Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
1.1 Zum Aufbau der Arbeit 1
1.2 Partizipative Erziehung als Voraussetzung für eine kindergerechte Welt. 3
2. Janusz Korczak und sein pädagogischer Ansatz. 5
2.1 Korczaks Weg zur Pädagogik. 5
2.2 Pädagogische Ideen und Ziele. 6
2.3 Korczaks Position zu partizipativer Pädagogik. 8
3. Kinder als Teil der Gesellschaft. 11
3.1 Die Situation der Kinder in unserer Gesellschaft. 11
3.2 Für die Rechte der Kinder kämpfen. 14
3.3 Das Wahlrecht für Kinder. 16
3.4 Die Rechte der Kinder nach der UN-Kinderrechtskonvention. 18
4. Bedeutung, Forschung und Praxis der partizipativen Erziehung. 22
4.1 Ziele der heutigen Partizipationspädagogik und ihre historische Entwicklung. 22
4.2 Erfahren, was eine Gemeinschaft ist - Reformvorschläge für Schule und Gesellschaft. 23
5. Fallbeispiel partizipativer Erziehung: Das „Kinderparlament“ des I-Punkt Rabe e.V. 25
5.1 Die Einrichtung. 25
5.2 Das Projekt. 25
5.3 Gewonnene Erkenntnisse 27
6. Schlussfolgerungen. 30
6.1 Das Recht des Kindes auf Partizipation. 30
6.2 Verortung des Rechts auf Partizipation. 31
7. Quellenverzeichnis. 34
8. Anhang: Sitzungsprotokolle des „Kinderparlaments“ im I-Punkt Rabe e.V. 37
8.1 Erste Sitzung, 27.10.06 37
8.2 Zweite Sitzung, 24.11.06. 38
8.3 Dritte Sitzung, 26.01.07 39
8.4 Vierte Sitzung, 23.02.07. 41
3
1. Einleitung
1.1 Zum Aufbau der Arbeit
Diese Arbeit befasst sich mit der Mitbestimmung von Kindern an ihrem Erziehungsprozess und an den Regeln, mit denen sie aufwachsen. In Betreuungseinrichtungen, Schulen und ihren Familien werden Kindern fortwährend Regeln auferlegt, die die Rahmenbedingungen für ihr Aufwachsen bestimmen. Während in der Pädagogik weitestgehend Konsens darüber herrscht, dass die Partizipation der Kinder an ihrer Erziehung notwendig ist, um ihnen zu Selbstverantwortlichkeit, Mündigkeit und Selbstständigkeit zu verhelfen, werden die zur Verfügung stehenden Modelle bis jetzt nur sehr spärlich umgesetzt (vgl. Palentien/Hurrelmann 2003, S. 54).
Die Beteiligung der Kinder an Entscheidungen, die sie direkt betreffen, wie etwa die Wahl zwischen unterschiedlichen Beschäftigungsformen, Lern- oder Arbeitstechniken oder gar des Lerninhalts, wirkt sich zudem positiv auf ihre Grundhaltung zu der jeweiligen Beschäftigung aus und kann zu einem positiven sozialen Klima beitragen (vgl. ebd.). Die Chancen, die sich durch diese Art der Zusammenarbeit von Kindern und erzieherisch Tätigen für beide ergeben, sollen in der vorliegenden Arbeit im Mittelpunkt stehen.
In dem Lebenswerk Janusz Korczaks (Juli 1878 oder 1879 - August 1942), einem für die Pädagogik bedeutsamen polnischen Forscher und Akteur im Kampf für die Rechte von Kindern, nimmt das Verständnis um die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder eine zentrale Rolle ein. Da die Aussagen und Erkenntnisse Korczaks von so grundlegender Relevanz für das Verstehen kindlicher Bedürfnisse sind und die Kerngedanken partizipativer Erziehung darstellen, findet der Einstieg in die Thematik durch ein Profil von ihm und seinem pädagogischen Ansatz statt. Auf die Leitgedanken Korczaks, der von Vielen auch als „Anwalt der Kinder“ angesehen wurde, folgt eine Darstellung der Situation der Kinder in unserer Gesellschaft. Dabei soll die Diskussion einiger ausgewählter Gesetze einen Einblick in die juristische Lage liefern, in der sie sich befinden. Darauf aufbauend möchte ich zeigen, dass der Wunsch nach einer Verbesserung der rechtlichen Situation der Kinder weit verbreitetet ist. Zahlreiche Vereine und andere nichtstaatliche Organisationen, wie z. B. das „Deutsche Kinderhilfswerk“, die „National Coalition“ oder die „Kinder-RÄchTsZÄnker“ setzen sich für eine bessere Stellung von Kindern in Staat und Gesellschaft ein. Ich möchte einige von ihnen kurz vorstellen und ihre Zielsetzungen erläutern. Da einige Organisationen auch das Wahlrecht für Kinder fordern, was für sich genommen und besonders für diese Arbeit ein sehr spannendes Thema darstellt, werde ich diesbezüglich in einem gesonderten Abschnitt näher darauf eingehen. Zumal stellt sich bei der Diskussion über Mitbestimmung der Kinder auf gesellschaftlicher Ebene die Frage nach der Aufhebung der Wahlaltersgrenze. Als große Errungenschaft im Kampf um Kinderrechte kann die UN-Kinderrechtskonvention (vereinzelt auch „Kinderrechtekonvention“) betrachtet werden, zu deren Anerkennung sich 1990 alle UN-Mitgliedstaaten verpflichteten. Aufgrund der einheitlichen Standards, die durch die
Konvention erhoben werden, können Verstöße und widrige Lebensbedingungen von Kindern leichter identifiziert und deren Ausmaße leichter abgewogen werden als zuvor, was die rechtliche Stellung der Kinder insgesamt bedeutend aufwertet. Da der Umfang von vierundfünfzig Artikeln nicht zulässt, die Kinderrechtskonvention in dieser Arbeit in vollem Ausmaß vorzustellen, werde ich sie zusammengefasst präsentieren. Für diesen Zweck werde ich einerseits auf eine Unterteilung in vier Grundkategorien von Rechten zurückgreifen, die Susan Fountain, eine Mitarbeiterin von „UNICEF“ New York, aufgestellt hat und auf die von „UNICEF“ genannten zehn wichtigsten Rechte.
Die Ausweitung der Sicht von Janusz Korczak über die Rechte von Kindern zunächst auf die Situation in Deutschland und schließlich - durch die Diskussion der UN-Kinderrechtskonvention - auf die globale Ebene soll die Tragweite der Forderung nach einer kinderfreundlicheren Welt verdeutlichen. Da Kinder in ihrer momentanen Lage allenfalls Subjekt politischer Entscheidungen sein können, weil ihnen das Stimmrecht fehlt, sind sie von der Mitgestaltung der Rahmenbedingungen ihrer eigenen Zukunft ausgeschlossen.
Kapitel 4. und 5. der Arbeit beschäftigen sich mit Ansätzen partizipativer Erziehung und sollen so die Aufmerksamkeit auf konkrete Vorschläge zur praktischen Arbeit in pädagogisch arbeitenden Einrichtungen lenken. Mit Rücksicht auf die vorangegangenen Aufforderungen an die pädagogische Arbeit und die politische Welt soll hier der Brückenschlag erfolgen, der diese beiden Felder miteinander verbindet. Der Grund dafür, warum die Pädagogik hierfür herangezogen wird, besteht darin, dass nur sie die konkreten Handlungsmodelle liefern kann, mit deren Hilfe die Kinder in die Welt überführt werden, die sie in ihrem späteren Leben erwartet. Während im vierten Kapitel eine Darstellung zur Entwicklung und der gegenwärtigen Stellung partizipativer Erziehung in der Forschung und in der Praxis erfolgt, möchte ich im darauffolgenden Kapitel ein Fallbeispiel präsentieren, das eine spezifische Form ihrer Anwendung zeigt. Es handelt sich dabei um ein Projekt der Ganztagsbetreuungseinrichtung „I-Punkt Rabe e.V.“ in Bielefeld, an dem ich als dort beschäftigter Betreuer selbst mitgewirkt habe. Es soll beschrieben werden, wie in dem sogenannten „Kinderparlament“ die Kinder in von den MitarbeiterInnen betreuten monatlichen Sitzungen über Belange, die den Alltag in der Einrichtung betrafen, in demokratischer Form mitbestimmen durften.
Der Erkenntnisgewinn, der durch die Durchführung dieses Projekts erzielt wurde, soll ebenfalls dargelegt werden. Dabei werde ich sowohl auf Erfolge und Misserfolge, als auch auf Problematiken, Risiken und Chancen eingehen, die sich während der sechs Monate gezeigt haben, in denen das Projekt stattfand. Als besonders Interessant betrachte ich in diesem Zusammenhang die verschiedenen Entwicklungsphasen des „KiPas“, da Kinder und BetreuerInnen gleichermaßen jede Sitzung als neue Erfahrung erlebt haben, aus der neue Schlüsse für die weitere Vorgehensweise gezogen wurden.
Im Fazit sollen die Kernaussagen der einzelnen Kapitel zusammengetragen und zu einer
Argumentationskette zusammengefasst werden, mit der die Hauptthese der Arbeit belegt werden soll. Hierbei steht im Vordergrund, die Argumentation zu verdeutlichen, warum die pädagogischen Leitgedanken Korczaks in Zusammenhang mit den Postulaten der UN-Kinderrechtskonvention und der in der Gesellschaft vertretenen Forderung nach mehr Rechten für Kinder den Schluss zulassen, Kindern ein allgemeines Recht auf Partizipation in Erziehung und Gesellschaft zuteil werden zu lassen. Am Schluss der Arbeit soll ein kurzer Ausblick auf mögliche Szenarien folgen, wie ein solches „Recht“ geltend gemacht, bzw. seine Einhaltung sichergestellt werden kann.
1.2 Partizipative Erziehung als Voraussetzung für eine kindergerechte Welt
Im Folgenden möchte ich darlegen, warum ich die Diskussion von Modellen partizipativer Erziehung für das Handeln im Interesse der Kinder und ihren Möglichkeiten auf Selbstbestimmung in der heutigen Gesellschaft als sehr wichtig und deren Umsetzung als „Kinderrecht“ betrachte. Diese Ausführung soll auch als Rechtfertigung für das Thema dieser Arbeit gelten, da es m. E. einer genauen Erläuterung bedarf, warum partizipative Erziehung als Mittel anzusehen ist, das der Erfüllung grundlegender kindlicher Bedürfnisse dienen kann und so auch als staatliche Pflicht den Kindern gegenüber verstanden werden kann.
Auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der eigenen Kinder einzugehen, liegt zwar in der Natur des Menschen, und das Anliegen der Eltern, jederzeit für den Schutz und das Wohlbefinden ihrer Kinder zu sorgen, führt auch zu Verhaltensmustern den Schützlingen gegenüber, die man als erzieherisch betrachten kann. In modernen Industriegesellschaften, wie der deutschen, geben Eltern die Verantwortung über beträchtliche Anteile der Erziehung und die Betreuung ihrer Kinder jedoch schon früh an pädagogisch arbeitende Institutionen weiter (vgl. Hurrelmann/Bründel 2003, S. 96). Das eigens für diese Aufgabe geschulte Personal, das in den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, wie z. B. Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen arbeitet, handelt im Gegensatz zu den Eltern im Auftrag der Träger, die sie finanzieren und nach deren Standards sie ihre Arbeit auszurichten haben.
Zusätzlich müssen sich die Einrichtungen der staatlichen Kontrolle bezüglich des Einsatzes von Finanzmitteln und der Gewährleistung des „Wohles der Kinder“ unterziehen (§ 45 Achtes Sozialgesetzbuch). Die Attribute und die Qualität der Erziehung unterliegen dort also Rahmenbedingungen, die durch die Politik und die Erziehungswissenschaft hergestellt werden und nicht durch persönliche Überzeugung, wie es innerhalb von Familien der Fall ist. In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl die Ausbildung des pädagogischen Personals, als auch die Richtlinien und Rahmenbedingungen ihrer Arbeit staatlicher Kontrolle und Vorschriften unterliegen, ist die Verantwortung über den institutionell erfolgenden Anteil der Kindererziehung dem Staat anzulasten. Bestimmungen über Art und Ausprägung der in den Einrichtungen zu erbringenden Leistungen, wie das z. Zt. noch als Entwurf vorliegende „Gesetz zur frühen Bildung
und Förderung von Kindern“ („Kinderbildungsgesetz“), mit dem die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nach eigenen Angaben eine verbesserte Förderung und Bildung von Kindern anstrebt, machen zudem deutlich, dass die Regierung diese Verantwortung anerkennt. Wie bereits ausgeführt, halte ich die im weiteren Verlauf der Arbeit dargelegten Ansichten über die Grundbedürfnisse und Grundrechte von Kindern für essentielle Eckpfeiler kindergerechter Erziehung und somit für eine kindergerechte Gesellschaft, zumal Befunde aus Forschung und Praxis auf vielen Ebenen belegen, welch positiven Effekt partizipationspädagogische Konzepte sowohl auf das allgemeine soziale Klima zwischen allen Beteiligten haben können, als auch auf das individuelle „psychosoziale Wohlbefinden der Kinder“ (Böhme/Kramer 2001, S. 34).
2. Janusz Korczak und sein pädagogischer Ansatz
2.1 Korczaks Weg zur Pädagogik
Um zu beschreiben, wie Janusz Korczak, dessen bürgerlicher Name Henryk Goldszmit war, zu seinem pädagogischen Ansatz gekommen ist, möchte ich zunächst Shimon Sachs von der Abteilung für Korczak-Forschung an der Universität Tel Aviv zitieren: „Korczak lehrte durch sein Leben und sein Vorbild. Er sprach nicht über Kinder, sondern mit dem Kinde, weil er mit dem Kinde lebte.“ (Kluge u. a. 1981, Vorwort). Ebenfalls im Vorwort des Buches „Eine kindgerechte Umwelt schaffen“, dass Karl-Josef Kluge über Korczaks pädagogisches System verfasst hat, zitiert Sachs Korczak:
„...Ihr sagt: der Umgang mit Kindern ermüdet uns. Ihr habt recht. Ihr sagt: denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen. Hinuntersteigen, herabbeugen, beugen, kleiner machen. Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns. Sondern daß wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen. Um nicht zu verletzen.“ (ebd.) Aus dem Zitat geht Korczaks Bewunderung für die Kinder hervor. Er stellt sie als etwas dar, zu dem man aufschauen muss und dem man gleichzeitig mit höchster Vorsicht begegnen muss. Diese beiden Aspekte können als die Basis seiner Pädagogik angesehen werden, auf der alle Methoden und Ziele Korczaks fußen.
Die pädagogischen Ansichten Korczaks sind aus der Vielzahl an Beschäftigungsfeldern hervorgegangen, denen er sich im Laufe seines Lebens gewidmet hat. Während er bereits als Medizinstudent begann, fiktionale Literatur zu schreiben, fing er neben seiner Arbeit als Kinderarzt in Warschau schließlich an, zusätzlich pädagogische Texte zu verfassen, um die Erkenntnisse über das Leben und die Bedürfnisse der Kinder wissenschaftlich zu reflektieren. Der Umgang mit Kindern und deren Erforschung wurden zu seinem Lebensinhalt, wobei sich seine Faszination für Kinder in vielerlei Hinsicht äußerte. Er fungierte beispielsweise als Geldgeber und ehrenamtlicher Betreuer in Projekten, die benachteiligten Kindern zugute kamen und moderierte eine Radiosendung, in der er humorvoll über erzieherische Belange sprach. 1911 gab er seinen Beruf als Kinderarzt auf und übernahm stattdessen die Leitung des Waisenhauses „Dom Sierot“ und vier Jahre später zusätzlich die von „Nasz Dom“, wo er sein pädagogisches Konzept selbst in die Praxis umsetzen konnte.
Das Elend der Armen und Benachteiligten, das er in seiner Heimatstadt Warschau kennengelernt hatte, zu mindern und sich für eine insgesamt friedvollere Welt einzusetzen, waren Korczaks ursprüngliche Motive, als Arzt und schließlich als Erziehungswissenschaftler tätig zu werden (ebd., S. 33). Diese Anliegen, deren Umsetzung er sich mit größter Hingabe widmete, und die Ganzheitlichkeit seiner Arbeit - er betrachtete Kinder und den Umgang mit ihnen sowohl aus der Perspektive eines einfachen Beobachters, als auch aus der eines Arztes und Wissenschaftlersmachen sein Lebenswerk zu etwas Besonderem. Die Liebe zu „seinen“ Kindern wird auf tragischste Weise dadurch begreifbar, dass er die Möglichkeit, der Deportation durch die Nazis zu
Arbeit zitieren:
Sebastian Heinrichs, 2007, Das Recht des Kindes auf Partizipation - Grundlagen und Perspektiven in Erziehung und Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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