Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
1.1 Thema und Fragestellung 4
1.2 Aufbau der Arbeit 6
1.3 Forschungsstand der Geschichte der Leibeserziehung. 7
1.4 Quellenlage 14
1.5 Die Versportung des Turnens - Definition der Begriffe „Turnen“ und „Sport“ 16
2. Das Turnen in der Schweiz anfangs des 20. Jahrhunderts 18
2.1 Die Herkunft des Turnens und der Körpererziehung und ihre Entwicklung bis 1848. 18
2.2 Die Entwicklung des Schul- und Vereinsturnen von 1848 bis anfangs des 20.
Jahrhunderts. 20
2.2.1 Die Stellung des ETV gegenüber dem Staat und anderen Organisationen der
Leibes übungen. 20
2.2.2 Die gesetzliche Regelung des Schulturnens und des Vorunterrichts auf
Bundesebene 22
2.2.3 Die Ausführung des Schulturnobligatoriums und des Vorunterrichtes 23
3. Die starke Nation durch die Nationalerziehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 28
3.1 Die Nationalerziehung. 28
3.2 Die männliche Bevölkerung als Grundlage für eine starke Nation. 32
4. Die Männlichkeit und die starke Nation zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 35
4.1 Ein „starker“ Mann als Garant für eine „starke“ Nation in Deutschland. 35
4.2 Der Eidgenössische Turnverein und die Männlichkeit 36
5. Der Eidgenössische Turnverein, der Sport und sein Umgang mit ihm 41
5.1 Die Kritik am Sport vor dem Ersten Weltkrieg. 41
5.2 Die Entgegnung der Fussballer und Fussballerleichtathleten. 43
5.3 Unterschiedlicher Umgang mit dem Sport des ETV und STLV. 45
6. Die Gesundheit - ein altes Argument neu präsentiert 50
6.1 Von der Hygienebewegung zur „Rassenhygiene“ 50
6.1.1 Die Hygienebewegung 50
6.1.2 Die Eugenik 51
6.2 Der Eidgenössische Turnverein und das Argument der Gesundheit 52
1
6.2.1 Das Gesundheitsargument vor dem Ersten Weltkrieg 52
6.2.2 Das Gesundheitsargument in den 1920er Jahren. 54
6.3 Der Eidgenössische Turnverein und die Eugenik 57
7. Das Argument der Volksgesundheit und die Kritik am Sport in den 1920er Jahren 60
7.1 Die Kritik der Turner an der Sportbewegung. 60
7.2 Die Entgegnung der Fussballer und Fussballerleichtathleten. 64
7.3 Der Konkurrenzdruck des Sportes und die Körpermessungen des Eidgenössischen
Turnvereins. 67
8. Der Sport und das „männlichkeitsbildende“ Argument 69
8.1 Die Mühe mit dem Frauenwettkampf und die „Männlichkeit“ 69
8.2 Die Abwehr des Frauenwettkampfes im Diskurs der Wissenschaft 72
9. Das Turnen und die Schule 76
9.1 Die Reformpädagogik, die Arbeitsschule und die staatsbürgerliche Erziehung. 76
9.1.1 Die Reformpädagogik und die Arbeitsschule 76
9.1.2 Die staatsbürgerliche Erziehung und die Arbeitsschule 77
9.2 Der pädagogische Hintergrund im Spiegel der Schweizerischen Lehrerzeitung bis zum
Ende des Ersten Weltkrieges 78
9.2.1 Die Nationalerziehung und die staatsbürgerliche Erziehung. 78
9.2.2 Die Arbeiterbewegung und die staatsbürgerliche Erziehung. 81
9.2.3 Die Hygieneerziehung und das Schulturnen 82
9.3 Der pädagogische Hintergrund im Spiegel der Schweizerischen Lehrerzeitung in den
1920er Jahren 83
10. Der Eidgenössische Turnverein und die Arbeiterturner 85
10.1 Vom Grütliturnverband zum Schweizerischen Arbeiter- Turn und Sportverband 85
10.2 Die Selbst- und Fremdwahrnehmung der politischen Haltung des Eidgenössischen
Turnvereins 86
10.3 Die Arbeiterturner und die bürgerliche Turn- und Sportkultur 89
11. Fazit und Diskussion der Teilfragen. 91
11.1 Diskussion der Teilfragen. 91
11.2 Fazit und Ausblick für die weitere Forschung 96
2
12. Bibliografie 98
12.1 Quellen. 98
12.2 Literatur 99
Appendix 105
1. Abkürzungen 105
2. Namen. 105
3
1. Einleitung
1.1 Thema und Fragestellung
1874 wurde das Schulturnen an den schweizerischen Volksschulen als Pflichtfach für Knaben und der so genannte „militärische Vorunterricht“ eingeführt. Dies waren Turn- und Schiesskurse, welche die körperliche Wehrtüchtigkeit der jungen Knaben in der Zeit zwischen dem Austritt aus der Volksschule und dem Eintritt in die Rekrutenschule sicherstellen sollte. Im Gegensatz zum Schulturnen wurde dieser obligatorische Vorunterricht jedoch nie umgesetzt und blieb nur auf dem Papier bestehen. 1907 wurde dieser Missstand insoweit behoben, dass mit der neuen Gesetzeslage diese „obligatorischen“ in freiwillige Kurse umgewandelt wurden. Der obligatorische Vorunterricht blieb nur auf dem Papier bestehen, weil die Kompetenzen und Pflichten ungleichmässig verteilt waren. Die Gesetzgebung für das Schulturnen und für den Vorunterricht oblag dem Bund, die Ausführung des Schulturnens und der Vorbereitungskurse wurde jedoch den Kantonen auferlegt. Wie weiter unten noch ausgeführt wird, waren einzelne Kantone über die Einführung des Schulturnens und der Vorbereitungskurse alles andere als begeistert, weil der Bund damit in die kantonale Schulhoheit eingriff. Die Umsetzung in den Kantonen harzte deswegen zum Teil stark und dem Bund kam auch heftiger Widerstand entgegen. Folge dessen konzentrierte er sich nur noch auf die Umsetzung des obligatorischen Schulturnunterrichts und lies diejenige des Vorunterrichts bis 1907 ruhen.
Die Bezeichnung „Vorunterricht“ beschränkte sich offiziell nicht nur auf die Vorunterrichtskurse. Auch das Schulturnen wurde so genannt. Es ist an dieser Stelle jedoch vorneweg zu nehmen, dass die neuere Forschung mit Lutz Eichenberger und Jean-Claude Bussard aufgezeigt hat, dass das Schulturnen nicht als reine Wehrvorbereitung betrachtet werden darf. Es verschmolz mit der Schule und dem Wehrdienst zusammen in einem Konzept der „Volkserziehung“. 1 In genau diesem Konzept stand dann auch der zuerst obligatorische und dann zwangsläufig zur Freiwilligkeit erklärte Vorunterricht. Es wird im Rahmen dieser Arbeit noch verstärkt herausgearbeitet, dass der Vorunterricht in der Schule und in den Kursen auch ein Vorunterricht auf das Bürgerleben sein sollte. Somit hatten nach den Turnern und Pädagogen zufolge auch die nachschulischen Turn-und Schiesskurse durchaus die Aufgabe, der Erziehung und Entwicklung der Jugendlichen zu dienen und sollten somit die erzieherische Verlängerung des Schulturnens sein. Die Umsetzung des Turnobligatoriums wurde 1874 in die Hände einer bundesrätlichen Beratungskommission gelegt. Dies war die Eidgenossische Turnkommission (ETK, ab 1929 Eidgenössische Turn- und Sportkommission, ETSK), welche eigens dazu gegründet wurde. Von Anbeginn bis ins 20. Jahrhundert hinein war sie stark durch die ETV-Turner geprägt. Sie war laut
1 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 286.
4
Eichenberger eigentlich eine reine „Turnerkommission“. 2 Nicht nur der ETV, auch andere verschiedene Organisationen beeinflussten die Sportpolitik - oder versuchten es zumindest. So wurde im Verlaufe der 1920er Jahren die ETK mit verschiedenen Vertretern, die der Sporttradition entsprangen, ergänzt, da anfangs des 20. Jahrhunderts in der Schweiz der Sport aufkam und sich zunehmend grösserer Beliebtheit erfreute. Die Änderung des Namens der Kommission 1929 war auch nicht der Anfang dieser Veränderung, sondern eine Auswirkung davon. Wenn man die Geschichte der Schweizer Körpererziehung untersucht, wird an dieser Stelle schon ersichtlich, dass es für die Forschenden verschiedene Perspektiven gibt, die sie einnehmen können. Es sind dies auf der einen Seite der Bund und die Kantone, auf der anderen Seite die privaten Verbände. Allen voran die grossen Turn- und Sportverbände wie der Eidgenössische Turnverein (ETV), der Schweizerische Turnlehrerverein (STLV), der Schweizerische Fussball- und Athletikverein (SFAV), der Schweizerische Katholischer Turn- und Sportverband (SKTSV) und der Schweizerische Arbeiter-Turn- und Sportverband (SATUS). Wegen der Verquickung mit dem Wehrdienst darf man hier auch noch die Schweizerische Offiziersgesellschaft und die Schweizerische Unteroffiziersgesellschaft dazuzählen. Diese Organisationen stehen nicht einfach für irgendwelche zufällige Zusammenschlüsse von Menschen. In diesen Organisationen fanden Menschen zusammen, welche eine gleiche Weltanschauung teilten. So gab es Turner im SATUS, im ETV und im SKTSV. Entschied man sich für einen dieser Vereine der Leibesübungen, entschied man sich auch immer gleich gegen einen anderen Verein. Dass der arbeitende Turner eine andere Weltanschauung hatte als der katholische, liegt auf der Hand. Aber was für eine (politische) Einstellung hatten die Turner im ETV und inwiefern prägte diese Einstellung die Ansicht, welche sie dann vom Schulturnen und dem Vorunterricht hatten?
Die bisherigen Forschungsarbeiten orientierten sich hauptsächlich an der Perspektive des Bundes. Die Perspektiven der einzelnen Organisationen waren nur insoweit von Bedeutung, um die Fragen beantworten zu können, warum der Bund jene oder diese Sportpolitik betrieb und warum er diese änderte. So wurde der Blickwinkel des ETV immer nur ausschnittsweise eingenommen und die eigentlichen Sporttreibenden gerieten dadurch in den Hintergrund; und wenn in den bisherigen Forschungsarbeiten der ETV thematisiert wurde, rückte hauptsächlich seine nach aussen getragene Vereinspolitik in den Fokus der Überlegungen. Wie war aber die Meinungsbildung innerhalb des Vereins? Sport ist auch heute nicht Etwas, das in den Vereinen hermetisch abgeriegelt von der restlichen Gesellschaft stattfindet. So kamen die Sport treibenden Menschen des frühen 20. Jahrhunderts wie auch die heutigen Sportler ganz unabhängig von ihrem Freizeittreiben mit Problemen und Ereignissen in Kontakt, die sie in ihrer Weltanschauung auf und neben dem Rasen/Turnplatz prägten.
Aus diesem Grund orientiert sich die vorliegende Arbeit an den Menschen eines dieser Vereine, die eine grosse Rolle in der Geschichte der Leibeserziehung spielten. Das Ziel soll darum auch
2 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 47, vgl. Bussard, L’éducation physique suisse, 2007.
5
sein, verschiedene vereinsinterne Meinungen zu verschiedenen Aspekten genauer zu betrachten. Anhand der Vereinspresse soll untersucht werden, was die meisten seiner Mitglieder vom Schul-, Vereins- und Vorunterrichtsturnen dachten und was sie dazu bewegte diese Meinung einzunehmen und ob es noch andere Ansichten im Verein gab. Dass der Fokus dabei gerade auf den ETV zu liegen kommt, liegt daran, dass es noch keine vergleichbaren Studien gibt und der ETV zu jener Zeit der Verband der Leibesübungen war, der mit Abstand über die meisten Mitglieder verfügte und somit am stärksten in der Gesellschaft verankert war.
Die vorliegende Studie hat sich zum Ziel gemacht, die drei folgenden Teilfragen zu beantworten:
1. Was war die damalige Argumentation der ETV-Turner für das Turnen und weshalb bedienten sie sich dieser Argumente? 2. Wie und warum veränderten sich deren Argumente? 3. Was bedeuteten die neuen Argumente für den ETV?
1.2 Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit soll die Ansichten der Turner des ETV vom Schul-, Vereins- und Vorunterrichtsturnen analysieren. Folge dessen liegt der Schwerpunkt nicht bei einem zeitlichen, sondern bei einem thematischen Aufbau. Es wird noch aufzuzeigen sein, dass es bei der Beantwortung dieser Fragen dennoch eine grobe zeitliche Aufbaustruktur geben muss, da der Erste Weltkrieg eine Zäsur in der Art der Argumente darstellte.
In einem ersten Schritt sollen die Argumente analysiert werden, welche die Turner zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer Vereinspublikation zum Besten gaben. Anschliessend sollen diese Argumente genauer untersucht werden. Es wird danach gefragt, was die Turner dazu brachte, sich ausgerechnet mit diesem oder jenem Thema, respektive Argument so häufig auseinanderzusetzen. Wie schon erwähnt, stellte der Erste Weltkrieg eine Zäsur in der Argumentation für das Schul-, Vereins- und Vorunterrichtsturnen dar. Wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Grund von nationalerzieherischen Gründen geturnt, stand in den 1920er Jahren insbesondere die Gesundheit im Vordergrund, wobei beiden Begründungen ein patriotisch gefärbtes Hauptmotiv zu Grunde lag. Auch für den zweiten Zeitabschnitt gilt es analog dem Ersten zuerst eine Bestandesaufnahme der Argumente zu machen um sie anschliessend wieder analysieren zu können. Es sollen wie auch im ersten Teil die damaligen Umständen berücksichtigt werden: das Verhältnis des ETV zu den Fussballern, zu den Turnerinnen, zu den Lehrern und Turnlehrern und zu den Arbeiterturnern. Dabei sollen auch die Erkenntnisse einfliessen, die aus dem ersten Teil gewonnen wurden.
6
Abschliessend ist noch zu erwähnen, dass bei den Quellen jeweils eine Stichprobe von sechs oder mehr Jahren genommen wurde. Es wurden aber bei allen Vereinspublikationen jeweils immer die Jahrgänge von 1900-1905, von 1910-1915 und von 1925-1930 untersucht, sofern die Vereine zu diesen Zeiten schon ein gemeinsames Publikationsorgan führten.
1.3 Forschungsstand der Geschichte der Leibeserziehung
1998 resümierte Lutz Eichenberger zur damaligen Situation der sporthistorischen Forschung in der Schweiz: „Bis heute fehlen wissenschaftlich fundierte Vorarbeiten weitgehend, seien es nun Gesamtdarstellungen oder auch Monographien zu Einzelaspekten“. 3 Zwar hat sich diesbezüglich in den letzten zehn Jahren die Lage verbessert, doch bestehen in der Schweizer Sportgeschichte immer noch grosse Forschungslücken, da zu vielen Themenbereichen immer noch grössere Monografien fehlen.
Bezüglich den Gesamtdarstellungen sind die Arbeiten von Fritz Pieth 4 und Louis Burgener 5 zu nennen. Pieth wird jedoch vorgeworfen, dass er sich hauptsächlich auf Literatur, statt auf weiterführende Quellen stützte und dass er versuchte, vorwiegend deutsche Untersuchungen auf Schweizer Verhältnisse anzupassen. Anders war dies bei Burgener. Er war einer der Ersten, welcher die Zusammenhänge zwischen dem Schweizer Sport und dem Staat untersuchte. Er publizierte verschiedene Überblicksdarstellungen zu den Themenbereichen Staat und Schulturnen und Staat und Schulsport. 6 Als bestes Beispiel um seine methodische Herangehensweise zu erläutern, dient seine eigene Quellenedition, auf dessen Inhalt er sich in seinen Arbeiten selber stützte. 7 Er berief sich hauptsächlich auf die Gesetzestexte als Quellen, wodurch ein sehr einseitiges Geschichtsbild vermittelt wurde: Die Wehrvorbereitung verkam dadurch zum alleinigen Grund für die Einführung des Schulturnens. Es wurde bereits weiter oben angesprochen, dass es das Verdienst der jüngeren Geschichtsforschung ist, dass das Fach Schulturnen heute in einem weiteren Kontext gesehen wird. 8 Dennoch bieten seine Überblicksdarstellungen wie zum Beispiel „Sport Schweiz. Geschichte und Gegenwart“ einen guten ersten Einstieg in die Thematik der Schweizer Sportgeschichte. 9 Im Zusammenhang mit den Überblicksdarstellungen Burgeners, darf auch seine oft zitierte Arbeit in Horst Überhorst mehrbändigem Werk zur „Geschichte der Leibesübungen“ nicht unerwähnt bleiben. 10
3 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 23.
4 Pieth, Sport in der Schweiz, 1979.
5 Burgener, Sport Schweiz. Geschichte und Gegenwart, 1974, Burgener, Geschichte der Leibesübungen, 1950,
Burgener,L’éducation physique en Suisse, 1974, Brugener, L’éducation et le sport, 1973; Burgener, Le sport et
l’éducation physique, 1972, Burgener, L’histoire de l’éducation physique et du sport, 1971; Burgener, L'éducation
physique dans les lois suisses, 1977.
6 Burgener, Schweiz, 2 1976, Burgener, Sport Schweiz. Geschichte und Gegenwart, 1974.
7 Burgener, Die schweizerische Eidgenossenschaft und die Körpererziehung, 1962.
8 Vgl. Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 286, Bussard, L’éducation physique suisse, S. 61-81,
Hotz, Historisches Erkennen heisst Zusammenhänge vergegenwärtigen, S. 62.
9 Burgener, Sport Schweiz. Geschichte und Gegenwart, 1974.
10 Burgener, Schweiz, S. 265-284.
7
Louis Burgener publizierte im Laufe seiner Tätigkeit als Historiker einige Arbeiten zur Geschichte der Leibesübungen. Dennoch blieb er mit seinen späteren Monografien stets im Rahmen seiner Dissertation 11 haften und die war vor allem durch die Geschehnisse des Zeitraums der 1930/40er Jahre geprägt, wie auch schon Lutz Eichenberger und Markus Giuliani bemerkten. 12 Auch Arturo Hotz war der Ansicht, dass Burgener zwar ein grosser Pionier der Schweizer Sportgeschichte war, aber dieser Generation von Sportwissenschaftlern angehörte, die Sport als „patriotische Kraft mit grosser militärpolitischer Relevanz und - im Rahmen des Vorunterrichts - mit einem männlich orientierten Wehrtüchtigkeitsbezug gewissermassen hautnah erlebt hat“. 13 Bei den Arbeiten Burgeners fehlte somit eine zeitliche Distanz zu den geschehen Ereignissen dieser Jahrzehnte. Dadurch sah er den Zusammenhang zwischen dem Staat und dem Sport zu stark im Lichte der nationalen militärischen Verteidigungsstärke.
Sehr mager sieht es bei den Arbeiten aus, in denen hauptsächlich das Schulturnen auf kantonaler Ebene behandelt wird. In diesem Sub-Themenfeld sind vor allem die Autoren Heini Herter, der als Einziger eine Monografie zur Geschichte des Schulturnens im Kanton Zürich schrieb, 14 und Jean-Claude Bussard mit seiner Lizentiatsarbeit von 1988 zum Schulturnen im Kanton Fribourg zu nennen. 15 Eichenberger formulierte im Zusammenhang mit der bestehenden Forschungslage treffend, dass sich das Schulturnen analog den drei politischen Ebenen der Schweiz (Bundes-, Kantonal- und Kommunalebene) entwickelte und dass jede dieser drei politischen Ebenen eine „Institutionalisierung des Sportes“ auf einem juristischen (entsprechende Gesetze) und auf einem organisatorischen Weg (Vollzug der Gesetze mit Kommissionen) erfuhr. 16 Bis jetzt stand fast ausschliesslich die nationale Ebene im Fokus der Forschung. Kantonale und kommunale Studien fehlen deswegen noch weitestgehend.
Die Geschichte der Eidgenössische Turnkommission (ETK, ab 1929 Eidgenössische Turn- und Sportkommission ETSK) wurde in den 1930er und 1940er Jahren von Robert Flatt und Karl Mülly aufgearbeitet. In den 1990er Jahren wurde sie dann von Lutz Eichenberger überarbeitet. 17 Die ET(S)K war eine Beratungskommission, die 1874 vom Bundesrat mit dem Schulturnobligatorium ins Leben gerufen wurde. In den ersten Jahren war sie dem Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartementes sogar direkt unterstellt. 18 Als Eichenberger die Geschichte der ET(S)K 1998 nochmals aufarbeitete, brachte er die Entstehungsgeschichte des Vorwerkes zu Tage. Als Kommissionsmitglied schrieb zuerst Flatt an der Geschichte der ET(S)K. Mülly kürzte anschliessend das Manuskript, um es drucken zu können. Vor allem bezüglich der Einführung des Turnlehrerdiploms II hatte Mülly ein ganz anderes Konzept als Flatt und änderte deswegen die
11 Burgener, La conféderation Suisse, 2 1970.
12 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 24, Giuliani, Freie Jugend - Freies Volk, S. 22.
13 Hotz, Fakten und Facetten, S. 76.
14 Herter, Turnen und Sport an der Zürcher Volksschule, 1984.
15 Bussard, Un siècle d’éducation physique à l’école Fribourg, 1988.
16 Eichenberger, Mise en place et développement des institutions du sports suisse (XIX e et XX e siècles), S. 83.
17 Flatt/Mülly, Geschichte der Eidgenössischen Turn- und Sportkommission, o.J.
18 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 74.
8
„Geschichte“ zu seinen Gunsten ab. Härter ging Arturo Hotz mit Mülly ins Gericht, in dem er dem „Manipulanten“ als „(vermeintlichen) Historiker“ die „Rote Karte“ gab. 19 Etwas anders zeigt sich die Forschungslage zu ausgewählten Institutionen. Bei den Arbeiten zum damaligen Schweizerischen Turnlehrerverein (STLV) und der Turnlehrerausbildung ist vor allem Arturo Hotz zu nennen. 20 1983 war er der Herausgeber einer Jubiläumsschrift zum 125jährigen Bestehen des Schweizerischen Verbands für Sport in der Schule (SVSS). Diverse Autoren lieferten hierbei Aufsätze zu bedeutenden Einzelaspekten rund um den STLV, so unter anderem auch Herter. 21 Hotz setzte sich auch in anderen Arbeiten intensiv mit der der Geschichte der Ausbildung der Turnlehrer auseinander. Hier zu nennen sind seine Diplomarbeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, 22 weitere Aufsätze in seiner Jubiläumsschrift des SVSS, 23 sein viel zitierter Aufsatz „Jeder Lehrmann ein Wehrmann“, 24 eine Monografie, welche er mit Paul Gygax zur Turnlehrerausbildung an der ETH Zürich schrieb 25 und seine kürzlich erschienene und nicht publizierte umfassende Literaturarbeit zu Geschichte des Sportlehrerdiploms. 26 Ergänzt wird die Geschichte der Lehrerausbildung durch die Arbeit Eichenbergers zur heutigen Sporthochschule Magglingen (die Eidgenössische Turnschule). 27 Des Weiteren existiert auch noch ältere Literatur zur Geschichte des STLV und des Schulturnens, doch entweder gingen diese Autoren vom Primat der Wehrvorbereitung aus oder beschränkten sich auf die Ereignisgeschichte. Jahreszahlen, Namen und Ereignisse standen in Zentrum. Als Beispiele sind hier die Schriften zum 60- und 100jährigen Jubiläum des STLV von Johann Müller und Otto Kätterer 28 zu nennen oder August Frei mit seiner Einleitung zur „Turnschule“ (schweizerisches Turnlehrmittel) von 1927. 29
Eva Herzog arbeitete die Forschungslage 1995 für ihre damalige Dissertation auf. Sie konstatierte, dass gerade die Jubiläumsschriften eine grosse Menge an Fakten bringen, aber die Autoren mit ihrem Gegenstand sehr unkritisch umgingen. Das Gleiche gelte auch für die Autoren der „älteren Generation“. Sie nannte hierbei unter anderem Burgener, Frei, Pieth und Herter. Hotz zählte sie, wie er sich selber auch, nicht zu dieser „älteren Generation“. Sie war aber der Ansicht, dass er den Zusammenhang zwischen dem Turnen und dem Militär zu jener Zeit als zu selbstverständlich
19 Hotz, Historisches Erkennen heisst Zusammenhänge vergegenwärtigen, S. 30, Eichenberger, Die Eidgenössische
Sportkommission, S. 25.
20 Hotz, 125 Jahre im Dienste des Schulturnens 1858-1983, 1983.
21 Herter, Der Schweizerische Turnlehrerverein (STLV), 1983.
22 Hotz, Die Turnlehrer-Ausbildung in der Schweiz 1874-1922, 1969.
23 Hotz, Von den Anfängen des STLV-Kurswesens, 1983, Hotz, Die schweizerischen Turnlehrerbildungskurse, 1983.
24 Hotz, Jeder Lehrmann ein Wehrmann, S.533/534, vgl. dazu Hotz, Arturo, Johann Niggeler, die Militärdienstpflicht des
Lehrers und das Schulturnen, 1983.
25 Hotz, 60 Jahre Turn- und Sportlehrerausbildung an der ETH Zürich, 1996, Hotz/Gygax, 50 Jahre Turnen und Sport an
der ETH, 1986.
26 Hotz, Historisches Erkennen heisst Zusammenhänge vergegenwärtigen, 2007.
27 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportschule Magglingen, 1994.
28 Müller, Geschichte des Schweizer Turnlehrervereins, 1908, STLV (Hg.), Gedanken zur Entwicklung unseres
Schulturnens, 1959.
29 Frei, Der Turnunterricht als militärischer Vorunterricht, 1927.
9
sah. 30 Für Herzog mag Arturo Hotz im Jahre 1995 vielleicht noch nicht eindeutig einzureihen gewesen sein. Mit seinen neueren Arbeiten positionierte er sich jedoch klar im Kontext der aktuellen Forschungsliteratur und bedauerte ebenfalls, dass die Geschichte des Schulturnens zu oft unter dem Primat der Wehrvorbereitung aufgearbeitet wurde. 31 Bei der Aufarbeitung der Geschichte des Schulturnens und der Wehrvorbereitung spielt das historische Umfeld ebenfalls eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Eine wichtige Arbeit dazu wurde von Markus Giuliani vorgelegt. 32 Giuliani ging auf die Umstände der Jahre von 1918-1947 ein, unter welchen sich die Sportpolitik des Bundes, wozu auch das Fach Schulturnen gehörte, entwickelte. Er zeigte auf, dass es unterschiedliche politische Anforderungen an den Sport und an das Turnen gab und wie sich diese Anforderungen veränderten. So ordnete er die Sportpolitik des Bundes in den Horizont der sozialen Spannungen der 1910er Jahre, des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland, der Technisierung, Urbanisierung und Weltwirtschaftskrise ein. Mit der Hygiene- und Sportausstellung des Jahres 1931 stellte er vor allem die Hygienebewegung ins Zentrum der 1920er Jahre und interpretierte vor diesem Hintergrund die Sportpolitik des Bundes.
Der ETV und das Turnen wurden in jener Zeit aber nicht nur von den oben stehenden Umständen beeinflusst, sondern auch von der Sportbewegung. Sie war eine grosse Konkurrenz zum etablierten Turnwesen. Die bisher einzige Arbeit, in welcher der ETV und sein Verhältnis zur Sportbewegung detailliert thematisiert wurde, lieferte 2003 Andreas Krebs. Er legte sein Augenmerk vor allem auf die Leichtathletik. Sie bildete für ihn die Brücke vom Turnverein zur Sportbewegung, da sie sowohl im ETV als auch im Schweizerischen Fussball- und Athletikverband (SFAV) betrieben wurde. Er bewegte sich mit seinem Fokus aber nicht von der Leichtathletik weg und blieb es schuldig, die Frage zu beantworten, ob anderweitige Entwicklungen im ETV ebenfalls auf den Konkurrenzdruck des Sportes zurückzuführen sind. Des Weiteren ist zu seiner Arbeit anzumerken, dass er sie im Rahmen der Erlangung des Turn- und Sportlehrerdiploms II schrieb. Auch wenn die Arbeit von einem Nicht-Historiker verfasst wurde, ist sie von guter Qualität. Die grössten Mankos sind jedoch die Quellenangaben. Sie fehlen oftmals oder sind nur ungenügend präzis. Eine Überprüfbarkeit wird schwierig bis unmöglich. Da sie aber mit sehr viel Engagement geschrieben wurde und ihm Lutz Eichenberger als Betreuer zur Seite stand, kann der Historiker trotzdem davon ausgehen, dass es sich hierbei um Geschichtsschreibung und nicht um Dichtung handelt.
Der ETV gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Leibesübungen zu den grossen Organisationen. Weitere Arbeiten in diesem Themenfeld müssen daher noch folgen. Untersucht man die Zusammenhänge zwischen Sport, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, muss
30 Herzog, Frisch, frank, fröhlich, frau, S. 30.
31 Hotz, Historisches Erkennen heisst Zusammenhänge vergegenwärtigen, S. 62, Hotz, Bildung durch Erziehung zum
Sport, 2006.
32 Giuliani, Freie Jugend - Freies Volk, 2001, Krebs, Wie der Sport in den Eidgenössischen Turnverein kam, 2003.
10
dies auch aus dem Blickwinkel der entsprechenden Turn- und Sportverbände geschehen. Mit den Jubiläumsschriften des ETV existieren zwar schon historische Arbeiten. Wie oben aber schon vermerkt, gingen diese Autoren mit den historischen Ereignissen in ihren Jubiläumsschriften sehr bis ausschliesslich unkritisch um. 33 Gerade hier helfen die Vorarbeiten von Eichenberger und Giuliani die Ergebnisse aus den Jubiläumsschriften besser einordnen zu können. Weiter existiert noch die schon angesprochene aktuelle Monografie von Jean-Claude Bussard. 34 Bussard ging den Weg weiter, den Eichenberger und Giuliani eingeschlagen haben. Für das 19. Jahrhundert löste er wie schon Eichenberger das Schulturnen aus dem reinen Kontext der Wehrvorbereitung heraus. Im zweiten Teil seiner Arbeit untersuchte er den Konkurrenzkampf zwischen dem Turnen und dem Sport. Dabei kam er ebenfalls auf die zeitlichen Rahmenbedingungen zu sprechen, wie die Eugenik, die Hygienebewegung
(Verwissenschaftlichung des Turnens und des Sportes) und den Nationalsozialsozialismus. Um den Konkurrenzkampf zwischen den Turnern und den Sportlern herausarbeiten zu können, ging er auf die Jugendförderung beim ETV, die ideologischen Unterschiede zwischen den Turnern und Sportlern und den Umgang beider Parteien mit dem Konflikt ein. Seine Forschungsresultate werden in den einzelnen Kapiteln berücksichtigt und besprochen. Bei der Aufarbeitung des Konkurrenzkampfes zwischen den Turnern und Sportlern stütze er sich wie Krebs ebenfalls hauptsächlich auf die Vereinspublikationen. Leider blieb bei ihm die Arbeit von Krebs unerwähnt. Abschliessend ist zu Bussards Arbeit zu sagen, dass es nicht seine Absicht war, den Konflikt zwischen den Turnern und Sportlern aus Sicht des ETV oder einer anderen Institution herauszuarbeiten, so wie es sich Krebs zum Ziel gemacht hatte. Bussard zeigte mit der Wahl seiner Quellen auf, was vereinzelte Zeitgenossen zum Schulturnen dachten. Er ging dabei aber nicht der Frage nach, wie diese Ansichten von den Turnern aufgenommen wurden. Dadurch lieferte er, wie auch Giuliani, aber wichtige Angaben zu den Hintergründen, vor welchen sich das Schulfach Turnen entwickelte.
Dürftig sieht die Forschungslage bei den Arbeiten aus, in denen der Eidgenössische Turnverein thematisiert wird. Noch immer wird die Geschichtsschreibung des ETV durch die Jubiläums- und Festschriften geprägt. Zu nennen sind hier insbesondere die Jubiläumsschriften. 35 Zudem existieren unzählige Festschriften und Chroniken einzelner Sektionen, welche die Turner jeweils zu ihren Jubiläen publizierten und auch noch laufend publizieren. Die Autoren dieser Festschriften gingen mit ihrer eigenen Geschichte aber sehr unkritisch um und sie lieferten lediglich eine Menge an Fakten. Zu den wenigen Studien, welche die Geschichte des ETV kritisch hinterfragen, zählen der Aufsatz von Walter Leimgruber, die Monografie von Maximilian Triet und Peter Schildknecht zu
33 Niggeler, Geschichte des eidgenössischen Turnvereins, 1882; ETV (Hg.), Festschrift zum 75jährigen Jubiläum des
Eidgenössischen Turnvereins 1832-1907, 1907, ETV (Hg.), Eidgenössischer Turnverein 1832-1932, 1932, ETV (Hg.),
150 Jahre ETV 1883-1982, 1981.
34 Bussard, L’éducation physique suisse, 2007.
35 Eidgenössischer Turnverein , Eidgenössischer Turnverein 1832-1932, 1932, Eidgenössischer Turnverein, Festschrift
zum 75jährigen Jubiläum des Eidgenössischen Turnvereins 1832-1907, 1907, Niggeler, Geschichte des
eidgenössischen Turnvereins, Eidgenössischer Turnverein, 150 Jahre ETV 1883-1982, 1982.
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den Eidgenössischen Turnfesten und die oben angesprochene Diplomarbeit zur Erlangung des Eidgenössischen Turn- und Sportlehrerdiploms II von Krebs. 36 Weitere Arbeiten, welche die Geschichte des ETV auch in den zeitlichen Horizont einbetten und danach fragen, warum sich gewisse Entwicklungen vollzogen haben, fehlen weitestgehend. Zur Geschichte des Vorunterrichtturnens ist die Forschungslage gleich derjenigen des Schulturnens, da das Vorunterrichtsturnen als Wehrvorbereitung dem Schulturnen gesetzlich nahe stand. Beide basierten auf der Militärorganisation von 1874 (siehe unten) und später auf derjenigen von 1907. Aus diesem Grund wurde die Geschichte der Wehrvorbereitung fast ausschliesslich vom selben Standpunkt aus wie die Geschichte des Schulturnens aufgearbeitet. Die grundlegenden Fakten zur Geschichte des Vorunterrichtes wurden hierbei auch von Louis Burgener geliefert. Wie aber schon erwähnt, stütze er sich bei seinen Quellen hauptsächlich auf die Gesetzestexte und zog somit fälschlicherweise eine zu direkte Linie zum Wehrdienst. Dies war auch in seiner Monografie zur Geschichte des Vorunterrichtes „Starkes Jugend, freies Volk“ der Fall. 37 Eine Ausnahme bildet in der Geschichte des Vorunterrichtes wiederum die Arbeit von Giuliani. Das Vorunterrichtsturnen untersuchte er zwar ebenfalls aus dem Blickwinkel des Staates, ging aber mehr auf die Hintergründe ein als seine Kollegen. Das Vorunterrichtsturnen wurde bei ihm vor allem für das Jahrzehnt der 1920er Jahren ein zentraler Untersuchungsgegenstand. Es galt damals unter dem in der Öffentlichkeit herrschenden Antimilitarismus die Verordnung zum Vorunterrichtswesen zu revidieren. Verschiedene Organisationen wie die Schweizerische Offiziersgesellschaft (SOG), die Schweizerische Unteroffiziersgesellschaft (SUOVG), der Schweizerische Schiessverband (SSV) aber auch der ETV wollten dabei möglichst viel Einfluss gewinnen. 38 Giuliani zeichnete das Buhlen dieser Verbände um Einfluss aus dem Blickwinkel des Staates nach. In den 1930er Jahren waren die Vorzeichen dann wieder ganz anders. Unter dem Einfluss der Eugenik und des Nationalsozialismus sowie der militärischen Bedrohung wurden das Vorunterrichtswesen und das Schulturnen wieder in einen direkten Zusammenhang mit dem Militär gebracht. 39 Auch Eichenberger nahm sich der Geschichte des Vorunterrichtes an. Er erarbeitete diese aus Sicht der ETK und lieferte so ebenfalls eine wichtige Vorarbeit zu diesem Thema. Noch im Jahre 2004 forderte Hotz, dass kommende Forschungsarbeiten den „(traditionellen) Festschrift- und Jubiläumsschrift-Charakter überwinden müssen“. 40 Es wurde aufgezeigt, dass die neueren Forschungsarbeiten das „Kielwasser der Festschriften“ verlassen haben in dem sie sich mehr der Sozial- und Kulturgeschichte zugewandt haben. Der neue Kurs wurde vorgegeben. Es soll an dieser Stelle noch ein Wort über den Forschungskreis zur Geschichte der Leibeserziehung in der Schweiz verloren werden, der aktuell immer noch ein kleiner ist. Zu nennen
36 Leimgruber, Frisch, fromm, fröhlich, frei, S. 11-104, Triet/Schildknecht, Die Eidgenössischen Turnfeste 1832-2002,
2002, Krebs, Wie der Sport in den Eidgenössischen Turnverein kam, 2003.
37 Vgl. Burgener, Sport und Politik in einem neutralen Staat, 1986, Burgener, Starke Jugend, Freies Volk, 1960.
38 Giuliani, Freie Jugend - Freies Volk, S. 496-534.
39 Giuliani, Freie Jugend - Freies Volk, S. 321-407.
40 Hotz, Fakten und Facetten zur Sportentwicklung in der Schweiz, S. 23.
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sind hier Hotz, Bussard, Eichenberger, Christian Koller und Walter Mengisen. 41 Mengisen verfasste eine Arbeit zum Thema Staat und Sport in der Schweiz, die aber nur als unveröffentlichtes Manuskript bei ihm vorzufinden ist, 42 und Christian Koller setzte sich insbesondere mit der Geschichte des SATUS auseinander. 43 Die Arbeiten von Historikerinnen und Historiker wie Herzog und Giuliani sind zwar immer noch aktuell, doch kehrten diese beiden der Wissenschaft leider den Rücken zu und können darum nicht mehr zum aktiven Zirkel dazugezählt werden.
Es ist daraus abzuleiten, dass die Nachfrage nach Publikationen klein ist. Arbeiten werden darum des Öfteren gar nicht publiziert, sind nur in gehefteter Form in den jeweiligen Fachbibliotheken vorzufinden oder beim Autor selbst nachzufragen. 44 Publikationen in Zeitschriften stellen ebenfalls mehr die Ausnahme als die Regel dar. So zum Beispiel Hotz, der viele Artikel (unter anderem auch solche zur Geschichte des Schulturnens) in der Neuen Zürcher Zeitung oder auch vereinzelt in anderen Zeitschriften publizierte. 45 Eine weitere Ausnahme bilden Heinz Müller und Stefan Valkanover mit ihrem immer noch aktuellen Aufsatz zur Entwicklung der schweizerischen Turnschule (Schweizerisches Turnlehrmittel, erste Ausgabe: 1876, letzte Ausgabe 1997). 46 Kleinere Aufsätze wurden vereinzelt auch zusammen mit anderen Aufsätzen in Bänden zur allgemeinen Sportgeschichte in der Schweiz publiziert. 47 Ansonsten bleiben neben den grossen Monografien noch die vereinzelten Arbeiten von Studierenden zu erwähnen, die ebenfalls nur in den jeweiligen Fachbibliotheken der Universitäten vorzufinden sind. 48 Ähnlich sieht es auch auf der anderen Seite des „Röstigrabens“ aus. Bussard ist der einzige Romand unter den aktiv Forschenden in diesem Gebiet. Da er als der einzige welsche Vertreter mit seiner aktuellen Studie ebenfalls die Geschichte des Schul- und Vereinsturnen für die gesamte Schweiz erarbeitete, fehlen auch heute noch Monografien zu den kantonalen oder sprachregionalen unterschiedlichen Entwicklungen des Schulturnens. Bussard verwendete als Quellen in seinem 2007 erschienenen Werk zwar vermehrt die französischsprachige zeitgenössische Literatur und die französischsprachigen Verbandspublikationen als seine Deutschschweizer Kollegen, 49 dies aber nur in Ergänzung zu den deutschsprachigen Quellen und
41 Mengisen publizierte zwar nicht viel, ist aber als stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Sport und als
studierter Historiker ebenfalls engagiert in diesem Themenfeld tätig. So entstand „Historisches Erkennen heisst
Zusammenhänge vergegenwärtigen“ von Hotz im Auftrag der Eidgenössischen Sportkommission und auf einen Impuls
von Mengisen; vgl. dazu auch die Publikation zu dem 2002 organisierten Symposium zum Schulsport: Mengisen/Stierlin,
Qualität im Sportunterricht, 2003, Einen weitere kurzen Aufsatz zur Geschichte des Schulsports veröffentlichte er in der
Zeitschrift Mobile: Mengisen, Sportlehrerausbildung im Rückblick, S. 28.
42 Mengisen, Der Einfluss des Staates auf das Sportgeschehen, o.J.
43 Koller, Der Sport als Selbstzweck, 2005, Koller, Sport, Parteipolitik und Landesverteidigung, 2003.
44 Als Beispiele zu nennen sind hier Mengisen, Der Einfluss des Staates auf das Sportgeschehen, o.J., Hotz,
Historisches Erkennen heisst Zusammenhänge vergegenwärtigen, S. 62.
45 Für eine ausführliche Bibliografie der Publikationen von Hotz siehe Hotz, Die Turnlehrer-Ausbildung in der Schweiz
1874-1922, S. 181-187.
46 Müller/Valkanover, Wozu?, Was?, Wie?, 1991.
47 Jaccoud/Busset, Sports en formes, 2001, Jaccoud/Tissot/Pedrazzini, Sport en Suisse, 2000.
48 Krebs, Wie der Sport in den Eidgenössischen Turnverein kam, 2003.
49 Bussard, L’éducation physique suisse, 2007, Giuliani, Freie Jugend - Freies Volk, 2001. Eichenberger, Die
Eidgenössische Sportkommission, 1998.
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Arbeiten, ohne eine eigentliche welsche Entwicklung des Schulturnens skizzieren zu wollen. Bleibt der Fokus auf der Bundesebene, wird man eben schnell erkennen, dass die damals gegebenen Verhältnisse dafür verantwortlich sind. Die auf Bundesebene für das Schulturnen tätigen Sportorganisationen, wie die Eidgenössischen Turn- und Sportkommission, der Eidgenössischen Turnverein oder der Schweizerischen Lehrerturnverein, wurden von den Deutschschweizer Vertretern dominiert. Gerade hier würden kantonale Studien helfen, das bestehende Geschichtsbild zu vervollständigen.
Wenn auch die neueren Forschungsarbeiten von Giuliani und Bussard den reinen Blickwinkel des Staates verlassen haben, wurde der ETV als eigener Untersuchungsgegenstand immer noch vernachlässigt. In diesem Sinne soll die vorliegende Arbeit ein Beitrag sein, die Geschichte des Schulturnens und der Wehrvorbereitung aus dem Blickwinkel des ETV zu ergänzen.
1.4 Quellenlage
Als Hauptquelle dient die Vereinspublikation des Eidgenössischen Turnvereins, die Schweizerische Turnzeitung (STZ). Sie war eine Zeitschrift, die von Turnern für Turner gemacht wurde. Jeder konnte Artikel oder kleinere Leserbriefe einschicken. So kam es, dass viele Aspekte in dieser Zeitung kontrovers diskutiert wurden. Aus einem Artikel der Redaktion an die Leser im Jahre 1910 geht hervor, dass auf Seiten der Redaktion Unmut darüber bestand, dass sie nur wenige Zuschriften erhielten. 50 Dies bedeutet, dass die Redaktion stets darum bemüht war, ein Produkt herzustellen, das vielseitigen Anklang fand in der Turnergemeinde, denn es bestand keine Pflicht diese Zeitschrift zu abonnieren. Aus diesem Grund sollte die STZ die Diskussionsplattform innerhalb es ETV sein, damit sie von möglichst vielen gelesen und gekauft wurde, um ihr eigenes Überleben und Fortbestehen zu sichern. Daher können die in der STZ geschriebenen Artikel als durchaus repräsentativ für die gesamte Turnerschaft gelten. Die STZ war das Sprachrohr und die Fachzeitschrift der (bürgerlichen) Turner.
Auch wenn sich viele Vereine der Leibesübungen manchmal selber als unpolitische Organisationen betrachteten (insbesondere der ETV), waren sie es aus heutiger Sicht nicht. In vielen Vereinen spielte das politische Moment mit und schon damals wurden meinungsbildende Plattformen braucht, um über Politik diskutieren zu können. Zu jener Zeit bestanden aber noch keine Internetdiskussionsforen und meinungsbildende Talksendungen im Fernsehen. Die Aufgabe der Meinungsbildung übernahmen zu jener Zeit die Versammlungen (wie auch heute noch) und die Verbandszeitungen. Die Verbandszeitung diente somit nicht nur im ETV als vereinsinterne Diskussionsplattform und nahm eine zentrale Rolle in der Meinungsbildung ein. Der Historiker entnimmt für diese Epoche aus diesen Quellen eine grosse Menge an Informationen. So zeigt sich, dass auch in anderen Vereinspublikationen zum Teil heftig diskutiert wurde. Aus diesem
50 STZ, Nr. 52 1910 , S. 510.
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Grund bilden vielerlei Verbandszeitungen eine ideale Grundlage um die Ansichten und Diskurse seiner Mitglieder zu diesem oder jenem Punkt rekonstruieren zu können. Wie weiter unten noch genauer ausgeführt wird, entsprangen die Turnlehrer oftmals der ETV-Tradition. Wird die Vereinspublikationen der Turnlehrer zur Seite gezogen, werden die Ansichten der Turner vom Schulturnen mit derjenigen der Turnlehrer ergänzt. Aus diesem Grund sollen die Monatsblätter für die physische Erziehung der Jugend (bis 1923) und Die Körpererziehung (Nachfolgezeitschrift der Monatsblätter ab 1923) als zweite und dritte Hauptquellen aufgearbeitet werden.
In den 1920er Jahren wurde das Kinder- und Frauenturnen für den ETV bedeutungsvoll. So rief er mit seinen Jugendriegen in jenem Jahrzehnt seine eigene Jugendabteilung ins Leben (man konnte erst mit 16 Jahren in den Turnverein eintreten) und der Schweizerische Frauenturnverband (SFTV) kam als eigenständige Untersektion unter seine Fittiche. Wie das Kinderturnen (geleitet wurden die Jugendriegen ohnehin von erwachsenen Turnern) standen dadurch auch die Turnerinnen den Männern ideologisch sehr nahe. Dies zeigte sich indem der Jungturner (JT) - das war die Publikation für die Kinder bis 16 Jahren - und das Frauenturnen (FT) - das war das Publikationsorgan des Frauenturnverbandes - als Beilage zur STZ erschienen. Beide Zeitschriften können deswegen als eine Verlängerung der Ansichten der männlichen Turner betrachtet werden. Dennoch liefern sie dem Historiker wichtige zusätzliche Hinweise, da sie sich nicht an das gleiche Klientel wie die STZ richteten. Wie wurden die Argumente der männlichen Turner ausserhalb des ETV präsentiert? Anhand dieser beiden Quellen sollen solche Fragen beantwortet werden. Des Weiteren stand der ETV zu jener Zeit in einem starken Wettkampf mit der Sportbewegung. Der Fussball- und Athletikverein (SFAV) war in der Schweiz nach dem Eidgenössischen Turnverein der zweitgrösste Verband der Leibesübungen. Zwischen den Sportlern und den Turnern existierte jedoch ein ideologischer Graben. Eine Entscheidung für das Turnen war zugleich auch eine Entscheidung gegen den Sport und umgekehrt. Daraus lässt sich ableiten, dass eine Begründung für das Turnen gleichzeitig auch eine Begründung gegen das Sporttreiben war. Daher ist es von Interesse, auf welche Resonanz die Turner mit ihren Ansichten bei ihrer grössten Konkurrenz stiessen. Hierzu soll die Verbandszeitschrift des Fussballverbandes, die Schweizerische Fussball- und Athletikzeitung (SFAZ), Auskunft geben. Das Schulturnen war nicht losgelöst von den pädagogischen Ideologien, die auch die anderen Schulfächer beeinflussten. Das Schulturnen hatte sich in der Geschichte immer in den allgemeinen Kontext des Lehrplanes einzufügen. Vor welchem pädagogischen Hintergrund wurde für das Schulturnen argumentiert? Wie reagierten die Lehrer der „anderen“ Schulfächer auf den erzieherischen Beitrag des Faches Schulturnen? Solche Fragen sollen anhand der Zeitschrift des Schweizerischen Lehrerverbandes beantwortet werden, der Schweizerischen Lehrerzeitung. Sie stellt ebenfalls einen guten Quellenkorpus dar, da der Schweizerische Lehrerverband die grösste Lehrervereinigung der Schweiz war.
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Vorarbeiten wie die von Markus Giuliani 51 oder Jean-Claude Bussard 52 befassten sich stark mit Schriften von Zeitgenossen (Ärzte, Militärs, Turner, Politiker, Wissenschaftler). Ihre Meinungen beeinflussten die Gesellschaft und somit auch die Turner. Doch liefern sie uns keine Informationen darüber, in welchem Ausmass ihre Lehrmeinungen in den entsprechenden Gemeinschaften rezitiert wurden. Dennoch sind solche Schriften vereinzelt auch für die vorliegende Arbeit als Quellen von Bedeutung.
In den Fachzeitschriften wurden die vereinsinternen Debatten teilweise offen ausgetragen. Zumindest lassen sich ihnen aber immer die Ideologien und die Meinung der Mehrheit ihrer Mitglieder entnehmen. Protokollbücher stellen zwar ebenfalls eine gute Quelle dar, doch haben sie zwei erhebliche Nachteile. Erstens sind in ihnen meistens nur die Beschlüsse festgehalten und nicht die Diskussionen und Argumente, die dazu geführt haben. Zweitens kann man von den Beschlüssen einer Vereinsexekutive nicht direkt eine Linie zu den Ansichten seiner Mitglieder ziehen. Dazu müssen zuerst die Vereinsinternen Strukturen und Machtverhältnisse und seine Veränderungen über die Zeit aufgearbeitet werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch Eigeninteressen von einzelnen Exponenten im Vordergrund standen. Begibt man sich auf die Ebene der eigentlichen Sporttreibenden, auf die Ebene der Mitglieder dieser Vereine, dann bilden die Vereinspublikationen den ersten und besten Einstieg in diese Thematik.
1.5 Die Versportung des Turnens - Definition der Begriffe „Turnen“ und
„Sport“
Turnen
Während im deutschen Sprachraum das Wort Turnen lange Zeit für das freie Vereinsturnen und für das Schulfach verwendet wurde, wird im Englischen (Physical Education, Gymnastics) und im Französischen (Education Physique, Gymnastique) zwischen diesen beiden Formen des Turnens begrifflich unterschieden. Dass zwischen diesen beiden Formen des Turnens begrifflich nicht unterschieden wurde, hing mit den beabsichtigten Zielen zusammen. Seit seiner Entstehung hatte das Turnen in beiden Formen der Entwicklung des Körpers und insbesondere der patriotischen Erziehung zu dienen, wie dies auch neuere Arbeiten belegten. Darum ist es nicht ganz korrekt, wenn Marco Marcacci im Historischen Lexikon der Schweiz Turnen nur als „zweckgebundene Übungen, welche die Aufgabe haben die harmonische Entwicklung des Körpers durch geordnete Bewegungen zu fördern“ sieht. 53
Ursprüngliche umfasste der Begriff „Turnen“ im 19. Jahrhundert in der Schweiz jegliche Formen von Leibesübungen wie etwa auch das Laufen, Springen, Werfen, Schwingen (diese Disziplinen bildeten das so genannte „Nationalturnen“), Fechten oder die Marschier-, Ordnungs-, und
51 Giuliani, Freie Jugend - Freies Volk, 2001.
52 Bussard, L’éducation physique suisse, 2007.
53 Marcacci, Gymnastique, 2008.
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Geräteturnübungen. 54 In den letzten Jahrzehnten wurde der Begriff zunehmend auf seinen charakteristischen Kern eingeschränkt: das Geräte- und Bodenturnen. 55 Das Turnen wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts „versportet“ (siehe dazu weiter unten). Wie der Sport kann heute das Turnen zwar immer noch „zweckgebundene Übungen“ sein, doch kann es auch aus reinem Selbstzweck heraus betrieben werden.
Sport
Sport wurde im 19. Jahrhundert als Begriff für eine spezifische Form der Leibesübungen verwendet, welche von England her nach Europa kam. Der Sport war durch das Leistungs-, Konkurrenz- und Rekordprinzip klar zum völkisch-national orientierten Turnen abzugrenzen. 56 Der Begriff Sport entlehnt sich dem spätlateinischen Wort „deportare“ was so viel heisst, wie sich „zu zerstreuen“. Das Wort fand über die französische Sprache („se de(s) porter“) den Weg ins Englische („to disport“) und Schlussendlich ins Deutsche. 57 Der Sport hatte ursprünglich keiner politischen oder körperlichen Erziehung zu dienen, sondern war eine reine Freizeitgestaltung. Es wird im Verlauf der Arbeit aber noch aufgezeigt, dass insbesondere das Selbstverständnis der Fussballer in der Schweiz im 20. Jahrhundert nicht mehr den ursprünglichen Idealen glich. Auch sie wollten während des Ersten Weltkrieges zur nationalen Verteidigungsstärke beitragen und in den 1920er Jahren einen (politischen) Beitrag zur Volksgesundheit liefern. Der Sport wurde so populär, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur alteingesessene Leibesübungen wie das Turnen „versportet“ wurden, sondern heute jegliche Formen der körperlichen Betätigung als Sport bezeichnet werden, ohne dass die drei ursprünglichen Prinzipien Geltung finden müssen. So kann der heutige Sport auch ein Erziehungsmittel sein - ja er muss es sogar, will er sich als Schulfach legitimieren. Der freie Vereinssport kann jedoch wie eh und je auch aus reinem Selbstzweck heraus betrieben werden. Die Begriffe Turnen und Sport beziehen sich in der vorliegenden Arbeit immer auf ihre ursprüngliche Bedeutung. Wird neutral vom Begriff Leibesübungen gesprochen, sind die beiden Begriffe Turnen und Sport darin eingeschlossen. Es wird ab hier nun darauf verzichtet, den Begriff Sport im heutigen Sinn zu verwenden.
54 Beilage zur Festschrift von 1882: Reglement über die Organisation der Eidgenössischen Turnfeste und Organisation
der Eidgenössischen Turnfeste, aus: Niggeler, Geschichte des eidgenössischen Turnvereins, S. 148-160.
55 Röthig, Sportwissenschaftliches Lexikon, S. 421.
56 Bohus, Sportgeschichte, S. 127.
57 Pieth, Sport in der Schweiz, S. 80, Schnabel/Thiess, Lexikon Sportwissenschaft, S. 764.
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2. Das Turnen in der Schweiz anfangs des 20. Jahrhunderts
2.1 Die Herkunft des Turnens und der Körpererziehung und ihre
Entwicklung bis 1848
Jean Jacques Rousseau gilt als eine Art Ahnherr der Sportpädagogik. Mit seinem Erziehungsroman „Emile“ äusserte er grundlegend neue Gedanken zur Erziehung und zur Rolle des Körpers und der Bewegung in der Entwicklung des Menschen. Die späteren Philanthropen waren dann die eigentlichen Wegbereiter für das Schulfach Turnen. Zu ihnen zählten unter anderem Johann Christoph GutsMuth und André Du Toit. Ziel des Philanthropismus war die Entfaltung des Menschen zu einem vollkommenen, das heisst sich der Herrschaft der eigenen Vernunft untergeordnetem Wesen. Ihre Pädagogik orientierte sich dabei am sensualistischen Menschenbild. Die Lehre des Sensualismus besagte, dass der menschliche Geist alle seine Erkenntnisse ausschliesslich über die Sinne gewinnt. Der Leib und seine Sinne waren somit die Brücke zwischen der Welt und dem vernünftigen Ich. Voraussetzung dafür war demnach ein optimales Funktionieren der körperlichen Mechanismen. Der Körper war aber nur das Trägermedium und stand dem Geiste nicht ebenbürtig gegenüber. Ihre Lehren wurden dann unter anderem von Heinrich Pestalozzi weiterentwickelt, welcher den Körper dem Geist als ebenbürtig erachtete. Leib und Geist wurden als eine Einheit angesehen, da sich die beiden nur zusammen entwickeln konnten. Die Körperertüchtigung etablierte sich dann nach und nach in der Bildung und Erziehung. 58
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten sich die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien und forderten eine Beteiligung an der politischen Macht. Der mündige Bürger verlangte einen radikalen Umbau von Gesellschaft und Staat (Abschaffung der ständischen Schranken). Dabei entdeckten ganze Völker ihre nationale Identität. Napoleon besiegte Deutschland mit seinen rund 300 Klein- und Kleinststaaten, brachte die Gedanken der französischen Revolution mit und stiess damit zugleich die Nationalbewegung in Deutschland an. Die Begeisterung für die französische Revolution selber hielt sich jedoch in Grenzen. Denn schon bald überwog der Hass auf die Eroberer, die aus deutscher Sicht ganz Europa zu unterjochen versuchten. Was jedoch blieb, war ihre geistige Hinterlassenschaft einer Republik.
Friedrich Ludwig Jahn war 1810 an der Plamannschen Erziehungsanstalt in Berlin Pädagoge. An dieser Schule wurde nach den Ideen Pestalozzis gelehrt. Zu jener Zeit begann Jahn mit freiwilligen Schülern und Studenten auf der Berliner Hasenheide zu turnen. Ging es den Philanthropen wie GutsMuths noch um die individuelle Erziehung, ging es Pestalozzi oder Jahn um das Vaterland.
58 Pieth, Sport in der Schweiz, S. 15f., Krüger, Einführung in die Geschichte der Leibeserziehung und des Sports, S. 25-
31, Bohus, Sportgeschichte, S. 99-107.
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Dass Jahns Nationalerziehung durch den Körper erzielt werden sollte, war kein Zufall, sondern auch ein Zeichen dafür, dass die französische Fremdherrschaft mittels eines starken wehrfähigen Volkes abgeschüttelt werden sollte. Die Inhalte des Jahnschen Turnens unterschieden sich nicht wesentlich von denjenigen GutsMuth (neu waren lediglich das Reck und der Barren), doch der Geist, in dem sich Turnen vollzog, war anders. Das nationale Kollektiv stand im Vordergrund und nicht das einzelne Individuum.
Da sich die Turner für die Idee der Republik erwärmten und sich selber als Patrioten sahen, beteiligten sie sich in Deutschland dann auch aktiv an den so genannten „Befreiungskriegen“. In der Restaurationszeit nach 1815 wurden die Turnvereine aber immer mehr zu einem grösser werdenden Sammelbecken für Bürger, welche die nationale Einigung herbeiführen wollten. Den Fürsten Deutschlands wurde diese politische Organisation und Bewegung, welche mittlerweile über Preussen hinaus griff, zu ungeheuer. So kam es 1820 in fast allen deutschen Staaten zum Turnverbot (der so genannten „Turnsperre“, dauerte offiziell bis 1842). 59 Das Turnen in der Schweiz war zunächst ein Ableger des Jahnschen Turnens. Es verstand sich auch hierzulande von Anbeginn an als eine nationale Volksbewegung, deren Aufgabe darin bestand, zur Wehrhaftigkeit und zur Einigung der Kantone zum Bundesstaat beizutragen. Angesehene Pädagogen aus Deutschland verliehen der Verbreitung der Jahnschen Ideen dann zusätzlichen Schub, als sie 1819 im Zuge der so genannten „Demagogenhetze“ in die Schweiz kamen. 60 Vor allem an den Hochschulen fanden die deutschen Turner eine begeisterte Anhängerschaft. Sie unterrichteten aber auch an privaten Erziehungsanstalten. Obwohl auch hierzulande in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Turnergemeinschaft keine regierungstreue Organisation war, fand eine analoge „Turnsperre“ nicht statt. 61 Deswegen konnten sich im Jahre 1832 die bis anhin noch lose organisierten Turner über die Kantonsgrenzen hinweg vereinigen und anlässlich des ersten Eidgenössischen Turnfests den Eidgenössischen Turnverein (ETV) gründen. 62
Die Turner setzten sich in Deutschland, wie auch in der Schweiz für die Gründung eines Nationalstaates ein. Während aber in Deutschland die 1848er Revolution als Revolte endete, obsiegten hierzulande die liberalen Kräfte. Mit der Gründung des Bundesstaates verlor die Schweizer Turnbewegung deswegen seinen revolutionären Anspruch. Giuliani redete in Berufung auf Rudolf Braun in diesem Zusammenhang von einer „Entpolitisierung“ der Turnbewegung. Sie wurde nun zu einer regierungstreuen Bewegung. Bescheidener wurden die Turner in ihrem Selbstverständnis deswegen aber nicht. Sie profilierten sich ab 1848 immer wieder als tragende Stütze des neuen Bundesstaates.
59 Krüger, Einführung in die Geschichte der Leibeserziehung und des Sportes, S. 25-50, Bohus Sportgeschichte, S. 105-
118.
60 Vgl. dazu Herzog, Frisch, frank, fröhlich, frau, S. 36.
61 Herzog, Frisch, frank, fröhlich, frau, S. 37, Pieth sah den Grund dafür darin, dass die Aktivitäten der Turner in Einklang
mit den Ansichten der Behörden stand, was so jedoch nicht ganz korrekt ist, Pieth, Sport in der Schweiz, S. 34-36.
62 Pieth, Sport in der Schweiz, S. 30-34.
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2.2 Die Entwicklung des Schul- und Vereinsturnen von 1848 bis anfangs
des 20. Jahrhunderts
2.2.1 Die Stellung des ETV gegenüber dem Staat und anderen Organisationen der Leibesübungen
Im 19 Jahrhundert war das Turnen noch die einzige Form der Leibesübungen und geturnt wurde in erster Linie im Eidgenössischen Turnverein oder in einem ihm angehörigen Kantonalturnverein. Eine statistische Bestandesaufnahme des ETV des Jahres 1872 zeigte, dass es nur wenige Sektionen gab, die weder einem kantonalen Turnverband noch direkt dem ETV angeschlossen waren. 63 Ähnlich war die Situation bei den proletarischen Turnern. Ab 1874 begannen sich diese zwar etwas eigenständiger zu profilieren, in dem sie sich mit der Gründung des Grütliturnverbandes ein wenig von den bürgerlichen Turnern distanzierten, 64 doch änderte dies in der Praxis wenig. Denn auch nach 1874 blieb ein Grossteil der Grütliturnvereine gleichzeitig dem ETV angeschlossen. Das Dach des ETV war gross genug, so dass er alle Turner darunter vereinen konnte.
Erst im 20. Jahrhundert begann sich die Turnergemeinde zu trennen. Zum Bruch mit den Grütliturnern kam es im Jahre 1909. Sie lösten sich dann nach und nach vom ETV los und gründeten 1917 schlussendlich den Schweizerischen Arbeiter-Turnverband, welcher 1922 mit dem Schweizerischen Arbeitersportverband zum Schweizerischen Arbeiterturn- und Sportverband (SATUS) fusionierte. Die katholischen Turner formierten sich ihrerseits 1918 zum Schweizerischen Katholischen Turn- und Sportverband. Im 19. Jahrhundert sah die katholische Kirche in der Turnbewegung noch die Gefahr einer Verrohung der Verhaltensformen, da sich der Turnbetrieb hauptsächlich sonntags vollzog. 65 Anfangs des 20. Jahrhunderts versuchte die Kirche dann mit dieser Kehrtwende, verlorenes Terrain in der Jugenderziehung wieder zurück zu gewinnen. Der ETV war seit jeher eine politisch gefärbte Bewegung. 66 Im 19 Jahrhundert setzte er sich für die Gründung eines Bundesstaates ein und da sich die Turner für die politischen Ideen einsetzten, die 1848 letztendlich obsiegten, verstand sich der Verein weit bis ins 20 Jahrhundert hinein neben den Sängern und Schützen immer wieder als eine der staatstragenden Säulen. In ihrem Selbstverständnis leisteten die Turner einen wesentlichen Beitrag dazu, dass sich die Schweiz zu einem liberalen Bundesstaat aufraffen konnte und deswegen fühlten sich auch dazu berufen,
63 Beilage zur STZ Nr. 25 (1873).
64 Pieth, Sport in der Schweiz, S. 114-120.
65 SKTSV, Sport mit Herz, 1993, Giuliani, Starke Jugend - Freies Volk, S. 113 & 129.
66 Die Turnvereine waren Orte des Politisierens und Diskutierens, hatten dadurch eine Meinungs- und
Bewusstseinsbildende Funktion und waren so etwas wie die nächste Generation der Debattier- und Salongesellschaften
des 18. Jahrhunderts. Nach Erich Gruner waren sie mit ihren grossen Festen dann auch Orte regelrechter politischer
„Massenbewegungen“. An diesen Festen konnte das Kader des Freisinns neben den Schützenfesten dann seine „Basis“
mobilisieren. Erich Gruner redete in diesem Zusammenhang von einer „Kaderpartei“. Das heisst, dass eine Parteibasis
im heutigen Sinne nicht existierte, sondern dass die der freisinnigen Partei wohlgesinnten Vereinen (insbesondere die
Turner-, Sänger-, Schützenvereine) diese darstellen. Sie wurden dabei aber selber nie in die Partei inkorporiert, aus:
Gruner, Parteien der Schweiz, S. 81f.
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diesen Zustand zu bewahren. Dadurch traten sie natürlich mit einem grossen Selbstbewusstsein an die Öffentlichkeit. 67 Fälschlicherweise verstand sich der ETV dabei als eine offiziell unpolitische und konfessionell nicht gebundene Organisation. Er war aber seit jeher und noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stark vom bürgerlichen-liberalen Gedankengut geprägt. 68 Dazu meinte Walter Leimgruber treffend, dass der ETV sich selber als keine „politische Sonderorganisation“ sah, sondern sich lediglich als „Ausdruck des Staats- und Volkswillen“ verstand. Aber gerade durch seine ausgeprägte politische Haltung trug der ETV zur Trennung der Turnergemeinschaft bei. 69 Sein (bürgerlich-nationales) Dach war wohl nicht so gross, wie es die ETV-Turner selber sahen. Es kam nicht von ungefähr, dass die Turner ein so grosses Selbstbewusstsein aufbauen konnten. In der Schweiz gingen nach 1848 die nationalpolitischen Interessen des ETV und des Bundesstaates gemeinsame Wege. Anders war dies in Deutschland. Dort mussten sich die liberal denkenden Turner nach der misslungenen 1848er Revolution den aus ihrer Sicht reaktionären monarchistischen Fürsten unterordnen. In der Folgezeit entstand zwischen den freien Vereinsturnern und den staatlichen Schulreformern ein Streit um das „richtige“ Turnen. Das Schul-und das Vereinsturnen entwickelten sich darauf auf zwei verschiedenen Schienen weiter. 70 In der Schweiz gab es keine solche vergleichbare „Schulreform von Oben“. Eichenberger zeigte auf, dass zwischen dem Schweizerischen Turnlehrerverein (STLV) und dem ETV ein enges Band bestand. Viele Turnlehrer kamen wahrscheinlich oftmals zuerst im Turnverein und nicht in den Lehrerseminaren oder in den Turnlehrerkursen mit dem Turnen in Kontakt. 71 Aus diesen Gründen konnten sich die Turnlehrer, respektive die ETV-Turner durchaus in die Diskussion um das Schulturnen einbringen und darauf Einfluss nehmen. Anders war dies in Deutschland. Svenja Goltermann zeigte auf, dass sich nach 1871 in dem Deutschland unter Preussischer Führung die freien Vereinsturner sehr schnell an die gegebene Situation anzupassen hatten, wollten sie weiterhin die Rolle einer Volksbewegung spielen können. Neu turnten sie halt für Kaiser und Reich statt für die brüderlich-liberale Einigung. 72 Dieser Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland blieb bis ins 20. Jahrhundert bestehen.
Die grösste Konkurrenz für den ETV stellte im 20. Jahrhundert aber nicht die Trennung der Turner, sondern die Sportbewegung dar. Die Leichtathletik und die Spielbewegung waren für viele Jugendliche attraktiver als das starre Turnen. Eva Herzog zeigte am Beispiel von Basel-Land, dass es für den Turnverein aber erst nach dem zweiten Weltkrieg wirklich bedrohlich wurde. Erst da nahm die Mitgliederzahl des Kantonalturnvereins Basel-Land zu Gunsten der Sportvereine ab. Der Grund war, dass der ETV noch lange durch diverse militärische Formen geprägt war (zum
67 Giuliani, Starke Jugend - Freies Volk, S. 113ff., Pieth, Sport in der Schweiz, S. 36, Braun, Sozialer und kulturelle
Wandel in einem ländlichen Industriegebiet, S. 334ff., Herzog, frisch, frank fröhlich frau, S. 37.
68 Herzog, Frisch, frank, fröhlich, frau, S. 56.
69 Leimgruber, Frisch, fromm, fröhlich, frei, S. 100.
70 Krüger, Einführung in die Geschichte der Leibeserziehung und des Sports, S. 120-127, Herzog, frisch, frank, fröhlich,
frau, S. 21.
71 Eichenberger, Die Eidgenössische Sportkommission, S. 47; vgl. dazu Walti, Gemeinsame Anliegen des ETV und des
STLV, S. 49-54.
72 Goltermann, Körper der Nation, 1998.
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Arbeit zitieren:
Lic. phil. Stefan Kern, 2009, Turnen für das Vaterland und die Gesundheit, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Olympischen Sommerspiele in Mexiko 1968 aus politischer Sicht
Seminararbeit, 16 Seiten
Stefan Kern's Text Turnen für das Vaterland und die Gesundheit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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