Vorwort
Durch die Geburt meines Sohnes Paul habe ich erfahren, wie schwierig es sein kann Studium, Arbeit und Familie miteinander in Einklang zu bringen. Insbesondere mit Blick auf meinen bevorstehenden Berufseintritt stellte sich mir in letzter Zeit immer wieder die Frage, wie ich die Schwierigkeiten, die sich rund um Kind und Beruf ergeben, bewältigen kann. In Gesprächen mit anderen Eltern wurde mir zudem deutlich, dass eine Arbeitszeitverkürzung immer noch mit Vorurteilen auf Seiten des Arbeitgebers und mit reduzierten Karrierechancen verbunden sein kann.
Die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat mir gezeigt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie von einer Vielzahl Faktoren abhängt, und dass die Probleme nicht von den Familien alleine bewältigt werden können. Das Interesse, gerade über dieses Thema meine Arbeit zu schreiben, lag vor allem darin, nachzuforschen, warum Frauen mit Kindern immer wieder mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben, und ob darin vielleicht der Grund dafür liegt, dass viele Frauen wegen ihrer Karriereambitionen auf Kinder verzichten.
Danksagung
Ich möchte allen danken, die mir ihr Interesse für dieses Thema gezeigt haben und in Gesprächen ihre persönlichen Schwierigkeiten bei der Verbindung von Beruf und Familie geschildert und meine eigene Sichtweise reflektiert haben.
Prof. Horst Scarbath danke ich für seine hilfreichen Anmerkungen und seine Unterstützung bei dieser Arbeit. Prof. Rosemarie Mielke danke ich für ihre konstruktive Kritik und ihr persönliches Engagement.
Dorthe Kieckbusch und meinem Freund Steffen Debus danke ich für das Korrekturlesen meiner Arbeit, ihr großes zeitliches Engagement und ihre konstruktiven Anregungen. Weiterhin danke ich meinem „Sozialen Netzwerk“ für die vielfältige Unterstützung. Paul möchte ich dafür danken, dass er mich zu dieser Arbeit inspiriert hat.
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0. Einleitung
Die gesellschaftlichen Veränderungen im 20. Jahrhundert haben den Menschen eine Vielfalt von Optionen für ihre Lebensplanung eröffnet, wie es sie in der Geschichte zuvor nicht gegeben hat. Neben der traditionellen Vater-Mutter-Kind Familie, die nach wie vor bei einem Großteil der Menschen einen hohen Stellenwert besitzt, existiert heute eine Vielzahl alternativer Lebensformen. Kinderlose Ehen, nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder, Einelternfamilien und Alleinlebende sind Beispiele für die Pluralität privater Lebensformen, die in der Gesellschaft eine immer größer werdende Akzeptanz erfahren. Dieser Wandel wird bei der Betrachtung der Bevölkerungsstatistik deutlich, da die Geburtenrate in Deutschland in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken ist. Die Bevölkerungsstruktur zeichnet sich durch einen immer größer werdenden Anteil alter Menschen aus. Durch den medizinischen Fortschritt werden die Menschen zunehmend älter, was zusammen mit der sinkenden Geburtenrate zu einer Überalterung der Bevölkerung führt. Folglich sind junge Menschen innerhalb der Gesellschaft unterrepräsentiert. Auf das Rentensystem hat dieser Prozess schwerwiegende Auswirkungen, da die Anzahl der Rentenberechtigten die der Beitragszahler übersteigt. Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung ist zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden, so dass nach Ursachen geforscht und nach Lösungen gesucht werden muss.
Als eine Ursache für die sinkende Geburtenrate kann die veränderte Rolle der Frau vermutet werden. In den letzten Jahrzehnten hat die Berufstätigkeit einen höheren Stellenwert in der weiblichen Lebensplanung bekommen und stellt sich damit der Planung eines Kindes immer öfter entgegen. Ob dies in der Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie begründet liegt, die Frauen oftmals vor die Wahl zwischen beiden Lebensbereichen stellt, will die vorliegende Arbeit untersuchen.
Aufgrund schlechter Rahmenbedingungen bezüglich Familienförderung, Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit sind Familien gegenüber Kinderlosen strukturell benachteiligt. Dies führte, auch aufgrund der Bevölkerungsentwicklung, in jüngster Zeit dazu, dass die Familienpolitik zunehmend Thema in politischen Debatten und in den Medien wurde. Die vorliegende Arbeit weist zwei Schwerpunkte auf: Erstens wird die Veränderung der Familie im geschichtlichen Verlauf bis in die heutige Zeit analysiert, wobei die veränderte Rolle der Frau im Vordergrund steht. Übergeordnet geht es dabei um die Frage, ob die Familie in ihrer traditionellen Form in der heutigen Gesellschaft weiterhin Bestand hat. In
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einem weiterführenden Schritt werden die Auswirkungen des familialen Wandels auf die Bevölkerungsentwicklung aufgezeigt. Zweitens wird die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie näher untersucht. Dabei geht es vor allem um Probleme der Lebensplanung von Frauen, die durch eine Verbindung von Beruf und Familie entstehen können, und um die damit verbundenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Für die vorliegende Arbeit sind zwei Fragestellungen von zentraler Bedeutung: In welchem Zusammenhang stehen der familiale Wandel und die veränderte Rolle der Frau mit der demographischen Lage in Deutschland? Und: Welche spezifischen Probleme ergeben sich durch die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie für die Lebensplanung von Frauen? Diese Fragestellung geht von der Annahme aus, dass sich die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen negativ auf den Familienbildungsprozess auswirkt, so dass die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie in den Vordergrund tritt. Dabei müssen bei folgenden Punkten Grenzen gesetzt werden:
1. Die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie für Männer findet in dieser Arbeit keinen gesonderten Platz. In den letzten Jahren konnten zwar Tendenzen festgestellt werden, dass Männer sich stärker in der Familienarbeit engagieren. In vielen Familien besteht jedoch immer noch eine traditionelle Aufgabenteilung, so dass der Schwerpunkt der Betrachtungen auf der weiblichen Lebensplanung liegt. Für Männer, die ihr Familienleben nach traditionellen Rollenmustern gestalten wollen, kann die Berufstätigkeit der Partnerin zu einem Problem werden. Die Auswirkungen auf die männliche Lebensplanung und Lebensrealität werden nicht näher untersucht. 2. Die Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich auf die Bundesrepublik Deutschland. Ein internationaler Vergleich würde auf Kosten der Ausführungen über die Situation von Frauen in diesem Lande gehen. Es werden nur am Rande Vergleiche zu anderen Ländern gezogen, um Unterschiede insbesondere in der Familienpolitik aufzuzeigen. Bei der Betrachtung der gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten ist ein Vergleich von Ost- und Westdeutschland aufgrund der beiden unterschiedlichen Gesellschaftsformen jedoch hilfreich.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Im ersten Kapitel wird zunächst die historische Entwicklung der Familie beschrieben. Dabei werden verschiedene Familienformen von der Zeit der Vorindustrialisierung bis ins 20. Jahrhundert dargestellt.
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Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Betrachtung der bürgerlichen Kleinfamilie, da sich diese familialen Strukturen bis in die heutige Zeit finden lassen. Die historischsoziologische Betrachtung dieses Themas ist meines Erachtens besonders wichtig, um die Bedeutung von Familie für Menschen und Gesellschaft aufzuzeigen. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Familie in der Gegenwart. Durch die Pluralisierung und Individualisierung von Lebensformen ist es zu einem Strukturwandel der Familie gekommen. Dabei spielt die veränderte Rolle der Frau eine besondere Rolle. Neben der funktionalen Bedeutung von Familie geht es um die Frage, ob die traditionelle Familie in der heutigen Gesellschaft an Bedeutung verloren hat. Die These von einer `Krise der Familie´ wird im Verlauf des Kapitels diskutiert.
In Kapitel 3 stellt sich aufgrund der vorherigen Erkenntnisse die Frage nach den Auswirkungen des familialen Wandels auf die demographische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und den daraus resultierenden gesellschaftlichen und politischen Problemen. In diesem Zusammenhang wird die demographische Entwicklung der letzten Jahrzehnte unter besonderer Berücksichtigung der DDR untersucht. Folgend werden die Konsequenzen aufgezeigt, die sich für die Gesellschaft aus einem Geburtenrückgang ergeben.
Anschließend werden verschiedene Erklärungsansätze für den Geburtenrückgang analysiert, wobei der Schwerpunkt auf der weiblichen Erwerbstätigkeit liegt. Darauf aufbauend wird im vierten Kapitel die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie näher untersucht. Dabei stehen neben gesetzlichen Rahmenbedingungen für Mütter insbesondere die Schwierigkeiten im Vordergrund, die sich durch eine Familiengründung im Berufsleben ergeben. Es werden die Auswirkungen von Erwerbsunterbrechung und Teilzeitarbeit auf die berufliche Karriere dargestellt. In Abschnitt 4.7 wird zum einen verdeutlicht, warum die Vereinbarkeitsproblematik ein „Frauenthema“ ist. Zum anderen werden Probleme beschrieben, die sich aus einer Doppelbelastung für Beruf und Familie ergeben.
Im fünften Kapitel werden zunächst familienpolitische Maßnahmen vorgestellt und kritisch hinterfragt. Da für viele Familien die Kinderbetreuung Grundvoraussetzung für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, gehe ich auf diese Thematik ausführlich ein. Dabei spielt nicht nur die Betreuungssituation eine wichtige Rolle, sondern auch die Vorurteile und Ängste von Eltern, die oftmals mit einer Fremdbetreuung der Kinder verbunden sind. Des Weiteren werden verschiedene betriebliche Rahmenbedingungen für eine bessere
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Vereinbarkeit von Beruf und Familie ins Blickfeld gerückt. In Abschnitt 5.5 geht es um die Frage, ob eine Auflösung traditioneller Rollenmuster die Verbindung von Beruf und Familie für beide Elternteile ermöglichen kann. Das Kapitel schließt mit der Erörterung der Frage, ob durch pädagogische Interventionen in Form von Bildungsangeboten Familien in der Bewältigung von Vereinbarkeitsproblemen unterstützt werden können. Dabei geht es nicht um die Schaffung eines ausdifferenzierten Bildungskonzeptes, sondern vielmehr um mögliche Inhalte und Ziele.
In Kapitel 6 werden die verschiedenen Ergebnisse zusammen getragen und in einer abschließenden Betrachtung bewertet.
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1. Familie im Wandel der Zeit
Um die Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf verstehen und in den gesellschaftlichen Kontext einordnen zu können, ist es wichtig, die historischen Veränderungen der Familie zu betrachten. In diesem Kapitel werden die Veränderungen beschrieben, welche die Familie vom 16. Jahrhundert bis in die Neuzeit erfahren hat. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt auf der Eltern-Kind-Beziehung und auf der Rolle der Frau bzw. Mutter.
Der Begriff Familie kommt aus dem Lateinischen („familia“) und bedeutet ursprünglich Hausgenossenschaft. Seit Ende des 16. Jahrhunderts wird das Zusammenleben von verschiedenen Menschen in einem Haus als Familie bezeichnet (vgl. Kraus-Prause 1995, S. 94). Da das bürgerliche Familienleitbild als Vorreiter der heute bestehenden Kleinfamilie gesehen wird, werden sich die folgenden Ausführungen auf diesen Familientypus konzentrieren. Die Rolle der Arbeiterfamilie wird daher nur zur Abgrenzung des bürgerlichen Familienleitbildes herangezogen und nicht ausführlicher analysiert.
1.1 Die Familienform des „Hauses“
Vom Mittelalter bis zur Industrialisierung bezeichnete man große Haushaltsfamilien als „ganzes Haus“ (vgl. Peuckert 1999, S. 21), das gleichzeitig Wohn- und Produktionsstätte war. Der Begriff „Haus“ entstand, da neben den Eltern und Kindern auch Dienstboten, Gesellen und in der Regel unverheiratete Verwandte mit unter einem Dach lebten. Der „Hausvater“ galt als leitende Autoritätsperson und vertrat das „Haus“ wirtschaftlich und rechtlich nach außen. Ansonsten gab es keine rigide Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. „Im familiären Binnenverhältnis hatte der Faktor Liebe bis dahin eine nur untergeordnete Rolle gespielt.“ (Hoffmeister 2001, S. 75) Alle Mitglieder des „Hauses“ bewirtschafteten gemeinsam den Besitz, wobei die Eigentumsverhältnisse klar zwischen Familie und Angestellten geregelt und abgegrenzt waren. Die einzige Absicherung der Knechte und Mägde lag in ihrer Zugehörigkeit zum „Haus“. Sie waren auf dessen Versorgung angewiesen und durften nicht heiraten. Somit spielte neben der sozialen Funktion der Familie die ökonomische Ebene eine entscheidende Rolle. Die vorindustrielle Wirtschaft war überwiegend durch die
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Familienwirtschaft gekennzeichnet, da die Funktion der meisten Familien in der Arbeitsorganisation und Produktion bestand.
Kinder wurden in dieser Zeit in der Regel zu Hause unterrichtet, jedoch nicht nach speziellen Mustern erzogen. Die Beaufsichtigung der Kinder erfolgte durch ältere Geschwister, alleinstehende Verwandte oder Dienstpersonal, so dass ein emotionales Eltern-Kind-Verhältnis kaum zustande kam. Die Kindheit hatte im Verständnis der Erwachsenen nur die Bedeutung einer unwichtigen Übergangszeit, die mit der Einbeziehung der Jugendlichen in den Arbeitsprozess als abgeschlossen galt. „Kinder als potentielle Produktionsfaktoren wurden auf relativ schnelle Verwendbarkeit im Wirtschaftsprozeß hin erzogen. Eine lange, geschützte Kindheit, Adoleszenz und Post-Adoleszenz sind höchst moderne Erfindungen.“ (Hettlage 1998, S. 43)
Die Struktur und Funktion einer Familie war stark von der Produktionsweise und Art der Erwerbstätigkeit abhängig. Die unterschiedlichen Lebensbedingungen (Hausvater, Knechte, Bedienstete, Tagelöhner etc.) und die daraus resultierenden materiellen Grundlagen verhinderten, dass sich ein einheitlicher Typ der vorindustriellen Familie herausbilden konnte. So fehlten beispielsweise bei Tagelöhnern, verarmten Bauern und Kleinhändlern die finanziellen Voraussetzungen, um die beschriebene Familienform des „ganzen Hauses“ zu verwirklichen. Somit ist die erweiterte Drei-Generationen-Familie, bei der Großeltern, Eltern und Kinder zusammen mit dem Dienstpersonal oder den Gesellen und Lehrlingen unter einem Dach wohnten, nur dort entstanden, wo es ökonomisch umsetzbar oder sinnvoll war (vgl. Geißler 1996, S. 41).
Im Zuge der Industrialisierung kam es zu massiven Veränderungen der gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen, was sich natürlich auch auf die Organisationsform der Familie auswirkte.
1.2 Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie
Durch den Übergang von einer ständischen Gesellschaft zur Industriegesellschaft im ausgehenden 18. und Anfang des 19. Jahrhundert erfuhr die Familie in ihrer Struktur und Funktion einen starken Wandel. In dieser Zeit entwickelte sich durch die Trennung der Lebensbereiche Familie und Erwerbsarbeit das Modell der bürgerlichen Familie. Es konnte
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zwar nur von einem geringen Teil der Bevölkerung gelebt werden, dominierte jedoch als gesellschaftliches Idealmodell der damaligen Zeit (vgl. Paetzold 1996, S. 2). Mit der Auflösung des „Hauses“ und dem Verschwinden der damit verbundenen umfangreichen Hauswirtschaft verteilten sich die Aufgaben innerhalb der Familie neu. War bisher die Funktion der Familie auf die Produktion ausgerichtet, so bekam sie nun die Funktion der Erholung und Entlastung.
Waren zuvor noch andere Familienangehörige, Gesinde oder Bedienstete für Erziehung und Hauswirtschaft mitverantwortlich, reduzierten sich diese Aufgabenbereiche jetzt auf die Frau. Es kam zu einer klassischen Rollenverteilung, innerhalb derer die Frau für Haus und Familie, der Mann für die externe Arbeit und den Lebensunterhalt zuständig waren. Es gab eine klare Trennung zwischen außer- und innerhäuslicher Tätigkeit, so dass der Mann in der Regel seinen Beruf außerhalb des Hauses ausübte und allein für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich war. Im Gegensatz dazu wurde die Frau aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen und war nunmehr für den Haushalt und die Kindererziehung verantwortlich. Dadurch entstand eine finanzielle und gesellschaftliche Abhängigkeit der Frau vom Mann. Diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung kann als ein Charakteristikum der bürgerlichen Familie angesehen werden (vgl. Textor 1993, S. 26). Je nach finanziellem Status der Familie lebten zwar weiterhin Angestellte im Haus, sie waren jedoch nicht mehr in die Kernfamilie integriert. Frühere Knechte und Mägde wurden zu Angestellten und erhielten somit im Gegensatz zur Form des „ganzen Hauses“ eine gewisse Unabhängigkeit. „Die bisherige Gleichsetzung von Familie und Haushalt machte einer Unterscheidung nach dem Typus der Sozialbeziehungen Platz, wobei familiale Beziehungen emotionalisiert, Gesindebeziehungen aber versachlicht wurden.“ (Geißler 1996, S. 42) Das Familienleben wurde dadurch zunehmend intimisiert und auf wenige Personen begrenzt. Dies hatte auch Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen innerhalb der Familie.
Die Kindererziehung und -versorgung wurde mehr als je zuvor zur Arbeit der Mutter, so dass das Mutter-Kind-Verhältnis an Bedeutung gewann. In Folge dieser Entwicklung wurde auch die Eltern-Kind-Beziehung neu definiert und war stärker durch emotionale und personale Aspekte gekennzeichnet. In bestimmten Bevölkerungskreisen setzten sich im 18.
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Jahrhundert die Gedanken der Aufklärung immer mehr durch. Pädagogen wie Rousseau 1 und Pestalozzi 2 reflektierten die Eltern-Kind-Beziehung und stellten neue Erziehungsansprüche in der Gesellschaft zur Diskussion. „Erziehung“ der Kinder statt „Aufzucht“ wurde gesellschaftlich gefordert. Durch das Verbot der Kinderarbeit und die Einführung der Schulpflicht wurden Kinder zunehmend aus dem Produktionsprozess ausgegliedert. Bildung gewann an Bedeutung. Die Schule entwickelte sich zu einer wichtigen Sozialisationsinstanz neben der Familie.
Der Umfang der Ausbildung hing jedoch weiterhin von der finanziellen Lage der Familien ab. Nur wohlhabende Familien konnten ihre Kinder über die Schulpflicht hinaus zur Schule oder sogar zur Universität schicken (vgl. Textor 1993, S. 26ff). Auf dem Lande blieb die ursprüngliche Familienform des „ganzen Hauses“ zunächst bestehen. In den Städten entwickelte sich neben der Arbeiterfamilie die oben beschriebene bürgerliche Familie, die sich vor allem in einem sozialen Strukturmerkmal von der ursprünglichen Bauern- und Handwerksfamilie unterschied: Die Produktionsstätte war von Wohnung und Familie getrennt. Die Umsetzung des Ideals der bürgerlichen Familie war abhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Familien. Ein bürgerliches Leben konnte zunächst ausschließlich bei den finanziell besser gestellten Familien verwirklicht werden, zu denen vor allem Kaufleute, Akademiker, Beamte, Offiziere und reiche Handwerker gehörten (ebd., S. 26).
In den unteren Schichten reichten die Einkünfte des Mannes oft für den Familienunterhalt nicht aus. Zwar gehörte es zu dem Familienleitbild des 19. Jahrhunderts, dass der Mann der alleinige Ernährer der Familie war, aber die Wirklichkeit sah oftmals anders aus. Frauenerwerbstätigkeit war auch in der industriellen Gesellschaft ein durchgängiges Merkmal, wurde jedoch weder gesellschaftlich ausreichend anerkannt noch hinreichend vergütet (vgl. Kaufmann 1990, S. 21). Der größte Teil der Bevölkerung gehörte zu den Unterschichten, die seit dem 19. Jahrhundert unter dem Begriff „Proletariat“ zusammengefasst wurden. Kennzeichnend für das Proletariat war, dass die Menschen kein Eigentum besaßen und lohnabhängig waren. Das Proletariat setzte sich aus vielen
1 Zur Vertiefung: Jean-Jacques Rousseau, „Emile oder von der Erziehung“, München: Winkler 1977
2 Zur Vertiefung: Heinrich Pestalozzi, „ Schriften zur Menschenbildung und Gesellschaftsentwicklung“, München: Winkler 1977
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verschiedenen Gruppen zusammen, wie beispielsweise Landarbeiter, Fabrikarbeiter, Dienstpersonal, Tagelöhner und Gesinde. Insbesondere beim Übergang zur Industriegesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten diese Schichten in großer Armut, da es ein Überangebot an Arbeitskräften gab. Diese Familien zeichneten sich oftmals durch hohe Kinderzahlen aus, was zur Armut beitrug.
1.3 Das bürgerliche Familienleitbild
Das im Zuge der Industrialisierung entstandene bürgerliche Familienleitbild war insbesondere durch folgende Faktoren gekennzeichnet:
1. Veränderungen in den Liebes- und Eheauffassungen
Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte man eine traditionelle, sehr sachliche Einstellung zur Ehe. Sie war eine Art „Geschäftsverbindung“. In der Romantik (Ende 18. Jahrhundert) entwickelte sich eine ganz neue Vorstellung von Liebe, die fortan im Vordergrund von Eheschließungen stand. Es handelte sich um einen Liebesbegriff, der eine aufgeklärte und vernünftige Liebe propagierte. Spontane und leidenschaftliche Liebe stand nicht im Vordergrund. Nach dem bürgerlichen Familienleitbild war die Ehe eine freie und fortdauernde Liebesbeziehung, in der geistige Übereinstimmung herrschte und Persönlichkeitsentfaltung möglich wurde (vgl. Peuckert 1999, S. 23).
2. Trennung von Produktions- und Wohnstätte
Durch die Trennung von Produktions- und Wohnstätte wirtschaftete die Familie nicht mehr für sich selbst. Die ökonomische Grundlage wurde vielmehr durch die Arbeitskraft außerhalb der Familie gegen Lohn gesichert. Im Regelfall war es der Mann, der einer Erwerbstätigkeit nachging, während die Frau für Kinderbetreuung und Haushaltsführung zuständig war, und nicht mehr unmittelbar zum finanziellen Einkommen der Familie beitrug.
Konsequenzen waren, dass die gemeinsame finanzielle Grundlage der Ehe nicht mehr gegeben war, und dass insgesamt eine Entsachlichung der Familienbeziehungen stattfand. Durch die außerhäusliche Tätigkeit des Mannes war eine gleichberechtigte Ehe oftmals nicht vorhanden.
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3. Veränderungen in der Kindererziehung
In der Vormoderne gab es keine Kindheit im heutigen Sinne. Das Niveau der emotionalen Beziehungen war niedrig, und Kinder wurden oftmals nur als Arbeitskräfte gesehen. In den Epochen der Renaissance und des Humanismus wurden die Eltern-Kind-Beziehung und die Bedeutung des Kindes jedoch immer wieder neu reflektiert. Die Verwirklichung neuer Erziehungsmuster hing jedoch stark von dem Bildungsniveau und dem finanziellen Status der jeweiligen Bevölkerungsschicht ab.
Im bürgerlichen Familienleitbild wurde die Kindheit zu „einer selbständigen, anerkannten Lebensphase“ (Peuckert 1999, S. 22), in der die Besonderheiten der Kinder wahrgenommen und Erziehung bewusst vollzogen werden sollte.
Drei zentrale Veränderungen in der Kindererziehung lassen sich für das bürgerliche Familienleitbild herausstellen:
1. Kinder sollten nicht mehr in der Obhut von Ammen und Kindermädchen stehen. 2. Strenge und harte Strafmaßnahmen wurden zunehmend abgelehnt. 3. Individualität und Begabung des Kindes sollten entdeckt und gefördert werden.
4. Rollenverständnis Mann - Frau
Die Entwicklung der bürgerlichen Familie hatte eine Neuaufteilung der Geschlechterrollen zur Folge. Demnach war der Mann für die außerhäuslichen Aufgabenbereiche zuständig, die Frau für die innerhäuslichen, woraus „sich das überaus folgenreiche hierarchischpatrialistische Geschlechterverhältnis“ (Geißler 1996, S. 307) entwickelte. Es beinhaltete eine klare Rollentrennung zwischen Mann und Frau, die durch den Glauben an spezifische Geschlechtercharaktere gerechtfertigt wurde. Der Mann hatte eine Vorrangstellung innerhalb der Familie, so dass keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern bestehen konnte. Das Leitbild der bürgerlichen Hausfrauenehe lässt sich wie folgt beschreiben: „Die Bestimmung der Frau ist es somit, die Familie als Ort unmittelbarer Sittlichkeit zu gestalten, während der Ort des Mannes primär der Staat und die (bürgerliche) Erwerbsgesellschaft ist.“ (Kaufmann 1990, S. 21)
Die angestrebte Behandlung der Kinder hing mit den gesellschaftlichen Veränderungen des Bürgertums zusammen: Die soziale und politische Vormachtstellung des Adels, beruhend auf dessen Abstammung, wurde vom Bürgertum zunächst abgelehnt und bekämpft (vgl.
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Rosenbaum 1996, S. 284). Besonders im Zuge der Aufklärung war die adelige Vorrangstellung heftiger Kritik ausgesetzt. Es stellte sich die Frage nach dem Menschen `an sich´, nach dessen natürlichen Anlagen und nach den Einflüssen durch die Gesellschaft. Idealerweise sollten sich die Anlagen des Kindes in der Familie entfalten können, weshalb die Familie nach außen hin möglichst abgeschlossen sein sollte. Als Konsequenz daraus wurde auch die Trennung von Dienstboten und Familienleben gefordert. Das neue bürgerliche Ehe- und Familienideal sollte zu einem Zeichen der Abgrenzung des Bürgertums gegen den Adel werden. Im Gegensatz zum Adel war der gesellschaftliche Status des Bürgertums durch Leistung und Bildung bestimmt. Diese „Tugenden“ gewannen somit an Bedeutung (vgl. ebd., S. 259f).
1.4 Das reale bürgerliche Familienleben am Ende des 18. Jahrhunderts
Die zuvor beschriebenen Faktoren kennzeichnen das bürgerliche Familienleitbild. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab es allerdings oft große Diskrepanzen. Die Liebesheirat, wie sie dem Ideal entsprach, wurde in dieser Zeit in den allermeisten Fällen noch nicht realisiert, da materielle Aspekte immer noch einen entscheidenden Einfluss ausübten. Die Männer mussten für eine Heirat aus geordneten beruflichen und ökonomischen Verhältnissen kommen und die Mitgift der Frauen musste den Vorstellungen der Männer entsprechen (vgl. Peuckert 1999, S. 23f). Insbesondere für Beamte mit einem geringen Einkommen war eine hohe Mitgift von besonderer Bedeutung. Zudem wurde die geistige Gemeinschaft der Eheleute als bürgerliches Ideal gesehen, die oftmals durch den großen Altersunterschied und das Autoritätsgefälle innerhalb der Ehe nicht erreicht wurde. Verantwortlich dafür war insbesondere die immer noch bestehende Vormachtstellung des Mannes, die letztlich die Gleichstellung zwischen Mann und Frau verhinderte. Die sozialen Veränderungen in den Geschlechterrollen führten zu einem Wandel in den Vorstellungen über das Wesen von Mann und Frau. Den Geschlechtern wurden typische, biologisch begründete Eigenschaften zugeschrieben. Entsprechend dem männlichen Wirkungsbereich stand der Mann für Aktivität und Rationalität, die Frau für Passivität und Emotionalität. Der Ausschluss der Frau aus Betätigungen in der Öffentlichkeit wurde mit diesen ihr zugeschriebenen Merkmalen legitimiert.
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In Bezug auf die Kindererziehung entsprach die Realität ebenfalls nicht dem bürgerlichen Ideal. Weiterhin waren häufig Ammen und Kindermädchen für die Kindererziehung zuständig, so dass ein intensiver und inniger Umgang zwischen Eltern und Kindern die Ausnahme war. Auch körperliche Züchtigungen waren weiterhin im Erziehungsstil impliziert. Es wurde dennoch zunehmend üblich, dass die Kinder ihre Eltern nicht mehr mit dem förmlichen „Sie“ oder in der dritten Person („Er/Sie“) ansprechen mussten, so dass sich eine Verringerung der Distanz zwischen Kindern und Eltern anbahnte. Dieser Prozess vollzog sich jedoch langsam. Besonders in „gutbürgerlichen“ Familien war das Siezen der Eltern noch lange Zeit üblich und lässt sich auch heute noch in Frankreich („vous“) finden (vgl. Paetzold 1996, S. 26).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten Unternehmer die prägende Schicht des Bürgertums. Dadurch veränderten sich die Ideale des Bildungsbürgertums, so dass eine Konzentration auf Materialismus im Vordergrund stand und immaterielle Werte unwichtiger wurden. Die vorherige Abgrenzung des Bürgertums vom Adel entwickelte sich immer mehr zu einer Aristokratisierung, um sich von den Arbeitern abzugrenzen. „Mit diesem Begriff wird die Übernahme von Denkformen, Verhaltensweisen und Aufwandsnormen des Adels durch das Bürgertum bezeichnet.“ (Rosenbaum 1996, S. 320)
Die gesellschaftliche Arbeitsteilung von Mann und Frau verfestigte sich in dieser Zeit. Die Frau war weitgehend ausgeschlossen von der beruflichen und politischen Lebenswelt ihres Mannes. Ihre Funktion hatte sich, verglichen mit ihrem früheren Wirkungsspektrum, stark auf innerhäusliche Tätigkeiten verkürzt. Diese umfassten vor allem die Repräsentation des Hauses, da die bürgerliche Familie in der Regel mindestens ein Dienstmädchen hatte, das die Hausarbeit erledigte.
1.5 Veränderungen im 20. Jahrhundert
Das zuvor beschriebene Modell der bürgerlichen Familie diente bis in die Gegenwart, zumindest für einige Teile der Bevölkerung, als Leitbild und begründet das heutige Bild der Familie. Die bürgerliche Familienform konnte nur von einem geringen Teil der Bevölkerung gelebt werden. Die folgenden Ausführungen verdeutlichen, dass dieses Problem bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts weiter bestand. Die Relevanz des bürgerlichen
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Familienleitbildes für große Teile der Bevölkerung wird jedoch bei Betrachtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich.
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts konnten zwar Verbürgerlichungstendenzen festgestellt werden, der bürgerliche Familientyp konnte sich in den krisenhaften Zeiten wie nach den beiden Weltkriegen jedoch immer noch nicht durchsetzen. Die sozioökonomische Lage der Arbeiterfamilie, gekennzeichnet durch niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit, notwendige Erwerbstätigkeit der Frau und beschränkte Wohnverhältnisse, ließ keinen annähernd gleichen Lebensstil zu, wie er in der bürgerlichen Familie vorherrschte. Eine Orientierung der Arbeiterfamilie an dem bürgerlichen Leitbild ließ sich dennoch feststellen (vgl. Peuckert 1999, S. 24).
Erst die massiven gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, hervorgerufen durch den wirtschaftlichen Aufschwung im Laufe der 50er und Anfang der 60er Jahre, führten zu einem Ansteigen der Löhne und zur Etablierung der sozialen Sicherungssysteme. Daraus resultierte eine Verbesserung der Lebensverhältnisse, welche die Stabilisierung der Kleinfamilie begünstigte. Das Leitbild der modernen Familie der 50er Jahre, das seinen Ursprung in dem bürgerlichen Familienleitbild hat, beinhaltete die Vorstellung einer lebenslangen, monogamen Ehe, die ihren Sinn in der Familiengründung hat. Diese Vorstellung wurde insbesondere von der Kirche geprägt und entstand schon viele hundert Jahre vor der Industrialisierung. Die Frau soll demnach primär für die emotionalen Bedürfnisse der Familie, für Kindererziehung und Haushaltsführung zuständig sein. Im Gegensatz hierzu war der Mann für den Lebensunterhalt der Familie zuständig und galt weiterhin als Autoritätsperson. Eheschließung und Familiengründung wurden zu gesellschaftlichen Normen. Alternative Lebensformen des Zusammen- oder Alleinlebens wurden höchstens toleriert, nicht selten jedoch diskriminiert (vgl. ebd., S.26f). Die bisherigen Ausführungen haben den Ursprung und die Merkmale der traditionellen Familienform dargestellt. Diese historische Analyse dient als Grundlage, um die Dimension des familialen Wandels in der heutigen Zeit zu verstehen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam es zu einer „Destabilisierung der Normalfamilie“ (Peuckert 1999, S. 27), die insbesondere auf die zunehmende Pluralisierung und Individualisierung von Lebensformen sowie auf das veränderte Rollenverständnis der Frau zurückzuführen ist. Das folgende
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Kapitel konzentriert sich auf die gesellschaftlichen und individuellen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten und deren Auswirkungen auf den Familienbildungsprozess.
2. Familie in der Gegenwart
In den 50er bis Anfang der 60er Jahre war „...die moderne Kleinfamilie, d.h. die selbständige Haushaltsgemeinschaft eines verheirateten Paares mit seinen unmündigen Kindern...“ (Peuckert 1999, S. 20), eine kulturelle Selbstverständlichkeit, die von der Mehrheit der Bevölkerung unhinterfragt angestrebt und gelebt wurde. Mitte der 60er Jahre vollzog sich eine Veränderung in Richtung Pluralisierung und Individualisierung von Lebensformen. In Folge dessen hat der Typus der „bürgerlichen Kernfamilie“, bestehend aus zwei Erwachsenen und ihren Kindern, kontinuierlich an Quantität abgenommen. Besonders in den letzten Jahren ist es schwierig geworden, eine klare Definition für „Familie“ zu finden. Galt früher eine „Kleinfamilie“ erst als solche, wenn sie zwei gegengeschlechtliche Partner und zwei Generationen beinhaltete (vgl. Lenzen 1994, S.607 f), kann heute keine klare Linie mehr gezogen werden. Unter dem Begriff Familie können Systeme verstanden werden, „.... welche als Resultat des Bestrebens von Menschen umschrieben werden können, ihre unmittelbaren Alltagsprobleme (Bedürfnis nach Pflege, Versorgung, Schutz, emotionaler Zuwendung, sexueller Befriedigung) in einer bestimmten Form kooperativen Handelns zu bewältigen und in dieser Form dauerhaft zu institutionalisieren“ (Fux 1992, S. 1). Die Familie zeichnet sich im Besonderen durch das
Zeugen (generative 3 Funktion) und Aufziehen (sozialisatorische Funktion) von Nachwuchs innerhalb von dauerhaften sozialen Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen aus. Es existieren viele Lebensformen mit Kindern, die sich von früheren Definitionen unterscheiden. Die Pluralisierung von Lebensformen und die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft haben die Funktionen der Familie in Frage gestellt. Folgende Ausführungen sollen diesen Wandel darstellen und die Probleme für die Familienbildung erläutern. Daraus leitet sich schließlich die Frage ab, ob sich die Institution Familie in einer `Krise´ befindet und wie die familiäre Zukunft aussehen wird.
3 Anm. d. Verf: Generatives Verhalten bezeichnet das Verhalten in Bezug auf die geschlechtliche Fortpflanzung (vgl. Duden 1990, S. 277).
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Im Folgenden werde ich den Begriff der Familie nur im Zusammenhang von Lebensformen bzw. -gemeinschaften mit Kindern, ob verheiratet oder nicht, gebrauchen. Diese Sichtweise soll eine klare Grenze zwischen kinderlosen Lebensformen und Familien ziehen.
2.1 Strukturwandel der Familie
Die heute bestehende Form der Kleinfamilie knüpft an das bürgerliche Familienmodell an. Die gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren haben jedoch zu einem bedeutenden Strukturwandel der Familie geführt. Der Staat hat zunehmend Funktionen der bürgerlichen und insbesondere der bäuerlichen Familie übernommen. Dazu zählen vor allem die Betreuung der Kinder und deren Sozialisation, die heute in Kindergärten und Schulen mitgetragen werden. Die Sozialisations- und Erziehungsfunktion wird heute jedoch weiterhin als die herausragende und zentrale Leistung der Familie für die Gesellschaft angesehen.
Kontrolle und Versorgung durch die Familie in ihrer früheren Form ist in dem Maße nicht mehr gegeben. Die Leistungen, die früher von der Familie erbracht wurden, wie beispielsweise Kranken- und Altenversorgung, werden heute weitgehend vom Sozial- und Gesundheitssystem übernommen. „Die Ausgliederung von Verwandten und familienfremden Personen aus dem eigenen Haushalt, die Mobilität, die Urbanisierung mit der großen Anonymität der städtischen Lebensweise, die Trennung von Familie und Arbeitsplatz sowie der Individualismus und die Säkularisierung haben zu mehr Unabhängigkeit und Autonomie der Familie von heute geführt.“ (Textor 1993, S. 45) Auch die Reproduktionsfunktion der Familie hat sich verändert: Eine Ehe ist auch ohne die Geburt von Kindern eine gesellschaftlich akzeptierte Lebensform geworden. Eine der bedeutendsten Wandlungen in der Familienentwicklung liegt demnach in der Entkoppelung vom Partnerschaft und Elternschaft.
Diese Veränderungen wirken sich zwangsläufig auch auf die Erziehung und die Bedeutung von Kindern aus. Wie zuvor schon kurz erwähnt, hat die Gesellschaft zunehmend Sozialisationsfunktionen der Familie übernommen. Die Erziehung der Kinder ist nicht mehr alleinige Aufgabe der Familie, da Kindergarten, Schule und Freunde einen größeren Platz in der Kindheit eingenommen haben. Die Ansprüche an die Erziehung, insbesondere in den ersten Lebensjahren, sind zudem von Seiten der Gesellschaft und der Eltern an ihr eigenes
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Verhalten gestiegen. Dadurch „begannen die Eltern auch unsicher zu werden, da sie sich nicht mehr an eindeutigen Normen orientieren konnten (Wertepluralismus), mit widersprüchlichen Empfehlungen von Pädagogen konfrontiert wurden und von Psychologen (Psychoanalyse) immer wieder auf die Gefährdung der kindlichen Entwicklung durch Erziehungsfehler hingewiesen wurden.“ (Textor 1993, S. 41)
Im Gegensatz zu früher haben sich die Erziehungsziele deutlich verändert und sind nicht mehr eindeutig geschlechtsspezifisch geprägt. Gehorsam und Disziplin werden durch andere Werte ersetzt: Selbständigkeit und Mündigkeit sollen gefördert werden. Mit der Zeit hat sich zunehmend ein partnerschaftlicher Erziehungsstil durchgesetzt und die Interaktion zwischen Eltern und Kind hat an Intensität und Sensibilität zugenommen.
Insbesondere die Rolle des Vaters hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. In diesem Zusammenhang spricht Kaufmann von einer „neuen Väterlichkeit“ (Kaufmann 1995, S. 128), da Männer zunehmend Anteil an Schwangerschaft und Kindererziehung nehmen. Zudem wird ein Großteil der Freizeit mit den Kindern verbracht. In der Regel ist es trotzdem der Mann, der einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht, während die Frau überwiegend Teilzeitarbeitsplätze übernimmt.
Die veränderte Rolle der Frau und die Individualisierung (vgl. Kapitel 2.2 und 2.3) haben auch in der Partnerschaft zu einer Verschiebung der Ansprüche geführt. Der Zusammenhalt der Familie ist heute nicht mehr durch äußere Notwendigkeit, wie zu Zeiten des „ganzen Hauses“, begründet, sondern basiert auf der Zuneigung der Familienmitglieder zueinander. Die Erwartungen an eine Partnerschaft sind größer geworden, Liebe und Emotionalität stehen an vorderster Stelle (vgl. Habich u.a. 1998, S.30f). War es früher die patriarchalische Struktur die Familien kennzeichnete, ist es heute die partnerschaftliche Familienstruktur. „Sie ist zu einem spezialisierten Subsystem der Gesellschaft geworden, dessen herausragendes Charakteristikum seine `Menschlichkeit´ ist - in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich spielen Affektivität, Solidarität, ganzheitliche
Personenwahrnehmung, Individualität usw. eine derartig große Rolle.“ (Textor 1993, S. 47) Die heutigen Familien zeichnen sich durch ein hohes Maß an Individualität und demokratischer Partnerschaft aus. Partnerschaftliche Formen des Zusammenlebens dominieren, auch wenn die eheliche Legitimation durch eine Heirat abnimmt.
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Die Familie gilt in der heutigen Gesellschaft zunehmend als „Zufluchtsort“, in der Geborgenheit, Intimität und Emotionalität von zentraler Bedeutung sind. Das Familienleben konzentriert sich auf die gemeinsame Wohnung als gesellschaftlichen Ort der Familie und auf deren unmittelbares Umfeld (vgl. Kaufmann, 1995, S. 27).
Die geschilderten Veränderungen in Partnerschaft und Familie haben jedoch auch zur Folge, dass in den letzten Jahrzehnten die Anzahl der Scheidungen stetig zugenommen hat. 1960 betrug die Scheidungsrate 9,4 Prozent. Von 521.000 geschlossenen Ehen wurden 49.000 geschieden. 1990 lag die Scheidungsrate mit 30 Prozent weitaus höher (vgl. Tillmann u.a. 1997, S. 12). Gründe hierfür sind unter anderem die gestiegenen Ansprüche an eine Partnerschaft, die oft nicht erfüllt werden können, die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Frau, die eine Versorgung durch den Mann nicht mehr unbedingt notwendig macht und die Liberalisierung des Ehescheidungsgesetzes. Zudem hat sich der kulturelle Umgang mit Scheidungen gravierend verändert. Paare werden nicht mehr moralisch für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich gemacht. Eine Trennung gehört zu einer frei entscheidbaren Handlungsoption im Lebensverlauf. Für Eltern mit Kindern trifft diese Entdramatisierung jedoch nicht so ohne weitere zu, da die psychische Belastung für Kinder im Rahmen einer Trennung immer schwerwiegend ist (vgl. Kaufmann 1995, S. 119). Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, dass sich vornehmlich junge, kinderlose Ehepaare scheiden lassen (vgl. Tillmann u.a. 1997, S. 13).
2.2 Pluralisierung von Lebensformen und Individualisierung
In den vorherigen Ausführungen ist deutlich geworden, dass sich die Strukturen und Beziehungen innerhalb der Familie grundlegend geändert haben. In den letzten Jahrzehnten hat ein enormer gesellschaftlicher Wandel aufgrund von Individualisierung und Pluralisierung stattgefunden, der eine Ausdifferenzierung von Familien- und Lebensformen zulässt. Dieser Wandel geht mit einer tendenziellen Abnahme materialistischer, traditioneller Werte (Pflicht, Ordnung und Sparsamkeit) bei gleichzeitiger Zunahme postmaterialistischer Werte (Selbstverwirklichung, Hedonismus) einher (vgl. Habich u.a. 1998, S. 17).
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Der Begriff der Individualisierung sagt primär nichts über die Lebensform aus. „Wer sein Leben so gestaltet und seine Biographie so ausrichtet, dass er - bewußt oder unbewußt, eigennützig oder selbstlos, freiwillig oder gezwungen - primär seine eigenen Ziele und Wege verfolgt, führt sein Leben individualisiert.“ (Hradil 1995, S. 10) Der gestiegene Lebensstandard, die immer besseren Bildungsabschlüsse von Mann und Frau und die zunehmende berufliche und räumliche Mobilität dienen als Grundlage für eine Individualisierung der Lebensplanung. Diese bringt neue Wahlfreiheiten und -zwänge für Beruf, Familie und Gemeinschaft mit sich. In ihr verbergen sich jedoch auch Gefahren der Entsolidarisierung oder Isolierung. In Folge des Individualisierungsprozesses kann es zu Widersprüchen kommen, da sowohl der Wunsch nach einem unabhängigen Leben als auch der nach Nähe, Bindung und Zusammenleben bestehen (vgl. Beck-Gernsheim 2000, S.18). In den letzten Jahrzehnten sind immer mehr alternative Lebensformen neben dem traditionellen Familienmodell entstanden. Dies ergibt sich daraus, dass andere Interessen als früher, insbesondere bei der Lebensplanung, zunehmend im Vordergrund stehen. Die Entscheidung für Ehe, Familie oder eine andere Lebensform ist oftmals das Ergebnis einer „Kosten-Nutzen-Analyse“ (vgl. Stierlin 1997, S. 19), bei der die Vor- und Nachteile abgewogen werden. „Kinder verlangen Zeit, Zuwendung und Verzicht und lassen wenig Raum für Freizeit-, Konsum- und Wohlstandsegoismus.“ (Opaschowski 1994, S. 49) Diese Überlegungen existierten bei früheren Lebensplanungen noch nicht in diesem Maße, da Familie ein fest integrierter Bestandteil war und zum Leben dazu gehörte. Neben der Ehe als institutionalisierter Form der Partnerschaft hat sich das unverheiratete Zusammenleben in einer Partnerschaft als normativ akzeptierte Alternative durchgesetzt. Die Entscheidung für die Geburt eines Kindes, egal in welcher Beziehungsform, hat heute weitreichende Folgen für die eigene Biographie und Lebensplanung. Elternschaft konkurriert zunehmend mit Berufsplanung und beruflicher Karriere. Durch die verbesserten Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung wird die Familiengründung planbar.
In den letzten Jahrzehnten hat also die gesellschaftliche Bedeutung von Ehe und Familie abgenommen, und eine Vielzahl von Lebens- und Beziehungsformen sind hinzugekommen. Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder, Kinderlose Ehen, Einelternfamilien und Alleinlebende sind neben Ehe und „Kleinfamilie“ zu Alternativen geworden. Diese sollen im Folgenden kurz dargestellt werden:
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Arbeit zitieren:
Mayke Elsinghorst, 2002, Kinderlose Paare als Familie der Zukunft? Die Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren und die Auswirkungen auf die Geburtenrate, München, GRIN Verlag GmbH
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