I
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
1.1 Zielsetzung 2
1.2 Methodischer Ansatz 2
1.3 Struktur und Aufbau der Arbeit 3
2 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen 5
2.1 Die Struktur der gesetzlichen Krankenkasse. 5
2.1.1 Abgrenzung zur privaten Krankenversicherung (PKV) 8
2.2 Aktuelle Probleme der gesetzlichen Krankenkassen. 9
2.2.1 Exkurs: Demographische Entwicklung 11
2.2.2 Lösungsvorschläge zur Sanierung des Gesundheitssystems 15
2.3 Definition und Abgrenzung der relevanten Begriffe 18
2.3.1 Prävention 18
2.3.2 § 20 Abs. 1 und 2 SGB V vom 21. Juni 2000 21
2.4 Förderungsmaßnahmen von Krankenkassen. 23
3 Betrachtung des Themas aus Sicht von Fitness- Clubs 28
3.1 Kooperationsmaßnahmen zwischen Fitness-Clubs und
Krankenkassen. 28
4 Untersuchungs- und Methodendesign. 31
4.1 Untersuchungsinstrument. 31
4.2 Untersuchungsinhalte. 33
4.3 Auswahl der Interviewpartner 34
4.4 Untersuchungszeitraum. 34
4.5 Datenbearbeitung und Auswertung 35
5 Darstellung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse. 38
5.1 Erfahrungen mit dem Thema Präventionsmaßnahmen bzw.
krankenkassensubventionierter Kurse. 38
5.1.1 Ergebnisdiskussion 40
5.2 Aktuelles Angebot / Umsetzung von Präventivmaßnahmen
insbesondere krankenkassensubventionierter Kurse 42
5.2.1 Ergebnisdiskussion 44
5.3 Chancen, Risiken und Probleme bei der Umsetzung
krankenkassensubventionierter Kurse. 45
5.3.1 Ergebnisdiskussion 47
II
5.4 Marketingbereich. 49
5.4.1 Ergebnisdiskussion 52
5.5 Zukunft und Entwicklung 54
5.5.1 Ergebnisdiskussion 55
6 Marketingkonzept zur Umsetzung krankenkassenfinanzierter
Ma ßnahmen bei Holmes Place Köln, Mediapark. 57
6.1 Grundlagen der Marketingkonzeption 57
6.2 Die fünf Phasen der Marketing-Mangement-Methode 61
6.2.1 Analysephase. 61
6.2.2 Prognosephase 68
6.2.3 Strategisches Marketing. 71
6.2.4 Operatives Marketing 74
6.2.5 Realisation und Kontrolle 79
7 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse 80
8 Ausblick 83
Literaturverzeichnis 84
III
Anhang 90
Der Interviewleitfaden 90
Codierungsliste 91
Das Bonusprogramm der Barmer: 92
Das Bonusprogramms der Techniker Krankenkasse 94
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Krankenkassenausgaben 1. Quartal 2006.
Abbildung 2: Unterschiede zwischen privaten und gesetzlichen
Krankenkassen.
Abbildung 3: Jugend-, Alten- und Gesamtquotient in Prozent der Bev. im
erwerbsf ähigen Alter.
Abbildung 4: Fernere Lebenserwartung im Alter von 60 Jahren, Deutschland
1901 bis 2050.
Abbildung 5: Altersstruktur im Jahr 2000 und 2050
Abbildung 6: Ressourcen von Kooperationspartnern.
Abbildung 7: Klassifikation von Präventivmaßnahmen
Abbildung 8: Aufbau und Inhalt der Marketingkonzeption.
Abbildung 9: Die Marketing-Management-Methode.
Abbildung 10: Der Deutsche Fitnessmarkt
Abbildung 11: Entwicklung des Mitgliederbestandes in Deutschland
1 Einleitung
1 Einleitung
Seit dem Jahr 2000 haben Krankenkassen nach § 20 Abs. 1 und 2 SGB V
die Möglichkeit und die Pflicht, Präventivmaßnahmen wie Rückenfitnesskurse bei externen Anbietern, zum Beispiel Fitness Clubs, Vereinen oder sonstigen Institutionen zu subventionieren. 1 Fitness Ketten wie Holmes Place Health Clubs, Kieser Training, die Fitness Company oder INJOY Clubs bieten immer mehr Gesundheitskurse an, die von Krankenkassen bezuschusst werden. Darin wird eine Möglichkeit gesehen, das Angebot zu erweitern. Hierbei ist ein Trend zu erkennen, der sich in den nächsten Jahren noch ausweiten könnte. 2
Allerdings gibt es immer noch viele Kurse wie Rückenfitness, Walking oder Aquajogging, die nicht von den Krankenkassen gefördert werden. Die oftmals undurchsichtige und aufwendige Einführung der Kurse stellt ein Problem für Fitness Clubs dar. Das könnte der Hauptgrund sein, auf ein solches Angebot zu verzichten. Viele Studios sind durch den hohen organisatorischen Auf-wand nicht in der Lage, mit den Krankenkassen in Verbindung zu treten und selbst solche Kurse anzubieten.
Während manche Fitness Clubs, beispielsweise das Just Fit in Köln, ein scheinbar gut ausgearbeitetes Konzept zur Umsetzung von Kooperationen mit Krankenkassen aufweisen, haben andere Clubs noch Potentiale bei der Konzeptionisierung. Das Kursangebot des Holmes Place Health Clubs in Köln bietet Tai Chi und Rückenfitnesskurse an, die von den Krankenkassen gefördert werden. Diese Programme werden häufig von Physiotherapeuten durchgeführt, die mit diesem Konzept an das Studio herangetreten sind. Ein eigenes Konzept zur Umsetzung von Präventivmaßnahmen existiert nicht.
Auf Grund dieser Probleme gilt es, das Thema genauer zu untersuchen und klare Richtlinien für Fitness-Clubs herauszuarbeiten.
1 vgl. Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Krankenkassen (2003) S. 4
2 vgl. Deloitte & Touche (2005), S. 5
2 Einleitung
1.1 Zielsetzung
Ziel dieser Diplomarbeit ist es, Möglichkeiten des Einsatzes und der Vermarktung von krankenkassensubventionierten Fitnesskursen aufzudecken und am Beispiel Holmes Place Health Clubs darzustellen. Ferner soll er-forscht werden, welche Formen der Kooperation zwischen Krankenkassen und Fitness-Clubs existieren. Die Relevanz ergibt sich daraus, dass vielen Fitness-Studios ein Konzept fehlt, um die Umsetzung krankenkassenfinanzierter Präventionsmaßnahmen durchzuführen.
Die Untersuchung wird zum einen aus ökonomischer Sicht interessant sein, weil unter Umständen durch kassengesteuerte Präventivmaßnahmen Zielgruppen erschlossen werden können, die sonst nicht in einem Fitness-Club trainieren würden. Zum anderen bieten die am Ende der Arbeit aufgezeigten Kooperationsformen auch für finanziell schlechter gestellte Menschen Chancen, nahezu kostenlos Sport zu treiben und Krankheiten vorbeugend zu begegnen. 3
Inwiefern die gesetzlichen Krankenkassen durch solche Maßnahmen entlastet werden, gilt es in dieser Arbeit ebenfalls zu prüfen.
1.2 Methodischer Ansatz
Das Thema krankenkassensubventioniertes Fitnesstraining wurde bisher kaum untersucht, weshalb ein qualitativer Forschungsansatz bevorzugt wurde, der die Interpretation von verbalem Material beinhaltet. 4 Als Instrument dient das Experteninterview, welches im Rahmen dieser Arbeit nicht standardisiert und deshalb nicht quantitativ auswertbar ist. Der Interviewer erhofft sich aus den Antworten Anhaltspunkte und Erklärungen praktischer Erfahrungen. 5
3 vgl. Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Krankenkassen (2003), S. 4
4 vgl. Bortz/Döring (2002), S. 295
5 vgl. Brink (2005), S. 134
3 Einleitung
Es wird kein Fragebogen, sondern ein Leitfaden verwendet. Das hat den Vorteil, näher auf die Antworten des Befragten einzugehen, woraus sich weitere Fragestellungen ergeben können. Durch diese Art von Interview werden neue Gesichtpunkte gewonnen. Erforscht wird die Meinungsstruktur des Befragten, um qualitative Aspekte zu erfassen und zu interpretieren. 6 Die verbalen Daten werden mit Hilfe eines Diktiergerätes aufgenommen und anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse 7 ausgewertet.
1.3 Struktur und Aufbau der Arbeit
Im Anschluss an die Einleitung wird in Kapitel 2 das Thema aus Sicht der Krankenkassen erörtert. Dabei werden zunächst die Strukturen der gesetzlichen Krankenkassen aufgezeigt. Außerdem erhalten die finanziellen Probleme und die daraus resultierende Gesundheitsreform eine genauere Darstellung, weil unter anderem geklärt werden soll, ob Präventivmaßnahmen eine Möglichkeit darstellen, die Krankenkassen zu entlasten. In einem Exkurs sind die demographischen Veränderungen detailliert vorgestellt. Diese Entwicklung wird genauer untersucht, weil in einem späteren Kapitel erforscht wird, wie der Fitnessmarkt und krankenkassenfinanzierte Kurse durch die Zunahme der Altersschicht ab 50 Jahren, beeinflusst werden. Der Begriff Prävention wird neben dem § 20 Abs. 1 und 2 SGB V vom 21. Juni 2000 definiert. Das Thema Prävention ist zentraler Bestandteil der Diplomarbeit und der § 20 bildet dazu die Grundlage, weshalb beide genauer betrachtet werden.
Abschließend werden Präventionsmodelle von ausgewählten gesetzlichen Krankenkassen und deren Kooperationen mit Fitness-Clubs erläutert. Das zeigt beispielhaft auf, wie der momentane Stand des Sachverhaltes ist. Um das Thema der Diplomarbeit aus einem anderen Gesichtspunkt zu betrachten, werden im anschließenden Kapitel Kooperationen von Fitness-Clubs mit gesetzlichen Krankenkassen aufgezeigt. Zusätzlich stellt die Möglichkeit der Vermarktung krankenkassensubventionierter Kurse einen weite- 6 vgl.Sachs/Hauser 2002, 113 f.
7 vgl. Mayring (2002), 114
4 Einleitung
ren Teil dar. Das dritte Kapitel bildet gemeinsam mit dem zweiten die Hintergründe beider Betrachtungsweisen und bereitet das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln auf.
Das methodische Vorgehen der qualitativen Untersuchung schildert das vierte Kapitel und beschäftigt sich mit der Auswahl des Untersuchungsinstruments, der Untersuchungsinhalte und der Interviewpartner sowie mit der Art der Datenbearbeitung und -auswertung.
Im nächsten Kapitel werden die, aus den qualitativen Interviews gewonnenen Untersuchungsergebnisse mit Hilfe der in Kapitel 2 und 3 herausgearbeiteten theoretischen Hintergrundinformationen interpretiert. Die wichtigsten Aspekte zum krankenkenkassensubventionierten Fitnesstraining werden vorgestellt und in die bisherigen Erkenntnisse der Wissenschaft in Bezug gestellt. Wichtige Kernaussagen, die sich aus der Diskussion ergeben, werden in Hypo-thesenform zusammengefasst. Sie bilden eine Grundlage zur weiteren Erforschung des Themas in Form einer quantitativen Untersuchung und können als Fazit aufgefasst werden.
Das fünfte Kapitel dient gleichzeitig als Überleitung zum sechsten Kapitel, in dem ein Marketingkonzept anhand der gewonnenen Untersuchungen ausgearbeitet wurde. Am Fallbeispiel Holmes Place Health Clubs wird exemplarisch dargestellt, wie krankenkassensubventionierte Kurse umgesetzt werden können. Es werden Methoden, Instrumente und praktische Umsetzungen aufgezeigt, die kommerziellen Fitness-Studios eine Hilfestellung bei der Ausgestaltung von Konzepten bieten wird. Definitionen und Begriffe aus dem Marketing bilden anhand praktischer Beispiele eine Grundlage für die Umsetzung von Konzepten.
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Untersuchungsergebnisse und einen Ausblick zu möglichen weiterführenden Forschungsansätzen geben die beiden letzten Kapitel dieser Arbeit.
5 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
2 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Das folgende Kapitel setzt sich mit der Struktur und den aktuellen Herausforderungen von Krankenkassen auseinander. Beides soll als Hintergrund für die in Kapitel 5 dargestellten Diskussionen dienen. Die demographische Entwicklung stellt ein Hauptproblem für das Gesundheitssystem dar und wird aus diesem Grund genauer geprüft. Der Grund für die Betrachtung liegt auch in den sich daraus ergebenen Chancen für den Fitnessmarkt und der Begegnung von Krankheiten durch die Einführung
krankenkassensubventionierter Kurse.
Lösungsvorschläge zur Sanierung des Gesundheitssystems und die Abgrenzung relevanter Begriffe bilden einen weiteren Teil dieses Kapitels. Zum Schluss werden Förderungsmaßnahmen ausgewählter gesetzlicher Krankenkassen beispielhaft vorgestellt.
2.1 Die Struktur der gesetzlichen Krankenkasse
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist der älteste Zweig der Sozialversicherung. Die Rechtsform lautet Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung. 8 Sie sorgt dafür, dass jeder Versicherte, wenn er erkrankt, die medizinische Versorgung bekommt, die notwendig ist. Dabei sind Alter und Einkommen unbedeutend.
Die GKV kann ihren Geschäftsbezirk auf ein oder mehrere Bundesländer sowie auf das gesamte Bundesgebiet festlegen. Momentan gibt es in Deutschland rund 70 Millionen Versicherte, von denen ca. 50 Millionen Mitglieder Beiträge zahlen. 20 Millionen Menschen sind als Familienangehörige beitragsfrei mitversichert (solidarisches Versicherungssystem). 9
8 vgl. SGB V 2003, § 29
9 vgl. Bundesministerium für Gesundheit (2005), S. 1
6 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Die GKVs sind seit 1996 frei wählbar. Jeder Versicherungspflichtige kann, unabhängig von seiner Betriebs- oder Berufszugehörigkeit, eine beliebige Kasse auswählen. 10
Das System der GKV beruht auf dem Sozialprinzip. Das heißt, die Mitglieder zahlen Beiträge, die sich nach der Höhe ihres Einkommens richten. Damit ist gewährleistet, dass die finanziell besser Gestellten für die geringer Verdienenden aufkommen.
Die Beitragsbemessungsgrenze legt den Höchstbetrag fest, der vom Einkommen zu entrichten ist. Momentan liegt die Grenze bei 3.562,50 Euro (2006). Liegt das Einkommen über dieser Grenze, werden die Beiträge dennoch so berechnet, als läge es in Höhe der Beitragsbemessungsgrenze. Der Beitrag ist paritätisch, das bedeutet, Arbeitgeber und Arbeitnehmer bringen den Beitrag jeweils zur Hälfte auf. 11
Der Beitragssatz der jeweiligen Krankenkasse bestimmt die genaue Höhe des Anteils. Die Unterschiede in den Beiträgen der verschiedenen Kassen kommen durch die voneinander abweichenden Versicherungsstrukturen zu-stande. Eine Kasse, die sehr viele Mitglieder mit einem hohen Beitragssatz versichert und verhältnismäßig viele junge, relativ gesunde Menschen in ihrer Struktur aufweist, wird einen geringeren Beitragsatz anbieten können als eine Kasse mit vielen älteren und kranken Mitgliedern. 12 Um eine Balance für die ungleiche Verteilung der Krankheitsrisiken zu schaffen, wurde der so genannte Risikostrukturausgleich (RSA) eingeführt. Der RSA regelt die Ausgleichszahlungen, welche die gesetzlichen Krankenkassen untereinander zahlen, um das Ungleichgewicht zwischen den tatsächlichen Beitragseinnahmen und Ausgaben zu beseitigen. 13 Gemeinsam mit Ärzten und Krankenhäusern verhandeln GKVs im gemeinsamen Bundesausschuss über den Leistungskatalog. Dieser ist für alle Krankenkassen identisch und verpflichtend. Rund 95 Prozent aller Leistungen werden darin als so genannte Regelleistungen aufgezeigt.
10 vgl. Bogner/Loth (2005) 7
11 vgl. Bundesministerium für Gesundheit 1 (2005) S. 3
12 vgl. Bundesministerium für Gesundheit 1 (2005), S. 3
13 vgl. Gerlinger, 2003, 8
7 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Die restlichen fünf Prozent können die Kassen ihren Mitgliedern als Zusatzleistungen anbieten. Dadurch entsteht ein Wettbewerb unter den Kassen. So ist es beispielsweise möglich, die Mitglieder mit Bonusprogrammen zu belohnen, wenn sie sich gesundheitsbewusst verhalten. 14 (vgl. Kapitel 2.4) Krankenkassenfinanzierte Kurse werden auch als Zusatzleistungen behandelt.
In Abbildung 1 sind die Ausgaben im 1. Quartal 2006 aufgezeigt:
Abbildung 1 Krankenkassenausgaben 1. Quartal 2006 15
14 vgl. Bundesamt für Gesundheit (2005), S. 4
15 GKV Statistik BMG, Vordruck KV 45
8 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
2.1.1 Abgrenzung zur privaten Krankenversicherung (PKV)
Durch die völlig unterschiedliche Grundausrichtung von gesetzlichen und privaten Krankenkassen ergibt sich eine Vielzahl von Unterschieden. Vereinfacht werden in folgender Abbildung (2) die Hauptunterschiede beschrieben:
Abbildung 2: Unterschiede zwischen privaten und gesetzlichen Krankenkassen 16
Auffällig ist zunächst die rechtliche Ordnung. Während die GKV dem öffentlichen Recht zuzuordnen und Träger der Versicherung die gesetzliche Krankenkasse ist, gilt bei der PKV das Privatrecht. Träger der Versicherung sind
16 Bogner/ Loth (2004), S. 23
9 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
private Versicherungsunternehmen in Form von beispielsweise Aktiengesellschaften.
Die Ziele sind im Fall der GKV Kostendeckung und Gemeinnützigkeit, während bei der PKV die Gewinnorientierung im Vordergrund steht. Interessant ist, dass sich die Beiträge bei der gesetzlichen Krankenkasse nach der Höhe der Einkünfte richten und bei der privaten nach individuellen Faktoren wie zum Beispiel Alter und Gesundheitszustand.
2.2 Aktuelle Probleme der gesetzlichen Krankenkassen
Dieser Abschnitt befasst sich mit den Problemen der gesetzlichen Krankenkassen. Der Bezug zum Thema dieser Diplomarbeit ist dadurch gegeben, dass geprüft werden soll, ob krankenkassensubventionierte Kurse eine Möglichkeit bieten, das Gesundheitssystem zu entlasten. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig zu verstehen, worin die aktuellen Herausforderungen bestehen.
„Die Gewährleistung einer (qualitativ) angemessenen und bedarfsgerechten,
zugleich aber auch notwendigen und wirtschaftlichen Gesundheitsversorgung
sowie die finanzielle Absicherung im Krankheitsfall ist Gegenstand der Rechts-
kodizes aller europäischen Länder.“ 17
Allerdings funktioniert das deutsche Gesundheitssystem nicht. Die Krankenkassen haben Finanzierungsprobleme.
Trotz hoher Ausgaben im Gesundheitswesen von 234,2 Milliarden Euro (2002), von denen rund 140 Milliarden Euro (2004) von den GKVs geleistet wurde, ist die Qualität gegenüber anderen Ländern zu gering. Die Effizienz des Gesundheitssystems ist nicht ausreichend. 18
17 Riesber/Weinbrenner/Busse, 2003, 29
18 vgl. Bundesministerium für Gesundheit S. 9
10 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Die Gründe liegen vor allem in der demographischen Entwicklung und der verlängerten Lebenserwartung, weshalb die beiden Punkte in dieser Arbeit gesondert und intensiver in Kapitel 2.2.1 betrachtet werden. Weitere Ursachen liegen nach Hoffritz in der Ungerechtigkeit des Systems. Krankenkassenmitglieder, die hauptsächlich von Miet- und Zinseinnahmen leben, zahlen verhältnismäßig weniger an Beiträgen als der normale Arbeitnehmer. 19
Ein anderer Punkt ist die schlechte wirtschaftliche Lage und die damit ver-bundene hohe Arbeitslosigkeit. Dadurch müssen weniger Erwerbstätige mehr in die Kassen einzahlen. 20
Hinzu kommt, dass sich Deutschland pro Bürger mehr Ärzte und Krankenhäuser leistet, als kaum ein anderes Land weltweit. Im Jahr 2000 kamen laut OECD 6,5 Klinikbetten auf je 1000 Einwohner. Damit liegt Deutschland mit Ungarn und der Tschechischen Republik an der Weltspitze. Mit 3,6 Ärzten pro 1000 Einwohner liegt Deutschland hinter Italien und Österreich weltweit an dritter Stelle. 21
Häufig werden zusätzliche Kosten durch Doppeluntersuchungen produziert. In vielen Fällen werden Patienten zunächst ambulant durch den niedergelassen Arzt behandelt als nächstes im Krankenhaus untersucht und gegebenenfalls in der Rehabilitation wieder medizinisch versorgt. 22 Hoffritz bezeichnet die Gesundheitsbranche als eine Planwirtschaft. Die Preise werden nicht durch Angebot und Nachfrage gebildet, sondern zwischen Krankenkassen und kassenärztlichen Vereinigungen ausgehandelt. Dadurch entstehe eine „Intransparenz“ die zu Ineffizienz führe. Ferner ist es ein Problem in Deutschland, dass nicht wie in den USA bei der Einführung neuer Medikamente, eine Kosten-Nutzen-Prüfung vorgenommen wird. Es wird nur begutachtet, ob das neue Medikament die versprochene Wirkung erzielt und ernste Nebenwirkungen vermeidet. Eine Überprüfung, ob das Medikament besser wirkt als das alte, gibt es nicht. Dadurch gelingt es
19 vgl. Hoffritz (2003), S 3
20 vgl. Bundesministerium für Gesundheit 4 (2005), S. 1
21 vgl. Hoffritz (2003), S. 4
22 vgl. Bundesministerium für Gesundheit 3 (2005), S. 2
11 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Pharmaunternehmen mit Hilfe des Patentschutzes von zwei Jahren, immer wieder hohe Preise auf fast gleiche Medikamente zu erzielen. 23
2.2.1 Exkurs: Demographische Entwicklung
Mit der demographischen Entwicklung der Bevölkerung hat sich eine Vielzahl von Autoren auseinander gesetzt. Nach deren Aussagen wird die Altersgruppe der Älteren immer mehr zunehmen, wodurch ein großes Finanzierungsproblem für die Krankenkassen entsteht. 24
Allerdings ergibt sich daraus eine Zielgruppe, die noch nicht oder nur teilweise erschlossen ist. Nach Hochrechnungen des renommierten Marktforschungsinstituts Deloitte & Touche wird es immer mehr Rentner geben, die ihre Freizeit mit Fitnesstraining verbringen. 25 Das könnte sich bei der Nutzung von krankenkassensubventionierten Kursen zeigen. Möglicherweise gelingt es, über Kooperationen mit Krankenkassen die Zielgruppe zu erschließen.
Auf Grund der recht jungen Literatur zu dem Thema, wurde die Frage, wie sich die demographische Entwicklung auf den Fitnessmarkt auswirkt, an die fünf interviewten Experten der Krankenkassen und Fitness-Clubs gestellt. Die Darstellung und Diskussion dieser Frage wird in Kapitel 5.5 bzw. 5.5.1 fortgesetzt. Ferner stellt die Erschließung der Zielgruppe eine mögliche Chance dar, die Krankenkassen zu entlasten. Um einen umfassenden Hin-tergrund für diese Diskussion zu bilden, wird an dieser Stelle noch einmal detailliert auf das Thema eingegangen:
Nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes wird der Altenquotient in den nächsten Jahren stark ansteigen.
23 vgl. Hoffritz (2003), 5
24 Birg (2003), Bellmann (2003), Hoffritz (2003), Lehr (2003)
25 vgl. Deloitte & Touche (2005), S. 26
12 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Im Jahr 2050 wird er bei 77,8 Prozent liegen und sich gegenüber 1990 mehr als verdoppeln. 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter stehen dann etwa 78 älteren Menschen gegenüber. Oder anders ausgedrückt: Auf einen Menschen, der 60 Jahre oder älter ist, kommen 1,3 Menschen im Alter zwischen 20 und 59 Jahren. 26 Vergleiche hierzu auch Abbildung 3.
Abbildung 3: Jugend-, Alten- und Gesamtquotient in Prozent der Bev. im erwerbsfähigen Alter 27
Im Jahr 2000 waren nach Lehr in Deutschland 24 % der Bevölkerung 60 Jahre und älter, aber nur 21 % jünger als 20 Jahre. Der Anteil der über 60-Jährigen (35%) wird im Jahr 2030 etwa doppelt so hoch sein wie jener der unter 20-Jährigen (17 %). 28
26 vgl. Statistisches Bundesamt(2004) S. 22 27 Statistisches Bundesamt (2004), S. 22
28 vgl. Lehr, 2003, S 3
13 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Birg geht davon aus, dass die Zahl der über 60-Jährigen von 1998 bis 2050 um rund 10 Mio. zunimmt. Gleichzeitig geht die Zahl der 20 bis 60-Jährigen um 16 Mio. zurück. 29
Einen weiteren Aspekt stellt die Entwicklung der Lebenserwartung dar. In den letzten Jahren ist die fernere Lebenserwartung 30 in Deutschland kontinuierlich gestiegen. (siehe Abbildung 4)
Abbildung 4: Fernere Lebenserwartung im Alter von 60 Jahren, Deutschland 1901 bis 2050 31
Die Sozialkassen werden durch die langen Ausbildungszeiten belastet. Einen Eintritt in das Berufleben haben die meisten Jugendlichen nicht mehr mit 15 Jahren, sondern je nach Ausbildung und Studium erst mit dem 30. Lebensjahr. Erst dann wird voll in die Renten- und Krankenkassen eingezahlt.
29 vgl. Birg, 2003, S. 11
30 Die fernere Lebenserwartung beschreibt, wie viele Lebensjahre eine 60-jährige Person im Durchschnitt noch vor sich hat.
31 Bundeszentrale für politische Bildung (2005), S. 9
14 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Dazu kommt noch, dass der Berufsaustritt beispielsweise durch Frührenten immer zeitiger gegeben ist. Im Jahr 2001 standen nur 36,8 % aller 55- bis 64jährigen im Erwerbsleben. 32
In Verbindung mit der niedrigen Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau, die seit 1975 anherrscht, kommt es zu einem demographischen Umbruch. Die Alterung der Bevölkerung ist die Folge und stellt eine große Herausforderung für die Krankenkassen dar. 33
Birg spricht ebenfalls von einer Geburtenrate von 1,4 Lebendgeborenen am Ende des 20. Jahrhunderts, allerdings kommt diese durch die zugewanderten Ausländer zu Stande. Bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit liegt die Geburtenrate bei 1,2 bei jenen mit ausländischer bei 1,9. 34
Notwendig, um den Bevölkerungsstand zu halten, wären 2,1 Geburten je Frau. Gründe für den Geburtenrückgang liegen nach Lehr zum einen in der besseren Möglichkeit der Familienplanung durch die Anti-Baby-Pille und zum anderen haben Kinder ihren „instrumentellen Charakter“ der Alterssicherung verloren. Hinzu kommen Aspekte wie zum Beispiel Angst vor Arbeitslosigkeit. 35
32 vgl. Lehr, 2003, S 4
33 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2005), S. 8 vgl. auch vgl. Bellmann/Kistler/Wahse (2003), S. 26
34 Birg (2003), S. 6 f
35 vgl. Lehr, (2003), S. 3
15 Betrachtung des Themas aus Sicht der Krankenkassen
Nach Berechnungen der Bundeszentrale für politische Bildung wird sich die Bevölkerungsstruktur bis zum Jahre 2050 wie folgt verschieben:
Abbildung 5: Altersstruktur im Jahr 2000 und 2050 36
Diese Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur zwingen die gesetzlichen Krankenkassen zu handeln, um in Zukunft eine ausreichende medizinische Versorgung zu gewährleisten.
2.2.2 Lösungsvorschläge zur Sanierung des Gesundheitssystems
An dieser Stelle soll noch einmal kurz auf mögliche Lösungsvorschläge zur Sanierung des Gesundheitssystems eingegangen werden. In Kapitel 5.3 wird das Thema noch einmal aufgegriffen und untersucht, ob krankenkassenfinanzierte Kurse einen Weg beschreiben, das Gesundheitssystem dauerhaft zu entlasten.
36 Bundeszentrale für politische Bildung (2005), S. 11
Arbeit zitieren:
Dipl. - Sportwissenschaftler Mathias Steiln, 2006, Möglichkeiten des Einsatzes und der Vermarktung von krankenkassenfinanziertem Fitnesstraining am Fallbeispiel der „Holmes Place Health Clubs“, München, GRIN Verlag GmbH
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