Im Zuge der Industrialisierung in Deutschland und den damit verbundenen Neuerungen auf zahlreichen Gebieten wie Wissenschaft, Technik und Bildung, kam es auch zur Ausbildung einer „Gemein- oder Standardsprache“ durch die Festlegung einheitlicher Normen sowie Regeln, beispielsweise in Orthographie und Wortgebrauch durch das „Orthographische Wörterbuch“ von Konrad Duden (1880) oder die „Deutsche Bühnenaussprache“ von Theodor Siebs (1898). Für Peter von Polenz ist für die Sprachgeschichte, die im Folgenden noch näher erläutert wird, der Zeitraum vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart vor allem deshalb wichtig und in einem Zusammenhang zu betrachten, weil wesentliche Prozesse des Wandels der Sprache ebenso wie „sprach(en)politische und sprachkritische Probleme des 20. Jahrhunderts “ bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Große geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen beziehen immer auch die Sprache mit ein. Kein Wandel geschieht gänzlich ohne Auswirkungen. Veränderungen in der Sprache, im Sprachgebrauch der Menschen werden gleichzeitig immer bemerkt und dokumentiert. Einer, der die Benutzung der Sprache sowohl schriftsprach- als auch sprechsprachlich beobachtet und dokumentiert hat, ist der Schriftsteller und Satiriker Kurt Tucholsky (1890-1935). In dieser Arbeit soll gezeigt werden, welches Bewusstsein Tucholsky für die Sprache seiner Zeit hatte, wie er sie kritisierte, ob er Anregungen für Veränderungen gegeben hat und was sein Ideal von Sprache war. Damit befindet sich diese Arbeit unmittelbar im Feld der Sprachbewusstseinsgeschichte. Doch bevor einzelne Sprachglossen des berühmten Kritikers der Weimarer Republik analysiert und aus ihr Erkenntnisse Tucholskys über die Sprache formuliert werden, sollen die Begriffe und Gegenstände von Sprachgeschichte und Sprachbewusstsein näher beleuchtet und geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 SPRACHGESCHICHTE
2.1 PROBLEMBEREICHE EINER SPRACHGESCHICHTE
2.2 GEGENSTAND DER SPRACHGESCHICHTE DES DEUTSCHEN
3 SPRACHBEWUSSTSEIN UND SPRACHBEWUSSTSEINSGESCHICHTE
3.1 STUFEN DES SPRACHBEWUSSTSEINS NACH DEM GRAD DER EXPLIZITHEIT DES SPRACHLICHEN WISSENS (NACH EVA NEULAND)
3.2 SPRACHBEWUSSTSEIN UND WISSENSSOZIOLOGIE
3.3 SPRACHGESCHICHTSSCHREIBUNG UND SPRACHBEWUSSTSEINSGESCHICHTE
4 DAS SPRACHBEWUSSTSEIN KURT TUCHOLSKYS
4.1 KURZER BIOGRAFISCHER ABRISS
4.2 NEUDEUTSCH
4.3 DER NEUDEUTSCHE STIL
4.4 MAN SOLLTE MAL…
5 SCHLUSSBEMERKUNGEN UND FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sprachbewusstsein des Schriftstellers und Satirikers Kurt Tucholsky, um aufzuzeigen, wie er den Sprachwandel und den Sprachgebrauch seiner Zeit in der Weimarer Republik kritisierte und analysierte. Ziel ist es, Tucholskys Sprachkritik in den wissenschaftlichen Kontext der Sprachbewusstseinsgeschichte einzuordnen.
- Theoretische Grundlagen von Sprachgeschichte und Sprachbewusstsein
- Wissenschaftliche Einordnung des Begriffs Sprachbewusstsein
- Biografische Hintergründe von Kurt Tucholsky
- Analyse ausgewählter Sprachglossen (Neudeutsch, Der neudeutsche Stil, Man sollte mal…)
- Untersuchung von Sprachkritik als Form der Gesellschaftskritik
Auszug aus dem Buch
4.2 Neudeutsch
Der Text erschien am 7.11.1918 in der Nummer 45 in der „Weltbühne“.
Bereits der Titel dieser Sprachglosse lässt erahnen, dass Tucholsky hier keine Schwärmereien über die deutsche Sprache im Sinne hatte. „Neudeutsch“ wird meist eher in einem abwertenden Ton und Kontext verwendet. So beginnt Tucholsky seinen Text auch mit dem Spott, dass Neudeutsch „nicht mit dem gleichnamigen Grünkohl zu verwechseln“ wäre und bezieht sich damit auf die Zusammenziehung von Adjektiv und Substantiv „zu einem Hauptwort“. Im Folgenden bezieht sich Tucholsky auf Gustav Wustmann, den deutschen Philologen und Historiker, der sich laut Tucholsky angesichts der Sprachverwendung zur Zeit Tucholskys „wahrscheinlich eine Walze im Grab anbringen lassen“ hat und sich nun ununterbrochen um diese herum drehe. Mit dieser Anspielung bezieht sich Tucholsky wohl auf das von diesem publizierte Werk „Allerhand Sprachdummheiten. Kleine Deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen“ von 1891. Dabei verwendet er eine offensichtliche Opposition gegenüber dem Begriff „Neudeutsch“, nämlich den des „guten Alten“ der deutschen Sprache. Hierbei wird auch der Gegensatz in der Grammatik beider Beschreibungen deutlich, denn während „Neudeutsch“ wie bereits von Tucholsky beschrieben eine Zusammenziehung darstellt, findet sich das „gute Alte“ in seiner „ursprünglichen“ Form getrennt. Tucholsky zitiert Wustmann, der zwei „Narrheiten“ des Deutschen herausstellt, die darin bestehen, dass die Deutschen:
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert den historischen Kontext der Sprachgeschichte seit dem 19. Jahrhundert und führt in die Thematik ein, welche Rolle Kurt Tucholsky als Beobachter und Kritiker der Sprache spielte.
2 SPRACHGESCHICHTE: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Sprachgeschichte und diskutiert zentrale Problembereiche sowie verschiedene Gegenstandsbereiche wie Sprachstruktur- und Sprachbewusstseinsgeschichte.
3 SPRACHBEWUSSTSEIN UND SPRACHBEWUSSTSEINSGESCHICHTE: Hier werden theoretische Konzepte des Sprachbewusstseins sowie dessen Stufen und wissenssoziologische Einordnungen detailliert behandelt.
4 DAS SPRACHBEWUSSTSEIN KURT TUCHOLSKYS: In diesem Hauptteil wird das Sprachbewusstsein Tucholskys anhand seiner Biografie und drei ausgewählter Glossen („Neudeutsch“, „Der neudeutsche Stil“, „Man sollte mal…“) analysiert.
5 SCHLUSSBEMERKUNGEN UND FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass Tucholsky über ein ausgeprägtes, wissenschaftlich orientiertes Sprachbewusstsein verfügte und seine Kritik wichtige Einblicke in die Sprachwirklichkeit seiner Zeit bietet.
Schlüsselwörter
Sprachgeschichte, Sprachbewusstsein, Kurt Tucholsky, Sprachkritik, Weimarer Republik, Neudeutsch, Sprachwandel, Soziolinguistik, Sprachglossen, Sprachkultur, Medien, Sprachgebrauch, Stilistik, Ideologiekritik, Sprachwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des Sprachbewusstseins des Publizisten Kurt Tucholsky und wie er die sprachlichen Entwicklungen seiner Zeit kritisch reflektierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Theorie der Sprachgeschichte, die Wissenssoziologie des Sprachbewusstseins und die spezifische Sprachkritik Tucholskys innerhalb der Weimarer Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Tucholskys Sprachkritik nicht nur als satirische Äußerung, sondern als fundiertes Sprachbewusstsein im Kontext der zeitgenössischen Sprachforschung zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der Sprachgeschichtsschreibung und eine diskursanalytische Betrachtung ausgewählter Sprachglossen Tucholskys.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine biografische Einordnung Tucholskys und eine detaillierte Analyse seiner Texte „Neudeutsch“, „Der neudeutsche Stil“ und „Man sollte mal…“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Sprachbewusstseinsgeschichte, Sprachkritik, Neudeutsch, Sprachökonomie, Medien, Sprachwandel und Tucholsky als Gesellschaftskritiker.
Welche Rolle spielt die Satire in Tucholskys Sprachkritik?
Tucholsky nutzt die Satire als Mittel der Sprachkritik, wobei er durch überhöhte Darstellung von Sprachmängeln auf eine Entfremdung der Sprache von ihrer ursprünglichen Klarheit aufmerksam macht.
Warum wird der Begriff „Neudeutsch“ bei Tucholsky negativ konnotiert?
Tucholsky kritisiert mit diesem Begriff die zunehmende Tendenz zu komplexen Wortzusammenziehungen, Fachjargons und Modewörtern, die er als „lallendes Gestammel“ oder „Überschwemmung“ der deutschen Sprache wahrnimmt.
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- Anke Schulz (Author), 2008, Das Sprachbewusstsein Kurt Tucholskys, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139775