1. Einleitung
Einigen ist Aristoteles als Lehrer Alexanders des Großen 1 bekannt, wogegen er dem Gros als einer der wenigen Urväter der griechischen, antiken Philosophie ein Begriff ist. Aristoteles (384-324 v. Chr.), Schüler von Platon, war einer der einflussreichsten Denker der Antike. Die Tragweite seines Denkens findet sich in den unterschiedlichsten Modifikationen in verschiedenen Schulen wieder und wird auch in der heutigen Zeit stets nachhaltig von Philosophen ihrer Bedeutung wegen betont. Grundsätzlich ist zu differenzieren zwischen den esoterischen 2 und exoterischen 3 Schriften des Aristoteles. Die esoterischen Schriften, die das Corpus Aristotelicum bilden, sind grob zu unterteilen in Organon (logische Schriften), Metaphysik, Ethik, Poetik und naturwissenschaftliche Werke. In seinem Buch De Anima, das den naturwissenschaftlichen Werken zuzuordnen ist 4 , befasst sich Aristoteles mit der Seele als einem Vermögen, welches grob vereinfacht aus verschiedenen Teilen besteht und immateriell ist. Die Seelenlehre des Aristoteles darf trotz der aktuellen, geisteswissenschaftlichen Auffassung nach durchaus mehr dem psychologischen 5 als dem philosophischen Moment zugeordnet werden.
Untersucht man die menschliche Seele, so tauchen in diesem Zusammenhang viele Fragen auf: Unterscheidet sich die menschliche Seele von z.B. der Seele eines Fisches? Was hat die Seele mit anderen Vermögen z.B. dem Gesichtssinn gemeinsam und was ist der Seele eigen, d.h. was grenzt sie von den anderen Vermögen ab und macht sie zu etwas Herausragendem, Speziellem? etc.
Nicht nur Quantität und Qualität der Fragen sind für die Untersuchung von Bedeutung, sondern auch die Reihenfolge, in der sie gestellt und versucht werden zu beantworten. Diese „fragende“, untersuchende Ordnung charakterisiert die systematische Herangehensweise von Aristoteles´ Analyse der Seele. Grob vereinfacht darf man sagen, dass Aristoteles eine Definition der Seele erbringen will, welche er über Eigenschaften festlegen möchte und zwar
1 Vgl. Heckel/Yardly, 2004, S. 35 f.
2 Vgl. Höffe, 2006, S. 23. Diese Schriften, die Pragmatien, fanden an seiner Schule, dem Lyzeum, Verwendung
und sind zum Großteil erhalten geblieben. Adressaten der professionellen Texte waren Schüler und Kollegen.
3 Vgl. Helferich, 1998, S. 40 f. Fast gänzlich gingen hingegen diese, allgemein verständlichen für ein breites
Publikum bestimmten Dialoge und Schriften, welche auch enzyklische Schriften genannt werden, verloren.
4 Vgl. Höffe, 2006, S. 137. Die Notwendigkeit der Zuordnung des Phänomens Seele zu den
naturwissenschaftlichen Schriften ergibt sich für Aristoteles aus dem Faktum, demnach weder die Seele noch
deren Affekte getrennt von der Materie der Lebewesen existieren können.
5 Es darf hier nur von Tendenzen die Rede sein, weil Aristoteles´ Seelenlehre der Haltung der modernen
psychologischen Profession nach „nur“ - ganz naturwissenschaftlich - als deskriptive, empirische Wissenschaft
mit induktivem Instrumentarium auftritt wohingegen den Gegenstand moderner Psychologie geistige Phänomene
(z.B. Bewusstsein, Intentionalität) bilden, welche ganz andere Ansprüche an Methodik und Auffassungen
erheben.
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derart, dass die Definition der Eigenschaften die Form eines induktiven Beweises annimmt. Dies ist das grundsätzliche Ziel, das Aristoteles in seiner Schrift De anima verfolgt und deswegen sei der zum Ziel hinführende Prozess hier knapp nachgezeichnet: Buch I beginnt mit grundsätzlichen, methodologischen Überlegungen und antizipiert einige, mit der Thematik verschränkte Probleme. In Anlehnung an seinen eigens erhobenen Anspruch, dass Untersuchung und Argumentation anschlussfähig sein müssen, skizziert er die Ansichten früherer Naturphilosophen über die Seele und deren Eigenschaften und übt im Anschluss Kritik an diesen. In Buch II geht Aristoteles zu einer allgemeinen Bestimmung des Wesens der Seele über, u.a. stellt er eine Hierarchie der verschiedenen Stufen der diversen seelischen Vermögen des Lebendigen dar. Im Anschluss daran wird das Wahrnehmungsvermögen anhand der verschiedenen Sinne detailliert exemplifiziert als auch expliziert. Die Theorie der Wahrnehmung ist wiederum fundamental und konstituierend für die in Buch III verhandelte Vorstellungs- und Intellekttheorie. Abschließend erfahren Aristoteles´ Überlegungen in Buch III eine Gesamtschau. Er verquickt hier induktiv seine partikularen Überlegungen und Erkenntnisse zu einem strukturellen Ganzen. Dies realisiert er nicht nur durch gedankliche Verknüpfung der von ihm untersuchten Phänomene 6 , sondern auch durch eine sachdienliche Abgrenzung bestimmter Gegenstände von einander. Eine dieser Abgrenzungen findet sich in Buch III, Kapitel 3 wieder, wo er die Abgrenzung zwischen Vorstellung (phantasia) und Wahrnehmung (aisthesis), Meinung (doxa) und Bewegung (kinesis) herausarbeitet, um auf diese Weise die Verschiedenheit von Wahrnehmung und Klugheit (phronesis) begründen zu können. Die Seele ist nach Aristoteles durch zwei Unterschiede bestimmt: 7 Ortsbewegung und vernünftiges Erfassen sowie Unterscheiden und Wahrnehmen. Im Zuge dieser Argumentation unterscheidet er zwischen phantasia, aisthesis und Vernunft (dianoia). Er gelangt zu dem Schluss, dass die Vernunft (to noein) etwas anderes ist als Wahrnehmung und stellt die These in den Raum, dass die Vernunft teils aus Vorstellung, teils aus Annahme (hypolepsis) zu bestehen scheint. Das ist gewissermaßen der Ausgangspunkt der phantasia-Untersuchung: Da die phantasia Bestandteil der Vernunft ist und das vernünftige Erkennen den Großteil der seelischen Operationen darstellt 8 , ist deren Untersuchung angebracht und notwendig, um so einen tragfähigen Begriff der einzelnen Bestandteile der Vernunft und deren Zusammenspiel generieren zu können.
6 Vgl. De an. III, 3. Hier erkennt er aufgrund der in Buch II, Kapitel 4 und 6 - 11, gewonnenen, granularen
Erkenntnisse der verschiedenen Sinne die Notwendigkeit eines Gemeinsinns, mithilfe dessen man gemeinsame
Sinnesqualitäten (z.B. Bewegung, Gestalt) perzipieren kann, welche mit den einzelnen, von einander autonom
funktionierenden Sinnesorganen nicht erfasst werden können.
7 Vgl. De an. III, 3, 427a30-427a33.
8 Vgl. Höffe, 2009, S. 179.
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Marcus Gießmann, 2009, Abgrenzung und Bestimmung des phantasia-Begriffs in Aristoteles´ De anima, München, GRIN Verlag GmbH
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