Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
1.1 Gentechnik: die neuen Herausforderungen in den Biowissenschaften 4
1.2 Aufbau der Arbeit und Methodik 6
1.3 Definitionen der Begrifflichkeiten 7
1.4. Wissenschaftliche Fakten zur IVF, PID und Gentechnik 8
2. Hauptteil 12
2.1 Zur Geschichte der Eugenik 12
2.1.1 Die „alte“ Eugenik. 12
2.1.2 Die „neue“ Eugenik 16
2.2 Diskussion verschiedener Positionen zur Anwendung von Gentechnik in der
Reproduktionsmedizin. 18
2.2.1 Julian Savulescu: Das Prinzip der „Procreatice Beneficience 20
2.2.2 Ronald Dworkin: Liberale Eugenik 27
2.2.3 Michael J. Sandel. 34
2.2.4 Jürgen Habermas. 45
2.3 Folgeproblematik bei der Anwendung von Gentechnik in der
Reproduktionsmedizin. 53
2.3.1 Gesellschaftliche Veränderungen durch Gentechnik 53
2.3.2 Auswirkungen der Gentechnik für behinderte Menschen. 56
3. Schluss. 60
3.1 Zusammenfassung. 60
3.2 Fazit des Autors und Antwort zur Forschungsfrage. 61
2
4. Literaturverzeichnis 64
5. Anhang 67
5.1 Glossar. 67
5.2 Schaubilder 69
5.2.1 Schema DNA-Strang. 69
5.2.2 Replikation des DNA-Strangs. 70
5.2.3 Schema künstliche Befruchtung (IVF) 70
5.2.4 Zellentnahme vom Embryo für die PID 71
5.2.5 Schema für PID. 72
3
1. Einleitung
1.1 Gentechnik: die neuen Herausforderungen in den Biowissenschaften
Mit der Geburt von Louise Brown am 25. Juli 1978 in Manchester, England, wurde in den Bereichen der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin eine neue Ära eingeleitet. Sie war das erste Kind, das erfolgreich von Wissenschaftlern mit der Methode der In-Vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt und danach in die Gebärmutter ihrer leiblichen Mutter implantiert wurde. Der Erfolg dieser Methode hat die Reproduktionsmedizin seitdem revolutioniert und Wissenschaftlern weltweit ein ganzes Spektrum an neuen Möglichkeiten eröffnet, nicht nur in der Reproduktionsmedizin. Die künstliche Erzeugung von Embryonen und die Möglichkeit, diesen Vorgang genauestens zu untersuchen, ebneten den Weg für die Forschung am Menschen.
Ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Geschichte der menschlichen Genforschung war das Human Genom Projekt. Es wurde ins Leben gerufen, um das menschliche Genom (DNS=Desoxyribonukleinsäure) zu entschlüsseln. Das Human Genom Projekt wurde bereits erfolgreich abgeschlossen - seit dem 23. April 2003 ist auch der breiten Öffentlichkeit bekannt, dass das menschliche Genom aus etwa 30.000 Genen besteht. Mittlerweile ist es auch gelungen, Zellen eines IVF gezeugten Embryonen zu extrahieren und vor der Übertragung genetisch zu untersuchen. Das Verfahren der Präimplantationsdiagnostik (PID) ermöglicht es, genetisch veranlagte Krankheiten schon frühzeitig zu erkennen und Träger dieser Defekte „auszusortieren“, also deren Weiterentwicklung zu verhindern. Dies war zwar auch schon mit der Pränataldiagnostik (PND) möglich, allerdings ist eine Abtreibung im Vergleich zu einer PID mit weitaus größeren physischen und psychischen Belastungen verbunden. Die Bindung zu einem im Reagenzglas gezeugten Embryonen unterscheidet sich erheblich von der Bindung zu einem Embryo, der sich schon im Leib der Mutter befindet. Daher fällt das Verwerfen von im Reagenzglas gezeugten Embryonen auch einfacher.
Diese neuen technischen Möglichkeiten im Bereich der Biomedizin stellen die Gesellschaften weltweit vor neue ethische und moralische Herausforderungen. Die neuen Technologien werfen gänzlich neue Fragen auf, die zur Diskussion gestellt
4
werden müssen. Wissen ist bekanntlich Macht - und neues Wissen schafft neue Möglichkeiten.
Einhergehend mit der Erweiterung der bisher vorhandenen Handlungsoptionen kommt es aber auch zu neuen, bisher nicht gekannten Entscheidungszwängen. Der Gesellschaft wird in diesem Bereich eine große, neue Verantwortung auferlegt. Sie muss dieser Verantwortung in kürzester Zeit gerecht werden, denn der technische Fortschritt gibt ein enormes Tempo vor. Das Hauptproblem, mit dem sich die Gesellschaft konfrontiert sieht, ist dabei die mögliche Aufweichung bisher allgemein gültiger Normen und Werte durch den technologischen Fortschritt. Es besteht somit die Gefahr, dass die etablierten Normen und Werte zukünftig somit nicht mehr als Orientierungshilfe in der Gesellschaft dienen können. In der Debatte über die Gentechnik in der Reproduktionsmedizin werden von verschiedenen Seiten eine Vielzahl unterschiedlicher Zukunftsszenarien entworfen, die sich im Kern jedoch alle mit denselben Problemen befassen: Dem Verlust der Natürlichkeit und der Individualität des Menschen. Die neuen medizinischen Techniken stehen unter dem Generalverdacht, eine neue Form der Eugenik zu bewirken, beziehungsweise einer solchen fast unbemerkt die Tür zu öffnen. Eugenik beschreibt die Umsetzung humangenetischer Erkenntnisse in der Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern. Die Zulassung der PID wird allgemein als der entscheidende Schritt dafür gesehen, der Gentechnik im Bereich der weiteren Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin Tür und Tor zu öffnen. Dementsprechend kontrovers und zuweilen auch emotional wird die Debatte geführt.
Die vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, ob mit der Anwendung von Gentechnik in der Reproduktionsmedizin die Gefahr besteht, eine neue Form von Eugenik zu fördern und diese gesellschaftsfähig zu machen.
5
Aufbau der Arbeit und Methodik 1.2
Die vorliegende Magisterarbeit ist in drei Teile gegliedert. In der Einleitung wird nach einer kurzen Heranführung an das Thema und an die aktuelle Diskussion die Vorgehensweise in Hinsicht auf Struktur und Methodik erläutert. Anschließend werden die zentralen Begriffe, die im weiteren Verlauf der Arbeit wiederholt eine wichtige Rolle spielen, definiert. Wissenschaftliche Fakten zur Reproduktionsmedizin, ihrer Techniken und Methoden, schließen diesen ersten Teil der Arbeit ab. Dem Leser soll so der Einstieg in die Thematik erleichtert werden. Die Verfahren, die im weiteren Verlauf der Arbeit untersucht und diskutiert werden, sind hier detailliert erklärt.
Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit unterteilt sich in drei Abschnitte. Im ersten Abschnitt wird ein Überblick über die Geschichte der Eugenik gegeben. Um sich einer Antwort auf die zugrundeliegende Forschungsfrage annähern zu können, ist es notwendig, die Gentechnik aus unterschiedlichen Blickwinkeln und unterschiedlichen Positionen heraus zu betrachten. Im zweiten Abschnitt des Hauptteils werden die unterschiedlichen Ansätze von vier verschiedenen Autoren im Bereich der Reproduktionsmedizin betrachtet. Ihre Ansätze repräsentieren die jeweilige Position in der vielschichtigen Diskussion um die Anwendung von Gentechnik. Anhand von Primärtexten von Jürgen Habermas, Michael J. Sandel, Ronald Dworkin und Julian Savulescu, wird die jeweilige Position in diesem zentralen Kapitel der vorliegenden Arbeit einzeln herausgearbeitet und anschließend anhand von Beispielen kritisch erörtert. Um die verschiedenen Positionen der einzelnen Autoren für den Leser übersichtlicher herauszuarbeiten, und somit auch besser vergleichbar zu machen, gliedert sich die Analyse der verschiedenen Texte in folgende Punkte:
• Selektion nach genetisch bedingten Erkrankungen (Negative Eugenik)
• Selektion nach Präferenzen der Eltern (Positive Eugenik)
• Autonomie
• Eugenik
Im Anschluss daran wird, im dritten Abschnitt des Hauptteils, die gesellschaftliche Folgeproblematik der Anwendung von Gentechnik und die aus ihr resultierende mögliche Zunahme der Diskriminierung von Behinderten diskutiert.
6
Im Schlussteil der Arbeit werden neben einer Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse ergänzend die verschiedenen, im Hauptteil bereits analysierten, Positionen zur Thematik diskutiert. In Form einer kritischen Stellungnahme des Autors der vorliegenden Arbeit, wird zum Abschluss eine Antwort auf die Forschungsfrage gegeben.
1.3 Definitionen der Begrifflichkeiten
Im Folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Begrifflichkeiten, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit immer wieder verwendet werden, kurz definiert. Dies ist insbesondere deshalb von großer Bedeutung, damit Leser und Autor hier ein einheitliches Verständnis zu Grunde liegt und bei den zentralen Diskussionspunkten keine Missverständnisse durch ungeklärte Begrifflichkeiten aufkommen, die naturgemäß in verschiedene Richtungen definiert und interpretiert werden können. Die im Folgenden aufgelisteten Begriffe werden im weiteren Verlauf der Arbeit stets in der hier definierten Bedeutung verwendet.
• Ethik: Die Ethik ist die Lehre vom sittlichen Handeln und Wollen des Menschen in verschiedenen Lebenssituationen. Das Handeln und Wollen stützt sich auf Normen und Maxime, die sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herleiten.
• Moral: Moral umfasst die Gesamtheit aller ethisch-sittlichen Normen, Grundsätze und Werte, die das zwischenmenschliche Verhalten in einer Gesellschaft regulieren und von dieser Gesellschaft als verbindlich akzeptiert werden.
• Normal, Normalität (med.): Das Normale bezeichnet die durchschnittliche, natürliche Beschaffenheit - also etwa den gesunden Zustand des Körpers und der Psyche, dessen Wiederherstellung Ziel der ärztlichen Heilung oder Therapie ist.
•
7
• Krankheit: Als krank gilt ein Mensch, dessen physische oder psychische Funktionsfähigkeit eingeschränkt oder nicht gegeben ist. 1
• Heilung: Der Begriff Heilung bezeichnet den Prozess der Herstellung oder Wiederherstellung der körperlichen und seelischen Integrität aus einem Leiden oder einer Krankheit.
• Genetechnische Optimierung: Der Begriff bezeichnet die körperliche und geistige Verbesserung der Fähigkeiten eines Menschen auf überdurchschnittliche Werte mit Hilfe der Gentechnologie.
1.4. Wissenschaftliche Fakten zur IVF, PID und Gentechnik
Bevor im Hauptteil der Arbeit darauf eingegangen wird, inwieweit die Anwendung der IVF, PID und Gentechnik Einfluss auf eine neue Form von Eugenik haben, sollen in diesem Abschnitt die wissenschaftlichen und rechtlichen Fakten zu den beiden Verfahren erläutert werden. Dabei wird es in erster Linie um die IVF und die aus ihr resultierende PID gehen - gentechnische Veränderungen am Menschen sind bislang noch nicht geglückt.
Die Grundlage der modernen Reproduktionsmedizin bildet die In-Vitro-Fertilisation (IVF). 2 Bei dieser Methode erfolgt die Befruchtung der Eizelle durch das Spermium extrakorporal, also außerhalb des Körpers in einem Labor. Die zu befruchtenden Eizellen werden der Frau zuvor mit einer Spritze aus den Eierstöcken entnommen. Um möglichst viele Eier zur gleichen Zeit reifen zu lassen, müssen sich die Frauen einer Hormonbehandlung 3 unterziehen. Diese kann unangenehme Nebenwirkungen zur Folge haben, wie beispielsweise eine vermehrte Wasseransammlung im Bauchraum. Nach der Entnahme werden die Eizellen in einer Petrischale 4 mit den Samenzellen des Vaters zusammengebracht. Ist die Befruchtung erfolgreich verlaufen, wird der entstandene Embryo der Mutter in den Uterus implantiert. Pro Zyklus dürfen einer Frau maximal drei Embryonen übertragen werden. Um eine Überproduktion von Embryonen im Zusammenhang mit der IVF zu vermeiden, ist in
1 Vgl. Ritter (2007)
2 Siehe Schaubild c) im Anhang
3 Vgl. Pschyrembel (1998) S.775
4 Siehe Glossar
8
Deutschland die Zahl der Embryonen, die erzeugt werden dürfen, ebenfalls auf drei beschränkt worden. 5 Anders verhält sich dies dagegen in den USA oder in Großbritannien. Hier gibt es keine gesetzlichen Beschränkungen für die Anzahl der erzeugten und übertragenen Embryonen. Momentan wird diese Handhabung in den USA aufgrund von gehäuft auftretenden Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung sehr kontrovers diskutiert. In Deutschland ist eine IVF nur verheirateten Paaren und Paaren, die in einer festen Partnerschaft leben, vorbehalten. Alleinstehenden oder gleichgeschlechtlichen Paaren ist die IVF hierzulande untersagt. Die Kosten für eine solche künstliche Befruchtung werden von den gesetzlichen Krankenkassen nur bei verheirateten Paaren übernommen. Zudem muss eine homologe Insemination (Samenspende) vorliegen, was bedeutet, dass das zur Befruchtung verwendete Sperma vom Ehepartner kommen muss. Nur in begründeten Ausnahmefällen wird auch eine heterologe Insemination zugelassen; dies bedarf aber einer Anweisung durch die Ärztekammer. Die Anzahl der IVF-Versuche ist pro Patient auf vier Mal beschränkt. 6 Die In-Vitro-Fertilisation ist eine entscheidende Voraussetzung für die Präimplantationsdiagnostik. Nur durch die vorbereitende Hormonbehandlung der Frau bei einer IVF werden mehrere Eizellen zur gleichen Zeit reif und können so zeitgleich befruchtet werden. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, aus mehreren Embryonen zu selektieren. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die extrakorporale Befruchtung in einer Petrischale. Nur so können Wissenschaftler nach erfolgreicher Befruchtung und Teilung der Eizelle in einem bestimmten Stadium der Zellteilung eine einzelne Zelle des Embryonen entnehmen und auf genetische Defekte untersuchen.
Nur etwas mehr als zehn Jahre nach der ersten erfolgreichen künstlichen Befruchtung gelang es Wissenschaftlern, einem IVF- Embryo eine Zelle zu entnehmen und an dieser diagnostische Maßnahmen durchzuführen. Anschließend konnte dieser Embryo erfolgreich in den Uterus der Mutter transferiert werden. Anfangs ging es bei der PID vor allem darum, das Geschlecht eines Embryonen zu identifizieren, um X-chromosomal gebundene Gendefekte, wie etwa die Hämophilie
5 http://www.cueno.de/medr/show_all.asp (Stand: 15.01.2009, 13:34 Uhr)
6 http://www.cueno.de/medr/show_all.asp (Stand: 15.01.2009, 13:34 Uhr)
9
(Bluterkrankheit) zu vermeiden. 7 Mittlerweile ist es möglich, nicht nur das Geschlecht des Embryonen zu ermitteln, sondern sein gesamtes genetisches Material auf Defekte hin zu untersuchen. Hierfür gibt es zwei verschiedene Techniken; zum einen die Polkörperbiopsie und zum anderen die Embryobiopsie. Die Polkörperbiopsie ist kein Teilbereich der Präimplantationsdiagnostik. Hier wird der Polkörper einer Eizelle nach dem Eindringen des Spermiums, aber noch vor der Verschmelzung der beiden Zellkerne von Ei- und Samenzelle, nach einer Biopsie auf genetische Veränderungen hin untersucht. 8 Häufig wird diese Art der Untersuchung bei Frauen im Alter von über 35 Jahren eingesetzt. Da die Untersuchung an der noch unbefruchteten Eizelle stattfindet, fällt diese präkonzeptionelle Diagnostik in Deutschland nicht unter das Embryonenschutzgesetz und ist somit erlaubt. 9 Anders sieht dies bei der Embryonenbiopsie aus, die im Vorfeld einer PID durchgeführt werden muss. Bei diesem Verfahren werden dem Embryo frühestens am dritten Tag nach IVF ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. 10 Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem vier bis zehn Zellenstadium. Für die Entnahme wird der Embryo mit einer Mikropipette angesaugt und am Ende der Spitze fixiert. Um die ihn umgebende Hülle, die sogenannte „zona pellucida“, zu durchdringen, wird diese entweder mit einer Biopsienadel durchstochen oder es wird mittels einer auflösenden Flüssigkeit oder eines Lasers ein kleines Loch in die Hülle des Embryonen gemacht. Durch dieses werden im Anschluss die für die Diagnostik benötigten Zellen mit einer Kanüle entnommen. 11 Man geht aufgrund der wenigen bislang vorliegenden Erfahrungswerte davon aus, dass die Untersuchung in diesem Embryonalstadium keine negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Embryos hat, sofern er sich nach seinem Transfer in der Gebärmutter einnisten kann. In Deutschland ist die Präimplantationsdiagnostik nicht zugelassen, da das Embryonenschutzgesetz jegliche Manipulation an totipotenten 12 Zellen untersagt. 13 Aus diesem Grund ist auch der Einsatz von embryonalen Stammzellen zur
7 Männer haben als Geschlechtschromosomen ein X und ein Y, während Frauen zwei X haben. Liegt ein
Gendefekt auf einem der beiden X-Chromosomen vor, ist das zweite X-Chromosom der Frau in der Lage, den
Defekt auszugleichen. Sie ist in diesem Fall nur Überträgerin. Der Mann hingegen hat nur ein einziges X-Chromosom und sollte auf diesem ein Defekt liegen, bricht die damit verbundene Erkrankung in vollem Umfang
aus.
8 Vgl. Kollek (2002) S.32
9 Vgl. Kollek (2002) S.33,34
10 Siehe Schaubild d) im Anhang
11 Vgl. Kollek (2002) S.36
12 Siehe Glossar
13 Vgl. §8 Embryonenschutzgesetz (http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/eschg/gesamt.pdf; Stand:
15.01.2009, 13:34 Uhr)
10
Forschung in Deutschland nicht erlaubt. Manipulationen an der Zusammensetzung des Genoms sind Wissenschaftlern bisher noch nicht gelungen. Daher beschränkt sich die Gentechnik in der Reproduktionsmedizin bis dato noch auf die in diesem Kapitel besprochenen Techniken der IVF und PID, mit deren Hilfe fehlerhafte Gensequenzen zwar erkannt, jedoch noch nicht therapiert werden können. Die Selektion von kranken Embryonen nach einer PID bleibt bislang die einzige Möglichkeit zur Verhinderung der Weitergabe von schweren Erbkrankheiten.
11
2. Hauptteil
2.1 Zur Geschichte der Eugenik 14
Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Anwendung von Gentechnik in der Reproduktionsmedizin, wird in diesem Kontext immer wieder der Begriff der Eugenik genannt. Es ist der wohl am kontroversesten diskutierte Begriff im Bereich der Biomedizin. Die neuen Techniken in der modernen Reprogenetik werden immer wieder in Zusammenhang mit diesem historisch äußerst negativ besetzten Begriff der Eugenik gebracht. Im Folgenden soll ein kurzer Abriss der Geschichte der Eugenik helfen, die Bedeutung dieses Begriffes nicht nur im Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus zu sehen, sondern seinem breiteren Bedeutungsspektrum gerecht zu werden. Die Unterscheidung zwischen der „alten“ und der „neuen“ Eugenik spielt für die vorliegende Arbeit eine besonders wichtige Rolle. Hierauf werden die späteren Kapitel der Arbeit aufbauen. Es wird klar werden, dass Eugenik auch positive Aspekte umfasst.
2.1.1 Die „alte“ Eugenik
Die angewandte Eugenik ist nicht, wie viele glauben, ein Phänomen aus der Zeit des Nationalsozialismus, sondern blickt auf eine wesentlich längere Geschichte zurück. Einer der frühesten Verfechter der Eugenik war Platon. Für ihn als Theoretiker, dessen Staatsbegriff sich auf der Ständegesellschaft, bestehend aus Bauern, Wächtern und Herrscherstand stützte, war es von großer Bedeutung, dass sich diese Stände nicht vermischen. Gleichzeitig sollte auch dafür gesorgt werden, dass sich nur „die Tüchtigsten“ fortpflanzen. Im fünften Buch seiner Politeia geht Platon darauf ein, wie der Herrscher eines Staates die Partnerwahl seiner Untertanen bestimmt. Fortpflanzung wird hier zur Staatssache.
„Du nun als Gesetzgeber wirst, wie du die Männer ausgewählt hast, so auch die Frauen auswählen und möglichst gleichartige ihnen zuführen.“ 15 Der Herrscher bestimmt, wer sich wann mit wem fortpflanzen darf. Er entscheidet hier nach verschiedenen Kriterien. Zum einen wird der Zeitraum, in dem die Menschen Nachkommen zeugen sollen, eingegrenzt.
14 griechisch für „wohlgeboren“
15 Vgl. Platon (2003) S.255
12
„Für die Frau beginnt die Zeit des Gebärens vom Zwanzigsten bis zum Vierzigsten Jahr, für den Mann die Zeugung für den Staat, sobald der schärfste Rausch der Jugend vorbei ist, bis zum fünfundfünfzigsten Jahr.“ 16
Zum anderen sind von der Fortpflanzung all diejenigen ausgeschlossen, die in Platons Augen nicht gut und gerecht sind. Der Begriff der Gerechtigkeit umfasst bei Platon verschiedene Tugenden, die ein Mensch in sich vereinen sollte. Zu ihnen zählen etwa Besonnenheit, Tapferkeit und die Vernunftbegabung. Platon behält dem Herrscher nicht nur das Recht vor, die Partner auszusuchen. Er selektiert auch den Nachwuchs nach guten und gesunden sowie nach schwachen und kranken Kindern. „Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die Abseits in einem Teil des Staates wohnen: die Kinder der Schwächeren oder irgendwie mißgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört.“ 17 Platon war mit seinem staatlichen Eugenikprogramm ein Vorreiter der Eugenikbewegungen, die sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten.
Das Denken im 19. Jahrhundert wurde beherrscht von Evolutionstheorien und der Abstammungslehre. Geprägt wurde der Begriff Eugenik von Sir Francis Galton, einem britischen Naturforscher und Schriftsteller, der durch seinen Cousin Charles Darwin auf die Idee kam, sich intensiv mit der Vererbungslehre zu beschäftigen. Er war davon überzeugt, das Intelligenz, Temperament und andere körperliche Merkmale vererbt werden. Seiner Ansicht nach sei es möglich, „[…] durch wohl überlegte Heiraten über mehrere Generationen eine hochbegabte Rasse von erzeugen.“ 18 Menschen zu Um seine gesammelten Erkenntnisse
zusammenzufassen, prägte er den Begriff der Eugenik.
Gerade in Deutschland ist der Eugenik Begriff aufgrund der NS-Vergangenheit sehr negativ besetzt. Der Begriff „Eugenik“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „wohl geboren“. Ziel der Eugenik ist es, durch gezielte Fortpflanzung,
16 Vgl. Platon (2003) S.259
17 Vgl. Platon (2003) S.258
18 Vgl. Sandel (2008) S.85
13
positiv bewertete Merkmale weiter zu verbreiten und so gleichzeitig kranke und schädliche Anlagen zu vermeiden. 19 Im Gegensatz dazu bedeutet Dysgenik 20 die Verschlechterung des Erbmaterials von Menschen.
Nach der Einführung des Eugenikbegriffes durch Sir Francis Galton im Jahr 1883 entstand in den unterschiedlichsten Gesellschaften der Wunsch, den Mensch mit Hilfe der neuen Technologien in der Medizin zu verbessern. Der bevölkerungsgenetische Aspekt war hierbei nur eine von verschiedenen Motivationen. Häufig ging es in dieser wirtschaftlich eher desolaten Zeit auch um arbeits- und sozialpolitische sowie um ökonomische Fragen. Am Beispiel der USA lässt sich die Entwicklung der Eugenikbewegung außerhalb des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland gut nachzeichnen. In den USA bildeten sich die ersten Vereinigungen, die sich in Folge der großen Einwanderungswellen der Eugenik verschrieben hatten. 21 Im Jahr 1911 eröffnete im Staat New York die weltweit erste rassehygienische Behörde. In einem Ausschnitt aus der Eröffnungsrede für diese Behörde wird deutlich, dass die Eugenik nicht nur zur Bewahrung und Förderung der Volksgesundheit dienen sollte. „Jedes menschliche Wesen hat ein Recht, wohlgeboren zu sein - mit anderen Worten - einen gesunden Verstand in einem gesunden Körper zu erben. Beide sind durch eine gute Erbmasse bedingt und benötigen eine günstige Umgebung. Es ist bekannt, dass die Kinder der geistig Minderwertigen dank ihrer ererbten Mängel zu Unterstützungsbedürftigen, zu Verbrechern, Dirnen und Trinkern werden. Um die Rasse zu veredeln und den Staat von einer überflüssigen Steuerlast zu befreien, müssen die minderwertigen Bevölkerungsschichten von der Fortpflanzung
ausgeschaltet und die Grundsätze der Rassenhygiene angewendet werden, um kräftige, gesunde und tüchtige Männer und Frauen heranzuziehen. Dies wird zu wahrem Wohlstand führen und zur Wohlfahrt künftiger Bürger.“ 22
19 Vgl. Pschyrembel (1998) S.473
20 Siehe Glossar
21 Vgl. Weingart (1992) S.329
22 Vgl. Fuchs (2003) S.157
14
In den Jahren zwischen 1896 bis zum Höhepunkt der Bewegung im Jahr 1924 wurden in 30 Bundesstaaten der USA zahlreiche Gesetze zur Zwangssterilisation erlassen. An mehr als 100.000 Amerikanern, Patienten der Psychiatrie, Gefangenen und Obdachlosen, wurde im Laufe der Zeit aufgrund dieser Gesetze eine Sterilisation oder Kastration vorgenommen. Welche wichtige Rolle auch die damalige US-Regierung der Eugenik zuschrieb, belegt ein Brief, den Präsident Theodore Roosevelt an Charles B. Davenport, einen der führenden Anhänger der Eugenikbewegung, schrieb:
„Eines Tages werden wir realisieren, das es die erste Pflicht, die unumgängliche Pflicht des guten Bürgers von der richtigen Sorte ist, sein oder ihr Blut in der Welt zu hinterlassen; und daß es unsere Sache nicht sein kann, den Weiterbestand der falschen Sorte von Bürgern zu erlauben.“ 23
Die amerikanische Eugenikbewegung fand in Hitler einen großen Bewunderer. Und dies war auch, in Verbindung mit den Auswirkungen des Börsencrashs im Jahr 1929, der Grund für den Rückgang dieser Bewegung in den Vereinigten Staaten. 24 Aber nicht nur in den USA gab es seinerzeit bereits Eugenikbewegungen. Auch in Deutschland entwickelten sich schon lange vor der Zeit des dritten Reichs eugenische Bestrebungen. Wilhelm Schallmayers Broschüre „Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit“, die im Jahr 1891 erschien, gilt als erstes veröffentlichtes Werk zum Thema Eugenik. Zwischen den Gründen Schallmayers und denen von Galton für die Entwicklung der Konzeption von Eugenik, gab es jedoch signifikante Unterschiede. Während Galton explizit nach einer Verbesserung der geistigen Fähigkeiten des Menschen und zukünftiger Generationen strebte, stand für Schallmayer von Anfang an der medizinische Aspekt der Eugenik im Mittelpunkt. Er betrachtete sie als eine Art Weiterentwicklung der Hygiene und wollte mit ihrer Hilfe in erster Linie körperliche Degenerationen in der Bevölkerung abwenden. 25 Schon hier, zu diesem frühen Zeitpunkt, wird also eine Unterscheidung zwischen positiver und negativer Eugenik deutlich.
23 Vgl. Rifkin (1998) S.181,182
24 Vgl. Rifkin (1998) S.193ff.
25 Vgl. Weingart (1992) S.38ff.
15
Arbeit zitieren:
M.A. Kerstin Scholl, 2009, Gentechnik in der Reproduktionsmedizin - Der Weg zu einer neuen Form von Eugenik?, München, GRIN Verlag GmbH
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