Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Schwarz oder weiß? Tonis Hautfarbe im Rassendiskurs 1
3 Geliebte oder Tochter? 3
4 Gustavs männlicher Anspruch an die Kindfrau Toni 4
5 Tonis Sehnsucht nach einer „schönen Seele“ 6
6 Zusammenfassung. 8
7 Literaturverzeichnis. 9
II
1 Einleitung
Dreh- und Angelpunkt der Kleistschen Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ ist das Schicksal der fünfzehnjährigen Mestize Toni. Der Leser erfährt von ihrer familiären Herkunft, wird Zeuge ihrer Begegnung mit dem weißen Flüchtling Gustav und erlebt den zunehmend dramatischen Konflikt mit, dem Toni schließlich zum Opfer fällt.
Dort wird die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ansetzen: Wie kann die Identität einer Figur bestimmt werden, die im Abstand weniger Minuten erst „Hure“ und dann „schöne Seele“ genannt wird? Sind die Gründe für Tonis Tod darin zu finden, dass ihre Persönlichkeit mit sich selbst uneins war und überdies nicht den Ansprüchen gerecht werden konnte, die von außen an sie herangetragen wurden? Um eben diese äußeren Ansprüche zu definieren, wird es unumgänglich sein, sich etwas eingehender mit den anderen Figuren, vor allem Gustav, zu beschäftigen. Dies wird aber möglichst eingeschränkt geschehen und kurz gefasst werden, da die folgenden Kapitel vorrangig der Betrachtung von Toni gewidmet sind.
2 Schwarz oder weiß? Tonis Hautfarbe im Rassendiskurs
„Rassismus abstrahiert die Farbe eines lebenden Körpers in 'Unfarben' von extremem Wert, in Schwarz und Weiß.“
Dieses Zitat des Psychoanalysten Joel Kovel 1 skizziert das Malheur von Toni: Keiner Hautfarbe eindeutig zuzuordnen, passt sie nicht in das 'Entweder-oder-Schema', anhand dessen sich die beiden verfeindeten Volksgruppen auf Haiti definieren. Als Mestize müsste sie laut Lexikon Nachkomme eines schwarzen und eines indianischen Elternteils sein; Kleist hingegen schreibt ihr eine schwarze Mutter, einen weißen Vater aus Frankreich sowie eine „ins Gelbliche gehende Gesichtsfarbe“ 2 (S.4, Z.23) zu. Dadurch ist eine eindeutige Benennung ihrer ethnischen Identität unmöglich. Dass Toni somit - im übertragenen Sinnezwischen allen Stühlen sitzt, wird auch an ihrem Namen deutlich: Toni ist traditionell ein in der Schweiz sehr geläufiger Name und klingt in unseren Ohren deshalb nicht so exotisch wie Babekan oder Congo; außerdem kann er sowohl Jungen als auch Mädchen bezeichnen (Zur Androgynität siehe Kapitel 5).
Ihrer Andersartigkeit muss sich Toni schon früh bewusst werden: Als Tochter im Hause von Schwarzen wird sie in deren Interesse den europäischen Flüchtlingen als Weiße präsentiert. Anfang des 19. Jahrhunderts, da die Kleistsche Erzählung spielt, überwog in Europa noch die
1 Kovel, Joel: White Racism. A Psychohistory. New York: Pantheon 1970. Hier zitiert nach Weigel, Sigrid: Der
Körper am Kreuzpunkt von Liebesgeschichte und Rassendiskurs in Heinrich von Kleists Erzählung 'Die
Verlobung in St. Domingo'. In: Kleist-Jahrbuch 1991. S. 208.
2 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo, Das Bettelweib von Locarno, Der Findling. 3. Aufl.
Stuttgart: Reclam Universal Bibliothek 2002.Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert.
1
Angst vor der schwarzen Hautfarbe. In Betrachtungen von Kant, Herder, Wieland usw. wird sie mit Dunkelheit bzw. Finsternis assoziiert, die These aufgestellt, Schwarze seien ohne Sinn für Ästhetik und Weiße empfänden bei ihrem Anblick Ekel, Erschrecken oder Mitleid 3 . Mit diesen Vorurteilen wird Toni konfrontiert, als der Schweizer Offizier Gustav von der Ried Unterschlupf bei ihr und ihrer Mutter Babekan sucht. In einer Geschichte, die er den beiden erzählt (S.14, Z. 21ff), spiegelt sich das oben beschriebene Urtrauma der Weißen wieder: eine dunkelhäutige Sklavin, die an Gelbfieber erkrankt ist, rächt sich an ihrem Herrn, indem sie ihn in ihr Bett lockt und beim Geschlechtsverkehr ansteckt. Für Gustav ein Beispiel für die Listigkeit der Schwarzen und ihrer gefährlichen Sexualität. Die folgenden Worte lassen keinen Zweifel über seine Wertung: „... dass, nach dem Gefühl seiner Seele, keine Tyrannei, die die Weißen je verübt, einen Verrat, so niederträchtig und abscheulich, rechtfertigen könnte. Die Rache des Himmels, meinte er, indem er sich mit einem leidenschaftlichen Ausdruck erhob, würde dadurch entwaffnet: die Engel selbst, dadurch empört, stellten sich auf Seiten derer, die Unrecht hätten, und nähmen, zur Aufrechthaltung menschlicher und göttlicher Ordnung, ihre Sache!“ (S.15, Z.13-21)
Weshalb sollte das Verbrechen der Gelbfiebrigen niederträchtiger sein als irgendein anderes? Weshalb der Pathos in der Rede Gustavs und die Berufung auf göttliche Ordnungen? Hier wird von der Hautfarbe auf den Charakter geschlossen; das Schwarze als Verkörperung niederer moralischer Werte und als potentielle Gefahrenquelle beurteilt 4 . Für Toni ist die Geschichte eine direkte Referenz auf ihre eigene gelbliche Hautfarbe. Auch die Ähnlichkeit zum Verhalten der Gelbfiebrigen, die - wie sie - ihre weiblichen Reize zur Rache an den Weißen einsetzt, müssen ihr deutlich vor Augen stehen und lassen sie verwirrt vor sich nieder blicken (S.15, Z.11f.).
Man sollte hierbei bedenken, dass Toni den Hass der Schwarzen auf die Weißen ohne innere Überzeugung und Reflektion übernommen hat. Im Gegensatz zu ihrer Mutter Babekan und ihres Ziehvaters Congo hat sie kein persönliches Unrecht erlitten und daher auch keine ideologischen oder privat-intim begründeten Vorurteile. Vielmehr entspringt ihre Bereitschaft, flüchtige Kolonialisten ans Messer zu liefern, der kindlichen Loyalität gegenüber ihren Eltern. So ist sie auch nicht überzeugt von der „Unmenschlichkeit der Gattung, zu der dieser Fremde gehöre“ (S.24, Z.24), sondern nutzt diese Aussage, um ihre
3 Zur zeithistorischen Einordnung des Rassendiskurses vgl. Weigel, Sigrid: Der Körper am Kreuzpunkt von
Liebesgeschichte und Rassendiskurs in Heinrich von Kleists Erzählung 'Die Verlobung in St. Domingo'. In:
Kleist-Jahrbuch 1991. S. 208f.
4 vgl. Scheffels, Klaus-Christoph: Rückzug. Zur Negierung von Raum- und Körperordnungen im Werk Heinrich
von Kleists. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang 1986. S.275.
2
Arbeit zitieren:
Anna-Maria Heinemann, 2005, Tonis Identitätskonflikt in Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo", München, GRIN Verlag GmbH
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