Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 4
2. Die Sendung „Domian“ 7
2.1. Die Entstehung 7
2.2. Der Aufbau 7
2.3. Der Moderator 9
2.4. Die Rezipienten und Anrufer 10
3. Forschungsüberblick: Ratschlag und Beratung 13
3.1. Ratschlag: Definition 13
3.2. Verschiedene beraterische Konzepte 14
3.3. Die Kurzberatung 16
3.4. Beratung am Telefon 18
4. Domian in der Forschung: Ansätze von Cerovina,
Willmann und Krause 19
5. Mediale Einflussfaktoren auf das Gespräch in der Sendung 20
6. Asymmetrische Strukturen 23
6.1. Begriffsdefinitionen: Asymmetrie, Macht, Hierarchie
und Dominanz 24
6.2. Die asymmetrische Struktur der Beratungssituation 25
6.3. Die Problempräsentation und Aushandlung 28
7. Imagearbeit im situativen Kontext 31
8. Daten 34
9. Analyse 36
9.1. Asymmetrische Strukturen 36
9.1.1. Die Gesprächseröffnung 36
9.1.2. Die Gesprächsbeendigung 42
9.1.3. Die Problempräsentation 49
9.2. Imagearbeit der Interaktanten 60
9.2.1. Imagearbeit in der Beendigungsphase 60
9.2.2. Imagepflege des Moderators als
Untersuchungsgegenstand 68
9.2.3. Sprachliche Ausdruckmittel der Imagearbeit 72
2
10. Fazit 82
11. Literatur 85
3
2. Die Sendung „Domian“
Im Folgenden sollen die Entstehung der EinsLive Talksendung „Domian“ sowie deren Aufbau dargelegt werden. Darüber hinaus werden der Moderator und sein Werdegang ebenso wie das Publikum und dessen Motivation bzw. Gratifikation für Anrufe in die Sendung beleuchtet. Um eine gesprächsanalytische Untersuchung vorzunehmen, ist dieser Schritt unerlässlich, um das Vorgehen und die Ergebnisse fundiert zu gestalten und einzuordnen.
2.1 Entstehung der Sendung
Im Jahre 1991 ging beim WDR 1, heute EinsLive, ein Radioformat namens „Riff“ auf Sendung, bei dem sich auch die Zuhörer aktiv in die Sendung einschalten konnten und Gehör fanden 2 . Journalistisch aufbereitete Themen waren vorgegeben, was sich zwei Jahre später ändern sollte. Der Moderator gab nun immer freitagnachmittags das Wort an die Zuhörer weiter, die zu jedem x-beliebigen Thema mit ihm sprechen konnten. „Die heiße Nummer“, so der Titel, entwickelte sich schnell zu einer der beliebtesten Radioformate und der WDR wagte das Experiment, an fünf Tagen der Woche dem Moderator das Wort und auch Bild zu erteilen. Denn die Sendung sah vor, nicht nur über das Radio, sondern auch über das WDR-Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Schaarmann [1998] führt hierfür ökonomische Argumente ins Feld, denn neben der Hörerbindung und -gewinnung, stand auch die „Schaffung eines Kultcharakters“ im Vordergrund, „was sich als sehr erfolgreich erwies“ [Schaarmann 1998: 70]. Was anfänglich noch vom damaligen Direktor Pleitgen kritisch beäugt wurde, mauserte sich schnell zum Quotenhit zu nachtschlafender Zeit. Am 2.4.1995 ging das „bimediale“ [Huth 1998: 24] Talkradio, benannt nach seinem Moderator Jürgen „Domian“ auf Sendung.
2.2 Aufbau der Sendung
Das Format Domian ist aktuell über dreierlei Kanäle abrufbar, also mittlerweile trimedial: über das EinsLive-Radio, das WDR-Fernsehen und den digitalen
2 Die folgenden Informationen sind, sofern nicht anders gekennz. zit. n. Krause.
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Sender ARD-Festival sowie über das Internet. Die Sendezeit hat sich seit Ausstrahlungsbeginn im April 1995 nicht verändert. So beginnt der wöchentliche Sendezeitraum in der Nacht zum Dienstag und endet in der Nacht zum Samstag, jeweils einstündig von 1:00 bis 2:00 Uhr. An bis zu zwei Tagen der Woche ist die Sendung einem Themenschwerpunkt untergeordnet, der aber häufig viel Raum zu Interpretation lässt. So sind gerade die Themennächte recht weit gefasst: „Der Tag X“ oder „Aus eigener Kraft geschafft“ 3 . Krause [2006] weist darauf hin, dass diese meist dienstags und donnerstags ausgestrahlten Sendungen häufig eine „Tendenz zum Intimen und Tragischen“ aufweisen [Krause 2006: 58]. Schon eine Stunde vor Sendungsbeginn wird auf die folgende Sendung „geteased“ 4 , um Anrufer zu animieren. Die Zahl derer, die versuchen durchzukommen, liegt laut Angaben der Dt. Telekom bei 40.000 - 60.000 Anrufern pro Nacht. Von diesen vielen Tausend kommen dann letztlich bis zu 200 zu den Rechercheuren der Sendung durch und 6 bis 10 schaffen es live zu Domian durchgestellt zu werden [Zbikowski 2001: 47]. Schätzungsweise 220.000 Zuschauer verfolgen täglich das Format [Voß 2009, Homepage]. Neben dem Moderator agieren im Hintergrund Rechercheure/ Redakteure, Realisatoren, Telefonisten, Techniker und Psychologen - ein Team von rund 21 Personen pro Abend [ebd.: 45]. Bevor ein Anrufer mit dem Moderator sprechen darf, wird seine Geschichte von der Redaktion in einem Vorgespräch geprüft. Erscheint eben diese Geschichte passend für das Konzept, wird der Anrufer zurückgerufen, um dann live in die Sendung geschaltet zu werden. Grundsätzlich scheiden alkoholisierte, unter Drogeneinfluss stehende oder von Mobilfunkgeräten Anrufende für die Sendung aus. Auch wird versucht, die Faker so gut es eben geht, auszusortieren. Es gibt eine Liste („Fake-List“) auf der die Personen vermerkt sind, die immer wieder versuchen, die Redaktion zu täuschen und mit einer erfundenen Geschichte zu Domian zu gelangen [vgl. Huth: 27/ Schweers 1995: 48]. Hat ein Anrufer alle Hürden genommen 5 , wird seine Geschichte stichpunktartig auf Karteikarten vermerkt. Domian selbst erhält über die Regie nur Vornamen und Alter der anrufenden Person [Zbikowski: 61]. Auf Seiten „der Macher“ ist man sich bewusst, dass eine Themenselektion zu Zwecken der Unterhaltung stattfinden muss: „die wichtigste Frage ist: Bringt uns
3 5.3.2009 bzw. 5.2.2009.
4 Neudeutsch für vorangekündigt.
5 Zur „Gatekeeper“-Funktion s. Krause.
8
dieses Thema gute Geschichten? Wir verstehen unsere Sendung natürlich auch als Unterhaltungssendung“ [ebd.: 42].
Die Regie greift, von den Hörern unbemerkt, mit einem Tonsignal ein, wenn sich ein Gespräch im Kreis dreht, da die Rezipienten davon abgehalten werden sollen abzuschalten [Schweers zit. n. Cerovina: 23]. Nach der einstündigen Sendung halten der Moderator und sein Team noch eine Feedback-Runde ab. Hierbei wird besprochen, inwiefern die Rechercheure mit ihren Einschätzungen ggf. falsch lagen, ob Domian wichtige Fragen vergessen hat und auch die im Hintergrund agierenden Psychologen rekapitulieren die Sendung [Zbikowski: 106].
2.3 Der Moderator
Am 21. Dezember 1958 wurde Jürgen Domian in Gummersbach in „einfachen Verhältnissen“ als Sohn einer „Flüchtlingsfamilie (…) aus Westpreußen“ geboren [Domian 1998/ 2004 zit. n. Krause: 70]. Er absolvierte Hauptschule und Gymnasium, um dann ein Magisterstudium der Germanistik, Philosophie und Politik zu beginnen. Dieses finanzierte er u.a. als studentische Aushilfe beim Fernsehen: sein erster Schritt in die Medienwelt. In den folgenden 1980er Jahren durchlief er eine journalistische Volontärsausbildung beim WDR sowie beim Deutschlandfunk und seine erste Moderation fand in der Sendung „Blue Monday“ statt. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde Jürgen Domian fest beim WDR eingestellt und er moderierte die bereits erwähnte Radiosendung „Riff“, drei weitere Jahre später dann „Die heiße Nummer“ - den Domian-Vorläufer [vgl. Krause: 63].
Neben dem Bundesverdienstkreuz erhielt Jürgen Domian vor sechs Jahren von dem Kölner Oberbürgermeister Schramma die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordnes für seine „wertvolle Sozialarbeit“ [Voß, Internetquelle]. Offiziell wurde die Verleihung so begründet, dass Jürgen Domian durch intensive und engagierte Gespräche ein akzeptierter Partner bei drängenden Problemen sei. Gelobt wurde ferner sein soziales Engagement für den Ausbildungskonsens NRW sowie für das AIDS-Präventionsprojekt „Herzenslust“. Hier erreiche er Zielgruppen, die die AIDS-Hilfe allein nicht anzusprechen in der Lage wäre [Krause: 63f]. Der heute 50-jährige lebt in Köln und bezeichnet sich selbst als
9
„Zweidrittelschwul“ - inwieweit dieses outing auch einem Marketingkonzept entsprechen könnte, diskutiert u.a. Krause [ebd.: 72].
2.4 Die Rezipienten und Anrufer
Von dem Rezipienten zu sprechen gestaltet sich gerade bei Konsumenten von Massenmedien schwierig und das Publikum wird in der Forschung als „dispers“ und „diffuse Größe“ beschrieben [vgl. Burger 2005: 5]. Es wird davon ausgegangen, dass Zuschauer/ Zuhörer, die sich für Informationen interessieren, eher öffentlich-rechtliche Sender favorisieren, während Unterhaltungssuchende tendenziell an private Anbieter halten 6 [vgl. ebd.: 6]. Aus den wissenschaftlich repräsentativen sowie exemplarischen Studien sollen einige der Ergebnisse im Folgenden kurz skizziert werden, da sich diese Eindrücke in der späteren Analyse als hilfreich in Bezug auf die jeweilige Situationseinordnung erweisen könnten.
Während Schaarmann die allgemeine Hörerbindung an den WDR untersucht, hatte der Sender selbst im Jahr 1996 eine Telefonumfrage in 1000 Haushalten Nordrhein-Westfalens initiiert, wobei die Befragten älter als 14 Jahre waren. Die angesichts des Umfanges repräsentativen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen [vgl. folgend Krause 2006: 75ff]:
- 1/5 der Befragten hatte das Talk Radio schon einmal gehört/ gesehen - den größeren Anteil machten gebildete, jüngere Männer aus - davon jeder Zwanzigste rezipierte die Sendung 4-5 mal pro Woche - Frauen bewerteten die Sendung auf einer Skala von 1 - 10 besser als Männer, Jüngere besser als Ältere und gering Gebildete besser als höher Gebildete (Mittel insg. 6/10)
- 5 Prozent haben schon einmal angerufen, 50 Prozent schlossen einen Anruf aus
- 60 Prozent fühlten sich gut unterhalten
- bzgl. der Gratifikationsaussagen stimmten tendenziell eher jüngere Personen zu
6 Obwohl hier auch partiell informative Inhalte erwartet werden.
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Eine exemplarische und tendenzielle Aussage kann Huth in ihrer Magisterarbeit machen, denn sie analysierte anhand einer Gruppendiskussion die Rezeptionsmotive von 19 Studierenden, die alle die Sendung kennen und mäßig bis häufig sehen [Huth zit. n. Krause, vgl.: 76f]. Die vornehmlichen Motive für den Konsum der Sendung Domian waren:
- Spannung - Ablenkung - Entspannung - Unterhaltung und Zeitvertreib - Gesprächsstoff - Parasoziale Interaktion und Beziehung - Stabilisierung und Erweiterung von Identität
Außerdem gaben die Studierenden ihre Meinung zur Sendung und ebenso zum Moderator preis, wobei diese überwiegend positiv ausfielen. Die Gratifikation schien hier die Person Jürgen Domian auszumachen (auf Seiten der Zuschauer). An dieser Stelle setzt Krause an, denn er möchte ebenso die Gratifikation und Motivation für Domian-Anrufer ermitteln. Dessen methodisches Vorgehen, ebenso wie seine Abgrenzung von Schweers, ist schon angesprochen worden. Nun sollen seine Ergebnisse in Bezug auf Gratifikation und Motivation noch genauer skizziert werden, da sie in Bezug auf die vorliegende Arbeit eine Rolle spielen. Bei seiner Typenbildung kategorisiert Krause die Anrufenden in: Orientierungssuchende, Bestärkungssuchende, Mitteilungsbedürftige,
Sendungsbewusste sowie Faker und analysiert empirisch die Motivation und Gratifikation für ihre Anrufe bei der WDR-Sendung. Die Ergebnisse gestalten sich tendenziell wie folgt 7 : Bei den Bestärkungssuchenden konnte Krause feststellen, dass die Motivationen für die Anrufe in die Talksendung auch in der Person Jürgen Domian zu finden sind, denn es wird u.a. seine „Härte“ „Ungeduld“ und „klare Position“ geschätzt. Das Besondere der Anrufsituation bzw. die Spezifika des Sendekonzeptes sind weitere bestärkende Elemente der Anrufenden und sie äußern im Interview selbst, dass die einseitige Sichtbarkeit eine „günstige Hierarchie“ darstelle und es bei dem Anruf keinen „Gesichtverlust“ zu befürchten
7 Die folgenden Ergebnisse sind aus Krause: 146ff.
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gebe. Gerade diese Aussagen sind bei der Fragestellung dieser Arbeit von Interesse und finden in der anschließenden Analyse Beachtung. Der gemeinsame Nenner in Bezug auf die Gratifikationen dieser Gruppe ist die Aktivierung sozialer Ressourcen. Den verschiedenen Mitteilungsbedürftigen ist ein parasoziales
Vertrauensverhältnis zum Moderator gemein. Domian als Ansprechpartner wird geschätzt. Darüber hinaus verstehen sich Anrufer als „Sprachrohr“ einer bestimmten Gruppe. Hier ist die aktuelle gesellschaftliche Lage und Stimmung von Bedeutung. Gratifikatorisch ist bei den Mitteilungsbedürftigen die „Entlastung durch Verbalisierung von Emotionen“ ausschlaggebend. Interessant ist an dieser Stelle, auch in Bezug auf die eigene Analyse der Autorin: Negativ bewertet wird der „Verknappungszwang der Medienrealität“. Die Sendungsbewussten treten im Gegensatz zu vorherigen Anruftypen „engagiert-mitteilungsbedürftig“ und nicht „druckleidend-mitteilungsbedürftig“ in Erscheinung. Das Ziel ist Lobbyarbeit, da sie sich als Repräsentanten ihrer jeweiligen Gruppe einstuften.
Die Faker sind in erster Linie von Langeweile, Amüsement, sozialem Vergleich sowie Zeitvertrieb zum Anrufen bewegt. Sie fühlen sich dem Moderator und den „echten“ Anrufern gegenüber erhaben und hegen Zweifel an der Authentizität der Sendung „Domian“. Zur Gratifikation der Faker ermittelt Krause, dass das redaktionelle Prinzip der Anrufe einen nicht unwesentlichen Anteil hat. Hier werden die Mechanismen ausgehebelt, die dazu dienen, die Sendung bunt und interessant zu gestalten, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Die Belohnung ist also auch in der Gesprächssituation an sich zu suchen, denn dies bedeutet, das System erfolgreich untergraben zu haben. Die Sendung, deren Konzept sowie der Moderator werden negativ bewertet, was den Grad der Gratifikation hoch ausfallen lässt.
Die verschiedenen Ansätze zur Untersuchung der Anrufer in Bezug auf deren Rezeptionsverhalten, Motivation und Gratifikation geben einen Eindruck der Anrufermentalität, die in der noch zu leistenden Gesprächsanalyse einbezogen werden wird. Noch einmal ist zu betonen, dass es sich nicht ausschließlich um repräsentative Ergebnisse handelt, sondern vielerorts Tendenzen ermittelt werden. Dennoch können gerade Krauses Ergebnisse dazu beitragen, die spekulative
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Ebene zu verlassen und im gesprächsanalystischen Kontext etwas konkreter zu agieren - wenn auch unter Vorbehalt.
3. Forschungsüberblick: Ratschlag und Beratung
Bereits hier kann gesagt werden, dass die Sendung Domian meist nach einem ähnlichen Schema verläuft. Eine Person ruft an, schildert ein Anliegen und Domian vertritt seinen Standpunkt zum Erzählten. Meist erteilt er Ratschläge oder nimmt beraterische Haltung ein. Um diese intuitiven und vagen Eindrücke richtig interpretieren zu können, empfiehlt es sich, eine kategorische Einschätzung des Untersuchungsgegenstandes vorzunehmen. Der Blick richtet sich hierbei schon vorab auf Elemente, die in der Beratungssituation am Telefon bei „Domian“ eine Rolle spielen könnten. Der folgende Überblick soll also dazu dienen, die Arbeit Domians ein Stückweit genauer einzuschätzen. In der gesprächslinguistischen Analyse können diese Eindrücke in Bezug auf Domians Verhalten von interpretatorischem Interesse sein.
3.1 Ratschlag: Definition
Bevor dezidierter auf das komplexe Feld Beratung eingegangen wird, soll zuerst der Ratschlag definitorisch skizziert werden.
So geht Rogers [1995] im Rahmen seiner Beratungsforschung auf den Ratschlag und dessen Verwendung ein. Er klassifiziert diesen als Intervention, denn „hier bestimmt der Berater das zu erreichende Ziel und greift vermittelnd in das Leben des Klienten ein, um sicherzustellen, daß das Individuum sich in Richtung auf dieses Ziel bewegt“ [Rogers 1995: 31]. Speziell wird an dieser Stelle auf die Beratung im Rundfunk eingegangen, die mit Blick auf die Sendung „Domian“ interessant ist. Hierbei hat ein Moderator wenige Minuten Zeit, um sich die Problemschilderung des Anrufers anzuhören und diese zu verarbeiten. Was folgt, ist eine Ratschlagserteilung, wie sich das Individuum verhalten soll. Rogers merkt an, dass die Berater solcher Sendungen sich häufig nicht bewusst seien, in welchem Umfang sie Ratschläge erteilen und bis zu welchem Ausmaß in das Leben der Klienten eingegriffen werde [vgl. ebd.].
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Willmann [1998] separiert in seiner Arbeit zu Radio Phone-In Sendungen zwei Formen von Ratschlägen, die thematisch für diese Untersuchung von Interesse sind, nämlich die direkten bzw. indirekten Empfehlungen. Er weist deutlich darauf hin, dass als Ergebnis seiner Analyse die direkten Empfehlungen in der Häufigkeit ihres Auftretens überwiegen, diese auch ggf. von indirekten gestützt werden und sie außerdem meist einen Zukunftsbezug besitzen. Gesprächslinguistisch manifestieren sich die direkten Ratschläge häufig an Imperativen und Modalsätzen oder der Berater versetzt sich via 1. Person Singular Konjunktiv in das entsprechende Gegenüber [vgl. Willmann 1998: 94ff]. Für dies Arbeit Domians ist also schon eine indirekte Einschätzung vorgenommen worden.
3.2 Verschiedene beraterische Konzepte
Einige theoretische Ansätze zum Thema „Beratung“ sind für diese Arbeit ebenfalls von Interesse und werden nachfolgend diskutiert.
Definitionen zum Thema Beratung finden sich in der Literatur zu Hauf und folgende Aspekte sind vielen von ihnen gemein. Beratungsgespräche sind interaktive Prozesse, bei denen der Ratsuchende für einen subjektiv negativ empfundenen Zustand keinen Ausweg findet und sich Hilfe durch einen Ratgeber sucht. Dieser muss vom Ratsuchenden als kompetent in Bezug auf beraterische Prozesse eingestuft werden, um im Idealfall Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten oder Wege aus der Misere weisen zu können.
Zimmermann [2003] merkt an, dass Beratung das Wort „Rat“ beinhalte und ferner also ein Ratgebender und ein Ratsuchender zusammenkämen, um ein Problem zu lösen. Dies findet laut Zimmermann in der Regel durch einen dyadischen kommunikativen Austausch statt, der bestimmte strukturelle Regelmäßigkeiten aufweisen könne. Psychologische Konzepte des nichtprofessionellen Beratungsgespräches sind bei Rechtien [1988] genauer dargestellt und analysiert. Hierzu grenzt er aufgrund der besonderen Zielsetzung das Beratungsgespräch von anderen Kommunikationsformen ab und liefert einen Vergleich von professioneller und nichtprofessioneller Beratung. Ein wesentlicher Unterschied liege laut Rechtien in dem schon bestehenden Vertrauensverhältnis, das bei nichtprofessioneller Beratung zum Tragen käme, während die professionelle
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Beratung sich dadurch kennzeichne, dass der Berater einen Beruf ausübe, für den er ausgebildet sei und als Gegenleistung bezahlt werde. 8 Für eine Beratungssituation und den Gesprächsverlauf konstitutiv ist hier die „triadische Struktur“ [Rechtien: 52]. Der Berater mitsamt seines Menschenbildes und seiner Vorstellungen von Entwicklungs- und Veränderungsprozessen befasst sich mit Klienten. Diese bringen Erwartungen an sich, den Berater und die Situation mit, um ein Problem zu lösen. Mit der Problemherstellung bzw. der interaktiven Ausarbeitung des Problems in Beratungsgesprächen beschäftigt sich explizit Nothdurft [1984] 9 .
Schröder [1985] bewertet Beratungsgespräche auf zwei Ebenen: fachintern sowie fachextern. Erstere Bewertung besagt, dass Beratungsgespräche „rein dyadisch“ und die Rollen der Beteiligten sowie deren Aufgaben spezifisch verteilt sind. Außerdem „ist die Beratungssituation grundsätzlich asymmetrisch“, d.h. interaktive Rechte und Pflichten sind unterschiedlich verteilt, ebenso wie die Voraussetzungen der Gesprächsbeteiligung [Schröder: 15]. Seine fachexterne Einschätzung ist recht gesellschaftskritisch und bezieht sich auf die Entwicklung der Beratung und die Bedingungen, die diese Entwicklung beeinflussen. Es wird angeführt, dass das Beratungsangebot in der Gesellschaft ständig wachse und auch den Bereich Rundfunk und TV erreicht habe. Damit einhergehend „korrespondiert ein ständig wachsendes passives Beratungsbedürfnis der Bürger“ [ebd.: 16]. Kritisch gesehen wird, dass Beratung manipulativ einsetzbar sein könne, „mit handfesten kommerziellen Interessen“ und dass die „ursprünglich soziale Identität stiftende und sichernde Interaktionsform ihre Unschuld verloren hat“ [ebd.: 17]. Genauer untersucht Kallmeyer [2000], neben einem Definitionsansatz und einem Forschungsüberblick, beraterische Interaktionen. Hierbei legt er den Fokus auf die Einordnung der Grundstrukturen sowie typische Gesprächsstrategien von Ratsuchenden und Ratgebenden. Er liefert eine interessante Grundlage auf dem Gebiet der linguistischen Gesprächsanalyse im Feld der Beratung. Kallmeyer legt verschiedene Elemente fest, die bei der Herstellung des Gespräches und dessen Einbettung in relevante Kontexte wichtig sind: Die Ablaufstruktur, die Verständigungssicherung, die Modularisierung von Äußerungen sowie die Inszenierung des Sprechens [Kallmeyer 2000: 230].
8 Rechtien geht hier auch genauer auf die Unterscheidung von Beratung und Therapie ein.
9 S. Kap. 6.3.
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3.3 Die Kurzberatung
Auf dem Gebiet der Kurzberatung sind verschiedene theoretische und praxisorientierte Ansätze interessant. Allein die ökonomischen
Rahmenbedingungen der Sendung „Domian“ lassen eine Korrelation zur Kurzberatung vermuten. Wie sich diese definiert, wird im Folgenden skizziert. Dryden/ Feltham [1994] verschreiben sich in ihrer Einführung zur Kurzberatung und Kurztherapie dem Ziel, den Blick für die zentralen Punkte dieser Beratungsform zu schärfen. Sie stellen fest, dass die Kurzberatung das Ziel verfolge, Leid zu lindern, Probleme zu lösen und Menschen zu einem zufriedenen Leben zu verhelfen. Unter dem Stichwort „pragmatischer Existentialismus“ vereinen sie, dass Klient und Berater gemeinsam eine Strategie verfolgen, die sich an Problemlösungen in einem zeitlich begrenzten Rahmen orientiere [Dryden/ Feltham: 10ff]. Sie setzen den Schwerpunkt auf die Praxisorientierung und jeweilige Eignung des Einsatzes von Kurzberatung. Sie konstatieren, dass seit Freud über die angemessene Dauer von Beratung und therapeutischer Behandlung gestritten werde und grenzen ab, dass die Kurzberatung keine oberflächliche Symptombehandlung sein müsse [vgl. ebd.]. Wohl aber bestehen sie darauf, dass sich in Fällen wie beispielsweise Alkoholismus oder Persönlichkeitsstörungen andere, langwierigere und intensivere Behandlungsformen besser eignen. Es kann also an dieser Stelle gesagt werde, dass sich der zeitliche Rahmen der Sendung Domian für solch langwierige Fälle nicht eignet. Wie der Moderator mit solchen Fällen verfährt, klärt sich im analytischen Teil dieser Arbeit. Lohse [2003] beschreibt das methodische Vorgehen bei der Führung von Kurzgesprächen und gibt verschiedene Einblicke in deren Gesetzmäßigkeiten sowie Fallen und Möglichkeiten. Besonders hebt er die wesentlichen und wiederkehrenden interaktiven Elemente des Kurzgespräches hervor, trennt und untersucht diese darüber hinaus. Seine Analyse des Gesprächssettings definiert u.a. die günstige Gelegenheit, das asymmetrische Beziehungsmuster, die Hoffnungsinduktion und das Konfliktkarussell. Seiner Auffassung nach laufen diese Prozesse wechselseitig ab und die Weichenstellung zum Erfolg werde in entscheidender Weise vom Berater getätigt [Lohse: 19]. Aufbauend auf die Erkenntnisse über das Kurzgespräch formuliert Lohse die Methodik der Gesprächsführung, die sich seiner Ansicht nach an den Vor- und Eingaben des
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Klienten orientieren. Dem manchmal zufälligen Gesprächswunsch setzt der Berater eine bewusste, systemische und verbindliche Haltung gegenüber. Instrumentarien auf der Ebene der Gesprächsführung sind u.a. das „Andocken, sich erkundigen, Ziele formen, Kraftquellen erschließen und Lösung erwirken“ [Lohse: 55]. Als allgemeines Grundmuster der Kurzberatung gilt hier, dass eine anfragende Person, der Klient, einen konkreten Impuls für einen Schritt aus einer Sackgasse erhalten möchte, was mit möglichst wenigen Interaktionen erreicht werden soll. Lohses Ansicht nach erwachse die Eigenart der Kurzberatung aus dem Willen und der Bereitschaft der ratsuchenden Person, sich zu öffnen und dem Entschluss des Beraters mit zielstrebigen Interaktionen zu helfen. Lohse stellt außerdem den Bezug zum systemischen Ansatz 10 über die „Verständigung“ und die „Veränderung“ des Verhaltens her [Lohse: 151]. Hierbei wird in Frage gestellt, ob eine Verhaltensänderung in der Regel ein langwieriger Prozess sei. Einen modifizierten Ansatz zur lösungsorientierten Beratung liefert nun Bamberger [2005]. Modifiziert deshalb, da er auf das vornehmlich von de Shazer und Berg entwickelte Konzept der psychosozialen Beratung 11 aufbaut, um dann eigene systemische Überlegungen anzuführen. Er gibt nicht nur einen inhaltlichen und historischen Überblick über das Thema, sondern präsentiert selbst ein Stufenmodell der lösungsorientierten Kurzberatung. Diese definiert Bamberger u.a. als eine Beratungsform, die das vorgetragene Problem nicht vertieft untersucht, sondern darauf abzielt, die von den Klienten mitgebrachten Kompetenzen und Ressourcen zu fokussieren und auszuschöpfen. Ziel ist es, möglichst umwegslos zu einer Problemlösung zu gelangen. Die Kürze der Beratung oder Therapie ergebe sich aus der Haltung, dass für die Fortschritte und Veränderungen der Klienten in erster Linie Anregungen gegeben werden, die sich dann im Alltag manifestieren sollen. Die lösungsorientierte Maxime lautet: „Lösungen konstruieren statt Probleme analysieren“ [Bamberger: 29]. Speziell mit der Gesprächsstruktur, also den Ablaufmustern von Kurzberatungen, beschäftigt sich Schank [1979]. Diese Beratungsform selbst definiert Schank als „Beratungsgespräch, wie sie auch im Alltag ständig ohne speziellen Experten durchgeführt werden“ [Schank 1979: 177]. Es wird davon ausgegangen, dass für kurzfristig lösbare Konflikte seitens des Ratsuchenden in einem Einzelgespräch die Problembewältigung thematisiert werde. Voraussetzung hierfür sei die
10 Vgl. zum systemischen Ansatz nach de Shazer u.a.: Steinhauser [2002].
11 Milwaukee-Modell.
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Bereitschaft, das „Problem zu verbalisieren und sich von einer Person des Vertrauens, meist durch einen expliziten Rat, helfen zu lassen“ [ebd.] Schank weist an dieser Stelle auch ausdrücklich auf den Unterschied zur Psychotherapie hin.
3.4 Beratung am Telefon
Das Konzept der Beratung am Telefon im seelsorgerischen Kontext ist u.a. bei Schohe [2006] thematisiert und für die Einordnung der Beratungszuordnung Domians hilfreich. Das „helfende Gespräch“ beinhaltet demnach Angebote wie Zuhören, Hinführen zu einer eigenen Entscheidung und dem Hinweis auf geeignete Fachleute [Schohe 2006: 26]. Die Verfügungsgewalt über das Gespräch wird hier an die Anrufenden übergeben, während der Berater über eine sorgfältige Ausbildung verfügen sollte [ebd.: 26f].
Allein das Sendeformat „Domian“ schließt einen psychotherapeutischen Anspruch nahezu aus. Dezidiert beschäftigt sich Krause [2006] in seiner Dissertation mit der Motivation und Gratifikation von Domian-Anrufern. Daneben arbeitet er aber auch die Unterschiede von Therapie und Beratung heraus. Er definiert als Gemeinsamkeit von Therapie und Beratung das „Herbeiführen von Veränderungen im Kontakt mir ratsuchenden Menschen“ [Krause 2006: 107]. Um dies zu verdeutlichen, seien die Unterschiede pro forma angeführt. So ist bei einer Beratung der Alltagsbezug vorrangig, während eine Therapie darauf abzielt, pathologisches Verhalten zu vermindern und der langfristigen Reflexion mehr Raum zu geben. Eine weitere wesentliche Abweichung ist die schon angedeutete Diskrepanz in Bezug auf die Sitzungs- und Behandlungslänge. Beratung kann sich somit innerhalb eines Gespräches vollziehen, während eine therapeutische Behandlung über Jahre andauern kann. Ein weiterer Unterschied liegt in der jeweiligen Grundlage, auf die sich die Handlung bezieht. Während eine Beratung schematisch flexibel vorgehen kann, ist eine Therapie in der Regel auf eine bestimmte Schule (bspw. Psychoanalyse) gestützt [ebd.]. Dennoch hat auch ein Wandel in Bezug auf die Schnittmengen beider stattgefunden, denn das Selbstverständnis von Beratung hat sich von einem informativen hin zu einem sozialtherapeutisch geprägten Vorgang entwickelt [Belardi 2006 zit. n. Krause: 107]. Weiterhin ist Beratung nicht mehr nur als
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Ines Rothmeier, 2009, Beratung unter den Bedingungen des Mediums - Eine gesprächslinguistische Studie zur EinsLive-Sendung „Domian“, München, GRIN Verlag GmbH
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