verstanden. Daher galt ihr vielberufener „Dienst am Wort“ weiterhin den klassischen und romantischen Meisterwerken, während sie der „Moderne“ nach wie vor möglichst dem Wege gingen, um sich nicht auf ideologische Entscheidungsfragen einlassen zu müssen. Doch die zum liberalen Reformkurs neigenden Intellektuellen und Wissenschaftler empfanden solche Stimmen als unzeitgemäß und ausgesprochen hochmütig. Ihr Ideal war vor allem Umgestaltung des westdeutschen Bildungssystems im Sinne großzügiger Schul-und Hochschulreformen, um endlich jene im Grundgesetz dieses Staates anvisierte Demokratisierung im Erziehungswesen durchzuführen. Denn in den fünfziger Jahren war dies immer zugunsten elitärer Gesichtspunkte zurückgedrängt worden. Der Anteil der Abiturienten wuchs sehr langsam und es waren immer nur Kinder aus finanziell bessergestellten Familien. Den Reformen ging es nicht nur um soziale Gerechtigkeit, sondern auch um eine wesentlich zeitgemäßere Bildung, die sich nicht in die frühbürgerlichen Reservate des „Klassischen“ zurückzieht und sich satt dessen an dem orientiert, was ihnen als die westliche „Moderne“ erschien.
Diese Stimmen blieben jedoch in den frühen sechziger Jahren weitgehend unerhört. Weder für die akademische Nachwuchsförderung noch die germanistische Forschung wurde staatlicherseits viel getan. Anträge zur Errichtung von Forschungsinstituten oder Akademien fand der westdeutsche Wissenschaftsrat, der eindeutig naturwissenschaftlich und technologisch verwertbare Fächer favorisierte, im Hinblick auf die Geisteswissenschaften vor 1965 nicht dringlich genug. Bis zum Jahr 1966 gab es daher in der Germanistik, was die der Lehrstühle betraf, nur geringe Veränderungen. Die meisten germanistischen Seminare, 26 an der Zahl, hatten vier Professoren und jeweils zwei bis drei Assistenten, während die Zahl der Studierenden, die sich diesem Fach zuwandten, zwischen 1956 und 1966 immerhin von 8240 auf 13540 anstieg. Trotz dieser Verhältnisse blieben die germanistischen Reformkonzepte bis zur Mitte der sechziger Jahre bloße Theorien und führen lediglich zu innerfachlichen Diskussionen. Einer der stärksten Befürworter der Hochschulreform war Jürgen Habermas, der sich energisch für den Abbau konservativer Wertsysteme und die Errichtung einer kritischen Öffentlichkeit plädierte. 1 Aufgrund der Vorherrschaft vieler politisch vorbelasteter Altordinarien verharrte die Germanistik weiterhin im Abseits. Hier wurde noch nicht alles kritisch hinterfragt, wie das bereits in anderen humanistischen Disziplinen wie Soziologie, Politologie und
1 Vgl. Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962)
2
Geschichtswissenschaft üblich wurde, die unter dem Einfluss der Frankfurter Schule und Wolfgang Abendroths standen.
Schon im Jahre 1959 schrieb Peter Demetz, dass die Germanistik noch immer an ihren „spätromantischen Ursprüngen“ kranke und Horst Rüdiger trat dafür ein, „auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Literatur intensiver zu untersuchen, als es in Westdeutschland bisher üblich“ war. Solche Stimmen, zu denen sich noch andere gesellten 2 , führten schließlich dazu, dass auf dem Mannheimer Germanistenstag von 1962 auch die Frage des Verhältnisses von „Literaturgeschichte und Interpretation“ auf die Tagesordnung gesetzt wurde.
Auch das genügte den zu einer durchgreifenden Vergangenheitsbewältigung entschlossenen Reformern unter den jüngeren Germanisten nicht. Diese Gruppe, zu der vor allem Karl Heinz Borck, Karl Otto Conrady, Eberhard Lämmert, Herbert Singer und Peter Wapnewski gehörten, berief sich hierbei auf Publikationen wie die Broschüre Der Sündenfall der deutschen Germanistik (1959) von Rudolf Walter Leonhardt, die Dokumentation Literatur und Dichtung im Dritten Reich (1963) von Joseph Wulf sowie die 1964 in der Zeit erschienene Polemik Walter Boehlichs gegen die Wahl des ehemaligen NS-Germanisten Hugo Moser zum Rektor der Bonner Universität. Sie drangen nachdrücklich darauf, den 1966 in München stattfindenden Germanistentag unter das Thema „Germanistik im Dritten Reich“ zu stellen. Durchsetzen dieses Themas war nicht einfach, trotzdem gelang es schließlich und zwar unter dem Titel „Nationalismus in Germanistik und Literatur“, um so auch andere Themen als nur „fachspezifische“ in die Debatte einzubeziehen.
Dieser Tagung waren 1965 - 66 an einigen Universitäten Ringvorlesungen zur Rolle Germanistik unterm Faschismus vorangegangen. Auf dem Deutschen Germanistentag 1966 in München setzten sich besonders Karl Otto Conrady, Eberhart Lämmert und Peter von Polenz erstmals entschieden mit der Geschichte dieses Fachs vor dem Hintergrund der verhängnisvollen Entwicklung der dreißiger Jahre auseinander. Besonders Lämmert und Conrady wiesen in München in aller Offenheit darauf hin, welche unwürdige Rolle nicht nur notorische NS-Größen, sondern auch weiterhin als „bedeutend“ geltende Germanisten in jenen Jahren gespielt hätten. In den Beiträgen fallen einige konkrete Namen der damals hochgeachteten Germanisten, die jedoch ihre Wirkung in der NS-Zeit angefangen haben und ihre Methoden nach dem Krieg nicht wesentlich geändert haben.
2 u.a. Levin L. Schücking, Hans-Egon Haus und Walter Muschg.
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