INDIVIDUUM UND INDIVIDUALITÄT IM KOSMOS SPARTA 1
1. EINLEITUNG, FRAGESTELLUNG, FORSCHUNGSDISKUSSION. 3
2. FUNKTION UND BEDEUTUNG VON INDIVIDUALITÄT IN XENOPHONS „DIE VERFASSUNG
DER SPARTANER“ 5
2.1 INDIVIDUALITÄT IN DER ERZIEHUNG. 5
2.2 INDIVIDUALITÄT IN DER POLIS 10
2.3 INDIVIDUALITÄT IM MILITÄR 15
3. ABSCHLUSSBETRACHTUNG. 17
4. BIBLIOGRAPHIE. 18
4.1 QUELLEN. 18
4.2 ARTIKEL IN WISSENSCHAFTLICHEN ZEITSCHRIFTEN. 18
4.3 MONOGRAPHIEN UND HERAUSGEBERSCHAFTEN. 18
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1. Einleitung, Fragestellung, Forschungsdiskussion
Die vorliegende Hausarbeit will eine Untersuchung über die Rolle des spartanischen Vollbürgers als Individuum bzw. über die Bedeutung von dessen Individualität in Sparta versuchen. Als Grundlage hierfür soll Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“ 1 dienen. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, erscheint es mir zunächst nötig, den äußerst differenzierten, komplexen, abstrakten und vielschichtigen Begriff der „Individualität“ einzuschränken.
Da meine Untersuchung das Ziel hat, das Individuum und dessen Handeln in der Polis Sparta zu analysieren, erscheint eine Ausweitung des Begriffes „Individualität“ auf spezielle Eigengesetzlichkeiten einer Persönlichkeit, Charaktereigenschaften und Wesensmerkmale zweitrangig. Meine primäre Absicht liegt darin, eigenverantwortliches Handeln allgemein und als solches, dessen Wahrnehmung, Anerkennung oder Missbilligung im Staat der Lakedaimonier zu betrachten und zu bewerten. Ergebnis dieser Formalisierung und Ausgangspunkt meiner Analyse ist daher ein „prototypischer“ Individualismus, der auf „alle“ Spartaner angewendet werden kann und somit die Möglichkeit eröffnet, Potentiale und Grenzen von Individualität in der „Gesellschaft der Gleichen“ zu definieren. Daraus ergeben sich folgende Erarbeitungsprämissen:
1. Welche Formen von individuellem Handeln existierten in einem totalitären Staat 2 Sparta? 2. Konnte sich ein spartanischer Vollbürger durch seine Individualität in den Staat einbringen und wenn ja, wie?
3. Welche Formen der Einflussnahme des Staates auf Ausbildung und Entwicklung von Individualität und Selbstbewusstsein sind in Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“ fassbar?
4. Welche Folgen bzw. Konsequenzen konnte Individualität nach sich ziehen?
Die wissenschaftliche Bearbeitung dieser Thematik ist nach meiner Auffassung unbefriedigend. Hauptgrund hierfür ist sicherlich der notorische Quellenmangel sowie das für einen Menschen der Moderne teilweise schwer nachzuvollziehende Werteverständnis bzw. Lebensbild der Antike.
Daneben muss von einem bis in die Gegenwart existierenden Mythos oder Topos „Sparta“ 3 ausgegangen werden, der mit den unterschiedlichsten politischen, militärischen und
1 Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998.
2 Ehrenberg, Victor: Ein totalitärer Staat (1946). In: Christ, Karl (Hg.): Sparta. Darmstadt 1986, S. 217 ff.
3 Rawson E.: The Spartan tradition in European thought. Oxford 1969.
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ideologischen Konnotationen behaftet ist. So hat sich die Geschichtswissenschaft bei der Betrachtung des Aufbaus der Polis Sparta meines Erachtens auf die Verfassung und Ideologie der Lakedaimonier fixiert, so dass ein Großteil der wissenschaftlichen Beiträge von einem Kollektiv 4 , einem totalitären Kriegerstaat 5 oder gar einer homogenen Soldatenkaste 6 ausgeht und auf diese Weise die Bedeutung bzw. Funktion des einzelnen Spartiaten in den Hintergrund rückte.
Dennoch existieren Untersuchungen zur spartanischen Sozial- oder Kulturgeschichte 7 , die jedoch das spartanische Zusammenleben in der Polis vermehrt auf der Makroebene des Staates (Phylenordnung etc.) oder nur diskursiv für einige separate Bereiche des Lebens 8 und weniger auf der Mikroebene des Individuums erfassen.
Mit der Verwendung von Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“ als Grundlage meiner Untersuchung beschränkt sich meine Betrachtung auf den vom Autor vorgegebenen inhaltlichen Rahmen, der sich grob aus den Themenblöcken Erziehung, Leben in der Polis, Militär und Königtum zusammensetzt. Zur Erhöhung der Aussagekraft müsste dieses Spektrum spartanischen Lebens um einige Aspekte erweitert werden, was aber den zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen würde.
Zusätzliche Beachtung bei der Bearbeitung der Thematik muss dem Autor Xenophon zugemessen werden. Dessen Ablehnung der Demokratie nach Athenischem Vorbild und Befürwortung der spartanischen Oligarchie 9 verhängte über seinen Text einen Schleier der Idealität, welcher die tatsächlichen Zustände teilweise korrumpierte. An einigen Stellen wird es daher nötig sein, die Angaben Xenophons zu relativieren oder durch Hinzunahme anderer Quellen zu ergänzen.
4 Hanson, Victor Davis: Der Krieg in der griechischen Antike. Aus dem Englischen von Kerstin Braun. Berlin
2001, S.51.
5 Ehrenberg, Victor: Ein totalitärer Staat (1946). In: Christ, Karl (Hg.): Sparta. Darmstadt 1986, S. 217 ff.
6 Kromayer, Johannes / Veith, Georg: Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer. München 1923, S.
28ff.
7 Zu nennen wären hierfür: Hodkinson S.: Property amd Wealth in Classical Sparta. London 2000. Hodkinson S.
/ Powell A. (Hg.): Sparta. New Perspectives. London 1999. Gschnitzer, Fritz: Griechische Sozialgeschichte. Von
der mykenischen bis zum Ausgang der klassischen Zeit. Wiesbaden 1981.
8 Stibbe, Conrad M.: Das andere Sparta. Aus dem Niederländischen von Herbert Post. Mainz am Rhein 1996.
9 Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, Erläuterung S. 7ff.
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2. Funktion und Bedeutung von Individualität in Xenophons
„Die Verfassung der Spartaner“
2.1 Individualität in der Erziehung
Xenophon begann seine Darstellung der Verfassung Lykurgs mit dem Themengebiet der Erziehung der zukünftigen spartanischen Vollbürger. Hierzu zählten für den Autor ebenfalls die Umstände, Rahmenbedingungen und besonderen lakedaimonischen Voraussetzungen der Kindererzeugung 10 , auf die aber aufgrund der inhaltlichen Schnittmenge mit dem Kapitel „Individualität in der Polis“ an jener Stelle näher eingegangen werden soll. Bevor Xenophon auf das System der spartanischen Erziehung, der sogenannten agoge 11 , zu sprechen kam, benannte er kurz die verweichlichenden bzw. schwächenden Erziehungsmethoden der „anderen Griechen“ 12 , welche ihre Sprösslinge bereits im frühesten Kindesalter paidagogi 13 anvertraut hätten. Im folgenden wurde dieser Verfahrensweise die bereits kurz erwähnte spartanische agoge gegenübergestellt und die abhärtende und auf die Umstände des Krieges vorbereitende Wirkung erwähnt. Während in dieser allgemeinen Einführung der normative und voraussetzende Charakter der agoge für den Status eines lakedaimonischen Vollbürgers deutlich hervortritt, zeigen sich in den anschließenden Detailaussagen Xenophons zur erzieherischen Nahrungsbeschaffung durch den legitimen Diebstahl Indizien von individuellem Handeln. So rechtfertigte er die eigentliche Straftat mit dem Ziel Lykurgs „ ... die Knaben gewandter in der eigenverantwortlichen Beschaffung von Lebensmitteln und tauglicher für den Krieg zu machen.“ 14 Offensichtlich verortete der Autor die Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit bzw. von eigenverantwortlichen Handlungen und Fähigkeiten an dieser Stelle nur im Rahmen und zum Zweck der Kriegführung. Sie erscheint während der Erziehung (selbst in der Polis) als Ideal und Maßstab moralischen Handelns 15 , die sogar erfolgreiches kriminelles Verhalten tolerierte, förderte und anerkannte, jedoch „Versagen“ maßregelte. Nach Darstellung Xenophons sollten demnach heranwachsende Vollbürger Individualität unter der opportunistischen und pragmatischen Prämisse des Überlebens (oder besser längeren Überlebens) für die zukünftigen kriegerischen Auseinandersetzungen entwickeln. Dadurch kann von Individualität nur bedingt gesprochen
10 Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, S. 51.
11 Marrou, Henri-Irenee: Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum. Freiburg / München 1958, S. 38.
12 Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, S. 53.
13 Ebenda, S. 53.
14 Ebenda, S. 55.
15 Dies deckt sich ebenfalls mit der Ausrichtung des gesamten spartanischen Staates auf die Kriegführung. Siehe
u.a. bei: Dreher, Martin: Athen und Sparta. München 2001, S. 54.
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werden, wobei jedoch festzuhalten bleibt, dass in dem engen Rahmen, in dem sich Individualität während der agoge entwickeln durfte, eine teilweise Übertretung der Gesetze der spartanischen Polis toleriert wurde.
Während in diesem Fall Individualität sich nur aus dem Motiv des Überlebens speiste, fügte Xenophon im anschließenden Abschnitt eine weitere Zielstellung von möglichem eigenverantwortlichem Handeln eines Spartaners in der agoge hinzu - den Ruhm. 16 Bereits die Semantik dieses Begriffes verdeutlicht den qualitativen Unterschied von individuellen Handlungen zum Zwecke des Überlebens gegenüber denen der exklusiven Anerkennung von Wenigen. Xenophon illustrierte diesen Unterschied mittels der Erwähnung eines Erlasses des Lykurg. Dieser bezog sich auf eine gesteigerte Form des listigen Diebstahls im Rahmen der agoge, bei der die zu erwartende Strafe dementsprechend gravierender ausfiel. 17 Interessant ist hierbei die Gleichwertigkeit von gelungenem Diebstahl und dem „Versagen“, da die Risikobereitschaft, die Geschicklichkeit der Ausführung und das Ertragen von Schmerzen im Falle des Nichtgelingens scheinbar mit dem gleichen „Ruhm“ behaftet waren. Damit wurde auch eine eigentliche Niederlage zur Ehre und die Förderung eines Märtyrergeistes offenbar. Dass die Bedeutung des „Ruhmes“ in der Erziehung der zukünftigen Vollbürger über die einer schlichten Anerkennung und Wertschätzung einzuordnen ist, deutet die Funktion des begabtesten Eirenen an, der nach den Aussagen Xenophons von den für die Ausbildung verantwortlichen paidonomos aufgrund seiner Begabung aus der „Herde“ der 16- bis 20-Jährigen 18 ausgewählt wurde. Diesem oblag es im Falle der Abwesenheit des staatlichen Erziehers, die Aufsicht über die Altersgenossen zu übernehmen. 19 An dieser Stelle kann bereits ein kurzes Zwischenresümee gezogen werden. „Die Verfassung der Spartaner“ unterschied individuelles Handeln in der agoge nach der Zielstellung. Zum einen die Eigenverantwortlichkeit im Rahmen des Kollektivs als Vorbereitung für den Waffengang, zum anderen die Eigenverantwortlichkeit mit dem Motiv des Ruhmes, wobei hierbei wenige Individuen aus der Masse der Zöglinge hervorgehoben und mit gewissen Kompetenzen bedacht wurden. Die ständige Kontrolle, ausgehend von dem paidonomos und den ältesten Jugendlichen der agoge, symbolisierte und garantierte die Grenzen der Individualität eines angehenden spartanischen Vollbürgers. Ganz deutlich treten in beiden Formen bereits die militärischen Strukturen und Affinitäten hervor. Xenophon beschrieb
16 Ebenda, S. 57.
17 Er >Lykurg@ setzte zugleich fest, es sei trefflich, so viel Käse wie möglich vom Altar der Artemis Orthia zu
stehlen, und befahl anderen, die (Diebe beim Altar der Göttin) auszupeitschen, um damit zu verdeutlichen, dass
es möglich ist, mit einer kurzen Zeit des Schmerzes sich einer langen Zeit des Ruhmes zu erfreuen.“ Ebenda, S.
57.
18 Marrou, Henri-Irenee: Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum. Freiburg / München 1958, S. 39.
19 Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, S. 57.
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Christoph Effenberger, 2005, Individuum und Individualität im Kosmos Sparta, München, GRIN Verlag GmbH
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