Inhalt
1 Einleitung S 3
2 Die Grimmschen Fassungen im Überblick S 3
2.1 KHM 42 „Rumpenstünzchen“ (Fragmentfassung der KHM 1810) 4
2.2 KHM 55 „Rumpelstilzchen“ (1. Auflage der KHM 1812) 5
2.3 KHM 55 „Rumpelstilzchen“ (2. bis 7. Auflage der KHM 1819 bis 1857) 5
3 Das inhaltliche Potenzial der Vorlagen S 7
3.1 Der volkstümliche Gehalt 7
3.2 Motivvorzüge 10
4 Der Grimmsche Stil im KHM 55 S 1 2
4.1 Der erste Einflussfaktor: sprachliche Orientierung am Volkston 13
4.2 Der zweite Einflussfaktor: Ausgleichstendenzen nach der 1. Auflage 14
4.3 Zur Popularität der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen 17
5 Abschließende Betrachtung S 1 8
6 Literatur S 1 9
7 Anhänge S 2 0
7.1 AaTh500
7.2 Rumpenstünzchen
7.3 Rumpelstilzchen (1812)
7.4 Rumpelstilzchen (1819/1857)
7.5 Namensvarianten
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1 Einleitung
In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm findet sich unter der Nummer 55 das sehr bekannte Märchen „Rumpelstilzchen“. Innerhalb dieser Sammlung erweist sich der Titel bereits als ungewöhnlich, denn die Figuren der Grimmschen Märchen, einschließlich ihrer Helden, sind zumeist anonymisiert und typenhaft. Dass in diesem Fall sogar der Name des Unholds, des dämonischen Antagonisten, den Titel bildet, verweist auf die ursprüngliche Gattungszugehörigkeit der Erzählung zur Sage. 1 In der Kategorisierung der Zaubermärchen von Antti Aarne und Stith Thompson ist der Motivkern unter der Nummer 500 eingeordnet. 2 In Mittel-, Nord- und Westeuropa, einschließlich der britischen Inseln und Irlands, dem Baltikum, Ungarn und Italien, den west- und südslawischen Sprachgebieten und sogar in China und Japan 3 existieren in Form der Zwergensage Variationen von AaTh500 und mit ihnen eine große Vielfalt klangverspielter Namen des übernatürlichen Wesens, die entweder erraten oder im Gedächtnis behalten werden müssen und das wichtigste Element der Geschichte darstellen. 4 Trotz dieser erstaunlichen Mannigfaltigkeit erfuhr sie den größten und verbreitetsten Grad der Bekanntheit als KHM 55 der Brüder Grimm.
Diese Hausarbeit untersucht die Frage, aufgrund welcher äußeren Bedingungen und welcher Eigenschaften der Grimmschen Fassung jene Popularität zu erklären ist. Kein anderes Kinder-und Hausmärchen der Grimms habe, schreibt der Märchenforscher Wilhelm Schoof, gegenüber seiner ersten Abschrift durch die Brüder, eine vergleichbar starke inhaltliche Umgestaltung erfahren. 5 Es soll in den Blick genommen werden, an welchen Kriterien sich die Grimmsche Gestaltung des Märchen- und Sagenstoffes ausrichtete. Nach welchem Vorsatz und in welcher Weise verliehen die Brüder der alten Geschichte ihre neue Form, die sie bis heute so berühmt macht?
2 Die Grimmschen Fassungen im Überblick
In diesem Kapitel soll zunächst ein Überblick gegeben werden, welche unterschiedlichen Fassungen des Märchens innerhalb des gesamten Korpus der Grimmschen Textsammlung existierten. Da es aus Platzgründen nicht möglich sein wird, detailliert auf alle der zahlreichen
1 Enzyklopädie des Märchens. S. 1171 / vgl. Röhrich: „und weil sie nicht gestorben sind...“ [...] S. 294 ff.
2 Bzgl. inhtl. Motive von AaTh500 siehe Anhang! Auf die Motivverwandtschaft zu AaTh501 (u.a. KHM 14 Die drei Spinnfrauen) wird in
dieser Arbeit nicht eingegangen.
3 Enzyklopädie des Märchens. S. 1166/ Bolte u. Polivka: Anmerkungen zu den Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm. S. 490 ff. /
Scherf, Walter: Das Märchenlexikon.1003/ Röhrich: „und weil sie nicht gestorben sind...“ [...] 280ff.
4 Zur Vielfalt der Namen siehe Anhang!
5 Schoof: Zur Entstehungsgeschichte der Grimmschen Märchen. S. 161.
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Unterschiede zwischen den Fassungen einzugehen, sei an dieser Stelle auf die Abschriften im Anhang verwiesen.
2.1 KHM 42 „Rumpenstünzchen“ (Fragmentfassung der KHM 1810)
Die erste den Grimms vorliegende Fassung des Märchens ist für das Jahr 1808 belegt, als Jacob Grimm eine eigenhändige Niederschrift unter dem Titel „Rumpenstünzchen“ an seinen ehemaligen Professor Savigny sandte. 6 Die Herkunft dieser Erzählung ist zwar auf die Region Hessen zurückzuführen, jedoch nicht näher zu bestimmen. 7 Unter der Nummer 42 gelangte sie in die Fragmentfassung der Kinder- u. Hausmärchen aus dem Jahr 1810. Im Anmerkungs-band findet sich diese Version von den Brüdern Grimm als fünfte Erzählvariante vermerkt. 8 In dieser Arbeit soll der Einfachheit halber von ‚Fassung I’ die Rede sein, die im Folgenden (2.2.; 2.3) vorgestellten Fassungen werden von mir als ‚Fassung II’ und ‚Fassung III’ aufgeführt.
Gegenüber dem 1812 erstmals veröffentlichten Grimm-Märchen „Rumpelstilzchen“ lassen sich einige auffällige inhaltliche Unterschiede feststellen. Gänzlich abweichend ist die Ausgangssituation. Ein „kleines Mädchen“ erhält den Auftrag, Flachs zu spinnen, vermag allerdings in ihren dreitätigen Bemühungen nur Goldfäden zu produzieren. Für den Preis ihres erstgeborenen Kindes verspricht ein „kleines Männlein“, ihr aus ihrer „Not[h]“ zu helfen und bewirkt, dass ein junger Prinz des Weges kommt und das Mädchen zur Frau nimmt. Die zweite Hälfte ist der heute bekannten Fassung strukturell nahe. Um den Namen des Männleins zu erfahren, schickt die Königin in dieser Fassung jedoch ihre Dienerin aus, mit dem gezielten Auftrag, dem Zwerg nachzuspionieren. Das Männchen mit dem Namen Rumpenstünzchen, reitet hier noch auf einem Kochlöffel um sein Feuer und fliegt am Ende der Geschichte auf eben diesem besiegt zum Fenster hinaus.
Geringe Unterschiede innerhalb dieser Fassung lassen sich bereits zwischen der Aufzeichnung Jacobs und der Niederschrift Wilhelms auffinden. So enthält die Aufzeichnung Jacobs nur an einer einzelnen Stelle die Gegenwartsform, während sie von Wilhelm in der zweiten Hälfte durchgehend verwendet wurde. Während bei Wilhelm von „Prinz“ und „Prinzessin“ die Rede ist, bevorzugte Jacob die Begriffe „Königssohn“ und „Königin“. Einige Nebensätze aus der Fassung Wilhelms finden sind bei Jacob als Hauptsätze. Die im Zusammenhang des
6 Rölleke: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. S. 379.
7 Als einziger Autor schreibt Schoof die Erzählung den Kasseler Schwestern Wild zu, wobei es sich jedoch um einen Irrtum Schoofs handeln
könnte. Vgl. Schoof: Zur Entstehungsgeschichte der Grimmschen Märchen. S. 160.
8 Die Grimms berücksichtigten in den Anmerkungen zuvor, die vier später aufgenommenen Erzählungen Dorothea Wilds, Lisette Wilds und
zwei Versionen der Geschwister Hassenpflug, auf denen die 1812 u. 1819 als „Rumpelstilzchen“ veröffentlichten Märchen basieren.
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Namenratens stehende kurze Passage „[...]das Männchen sagte aber immer: nein, das ist der rechte nicht“ fehlt in der Niederschrift Wilhelms ganz.
In der Erstveröffentlichung der „Kinder- u. Hausmärchen“ erschien die Geschichte schließlich unter dem Titel „Rumpelstilzchen“ und der Nummer 55. Für diese Druckversion war das „Rumpenstünzchen“ der Fragmentfassung jedoch völlig unberücksichtigt geblieben, denn längst hatten sich neue Quellen aufgetan.
2.2 KHM 55 „Rumpelstilzchen“ (1. Auflage der KHM 1812)
Die hier abgedruckte Fassung basiert vollständig auf der Erzählung der damals siebzehnjährigen Kasseler Apothekertochter und späteren Ehefrau Wilhelm Grimms, Dorothea Wild. Sie ist den Brüdern Grimm am 10.3.1811 erzählt worden. 9 Erstmals erscheint in der Druckversion der Name „Rumpelstilzchen“, welchen die Grimms dem 25. Kapitel des moralsatirischen Romans „Geschichtsklitterung“ von Johann Fischart aus dem Jahr 1582 entnahmen, in dessen sogenanntem Kinderspielverzeichnis ein Spiel mit den Namen „Rumpelestilt“ oder „Poppart“ vermerkt ist. 10 Weshalb sich die Brüder für diesen Namen entschieden, und welchen alternativen Namen die mündliche Erzählung Dortchen Wilds enthielt, ist nicht bekannt. Zu den auffälligsten inhaltlichen Unterschieden gegenüber der letztendlichen Fassung zählt der Verzicht auf das Spinnmotiv. Der genaue Wortlaut spricht einzig von der Verwandlung des Strohs in Gold. Zur Lösung des Rätsels um den Zwergennamen trägt hier der König bei, der das Männlein zufällig auf der Jagd belauschte. Die Geschichte endet ebenfalls mit der Nennung des Namens, woraufhin das Männlein „zornig“ fortläuft und „nimmermehr“ wiederkehrt.
2.3 KHM 55 „Rumpelstilzchen“ (2. bis 7. Auflage der KHM 1819 bis 1857)
Für die zweite Auflage der Kinder- u. Hausmärchen im Jahr 1819 wurde der Rumpelstilzchentext von 1812 nach drei weiteren Erzählungen ergänzt und wuchs so auf fast das Doppelte an. Zweimal muss den Grimms das Märchen in weitgehend übereinstimmenden Fassungen von den hessischen Geschwistern Hassenpflug erzählt worden sein. 11 Bekannt ist, dass der dramatische Schluss, in welchem sich das Männlein selbst zerreißt, einer Erzählvariante Lissette Wilds, der Schwester Dorotheas, entnommen wurde.
Neben den inhaltlichen Änderungen fällt gegenüber der Fassung von 1812 die nun kleinschrittigere Erzählweise auf; manch teilweise langer informationsreicher Satz, wurde in meh-
9 Bolteu. Polivka: Anmerkungen zu den Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm. S. 490 / Enzyklop. des Märchens. S. 1170 f.
10 Röhrich: „und weil sie nicht gestorben sind...“.[...]. S. 293 / Rölleke: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. S. 241.
11 Sie stammten mütterlicherseits von einer französischen Hugenottenfamilie ab. Siehe Rölleke: Grimms Märchen. S. 120 !
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rere einzelne aufgeteilt. An beinahe allen Stellen, an denen ein Dialog zwischen Figuren stattfindet, wird dieser jetzt auch in wörtlicher Rede wiedergegeben. Eine auffällige Ergänzung, sind Hinweise auf die Motivationen der Figuren in einzelnen Situationen. Am zahlreichsten sind die Verweise darauf, dass der König „das Gold lieb hatte“. Über das in der ersten Nacht gesponnene Gold „erstaunt[e] der König und freut[e] sich“ nun. Auch nach der zweiten Nacht wird er nicht des „Goldes satt“, und sein Versprechen, die Müllertochter zu heiraten gründet sich auf den Gedanken: „eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben.“ 12 Wurde bereits in der Erstauflage erklärt, dass die Müllertochter dem Männlein aufgrund der „Not[h]“ ihr erstes Kind verspricht, zeigt sie in der zweiten Auflage Vertrauen in weitere Hilfe des Schicksals, wenn sie dabei denkt: „wer weiß, wie das noch geht[?]“.Auch die erste Begegnung von Männlein und Königin im zweiten Teil der Geschichte wird verständlicher. Mitleid mit der Königin veranlasst das Männlein zum Setzen der Drei-Tages-Frist, nachdem es zuvor „alle Reichtümer des Königreichs“ abgelehnt hat, weil ihm etwas „Lebendiges“ lieber sei „als alle Schätze der Welt“. Entgegen der Version von 1812 zeigt sich die Königin im Angesicht der Frist nun wieder vergleichbar initiativ, wie in der Fassung „Rumpenstünzchen“ und sendet einen Boten aus, wenn auch nicht so gezielt, um dem Männlein nachzuspionieren, sondern um sich nach neuen Namen zu erkundigen. 13 Während die drei Tage in den bisherigen Fassungen ereignislos verstrichen, wurden sie nun von den Grimms gedehnt. Schließlich darf Rumpelstilzchen nicht mehr zornig davon laufen, sondern muss vor Wut mit dem rechten Fuß in die Erde stoßen und sich (möglicherweise bei dem Versuch, sich zu befreien) „mitten entzwei“ reißen.
Noch einige weitere kleine Änderungen wurden mit weiteren Auflagen vorgenommen. So steht ab Auflage 6 erstmals als Erklärung für die Lüge des Müllers, er tat es, „um sich ein Ansehen zu geben“. Abermals wurde wörtliche Rede ergänzt, so in der Ankündigung des Königs, das Mädchen auf die Probe stellen zu wollen und seiner Aufforderung an die Müllertochter mit der Arbeit zu beginnen. Ebenfalls erstmals betont wurde, dass der König selbst die Kammer verschließt.
Die geringen stilistischen Änderungen sind zahlreich und nicht allesamt noch erwähnenswert, bis auf eine. Ab der siebten Auflage werden die Zuhörer des Märchens direkt angesprochen. „Da war die Königin ganz froh“, hieß es zuvor, "da könnt ihr denken wie die Königin froh war", heißt es bis heute.
12 Ab Auflage 7: "eine reichere Frau finde ich auf der ganzen Welt nicht".
13 Die Eigeninitiative der Heldin stellt ein untypisches Merkmal innerhalb der sonst zumeist durch Außenlenkung vorangebrachten Mär-
chenhandlung dar.
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3 Das inhaltliche Potenzial der Vorlagen
Davon ausgehend, dass die Popularität zahlreicher Grimmscher Märchen einerseits auf die stilistische Prägung jener Geschichten durch die Grimms aber auch bereits auf ihre Auswahl nach vorhandenen, einprägsamen Motiven zurückzuführen ist, soll nun zunächst betrachtet werden, welches inhaltliche Potential die Erzählung „Rumpenstünzchen“ und die Rumpelstilzchenvariante Dortchen Wilds aus dem Jahr 1811 schon mitbrachten. Was mag für einen Hörer der Geschichten reizvoll gewesen sein; was war für die Grimms ausschlaggebend und bewog sie dazu, eine der Fassungen der anderen vorzuziehen?
Hiefür gilt es zunächst kurz die Frage zu beantworten, wonach die Grimms eigentlich auf der Suche waren, als sie ihre Märchensammlung begannen.
3.1 Der volkstümliche Gehalt
Wesentlich war das Verständnis der gesammelten Märchen als Überreste ältester deutscher Volksdichtung, die sich nicht literarisch vollzogen, sondern durch mündliche Überlieferung die Jahrhunderte überdauerte habe. Der Märchenforscher Heinz Rölleke verweist zur Verdeutlichung des Suchschemas der Brüder auf die Anmerkungen Wilhelm Grimms zum KHM 146 „Die Rübe“, in welchen er sich als interessiert an Einschlägen „mündlicher Volkssagen“ und „Tierfabeln“ äußert und in diesem Zusammenhang die „mythische Wichtigkeit“ lobt, ein Stichwort, das, laut Rölleke, als entscheidendes Kriterium aller Sammeltätigkeit der Grimms galt. 14 Der Begriff des Mythischen knüpft hier an die Vorstellung einer genuin deutschen Naturpoesie 15 an, die angereichert durch als volkstümlich anerkannte Motive, der Grimmschen Theorie folgend, einen archaischen Wahrheitsgehalt in sich bergen, den die Brüder zu bewahren suchten. Es erklären sich die Ansprüche an das vermutete Alter der Geschichten. Jene als ursprünglich verstandenen Erzählgehalte hatten sich in der Theorie der Grimm Brüder jenseits literarischer Einflüsse bewahrt. Der Charakter des Mundartlichen und Volkstümlichen, der sich für sie im Schlichten und Unprätentiösen 16 offenbarte, bildete einen Gegenentwurf zu literarisch aufbereiteten Märchenstoffen, die hingegen angereichert sein konnten durch politische, zeitgenössische und sexuelle Bezüge. Als Grimm-typisches Element steht so die Vermeidung von Lokalisierungen und Temporalisierungen, zugunsten einer „zeitlosen Beispielhaftigkeit“ 17 .
14 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 55f. / Grimms: Kinder und Hausmärchen. Bd. 3 [...] Anm. KHM 146, (S. 241f.).
15 Clausen-Stolzenburg: Märchen und mittelalterliche Literaturtradition. S. 41.
16 Clausen-Stolzenburg: Märchen und mittelalterliche Literaturtradition. S. 42.
17 Freund: Deutsche Märchen. S. 189f.
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Ihr stilistisches Vorbild fanden die Grimms in zwei Märchenaufzeichnungen des pommerschen Malers Philipp Otto Runge, auf welchen sie durch Vermittlung Achim von Arnims und Clemens Bretanos aufmerksam wurden. Runges Abschriften der Geschichten „Von dem Fischer un syner Fru“ und „Von dem Machandelboom“ galten den Grimms als ein Musterbeispiel hinsichtlich ihrer „mythischen Wichtigkeit“ und einem von alter Erzähltradition zeugendem Stil.
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Im Gegensatz zu anderen bekannten Grimmschen Märchen, deren Überlieferungsgeschichte sich heute auch auf literarische Vorlagen außerhalb des von den Grimms so hochgeschätzten germanischen Kulturraums zurückführen lässt
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, scheint der als „Rumpelstilzchen“ populär gewordene Märchentypus AaTh 500 tatsächlich einer mündlichen Erzähltradition zu folgen, die ihre Wurzeln in Motiven nordischer Zwergensagen und dem damit einhergehenden Aberglauben hat. Teil dessen ist etwa die Eigentümlichkeit an den Namen der Unterirdischen.
20
Die Forderung des Kindes findet sich wieder im Aberglauben an Zwerge, die Menschensäuglinge rauben und gegen die eigenen hässlichen Kinder als Wechselbälge austauschen; und schließlich lässt sich auch das Sich-selbst-Verraten durch einen Vers, als charakteristisches Merkmal fast aller vergleichbarer Sagenvarianten feststellen.
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Die hohe Bedeutung des Namensgeheimnisses und der um sein Wissen verbundenen Macht lässt sich nicht nur in vielen Sagen von Feen und anderen übernatürlichen Wesen wiederentdecken, sondern ebenso in zahllosen archaischen Mythen und Glaubensvorstellung aus aller Welt.
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Der Versuch, ein geschlossenes Konzept von volkstümlicher Dichtung und der entsprechenden Kriterien, wie sie die Grimms in ihrer Sammeltätigkeit verfolgten, zu rekonstruieren, stellt die Literaturwissenschaft vor eine Herausforderung, denn die KHM-Texte mischen sich zusammen aus „Stoff-, Motiv- und Stileigentümlichkeiten“ von Sage, Schwank, Legende, Fabel und Märchen.
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Gibt man sich mit einer gröberen Unterteilung zufrieden, so lässt sich KHM 55 zu den sogenannten Zaubermärchen zählen, die zwar den kleineren Teil der Grimmschen Sammlung ausmachen, jedoch aufgrund ihrer typischen Merkmale wohl am stärksten zu ihrer Popularität beitrugen. Viele dieser Merkmale sind in den letztendlichen Kontaminationen gegenüber vorliegenden Einzelfassungen durch die Grimms verstärkt worden, dies auch in der Annahme, den Geschichten zu ihrer ursprünglichen Form zu verhelfen. Dergleichen ist auch in der Bearbeitung von KHM 55 zu beobachten. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Brüder im Laufe ihrer Sammeltätigkeit bereits einen geschärften Blick für jene typi-
18 Rölleke:Die Märchen der Brüder Grimm. S. 58 ff.
19 Zum Bsp. Dornrösschen; Rapunzel; Rotkäppchen.
20 Auch der bei Dortchen Wild auftauchende Vers: „heut back ich, morgen brau ich“ verweist auf einen Zwerg, denen nach mancher Sage
die Erfindung des Bierbrauens zugeschrieben wurde.
21 Röhrich: Rumpelstilzchen. Vom Methodenpluralismus in der Erzählforschung. S. 285f.
22 Enzyklopädie des Märchens S. 1166 f./ vgl. u.a. Rölleke: Grimms Märchen. S. 135.
23 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 42.
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schen Elemente entwickelten und die Aufnahme entsprechender Erzählungen mit den gerngesehenen Stileigentümlichkeiten vorantrieben. Rölleke nennt einige solcher Merkmale, wie sie sich auch in der ersten aber auffällig stärker in der zweiten Fassung entdecken lassen, so etwa die „Freude an der Wiederholung“ , wie etwa die wiederkehrende Prüfung der Müllertochter in Fassung II, der „schlichgebaute Vers“ kurz vor Höhepunkt dieser Erzählung, die Präsenz der Zahl Drei (drei Kammern; dreimalige Hilfe, für dreimalige Entlohnung; drei Tage Bedenkzeit; dreimaliges Namenraten). Die typische „Mangellage“ der Heldin ist in Fassung II deutlicher greifbar als in Fassung I, so auch die Hilfe des übernatürlichen Wesens, das in Fassung I nur die Ankunft des Prinzen bewirkt, in Fassung II hingegen sogar mehrmals ein sichtbar magisches Werk verrichtet. Wenn in Fassung II die Müllertochter den gierigen, erpresserischen König gerne zum Mann hat, oder dieser davon ablässt, nach der Hochzeit weitere Goldherstellung zu fordern, kann auch dies als typische „Flächenhaftigkeit“ der Zaubermärchen gesehen werden. 24 Auch die „stereotype Isolation“ der Heldin, die in Fassung II allein in die Strohkammer geschlossen wird, führt Rölleke als ein Merkmal auf. In beiden Fassungen sticht die „Einbringung des Wunderbaren“ hervor, wenn Flachs oder Stroh zu Gold werden, oder ein Zwerg auf einem Kochlöffel fliegt.
Mit der Figur des Müllers, dem in der Volksliteratur ohnehin die Zuschreibung von Schwindelei und Betrug nachhängt, weist Fassung II ein noch klassischeres Märchenpersonal auf, als Fassung I, während diese wiederum mit dem Spinnmotiv um einen, zuweilen auch romantisierten, Bezug auf die unteren sozialen Schichten und ihre einfachen Tätigkeiten bereichert ist. Das Spinnen als Heiratsprobe entspricht der dörflichen Lebenswelt 25 , es ist also eine für das Volksmärchen typische Milieuvermischung festzustellen. Die Perspektive der Zu-Kurz-Gekommenen, nach Winfried Freund eines der wesentlichen Elemente des volkstümlichen Märchens 26 , offenbart sich in beiden Vorlagen, erscheint durch das Unvermögen des Mädchens, tatsächlich Gold zu spinnen, in der zweiten Fassung jedoch intensiver. Auch die Figur des übersinnlichen Helfers sowie Prüfungen und Bedingungen sind ein Charakteristikum des europäischen Volksmärchens und bezeugen die Lenkung des Geschehens von außen. 27
24 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 42.
25 Röhrich: „und weil sie nicht gestorben sind...“ [...] 280f. / Röhrich: Märchen und Wirklichkeit. S. 106.
26 Freund: Deutsche Märchen. S. 189f.
27 Lüthi: Märchen. S. 29 f.
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3.2 Motivvorzüge
Zuletzt soll an dieser Stelle in den Blick genommen werden, welche Elemente der beiden Erzählungen, unabhängig von den Grimmschen Ansprüchen an Volkstümlichkeit und Märchenstil die einzelnen Fassungen eingängig und zu erzählen interessant gemacht haben. Einen solchen Erzählreiz und zugleich das einprägsamste Element bieten beinahe alle Variationen der Geschichte auf: das Spiel mit der Sprache im Bezug auf den Namen des Unholds, die Freude an Lautmalereien und absonderlichen Wortbildungen. 28 Auf ein anderes wichtiges Erzählmoment innerhalb von AaTh 500 geht Max Lüthi näher ein 29 , die Rettung aus höchster Not. Was einerseits als typisches Formelement einer märchenhaften Erzählung gesehen werden kann, hat für den Hörer auch thematische Wichtigkeit, denn Glaube und Hoffnung auf dieses Wirkungsprinzip finden immer wieder Raum im Weltempfinden der Menschen, formen sich aus als Sprichworte oder gar religiöse Überzeugungen und knüpfen, so Lüthi, an allgemeine Kindheitserfahrung an. Wie Kinder ihre Hilflosigkeit signalisieren, tut dies auch die Müllertochter der Fassung II, indem sie weint. 30 Die Notsituation ist in dieser Fassung durch die Todesdrohung deutlicher präsentiert, die Rettung durch das hilfreiche Männlein erscheint weit erlösender. Die in Fassung I dargestellte Mangellage ist hingegen abstrakterer Natur, das Mädchen kann statt Flachs nur Gold spinnen, vermag also eine gestellte Aufgabe nicht zu erfüllen. Dass es erst eines Prinzen bedarf, den Wert darin zu erkennen, lässt dieses Element der Geschichte, die Verwandlung von Unedlem in Edles 31 , noch parabelhafter erscheinen. Das Gold steht als Sinnbild eines edlen Wertes, der in einem Umfeld, das nur nach unedlem Flachs verlangt, nicht erkannt werden kann. Nicht umsonst rückt Röhrich die Erzählung „Rumpenstünzchen“ aufgrund seiner strukturellen Anlage in die Nähe des Aschenputtels. 32 Bedenkt man, dass keine Variation von AaTh500 diese Ausgangssituation aufweist, ließe sich sogar vermuten, dass der/die unbekannte Erzähler/in der „Rumpenstünzchen“-Fassung bei der Erinnerung der Geschichte wesentliche Motive durcheinander gebracht haben könnte.
Die Rettung aus der höchsten Not kennzeichnet, je nach Fassung, oft auch das Finale der Geschichte, wenn die Königin durch Zufall gerade rechtzeitig den Namen des Zwerges errät. Auch dieses Motiv ist durch die Initiative der Heldin, die einer Zofe den Auftrag erteilt, dem Zwerg nachzugehen, in Fassung I entschärft. Der dramatische Effekt der Rettung kommt
28 Röhrich: Rumpelstilzchen. Vom Methodenpluralismus in der Erzählforschung. S. 282/283 / vgl. auch Anhang!
29 Lüthi: Rumpelstilzchen. Thematik, Struktur- und Stiltendenzen innerhalb eines Märchentypus. S. 422f. / S. 433
30 Ebenda. S. 433.
31 Freund: Deutsche Märchen. S.149.
32 Röhrich: Rumpelstilzchen. Vom Methodenpluralismus in der Erzählforschung. S. 271.
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durch die List spürbar geringer zur Geltung, als dies der Zufall und damit die Andeutung eines unergründlichen Wirkungsprinzips in Fassung II tut.
Für Lüthi ist die Überwindung der wiederkehrenden Notsituation auch konsequenter Bestandteil einer Ironie, die sich in der ersten Fassung offenbart, die ganze zweite und noch stärker schließlich die dritte Fassung „durchspielt“ 33 . Sie zeige sich im Märchen durch den Umschlag einer gegebenen Situation in ihr Gegenteil. Der übernatürliche Helfer wird zum Gegner, der bedrohliche König zum verbündeten Gatten; die gute Absicht des verlogenen Müllers beschwört eine Gefahrensituation herauf, und die vermeintliche Überwindung dieser, durch die Umwandlung allen Strohs in Gold erschafft eine neue Gefahrensituation. Die größte Ironie zeigt sich für Lüthi im Schicksal des Männchens, dass sich auf dem Höhepunkt seines Triumphes, ja gerade im Ausdruck des Triumphs, selbst verrät, sich unwissentlich dem ironischen Spiel der längst eingeweihten Königin aussetzt und sich, dies allerdings erst in der endgültigen Grimmschen Fassung, selbst zerstört. 34 Die Märchenironie sei eine „Konträrironie“, in der die Dinge nicht schlimmer, sondern besser stehen, als es scheine. 35 Auch sie könnte zur Popularität des KHM 55 beigetragen haben und mochte von den Grimms als Bereicherung der Geschichte erkannt und verstärkt worden sein.
Zuletzt sei kurz auf das interessante Motiv der wiederkehrenden Elternschuld 36 (der Müller liefert seine Tochter aus; die Müllertochter verspricht ihr Erstgeborenes) hingewiesen, welches die zweite Fassung um ein emotionalisierendes und sozial relevantes Element bereichert. Es lässt sich zusammenfassend sagen, dass zwar die Fassungen I und II gleichermaßen auf Motive des Volksglaubens zurückgehen, sich die bei den Grimms beliebten erzählstilistischen Eigentümlichkeiten der Zaubermärchen in der Variante Dortchen Wilds von 1811 jedoch deutlicher ausgeprägt fanden. Erkennt man auch die Ironie als wertvolles Moment der Erzählung an, erweist sich abermals die letztendliche Auswahl der zweiten Fassung als naheliegender. Mit Verweis auf eine „novellistisch reichere Ausschmückung“ in der Begründung der gefahrvollen Entwicklungen durch den Hochmut des Müllers, auf eine „Logisierung der Verhältnisse“, in denen die Goldgier des Königs die Handlung voran bringt, erklärt Kurt Schmidt die Veröffentlichung der zweiten den Grimms vorliegenden Fassungen auf künstlerischen Gesichtspunkten begründet. 37
Dennoch erscheint es, als wäre eine Kontamination beider Fassung möglich gewesen, wenngleich ihre Ausgangssituationen sich stark unterscheiden. Eine Königin, die ihre Zofe aus- 33 Lüthi:Rumpelstilzchen. Thematik, Struktur- und Stiltendenzen innerhalb eines Märchentypus. S. 433.
34 Ebenda. S. 423.
35 Lüthi: Märchen. S. 26.
36 Vgl. Rölleke: Grimms Märchen S.134.
37 Schmidt: Die Entwicklung der Grimmschen Kinder- u. Hausmärchen seit der Urhandschrift. S.28ff.
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schickt, wäre auch in die zweite Fassung integrierbar gewesen. Figurenökonomie oder der dramaturgische Reiz des Zufalls mögen dies verhindert haben. Weshalb die Grimms darauf verzichteten, ein so einprägsames Motiv, wie das Reiten auf dem Kochlöffel in das 1812 veröffentlichte KHM 55 „Rumpelstilzchen“ hinüberzuretten, erschließt sich vor dem Hintergrund bisher in dieser Arbeit angestellter Analysen nicht.
4 Der Grimmsche Stil im KHM 55
Es soll nun also im letzten Schritt untersucht werden, inwieweit und welchen Leitbildern folgend, die Brüder ihrem Märchen vom Rumpelstilzchen den für sie typischen Ton und Stil verliehen, und inwiefern dieser eine Erklärung für die Popularität des KHM 55 und anderer Grimmscher Märchentexte darstellt.
Die Brüder Grimm betonten ihren Anspruch an „Treue und Wahrheit“ bei der Niederschrift der Märchen, und dass „nichts aus eigenen Mitteln hinzugesetzt“, stattdessen inhaltsgetreu und auf die Erhaltung jeder „Eigentümlichkeit“ bedacht, vorgegangen worden sei. Sie gaben allerdings auch den Hinweis, dass der gewählte Ausdruck „großenteils“ von ihnen herrührte. 38 Die Formung der Texte geschah aus der Absicht, jenen Märchen weitgehend einen als natürlich und volkstümlich erachteten mundartlichen Erzählton 39 , fern literarischer ausschmückender Verfälschung, zurückzugeben. Vertraut man auf dieses Ideal, wäre davon auszugehen, das sämtliche Änderungen und Erweiterungen der Fassungen einzig neuen Quellen, das heißt, weiteren aus Abschriften mündlich erzählter Varianten entnommen wurden. Die Anpassung an ein stilistisches Ideal geschah so zumeist über die Kontamination einzelner Fassungen, und über eine sprachliche Glättung entlang eigener erzählsprachlicher Vorlieben der Brüder, doch sind vereinzelt auch inhaltliche Eingriffe nachgewiesen. 40
Wenn im Folgenden auf die Veränderungen innerhalb der Textfassungen von „Rumpelstilzchen“ eingegangen wird, wird es nicht möglich sein, im Einzelnen zu rekonstruieren und zu kennzeichnen, welche inhaltlichen Elemente welcher Vorlage entnommen wurden und welche sprachlichen sich erst aus der Überarbeitung der Grimms ergaben. Es soll jedoch ein Überblick gegeben werden, wo sich im Ausdruck der veröffentlichten Versionen von KHM 55 Spuren der von den Grimms selbst gehegten Vorlieben finden lassen. Im Zusammenhang der Grimmschen Wertschätzung des Volkstümlichen ist die Sammeltätigkeit der Brüder im Nachhinein noch lange romantisch verklärt worden. Nicht in tiefsten Winkeln des Ländlichen und den Stuben von Spinnerinnen und Waschweibern, sondern im bür-
38 Vorrededer Kinder und Hausmärchen. (3. Aufl.).
39 Die Brüder hätten gern auch Dialekte mitaufgenommen, Zugeständnisse an Schriftdeutsch waren aber nötig.
40 Auffälligstes Beispiel ist KHM 161 „Schneeweißchen und Rosenrot“ vgl. Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 98f.
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gerlichen Milieu begaben sie sich auf die Suche und zeigten sich angetan von einer Eloquenz, wie sie im tatsächlichen Erzählton des einfacheren Volksanteils von Dörflern und all jenen, bei welchen der Aberglaube an Sagengehalte am stärksten gewirkt haben musste, nicht zu erwarten gewesen wäre. Am Rande sei bemerkt, dass gerade diese Quellen (innerhalb der gebildeten Schicht) den ungewollten Einfluss literarischer Märchenbearbeitungen wieder wahrscheinlicher machte. Für Heinz Rölleke erklärt sich so ein letztendlicher Stil zwischen „wirklichem Volksmärchen mündlicher Provenienz und Kunstmärchen dichterischer Prägung“. 41
4.1 Der erste Einflussfaktor: sprachliche Orientierung am Volkston
Die Brüder Grimm suchten das, was sie in den Vorlagen als volkstümlich anerkannten durch ihren Ausdruck zu verstärken. Was ihnen dementsprechend als sprachlich angemessen erschien, erfuhr eine Intensivierung von der zweiten zur dritten Fassung aus dem Jahr 1819. Anzuführen ist hier etwa die Wiederaufnahme des Spinnmotivs. Im Zusammenhang dessen zeigt sich sehr gut der von Freund 42 als volkstümlich charakterisierte leicht verständliche, bildhaft anschauliche Stil. Dem Spinnvorgang wird in der dritten Fassung besondere Aufmerksamkeit geschenkt: das Schnurren des Spinnrades wird lautmalerisch hervorgehoben, das Ziehen an der Spule zweimal betont, und bereits zuvor wurde die Tätigkeit etwas anschaulicher gemacht durch die Erwähnung, dass der König ihr zum Spinnen „Rad und Haspel“ gab. Ebenso spürbar ist dies in der bereits erwähnten Kleinschrittigkeit der dritten Fassung, die sich beispielsweise in den einzelnen Schilderungen, dem Führen der Müllertochter in die Strohkammern, dem Auftritt des Männleins durch die Tür 43 , der Nennung der Namen bei den wiederkehrenden Rateversuchen der Königin oder der Beschreibung des abgelegenen Wohnhauses von Rumpelstilzchen zeigt. Die Perspektive der Zu-kurz-Gekommenen wird in der dritten Fassung intensiviert, wenn ab der sechsten Auflage der Antrieb zur Lüge des Müllers darin erklärt wird, sich vor dem König „ein Ansehen“ geben zu wollen. Hierzu passt die Her-vorhebung des geringen Besitzes der Müllertochter, die in der dritten Nacht erst eingestehen muss, dass sie nichts mehr zu geben habe, ehe das Männlein schließlich ihr Erstgeborenes verlangt, und auch die stärkere Pointierung ihres ersten Triumphes fügt sich in dieses Schema. An die Stelle der ursprünglichen Formulierung: "nahm er die schöne Müllerstochter zu seiner
41 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 68.
42 Freund: Deutsche Märchen. S. 189f.
43 Dass die Brüder Grimm das Männlein nicht wie ein übernatürliches Sagenwesen mysteriös aus dem Nichts erscheinen, sondern durch die
Tür eintreten lassen, ist für Lutz Röhrich ein Zeichen der Emanzipation des Märchens gegenüber der Sage, in der nun die Herrschaft der
Menschenwelt über das Dämonische verdeutlicht werde. Siehe Röhrich: Märchen u. Wirklichkeit. S.23.
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Gemahlin", tritt nun: "so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin“.
Archaisierende Stilzüge prägen wie bei vielen KHM auch den Ausdruck „Rumpelstilzchen[s]“, so bei der Voranstellung des verbum dicendi am Satzbeginn, wenn es heißt: „Sprach das Männchen: ‚was gibst du mir...’“ oder der Zweitstellung des Verbs im Relativsatz: „Nun [...] schickte [die Königin] einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen...“. 44 Zahlreiche Eigentümlichkeiten des Ausdrucks wurden den Abschriften Runges entnommen, und von den Grimms in ihre Niederschriften der KHM integriert. Rölleke nennt als dergleichen die häufige Einleitung von Aussagen durch ‚da’ oder ‚und’. Die Zunahme dieses Stilmittels von Fassung zu Fassung ist augenfällig. Auch die bekannte Eingangsformel „es war einmal“ ist bereits Element der Rungemärchen und leitet alle Fassungen der Rumpelstilzchengeschichte bei den Grimms ein. Als bei Runge abgeschaut, erklärt Rölleke auch eine „strenge epische Gesetzmäßigkeit, gemäß der in einer Szene höchstens je zwei Figuren agieren [und] die daraus resultierende szenische Vergegenwärtigung durch vielfach wörtliche Rede“ 45 Tatsächlich ist dies in allen Fassungen des Märchens konsequent umgesetzt; der wörtlich wiedergegebene Dialog zwischen den Figuren ist in der dritten Fassung offenbar soweit als nur möglich war, ausgebreitet worden. Schließlich ist auch der Vers, wie jener, in welchem sich das Männlein selbst verrät, bereits Element der Rungemärchen und kennzeichnet dort, wie auch bei „Rumpelstilzchen“, die Nahstelle, an der realer und numinoser Bereich aufeinandertreffen.
4.2 Der zweite Einflussfaktor: Ausgleichstendenzen nach der 1. Auflage
Neben den, bei Runge abgeschauten Stiltendenzen, erwies sich zwischen den Veröffentlichungen der ersten und zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen ein neuer Einfluss als prägend. Eine Erweiterung des Stils entstand als Ausgleichsversuch Wilhelms in Reaktion auf erste Kritikpunkte, die bezüglich der ersten veröffentlichten Ausgabe an die Brüder herangetragen worden waren. Die Kritik hatte sich auf einen nicht kindgemäßen Erzählton und fehlende künstlerische Diktion bezogen. 46
Dass die „Rumpelstilzchen“-Fassung der nächsten Auflage 1819 aus der Kontamination mehrerer Vorlagen neu entstand, kann so eventuell als Antwort auf letztgenannten Kritikpunkt verstanden werden. Der Rückgriff auf vielfältigere stilistische und dramaturgische Angebote brachte den Text in seine bis heute bekannte Form, die für ihre „klaren dramatischen Szenen,
44 Nach: Luc Gobyn: Mhd. Stilzüge in den Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm. In: wortes anst. Verbi gratia. Festschrift für Gilbert
de Smet. Leuven 1986, S. 143-154.
45 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 64.
46 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 85.
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ihre durchsichtige Komposition und äußerst kunstvolle Bauweise“ gelobt wird. 47 Max Lüthi betont als Ergebnis seiner Strukturanalyse des Märchens dessen Charakter eines Kunstwerkes. 48 Ein besonders ausschlaggebendes Element jener „klaren und doch nicht undifferenzierten Gliederung“ stellt für ihn die Verschränkung des ersten und zweiten Teils dar, die, jeder für sich, ihre eigene Spannungskurve aufbauen und ihren eigenen Höhepunkt haben, jedoch verbunden sind durch eine Notlage-Rettung-Dynamik, die sich von Beginn bis zum Ende fortsetzt. Die Rettung und der Triumph im ersten Teil bilden den Ausgangspunkt und die Ursache für die neue Notlage im zweiten Teil. Grundlegend wies bereits die „Rumpelstilzchen“-Fassung des Jahres 1812 diese Struktur auf, doch wurden die Eckpunkte nun reicher ausgestaltet. Der Erzählspannung, die aus der Angst um die vor einer unlösbaren Aufgabe sitzenden Müllertochter erwächst, wird mehr Raum zur Entfaltung gegeben, indem die neue Gliederung die Ausgangssituation zwischen dem Müller und dem König klarer abgrenzt von der Einkerkerung des Mädchens in die erste Strohkammer. Die Einleitung steht so rahmenartiger der Konfrontation mit der eigentlichen Mangellage voran.
In dieser Fassung lässt sich das Männchen von der Müllertochter zunächst ihren Kummer erklären, ehe es für einen Preis seine Hilfe anbietet. All dies wird in wörtlicher Rede wiedergegeben. Die Situation des Mädchens wird dramatisiert, wenn, anders als in der Erstveröffentlichung, auch vor der zweiten Nacht daran erinnert wird, dass sie alles Stroh in einer Nacht verspinnen solle, „wenn ihr das Leben lieb wäre.“ Eine erneuerte Todesdrohung tritt also hinzu. Die Beschreibung der dritten Nacht wurde inhaltlich insofern erweitert, als das Männchen das Erstgeborene erst einfordert, nachdem sich gezeigt hat, dass die Müllertochter ihm nichts anderes mehr anzubieten hat.
Der zweite Teil der Geschichte wird in dieser Fassung deutlicher vom ersten abgrenzt, da er nun nicht mehr „bald darauf“, sondern „ein Jahr“ später beginnt. Dass die Königin „gar nicht mehr an das Männchen [dachte]“ 49 , verstärkt die Distanz zu den vorangegangenen Ereignissen aber auch die Dramatik im Einbruch einer plötzlich erneuten Bedrohung. Ein Beispiel der Kunstfertigkeit ist die Ergänzung der Namen, welche die Königin rät. Die Auswahl der Namen der heiligen drei Könige kann als verkürzte Formel einer Nennung aller christlicher Namen interpretiert werden, die Frage nach „Cunz“ und „Heinz“, den schlichtesten Allerweltsnamen, verstärkt im Spiel der Königin mit dem ahnungslosen „Rumpelstilzchen“. 50 Die Größe der überwundenen Gefahr, die Bedeutsamkeit, des Triumphes im zweiten
47 Röhrich: „und weil sie nicht gestorben sind...“.[...]. S.293.
48 Lüthi: Rumpelstilzchen. Thematik, Struktur- und Stiltendenzen innerhalb eines Märchentypus. S. 420.
49 Die charakteristische Flächenhaftigkeit wird sogar direkt beschrieben.
50 Rölleke: Grimms Märchen. S. 134.
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Teil tritt mit der Dramatisierung des Finales hervor. Der bekannte Ausruf „das hat dir der Teufel gesagt“ findet sich ab dieser Fassung plötzlich verdoppelt. Obwohl die in keinem Zusammenhang stehende Erwähnung des Teufels ein stumpfes Motiv darstellt, gehört der verdoppelte Wutschrei des Männleins zu den bekanntesten und einprägsamsten Zeilen der Grimmschen Märchen. Dass Rumpelstilzchen nicht mehr flieht, sondern in die Erde, in sein eigentliches Reich zurücksinkt, bevor es sich selbst zerstört, hebt den Sieg des Menschen über den Zwerg pointierter hervor. 51
Die künstlerische Glättung zeigt sich nicht zuletzt in der auffällig stärkeren Anreicherung durch Dreierformeln. Dreimal zieht das Männchen an der Spule und drei Tage lang lassen die Grimms ihre Märchenkönigin jeweils drei Namen aussprechen, im Bemühen, die Bedingung des Zwerges zu erfüllen. Eine weitere Strategie, der Kritik mangelnder künstlerischer Diktion zu begegnen, war für Wilhelm Grimm die Einbringung volksläufiger Redewendungen in zahlreiche der Märchen. Bei Rumpelstilzchen ist der Standort des Zwergenhäusleins dort „wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen“, wohl aus dieser Tendenz zu erklären. 52 Auch aus dem Bemühen um einen kindgerechteren Ton der Märchen, entstanden neue Stiltendenzen. Die Retuschierung zahlreicher Märchenpassagen, die im Sinne bürgerliche Moral als anstößig empfunden werden konnten, ist in der Märchenforschung immer wieder als Grimm-typisch hervorgehoben worden. 53 Auch bei „Rumpelstilzchen“ ist dies geringfügig greifbar. Verlangt das Männlein 1812 noch das erste Kind, das die Müllertochter „mit dem König bekomm[e]“, fordert es in der zweiten Auflage lediglich: „So versprich mir, wann du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Dort ist längst auch nicht mehr die Rede vom „Wochenbett“ der Königin, sondern davon, dass sie „ein schönes Kind zur Welt“ brachte. Die Anpassung an das jüngere Publikum, äußerte sich darüber hinaus aber auch in einem kindertümlichen Erzählton, den sich Wilhelm angeeignet hatte. 54 Im KHM 55 zeugen davon die Lautmalerei des Spinnvorgangs, eventuell auch die Erwähnung seltsam komischer Namen wie „Rippenbiest“ aber hauptsächlich wohl die neue Kleinschrittigkeit, durch welche die Handlung in weitgehend klareren Hauptsätzen präsentiert wird. Ebenso trägt die Verlebendigung des Textes durch die Einfügung zusätzlicher wörtlicher Rede zu einem eingängigeren Erzählton gegenüber jüngeren Zuhörern bei. Diese Ergänzungen lassen sich zwar auch aus der Anlehnung an die Rungeschen Märchentexte erklären, wurden allerdings erst in der zweiten Veröffentlichung von KHM 55 derart konsequent vorgenommen, was sie eher als Ausdruck
51 Freund: Deutsche Märchen. S. 156.
52 Siehe zu diesem Thema: Rölleke (Hrsg.): „Redensarten des Volkes, auf die ich immer höre“ [...].
53 Vgl. u.a. Freund: Deutsche Märchen. S. 187f. / Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 86f.
54 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 85.
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jener kindgerechten Anpassungsmaßnahmen vermuten lässt. Besonders deutlich wird jener Ton, wenn in späterer Auflage, die Leserschaft direkt angesprochen wird: „Da könnt ihr denken wie froh die Königin war“.
4.3 Zur Popularität der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen
Betrachtet man die Märchen in der Zeit ihrer Veröffentlichung, lassen sich eigene Erklärungsansätze für ihre Popularität entdecken. Die phantastischen Inhalte fanden Anklang als Gegentendenz zu einer rationalistisch geistigen Strömung des 18. Jahrhunderts, die dem Zauberhaften und seiner Anerkennung in der Literatur lange Zeit nur wenig Raum zugestanden hatte. Die Grimmschen Erzählungen entstanden in ihrer Zeit als ein solcher Gegenentwurf unter vielen in ganz Europa populärer werdenden Märchentexten, besetzten aufgrund ihrer Schlichtheit und dem Beiklang des mündlich Tradierten und Volkstümlichen jedoch eine besondere Nische, abgegrenzt von den Kunstmärchen und literarischen Variationen älterer Sagenstoffe, die sich modern und zuweilen gesellschaftskritisch, manchmal auch anzüglich und in ihrem Stil oft blumig ausladend präsentierten. Der Erfolg der Brüder Grimm in den deutschen Landen ließe sich zur Zeit napoleonischer Okkupation und deren Nachwirken auch in einer aus Vaterlandsliebe genährten Besinnung auf das eigene deutsche Kulturgut erklären, zumindest ist die Motivation zur Sammeltätigkeit der Brüder auf derartige Empfindungen zurückführbar. 55
Rölleke erklärt den Erfolg der Grimmschen Märchen zudem aus dem Wandel sozioökonomischer Bedingungen. Gerade die im Industriezeitalter einsetzenden Entwicklungen, die Verbreitung der Lesefähigkeit infolge der Schulpflicht, die Herausbildung der bürgerlichen Kleinfamilie und die Auflösung vieler Meisterbetriebe entzogen dem Prinzip mündlicher Tradition seine „sachliche“, „zeitliche“ und „räumliche“ Grundlage, leisteten der Lektüre der Kinder- und Hausmärchen wiederum gerade Vorschub, da diese in ihrer Transformation von einst mündlichen Erzählungen zu den Buchmärchen eben diese Entwicklung nachvollzogen. 56 Die Leserschaft zollte der Sammlung ihre Anerkennung zumeist ohne die germanistischwissenschaftlichen Ambitionen der Grimms nachzuempfinden oder gar wahrzunehmen. 57 Das Bürgertum entdeckte die Hausmärchen für sich als pädagogisch wertvolles Vorlesebuch. Die „neue Hochschätzung des Kindes als eigenständige Persönlichkeit“ von Seiten der Rezipienten und die zumindest teilweise Orientierung an entsprechend milieuverhafteten Moralvorstel-
55 Rölleke:Die Märchen der Brüder Grimm. S. 25f.
56 Ebenda. S.26f.
57 Dies lässt sich bereits aus dem geringen Absatz des dritten Bandes der Kinder- und Hausmärchen schließen, in welchem die Brüder unter
anderem Herkunftsnachweise lieferten und über Motivvariationen informierten.
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lungen und Tugendbegriffen 58 von Seiten der Texte öffneten der Grimmschen Märchensammlung die Tür zu den bürgerlichen Kinderstuben. Dass dieser biedermeierliche Geist ebenso in den Bürgerhäusern des übrigen Europa und darüber hinaus verbreitet war, macht den Erfolg der Grimms im Ausland erklärbar. 59
5 Abschließende Betrachtung
So stand die wachsende Popularität der KHM also im Zusammenhang des sich ausbreitenden Bürgertums und anderer gesellschaftlicher Veränderungen im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bis hierhin ist darüber hinaus dargelegt worden, dass sich der für die Grimms typische Erzählstil als das Ergebnis langer und, zahlreiche Stufen umfassender, gezielter ästhetischer Bearbeitungs- und Anpassungsprozesse ergab. Teil dieser waren zum Einen das Bemühen, den vermuteten archaischen Gehalt der Erzählungen durch dem entsprechende sprachliche Stilzüge und typenhafte Figurenkonstellationen hervorzuheben. Einen zweiten erheblichen Einfluss bewirkte der Versuch, dem als „unbeholfen“ kritisierten Ton, mehr „sprachliche Schönheit“ und den bereits einmal veröffentlichten Texten eine zurückhaltende, doch einprägsame erzählerische Kunstfertigkeit aufzupfropfen, der sie, so Rölleke, „jenseits des zuweilen recht holprigen originären Volksmärchentons und der Erzählart des hochstilisierten modernen Kunstmärchens“ zu „etwas völlig Neue[m]“ machte. 60 Das Märchen „Rumpelstilzchen“ zeigt sich als ein Beispiel all dessen und ist zudem für Kinder so eingängig aufbereitet, dass es, wie viele der Grimmmärchen, seine Beliebtheit bis heute wohl auch dadurch aufrecht erhielt, dass man sich noch aus der frühen Begegnung in der Kindheit daran erinnert.
Tatsächlich erscheint jener Stil so einzigartig, man mag ihn heute fast als prototypisch für die Erzählung eines Märchens empfinden. Denn, wen man die Märchen auch nur aus der Erinnerungen nacherzählen hört, der schlägt häufig, ob bewusst oder unbewusst, selbst jenen Grimmschen Märchenton an, der auch denen vertraut erscheint, welche die Geschichten längst nicht mehr aus den Bücher vorgelesen bekamen, sondern sie aus einer modernen mündlichen Tradition kennen lernten.
58 Auch „Rumpelstilzchen“, in welchem der goldgierige König am Ende belohnt wird, stellt eine Ausnahme dar.
59 Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. S. 26 f.
60 Ebenda. S. 86.
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6. Literatur:
1. Bolte, Johannes/ Polívka, Georg: Anmerkungen zu den Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm. ( 3. Nachdruckaufl.) Hildesheim: Olms,1982.
2. Clausen-Stolzenburg, Maren: Märchen und mittelalterliche Literaturtradition. Heidelberg: Winter, 1995.
3. Clodd, Edward: Tom Tit Tot. Detroit, 1968.
4. Clodd, Edward: Tom Tit Tot. An essay of savage philosophy. In: Folklore, Vol. 10, No. 3 (Sep., 1899), pp. 334-335
5. Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. München: Fink, 1996.
6. Grimm, Jacob/ Grimm,Wilhelm/ Rölleke, Heinz: Kinder- und Hausmärchen. 3 Bde. (Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anh. sämtlicher, nicht in allen Aufl. veröff. Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke.) Stuttgart: Reclam, 2001.
7. Jolles, André: Einfache Formen. (2. Auflage) Darmstadt, 1958
8. Lüthi, Max: Märchen. (8. durchgesehene u. ergänzte Aufl.; bearb. von Heinz Rölleke). Stuttgart: Metzler, 1990.
9. Lüthi, Max: Rumpelstilzchen. Thematik, Struktur- und Stiltendenzen innerhalb eines Märchentypus. In: Antaios. 12 (1971) S. 419-436
10. Lüthi, Max: Volksmärchen und Volkssage. Zwei Grundformen erzählender Dichtung. Bern/München: Francke, 1961.
11. Panzer, Friedrich (Hrsg.): Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in ihrer Urgestalt. München: Beck, 1913.
12. Kurt Ranke, u.a.(Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzähl-forschung. Berlin: de Gruyter, 1975 ff.
13. Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. (3. Aufl.) Wiesbaden: Steiner, 1974.
14. Röhrich, Lutz: Rumpelstilzchen. Vom Methodenpluralismus in der Erzählforschung. In: Sage und Märchen. Er-zählforschung heute. Hrsg. von Lutz Röhrich. Freiburg: Herder, 1976. S.272-331.
15. Röhrich, Lutz: „und weil sie nicht gestorben sind...“. Anthropologie, Kulturgeschichte und Deutung von Märchen. Köln: Böhlau, 2002
16. Rölleke, Heinz: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Köln: Bodmer, 1975.
17. Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. (3. durchges. Auflage) Reclam; Stuttgart, 2004.
18. Rölleke, Heinz: Grimms Märchen. Suhrkamp; Frankfurt a. Main, 1998.
19. Rölleke, Heinz: Grimms Märchen und ihre Quellen. Die literarischen Vorlagen der Grimmschen Märchen synoptisch vorgestellt und kommentiert. Trier: Wiss. Verl. Trier, 1998.
20. Rölleke, Heinz (Hrsg): „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“: das Sprichwort in den Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm. Bern: Lang, 1988.
21. Röth, Diether (Hrsg.): Kleines Typenverzeichnis der europäischen Zauber- und Novellenmärchen. Hohengehren: Schneider-Verl., 1998.
22. Scherf, Walter: Das Märchenlexikon. (2 Bde) München: Beck, 1995.
23. Schmidt, Kurt: Die Entwicklung der Grimmschen Kinder- u. Hausmärchen seit der Urhandschrift. Nebst einem kritischen Texte der in die Drucke übergegangenen Stücke. Halle: Niemeyer, 1932.
24. Schoof, Wilhelm: Zur Entstehungsgeschichte der Grimmschen Märchen. Hamburg: Hauswedell, 1959.
25. Uther, H.-J.: Zur Bedeutung und Funktion dienstbarer Geister in Märchen und Sage. In: Fabula 28, (1987), S. 227-244.
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7. Anhänge:
7.1. AaTh500
(I.) (a)Ein Mann (eine Frau) prahlt vor dem König, seine Tochter könne (Stroh zu) Gold spinnen; (b) eine Mutter prügelt ihre faule Tochter und erklärt deren Geschrei mit deren angeblicher Unmäßigkeit im Spinnen; (c) die Tochter prahlt selbst.
Der König stellt sie unter Todesdrohung auf die Probe.
(II.) Ein übernatürliches Wesen hilft ihr, die unlösbar scheinende Aufgabe zu erfüllen, beim dritten Mal unter der Bedingung, dass sie selbst oder ihr erstgeborenes Kind ihm gehören soll (Kind dem Teufel verkauft oder versprochen), falls sie seinen Namen nicht errät oder vergisst.
(III.) Der König heiratet sie nach Erfüllung der Aufgabe; sie gebiert ihm ein Kind. Durch Zufall wird der Name des Helfers in Erfahrung gebracht. Meist verrät er sich selbst durch einen (gesungenen) Vers. Er wird nach zwei vergeblichen Rateversuchen beim dritten Mal genannt. Der dämonische Helfer verschwindet.
7.2 Rumpenstünzchen.
(Quelle: Heinz Rölleke: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. [...] 1975. S. 42)
Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war ein Flachs knoten gegeben, Flachs daraus zu spinnen, was es aber spann war immer Goldfaden und kein Flachs konnte herauskommen. Es war traurig und setzte sich auf das Dach und fing an zu spinnen und spann drei Tage aber nichts als Gold. Da trat ein kleines Mänchen herzu, das sprach: ich will dir helfen aus all deiner Noth, dein junger Prinz wird vorbeikommen der wird dich heirathen und dich wegführen aber du musst mir versprechen, daß dein erstes Kind mein soll seyn. Das kleine Mädchen versprach ihm alles. Bald darauf kam ein schöner Prinz vorbei (aus: vorh), der nahm es mit sich und [versprach] machte es zu seiner Gemahlin. Nach einem Jahr gebar sie einen schönen Knaben; da trat das kleine Mänchen an das Bett und verlangte ihn. Sie bot ihm alles dafür, er nahm er < ! > nichts an, und gab ihr nur 3 Tage Zeit, wenn sie am letzten nicht seinen Namen wisse, so müße sie ihm das Kind geben. Die Prinzeßin sann lange nach, schon zwei Tage hatte sie gesonnen, und den Namen noch nicht gefunden. Am dritten befiehlt sie einer getreuen Dienerin hinaus in den Wald zu gehen, aus welchem das kleine Männchen gekommen sey. Diese geht Nachts hinaus, da sieht sie es, wie es auf einem Kochlöffel um ein großes Feuer herum reitet. Und ausruft: wenn die Prinzeßin wüßte, daß ich Rumpenstünzchen hies! wenn die Prinzeßin wüßte, daß ich Rumpenstünzchen hies! Die Dienerin bringt eilig der Princeßin diese Nachricht, die darüber sehr erfreut wird. Um Mitternacht kommt das kleine Männchen und spricht: weißt du nun meinen Namen, oder ich nehme das Kind mit. Da nennt sie allerlei Namen endlich sagt sie: solltest du wohl Rumpenstünzchen heißen? Wie das Männchen das hört erschrickt es und spricht: das muß dir der Teufel gesagt haben, und fliegt auf dem Kochlöffel zum Fenster hinaus.
7.3 Rumpelstilzchen (1812)
(Quelle: Panzer, Friedrich (Hrsg.): Die Kinder- und Hausmärchen in ihrer Urgestalt. München, 1913. S.254f.)
Es war einmal ein Müller, der war arm, aber hatte eine schöne Tochter. Und es traf sich, daß er mit dem König zu sprechen kam und ihm sagte: „ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst
Stroh in Gold zu verwandeln.“ Da ließ der König die Müllerstochter alsogleich kommen, und befahl ihr, eine ganze Kammer voll Stroh in einer Nacht in Gold zu verwandeln, und könne sie es nicht, so müsse sie sterben. Sie wurde in die Kammer eingesperrt, saß da und weinte, denn sie wußte um ihr Leben keinen Rath, wie das Stroh zu Gold werden sollte. Da trat auf einmal ein klein Männlein zu ihr, das sprach: „was giebst du mir, daß ich alles zu Gold mache?“ Sie tat ihr Halsband ab und gabs dem Männlein, und es that, wie es versprochen hatte. Am anderen Morgen fand der König die ganze Kammer voll Gold; aber sein Herz wurde dadurch nur noch begieriger, und er ließ die Müllerstocher in eine andere, noch größere Kammer voll Stroh tun, das sollte sie auch zu Gold machen. Und das Männlein kam wieder, sie gab ihm ihren Ring von der Hand, und alles wurde wieder zu Gold. Der König aber hieß sie die dritte Nacht wieder in eine Kammer sperren, die war noch größer als die beiden ersten und ganz voll Stroh, „und wenn dir auch das gelingt, sollst du meine Gemahlin werden.“ Da kam das Männlein und sagte: „ich will es noch einmal thun, aber du mußt mir das erste Kind versprechen, das du mit dem König bekommst.“ Sie versprach es in der Noth, und wie nun der König auch dieses Stroh in Gold verwandelt sah, nahm er die schöne Müllerstochter zu seiner Gemahlin.
Bald darauf kam die Königin ins Wochenbett, da trat das Männlein vor die Königin und forderte das versprochene Kind. Die Königin aber bat, was sie konnte und bot dem Männchen alle Reichtümer an, wenn es ihr ihr Kind lassen wollte, allein alles war vergebens. Endlich sagte es: „in drei Tagen komme ich wieder und hole das Kind, wenn du aber dann meinen Namen weißt, so sollst du das Kind behalten!“
Da sann die Königin den ersten und zweiten Tag, was doch das Männchen für einen Namen hätte, konnte sich aber nicht besinnen, und ward ganz betrübt. Am dritten Tag aber kam der König von der Jagd heim und erzählte ihr: ich bin vorgestern auf der Jagd gewesen, und als ich tief in den dunklen Wald kam, war da ein kleines Haus und vor dem Haus war ein gar zu lächerliches Männchen, das sprang als auf einem Bein davor herum, und schrie:
„heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hohl ich der Frau Königin ihr Kind, ach wie gut ist, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!“
Wie die Königin das hörte, ward sie ganz froh und als das gefährliche Männlein kam, frug es: Frau Königin, wie heiß ich? - „heißest du Conrad?“ - Nein. - „Heißest du Heinrich?“ - Nein. Heißt du etwa Rumpelstilzchen?
Das hat dir der Teufel gesagt! Schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nimmermehr wieder.
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7.4 Rumpelstilzchen (1819/1857)
(Quelle: Schmidt: Die Entwicklung der Grimmschen Kinder- u. Hausmärchen seit der Urhandschrift. Halle, 1932. S. 303-311; in Klammern stehen die Ergänzungen bis zur siebten Auflage 1857, dunkel markiert sind die Textpassagen der zweiten Auflage, die in
späteren Auflagen ersetzt wurden oder ganz wegfielen)
Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Und es traf sich (Nun traf es sich), daß er mit dem König zu sprechen kam, (und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm) und zu ihm sagte, “ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst (kann) Stroh in Gold zu verwandeln (zu Gold spinnen)“. Dem (Der) König, der das Gold lieb hatte, gefiel die Kunst gar wohl (dachte das ist eine Kunst, die mir wohlgefällt) und er befahl die Müllerstochter sollte alsbald vor ihn gebracht werden. (und sprach zum Müller: „wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen“ Und als das Mädchen kam[...]) Dann () führte er sie (es) in eine Kammer, die ganz voll Stroh war (lag), gab ihr (ihm) Rad und Haspel, und sprach: „(jetzt mache dich an die Arbeit) wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben“. Darauf ward die Kammer verschlossen (Darauf schloss er die Kammer selbst zu), und sie blieb allein darin.
Da saß nun die arme Müllerstochter, und wußte um ihr Leben kein (keinen) Rath, denn sie verstand nichts davon, wie das Stroh zu Gold zu spinnen war (wie man Stroh zu Gold spinnen konnte), und ihre Angst ward immer größer, daß sie (endlich) zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach „guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ „Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe es (das) nicht.“ Sprach das Männchen „was gibst du mir, wenn ich dirs spinne“? „Mein Halsband“ sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Als der König kam und nachsah (Bei Sonnenaufgang kam schon der König und als der das Gold erblickte), da ()erstaunte er freute sich, aber sein Herz wurde (ward) nur noch begieriger (goldgieriger.), und () er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen kam (erschien wieder) und sprach „was gibst du mir wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“ „Meinen Ring von der Hand (dem Finger)“ antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring und fing wieder an zu schnurren mit dem Rade, und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick des Goldes (), war aber noch (immer) nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach „die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen; wann dir aber das auch gelingt (gelingt dirs aber), (so) sollst du meine Gemahlin werden“. „Denn“, dachte er, () („Wenns auch eine Müllerstochter ist,) „eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben.“ (finde ich auf der ganzen Welt nicht.“) Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder, und sprach „was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?“ „Ich habe nichts mehr, (das ich geben könnte)“ antwortete das Mädchen. „So versprich mir, wann (wenn) du Königin wirst, dein erstes Kind.“ „Wer weiß wie das noch geht“ dachte die Müllerstochter, und wußte sich auch in der Noth nicht anders zu helfen, so daß sie es dem Männchen versprach. (und versprach dem Männchen was es verlangte); dafür spann das Männchen (und das Männchen spann dafür) noch einmal Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam, und alles fand wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.
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Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt, und dachte gar nicht mehr an das Männchen, da trat es (plötzlich) in ihre Kammer und forderte was ihm versprochen war. (und sprach „nun gib mir, was du versprochen hast“.) Die Königin erschrak, und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte, aber das Männchen sprach „nein, etwas Lebendiges ist mir lieber als alle Schätze der Welt“. Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß es das Männchen doch dauerte (daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte), und es sprach ()„drei Tage will ich dir Zeit lassen (sprach es), wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten“.
Nun dachte (besann sich...) die Königin die ganze Nacht über an (...auf) alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten aus () über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit nach neuen Namen (was es sonst noch für Namen gäbe). Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie (an) mit Caspar, Melchior und () Balzer an () (,) und sagte alle (Namen), die sie wusste der Reihe nach her, aber bei jedem Sprach das Männlein „so heiß ich nicht“. Den zweiten Tag ließ sie (in der Nachbarschaft) herumfragen bei allen Leuten (wie die Leute da genannt würden), und legte (sagte) dem Männlein alle () die ungewöhnlichsten und seltsamsten (Namen) vor, als () („heißt du vielleicht) Rippenbiest, (oder) Hammelswade (oder) Schnürbein (?“), aber es blieb dabei () (antwortete immer) „so heiß ich nicht“. Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück, und erzählte „neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein, und schrie, heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hohl (hol) ich der Frau () Königin ihr Kind; ach, wie gut ist, daß niemand weiß daß ich Rumpelstilzchen heiß!“
Wie die Königin das hörte, war sie ganz froh (Da könnt ihr denken wie die Königin froh war als sie den Namen hörte), und als bald (hernach) das Männlein kam (hereintrat), und sprach (fragte) „nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ (da fragte sie erst:) „heißest du Cunz?“ „Nein“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“ „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“
„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“ schrie das Männlein, und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen, und riß sich selbst mitten entzwei.
7.5 Namensvarianten
Bigutte; Bimpeltud; Cyketarusk; Dick-et-Don; Ekke Nekkepenn; Ettle-Pettle; Even-Trot; Friemel Friemel Frumpenstiel; Fru Rumpentrumpen; Furti-Furton; Gilitrutt; Gnarwynathrot; Hahnenkikerle; Hans-Öfeli-Chächeli; Hipche Hipche; Holzführlein- Bonneführlein; Hopfenhütl; Hoppentienchen; Hoppetinken; Horle-Horle-Wip; Knirrficker; Kolerbernbritschel; Kruzimugeli; Kugerl; Kwispeltatje; Ligna di Scupa; Marget Tot; Marie Kirikitoun; Mimi Pinson; Mirkikevier; Mispelteertje; Neezinsch; Negelanderken; Panczimazci; Pier Wier Wetz; Pimpelicurius; Pisk-i-Aske; Poppemannl; Purzinigele; Racapet; Reepelsteltje; Ricabert-Ricabon; Ricdin-Ricdon; Rodomont; Rumpetrum; Schümkell; Siperdintl; Spitzbartele; Springhunderl; Taradando; Tepentiren; Terrytop; Tijfelaar; Tilletanzerl; Titiläs; Titteliture; Tom Tit Tot; Trillevip; Trit-a-Trot; Troguenolgotife; Trwytyn Tratyn; Turadando; Tuttirituli; Tuura; Tyngl-tangl; Verlefränzchen; Vippentur; Winterköbl; Whuppity Stoorie; Zbirnyk; Ziliguckerl; Zirk-Zirk; Zistel im Körbel; Zorobubu; Spitzbartel; Zwerg Holzrührlein
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Arbeit zitieren:
Toni Ziemer, 2007, Zur Entwicklung und Popularität des Grimmschen Kinder- und Hausmärchens 'Rumpelstilzchen', München, GRIN Verlag GmbH
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