1 EINKOMMENSUMVERTEILUNG AUS THEORETISCHER SICHT
Da fast jede Aktivität des öffentlichen Sektors Einflüsse auf die personelle, funktionelle und regionale Einkommensverteilung hat, besteht auch ein erheblicher Einfluss auf die Primärverteilung innerhalb einer Volkswirtschaft. Während bei den allgemeinen Verteilungseffekten im Sinne einer Stabilisierungspolitik (Arbeit, Kapital) oder einer Verbesserung der Produktionsfaktoren (z.B. Infrastrukturausbau) die Einkommensverteilung nur indirekt beeinflusst wird, dienen die speziellen Verteilungseffekte einer gezielten Umverteilung. Durch Steuern, Transfers oder administrative Regelungen soll eine vertikale Gerechtigkeit zwischen den Einkommensbeziehern geschaffen werden. Grundsätzlich kann ein vorhandenes Finanz- und Steuersystem drei redistributive Wirkungen auf die Einkommen ausüben, wobei die drei nicht voneinander unabhängig sind und durchaus kombiniert vorkommen können:
I. Die laufenden Einkommen werden zwischen verschiedenen Einkommensbeziehern aufgeteilt (interpersonelle vertikale Umverteilung).
II. Die laufenden Einkommen werden bei ein und demselben Einkommensbezieher zwischen verschiedenen Lebensphasen (horizontale oder inter-temporale Umverteilung) aufgeteilt. Dies dient meist der sozialen Sicherung (Altersvorsorge), aber kann auch durch sonstige altersbezogene Transfers und Steuererleichterungen wie z.B. das Kindergeld oder verbilligte Darlehen an „junge Familien“ zustande kommen. Meist tritt diese Umverteilung in Kombination mit vertikalen (interpersonellen) Verteilungswirkungen auf, wie beispielsweise einer Ausgleichszahlung beim Pensionsbezug (Mindestpension). Theoretisch würde eine reine intrapersonelle (intertemporale) Umverteilung die Relation des Gesamtlebenseinkommens nicht verändern.
Abb. 1.1. Mögliche Lebenseinkommensprofile vor und nach der intertemporalen Umverteilung
III. Es kommt zu einer interpersonellen Umverteilung der Lebenseinkommen verschiedener Personen eines Altersjahrgangs oder unterschiedlicher Jahrgänge (Kohorten), dieser Umverteilungseffekt passiert aber eher ungewollt unter bestimmten Umständen (Beispiele: desselben Jahrgangs: Ausbildungsprogressionseffekt, Kohorten: Einführung Pensionssystem mit Umlageverfahren).
- 1 -
1.1 ZIELE DER VERTEILUNGSPOLITIK
Staatliche Eingriffe werden meist stark durch unterschiedliche gesellschaftspolitische Positionen beeinflusst und haben aufgrund dieser auch unterschiedliche verteilungspolitische Kriterien. Ansätze für die Verteilungspolitik können sein:
• Die Verteilung soll die materielle (nicht nur formale) Chancengleichheit innerhalb einer Gesellschaft erhöhen. Gemeint ist aber nicht nur die Verteilung der Einkommen und Vermögen, sondern auch die Möglichkeiten der Einkommenserzielung durch beispielsweise denselben Schulzugang für alle Bevölkerungsschichten.
• Während der erste Punkt auf die Primäreinkommen Einfluss hat, soll die staatliche Verteilungspolitik unter anderem auch eine Gerechtigkeit der Einkommensverteilung bewirken und somit Einfluss auf das Nettoeinkommen haben. Hier wird unterschieden zwischen einer gleichmäßigeren Verteilung (z.B. durch progressive Besteuerung) und der Bekämpfung der Armut als Konzept der bedürfnisgerechten Verteilung. Bei letzterem soll der Staat durch Sicherung eines sozialen Mindeststandards eine „unverschuldete“ Minderung der Leistungsfähigkeit durch Krankheit, Alter, usw. kompensieren.
1.2 VERTEILUNGSWIRKUNGEN VON TRANSFERZAHLUNGEN AN PRIVATE HAUSHALTE
Der öffentliche Sektor hat zwei unterschiedliche Möglichkeiten den privaten Haushalten so genannte Sozialtransfers zukommen zu lassen. Entweder können diese in Form von freien (Geld-) Transfers, ohne irgendwelche Bedingung, oder als ge-bundene Transfers, die mit der Benützung oder dem Kauf bestimmter Güter ver-bunden sind, getätigt werden. So kann mit Hilfe der gebundenen Transfers die Nachfrage nach bestimmten Gütern verringert bzw. erhöht werden, was aber wiederum die Verringerung der Konsumentensouveränität zur Folge hat. Wenn es um die Frage der Effizienz dieser zwei Formen von Transfers bei dem ausschließlichen Ziel der Einkommenssteigerung geht, ist ein freier Transfer vor einem gebundenen vorzuziehen, da ein gebundener, durch die Allokation verzerrter Transfer den Eindruck gibt, er sei weniger wert für den Haushalt als ein gleich hoher freier Transfer.
Tatsächlich kommen aber auch andere Motive bei der Entscheidungsfindung zwischen freien und gebundenen Transfers zu tragen. So kann der Staat die Absicht verfolgen, die Versorgung der Haushalte mit spezifischen Gütern zu verbessern, weil eine erhöhte Nachfrage mit positiven externen Effekten für die übrigen Mitglieder der Gesellschaft verbunden ist (z.B. bei gesundheitlichen Dienstleistungen). Weiters greift der Staat in die Konsumsouveränität ein, wenn es sich aus seiner Sicht um Fälle meritorischer Güter handelt, die die Präferenzen der Empfängerhaushalte verzerren können. Es besteht die Gefahr, dass ein bedürftiger Transferempfänger eine reine Einkommenssteigerung für den Konsum falscher Güter verwendet, wie z.B. statt einer annehmbaren Wohnung wird ein Auto angeschafft. Neben der Bevorzugung von gebundenen Transfers durch den Staat aufgrund der oben genannten Gründe, können diese aber auch von der Bevölkerung gewünscht werden. So kann aufgrund von positiven Nutzeninterdependenzen und der Vermeidung von negativen externen Effekten wie z.B. die Entstehung von Slums das Wohlbefinden ärmerer Mitbürger verbessert werden. Dies liegt meist im Interesse der Mehrheit und soll in der Form von gebundenen Transfers stattfinden.
- 2 -
1.3 VERTEILUNGSPOLITISCHE PROBLEME BEI TRANSFERS
Wenn man auf das Zusammenspiel der Transfers näher eingeht, wird es sehr schwer die Verteilungseffekte einzuschätzen und zu kontrollieren. So besteht die Möglichkeit einer Leistungskumulation, dass heißt wenn bei ein- und derselben Person Forderungen geltend werden, die in mehreren Teilbereichen des Sozialleistungssystems erfüllt werden, ohne dass eine gegenseitige Abstimmung oder Anrechnung erfolgt. Aber auch bei der Betrachtung einzelner Transfers kann es zu Missständen kommen:
• Schwellenphänomen: Bei diesem verteilungspolitischen Problem sind Transfers betroffen, welche einer Gruppe von Personen gewährt werden, die unter ein bestimmtes Arbeitseinkommen fallen und in Folge alle Betroffenen die gleich hohe Transferleistung beanspruchen können. Zur Vereinfachung die folgende Grafik:
Durch die Transferleistung wird eine Arbeitsdauer zwischen M und T bzw. ein Einkommen zwischen D und B unattraktiv, da durch den Transfer unterhalb der kritischen Grenze von T bzw. B ein mindestens gleichwertiges Einkommen erzielt werden könnte.
• Armutsfalle: Weiters eine Möglichkeit zur Vergabe von Transfers ist ebenfalls die Auswahl von Personen, die unter ein bestimmtes Arbeitseinkommen fallen, jedoch dieses Einkommen nur bis zu diesem Wert aufzustocken. Dies entspricht einem Mindesteinkommen wie es in Österreich z.B. bei den Pensionen angewendet wird.
Das Problem hierbei entspricht wiederum einem Verlust des Anreizes, so existiert kein Grund, wenn man einmal in die Armutsfalle getappt ist oder sich darin befindet, eine Arbeitsdauer knapp unter T auf sich zu nehmen, da mit einer Arbeitsdauer von A dasselbe Einkommen erzielt werden könnte.
- 3 -
Arbeit zitieren:
Andreas Grafl, 2003, Sozialpolitik und Verteilung mit besonderem Augenmerk auf die österreichische Empirie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Andreas Grafl's Text Sozialpolitik und Verteilung mit besonderem Augenmerk auf die österreichische Empirie ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Andreas Grafl hat den Text Sozialpolitik und Verteilung mit besonderem Augenmerk auf die österreichische Empirie veröffentlicht
Andreas Grafl hat einen neuen Text hochgeladen
Sozialstaat Österreich zwischen Kontinuität und Umbau
Eine Bilanz der ÖVP/FPÖ/BZÖ-Ko...
Emmerich Talos, Herbert Obinger
Zwischen Wunsch und Realität
Josef Broukal, Peter Filzmaier, Elfriede Hammerl, Kathrin Stainer-Hämmerle, Erwin Niederwieser, Peter Plaikner
Auf dem Jakobsweg durch Böhmen, das Österreichische Mühlviertel und Sü...
Der Weg ist das Ziel
Reinhard Dippelreither
Dem Österreichischen auf der Spur
Expeditionen eines NZZ-Korresp...
Charles E. Ritterband, Michael Pammesberger
Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas auf österreichisch...
Mauthausen-Studien, Band 1a
Pierre Serge Choumoff
Auf der Suche nach authentischem Philosophieren
Philosophie in Österreich 1951...
Michael Benedikt, Reinhold Knoll, Cornelius Zehetner, Franz Schwediauer
0 Kommentare