Eine wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung des
Verhaltens von Zwangsgemeinschaften, positive und
Hinweise für einen konstruktiven Umgang mit persönlichen Einschränkungen
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 4
1. Vorbemerkungen 5
2. Beiträge, die Mut machen und die Freiheit im Denken erweitern sollen. 6
2.1 Der Mensch in der Schublade 6
2.2 Der situative Ansatz der Hilfe 8
2.3 Die Vielfältigkeit des Menschen. 10
2.4 Dialog der Erhellung. 11
2.5 Das Vorschicken schwacher Mitglieder 12
2.6 Das „Trittbrettfahrertum“ 13
2.7 Gehört die Zukunft behinderter Menschen auf den Müll? 16
2.8 Die vermeintliche Schwäche der Einen ist oftmals die vermeintliche Stärke der
Anderen. 17
2.9 Mit den Ohren sehen. 18
2.10 Das böse Wort „Barrierefreiheit“ 19
2.11 Spieglein, Spieglein an der Wand 19
3. Wozu es blinde Menschen bringen können 20
3.1 Thomas Pryor Gore. 20
3.2 Evgen Bavcar, der blinde Fotograf 21
3.3 Jacques Lusseyran 22
3.4 Stevie Wonder. 23
4. Schlussbetrachtung 24
Über den Autor: 26
Literatur 27
3
Vorwort
Dieses Buch beruht auf meinen eigenen Erfahrungen und Empfindungen, den Erfahrungen und Empfindungen eines Menschen, der seit seinem vierten Lebensjahr blind ist. Meine Ausbildung ermöglicht es mir, diese Erlebnisse an wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Denkmodellen festzumachen. Diese Erfahrungen werden im Folgenden anhand von kleinen Texten zu den unterschiedlichsten Lebensbereichen wiedergegeben. Es handelt sich hierbei insbesondere um Erfahrungen und Empfindungen, die im Zusammenhang mit dem eigenen Handicap stehen. Diese Gedanken sollen einen Beitrag dazu leisten, blinden Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Eine physische Blindheit hat nämlich nichts mit einer Blindheit auf anderen Gebieten zu tun. Ein mangelndes Selbstwertgefühl; das Gefühl, außerhalb der Gesellschaft zu stehen, das manch betroffene Gruppe haben mag; das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, hat schon häufig zu kollektiven Verwerfungen geführt, die wir zum Wohle aller vermeiden sollten. Somit richtet sich dieses Buch sowohl an selbst betroffene Menschen, als auch an physisch nicht eingeschränkte Personen. Vor diesem Hintergrund enthält die vorliegende Niederschrift auch Forderungen an betroffene Menschen, genauso wie an nicht selbst betroffene Personen. Die Einseitigkeit, wie über das Thema der physischen Blindheit und anderer Einschränkungen gedacht und geredet wird, ist mir nur allzu gut bekannt. Diese Einseitigkeit betrifft wiederum beide Gruppen, die Betroffenen und diejenigen, die über die Betroffenen denken und reden.
Die Enge im Denken kann jedoch am ehesten von den physisch blinden oder anderweitig eingeschränkten Menschen selbst beseitigt werden. Daher ist es mein Bestreben, hier einige Gedanken, die sich vermutlich jenseits des Mainstreams befinden, zu äußern. Aber - ohne Provokation keine Diskussion - und diese ist notwendig. Es ist ganz sicher nicht mein Anliegen, irgendwelche Personen zu diskriminieren oder sie zu tadeln. Die hier wiedergegebenen Gedanken sollen lediglich als Anregung verstanden werden. Und wer mag, kann sich dieser Gedanken annehmen. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um die erweiterte und überarbeitete Fassung. Diese wurde nötig, nachdem die erste Auflage eine erstaunlich große Resonanz bei ihrer Leserschaft fand.
Carsten Dethlefs
Wrohm, den 1. April 2010
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1. Vorbemerkungen
Die Welt ist bunt! Ja, das ist sie. Und sie ist so bunt, weil jeder Mensch seine ganz eigene Farbe in die Welt einbringt. Diese Farbe kann sich, je nachdem, mit wem ein Mensch in Kontakt steht, ändern. Aber der Kern, das Wesen, die Seele eines jeden Menschen ist einzigartig. Warum weise ich hier besonders daraufhin? Die Begründung ist simpel: Wenn wir es akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist, dann sollte es auf der Welt auch keine Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen mehr geben. Natürlich, Vorurteile oder Ressentiments können uns schützen und uns viel lästige Denkarbeit ersparen, wenn es darum geht, bestimmte Personen zu beurteilen. Doch was ist mit den Menschen, die einer Gruppe unfreiwillig angehören? Was ist also mit Angehörigen anderer Rassen oder mit Menschen, die bestimmten Einschränkungen unterliegen? Was ist mit Menschen, die einer bestimmten, nicht angesehenen beruflichen Tätigkeit nachgehen, die sie aufgrund von wechselnden Modetrends nicht von heute auf morgen ändern können? Kollektive Vorurteile sind nie berechtigt, weil sie die individuelle Einzigartigkeit des Menschen verneinen. Besonders schmerzhaft werden diese Vorurteile, wenn sie Personen einer bestimmten Gruppe die Chancen nehmen, die sie hätten, würden sie dieser Gruppe nicht angehören. Gerade hier gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten. Diese Aufklärungsarbeit muss jedoch auch und insbesondere von den Betroffenen selbst geleistet werden. Daher rufe ich mit den Worten des derzeitigen US-Präsidenten Barack Obama die Menschen, die diesen Gruppen unentrinnbar angehören, zu: „Yes, we can“, auch! Dass es unter Umständen größerer Anstrengungen bedarf, seine Fähigkeiten als Mitglied einer schlecht repräsentierten Zwangsgemeinschaft unter Beweis zu stellen, versteht sich von selbst, aber nochmals: “Yes, we can“, auch! Im Folgenden beschreiben einige Texte das Dilemma, in dem sich die Angehörigen dieser Gruppen befinden und daher in vielen Bereichen benachteiligt werden. Natürlich muss jeder Mensch seine eigenen Grenzen herausfinden und annehmen, doch sind diese Grenzen oftmals nicht so eng, wie man selbst glauben mag. Diese Texte betreffen in erster Linie visuell eingeschränkte Personen. Sie können aber auch auf Zwangsgemeinschaften ganz anderer Art übertragen werden.
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2. Beiträge, die Mut machen und die Freiheit im Denken
erweitern sollen.
„Wenn Du ein Schiff bauen willst,
so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, die Arbeit einzuteilen und Aufgaben zu vergeben, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem endlosen, weiten Meer!“ Antoine de Saint-Exupery (1900 bis 1944)
2.1 Der Mensch in der Schublade
Wer diesen Text mit der nötigen Sensibilität liest, wird feststellen, dass sich die folgenden Betrachtungen auf viele Gruppen in unserer Gesellschaft übertragen lassen.
Einleitung
Es liegt in der menschlichen Natur, Personen gedanklich in bestimmte Schubladen zu stecken. Dieses tun wir nicht aus Böswilligkeit oder grundsätzlicher Ablehnung. Es ist eben ein wirksames Mittel, unseren Geist in einer hochkomplexen Welt zu entlasten und uns die Welt einfacher zu machen, als sie es eigentlich ist. So sind Bayern Menschen mit einem dicken Bauch, die bereits zum Frühstück Bier trinken; Schotten haben den Geiz erfunden; Iren trinken täglich Whiskey; Belgier essen ständig Pommes Frites usw. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Auch wenn diese Vorstellungen in einigen Fällen zutreffen mögen, sollte man diese Annahmen doch nicht generalisieren. Denn sie sind auch für viele Menschen dieser Gruppen diskriminierend, auf die diese Annahmen nicht zutreffen.
Im Folgenden möchte ich mit zwei Annahmen aufräumen, die eine Gruppe betreffen, der ich unfreiwillig bereits seit über 20 Jahren angehöre. Es ist die Gruppe der blinden Menschen.
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Annahmen Annahme 1:
Blinde Menschen sind vor allem mit blinden Menschen zusammen und kennen wenige Menschen, die nicht blind sind.
Dieses ist eine Annahme, die ich nicht bestätigen kann. Natürlich ist es in schwierigen Situationen - und das ist der Moment der Erblindung zweifelsohne - hilfreich, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Andererseits ist man nach wie vor ein ganz normaler Mensch. Ich möchte niemandem meiner Mitbetroffenen verbieten, und kann dieses auch gar nicht, sich überwiegend mit blinden Menschen auszutauschen. Diese Annahme darf nur nicht als unhinterfragte Behauptung im Raume stehen bleiben. Ich persönlich kenne einen blinden Menschen gut, ansonsten bin ich nur mit visuell nicht eingeschränkten Personen zusammen. Und das ist auch gut.
Viele Alltagsdiskussionen und Erfahrungen würden mir ansonsten verschlossen bleiben. Ich habe es im Gegenteil als sehr erfrischend und konstruktiv empfunden, Probleme, die überwiegend blinde Menschen betreffen, mit visuell nicht eingeschränkten Bekannten und Freunden zu diskutieren. Annahme 2:
Blinde Menschen können nur blindenspezifische Tätigkeiten ausführen
Eine solche Behauptung kann heute von niemandem mehr ernsthaft vertreten werden. Die moderne Kommunikations- und Informationstechnologie macht es möglich, blinde Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen einzusetzen. Es mag zunächst einen höheren Aufwand und eine intensivere Vorbereitung erfordern, aber heute ist es für blinde Menschen absolut möglich, qualitativ ebenso hochwertige Arbeiten auszuführen wie visuell nicht eingeschränkte Menschen. Geräte wie Braillezeile, Sprachausgabe, Telefon und Scanner ermöglichen dieses. Es sollte also nicht mehr notwendig sein, dass blinde Menschen nur Alibi-Jobs in paternalistischen Betrieben oder Blindenverbänden ausführen. Diese Gruppe von Menschen kann durchaus produktiv sein. Blinde Pastoren, Banker oder Bäcker brauchen keine Seltenheit mehr zu sein. Gleiches gilt für viele andere Bereiche.
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Arbeit zitieren:
Carsten Dethlefs, 2010, Eine wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung des Verhaltens von Zwangsgemeinschaften, positive und negative Wohlfahrtseffekte für deren Mitglieder , München, GRIN Verlag GmbH
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