DIETER GROSSHERR, geboren 1929 in Zittau, Abitur 1948 in Leipzig, studierte von 1953 bis 1957 an der Universität München Geschichte und Zeitungswissenschaft. 1954 gründete er die Bayerische Studentenzeitschrift profil. Von 1958 bis 1960 war er Redakteur der Zeitschrift DIE KULTUR im Münchner Verlag Kurt Desch, danach freier Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, der Abendzeitung, des Bayerischen Rundfunks sowie anderer Rundfunksender, Zeitungen und Zeitschriften, von 1963 bis 1993 Redakteur und Auslandskorrespondent des Zweiten Deutschen Fernsehens, davon fünf Jahre Leiter des Afrika-Studios in Nairobi. Jetzt lebt er mit seiner Frau in Niederbayern.
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Inhalt
Einleitung
1949 Zu neuen Ufern
1950 Spitze Federn, scharfe Zungen
1951 Weder Angsthasen noch Duckmäuser
1952 Großdemonstration gegen
Wiederaufr üstung
1953 Alte Burschenherrlichkeit im
Zwielicht
1954 Die Rückkehr der roten Bulldogge
1955 Mobilmachung der Vernunft
1956 Hauptstadt der Gegenbewegung
1957 Stadtrat ruft auf zum Widerstand
1958 Jubiläumsfeiern und Proteste
1958 Der Rundfunk soll gesäubert werden
1958 Vom Wimmer Damerl zum Vogel
Hansi
1961/62 Wetterleuchten
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Aufstieg zur heimlichen Hauptstadt
Dieses Buch erinnert an eine Zeit, in der das Alte noch lebendig und das Neue erst im Entstehen war. Es waren die Jahre des Aufbruchs nach den Schrecken des Krieges und den Entbehrungen der Nachkriegszeit, Jahre voller Hoffnungen, in denen das Leben sich zu normalisieren begann. Es war die Zeit des sogenannten Wirtschafts-wunders, aber auch des Ost-West-Konflikts, des Kalten Krieges, der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, der Drohungen mit Atombomben.
In Rückblicken werden die fünfziger und frühen sechziger Jahre oft als geistfeindliche, muffige Spießeridylle bezeichnet, als „bleierne Zeit“, in der die historische Chance zu einem Neubeginn vertan wurde. Gewiss, die Mehrheit der Deutschen, seit Generationen zu gehorsamen Untertanen erzogen, mag auch den Vorgaben der neuen Herrscher allzu bereitwillig gefolgt sein. Doch zumindest in München war vieles anders. In der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn regierte als Patriarch der Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), in München der Oberbürgermeister Thomas Wimmer (SPD), der Wimmer Damerl, wie er im Volksmund hieß. Damals begann der Aufstieg der Isar-Metropole, der in Schutt und Asche gesunkenen „Hauptstadt der Bewegung“ von einst, zur heimlichen Hauptstadt Deutschlands. Nirgendwo sonst war das kulturelle Leben so vielfältig wie hier.
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Nirgends waren mehr einfallsreiche und kritische Geister versammelt, die sich in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Theatern und literarischen Kabaretts zu Wort meldeten oder in Galerien und Konzertsälen an die Öffentlichkeit traten. „Sie können sich nicht vorstellen, welche Energien in München freigesetzt wurden. Nie mehr war es so spannend und schöpferisch“, hieß es noch fünfzig Jahre später in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Mai 2002. Der zeitliche Rahmen dieses Buches reicht von der Gründung der Bundesrepublik 1949 bis zu den sogenannten Schwabinger Krawallen von 1962, die das Ende einer Epoche markieren. Als Zeitzeuge blicke ich zurück, nicht als Historiker. Die ausgewählten Texte und Bilder von damals sind gleichsam Steinchen eines subjektiven Mosaiks der Erinnerung an jene Zeit des Aufbruchs in den fabelhaften fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
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1949
Zu neuen Ufern
Im Herbst 1949 ruft der gelernte Schreiner Thomas Wimmer, seit einem Jahr Oberbürger-meister von München, vor dem Rathaus am Marienplatz einer großen Menschenmenge zu: „Rama dama!“ und schwingt die Schaufel. Aufräumen! heißt die Parole, denn endlich sollen alle Trümmerberge beseitigt werden, die der Krieg hinterlassen hat. Der Wimmer Damerl mit seiner Schaufel wird zur Symbolfigur für den Wiederaufbau. Die Versorgung von Zehntausenden ausgebombter und hungernder Menschen, Einheimische und
Flüchtlinge aus den Ostgebieten, Kriegsheimkehrer und ehemalige Zwangsarbeiter, stellen die Stadt bis weit in die fünfziger Jahre hinein vor gewaltige Aufgaben.
Die Wunden des Zweiten Weltkrieges waren noch längst nicht verheilt. Aber der Kalte Krieg zwischen Moskau und Washington, Bonn und Ost-Berlin hatte schon begonnen. Bereits am 16. Dezember 1948 hatte Erich Kuby in der Süddeutschen Zeitung vor einer neuen „Kreuzzugs-Propaganda“ gewarnt: „Wie viele Deutsche sind im letzten Jahr auf den Gedanken gekommen, dass ein Kampf ‚Schulter an Schulter’ mit dem großen
amerikanischen Weltanschauungs-Partner gegen den Osten die große Chance für uns sein könnte? Es sind Millionen. In den ersten Jahren nach Kriegsende konnte man behaupten, das sei die
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Denkweise der unbelehrbaren Nazi. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Schreiten wir auf dem eingeschlagenen Weg fort, so wird es schwer sein, künftig bei uns zwischen einem Nationalisten und einem kämpferischen ‚Demokraten’ von heute noch zu unterscheiden. Möglich sogar, dass man in Amerika diese Unter-scheidung gar nicht erst zu machen wünscht. Ideologische Feldzüge können vielleicht abgeblasen werden... oder sie werden zu Ende geführt - und das Ende heißt Krieg.“ Gleichwohl waren zwei Organe der amerikanischen Besatzungsmacht für ganz Deutschland zu Vorbildern einer unabhängigen und kritischen Berichterstattung geworden: Radio München, ab 1949 Bayerischer Rundfunk, und die in München erscheinende Neue Zeitung. Sie war von zwei als US-Soldaten nach Europa heimgekehrten
Emigranten, Major Hans Habe und Sergeant Stefan Heym, gleich nach dem Krieg ins Leben gerufen worden. Bald wurde Hans Wallenberg ihr Chefredakteur. Zu seinen wichtigsten Mit-arbeitern gehörten Erich Kästner, Bruno E. Werner und Walter von Cube, der 1949 Chefredakteur beim Bayerischen Rundfunk wurde. Dort sagte er am 21. Mai 1949 in einem Kommentar: „Die Freiheit wurde noch nie in Deutschland geboren, aber schon oft zu Grabe getragen.“ Das zielte auf die Besatzungsmacht. Kurz zuvor nämlich hatten die Amerikaner im Zeichen des Kalten Krieges bei der Neuen Zeitung die Zensur verschärft. Hans Wallenberg, der liberale Chefredakteur, musste gehen, aus Solidarität mit ihm verließen auch einige der besten Mitarbeiter das Blatt freiwillig, unter ihnen Peter Boehnisch, Hildegard Brücher,
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Münchens Oberbürgermeister Thomas Wimmer griff 1949 zur Schaufel, um mit Bürgerinnen und Bürgern den Schutt der Bombenangriffe wegzuräumen.
Carl Hermann Ebbinghaus, Gustav Rene Hocke, Walter Kolbenhoff und Lotte Stuart. Die Ausgeschiedenen erklärten in der Abendzeitung vom 31. März 1949:
„Deutsche Auffassungen, die sich von den offiziellen amerikanischen unterscheiden, dürfen nicht mehr wiedergegeben werden. Der neue Zu-stand scheint unserer Ansicht nach das Ergebnis einer extremen Skepsis gegenüber Deutschland zu sein, die sich in jüngster Zeit in einer planmäßigen antideutschen Kampagne geäußert hat. Der daraufhin erfolgte Rückfall in die schärfste Zensur ist den offiziell verkündeten außenpolitischen Zielen der USA konträr entgegengesetzt...“
Anders als diese Münchner Journalistinnen und Journalisten, mochte der junge aufstrebende CSU-Politiker Franz Josef Strauß den amerikanischen Lippenbekenntnissen zur Entmilitarisierung Westdeutschlands noch Glauben schenken. Er sprach 1949 den oft zitierten Satz: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen.“ Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer versicherte, er sei gegen eine neue deutsche Armee, denn „die Deutschen haben in den letzten beiden Weltkriegen zu viel Blut vergossen.“ Aber schon wenige Monate später propagierten beide die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Damit wurde auch München zu einem Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen.
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Zwei Münchner Schriftsteller veröffentlichten 1949 die ersten Bücher gegen Militarismus und Krieg und wurden damit zu Geburtshelfern einer neuen, realitätsnahen deutschen Literatur: Walter
Kolbenhoff und Hans Werner Richter. Kolbenhoff schildert in seinem Roman Heimkehr in die Fremde die seelischen Zerstörungen bei den im Nachkriegs-München zusammengewürfelten Menschen. Zwei Jahre zuvor war sein Buch Von unserem Fleisch und Blut erschienen, ein Tatsachenroman über die von den Nazis verratene und als Kanonenfutter missbrauchte deutsche Jugend.
Hans Werner Richter, aus Pommern stammend, war nach der Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft in München ansässig geworden. In seinem Buch Die Geschlagenen verarbeitete er eigene Erlebnisse als Frontsoldat *). Gleich nach Kriegsende hatte er mit Alfred Andersch die legendäre Zeitschrift Der Ruf herausgegeben und mit Walter Kolbenhoff in der Münchner
Schellingstraße die Gruppe 47 gegründet, in der sich bald alle wichtigen deutschsprachigen Autoren versammelten. Ihre Absichten beschrieb Richter so: „Wir waren überzeugt, dass der Mensch mit Hilfe des Wortes, das heißt der Literatur, verändert werden kann. Wir wollten die Mentalität der Deutschen grundsätzlich verändern, weg vom obrigkeitsstaatlichen Denken, hin zum demokratischen.“
________________________________________________ *) Von Hans Werner Richter erschienen später noch die Zeitromane Sie fielen aus Gottes Hand (1951), Du sollst nicht töten (1955) und Linus Fleck oder der Verlust der Würde (1958).
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Als größter Unruhestifter in der traditionell ausgerichteten Theaterlandschaft begann 1949 Fritz Kortner seine Arbeit in München. Er rüttelte das Publikum auf und provozierte Kritiker zum Widerspruch.
Nach der Premiere des Dramas Der Vater von August Strindberg in der Bearbeitung und Inszenierung von Kortner an den Kammerspielen schrieb Bruno E. Werner in der Neuen Zeitung vom 12. Oktober 1949: „Es war ein Theater-abend, der Maßstäbe aufrichtete.“ In der Titelrolle stand Kortner nach sechzehn Jahren im Exil zum ersten Mal wieder auf einer deutschen Bühne, mit ihm Maria Wimmer, Gertrud Kückelmann und Hans Christian Blech.
1949 kam auch der Spielfilm Der Ruf in die Kinos, in dem Kortner die Hauptrolle spielt, einen aus der Emigration zurückgekehrten jüdischen Professor, der erneut antisemitischen Anfeindungen
ausgesetzt ist. Kortner hatte auch das Drehbuch geschrieben, Regie führte Josef von Baky, Produzent war Erich Pommer. Schon vorher waren in München einige der ersten Nachkriegsfilme gedreht worden: Der Herr vom anderen Stern mit Heinz Rühmann, Harald Brauns Zwischen gestern und morgen und Rudolf Jugerts Film ohne Titel. Gegen Helmut Käutners satirischen Streifen Der Apfel ist ab - die alte Geschichte von Adam und Eva protestierte der Münchner Weihbischof, weil darin „Gestalten, die den Münchnern heilig sind“ lächerlich gemacht würden.
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Der Aufbruch zu neuen Ufern in der Kunst führte immer wieder zu Zusammenstößen mit erzkonservativen Kirchenleuten und Politikern. 1949 traf der Bannstrahl die vom Publikum und der Kritik begeistert gefeierte Aufführung des Balletts Abraxas von Werner Egk im Münchner
Prinzregenten-Theater. In dem Werk kommt eine etwas freizügige „Satansmesse“ vor, was den bayerischen Kultusminister Alois Hundhammer als Hausherrn des Theaters veranlasste, weitere Vorstellungen zu untersagen: „Es ist nicht zu vertreten, dass auf einer Staatsbühne auf Staatskosten Satanstänze aufgeführt werden“. Noch ein Jahr später wetterte Hundhammer auf dem Katholikentag in Passau: „Eine Schweinerei, die nach Paris gehört“. Die CSU-Mehrheit im Bayerischen Landtag hatte dem Verbot zugestimmt. Werner Egk verließ München für immer und ging nach Berlin, als Direktor der dortigen Musikhochschule. Sein Abraxas wurde ein Welterfolg.
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Im „Pandämonium“, dem dritten von fünf Bildern im Ballett Abraxas von Werner Egk, thront Satan über der Menge, die sich wilden Tänzen hingibt. Diese Szene war der Anlass für das Verbot der Inszenierung und einen der größten Theaterskandale der Nachkriegszeit.
Unter Leitung der Literaten Ernst Klotz und Wolfgang von Weber hauchten die Schauspie-lerin Ursula Herking und der Chanson-Sänger Walter Hillbring, der hier schon dreißig Jahre zuvor aufgetreten war, 1949 dem berühmten Künstlerlokal Simplicissimus in der Türkenstraße neues Leben ein. Zwei Kellnerinnen aus dem alten „Simpl“, die schwarze Anni und die blonde Lotte, hatten die 1944 bei einem Luftangriff zerstörte und nun wiederaufgebaute Kneipe unter dem Namen Kathi Kobus neu eröffnet. Der Simplicissimus war 1903 von der urbayerischen Wirtin Kathi Kobus gegründet und auf den Namen der beliebten Satirezeitschrift getauft worden. Im Gastraum befand sich schon damals eine Brettl-Bühne, auf der als Hausdichter der Leipziger Marineleutnant a.D. Hans Bötticher alias Joachim Ringelnatz und viele andere ihre Verse vortrugen, Erich Mühsam und Frank Wedekind gehörten dazu, der junge Bertolt Brecht und Karl Valentin, Helmut Käutner mit seinem Kabarett Die vier Nachrichter. Der Schriftsteller Roda Roda, der Nichtbayern gern in „Preißn“ und „Schlawiner“ einteilte, erfand im „Simpl“ den Namen „Schwabylon“. Der Wiener Unterhaltungskünstler Theo Prosel, der den Simplicissimus von 1935 bis 1944 geleitet hatte, betrieb unter dem Namen Neuer Simpl seit 1946 ein Kabarett am Platzl. Dort stand Karl Valentin zum letzten Mal auf der Bühne, kurz bevor er 1948 am Rosenmontag starb.
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1950
Spitze Federn, scharfe Zungen
Den Ruf als Deutschlands heimliche Hauptstadt verdankt München nicht zuletzt seinen zahlreichen namhaften Journalisten, vor allem denen der Süddeutschen Zeitung. Seit die erste Ausgabe 1945 im Keller des zerbombten Verlagshauses der Münchner Neuesten Nachrichten aus dem Bleisatz von Hitlers Buch Mein Kampf gedruckt worden war, hatte sich die SZ zum Flaggschiff der Flotte deutscher Presseorgane entwickelt. Sie vermittelte ihren Leserinnen und Lesern, was ihnen so lange gefehlt hatte: Weltoffenheit, Toleranz und den Geist der freien Meinungsäußerung. „Edelfedern“ wie Werner Friedmann, Hermann Proebst, Erich Kuby, Fred Hepp, Ulrich Kempski, W. E. Süskind, Ernst Müller-Meiningen jr., Immanuel Birnbaum, Günter Gaus, Carl Weiß, Jesco von Puttkamer, Joachim Kaiser, Siegfried Sommer und viele andere, nicht zu vergessen Ernst Maria Lang mit seinen treffsicheren Karikaturen, gaben der SZ das unverwechselbare und geschätzte Profil. Sehr früh schon warnte die Süddeutsche Zeitung vor der Wiederaufrüstung und der tödlichen Gefahr des atomaren Wettrüstens. Die Atombombe sei „die dümmste aller Waffen“, hieß es in der SZ vom 5. Oktober 1950.
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Im August 1950 protestierte die Münchner Bevöl-kerung gegen die Wiederaufrüstung und gestiegene Lebenshaltungskosten.
Waren bei Münchens liberaler Presse kritischer Journalismus und Meinungsfreiheit gut aufgehoben, so taten sich die Mitarbeiter des staatlich kontrollierten Bayerischen Rundfunks manchmal schwer damit. 1950 eröffnete der Rheinische Merkur mit der Schlagzeile „Rotgetupfter
Bayernlöwe“ eine Hatz auf angebliche Marxisten beim Münchner Sender. Fritz Benscher und Helmuth M. Backhaus, zwei bei Hörerinnen und Hörern überaus beliebte Programmgestalter, hatten es gewagt, mitten im Kalten Krieg einen Friedensappell zu unterschreiben, zusammen mit Kommunisten. Auf Drängen der CSU-Vertreter im Rundfunkrat wurden Benscher und Backhaus zeitweilig von den Mikrofonen verbannt. Die Unduldsamkeit der CSU, besonders ihres ultrakonservativen Kultusministers Dr. Dr. Alois Hundhammer, Ritter des Ordens vom Heiligen Grabe und Chef des Katholischen Männervereins Tuntenhausen, trug dazu bei, dass die CSU bei der Landtagswahl 1950 eine schwere Niederlage erlitt. „Hundhammer hat sich um das Vaterland verdient gemacht“, spottete der Kabarettist Oliver
Hassencamp. Der Stimmenanteil der CSU sank von 52,3 auf 28 Prozent, sie behielt nur noch 64 Landtagsmandate, die SPD kam auf 63, die Bayernpartei auf 39, die Flüchtlingspartei BHE auf 26 und die FDP auf 12 Sitze. Die beiden großen Parteien bildeten eine Koalitionsregierung. Hans Ehard (CSU) wurde Ministerpräsident, Wilhelm Hoegner (SPD) Stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister. Hundhammer hatte sich erbittert gegen das Zusammengehen der CSU mit der SPD gewehrt, er musste sein Ministeramt abgeben und wurde Landtagspräsident. Das
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hinderte ihn aber nicht, weiterhin eifrig für getrennte katholische und protestantische
Bekenntnisschulen zu kämpfen, für die Beibehaltung der Prügelstrafe und gegen jegliches „Sauglockenläuten“ auf Bühne und Leinwand. Sogar den nackten Mädchen auf Plakaten für den Modellball im staatlich verwalteten Münchner Haus der Kunst mussten nachträglich Keuschheitsschürzen aufgemalt werden. Zur schärfsten Gegenspielerin der CSU in der Kultur- und Schulpolitik wurde die junge Journalistin Hildegard Brücher. Die bisherige
Münchner Stadträtin war mit Unterstützung des bayerischen FDP-Vorsitzenden Thomas Dehler 1950 zum ersten Mal in den Landtag gewählt worden. Dort setzte sie sich unermüdlich für Geistesfreiheit und Gleichberechtigung zwischen Religionen und Geschlechtern ein. Wichtige Impulse zur Festigung der Demokratie weit über Bayern hinaus gingen von zwei 1950 in München gegründeten Einrichtungen aus: der Hochschule für politische Wissenschaften und dem Institut für die Geschichte der NS-Zeit, ab 1952 Institut für Zeitgeschichte. Im Perlacher Forst entstand 1950 ein Ehrenhain für die 429 Münchner Opfer des Nazi-Regimes, unter ihnen die Geschwister Scholl.
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An den Münchner Kammerspielen unter Intendant Hans Schweikart inszenierte Bertolt Brecht 1950 sein dramatisches Antikriegsepos Mutter Courage und ihre Kinder mit Therese Giehse in der Hauptrolle. Sie hatte hier schon vor 1933 auf der Bühne gestanden und war nun aus dem Exil in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. 1949 hatte sie die Mutter Wolffen in Gerhart Hauptmanns Biberpelz unter der Regie von Peter Lühr gespielt. Mit Maria Wimmer und Maria Nicklisch bildete die Giehse das weibliche Dreigestirn des Ensembles der Kammerspiele.
Brechts Mutter Courage wurde auch angesichts der drohenden Wiederaufrüstung zu einem großen Publikumserfolg. Die Neue Zeitung allerdings, das Organ der amerikanischen Besatzungsmacht, spuckte Gift und Galle gegen den Kommunisten Brecht. Die Zuschauer jedoch ließen sich von „politisch-publizistischen Demonstrationen
gewisser Kreise gegen Brecht nicht beeindrucken und feierten die Darsteller und den Dichter mit spontanem Applaus“, schrieb Fred Hepp am 11. Oktober 1950 in der Schwäbischen Landeszeitung. Stücke von Bertolt Brecht, dessen erstes, Trommeln in der Nacht, 1922 hier uraufgeführt worden war, bildeten einen Schwerpunkt im Repertoire der Münchner Kammerspiele. Schon 1949 war seine Dreigroschenoper mit Hans Albers als Macky Messer in der Inszenierung von Harry Buckwitz hier zu sehen gewesen, ebenso Herr Puntila und sein Knecht Matti unter der Regie von Hans Schweikart. Er brachte später noch die Brecht-Dramen Der gute Mensch von Sezuan (1955), Das Leben des Galilei (1959) und Der kaukasische Kreidekreis (1961) heraus. 1949, 1950 und 1955
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war Bertolt Brecht, der in den 1920er Jahren an den Kammerspielen als Dramaturg und Regisseur gewirkt hatte, bei den Proben in München dabei.
Therese Giehse 1950 als Mutter Courage
Foto: Hildegard Steinmetz/Theatermuseum München
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1950 wurde auf Brechts Empfehlung an den Kammerspielen das bayerische Dialektstück Der starke Stamm von Marieluise Fleißer uraufgeführt, in der Hauptrolle Therese Giehse. In der bitterbösen Komödie geht es um Habgier, Betrug und kapitalistische Praktiken unter ländlichen Kleinbürgern. „Ein ehrliches, ein starkes Stück, und der herzliche Beifall war wohlverdient“, hieß es dazu im Münchner Merkur vom 9. November 1950. Brecht hatte die Ingolstädter Autorin, die er seit dreißig Jahren kannte, schon frühzeitig beeinflusst und gefördert.
Die allgemeine Aufbruchstimmung nach der Währungsreform von 1948 hatte natürlich auch Münchens Künstler-und Studentenviertel
Schwabing erfasst. Im Pfälzer Hof in der Haimhauser Straße, bei der rundlichen Wirtin Traudl Bräu, trafen sich an jedem Donnerstag Literaten und Vortragskünstler am Stammtisch von Peter Paul Althaus. In buntem Wechsel huldigten Schauspieler wie Axel von Ambesser, Gert Fröbe, Ursula Herking, Karl Schönböck und der damals noch kaum bekannte Klaus Kinski der Brettl-Tradition. Als Honorar gab es ein Glas Wein, oft auch ein warmes Abendessen. Von Malern, die knapp bei Kasse waren, und das waren nicht wenige, nahm „Mutti Bräu“ auch schon mal ein Bild in Zahlung. Wohl keine andere Schwabinger Wirtin wurde von ihren Stammgästen so geliebt wie sie.
Nachdem Traudl Bräu ihr Schwabinger Lokal für einige Jahre aufgegeben hatte, zog der Kreis um den „Traumstadt-Bürgermeister“, wie sich P.P. Althaus nannte, ein paar Häuser weiter in das altbayrische Gasthaus Seerose am Ende der
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Feilitzschstraße. Der Begriff „Traumstadt“ stammt übrigens von Alfred Kubin, der ihn schon 1908 in seinem Roman Die andere Seite verwendet hat. Das Buch gilt als eine Art Schwabinger Narrenspiegel. In der Wohnung über der Seerose vollendete einst Thomas Mann seinen Roman Buddenbrooks. Er stattete 1950, zum ersten Mal seit seinem von den Nazis erzwungenen Weggang zwanzig Jahre zuvor, München einen Besuch ab und hielt einen Vortrag über Goethe und die Demokratie.
Der Künstlerkreis um Peter Paul Althaus, Gustl Weigert, Gustl Wiesbek und Martin Lankes in der Seerose.
Als lebendes Denkmal der Erinnerung an Schwabings goldene Zeiten geisterte in den 1950er Jahren ein zierliches Persönchen, wuschelköpfig und quicklebendig Nacht für Nacht durch die Künstlerkneipen zwischen Türkenstraße und Feilitzschplatz: Marietta di Monaco. Als Maria Kirndörfer, ein armes Bauernkind aus Niederbayern, war sie im zarten Alter von siebzehn Jahren 1910 nach München gekommen. Sie arbeitete als Kellnerin und Bürohilfe im Verlag Bachmair, als Malermodell und Sekretärin des Dichters Johannes R. Becher. In ihren freien Stunden lernte sie Verse von Wilhelm Busch, Endrikat und Ringelnatz auswendig, bis sie sich damit unter dem Namen Marietta auf die Bühne des berühmten Künstlerlokals Simplicissimus wagte. Erich Mühsam hat amüsant beschrieben, wie sie im Fasching über die Tische hüpfte, nur mit einer Tischdecke bekleidet, die sie bald „in lieber Gewohnheit“ auch noch verlor. Sie wurde die Muse des Dichters Klabund und galt bald als Königin der Schwabinger Boheme. Besonders gern verkehrte sie im Kreis jener Intellektuellen, die 1918 unter Führung von Kurt Eisner den Freistaat Bayern mit begründet und ein Jahr später, nach Eisners Ermordung, eine kurzlebige Räterepublik
ausgerufen hatten. In ihr sollte Marietta, nach eigener Aussage, Kultusministerin werden. Später vermachte ihr ein reicher Holländer eine Villa in Nymphenburg. Mal lebte sie dort, mal in Paris, am liebsten jedoch in Schwabing. Noch 1950 und danach schmetterte Marietta, breitbeinig und kühn auf einem Stuhl stehend, mit unnachahmlicher, trompetengleicher Jungmädchenstimme Mühsams „Revoluzzer-Lampen-
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putzer“, eigene Verse oder die „Turngedichte“ von Ringelnatz ins rauchgeschwängerte Lokal:
„Deutsches Mädchen - grätsche! Grätsche!“
Marietta verkörperte noch jenes legendäre Schwabing, das die Stadtväter bei der Eingemeindung 1891 „Münchens schönste Tochter“ genannt hatten, das aber in Wahrheit seine rebellische ältere Schwester ist, wie Literaten, Künstler und Studenten gern sagen. Bajuwarische Einwanderer aus Böhmen nämlich hatten das Dorf Swapinga gegründet, lange bevor die ersten Siedler sich an einem Ort niederließen, der später München heißen sollte. Um 1900 war aus dem Dorf Schwabing durch den Zuzug von Malerinnen und Malern, Literaten und Lebensreformern, Revoluzzern und Künstlern aller Art das berühmte „Wahnmoching“ geworden, Heimat der Boheme und Inbegriff geistiger Offenheit im wilhelminischen Deutschland. In die Fußstapfen der Alten traten in den fünfziger Jahren Künstler wie Willi Baumeister und Rupprecht Geiger, die zusammen mit anderen 1949 die Gruppe ZEN gegründet hatten. So manche unserer Gefährtinnen nahm sich die Schriftstellerin Franziska von Reventlow zum Vorbild, die als lebendes Schwabinger Skandalon schon zur Kaiser- und Prinzregentenzeit die Erotik als wichtigste der schönen und freien Künste praktiziert hatte. Ein Zeitgenosse der Reventlow zog in den fabelhaften Fünfzigern noch immer predigend über die Leopoldstraße: Gusto Gräser, echtes
Schwabinger Urgestein und ein früher Vorläufer der Grünen.
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An Schwabings große Brettl-Tradition knüpften 1950 K. Th. Langen, Peter Paul Althaus und Gustl Weigert auch mit der Künstlervereinigung
Katakombe
an. Ihre Mitglieder und Freunde samt Anhang nannten sich „Kellerasseln“, denn sie trafen sich jeden Freitag in einem feuchten Gewölbe unter dem
Mathäserbräu
am Stachus beim spitzbärtigen Kellermeister Schratzenstaller. An langen Holztischen eng beieinander sitzend, lauschten sie bei Kerzenschein und Wein den meist humoristischen Vorträgen, die jeder, der gerade Lust dazu hatte, auf einer improvisierten Bühne zum Besten geben konnte. Einmal hielt sogar Theodor Heuß, der erste Bundespräsident, aus dem Stegreif eine launige Rede. Vor allem waren es Poeten wie Fritz de Crignis, Ernst Klotz und Wolfgang von Weber, die zusammen mit Marietta in der „Unterwelt“ der Münchner Innenstadt die Fahne des Künstlerviertels hoch hielten. „Wenn Sie mit mir sprechen“, pflegte Fritz de Crignis zu sagen, „sind Sie bereits in Schwabing.“ In den Gewölben der
Katakombe
wurden auch Bilder zeitgenössischer
durchzechter „Kellerasseln“ über eine steile Treppe frohgemut und keuchend wieder empor ins Dämmerlicht des neuen Tages.
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1951
Weder Angsthasen noch Duckmäuser
Mit dem Theater Münchner Kleine Freiheit setzte Trude Kolman, eine Berliner Kabarettistin der 1920er Jahre, ab 1951 die große Tradition des literarisch-politischen Kabaretts der Zeit vor 1933 fort. Das erste war 1901 in der Münchner Türkenstraße von Frank Wedekind mit seinen Elf Scharfrichtern eröffnet worden, gleichzeitig mit
Ernst von Wolzogens Überbrettl in Berlin. Jetzt traten Trude Kolman und ihre scharfzüngigen Spötter in die Fußstapfen der Münchner Schaubude von Rudolf Schündler, dem ersten deutschen Kabarett nach dem Zweiten Weltkrieg, das aber die Währungsreform von 1948 nicht überlebt hatte.
Das Eröffnungslied und viele andere Texte für die Kleine Freiheit schrieb Erich Kästner, weitere Hausdichter waren Martin Morlock, Robert Gilbert, Oliver Hassencamp und Per Schwenzen. Die erste Vorstellung ging im 5. Stock eines Wohnhauses in der Schwabinger Elisabethstraße über die Bühne, wo Beate von Molo ein Theaterchen mit siebzig Plätzen eingerichtet hatte. Später, nach einigen Zwischenstationen, siedelte sich die Kleine Freiheit in der eleganten Maximilianstraße an.
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Arbeit zitieren:
Dieter Grossherr, 2009, Aufbruchzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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