1
Ernst Probst
DER HÖHLENBÄR
3
Ernst Probst
DER HÖHLENBÄR
5
Gewidmet
o. Univ.Professor Mag. Dr. Gernot Rabeder,
Institut für Paläontologie, Universität Wien
Dr. Brigitte Hilpert,
Geozentrum Nordbayern, Fachgruppe PaläoUmwelt, Erlangen
Dr. Wilfried Rosendahl
Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim
6
INHALT
Widmung / Seite 5
Dank / Seite 17
Vorwort
Seite 21
Der Vorfahre
des Höhlenbären
Seite 27
Wie der Höhlenbär
zu seinem Namen kam
Seite 37
Johann Christian
Rosenmüller
Seite 41
7
Weitere Formen
des Höhlenbären
Seite 45
Was sind Fossilien?
Seite 49
Wie Fossilien von
Höhlenbären entstehen
Seite 55
Trittsiegel, Bärenschliffe,
Schlafkuhlen
und Kratzspuren
Seite 61
8
Wissenschaftliche
Grabungen
Seite 69
Die Zoolithenhöhle
von Burggaillenreuth
Seite 75
Der Höhlenbär
lebte nicht nur in Höhlen
Seite 79
Das Verbreitungsgebiet
des Höhlenbären
Seite 85
9
Fundorte
in großer Höhe
Seite 89
Winterschlaf
oder Winterruhe?
Seite 93
Geburt
im Winter
Seite 97
Größe
und Gewicht
Seite 101
10
Der
Höhlenbärenschädel
Seite 105
Die Zähne
des Höhlenbären
Seite 113
Das
Höhlenbärenskelett
Seite 117
Die Nahrung
des Höhlenbären
Seite 123
11
Sozialverhalten
und Kommunikation
des Höhlenbären
Seite 125
Krankheiten
der Höhlenbären
Seite 129
Das Lebensalter
der Höhlenbären
Seite 133
Tierische Zeitgenossen
des Höhlenbären
Seite 139
12
Menschliche Zeitgenossen
des Höhlenbären
Seite 143
Die Jagd
auf Höhlenbären
Seite 149
Die
,,Höhlenbärenjäger-Kultur"
Seite 155
Der
Höhlenbärenkult
Seite 159
13
Werkzeuge, Kleidung,
Schmuck und
Musikinstrumente
aus Zähnen und Knochen
des Höhlenbären
Seite 167
Höhlenbären in der
Kunst des Eiszeitalters
Seite 173
Das Aussterben
Seite 181
Der Höhlenbär in
Literatur, Film und Museen
Seite 187
14
Daten
und Fakten
Seite 193
Fundorte von Höhlenbären
in Deutschland (Auswahl)
Seite 229
Fundorte von Höhlenbären
in Österreich (Auswahl)
Seite 233
Fundorte von Höhlenbären
in der Schweiz (Auswahl)
Seite 235
15
Funde von Höhlenbären
in Schauhöhlen und Museen
Seite 237
Der Autor / Seite 243
Literatur / Seite 245
Bildquellen / Seite 258
Fundstätten-
und Ortsregister / Seite 265
Artenregister / Seite 273
Personenregister / Seite 275
Sachregister / Seite 280
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DANK
Dr. Cornelia Bockrath,
Museum für Naturkunde, Dortmund
Dr. Robert Darga,
Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf
Dr. Cajus Diedrich,
Paläontologe, Palaeologic, Halle/Westfalen
Thomas Engel,
geologischer Präparator, Naturhistorisches Museum Mainz /
Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz
Fritz Geller-Grimm,
Kurator, Museum Wiesbaden
Univ.-Doz. Dr. Paul Gleischner
Leiter der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte,
Landesmuseum Kärnten,
Klagenfurt am Wörthersee
Dr. Günter Graf
Kammerhofmuseum Bad Aussee
Dr. Bernd Herkner,
Museumsleiter
Senckenberg, Forschungsinstitut und Naturmuseum,
Frankfurt am Main
Dr. Brigitte Hilpert,
Geozentrum Nordbayern, Fachgruppe PalaeoUmwelt, Erlangen
18
Dr. Thomas Keller,
Landesamt für Denkmalpflege Hessen,
Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege,
Wiesbaden
Dick Mol
Experte für fossile Säugetiere des Eiszeitalters
(vor allem Mammut), Hoofddorp (Niederlande)
Péter Papp,
Geologe, Magyar Allami Földtani Intézet /
Geological Institute of Hungary, Budapest
Doris Probst, Mainz-Kostheim
Stefan Probst, Mainz-Kostheim
o.Univ.-Prof. Mag. Dr. Gernot Rabeder,
Institut für Paläontologie, Universität Wien
Thomas Rathgeber,
Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Andreas E. Richter,
Richter-Fossilien, Augsburg
Dr. Wilfried Rosendahl,
Kurator, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim
Dirk Schäfers,
Heimatverein Letmathe e.V., Iserlohn
Ulrich Schneppat,
Präparator, Bündner Naturmuseum, Chur
19
Dr. Marko Spieler,
Leiter der Museumspädagogik,
Museum für Naturkunde
Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
an der Humboldt-Universität zu Berlin
Dorothee Suray, Diplom-Biologin,
Lippisches Landesmuseum Detmold
Lektor Mag. Dr. Gerhard Withalm,
Institut für Paläontologie
Universität Wien
20
Zeichnung eines Höhlenbären
von Toni Nigg (19082000),
Zeichner, Maler, Kupferstecher
und Sohn des Entdeckers
der Höhle Drachenloch bei Vättis,
Theophil Nigg (18801957)
21
VORWORT
Der Höhlenbär:
ein pflanzenfressendes Raubtier
Ohne Schwanz bis zu 3,50 Meter lang, maximal 1,75 Meter hoch
und bis zu 1200 Kilogramm schwer das war der Höhlenbär
(Ursus spelaeus) aus dem Eiszeitalter. Obwohl dieser ausgestorbene
Bär bereits 1794 erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde,
gibt er mehr als 200 Jahre später immer noch viele Rätsel auf.
Wann ist der Höhlenbär entstanden, war er ein Einzelgänger,
hat er einen Winterschlaf oder eine Winterruhe gehalten, gab es
eine Höhlenbärenjäger-Kultur und einen Höhlenbärenkult, wann
und warum ist er ausgestorben? Antwort auf diese und andere
Fragen gibt das Taschenbuch ,,Der Höhlenbär" des Wiesbadener
Wissenschaftsautors Ernst Probst.
Der Höhlenbär gilt als das größte Tier, das die Gebirge im
Eiszeitalter jemals bewohnt hat. Erstaunlicherweise war er ein
pflanzenfressendes Raubtier, das während der kalten Jahreszeit
wehrlos in einer Höhle lag. Dennoch mussten Steinzeitmenschen
um ihr Leben fürchten, wenn sie ihm zur unrechten Zeit
begegneten.
Die Idee für das Taschenbuch ,,Der Höhlenbär" reifte bei den
Recherchen für das Taschenbuch ,,Höhlenlöwen. Raubkatzen
im Eiszeitalter". Dieses 2009 erschienene Werk erwähnt neben
Fundorten von Raubkatzen teilweise auch solche von Höhlen-
bären.
Das Taschenbuch ,,Der Höhlenbär" ist Professor Dr. Gernot
Rabeder aus Wien, Dr. Brigitte Hilpert aus Erlangen und Dr.
Wilfried Rosendahl aus Mannheim gewidmet. Alle drei sind
Höhlenbärenexperten und haben den Autor bei verschiedenen
Buchprojekten mit Rat und Tat unterstützt.
22
Ehemalige Dörfer
Mosbach und Biebrich
bei Wiesbaden
auf einem Plan von 1819
23
Wilhelm von Reichenau (18471925)
beschrieb 1904
den Mosbacher Bären (Ursus deningeri),
der auch Deninger-Bär genannt wird,
nach schätzungsweise
600.000 Jahre alten Funden
aus den
Mosbach-Sanden bei Wiesbaden.
24
Dorf Mosbach bei Wiesbaden auf einem Bild von 1815 (Bild oben).
Wasserturm und Sandgrube auf der Adolfshöhe in Biebrich um 1900
(Foto unten). In der Sandgrube wurde 1906/1907 der Bahnhof
Landesdenkmal gebaut. Er lag an der neuen Strecke vom Wiesbadener
Hauptbahnhof nach Limburg.
25
Aufschluss Mosbach-Sande 2008 (Foto oben).
Oberschädel eines Mosbacher Bären (Ursus deningeri)
aus den Mosbach-Sanden bei Wiesbaden (Foto unten).
Original im Naturhistorischen Museum Mainz
26
Oberschädel eines Mosbacher Bären (Ursus deningeri)
aus den Mosbach-Sanden bei Wiesbaden.
Original im Naturhistorischen Museum Mainz
27
Der Vorfahre des Höhlenbären
Nach gegenwärtigem Wissensstand entwickelte sich der Höh-
lenbär (Ursus spelaeus) im Eiszeitalter vielleicht bereits vor etwa
400.000 oder erst vor etwa 125.000 Jahren aus dem Mosbacher
Bären (Ursus deningeri), der auch Deninger-Bär genannt wird.
Dieser Bär wurde 1904 von dem Mainzer Paläontologen Wil-
helm von Reichenau (18471925) nach schätzungsweise 600.000
Jahre alten Funden aus den Mosbach-Sanden bei Wiesbaden
erstmals wissenschaftlich beschrieben. Mit dem Artnamen
deningeri erinnerte er an den in Mainz geborenen Geologen Karl
Julius Deninger (18781917).
Wilhelm von Reichenau stammte aus Dillenburg, war Offizier,
gab diesen Beruf aber wegen einer Kriegsverletzung auf. 1879
wurde er Präparator der Rheinischen Naturforschenden Ge-
sellschaft in Mainz, 1888 Konservator an deren naturkundlichem
Museum, 1907 Ehrendoktor der Philosophie der Universität
Gießen. Ab 1910 fungierte er als Direktor des neuen Natur-
historischen Museums Mainz und war ab jenem Jahr auch
Professor.
Die Mosbach-Sande sind nach dem Dorf Mosbach zwischen
Wiesbaden und Biebrich benannt, wo man schon 1845 in etwa
zehn Meter Tiefe erste eiszeitalterliche Großsäugerreste ent-
deckte. Dabei handelt es sich um Flussablagerungen des
eiszeitalterlichen Mains, der damals weiter nördlich als heute in
den Rhein mündete, des Rheins und von Taunusbächen.
1882 schlossen sich die Dörfer Mosbach und Biebrich zur Stadt
Mosbach-Biebrich zusammen. In der Folgezeit wuchs die
Bedeutung von Biebrich durch Schloss, Rheinverkehr, Industrie
und Kaserne so stark, dass man 1892 den Begriff Mosbach aus
dem Stadtnamen strich. Am 1. Oktober 1926 wurde Biebrich in
Wiesbaden eingemeindet.
Beim Abbau der Mosbach-Sande kommen immer wieder
Überreste von Wirbeltieren zum Vorschein, die wohl zum
28
Paläontologe Thomas Keller neben einem in Fundlage eingegipsten Fossil
in den Mosbach-Sanden bei Wiesbaden
Lebensbild des riesigen Mosbacher Löwen (Panthera leo fossilis)
von Fritz Wendler (19411995) aus Obergotzing bei Weyarn
29
größten Teil aus dem nach einem englischen Fundort be-
zeichneten Cromer-Komplex (etwa 800.000 bis 480.000 Jahre)
stammen. Das Klima im Cromer war nicht einheitlich. Einerseits
gab es milde, andererseits aber auch kühle Abschnitte.
Aus den Mosbach-Sanden hat Wilhelm von Reichenau 1906 auch
den Mosbacher Löwen (Panthera leo fossilis) erstmals beschrieben.
Diese Raubkatze aus der Zeit des Mosbacher Bären erreichte
eine Kopfrumpflänge bis zu 2,40 Metern. Zusammen mit dem
maximal 1,20 Meter langen Schwanz hatte dieser Löwe eine
Gesamtlänge bis zu 3,60 Metern, womit er die Durch-
schnittsgröße heutiger Löwen aus Afrika um rund einen halben
Meter übertraf. Nachzulesen ist dies in dem Taschenbuch
,,Höhlenlöwen" (2009) des Wiesbadener Wissenschaftsautors
Ernst Probst.
Das Naturhistorische Museum Mainz besitzt mit mehr als
25.000 Funden aus den Mosbach-Sanden die größte Sammlung
von Tieren aus dem Eiszeitalter des Rhein-Main-Gebietes. Die
rund 2000 Funde umfassende Sammlung von Fossilien aus den
Mosbach-Sanden im Museum Wiesbaden ist merklich kleiner,
kann sich aber dafür des älteren Bestandes rühmen.
Im Fundgut der Archäologischen Denkmalpflege Hessen in
Wiesbaden aus den Mosbach-Sanden sind Mosbacher Bären
nach Beobachtungen des Paläontologen Thomas Keller die
am häufigsten vertretenen Raubtiere. Keller unternimmt seit 1991
Forschungen in den Mosbach-Sanden. Unter den im Natur-
historischen Museum Mainz aufbewahrten Fossilien aus den
Mosbach-Sanden überwiegen bei den Raubtieren dagegen die
Wölfe.
Zu den ersten Funden aus den Mosbach-Sanden gehören Kno-
chen und Zähne eiszeitalterlicher Tiere, die von Sandgru-
benbesitzern und deren Arbeitern entdeckt wurden. Etliche dieser
Funde gelangten ab Mitte des 19. Jahrhunderts in das Museum
Wiesbaden. Als Erster begann August Römer (18251899), von
1886 bis 1899 Präparator und Konservator im Museum Wies-
baden, mit dem systematischen Sammeln von Fossilien aus den
30
Mosbacher Löwe (Panthera leo spelaea), Waldbison (Bison
schoetensacki), Mosbachpferd (Equs mosbachensis) und Geier (Gyps)
im Eiszeitalter vor etwa 600.000 Jahren
auf einem Gemälde von Fritz Wendler
31
Frühmenschen (Homo erectus), Waldnashorn (Dicerorhinus
kirchbergensis), Gepard (Acinonyx pardinensis) und Affen (Macaca)
im Eiszeitalter vor etwa 600.000 Jahren
auf einem Gemälde von Fritz Wendler
32
Eckzahn eines Mosbacher Bären (Ursus deningeri),
aus einer Spaltenfüllung von Sausenheim bei Grünstadt (Pfalz).
Original in der Sammlung Ulrich H. J. Heidtke,
Niederkirchen (Pfalz)
Fossilien-Experte
Ulrich H. J. Heidtke aus
Niederkirchen (Pfalz)
33
Mosbach-Sanden. Die von ihm aufgebaute Mosbach-Sammlung
wurde vom Museum Wiesbaden angekauft.
Die geologisch ältesten Mosbacher Bären kennt man aus Höhlen
von Deutsch-Altenburg in Niederösterreich. Dank der Reste
anderer Säugetiere aus denselben Fundschichten konnte ihr Alter
auf etwa 1,3 Millionen Jahre datiert werden. In Deutsch-
Altenburg kamen der große Mosbacher Bär und der kleine
Etruskische Bär bzw. Etruskerbär (Ursus etruscus) gleichzeitig vor.
Der Mosbacher Bär ähnelte äußerlich dem Höhlenbären, war
aber im Durchschnitt etwas kleiner als dieser. Er erreichte eine
Schulterhöhe von etwa 1,50 Meter und ein Gewicht bis zu 450
Kilogramm. Männliche Mosbacher Bären waren merklich größer
und schwerer als weibliche Artgenossen. Solche Größenunter-
schiede zwischen den Geschlechtern (Sexualdimorphismus) gibt
es bei allen Großbären.
Die Stirnwölbung des Mosbacher Bären war noch nicht so
ausgeprägt wie beim Höhlenbären. Im Laufe seiner Evolution
nahm der Mosbacher Bär an Größe zu und seine vorderen
Vorbackenzähne verschwanden allmählich. Seine Backenzähne
besaßen nicht wie beim Höhlenbären typische zusätzliche
Höcker, Kanten und Pfeiler. Die Extremitätenknochen sind
schlanker als beim Höhlenbären und gleichen denen des Braun-
bären. Der Mosbacher Bär war häuptsächlich Vegetarier.
Ein 1978 in den Mosbach-Sanden von Wiesbaden gefundener
rund 35 Zentimeter langer Unterarmknochen eines Mosbacher
Bären erzählt eine Krankheitsgeschichte. An diesem Fossil fallen
seitlich zwei unregelmäßig elliptisch geformte Vertiefungen mit
leichten randlichen Verdickungen am Knochenschaft auf. Of-
fenbar sind diese Vertiefungen durch Knochenabszesse
(Osteomylitis) entstanden. Sie gelten als Indizien für Ent-
zündungen an Knochen und Knochenmark, die entweder durch
Erreger über die Blutbahn oder durch Verwundungen verursacht
wurden. Diese krankhaften Veränderungen hatten keine
Auswirkungen auf das Größenwachstum dieses Tieres. Da alle
Knochenfugen geschlossen und verwachsen sind, ist dieser Bär
34
Lebensbild des Mosbacher Bären bzw. Deninger-Bären
(Ursus deningeri)
des Paläontologen Wilfried Rosenthal aus Mannheim
Lebensbild des
Mosbacher Löwen
(Panthera leo fossilis)
aus dem Eiszeitalter
vor etwa 600.000 Jahren
von Shuhei Tamura
aus Kanagawa
in Japan
35
im Erwachsenenalter gestorben. Wann und wo sich dieser
Mosbacher Bär die Entzündungen zugezogen hat und ob sie
seinen Tod herbeiführten, ist unbekannt.
Wenn der Mosbacher Bär tatsächlich erst vor etwa 125.000 Jahren
ausgestorben sein sollte, was der Wiener Paläontologe Gernot
Rabeder meint, hat er mehr als eine Million Jahre und somit viel
länger als der Höhlenbär existiert. Das Verbreitungsgebiet des
Mosbacher Bären reichte von den Britischen Inseln bis nach
Ostasien und war somit viel größer als das des Höhlenbären. Es
ist ein Rätsel, weshalb sich aus dem Mosbacher Bären nur in
Europa der Höhlenbär entwickelt hat.
36
Johann Christian Rosenmüller (17711820),
der von 1792 bis 1794
an der Universität Erlangen Medizin studierte,
beschrieb 1794
anhand eines vollständig erhaltenen Schädelfundes
aus der Zoolithenhöhle
von Burggaillenreuth bei Muggendorf
in der Fränkischen Alb
erstmals den Höhlenbären (Ursus spelaeus).
37
Wie der Höhlenbär
zu seinem Namen kam
Die erste wissenschaftliche Beschreibung des Höhlenbären (Ursus
spelaeus) erfolgte 1794 durch den Studenten Johann Christian
Rosenmüller (17711820). Er war im Frühjahr 1792 von der
Universität Leipzig an die Universität Erlangen gewechselt, um
dort ein Medizinstudium zu beginnen. Von Erlangen aus
unternahm er Wanderungen und Höhlenbesuche im rund 35
Kilometer entfernten Gebiet um ,,Muggendorf im Bayreu-
thischen Oberland", bevor er 1794 wieder an die Universität
Leipzig zurückkehrte.
Auch nach seinem Wechsel von Franken nach Sachsen vergaß
Rosenmüller die fossilen Tierreste aus den Höhlen in der Gegend
von Muggendorf nicht. Er untersuchte sorgfältig einen
vollständig erhaltenen Schädel aus der Zoolithenhöhle von
Burggaillenreuth bei Muggendorf. Als Zoolithen (griechisch:
zoon = Tier, lithos = Stein) wurden früher Fossilfunde
bezeichnet. Rosenmüller erkannte, dass es sich bei dem Schädel
aus der Zoolithenhöhle um den Rest eines Tieres handelte, das
zwar zur Gattung der Bären gehörte, aber weder ein Eisbär noch
ein Braunbär war. Wegen des häufigen Vorkommens solcher
Bärenreste in Höhlen bezeichnete er die neue Art als Ursus spelaeus
(lateinisch: Ursus = Bär, griechisch: spelaia = Höhle), zu deutsch:
Höhlenbär.
Die Aufstellung der Art Ursus spelaeus erfolgte in der ,,dissertatio"
namens ,,Quaedam de Ossibus Fossilibus Animalis cuiusdam,
Historiam eius et Cognitionem accuratiorem illustrantia". Zu
deutsch: ,,Eine anschauliche Darstellung der fossilen Knochen
eiens gewissen Tieres, seine Geschichte sowie nähere
Erläuterungen". Rosenmüller legte diese Arbeit am 22. Oktober
1794 zur Erlangung des akademischen Titels eines ,,Doktors der
Weltweisheit" an der Philosophischen Fakultät der Universität
38
Schädel aus der Zoolithenhöhle von Burggaillenreuth bei Muggendorf,
den Johann Christian Rosenmüller 1794 als Höhlenbären (Ursus spelaeus)
wissenschaftlich beschrieb
Georges Cuvier (17691832),
französischer Anatom
und Zoologe aus Paris
Johann Christian August
Heinroth (17731843),
deutscher Psychiater
39
Leipzig vor. Damit erwarb Rosenmüller einen Titel, der dem
eines heutigen Doktors der Philosphie entspricht.
Bei dieser ,,dissertatio" handelte es sich nicht, wie in der Literatur
manchmal zu lesen ist, um eine Gemeinschaftsarbeit von
Rosenmüller und des späteren Psychiaters Johann Christian
August Heinroth (17731843). Heinroth wird zwar als bei der
Präsentation der Ergebnisse assistierender Student der Medizin
namentlich erwähnt, aber nicht als Erwerber eines Titels. Aus
diesem Grund ist das Zitat ,,Ursus spelaeus ROSENMÜLLER &
HEINROTH 1794" falsch. Heinroth legte seine Dissertation
zum ,,Dr. med." 1805 an der Universität Leipzig vor. Auf diese
Tatsachen wiesen 2005 die Wissenschaftler Wilfried Rosendahl
(Mannheim), Doris Döppes (Darmstadt) und Stephan Kempe
(Darmstadt) hin.
1795 veröffentlichte Rosenmüller die erweiterte deutsche Fassung
seiner Erstbeschreibung des Höhlenbären von 1794 unter dem
Titel ,,Beiträge zur Geschichte und nähern Kenntniß fossiler
Knochen". Auch in dieser Arbeit verwies er darauf, dass es sich
bei Ursus spelaeus um einen Bären handle, der den Artnamen
spelaeus zu recht verdiene. 1804 schloss Rosenmüller mit seinem
Werk ,,Abbildungen und Beschreibungen der fossilen Knochen
des Höhlenbären" seine Untersuchungen der bis dahin bekannten
Skelettteile des Höhlenbären ab.
Auch der berühmte französische Anatom und Zoologe Georges
Cuvier (17691832) aus Paris hat sich eingehend mit dem
Höhlenbären befasst. Er wurde im damals zu Württemberg
gehörenden Mömpelgard (Montbéliard) geboren, hieß eigentlich
Georg Küfer und gilt als Begründer der Wirbeltierpaläontologie.
Cuvier prägte für den Höhlenbären die Bezeichnung ,,der große
Bär mit der gewölbten Stirne" und beschrieb in einer Ver-
öffentlichung zahlreiche damals bekannte Höhlen, in denen man
Knochen ausgestorbener Tiere gefunden hatte.
In der wissenschaftlichen Systematik wird der Höhlenbär heute
zu den Chordatieren (Chordata), Säugetieren (Mammalia),
Raubtieren (Carnivora), Bären (Ursidae) und zur Gattung Ursus
40
gerechnet. Innerhalb der Gruppe der Raubtiere kennt man vier
Familien von Bären: nämlich Katzenbären (wie der Kleine
Panda), Bambusbären (wie der Große Panda), Kleinbären (wie
der Waschbär) und Großbären (wie der Braunbär und der Eisbär).
Zu letzterer Familie zählt auch der ausgestorbene Höhlenbär.
Für Laien klingt es etwas seltsam, dass der Höhlenbär, der ein
Pflanzenfresser war, als Raubtier bezeichnet wird.
Kleiner Panda
Großer Panda
Waschbär
Großbären bzw. Grizzlybären
41
Johann Christian Rosenmüller
Der Mann, dem die Ehre gebührt, 1794 als Erster den
ausgestorbenen Höhlenbären (Ursus spelaeus) wissenschaftlich
beschrieben und benannt zu haben, ging nicht nur in die Annalen
der Paläontologie, der Lehre vom Leben in der Urzeit, sondern
auch der Medizin ein. Denn Johann Christian Rosenmüller war
in seinem späteren Leben als Arzt und Anatom sehr erfolgreich.
Diese Tatsache wird allerdings von manchem heutigen Lexikon
verschwiegen.
Johann Christian Rosenmüller kam am 25. Mai 1771 in Hessberg
bei Hildburghausen (Thüringen) zur Welt. Sein Vater, der
Kanzelredner und theologische Schriftsteller Johann Georg
Rosenmüller, ließ ihm eine gute Erziehung zuteil werden. Ersten
Unterricht erhielt er in Schulen von Königsberg (Franken) und
Erfurt. Bereits damals besaß er ein ungewöhnliches zeichne-
risches Talent.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Gießen ging Johann Christian
Rosenmüller an die Universität Leipzig, wo er 1792 den aka-
demischen Grad eines Magisters erlangte. 1792 begann er an der
Universität Erlangen ein Medizinstudium. In seiner Freizeit
unternahm er von Erlangen aus Wanderungen, besuchte Höhlen
im Gebiet um ,,Muggendorf im Bayreuthischen Oberland", also
in der heutigen Fränkischen Schweiz, und betrieb natur-
wissenschaftliche Studien.
Während seiner Studentenzeit in Erlangen besuchte Rosenmüller
am 18. Oktober 1793 zusammen mit dem Höhleninspektor
Georg Wunder und dessen Sohn Johann Ludwig eine Höhle bei
Muggendorf im Wiesenttal. Die Angaben über die Entdeckung
dieser 112 Meter langen und bis zu 16 Meter hohen Tropf-
steinhöhle in der Literatur sind sehr widersprüchlich. Einerseits
heißt es, diese Höhle sei den Einwohnern von Muggendorf schon
lange bekannt gewesen und die Kirchenverwaltung habe während
des Dreißigjährigen Krieges (16181648) dort ihre Schätze
42
Die Rosenmüllerhöhle bei Muggendorf
im Wiesenttal in der Fränkischen Alb
ist nach dem Anatom Johann Christian Rosenmüller benannt.
Er hatte diese Höhle
während seiner Studentenzeit in Erlangen
am 18. Oktober 1793
zusammen mit zwei Begleitern besucht.
43
versteckt. Andererseits wird behauptet, diese Höhle sei 1790 von
Johann Ludwig Wunder entdeckt worden.
Wie dem auch sei: Die erste belegte Befahrung dieser Höhle im
Oktober 1793, die man fortan Rosenmüllerhöhle oder Rosen-
müllershöhle nannte, war ein Abenteuer. Die Erstbefahrer ließen
sich vielleicht mit Hilfe eines Seiles oder mit zusammen-
gebundenen Leitern vom ursprünglichen schmalen Einstieg
bis zum etwa 16 Meter tiefer liegenden Höhlenboden hinab. Zum
Aufstieg sollen mehrere aneinander gebundene Strickleitern
verwendet worden sein.
Rosenmüller beschrieb diese Höhle einige Jahre später in seiner
Abhandlung ,,Abbildungen und Beschreibungen merkwürdiger
Höhlen in Muggendorf im Bayreuthischen Oberlande" (1796).
Auch andere Autoren wie Johann Gottfried Köppel (1749
1798), Karl Ludwig von Knebel (17441834) und Georg August
Goldfuß (17821848) befassten sich mit der Rosenmüllerhöhle
und veröffentlichten Illustrationen und Kupferstiche. 1830 erhielt
die Rosenmüllerhöhle einen künstlichen Eingang und von 1836
bis etwa 1960 diente sie als Schauhöhle.
Die Rosenmüllerhöhle war ursprünglich mit verschiedenen Sin-
terformen wie Wand-, Boden-, Deckensinter, Sinterbecken,
Tropfsteinen und Wasserstandsmarken geschmückt. Nach der
Einstellung des Schauhöhlenbetriebes haben unvernünftige Besu-
cher/innen im für Menschenhand zugänglichen Bereich jeglichen
Sinterschmuck geraubt. Deshalb kann die einstige Schönheit der
Rosenmüllerhöhle heute nur noch erahnt werden.
1794 kehrte Rosenmüller an die Universität Leipzig zurück. Am
22. Oktober jenes Jahres legte er an der Philosophischen Fakultät
Leipzig seine in lateinischer Sprache verfasste Arbeit ,,Quaedam
de ossibus fossilibus animalis cuiusdam, historiam eius et
cognitionem accuratiorem illustrantia, dissertatio, quam d. 22.
Octob. 1794. Ad disputandum proposuit Ioannes Christ.
Rosenmüller Heßberga-Francus, LL. AA. M. in Theatro
anatomico Lipsiensi Prosector assumto socio Io. Chrs. Heinroth
Lips Med. Stud. Cum. tabula aenea". vor. Darin beschrieb er
44
erstmals den Höhlenbären und bezeichnete ihn als Ursus spelaeus.
Damit erwarb er den akademischen Titel eines ,,Doktors der
Weltweisheit".
1797 wurde Rosenmüller ,,Dr. med." und ließ sich danach als
praktischer Arzt in Leipzig nieder. Ab 1799 arbeitete er als
Garnisonsarzt. 1802 avancierte er an der Universität Leipzig zum
außerordentlichen Professor der Anatomie und Chirurgie. 1804
wurde er ordentlicher Professor in diesen Fächern und Besitzer
der medizinischen Fakultät.
Die wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten von Rosen-
müller erhielten immer mehr Anerkennung in der Fachwelt. Man
ernannte ihm zum ,,Hofrath" und verlieh ihm etliche Aus-
zeichnungen.
Bei seinen zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen
über medizinische Themen profitierte Rosenmüller von seinem
großen zeichnerischen Talent. Am bekanntesten ist sein Werk
,,Handbuch der Anatomie nach Leber's Umriß der Zerglie-
derungskunst zum Gebrauche für Vorlesungen" (1808).
Jedem Mediziner ist der Name von Johann Christian Rosenmüller
wegen der so genannten ,,Rosenmüller'schen Grube" vertraut.
Darunter versteht man eine zwischen der Rachenöffnung der
Ohrtrompete und der hinteren Schlundtopfwand von der
Schleimhaut gebildete nach außen und oben gerichtete, blinde
und drüsenreiche Bucht.
1809 legte Rosenmüller sein Amt als Universitätsphysikus nieder.
Während seiner letzten Lebensjahre litt er an asthmatischen
Beschwerden. Bei einem seiner Anfälle in der Nacht vom 28.
zum 29. Februar 1820 starb er im Alter von nur 48 Jahren in
Leipzig.
Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg wird ein Bild
von Johann Christian Rosenmüller aufbewahrt. Dieses Porträt
wurde in Leipzig von dem Künstler Johann Friedrich Schröter
(17701836) gezeichnet und gestochen. Es trägt den Titel ,,D.
Joh. Christ. Rosenmüller. Professor Ordin. der Anatomie u.
Chirurgie in Leipzig".
45
Weitere Formen der Höhlenbären
Dank der bahnbrechenden Forschungen des österreichischen
Paläontologen Gernot Rabeder aus Wien kennt man heute
weitere Formen des Höhlenbären aus dem Jungpleistozän (etwa
125.000 bis 11.700 Jahre) in Mitteleuropa. Dabei handelt es sich
neben dem bereits seit 1794 bekannten Höhlenbären (Ursus
spelaeus) um drei erst 2004 identifizierte Formen namens Ursus
spelaeus ladinicus (ladinischer Bär oder Conturinesbär), Ursus spelaeus
eremus (Rameschbär) und Ursus ingressus (Gamssulzenbär). Die
neuen Formen ließen sich anhand ihres Erbgutes (mitochondriale
DNA) sowie nach metrischen und morphologischen Kriterien
unterscheiden.
Ursus spelaeus ladinicus wurde 2004 von Rabeder nach Funden aus
der Conturineshöhle bei Sankt Kassian (San Ciascian) in den
Dolomiten (Südtirol, Italien) erstmals beschrieben. Der Name
ladinicus dieser Unterart erinnert daran, dass die Typuslokalität
Conturineshöhle in Ladinien (Südtirol) liegt. Laut Rabeder könnte
der kleine ladinische Bär oder Conturinesbär eine Unterart des
Höhlenbären (Ursus spelaeus) gewesen sein. Die in rund 2800
Meter liegende Conturineshöhle ist der höchste Fundort von
Höhlenbären und Höhlenlöwen (Panthera leo spelaea). Funde des
ladinischen Bären kennt man aus Höhlen in der Steiermark (Bä-
renhöhle im Kleinen Brieglersberg) und der Schweiz (Sulzfluh-
höhle im Rätikon) und womöglich aus Slowenien (Ajdovska
jama).
Ursus spelaeus eremus wurde 2004 von Rabeder nach Funden aus
der Ramesch-Knochenhöhle im Warscheneck in Oberösterreich
erstmals beschrieben. Ramesch ist vom lateinischen Begriff
eremus (einsam, allein stehend) abgeleitet. Außerdem kennt man
Funde von Ursus spelaeus eremus aus Höhlen in der Steiermark
(Brettsteinbärenhöhle, Ochsenhalthöhle, Salzofenhöhle, alle drei
im Toten Gebirge), Niederösterreich (Herdengelhöhle, Schwa-
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Der österreichische Paläontologe Gernot Rabeder aus Wien
hat neue Formen des Höhlenbären aus Mitteleuropa beschrieben.
Dabei handelt es sich neben dem Höhlenbären (Ursus spelaeus)
um drei Formen:
Ursus spelaeus ladinicus (ladinischer Bär oder Conturinesbär),
Ursus spelaeus eremus (Rameschbär) und
Ursus ingressus (Gamssulzenbär).
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benreithhöhle), Oberösterreich (Schreiberwandhöhle), Bayern
(Neue Laubenstein-Bärenhöhle in den Chiemgauer Alpen).
Der kleine Rameschbär (Ursus spelaeus eremus) könnte ebenfalls
eine Unterart des Höhlenbären (Ursus spelaeus) repräsentieren.
Es ist aber laut Rabeder auch denkbar, dass die beiden alpinen
Unterarten Ursus spelaeus eremus und Ursus spelaeus ladinicus zu einer
Art gehören, die dann Ursus ladinicus heißen müsste.
Ursus ingressus ist 2004 von Rabeder nach Funden aus der
Gamssulzenhöhle oberhalb des Gleinkersees im Toten Gebirge
in Oberösterreich erstmals beschrieben worden. Bei diesem
großen Gamssulzenbär handelt es sich nach Ansicht von Rabeder
um eine eigenständige Art, die vor rund 50.000 Jahren in die
Alpen und Dinariden eingewandert ist.
Ursus ingressus hat den angestammten Höhlenbären Ursus spelaeus
in Höhlen des Achtals in Baden-Württemberg wie Geißenklö-
sterle bei Blaubeuren-Weiler und Hohle Fels bei Schelklingen
sowie Ursus spelaeus eremus in der Herdengelhöhle bei Lunz am
See in Niederösterreich verdrängt. Darauf bezieht sich der
Artname ingressus (zu deutsch: Eindringen). Wo Ursus ingressus
entstand, ist bisher ungeklärt.
Der Gamssulzenbär ist außer in Österreich (Bärenhöhle im
Hartelsgraben bei Hieflau, Kugelsteinhöhle II bei Deutsch-
feistritz, Lieglloch bei Tauplitz im Toten Gebirge, Drachenhöhle
bei Mixnitz, Nixloch bei Losenstein-Ternberg) auch in der
Schweiz (Schnurenloch im Berner Oberland, Wildkirchli im
Säntis) und in Slowenien (Potocka zijalka in den Karawanken,
Krizna jama bzw. Kreuzberghöhle) nachgewiesen.
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Der deutsche Naturforscher Georgius Agricola (14941555),
bürgerlich Georg Bauer, Begründer der Mineralogie, Metallurgie
und Bergbaukunde, bezeichnete alle ausgegrabenen Besonderheiten
des Erdbodens als Fossilien.
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Was sind Fossilien?
Als Fossilien (lateinisch: fodere, fossum = ausgegraben) werden
heute nur die Überreste von ausgestorbenen Pflanzen und Tieren
sowie deren Lebensspuren bezeichnet. Ursprünglich, zum Bei-
spiel vom deutschen Naturforscher Georgius Agricola (1494
1555), bürgerlich Georg Bauer, dem Begründer der Mineralogie,
Metallurgie und Bergbaukunde, hat man alle ausgegrabenen Be-
sonderheiten des Erdbodens, auch Mineralien und Stein-
werkzeuge, so genannt.
Die Geschichte des Lebens auf unserem Planeten könnte nicht
geschrieben werden, wenn die Vorfahren der heute lebenden
Pflanzen und Tiere nicht ihre Spuren oder fossilen Reste hin-
terlassen hätten. Diese Überreste, also die Fossilien, ermöglichen
es, die Entwicklung zu immer höher entwickelten Formen zu
verfolgen.
Unzählige Milliarden von Tieren sind seit der Entstehung des
Lebens auf der Erde vor etwa vier Milliarden Jahren gestorben.
Trotzdem ist unser Planet nicht von Relikten toter Tiere übersät.
Denn die Überreste bleiben nur in Ausnahmefällen erhalten.
Ein Fluginsekt oder ein Vogel etwa haben kaum Aussichten,
innerhalb ihres Lebensraums fossilisiert zu werden. Dies kann
nur geschehen, wenn der Körper des toten Organismus bald
nach dem Absterben durch Schlamm oder Sand bedeckt wird.
Zwar zersetzt sich auch dann der Weichkörper, aber die Hartteile
werden vor der Zerstörung bewahrt.
Auch landlebende Wirbeltiere, wie Saurier, Mammute oder
Nashörner, werden selten als Fossilien geborgen, weil ihre
Leichen auf der Erdoberfläche der Zersetzung und der Ver-
witterung preisgegeben sind. Deshalb haben Pflanzen und Tiere,
die einst in Meeren, Seen und Flüssen gelebt haben, eine größere
Chance, der Nachwelt erhalten zu bleiben, als solche, die auf
dem Land lebten.
Die wichtigste Voraussetzung für die Überlieferung eines
50
Mammut (Mammuthus primigenius)
aus dem Eiszeitalter.
In den Dauerfrostböden Sibiriens
entdeckte man
zahlreiche große und kleine Mammute,
die so tief gefroren waren,
dass ihr Fell,
ja sogar ihr Fleisch,
unzerstört blieb
und ihr Magen
noch unverdaute Pflanzennahrung enthielt.
Es liegen sogar Berichte vor,
denen zufolge Hunde von Zobeljägern
das Fleisch von Mammuten
gefressen haben sollen
Die Zeichnung oben
zeigt die Rekonstruktion eines Mammuts
aus der Hand
des österreichischen Paläontologen
Othenio Abel (18751946).
51
vollständigen Skeletts ist, dass der Tierkörper nach dem Tod
nicht mehr passiv fortbewegt wird, sondern an seinem Sterbe-
ort bleibt, eingebettet wird und so völlig ungestört versteinern
kann.
In Steppen und Wüsten konservierte der angewehte Staub und
der alles einhüllende Feinsand die toten Tierkörper im Skelett-
verband. Da solche Einbettungsorte meist äußerst trockenes und
warmes Klima haben, treten dort Mumifizierungen auf, die sogar
zur Erhaltung von organischer Substanz, meist von harten
Häuten und Schuppenkleidern, führen.
Säugetiere des Tertiärs (etwa 65 bis 2,6 Millionen Jahre) und
besonders des Eiszeitalters (etwa 2,6 Millionen bis 11.700 Jahre)
und der Nacheiszeit wurden häufig in Kiesen, Sanden und Tonen
von Flüssen eingebettet. Hier kamen jedoch zu der Zerstörung
und Zerteilung des Körpers durch den Transport und die sau-
erstoffreichen Wässer noch die Abrollung der Knochen und ihr
Anschliff durch Sande hinzu. Nur die widerstandsfähigsten
Skelettteile wurden in diesem Fall überliefert. Oft sind Zähne
mit ihrem harten Dentin (Zahnbein) und den Zahnschmelz-
überzügen die einzigen übrigbleibenden Reste von Wirbeltieren.
Dies gilt für die großen Backenzähne von Elefanten und
Nashörnern ebenso wie für die kleinen Kauwerkzeuge von
Mäusen und anderen Kleinsäugern.
Eine besondere Form der Überlieferung ermöglichte der Vorgang
der Entkalkung einerseits und die Erhaltung von Haut und
sonstigen organischen Resten andererseits in eiszeitalterlichen
oder nacheiszeitlichen Moorablagerungen. Ein im Moor
versunkener Körper wird zwar durch die Humussäure des Bodens
entkalkt und sinkt deshalb auch flach in sich zusammen, aber
die Säure bewirkt gleichzeitig einen Gerbprozess, durch den die
Haut lederartig wird.
Tierische Fossilien sind aber nicht die einzigen Zeugen der Urzeit.
Die überdeckten Reste von Pflanzen etwa werden manchmal in
Kohle umgewandelt. Diesen Vorgang nennt man Inkohlung.
Frühzeitliche Insekten wiederum, die sich einst in klebrigem Harz
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verfingen, wurden in diesem, zu Bernstein erhärtet, der Nachwelt
erhalten. Unter Luftabschluss bleibt dann selbst das feinste
Geäder der Flügel sichtbar.
Auch Eier, Tierausscheidungen (Koprolithen), Schwanz- und
Fußabdrücke können fossilisiert werden.
In den Dauerfrostböden Sibiriens fand man zahlreiche große
und kleine Mammute, die so tief gefroren waren, dass ihr Fell, ja
auch ihr Fleisch, unzerstört blieb und ihr Magen unverdaute
Pflanzennahrung enthielt. Es wird berichtet, dass Hunde von
Zobeljägern sogar ihr Fleisch gefressen hätten.
Bei der Fossilisation können verschiedene chemische Vorgänge
getrennt oder nebeneinander vorkommen: die Verkieselung, die
Einkieselung oder die Verkiesung.
Bei der Verkieselung wird ursprüngliches Material (Kalkschale,
Holz oder Knochengewebe) abgebaut und durch Kieselsäure
(SiO) ersetzt. Auf diese Weise erfolgt molekülweise ein Austausch
gegen Kieselsäure, wobei die ursprüngliche Struktur (etwa
Jahresringe in Bäumen) sehr genau abgebildet werden kann
(Pseudomorphose).
Im Gegensatz dazu bezeichnet die Einkieselung einen Vorgang,
bei dem ein ursprünglicher Hohlraum nachträglich ganz oder
teilweise mit Kieselsäure ausgefüllt wird. Bei der Einkieselung
werden zum Beispiel die Hohlräume von Schneckenhäusern mit
Kieselsäure gefüllt. Dieser steinerne ,,Ausguss" eines Hohl-
raumes, der Steinkern, bleibt auch dann noch erhalten, wenn die
Kalkschale des Gehäuses gelöst wird. Häufiger erfolgt die
Ausgießung eines Hohlraumes jedoch durch Sedimente.
Eine Verkiesung liegt vor, wenn ursprüngliche Substanz durch
Pyrit (,,Schwefelkies") oder Markasit ersetzt wird zum Beispiel,
wenn die ehemalige Kalkschale eines Ammoniten durch Pyrit
ersetzt wird.
Vorgänge, die Organismenleichen so vorbereiten, dass sie in den
späteren Zustand eines Fossils übergehen können, gibt es
natürlich auch heute.
53
In der Würm-Eiszeit vor etwa 42.000 bis 35.000 Jahren entstanden:
die ältesten Löwenspuren Europas von Bottrop-Welheim
54
Schnitt durch die
knochenreichen Schichten
der Zoolithenhöhle
von Burggaillenreuth
bei Muggendorf
in der Fränkischen Alb
(Bild oben).
Diese Zeichnung
wurde 1823
in einer Publikation des
englischen Paläontologen
William Buckland
(18741856, Bild unten)
veröffentlicht.
55
Wie Fossilien
von Höhlenbären entstehen
Ein durch einen Feind getötetes oder auf natürliche Weise
gestorbenes Säugetier wird meistens von Beutegreifern oder
Aasfressern beseitigt. Ist dies nicht der Fall, erledigen dies neben
dem Selbstzerfall oft zahlreiche kleinere Lebewesen vom
Aaskäfer bis zu Mikroorganismen. Lediglich unter bestimmten
günstigen Bedingungen, wie sie zum Beispiel in Höhlen vorlie-
gen, bleiben harte Teile wie Knochen und Zähne als Fossilien
erhalten.
In Höhlen befinden sich auf engem Raum vielfach Tierreste,
die im Laufe von Jahrtausenden angehäuft wurden. Die große
Zahl von Höhlenbärenknochen in Höhlen ist aber keineswegs
auf Massensterben dieser Tiere, Leben in großen Herden,
Epidemien oder Abschlachten in Scharen durch Steinzeit-
menschen zurückzuführen. Selbst wenn nur etwa alle zehn Jahre
ein Höhlenbär starb, so summierte sich dies innerhalb von 1000
Jahren bereits auf rund 100 tote Tiere oder innerhalb von 10.000
Jahren sogar auf ungefähr 1000 tote Tiere. Die Fundlage der
Höhlenbären ist häufig nicht mit derem eigentlichen Sterbeort
identisch, weil ihre Reste durch andere Höhlenbären zerstreut,
durch Raubtiere angefressen, durch Wasser transportiert oder in
Ablagerungen eingebettet wurden.
Der aus Ton und Mergel bestehende Höhlenboden bietet be-
sonders gute Bedingungen für die Konservierung der Höhlen-
bärenknochen, die oft von einer mehr oder weniger dicken
Kalkschicht überzogen sind. In großen und tiefen Höhlen konnte
kalte Luft nicht durchziehen und blieb die Feuchtigkeit gering.
Dort lebten im Winter im Laufe der Zeit einige hundert
Generationen von Höhlenbären. Die Knochen der verendeten
Höhlenbären bedeckten den Höhlenboden und wurden von
herumgehenden Bären zerdrückt und verschoben. In Nischen
56
In der Drachenhöhle bei Mixnitz in der Steiermark
lagen Reste zahlreicher Höhlenbären. Diese Zeichnung entstand 1747.
57
und Winkeln häuften sich Zähne, Knochen und Knochen-
trümmer an und wurden teilweise von herabfallendem Gestein
des Höhlendaches zugeschüttet.
In engen Höhlendurchgängen entstanden durch ständige Be-
wegung der Knochen auf dem Boden, die man als trockene
Scheuerung oder ,,charriage à sec" bezeichnet, häufig rätselhafte
abgeschliffene Gebilde. Letztere wurden irrtümlicherweise oft
als vom Menschen bearbeitete Höhlenbärenknochen betrachtet.
Zu den ersten Erforschern von Höhlen, die auf die natürliche
Abscheuerung von Knochen durch Bären hingewiesen haben,
zählte der schweizerische Augenarzt und Höhlenforscher
Frédéric-Édouard Koby (18901969) aus Basel. Er wies auch
nach, dass angebliche Werkzeuge prähistorischer Menschen (so
genannte Pseudoartefakte) auch in Höhlen wie im Zahnloch
vorkamen, aus denen keine Spuren von Menschen vorliegen.
Im Laufe der Zeit häuften sich in Höhlen wahre Berge von
Höhlenbärenfossilien an, weil alte, kranke und junge Tiere in
den langen Wintern starben, wenn sie geschwächt waren oder
sich im Herbst keine großen Fettpolster als Nahrungsreserven
hatten zulegen können. Und mancher Höhlenbär erstickte
vielleicht nach einer bisher unbestätigten Theorie in seiner
eigenen verbrauchten Atemluft, wenn die Sauerstoffzufuhr im
Winterquartier nicht ausreichte.
Katastrophen wie Einsturz von Höhlendecken, Überschwem-
mungen oder Seuchen spielten bei der Anhäufung von Höh-
lenbärenknochen keine Rolle. Der Knochenreichtum ist vielmehr
allein das Ergebnis der langen Besiedlungsdauer der Höhlen. In
den im Laufe von rund 6000 Jahren entstandenen Ablagerungen
der Sybillenhöhle auf der Teck (Schwäbische Alb) zum Beispiel
entdeckte man Reste von rund 100 Höhlenbären. Dies deutet
darauf hin, dass dort im Durchschnitt nur alle 60 Jahre ein
Höhlenbär starb.
In der Drachenhöhle bei Mixnitz in der Steiermark kam auf drei
Männchen nur ein Weibchen. Dies muss allerdings keinesfalls
bedeuten, dass es damals mehr Bären als Bärinnen gab, sondern
58
Tschechischer Arzt,
Archäologe und Speläologe
Jindrich (Heinrich) Wankel
(18211897)
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könnte daher kommen, dass die Weibchen mit ihren Jungen oft
kleinere ungestörte Höhlen aufsuchten.
In Höhlen mit Tierresten aus dem Eiszeitalter erreichte der Anteil
von Höhlenbärenknochen oft bis zu 90 Prozent. Dies ist der
Grund dafür, dass zahlreiche Höhlen als Bärenhöhle oder als
Bärenloch bezeichnet werden. In der Höhle von Sloup (Tsche-
chien) zum Beispiel fand man laut einer Statistik des
tschechischen Arztes, Archäologen und Speläologen Jindrich
(Heinrich) Wankel (18211897) Reste von insgesamt 988
Höhlenbären, neun Hyänen, zwei Höhlenlöwen und von einem
Vielfraß.
Doris Probst
Vom Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst stammen auch folgende Titel:
Höhlenlöwen
Säbelzahnkatzen
Der Ur-Rhein
Rekorde der Urzeit
Rekorde der Urmenschen
Archaeopteryx
on Wednesday, October 21, 2009-