnant im Reich seines Vaters, des Königs Lac, ankommt, an einem Ort, der zum Lebensgenuss einlädt 30 und damit die Voraussetzung, dass es zur recreantise kommen wird, schafft: V. 2259 A Carnant vindrent a un jor, ou li rois Lac ert a sejor en en chastel de grant delit; onques nus milas seant ne vit (...)
Die eigentliche recreantise beginnt kurze Zeit später. Die Verfehlung, der Erec unterliegt, definiert sich darin, dass er nur noch an Enide und der Liebe zu ihr Interesse hat, seine Pflichten jedoch gänzlich vernachlässigt: V. 2430 Mes tant l’ama Erec d’amors, que d’armes mes ne li chaloit, ne a tornoiemant n’aloit. (...)
Mit diesen Worten werden dem pflichtbewussten Charakter Erecs, der vorher im Roman konstituiert worden ist, neue, pflichtvergessene Züge verliehen, die dem bisher dargestellten fremd waren. 31 Die germanistische Artusforschung spricht in diesem Kontext vom verligen, 32 im altfranzösischen Erec-Roman ist die recreantise, bzw. die Eigenschaft des recreant-Seins das wesentliche Schlagwort für die Entwicklung des Helden, der in die Krise gerät: Erec zieht in kein Turnier mehr, erst am späten Vormittag steht er aus dem Bett auf (vgl. V. 2442f.). Er verfällt damit in ein seit der Antike immer wiederkehrendes Klischee, nämlich in das des Helden, der durch die Liebe zu einer Frau verweichlicht. 33 Im Roman wird Erec nun zweimal als recreant bezeichnet: Einmal hört Enide die anderen Ritter mit diesem Ausdruck über ihren Gatten reden (V. 2462), einmal nimmt sie es selbst in den Mund, um Erec auf das Gerede aufmerksam zu machen (V. 2551). 34
Nicht eindeutig geklärt ist in der Forschung die Frage, ob dieses Versäumnis der Ritterpflichten wirkliche Schuldhaftigkeit in sich trägt, oder ob nur die „falsche Einstellung zu Liebe und Ehe“ 35 auslöst, dass die Liebe das ganze Leben des Ritters dominiert. 36 Typisch für die
29 Gedacht sei hier beispielsweise daran, wie Erec sich mutig dem unverfrorenen Zwerg im Wald stellt, um die Königin zu beschützen (V. 205ff.) oder wie er entschlossen im Wettbewerb um den Sperber gegen den unbekannten Ritter antritt (V. 814ff.).
30 Es ist hier an das in der Literatur immer wiederkehrende Motiv des locus amoenus zu denken.
31 Zur genaueren Analyse der Konstitution des Charakters im Artusroman vgl. MEYER (1999), S. 151ff., für die Veränderung durch verligen bzw. recreantise v.a. S. 155.
32 Vgl. z.B. den weiter unten noch häufiger zitierten Aufsatz von RANAWAKE (1993).
33 Vgl. RANAWAKE (1993), S. 19.
34 Entgegen der Zählung von BRADLEY-CROMEY (1988), S. 454, dem zufolge das Adjektiv recreant im Roman viermal, das Nomen recreantise einmal vorkommt, ergab die Untersuchung des Textes, dass sich diese Zählung als nicht richtig erweist: Das Adjektiv (recreant / recreanz) wird fünfmal verwendet (V. 2462 (die anderen Ritter über Erec), V. 2551 (Enide zu Erec), V. 2801 (die Räuber über sich selbst), V. 3680 (Givret über den vorbeireitenden Ritter [Erec]) und V. 5796 (Erec über sich selbst)), das Substantiv einmal (V. 5606). Nur in den ersten beiden Fällen steht es aber im Kontext des Vorwurfs gegen Erec.
35 RANAWAKE (1993), S. 19.
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Stefanie Wind, 2009, Chrétien de Troyes: Erec et Enide, München, GRIN Verlag GmbH
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