Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bosnien-Herzegowina in vorosmanischer Zeit
3. Die religiöse Situation im Osmanischen Reich
4. Die Bewertung der Osmanischen Herrschaft in Bosnien-Herzegowina
4. 1. Positive Wertung: Das “Goldene Zeitalter“
4. 2. Kritische Wertung: “Konfessionelle Apartheid“
4. 3. Realpolitische Gründe statt ideologisch verankerter Toleranz
4. 4. Mentalitätsmutation als problematischste Auswirkung
5. Das Osmanische Reich: Vorbild für heutige Multikulturalität?
5. 1. Modell eines multinationalen Imperiums
5. 2. Prinzip der religiösen Zugehörigkeit
5. 3. Multikulturalität als politisches Konzept
6. Schlusswort
7. Bibliographie
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1. Einleitung
„Wir in Sarajevo haben uns immer über das Multireligiöse definiert“ erklärte Grossmufti Mustafa Ceric, Oberhaupt der bosnisch-herzegowinischen Muslime, dem deutschen Magazin “Spiegel“ in einem Interview im Juni 2001. Nur drei Wochen davor hatte ich die Gelegenheit, Sarajevo und seine Religionsvertreter mit dem christlich-muslimischen Arbeitskreis der Stadt Friedrichshafen zu besuchen. Hierbei fiel mir auf, dass der Grossmufti recht hatte. Fast alle Einwohner der Stadt, die sich immer noch von den Folgen des vierjährigen Bürgerkriegs erholte, betonten die Vergangenheit, wenn sie über die politische Zukunft sprachen. Toleranz und Multikulturalität - im Osmanischen Reich entstanden, unter den Habsburgern weiterentwickelt, im Sowjetstaat bewahrt - soll jetzt für Bosnien-Herzegowina wieder zum obersten Prinzip werden.
Diese bestimmte Sicht auf die eigene Vergangenheit, vor allem auf die Zeit der Osmanischen Herrschaft machte mich neugierig. Wie wird diese geschichtliche Phase wahrgenommen, wie wird sie politisch bewertet, welche Folgen hatte sie für den Balkan als Vielvölkerstaat? Und gibt es politische Elemente, gesellschaftliche Strukturen, die man für den Aufbau eines modernen Bosniens nach dem Krieg nutzen kann? Um diesen Fragen in einer wissenschaftlichen Arbeit nachzugehen, muss zuerst die religiöse und ethnische Situation in Bosnien-Herzegowina vor dem Beginn der Osmanischen Herrschaft kurz skizziert werden. Danach soll die Osmanische Herrschaft in ihrer Bedeutung auf die multikulturelle Vielfalt charakterisiert werden, wirtschaftliche oder aussenpolitische Aspekte dieser Epoche werden nicht behandelt. Ebenso muss ich aus Platzgründen darauf verzichten, die Rolle der österreichisch-ungarischen Monarchie oder des kommunistischen Jugoslawiens für die multikulturelle Gesellschaft Bosnien-Herzegowinas zu untersuchen. Zuletzt folgt eine Analyse, ob und welche historischen Elemente der Osmanenherrschaft in einem demokratischen Rechtsstaat einen Platz finden können. Als wichtige Literatur diente mir der Sammelband “Der Balkan - Friedenszone oder Pulverfass?“, der 1998 von Valeria Heuberger u. a. herausgegeben wurde. Auf dem neuesten Forschungsstand befindet sich die Studie von Sanda Cudic “Multikulturalität und Multikulturalismus in Bosnien-Herzegowina“ aus 2001. Im Werk “Der Islam - europakonform“ von Smail Balic wurden vor allem die kontroversen Meinungen in der Forschung zum Osmanischen Reich deutlich.
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2. Bosnien-Herzegowina in vorosmanischer Zeit
Ein kurzer Überblick über die bosnisch-herzegowinische Bevölkerung und ihre historische Entwicklung soll die Situation des Vielvölkerstaats veranschaulichen. Von Anfang an war die nationale Identität der Balkan-Bewohner in religiösen Bindungen begründet. Die Bevölkerung des mittelalterlichen Bosnien-Herzegowinas soll slawischen Ursprungs gewesen sein. Kurz nach ihrer Ankunft auf dem Balkan wurden diese slawischen Stämme, die verschiedenen Naturreligionen angehörten, unterschiedlichen Einflüssen aus Rom und Byzanz ausgesetzt. Eine kulturelle und religiöse Differenzierung trat ein, und in Bosnien-Herzegowina entwickelte sich eine besondere kirchliche Form - die Bosnische Kirche. Sie zeichnete sich vor allem durch kulturspezifische Gottesdienstformen und eine spezielle Organisation des Kloster- und Kirchenlebens aus. Dennoch waren die Ähnlichkeiten mit den Kirchen in Serbien und Kroatien nicht zu leugnen. 1
Die Verschmelzung von verschiedenen christlichen Lehrern trug allerdings auch zu ihrem Untergang bei. Die Bosnische Kirche wurde der Häresie beschuldigt und mit der bulgarischen Bogumilen-Sekte, die dem Satan eine gleiche Macht wie Gott einräumte, verglichen. Im 14. Jahrhundert fiel die Bosnische Kirche den Verfolgungen endgültig zum Opfer und verschwand vollständig. 2 Im 10. Jahrhundert begannen die Franziskaner mit ihrer missionarischen Tätigkeit und der Katholizismus konnte in Bosnien-Herzegowina Fuss fassen. Ebenfalls in vorislamischer Zeit etablierte sich die Orthodoxe Kirche zuerst in Ostherzegowina. Im 16. und 17. Jahrhundert verbreitete sie sich durch Migrationswellen auch in den restlichen Gebieten Bosnien-Herzegowinas.
Der islamische Glaube, so die Ansicht der meisten Wissenschaftler, begann sich mit der ca. 500-jährigen osmanischen Besatzungszeit in Bosnien-Herzegowina zu institutionalisieren. 3 Allerdings gibt es Meinungen, dass der Islam bereits vor dem Ansturm der Osmanen im osteuropäischen Raum präsent gewesen sei. In den Heeren der ungarischen Könige und der Kaiser von Ostrom sollen Einheiten
1 Cudic, Sanda, Multikulturalität und Multikulturalismus in Bosnien-Herzegowina - Eine Fallstudie zu
Herausbildung, Bedeutung und Regulierung kollektiver Identität in Bosnien-Herzegowina, Frankfurt a.
M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2001, S. 113 und 254f.
2 Vgl. zur Rolle einer bosnischen kirchlichen Institution für den nationalen Diskurs Ebd., S. 255: „Indem
die Bosnische Kirche als Teil der serbischen oder der kroatischen oder als eigenständige Kirche in
Bosnien bezeichnet wird, wird sie als Indikator der nationalen Identität der bosnisch-herzegowinischen
Bevölkerung herangezogen (...) Rekrutierte sich jedoch die später zum Islam konvertierte Bevölkerung
aus (...) der Bosnischen Kirche, so stellt (sie) den direkten Vorfahren der bosnischen Muslime dar.“
3 Ebd., S. 255.
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muslimischer Söldner gedient haben. Während des ganzen Mittelalters tauchte der Islam als Randerscheinung im Militär- und Wirtschaftsleben der Ungarn auf. In den geschichtlichen Urkunden werden diese Muslime vor allem als izmaeliták (Ismaeliten) und böszösmények (Busurmanen) bezeichnet.
Im 14. Jahrhundert werden Muslime noch im ganzen Donaubecken genannt, nicht nur in Ungarn, sondern auch in Sirmien, Nordserbien, der Walachei und der Dobrudscha. Etwa zur gleichen Zeit drangen die ersten osmanischen Stosstrupps in den europäischen Südosten vor. Auf den Fall von Konstantinopel folgten rasche Siegeszüge auf dem Balkan. 4 Im Jahr 1463 verlor Bosnien-Herzegowina endgültig seine Unabhängigkeit, und es begann die Zeit der türkischen Herrschaft.
3. Die religiöse Situation im Osmanischen Reich
Worin liegt die einzigartige Bedeutung der osmanischen Staatsgründung und Expansion für Südosteuropa? Der Hauptgrund - darin sind sich die meisten Forscher einig - liegt weniger in der militärischen Konfrontation zwischen Europa und den Osmanen, auch wenn diese am markantesten hervortreten mag. Schwerer wiegt der Zusammenstoss der Staatsideologie und der Religionen, der im Südosten erfolgte. Alle gesellschaftlichen Strukturen waren davon betroffen. Der Katholizismus, der die Bosnische Kirche fast abgelöst hatte, erlitt starke Niederlagen. Der Islam war nun vorherrschende Macht, alle anderen Religionen und Konfessionen der Balkanvölker befanden sich in der religiösen Diaspora. 5
Wie der Schweizer Publizist Arnold Hottinger schreibt, bildeten die Balkanvölker unter der osmanischen Herrschaft sogenannte “Millets“ 6 . Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der osmanischen Verwaltungssprache und bezeichnete sowohl eine Volks- wie auch eine Religionsgemeinschaft. Der Freiburger Historiker Urs Altermatt charakterisiert die Millets folgendermassen: „Zahlreiche Millets besassen eigene Kirchen und Umgangssprachen. Als Religionsgemeinschaften standen sie unter dem Schutz der muslimischen Oberherrschaft. In der Regel konnten sie ihre inneren
4 Balic, Smail, Der Islam - europakonform? Würzburg, 1994, S. 36f.
5 Altermatt, Urs, Das Fanal von Sarajevo - Ethnonationalismus in Europa, Paderborn, München,
Wien, Zürich, 1996, S. 47.
6 Hottinger, Arnold, Osmanische und europäische Ordnung im Balkan, in: Neue Zürcher Zeitung, 30. April 1994.
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Angelegenheiten nach eigenen Gesetzen regeln. Die Mitglieder eines Millets lebten weitgehend in einem geschlossenen Milieu und heirateten nur untereinander.“ 7 Den entscheidenden Punkt für die Bedeutung des Millets sieht Altermatt darin, dass es kein eigenes Territorium besass und nur durch die Religionszugehörigkeit bestimmt war. So blieben die Mitglieder zwar Angehörige ihrer Religionsgemeinschaft, konnten sich aber im ganzen Imperium ungehindert bewegen. Die Territoriumslosigkeit der Millets war der Grund dafür, dass eine ethnisch, kulturell und religiös derart bunte Karte im ehemals osmanischen Südosteuropa entstehen konnte. 8 Der Umstand, dass die Osmanen ihr Imperium auf dem Prinzip der religiösen Zugehörigkeit aufbauten und die nichtmuslimische religiöse Bevölkerung nach diesem Kriterium einteilten, spielt für die weitere Entwicklung der Geschichte des Balkans eine wichtige Rolle. Die Folgen seien hier nur kurz skizziert:
Als sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Millets des Osmanenreichs in Nationalstaaten nach europäischem Vorbild umwandeln wollten, traten erhebliche Schwierigkeiten zu Tage. Auf dem Balkan lebten so viele Völker in einer Gemengelage zusammen, dass eine klare ethnische Abgrenzung unmöglich war. Welche Völker-Definition auf welchem Territorium Gültigkeit besass, war eine Frage, die alles andere als einfach zu beantworten war. So entwickelten die intellektuellen Eliten der Balkanländer Visionen, die möglichst viele Gebiete abdecken sollten, auf denen Mitglieder des früheren Millets lebten. Es entstanden die Projekte von Grossserbien, Grossbulgarien, Grossgriechenland, ... 9 Die Politikwissenschaftlerin Sanda Cudic verweist darauf, dass das osmanische Milletsystem eine weitere ethnische Differenzierung begünstigt habe. Da die Menschen in religiösen Gemeinschaften organisiert waren, wurde die Tiefe der religiösen Identität verstärkt. Zudem machte es die Religion erst relevant für die Herausbildung einer nationalen Identität. Ähnlich bedeutsam sieht sie nur noch den Faktor Fremdherrschaft, unter der sich Bosnien-Herzegowina wie auch andere Länder seit dem frühen Mittelalter befanden. Als die religiöse Zugehörigkeit mit dem Wunsch kombiniert wurde, sich von der Fremdherrschaft zu befreien, ging „... ein ultimativer Anspruch auf Nation hervor.“ 10
7 Altermatt, Sarajevo, S. 119.
8 Ebd., S. 120.
9 Ebd., S. 120f.
10 Cudic, Multikulturalität, S. 256f.
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Arbeit zitieren:
Ann-Katrin Gässlein, 2003, Vielvölkerstaat Bosnien Herzegowina - Zur Bedeutung der Osmanischen Herrschaft auf dem Balkan, München, GRIN Verlag GmbH
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