Inhalt
Einleitung 4
1 Der gesellschaftliche Wandel - neue Herausforderungen an Individuen
7
1.1 Die Entwicklung von Lebensentwürfen unter dem Einfluss
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen 7
1.2 Die Bedeutsamkeit zentraler Lebensbereiche 9
1.2.1 Arbeit in der Risikogesellschaft - vom Beruf auf
Lebenszeit zur Lebensabschnittstätigkeit 9
1.2.2 Bedeutung und Funktionen von Freizeit 11
1.2.3 Wohnen 12
1.2.4 Strukturwandel in Partnerschaft und Familie 13
2 Biographiearbeit und Individuation
15
2.1 Die junge Generation auf der Suche nach Orientierung und Identität 15
2.2 Über die Notwendigkeit von Biographiearbeit 16
3 Die Analyse exemplarischer Lebensentwürfe junger Erwachsener in
erschwerten Lebenslagen
18
3.1 Das methodische Vorgehen 18
3.1.1 Ableiten von Fragestellungen für die empirische Untersuchung 18
3.1.2 Die Bestimmung der Zielgruppe 19
3.1.3 Die Gewinnung der Interviewpartner 20
3.1.4 Die Datenerhebung 20
3.1.5 Die Datenaufbereitung und -auswertung 23
3.2 Ergebnisse der Einzelfallanalysen 24
3.2.1 Herr 24
3.2.2 Herr B. 44
3.2.3 Herr L. 60
3.3 Interpretation der Ergebnisse 72
2
4 Abschließendes Resümee und Anregungen für weitere empirische
Forschungen
79
5 Anhänge
81
5.1 Kurzfragebogen zur Erfassung der personenbezogenen Daten 82
5.2 Gesprächsleitfaden für das halbstrukturierte Interview 84
6 Literaturverzeichnis
86
3
Einleitung
Die vorliegende Masterarbeit stellt sich das Ziel, Lebensentwürfe von jungen Erwachsenen in „erschwerten Lebenslagen“ anhand exemplarischer Beispiele
zu analysieren. Den Hintergrund des Forschungsinteresses bildet meine 2 ½ - jährige
Tätigkeit vom 01.08.05 bis 31.12.07, zunächst als Standortleiterin, später
als Projektkoordinatorin, im EQUAL - Projekt „NAVIGATOR“, welches sich das
arbeitsmarktpolitische Ziel stellte, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit
verschiedenen Benachteiligungskonstellationen, die sich überwiegend aus Schul- und
Ausbildungsabbrecher/innen, Hauptschüler/innen und Jugendlichen mit Lernbehinderung
zusammensetzten, an der ersten Schwelle zur Arbeitswelt gescheitert und daher in
erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen waren, mit Hilfe niederschwelliger
Angebote zu einer stabilen Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu verhelfen.
Im Fokus der Untersuchung stehen zentrale Antizipationsinhalte in den Lebensbereichen
Ausbildung, Beruf und Einkommen; Freizeit, Wohnen, Familie und soziale Beziehungen
sowie Lebensstandard und -zufriedenheit im Ganzen. Hierzu werden die Antizipationen
mit den individuellen Voraussetzungen, Intentionen, Motiven, Wünschen und Zielen unter
den Bedingungen, Anforderungen und Optionen der Umwelt untersucht. Dies bildet
die Voraussetzung für die Analyse subjektiver Bedeutungsstrukturen, individuell
wahrgenommener Handlungsmöglichkeiten und Problemlöseversuche der Betroffenen.
Dabei ist herauszuarbeiten, wie der sozial - gegenständliche Kontext für die
Identitätsbildung und Integration in das gesellschaftliche Ganze beschaffen ist und welche
Gestaltungsspielräume junge Erwachsene in erschwerten Lebenslagen imstande sind, für
sich zu erschließen.
Die Aktualität meines Themas ergibt sich aufgrund verschiedener gesellschaftlicher
Phänomene: In diesem Zusammenhang sind gesellschaftliche Entwicklungen zu nennen,
welche zunehmend einen adäquaten Umgang mit Diskontinuitäten im Biographieverlauf
abverlangen. Die sich vertiefende Dynamik des gesellschaftlichen Wandels und die damit
verbundene Ausweitung psycho - sozialer Risikokonstellationen erfordern von den
Subjekten die perspektive Ausbildung einer flexiblen Lebensführung bzw. Habitus'.
Das einzelne Individuum wird zu einem Schnittpunkt unterschiedlicher und teilweise
divergierender Anforderungen, Erwartungshaltungen, normativer Leitbilder und
institutionalisierten Regulierungsmechanismen. Die Pluralisierung als dominantes
Merkmal der Gegenwart ermöglicht dabei besonders jungen Menschen die Entwicklung
individueller Lebenskonzepte. Diese haben zwar einerseits neue Selbstbestimmungsräume für die persönliche Lebensgestaltung eröffnet, stellen andererseits jedoch auch
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neue Herausforderungen an Heranwachsende dar, da normative Werte, die zu bestimmten vorhersehbaren Handlungen geführt haben, zunehmend einem offenen Wertesystem weichen, welches ein hohes Maß an Entscheidungskompetenz und Selbstverantwortung voraussetzt. Da in Folge immer mehr Entscheidungen auf eigenes Risiko getroffen werden müssen, sind moderne Biographien durch verschiedene Probleme der Lebensbewältigung belastet, so dass Fehlentscheidungen erhebliche Folgen nach sich ziehen können. Wenn sich aber Entscheidungen aufgrund der wachsenden Zahl von Handlungsalternativen immer schwieriger gestalten lassen, sind die Konsequenzen hinsichtlich der eigenen Zukunft langfristig kaum noch überblickbar. Die alltägliche Lebensbewältigung erweist sich damit als ein Komplex von anspruchsvollen Kompetenzen auf unterschiedlichen Ebenen: intellektuelle Fähigkeiten, emotionale und motivationale Voraussetzungen, Selbstbewusstsein, Erfahrungen, das Eingebundensein und Erleben von Unterstützung in sozialen Netzwerken sowie materielle Ressourcen. Die Ansprüche an die biographische Kompetenz im Sinne der Fähigkeit, das eigene Leben zu gestalten, haben damit zugenommen. Jede besondere Konstellation, Veränderung oder Herausforderung im Verlauf der Lebensgeschichte eines Menschen kann somit als Aufgabe verstanden werden, die von ihm bearbeitet und bewältigt werden muss. Doch nicht jeder kommt mit diesen Anforderungen gleichermaßen zurecht. Gegenstandsbereich meiner Arbeit ist daher die Frage, wo sich junge Erwachsene in erschwerten Lebenslagen sehen und inwieweit sie ihre eigene Lage wahrnehmen. Informationen über die Sicht und Bewertung der eigenen Situation sind u. a. auch deshalb aufschlussreich, weil damit grundlegende Orientierungen, Interessen und Lebensperspektiven einhergehen. Daher interessieren auch die Erfahrungen und Bewältigungsformen junger Menschen, die auf eine Art von Ausgrenzung in einem oder mehreren Lebensbereichen betroffen bzw. bedroht sind. Wie erfährt und verarbeitet der Biographieträger (negative) Ereignisverkettungen im Lebenslauf? Die Aufmerksamkeit gilt folglich der Haltung, die der junge Erwachsene als Träger seiner Biographie gegenüber diesen Gegebenheiten und Ereignissen in seinem Leben einnimmt und zum Ausdruck bringt. Im Fokus steht das Erleben und die Bewältigung dieser Ereignisse, auf welche Hilfen oder Ressourcen dabei zurückgegriffen werden kann, unter welchen Umständen und Modalitäten, welcher Aufwand und welche Gefühle möglicherweise mit deren Bewältigung verknüpft sind. Jede Lebenswelt bietet dabei einen bestimmten Umkreis von Entfaltungsmöglichkeiten an, andere werden ausgeschlossen oder versperrt. Von Interesse ist hierbei, ob und wie es jungen Menschen gelingt, behindernde Einschränkungen und Widerstände zu überwinden, Benachteiligungen aufzuheben und neue Bewegungsräume für sich zu erschließen.
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Um die Differenzierungen der Lebenswelt und die sich daraus ableitenden Handlungsmotive herauszuarbeiten, die Erfahrungen, die der Betroffene mit ihnen macht, die Art und Weise, wie er diese differenzierten Momente erlebt, deutet und für die weitere Gestaltung seines Lebens nutzt, ist die Arbeit wie folgt gegliedert: Im theoretischen Teil werden die gesellschaftlichen Bedingungen, welche den diesbezüglichen Handlungsrahmen determinieren sowie die sich daraus ergebenden Anforderungen an Individuen diskutiert. Das erste Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen und Wandlungsprozessen, in denen Jugend gegenwärtig aufwächst. Daran schließt sich die Betrachtung der Bedeutsamkeit der zentralen Lebensbereiche Arbeit, Freizeit, Wohnen und Familie an, welche jene Bereiche darstellen, für die besondere Schwierigkeiten hinsichtlich der Bewältigung der damit verbundenen zentralen jugendtypischen Entwicklungsaufgaben bei der für die Untersuchung relevanten Zielgruppe angenommen werden kann.
Das zweite Kapitel bezieht sich auf den Sinnbezug und Notwendigkeit von biographischer Selbstreflexion und Biographiearbeit hinsichtlich der Selbsthematisierung des Subjektes, um darauf aufbauend im dritten Teil der Arbeit Fragestellungen für die eigene empirische Untersuchung zu präzisieren, an die sich die deskriptive Darstellung der methodischen Vorgehensweise sowie der Untersuchungsergebnisse anschließt. Die Ergebnisdarstellung ist fallbezogen nach den einzelnen Lebensbereichen gegliedert. Hierauf folgen die Diskussion bzw. Interpretation der Ergebnisse und ein abschließendes Resümee sowie Anregungen für weiterführende Forschungsansätze.
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1 Der gesellschaftliche Wandel - neue Herausforderungen an
Individuen
1.1. Die Entwicklung von Lebensentwürfen unter dem Einfluss
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
Lebensentwürfe können als Gesamtheit einer gedanklichen, als auch handelnden Vorwegnahme zukünftiger Entwicklungen charakterisiert werden, die Kognitionen und Emotionen unterschiedlicher Bewusstheit beinhalten, welche sowohl auf kontrollierbare als auch unkontrollierbare Ereignisse und damit in Auseinandersetzung mit der Gegenwart auf Zukünftiges gerichtet sind (vgl. Orthmann - Bless 2006, S. 9). Im Hinblick
auf die eigene Person spielen u. a. die Auseinandersetzung mit individuellen
Kompetenzen, persönlichen Intentionen, Erwartungshaltungen und Wünschen eine
signifikante Rolle. Lebensentwürfe werden dabei freilich vor allem auch durch die
gegenwärtigen Gesellschaftsbedingungen determiniert. Theorien zur Sozialstruktur
moderner Gesellschaften nehmen in diesem Kontext immer wieder ein Grundmotiv
auf: die Individualisierung als Kernpunkt makrosoziologischer Entwicklungen
(vgl. Beck/ Beck - Gernsheim 1994, S. 11 ff.). Zu den entscheidenden Merkmalen von
Individualisierungsprozessen gehört, dass sie den traditionellen Lebensrhythmus von
Menschen im Sinne einer „Normalbiographie“ zunehmend in Frage stellen bzw.
tendenziell auflösen (vgl. Beck - Gernsheim 1994, S. 120). Sie erlauben in Folge nicht nur
eine aktive Eigenleistung von Individuen, sondern fordern sie vielmehr, da in erweiterten
Optionsspielräumen sowie Entscheidungszwängen der individuelle Handlungsbedarf
wächst und dadurch verstärkt Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Planungsfähigkeit
sowie Flexibilität und Frustrationstoleranz nötig sind. Die Auseinandersetzung mit eigenen
Kompetenzen und die Antizipation möglicher Alternativen für die zukünftige
Lebensgestaltung im Sinne der Fähigkeit zur Lebensplanung werden damit zur wichtigen
persönlichen Ressource. Es liegt heute folglich weitestgehend am Einzelnen selbst, wie er
sein Leben gestaltet: „Das Leben und die Lebensmöglichkeiten jedes Einzelnen werden
so selbst zu einem Wagnis, zu einem sozialen Risiko, zu einem individualisierten Projekt
mit offenem Ausgang. Der Einzelne wird damit zur zentralen Instanz der
Lebensgestaltung in Eigenverantwortung. Jeder wird vermeintlich zu „seines eigenen
Lebens Schmied“ (Rauschenbach 1994, S. 91). Traditionelle Identitätsangebote verlieren
somit zunehmend ihre normative Kraft zugunsten der Chance individueller Identitätsarbeit.
Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Wohnort, Lebenspartner, Kinderanzahl können
nicht nur, sondern müssen getroffen werden:
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Die „Wahlbiographie“ wird damit zur „Bastelbiographie“ (vgl. Beck 1986, S. 216 f.).
Multiple Optionen für die Lebensgestaltung und die Erarbeitung des individuellen Ichs stellen damit verstärkte Anforderungen an das einzelne Subjekt (vgl. Mägdefrau 2002, S. 172). Überall klaffen folglich Lücken zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte.
Die Angebote an Lebensentwürfen und Entscheidungsangeboten haben sich so sehr
vervielfacht, dass Lebensläufe immer weniger vorhersagbar werden und damit die
Ansprüche an die eigene biographische Kompetenz als Fähigkeit, das eigene Leben zu
gestalten, immer weiter zunehmen. Individuen sehen sich also mit einer Vielzahl
konkurrierender Orientierungsmuster in der biographischen Abfolge konfrontiert, die in
einen sinnhaften Lebensentwurf integriert werden müssen.
In dem sich der Einzelne als eigenständige Person entwickeln und behaupten muss, wird
er gleichzeitig eingebunden in ein System von institutionellen Anforderungen, Kontrollen
und Zwängen. An die Stellen traditioneller Bindungen treten verstärkt sekundäre
Instanzen und Institutionen, die den Zeit- bzw. Lebenslaufrhythmus zunehmend prägen
(z. B. Ein- und Austritt aus dem Bildungs- und Erwerbssystem, Abstimmung von
Familien-, Bildungs- und Berufsexistenz u. Ä.) (vgl. Beck 1986, S. 210 ff.). Die individuelle
Entwicklung bewegt sich folglich zwangsläufig in einem vom Staat definierten Bereich:
Der Staat kontrolliert, modifiziert, vermittelt und belohnt Chancen in den verschiedenen
Lebensbereichen, in dem er bspw. Bildungsabschlüsse verteilt. Gleichzeitig fördert er
damit die Periodisierung von Lebensläufen, etwa durch Regeln für den Zugang zu bzw.
der Nutzung von bestimmten staatlichen Leistungen und schränkt damit die Möglichkeiten
der individuellen Lebensgestaltung ein. Mit der zunehmenden Komplexität und
Differenziertheit einer Gesellschaft werden somit die Regelungen, welche die Teilnahme
des Einzelnen am sozialen Handeln steuern, immer umfangreicher, unübersichtlich und
unverbindlicher. Das Alltagsleben wird der Tendenz nach immer mehr selbst zu einem
Stück Arbeit und kalkulatorischer Überlegungen: „Für die neuen Vorgaben (…) muss man
etwas tun, sich aktiv bemühen. Hier muss man erobern, in der Konkurrenz um begrenzte
Ressourcen sich durchzusetzen verstehen (…) Bastelbiographie ist immer zugleich
„Risikobiographie“, ja „Drahtseilbiographie“, ein Zustand der (…) Dauergefährdung. Die
Fassaden von Wohlstand, Konsum, Glimmer täuschen oft darüber hinweg, wie nah der
Absturz ist. Der falsche Beruf oder die falsche Branche, dazu die privaten
Unglücksspiralen (…) - Pech gehabt“ (Beck/ Beck - Gernsheim 1994, S. 12 f.). Die „Kunst“
besteht sodann auch darin, mit den nicht gelebten und nicht realisierbaren Möglichkeiten zurechtzukommen (vgl. Floren 2007, S. 76). Unter diesen Bedingungen sind vor allem
junge Menschen permanent gezwungen, sich angesichts einer Fülle von Möglichkeiten zu
entscheiden.
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Bedingung ist dabei, dass sie…
zunehmend die Folgen ihrer Entscheidungen nicht absehen können,
tagtäglich ebenso auch mit neuen Plänen, Entwürfen und Entscheidungen anderer Menschen konfrontiert werden, die in Folge ihre Biographie mehr oder weniger nachhaltig tangieren und damit beeinflussen,
dass es eine unüberbrückbare Lücke zwischen den theoretischen Möglichkeiten und den realen Chancen gibt, auch nur einen Teil davon zu realisieren.
Der gesellschaftliche Auftrag zur Individuation konkretisiert sich in dieser Lebensphase in Form von typischen Entwicklungsaufgaben im Zusammenhang mit Statusübergängen in den Bereichen Ausbildung, Arbeit und Beruf; Freizeit, Wohnen, Partnerschaft und Familie, dessen Bedeutung im Folgenden dargelegt wird.
1.2 Die Bedeutsamkeit zentraler Lebensbereiche
1.2.1 Arbeit in der Risikogesellschaft - vom Beruf auf Lebenszeit zur
Lebensabschnittstätigkeit
Dieser Lebensbereich ist zweifelsohne durch eine enorme - sowohl gesellschaftliche, als auch individuelle - Bedeutsamkeitszuschreibung gekennzeichnet. Die Berufsrolle gilt als wesentliche im arbeitsgesellschaftlichen Leben. Arbeit dient der Sicherung der materiellen Grundlagen des Gesellschaftssystems, ist konstituierend für die gesellschaftliche Hierarchie, strukturiert zeitlich den Alltag und den gesamten Lebenslauf von Individuen. Sie verhilft dem Einzelnen zu persönlicher und finanzieller Unabhängigkeit und schafft damit die Voraussetzungen für eine selbstbestimmte Lebensführung. Je nach beruflicher Konfiguration bedeutet Erwerbsarbeit eine Operationalisierung und Generierung von Wissen und ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Bewusstsein der Nützlichkeit bzw. Fähigkeit, eine Leistung erbringen zu können. Der Beruf ist zudem mit der Erweiterung von Handlungsspielräumen bzw. dem Erproben eigener Fähigkeiten verknüpft und dient „zur wechselseitigen Identitätsschablone, mit deren Hilfe wir die Menschen, die ihn „haben“, einschätzen in ihren persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten, ihrer ökonomischen und sozialen Stellung“ (Beck 1986, S. 221). Er garantiert weiterhin
grundlegende Sozialerfahrungen und kann die Öffnung zu machthaltigen Wissensnetzwerken bedeuten (Schett 2005, S. 81). Entsprechend hoch ist der
Stellenwert, den Beruf und Erwerbstätigkeit für das Selbstverständnis eines Menschen
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einnehmen, da Anerkennung, Ansehen und Einfluss in modernen Gesellschaften in erster Linie über den Weg der Erwerbsarbeit zu erreichen sind. Der zentralen Bedeutsamkeit dieses Lebensbereiches stehen hingegen die unter gegenwärtigen Gesellschaftsbedingungen bestehenden Teilhabechancen regelrecht konträr gegenüber: Prozesse der Technisierung und Rationalisierung haben ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage im Hinblick auf die Beschäftigungsmöglichkeiten hervorgerufen. Durch die globale Vernetzung haben sich die Arbeitsverhältnisse - und damit auch die Lebensverhältnisse der Menschen - geändert: Mobilität und Flexibilität sind die neuen Grundvoraussetzungen auf dem Arbeitsmarkt geworden. Arbeitnehmer können sich also nicht mehr auf bestimmte, gleich bleibende Arbeitszeiten festlegen, sondern müssen auch örtlich flexibel und somit in der Lage sein, ihr Verhalten und Handeln schnell an die jeweiligen, neuen beruflichen Gegebenheiten anzupassen. Dies erfordert ein breites Spektrum an automatisierten und sofort abrufbaren Handlungspotentialen, als auch eine adäquate Ausstattung im Bereich des strategischkreativen Denkens, um sich auf immer neue Situationen einstellen zu können. Bei stärker werdendem Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt wird damit eine hohe kognitive Informationsverarbeitungskompetenz immer wichtiger (vgl. Schett 2005, S. 90).
Restriktive Grundtätigkeiten und Routinearbeiten sind im Rückgang begriffen, einfache,
manuelle Tätigkeiten für weniger Gebildete nehmen ab, vor allem durch die
fortschreitende Automatisierung bedingt. Hinzu kommen der steigende Druck und die
wachsende Belastung für den Einzelnen in der Arbeitswelt aufgrund des knapp
gewordenen Jobangebotes. Arbeitskräfte sind in einem Maße freigesetzt wurden,
dass eine kontinuierliche „Normalerwerbsbiographie“ in Form von Schulbildung,
Berufsausbildung und lebenslanger Vollbeschäftigung im ursprünglich erlernten Beruf
faktisch nicht mehr existent ist, obgleich gegenwärtig (immer) noch die allgemein geteilte
Vorstellung darüber zu existieren scheint, wie eine Biographie bzw. ihre Teilverläufe
(berufliche Karriere bis zu einem bestimmten Lebensalter) zu verlaufen haben. Vielmehr
sind Brüche, Diskontinuitäten und sich abwechselnde Phasen von Qualifikation,
befristeter (Teilzeit-) Beschäftigung, Ausschluss aus dem Beschäftigungssystem (in Form
von Arbeitslosigkeit), Neu- bzw. Nachqualifizierung und erneuter Beschäftigung längst zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden (vgl. Orthmann - Bless 2006,
S. 34 f.). An die Stelle der ein ganzes Arbeitsleben andauernden Erwerbstätigkeit in
einem Normalarbeitsverhältnis tritt verstärkt eine allgemeine Tauglichkeit für
Erwerbsarbeit: “lifetime employment“ wird durch “lifetime employability“ ersetzt - die
Fähigkeit und Bereitschaft, im Laufe der Zeit mehrere Berufe bzw.
Tätigkeitskombinationen auszuüben. Erwerbsarbeit und Beruf als „Achse der
Lebensführung“ besitzen folglich keine Sicherheits- und Schutzfunktionen mehr, da die
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„Norm“ lebenslanger, standardisierter Ganztagsarbeit längst durch vielfältige Formen arbeitszeitlicher Flexibilisierungen im Sinne von „Grauzonen“ zwischen (Dauer-) Arbeitslosigkeit und (Unter-) Beschäftigung aufgebrochen wurden (vgl. Beck 1986, S. 220). Die Planbarkeit eines kontinuierlichen beruflichen Lebens löst sich für immer mehr
Menschen im Vergleich zu früher auf, da Beruf und Arbeitsmarkt erodieren. Das
Bewusstsein lebenslanger Beschäftigung ist zunehmend der Einsicht gewichen, dass
entstandardisierte und diskontinuierliche Erwerbsbiographien - hierzu zählen „atypische“
und gleichzeitig „prekäre“ Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeitarbeit, geringfügige bzw.
sozialversicherungsfreie Beschäftigung, Leiharbeit und befristete Beschäftigung -
mittlerweile aufgrund ihrer wachsenden Häufigkeit der „Normalität“ angehören und sich
vor allem der Sektor der niedrig Entlohnten und prekär Beschäftigten immer weiter
ausdehnt (siehe Abbildung).
1.2.2 Bedeutung und Funktionen von Freizeit
Wird Freizeit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet, dann kann die Stellung von
Personen in diesem Sektor wichtige Aufschlüsse über ihre soziale und kulturelle
Integration bzw. ihre Tendenz zu subkultureller Ausgrenzung und dergleichen geben.
Der Freizeitbereich stellt ein hochvalentes Feld der intrinsischen Befriedigungen und des
Ausgleichs dar. Er bildet eine subjektive Sinnwelt, die Angebote und Hilfen zur
Identitätsbildung und Selbstdarstellung bereitstellt. Freizeit liefert zudem die wichtigsten
Möglichkeiten für Erholung, Ausgleich, Entspannung als auch Freude und Spaß.
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In ihr artikulieren sich zugleich wesentliche Konflikte zwischen Gruppenloyalitäten sowie Abhängigkeit und Ablösung von der Herkunftsfamilie.
Identitätsentwicklung im Freizeitbereich bedeutet herauszufinden, was man selbst mag, wie man sich selbst darstellen und sein Leben gestalten möchte. Es geht weiterhin um die Ausbildung eines Freizeitbewusstseins, zu dem die reflektierte und kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Freizeitverhalten gehört. Sich dabei bewusst zu verhalten bedeutet in diesem Zusammenhang, selbst darüber entscheiden zu können, was man innerhalb vorgegebener Freizeitbedingungen (z. B. in Form gesellschaftlicher Angebots- und Zeitstrukturen, ökonomischer Bedingungen sowie divergierender Anforderungen anderer Lebensbereiche u. Ä.) für sich in der Freizeit tun will und kann (vgl. Orthmann - Bless 2006, S. 81).
1.2.3 Wohnen
Eine Wohnung ist unter lebensweltlichen Aspekten sowohl ein räumlicher als auch
zeitlicher Ausgangs- bzw. Orientierungspunkt und für das innere Gleichgewicht eines
Menschen von signifikanter Bedeutung. Sie bildet ein wichtiges Refugium für die
wachsende Freizeit bzw. Erholung von Arbeit und ist folglich verbunden mit einem Ort,
an dem sich das Individuum geborgen und zuhause fühlt; befriedigt Grundbedürfnisse
nach Sicherheit und Schutz, Selbstdarstellung und Selbstbestimmung, als auch nach
Kontakt und Kommunikation. Im Zuge der allgemeinen Verbesserung materieller
Lebensverhältnisse hat die Sensibilität für das Umfeld der Menschen zugenommen. Die
Ausstattung von Wohnverhältnissen dient der Selbstverwirklichung des Einzelnen sowie
dem Ausdruck und der Stilisierung der persönlichen Lebensweise. Die Qualität und der
damit in Zusammenhang stehende Lebensstandard derselben bemessen sich u. a. an der
Größe, dem Preis und der Umwelt (Luftqualität, landschaftliche Schönheit,
infrastrukturelle Ausstattung, welche die Voraussetzung für viele Aktivitäten darstellt).
Die Verselbständigung im Wohnen bietet für junge Menschen Möglichkeiten, eine
individuelle Lebensweise zu entwickeln bzw. zu gestalten und damit Identität auszubilden.
Gleichzeitig sind Wohnweise und Wohnkultur aber auch Repräsentanten der Normen
einer Gesellschaft, d. h. der sozialen Zugehörigkeit eines Individuums, seiner Verfügung
über materielle und kulturelle Ressourcen und damit der Integration in das
gesellschaftliche Gesamt (vgl. Orthmann - Bless 2006, S. 96). Die räumliche Ablösung
von der Herkunftsfamilie und die wohnmäßige Verselbständigung sind heute i. d. R. nicht
mehr normativ an ein bestimmtes Lebensalter und auch nicht an den Statuserwerb in
anderen Lebensbereichen gebunden. Die gesellschaftliche Tatsache, dass die Ablösung
junger Menschen vom Elternhaus in erster Linie durch das Gesamt ihrer Lebensentwürfe
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ermöglicht oder verhindert wird und weniger eine Frage der persönlichen Wünsche ist, erlangt für junge Erwachsene in erschwerten Lebenslagen besonderes Gewicht. Die Betroffenen sind im Gegensatz zur Gesamtgruppe der Gleichaltrigen nicht nur in diesem Lebensbereich deutlich eingeschränkt. Deshalb sind sie in Folge in verstärktem Maße zur Mobilisierung von Bewältigungsstrategien gezwungen. Diese können bspw. in einem (freiwilligen oder erzwungenen) Aufschub von Ablösungsprozessen zugunsten des längerfristigen Verweilens im Elternhaus als abhängige Wohnform bestehen.
1.2.4 Strukturwandel in Partnerschaft und Familie
Partnerschaft, Ehe und Familie haben sich in ihren Konstellationen und ihrer Dynamik verändert, da sich der Zusammenhang von Familie und eigener Biographie gelockert hat. Familiäre Lebensformen existieren gegenwärtig in hoch ausdifferenzierter Form. Eine große Variationsbreite von familiären und außerfamiliären Formen des Zusammenlebens ist nebeneinander entstanden bzw. bleibt nebeneinander bestehen.
Charakteristischerweise werden viele von ihnen (z. B. Single - Dasein, nichteheliche Lebensgemeinschaften, etc.) als verschiedene Phasen in einen Gesamtlebenslauf integriert (bzw. werden müssen). Über relativ kurze Zeitspannen lassen sich dabei Veränderungen (siehe Abbildung) feststellen:
(Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland nach Lebensform, 1996 - 2005,
So ist der Anteil von Personen, die einer ehelichen Familienform angehören, zwischen 1996 und 2005 um 13% gesunken. Im Gegenzug ist ein starker Anstieg nichtehelicher
Lebensformen (mit und ohne Kinder) zu beobachten. Dies ist Ausdruck eines strukturellen
Wandels, der auf die zu planende und zu realisierende Lebensgestaltung des Einzelnen
Auswirkungen hat. Sowohl die Wahl einer oder aufeinander folgender verschiedener
Lebensformen, als auch die inhaltliche Ausgestaltung selbiger sind in die individuelle
Verantwortung gegeben: Auf der individuellen Ebene bedeutet die Pluralisierung der
Lebensformen eine erhöhte Notwendigkeit für individuelle Entscheidungen bzw.
individuelle Verantwortung für getroffene Entscheidungen. Entsprechend ist auch das
durchschnittliche Erstheiratsalter in Deutschland zwischen 1960 und 2000 um etwa fünf
Jahre gestiegen. Damals wie heute waren Männer bei ihrer ersten Eheschließung im
Schnitt etwa zwei bis drei Jahre älter als Frauen (siehe Abbildung).
Die Gründe für spätere Eheschließungen sind vielfältig. Sie werden oft in äußeren
Bedingungen, etwa den längeren Ausbildungszeiten, oft aber auch in individuellen
Entscheidungen und Planungen gesehen. Die normativ geprägte Vorbestimmung von
Lebensläufen spielt in unserer Zeit für den Einzelnen eine geringere Rolle: Vielmehr hängt
es stärker von der eigenen Entscheidung ab, wann die Eheschließung am besten in den
individuellen Lebensverlauf passt.
Auch der Wert bzw. die Nutzenerwartungen an das Vorhandensein von Kindern haben
sich gewandelt. Eine normative Verbindlichkeit, Kinder zu bekommen, besteht nicht
(mehr). Die Familiengründung ist vielmehr zu einer denkens- und planungswerten Option
neben anderen geworden, welche auf einen immer späteren Zeitpunkt im Lebenslauf
gelegt wird.
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2 Biographiearbeit und Individuation
2.1 Die junge Generation auf der Suche nach Orientierung und Identität
Die Bildungsexpansion mit der damit verbundenen Bildungsaspiration hat zweifelsohne Folgen für die veränderte gesellschaftliche Gestalt der Jugendphase gehabt, welche sich in Folge im Laufe der vergangenen Jahrzehnte kontinuierlich verlängert bzw. in zwei unterschiedliche Richtungen ausgedehnt hat (siehe Abbildung).
(eigene Darstellung)
Mit der vergleichsweise längeren schulischen und beruflichen Ausbildungsdauer mehren sich einerseits die beruflichen Orientierungsmöglichkeiten in dieser Lebensphase. Des Weiteren wachsen junge Erwachsene heute im Allgemeinen „reicher“ auf als früher, was ökonomische, kulturelle und soziale Ressourcen angeht und erwerben heute im Durchschnitt einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern (vgl. Ferchhoff 2002,
S. 116). Sie sind dennoch gleichermaßen allerlei Armutsrisiken und Belastungen
ausgesetzt und stehen mehr denn je unter dem permanenten Druck, Statusbedrohungen
und Abwärtsmobilität zu vermeiden, da heutige Lebenschancen im Wesentlichen darauf
beruhen, welche schulischen Bildungswege gewählt werden. Die Vermittlung,
Institutionalisierung und der Erwerb von Bildung spielen in modernen Wissens- und
Informationsgesellschaften eine signifikante Rolle, da gesellschaftliche Zusammenhänge
immer komplexer werden und in Folge immer mehr Wissen von den Einzelnen fordern.
Dies verlangt von jungen Menschen folglich neue Anpassungsleistungen, die u. a. in Jugendstudien und der „Agenda 21“ mit Begrifflichkeiten wie Problemlösungskompetenz,
interdisziplinäres Denken, Kreativität, Entscheidungsfähigkeit und vorausschauendes
Planen bezeichnet werden. Jugendspezifische Erfahrungswelten werden somit immer
komplexer und risikoreicher. Verschiedene, oftmals widersprüchliche Teilmündigkeiten
und vielfältige, ambivalente Übergänge zum Erwachsenwerden konstituieren Jugend im
heutigen Verständnis. „Jugendlichkeit“ ist das Leitbild fast jeden Lebensalters geworden.
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Damit einher geht der Zwang, immer früher erwachsen zu sein oder zumindest zu wirken, während der reale Eintritt ins Erwachsenenleben häufig extrem verzögert wird. Die Lebensphase Jugend ist somit unüberschaubarer geworden, da sich die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsensein vermischen und zunehmend uneindeutiger werden.
Junge Erwachsene werden zunehmend auf sich selbst verwiesen und sollen als Erwachsene selbstverantwortlich entscheiden und in einer Gesellschaft handeln, die zukünftig die bereits erreichte Vielfalt an Standpunkten und Perspektiven noch weiter ausweiten wird. Das Jugend- und junge Erwachsenenalter ist damit zu einem hochgradig riskanten Lebensabschnitt erwachsen, in dem vielfältige Möglichkeitshorizonte existieren, so dass in der Kombinationsvielfalt und der Entscheidungskomplexität schon eine risikoreiche Form der Entstandardisierung und Individualisierung der Jugendphase liegt. Die erweiterten Möglichkeiten und Gestaltungsräume sowie die jugendkulturell inszenierte stilbildende Geltung, u. a. von Medien, Musik, Mode und Konsum, deuten also nicht nur auf die „Sonnenseite“ der Selbstverwirklichung hin, sondern enthalten auch Desintegrationsprozesse, da es für die Bewältigung der gesellschaftlich vorgehaltenen Optionen der Lebensgestaltung verschiedener Voraussetzungen bedarf, die für einzelne Gruppierungen variieren dürften. Es darf angenommen werden, dass junge Erwachsene in erschwerten Lebenslagen diesbezüglich benachteiligt sind und für sie folglich die Situation einer erhöhten Planungsnotwendigkeit bei gleichzeitig erhöhten Planungserschwernissen besteht.
2.2 Über die Notwendigkeit von Biographiearbeit
Der biographische Prozess kann als Folge von Lebensereignissen, Entwicklungsaufgaben als auch Wachstumskrisen begriffen werden. Lebensereignisse markieren in diesem Kontext wichtige Einschnitte, Veränderungen und Übergänge in der Lebensgeschichte, die eine Vorgeschichte besitzen, (weit reichende) Folgen nach sich ziehen, sich damit auf die verschiedenen Lebensbereiche auswirken und zu einer Veränderung der Lebensumstände führen können, auf die sich junge Menschen in der Gestaltung ihres Lebens einlassen müssen. Dies gilt vor allem bei kritischen Lebensereignissen wie Arbeitslosigkeit oder Scheidung (der Eltern) (vgl. Kraul, M./ Marotzki, W. 2002, S. 34).
Biographiearbeit bezeichnet in diesem Sinne die Gestaltung des gesamten Lebens in
Reflexion von Vergangenheit, auch - und vor allem - in Bezug auf das eigene Handeln,
zur Gestaltung der Zukunft. Biographizität im Sinne von Arbeit des Menschen an seiner
Biographie muss das Individuum angesichts einer Vielzahl von Entscheidungsalternativen
leisten. Gefühle wie Interessen, Wünsche, Ängste als auch Abneigungen haben an der
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Gestaltung der Lebensgeschichte einen wesentlichen Anteil (Kraul, M./ Marotzki, W. 2002, S. 35). Der Biographieträger kann folglich als Organisator und Interpret des
eigenen Lebens bezeichnet werden und steht als solcher sowohl in der Freiheit, als auch
in der Notwendigkeit, als Akteur sein Leben zu gestalten.
Bereits im Erzählen wird Biographie konstruiert, die gebunden ist an die Individualität und
Identität eines Menschen, wenn Erlebnisse erinnert werden, die in Beziehung zum Leben
gesetzt werden. Identität steht in diesem Kontext für jene Leistung, sich selbst als
eigenständiges und besonderes Individuum wahrzunehmen und akzentuiert die Fähigkeit,
verschiedene Aspekte der Lebensgeschichte und der Lebenssituation in ein einheitliches
und konsistentes Verständnis der eigenen Person zusammenzufügen. Dabei geht
es nicht um eine „objektive“ Wahrheit, sondern vorrangig um das Anschauen und
Verstehen der subjektiven Logik in der Gestaltung des eigenen Lebens im Sinne der
Einzigartigkeit des Menschen und sein inneres Erleben, um Verstehensprozesse, die
Veränderungsmöglichkeiten und Handlungspotenziale eröffnen können, als auch die
Gesellschaft als gegebene Struktur bzw. Produkt menschlicher Gestaltung, die
vorgefunden und erlebt wird. Die Wirksamkeit biographischen Erzählens liegt damit
weniger in der Bewusstmachung von Verdrängtem als vielmehr in Sinnsetzungen, mit
denen der Autobiograph sein Leben imstande ist zu sehen (vgl. Raabe 2004, S. 20).
Hierin liegt natürlich auch die Grenze: Biographiearbeit kann zwar Gestaltungsräume
sichtbar machen und Handlungsimpulse geben; die Entscheidungen im Leben, was zu tun
bzw. zu unterlassen ist, bleibt freilich jedem selbst überlassen.
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3 Die Analyse exemplarischer Lebensentwürfe junger
Erwachsener in erschwerten Lebenslagen
3.1 Das methodische Vorgehen
3.1.1 Ableiten von Fragestellungen für die empirische Untersuchung
Die zentrale Intention der Forschungsarbeit im Sinne der Analyse exemplarischer Lebensentwürfe junger Erwachsener in erschwerten Lebenslagen, bezogen auf die Lebensbereiche…
Ausbildung, Beruf und Einkommen Freizeit Wohnen Familie und soziale Beziehungen
Beurteilung der eigenen sozialen Lage - Lebensstandard und -zufriedenheit im Ganzen,
konkretisiert sich vor dem dargelegten theoretischen Hintergrund. Eine weitere Zielstellung beinhaltet die Analyse der Kompatibilität und Abstimmung
bereichsspezifischer Auseinandersetzungen mit den Wünschen und Zielen in anderen Lebensbereichen sowie Bewältigungsstrategien beim Umgang mit möglichen Divergenzen. Die aktuellen Lebenssituationen (und Antizipationen) der Befragten werden dabei zunächst bereichsweise beschrieben.
Bezüglich des Bereiches Ausbildung, Beruf und Einkommen wurden der aktuelle Berufs-, Erwerbs- und Einkommensstatus sowie antizipierte Präferenzen (zukünftige Berufswünsche) inhaltlich erfasst.
Im Hinblick auf die persönlich wahrgenommene Bedeutung von Freizeit ließen sich Funktionen und damit verknüpfte Bedürfnisse im Zusammenhang mit bestimmten Aktivitäten betrachten. Erfragt wurden derzeitige Freizeitaktivitäten, weitere Interessen und Freizeitpartner, um den Stellenwert des Freizeitbereiches im gegenwärtigen Lebenszusammenhang zu erfassen. Des Weiteren thematisierten die Befragten den grundsätzlichen Stellenwert des Freizeitsektors.
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Arbeit zitieren:
Annika Schmidt, 2008, Risikobiographien - Lebensentwürfe junger Erwachsener in erschwerten Lebenslagen , München, GRIN Verlag GmbH
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