Gliederung
1 Klärung der Problemstellung. Eingrenzung. Erkenntnisinteresse 3
2. Begriffsklärung 4
2.1 Abgrenzung 4
2.2 Minimaldefinition. 5
2.3 Realgeschichtliche Eckpunkte des Individualisierungsprozesses: Was hat den
Wandel im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bedingt? 5
2.4 Innehalten: Ambivalenz des Individualisierungsbegriffs 9
3. Konzepte des Individualisierungstheorems 10
3.1 Die soziologischen Klassiker. 10
3.1.1 Individualisierung bei Max Weber (1864 - 1920) 10
3.1.2 Individualisierung bei Durkheim (1858-1917) 11
3.1.3 Individualisierung bei Georg Simmel (1858 -1918) 12
3.1.4 Norbert Elias (1897 - 1990) 15
3.2 Theoriebildung der Gegenwart. 17
3.2.1 Ulrich Beck (geb. 1944): Chance und Risiko. 17
3.2.2 Niklas Luhmann (1927-1998): Individualisierung als Folge zunehmender
Komplexit ät und Autonomisierung sozialer Systeme 22
3.3. Zur Kritik an der Individualisierungsthese. Vorschlag zur Verfahrensweise 23
4. Versuch einer handhabbaren Begriffsbestimmung: 27
4.1 Individuelle Rollenkombinationen 27
4.2 Auseinanderfallen der Lebensbereiche. 27
4.3 Aufgabe der Weltdeutung verbleibt beim Einzelnen 28
4.4 Ambivalenter Bewusstseinszustand der Moderne. 29
4.5 Veränderte Handlungsorientierung der individualisierten Akteure. 30
4.6 Privatisierte Verantwortung. 31
5. Religiöse Individualisierung 32
Literatur 36
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1 Klärung der Problemstellung. Eingrenzung. Erkenntnisinteresse
„Individualisierung“ ist ein vielschichtiger und immer zwiespältiger Begriff, der begrifflich nicht klar gefasst ist. Was verbirgt sich hinter diesem vielgebrauchten Begriff, der nicht zuletzt durch die Veröffentlichungen Becks (Jenseits von Stand und Klasse 1983; Risikogesellschaft 1986; Riskante Freiheiten 1994) eine heftige Debatte ausgelöst hat? Welches Phänomen wird mit diesem soziologischen Konzept beschreiben? Welche Entwicklungsgeschichte hat das soziologische Konzept von der Individualisierung? Diese Arbeit unternimmt den Versuch, greifbar zu machen, was mit „Individualisierung“ und der Rede von der „individualisierten Gesellschaft“ gemeint ist. Das ist ein waghalsiges Unterfangen, weist u.a. EBERS 1995, 21 darauf hin, dass die „mit dem Konzept „Individualisierung“ beschriebenen Phänomene variieren, unterschiedlichste Erklärungs- und Deutemuster (...) für die Herleitung des fraglichen Entwicklungsprozesses herangezogen (werden und) die Ebenen in der Beschreibung und Erklärung von „Individualisierung“ divergieren. Der Begriff bleibt unscharf und vielseitig verwendbar“. Eingedenk dieser ernüchternden Diagnose möchte ich, nach der Darstellung einer knappen Abgrenzung und dem Entwurf einer „Minimaldefinition“ des Begriffs, durch die Darstellung „realgeschichtlicher“ Eckpunkte der in der Literatur beschriebenen Individualisierungsschübe und den Rückgriff auf die klassische Perspektiven Simmels u.a eine Basis für ein Verständnis des Begriffs „Individualisierung“ schaffen. Im Weiteren gehe ich der Frage nach, was die Begrifflichkeit der „religiösen Individualisierung“ meint und inwieweit diese Terminologie dienlich ist, Erscheinungsformen von Religiosität der Gegenwart darzustellen und zu deuten.
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2. Begriffsklärung
2.1 Abgrenzung
Mit dem soziologischen Begriff der Individualisierung ist weder der mit „Individuation“ benannte psychologische Prozess der Personwerdung und zunächst auch nicht die ideengeschichtliche Ausformung des Individualismus gemeint, der im Wesentlichen die Einzigartigkeit, die Eigenverantwortung, Selbst- bzw. Ichbewusstsein und Würde und die Autonomie des Menschen meint. Diese Eckpfeiler des modernen Menschenbildes (vgl. EBERS 1995, 34), die den Menschen als „souveränes Subjekt“ (EBD.) begreift, wurzelt in der griechischen Philosophie und wird in der jüdischchristlichen Tradition im Konzept der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, in der seine Einmaligkeit, seine Würde und sein freier Wille gründet, fortgeführt und zur Basis des europäisch-abendländischen Denkens. In seiner Bedeutung wiederentdeckt wird dieses Fundament im 15. Jahrhundert: „Die Renaissance markiert die Epoche, in der die Individuen beginnen, ein reflexives individuelles Bewußtsein zu entwickeln“ (EBERS 1995, 35). Die europäische Aufklärung nimmt diese Idee auf. Die Forderung Kants nach dem Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen („Sapere aude“) und nach von der Religion losgelöster Ethik („Sittlichkeit braucht keine Religion“) sind Grundgehalt dieses humanistischen Emanzipationsprozesses des 18. Jahrhunderts. Wohl ist mit dem Individualisierungstheorem diese ideengeschichtliche Entwicklung nicht gemeint, verbunden ist der soziologische Begriff der Individualisierung dennoch mit dieser Idee des Individualismus: Die Veränderung des herrschenden Menschenbildes - und als solche kann diese Entwicklung gekennzeichnet werden - geht einher mit veränderter sozialer, damit gesellschaftlicher Realität. Mit KIPPELE 1998, 159 ist darauf zu verweisen, dass die Idee vom Individuum immer auf das Gesamt verweist: Der Einzelne ist ohne das Ganze, das Individuum ohne die Gesellschaft nicht denkbar. Makro- und mikrosoziologische Perspektiven müssen somit immer zusammen gedacht werden.
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2.2 Minimaldefinition
Individualisierung ist ein soziologisches Konzept, dass eine prinzipielle Veränderung in der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft beschreibt. Diese Veränderung ist kein Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, frühe Individualisierungsphasen sind ab dem Mittelalter beobachten. „Im Kern bezeichnet (der Begriff Individualisierung - HKR) die Herauslösung des Einzelnen aus traditionalen Sozialbeziehungen.“ (SCHROER 2000, 13) Damit stehen dem Einzelnen mehr Gestaltungsmöglichkeiten für sein eigenes Leben zur Verfügung als dies in traditionalen, i.S. vorheriger, Gesellschaften die Regel war. Die Modernisierung, verstanden als Übergang von traditionalen zu modernen Gesellschaften, bringt Individualisierungsschübe mit sich. An die Stelle der traditionellen Bindungen und Sozialformen treten neue Bindungen: Individualisierung ist gleichsam ein Kreislauf aus Freisetzung, verbunden mit dem Verlust an Stabilität und Reintegration - wohl weil der Mensch nur in sozialen Zusammenhängen leben kann. Individualisierung ist in diesem Sinne eine analytische Kategorie, die eben die Veränderung im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und damit den veränderten Vergesellschaftungsmodus beschreibt.
Bedingt wird „Individualisierung“ durch die gesellschaftliche Differenzierung, die den europäischen Modernisierungsprozess begleitet, die die Komplexität von Sozialstrukturen erhöht und so an die Individuen höhere Anforderungen stellt (vgl. EBERS 1995, 16). In diesem Sinne bezeichnet „Individualisierung“
gesellschaftshistorische Prozesse, die sich an realgeschichtlichen Eckpunkten festmachen lassen:
2.3 Realgeschichtliche Eckpunkte des Individualisierungsprozesses: Was hat den
Wandel im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bedingt?
Als erste Phase der Individualisierung, gilt nach EBERS 1995, 26 u.a. der Übergang von „vormodernen zu modernen Gesellschaften im Sinne einer prinzipiellen Freisetzung des Menschen aus vormodernen Bindungen und Zwängen“. Dieser „primäre Individualisierungsschub“ wird von den soziologischen Klassikern beschreiben und
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hat nach KIPPELE 1998, 201 seinen Grund im Bevölkerungswachstum 1 und in der Arbeitsteilung, die im Übergang zur Geldwirtschaft und in der veränderten (religiösen) Weltanschauung notwendig wurde. Soziale Differenzierungsprozesse und religiöse Rationalisierung im Sinne Max Webers formten neue soziale Beziehungen und Integrationsmodi des Individuums in die Gesellschaft (vgl. auch EBERS 1995, 333).
Beginnend mit dem Zeitalter der Reformation, in der die (heils-)vermittelnde Autorität der Kirche hinter die „Freiheit des Christenmenschen“ zurücktritt, sich die Landesherren unabhängig von der Kirche machen und sich die calvinistisch-pietistisch geprägte Prädestinationslehre 2 entwickelt, rückt, gefolgt von den Entwicklungen der Renaissance, in der der Einzelne nicht mehr hauptsächlich als Teil eines Kollektivs gesehen wird, das ins Zentrum des Denkens, was zuvor die Ausnahme war: Der einzelne „freie“ Mensch, der nun nicht mehr „außerhalb der sozialen Ordnung“ (EBERS 1995, 35), etwa als Held oder Ketzer, steht. Mit der industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert, der „zunehmenden funktionalen Differenzierung und mit dem Aufstieg des ‚Dritten Standes’“(EBERS 1995, 37) wird das „Subjekt zur Inklusionsformel“ (EBD.): Ideengeschichtliche Individualisierung, i.S. einer Emanzipation von mythischen und politischen Mächten, findet ihren Niederschlag in der Gesellschaftsform.
Individualisierung erscheint so eingebettet in den Prozess der Modernisierung, deren Beginn ihren Höhepunkt in der industriellen Revolution fand: Ideengeschichtlich, gesellschaftlich und auch politisch (Stichwort: Legitimierte Herrschaft) kristallisierte sich ein fundamentaler Wandel im Vergleich zur Vergangenheit heraus. Die entstehende moderne Industriegesellschaft zeichnet sich aus durch Technisierung, Ökonomisierung und Institutionalisierung, dem Primat der Wissenschaften vor der Religion, der Rationalität und durch eine funktionale Differenzierung der Gesellschaft. Dieser
1 Gemeint ist damit wohl das vorindustrielle Bevölkerungswachstum im 18. Jahrhundert, bei dem v.a. die
Bauern, bedingt durch die verbesserte Nahrungsmittelversorgung und dem Wegfall von
Heiratsbeschränkungen, zu vermehrter Familiengründung - und dem Überleben, wenngleich auf
materiell niedrigem Niveau - in der Lage waren.
2 Prädestinationslehre meint, dass Erfolg durch Arbeit von der Vorherbestimmung des Individuums für
die endzeitliche Rettung zeugt: Diese Gnade Gottes darf nicht durch Müßiggang, Zeitvergeudung oder
Luxus verscheudert werden. Arbeit hat für den Christen Selbstzweck. Misserfolg hingegen zeigt an,
dass der Mensch nicht zu den von Gott auserwählten Eretteten gehört. Nachdem nun niemand der
Gnade Gottes sicher sein konnte, muss der Fleiß und das sparsame und tugendhafte Leben ebenso wie
das Streben nach Reichtum Christenpflicht sein: Der Erfolg dieser Anstrengungen jedoch liegt in der
Vorherbestimmung Gottes und ist Zeichen für das persönliche Errettetsein.
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Wandel in der Gesellschaftsform bewirkte einen fundamentalen Wandel in der Existenzweise des Einzelnen: Traditionale Bindungen traten zurück, individuelle Leistung und Karriere treten an die Stelle von vererbten Privilegien, Familienbindungen lockern sich - zumindest für die Männer des neu entstehenden Bürgerstandes (vgl. EBERS 1995, 37).
In diesem Übergang von der ständischen Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft veränderten sich die gesellschaftsprägenden- und tragenden Mythen: An die Stelle deran sich unbeherrschbaren - Natur, ständischer Privilegien, auch der „gottgegebenen“, also religiös legitimierten Feudalherrschaft, religiöser Weltbilder, Bräuchen und Ritualen treten nun das Leistungsprinzip, damit Konkurrenz und ein Berechtigungssystem, weiters die Verwirklichung rechtsstaatlicher Demokratie und nicht zuletzt die Idee des autonomen Individuums gleichsam als neue Mythen. Als „sekundären Individualisierungsschub“ gilt der gegenwärtige Prozess „innerhalb der Moderne“ (EBERS 1995, 26), der jedoch die erste Individualisierungsphase und die Modernisierung voraussetzt.
Ulrich Beck macht einen Prozess reflexiver Modernisierung aus, der den ursprünglichen Modernisierungsprozess selbst hinterfragt, diese „Zweite Moderne“ lässt die Selbstverständlichkeiten der ersten Moderne fragwürdig werden: „das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik, (…) Männer- und Frauenrollen, die Normalität der Kleinfamilie, der Glaube an die technische Machbarkeit, das Wahrheitsmonopol der Wissenschaft“ (Nollmann/Strasser 2002, 5). Dies und anderes, auch die Erfahrung der Grenze des Wachstums führt zu einem tiefgehenden Zweifel am Primat der Wissenschaften und der Technik und zu der Erkenntnis, dass diese nicht nur in der Lage sind Probleme zu lösen, sondern selbst zum Problem werden können.
Die „alten“ Antworten der Moderne, auch die traditionellen Institutionen der Moderne verlieren in ihrer Handlungsorientierung an Gültigkeit für das Individuum: Der Einzelne muss selbst Antworten finden und die individuelle biografische Verantwortung für gesellschaftliche Vorgänge übernehmen. Folgerichtig formuliert BECK, der „gegenwärtig (...) exponierteste Vertreter des Individualisierungstheorems“ (EBERS 1995, 30) das Charakteristische des sekundären Individualisierungsschubs, der zeitlich
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Mitte des 20. Jahrhunderts verordet ist, mit der Formel „Freisetzung ohne Wiedereinbettung“ und sieht als Novum dieses sekundären Individualisierungsschubs, dass das Individuum nun selbst soziale Reproduktionseinheit sei, Individualisierung werde nun selbst Sozialstruktur (vgl. Beck 2002, 228).
Ausgelöst wurde dieser sekundäre Individualisierungsschub durch die Steigerung und Stabilisierung des Lebensstandards unter den Bedingungen des gut ausgebildeten Sozialstaates, die gestiegene soziale und geographische Mobilität und die durch die Bildungsexpansion in den 1960er Jahren erweiterten Bildungschancen (vgl. SCHROER 1997, 186; BECK 1986, 122ff).
Soziale Ungleichheit wurde nicht aufgelöst, die konstanten Ungleichheitsrelationen („Fahrstuhleffekt“) führten jedoch zu einem von existentieller Bedrohung überwiegend befreiten Leben auf hohem, relativ sicherem Niveau. Familiale, regionale, kulturelle und berufliche Bindungen verlieren ihre determinierende Macht: Ein Leben ohne Familie wird möglich, Ehe und Elternschaft trennen sich ebenso wie Elternschaft und Sexualität (Verhütungsmittel). Geschlechterrollen brechen auf, Mobilität wird zur Norm der modernen Gesellschaft; An die Stelle totaler (weil
lebensbereichsübergreifender) Lebensorientierung in subkulturellen Milieus treten individuelle Rollenkombinationen, plurale Familienformen und „Bastelbiografien“ - zumindest für die jungen, gut ausgebildeten „Nutznieser“ der beschriebenen sozioökonomischen Entwicklung - die Generation zwischen Wirtschaftswunder und Kaltem Krieg.
Die diesen Wohlstand sichernden Institutionen werden für die Sicherung der persönlichen Existenz zunächst unwichtig: Die Aufgabe der Existenzsicherung verlagert sich in den Einzelnen hinein. Beziehungen werden zur Bewältigung konkreter Aufgaben situativ und thematisch eingegangen. In der Gesellschaft kommt es so zu einem Schwund an Solidarität, damit zu einem Identitätsverlust und schließlich zurscheinbaren - Auflösung subkultureller sozialer Milieus und Klassen. Gemeinsam ist diesen „Individualisierungsschüben“, dass es dabei immer um Freisetzungsprozesse des Individuums aus „historisch vorgegebenen und zugewiesenen Rollen (geht). Traditionale Sicherheiten (...) wurden unterminiert, während zugleich neue Formen sozialer Bindungen (...) kreiert wurden.“ (BECK 2002, 227f)
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Heike Kellner-Rauch, 2007, (Religiöse) Individualisierungsprozesse, München, GRIN Verlag GmbH
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