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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 4
1. Anblick 4
2. spatial turn 6
3. Form und Inhalt 11
II. Vom theologischen Raum des Mittelalters zum mathematischen
Raum der Neuzeit oder von Kosmografie zu Geografie 15
1. Was ist eine Karte? 15
2. Mappae mundi: kartografische Repräsentation des
theologischen Raums 18
2.1 Die Ebstorfer Weltkarte (um 1290) 18
2.2 Die Karte als Hypertext und das Primat der Zeit 21
2.3 Mappae mundi als kompensatorische Heterotopie 22
3. Projektion und Perspektive: die Erfindung des mathematischen/
geografischen Raums in der Renaissance 23
3.1 Von Ptolemäus bis Alberti: Zusammenhänge zwischen
kartografischen Projektionsverfahren und Zentralperspektive 23
3.2 Die Perspektive als symbolische Form
und das Primat des Raums 27
3.3 Gradnetz und Verortung: die Aneignung des Raums 29
III. Raumrepräsentationen durch technische Bilder 32
1. Die Fotografie als technisches Dispositiv 33
1.1 Die Zentralperspektivische Darstellung als
Vorläufer der technischen Bilder 33
1.2 Fotografie und Authentizität - analog und digital 37
2. Vom Anblick zum Aufblick: der leiblose, orbitale Blick 40
2.1 Der Blick wird vertikal: Luftbilder 40
2.2 Satellitengestützte Kartografie 44
3. Google Earth (seit 2005) und der virtuelle ZeitRaum 48
IV. Die Karte als symbolische Form: mappae mundi und Google Earth im Vergleich 61
1. Strukturähnlichkeiten vorneuzeitlicher
2. Symbolische Form 68
V. Resümee und Ausblick 70
VI. Literatur- und Quellenverzeichnis 75
I. Einleitung
1. Anblick
Was die Augen des überwältigten Erzählers erblicken, ist ein kleiner Punkt im Raum, der in sich die gesamte Welt enthält. Dieses Aleph 2 in Borges’ gleichnamiger Erzählung gestattet dem Betrachter das Unmögliche, nämlich einen panoptischen Blick auf die Welt, auf alle Erdteile, in alle Bücher, auf alle Menschen, auf sich selbst. Die Überwältigung ist Ausdruck einer phantastisch gelösten Aporie: die Welt in ihrer Unübersichtlichkeit und Komplexität auf einen Blick zu sehen. Das Begehren, diesen unmöglichen Beobachterstandpunkt einnehmen zu können, ist nicht ohne klassisch-literarische Vorläufer. Cicero schildert in Der Traum des Scipio 3 , wie diesem ein Blick auf die Erde aus eben dieser Perspektive gestattet wird. Scipio erkennt die Erde von fern als Globus mit verschiedenen Vegetationszonen. Ging es Cicero in dieser Parabel auch um die Relativierung irdischen Ruhms 4 , zeigt er doch ein (Traum-)Bild von der kugelförmigen, überschaubaren Ökumene, also des damals aus europäischer Sicht bekannten und bewohnten Raums. Die Beschreibung wirkt erstaunlich nah an unserer heutigen Vorstellung von der Erde, und als eingelöstes Überblicksversprechen des Unüberblickbaren wird der Traum am 7. Dezember 1972 symbolisch Wirklichkeit. Der Raumfähre Apollo 17 gelingt das Foto von der Erde: Die komplett beleuchtete Tagseite der Erde als kugelrunde Entität, als Blue
1 Borges 1992 [1947]: 143
2 Ebd.: 144: „Im Durchmesser mochte das Aleph zwei oder drei Zentimeter groß sein, aber der kosmische
Raum war darin, ohne Minderung seines Umfangs. Jedes Ding (etwa die Scheibe eines Spiegels) war eine
Unendlichkeit von Dingen, weil ich sie aus allen Ecken des Universums deutlich sah.“
3 Eine Nacherzählung von Der Traum des Scipio habe ich Vogel 1995: 36ff. entnommen.
4 Vgl. Vogel 1995: 38
Marble 5 , wird zum „Visiotyp“ 6 , zur Ikone der One-World-Idee 7 . Hier laufen die Blicke von Borges, von Scipio und von Apollo 17 zusammen. Der Blick auf Alles muss zwangläufig auch den Betrachter selbst enthalten, denn ein Bild der Welt von außen „ist immer auch ein Selbstportrait: Der Mensch ist inhärent vorhanden.“ 8 Selbstportrait in diesem Sinne bedeutet einerseits ganz konkret, dass ein Foto aus dem All alles auf seinem Gegenstand Befindliche enthält, also theoretisch jeden sichtbaren Körper auf der Erde, auch wenn man ihn wegen der Verkleinerung nicht erkennt. Es beinhaltet andererseits auf einer metaphorischen Ebene noch eine epistemologische Dimension: Das Bild von der Welt als Blick auf die Welt gibt Zeugnis über unsere Selbst- und Welterkenntnis, erzählt etwas sowohl über das Betrachtete, als auch über den Betrachtenden, ist also Ausdruck eines Weltbildes. Seit den ersten Höhlenmalereien hat der Mensch Formen gefunden, die Welt, also den Raum in dem er lebt, zu repräsentieren und zu deuten, seien es mythische, epische oder bildliche Formen. Aber eine (bildliche) Form scheint zur Repräsentation des Raums ganz besonders geeignet und augenfällig zu sein: die Karte 9 .
Um kartografische Repräsentationen des Raums geht es in dieser Arbeit, und ich folge Karl Schlögel mit seiner These: „In Karten manifestiert sich das Wissen und die Vorstellung der Zeit vom Raum. Sie erzählen Geschichte in Form von räumlichen Abbildungen und Konstruktionen. In ihnen kommt das Weltbild gleichsam zu sich.“ 10 Es geht mir um die Wechselwirkung von Weltbild und Kartografie, also um die Frage, was eine Karte über das Raumverständnis ihrer Epoche aussagt, aber auch umgekehrt um ihren Einfluss als Medium auf das Raumverständnis bzw. das Weltbild. Ich folge damit dem von Marshall McLuhan begründeten Medienbegriff, dass Medien eben nicht bloß Informationsträger sind, sondern diese Informationen auch prägen und verändern: „The Medium is the Message.“ 11 Diese medientheoretische Catchphrase steht auch in dieser Arbeit immer im Hintergrund, denn ich deute Karten als „mediale Dispositive
5 Siehe Abb.1
6 Vgl. Miggelbrink 2009: 196f., die ihrerseits diesen Begriff von Bernhard Pörksen zitiert.
7 Vgl. Sachs 1994: 306f.: „Das Bild von der Erde im All aber hat sich in der zeitgenössischen Bildwelt
einen Spitzenplatz erobert […]: das Bild vom blauen Planeten ist zur Ikone unseres Zeitalters
geworden.“
8 Nohr 2002: 70
9 Vgl. Schlögel 2006: 95: „Karten sind wie Texte oder Bilder Repräsentationen von Wirklichkeit.“
10 Schlögel 2006: 148
11 McLuhan 1992 [1964]: 17ff.
[, die] nicht nur bestehende soziale Relationen verräumlichen bzw. bestehende Territorien abbilden, sondern beide in gewisser Weise überhaupt erst (mit-) konstituieren […].“ 12
Dieser wie atemlos formulierte Einstieg in meine Arbeit, der unvermittelte Zeitsprung über die Jahrhunderte, die Dichte der erst noch zu erörternden Begriffe, die Vorwegnahme von Thesen: Diese ersten Sätze greifen performativ das Eingangszitat in literarischer Form auf. Das Problem, den Gegenstand simultan zu überblicken und ihn doch sukzessiv entfalten zu müssen, beschäftigt den Erzähler beim Anblick des Aleph ähnlich wie mich als Autor einer wissenschaftlichen Arbeit. Denn es ist ein Problem des Raums.
2. spatial turn
Die Überlegungen zur Karte als Repräsentation des Raums versuche ich in dieser Arbeit vor dem Hintergrund des spatial turn zu entfalten. Die Wiederbelebung des Raums als Gegenstand der Geistes- und Kulturwissenschaften wird von seinen Autoren und Apologeten häufig als Paradigmenwechsel bezeichnet 13 . Als eines der Schlüsselwerke des spatial turn gilt das 1989 erschienene Buch „Postmodern Geographies“ 14 des amerikanischen Geographen Edward W. Soja, in dem der Autor anhand der Analyse aktueller, vor allem urbaner Raumentwicklung einen Raumbegriff entwickelt, den er später „Thirdspace“, bzw. „Dritt-Raum“ 15 nennt. Um diesen Begriff zu verstehen, muss man zunächst Sojas Argumentation nachvollziehen, die sich im Kern auf eine Theorie des marxistischen Soziologen Henri Lefebvre stützt. Dieser hatte Ende der 1960er Jahre vor dem Hintergrund sich verändernder Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse gezeigt, dass Raum ein gesellschaftliches Konstrukt sei 16 . Schon umgangssprachliche Begriffe wie ‚Zeitraum’, ‚Lebensraum’ oder ‚soziales Umfeld’ zeigen, dass wir uns in einem System von Beziehungen verorten, welches wir mit Raummetaphern zu fassen versuchen. Raum erschöpft sich also nicht in seiner ersten Bedeutung als „ein
12 Dünne 2008: 51
13 vgl. Soja 2008: 242
14 Soja 1997 [1989]
15 Soja 2005 [1990]: 93ff.
16 Die Produktion des Raums, Lefebvre 2006 [1974]: 330-342
Behälter physischer Art, in dem sich etwas anordnen ließe, sondern die Konstitution von Raum wird dezidiert als ein soziales Produkt beschrieben.“ 17 Das Bedürfnis nach einer Aufwertung des Raumbegriffs erklärt Soja damit, dass seit dem 19. Jahrhundert die Zeit das vorherrschende Paradigma in der Philosophie war. Der historistische Blick auf die Welt verstand Zeit als ein dynamisches, lineares Nacheinander (Kant). Es ging um positiv besetzte, zeitbasierte Begriffe wie Prozess, Fortschritt und Entwicklung. Raum dagegen war der Zustand und die Anordnung physischer Körper, das Nebeneinander (Kant). Dem Raum kam also die untergeordnete Rolle eines unveränderlichen, fixierten und damit toten Containers zu 18 . Welcher Begriff auch immer gerade die Hauptrolle im zeitgenössischen Diskurs spielte, es lief immer auf eine Dichotomie der beiden Koordinaten hinaus, die die Matrix der menschlichen Existenz zu bilden scheinen: Entweder die Zeit ist wichtiger, oder der Raum.
Zusätzlich diskreditiert wurde der Raumbegriff durch die Geodeterminismusdebatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Nationalsozialisten den Begriff missbrauchten, um ‚Lebensraum im Osten’ als geschaffen für die ‚arische Rasse’ nicht nur ideologisch zu besetzen. 19 Danach war jeglicher Versuch den Raum im Diskurs wieder stark zu machen sofort verdächtig. Das erklärt auch, warum Soja die Theorie von Lefebvre (1974) erst wiederbeleben musste: Anfang der Siebziger fanden Lefebvres Ideen wenig Beachtung.
Ähnlich erging es Michel Foucault mit seinem Konzept der Heterotopien (1967). Heterotopien sind für Foucault verwandt mit Utopien, aber in Abgrenzung zu diesen sind sie „Gegenorte, […] tatsächlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in der Kultur finden kann, zugleich repräsentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden. Es sind gleichsam Orte, die außerhalb aller Orte liegen, obwohl sie sich durchaus lokalisieren lassen.“ 20 Dazu gehören Gefängnisse und Friedhöfe, Feriendörfer und Gärten, insbesondere der traditionelle Garten der Perser. Dieser Garten war ein idealisiertes Abbild der Welt im Kleinen, und in Analogie trifft diese
17 Dünne 2008: 51
18 Vgl. Soja 2008: 245ff.
19 Zum Zusammenhang von essentislistischem Raumverständnis und nationalsozialistischer Geopolitik vgl.
z. B. Dünne 2008: 51f.
20 Foucault 2006 [1967]: 320
Weltmetapher m. E. auch auf Karten zu. 21 Erst in den neunziger Jahren wurde diese Idee von den Autoren des spatial turn begeistert aufgenommen.
Soweit der kurze diskursgeschichtliche Rückgriff, der verdeutlichen soll, welche Ideen Soja mit seinem Konzept des Thirdspace beerbt. Um nun auch diesen Begriff zu klären, stellt sich zunächst die Frage, inwieweit man überhaupt von einem Paradigmenwechsel zugunsten des Raums sprechen kann. War nicht in den letzten Jahrzehnten immer die Rede vom Verschwinden des Raums? Vom ‚Globalen Dorf’ (McLuhan) und von der ‚Implosion des Raums’ (Virilio)? Die radikalste Aussage zum Raumverlust stammt meines Wissens von Heinrich Heine, der Mitte des 19. Jahrhunderts Zeuge der ersten Eisenbahnverbindungen war, mit denen Entfernungen um ein Vielfaches schneller als zuvor überbrückt werden konnten, und so die Orte scheinbar näher zusammenrückten: „[…] durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt nur noch die Zeit übrig.“ 22 Die folgende Entwicklung der Kommunikationsmedien, kulminierend in den virtuellen Räumen des Internet, führte zur virtuell instantanen Erreichbarkeit aller Orte, der Raum wurde durch die Geschwindigkeit der Datenübermittlung zu einer vernachlässigbaren Größe. Zum Beispiel können wir eine Videokonferenz mit Teilnehmern aus Übersee einrichten, tausende Kilometer Distanz schrumpfen so auf direkten Kontakt zusammen. Aber eben nur virtuell: Nach wie vor müssen wir unseren Leib zum Bäcker und zum Arzt bewegen, die sich an anderen Orten befinden als wir selbst. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns mit dem realen physischen und sozialen Raum um uns herum auseinandersetzen. Möglicherweise ist ‚Raum’ auch durch seine vehemente Verneinung, durch seine ständige Präsenz im Diskurs ex negativo wieder erstarkt. Jedenfalls ist ein Ansatz, die ewige Raum-Zeit-Dichotomie aufzulösen, die beiden Begriffe miteinander zu verbinden und so für ein neues Raumkonzept fruchtbar zu machen, bei Edward W. Soja zu finden.
Eine Theorie der binären Opposition, die mal das Primat auf den Raum, mal auf die Zeit verlegt, wird als hinderlich empfunden, neuartigen Phänomenen wie urbanen Dynamiken und sozialen Netzwerken theoretisch zu begegnen. Sojas
21 Ich werde den Begriff der Heterotopie später (zeitlich) bzw. weiter unten (räumlich) noch ausführlicher
auf die Karte beziehen.
22 Heine 1847, zit. nach Berg 2005: 23
Konzept zielt also auf eine Verbindung der beiden Koordinaten Zeit und Raum. Dazu definiert er zunächst zwei Raummodelle 23 : Der traditionell gegebene, physische, geografische Raum als Container ist der Firstspace. In ihm sind alle Objekte der physischen Welt eindeutig durch ihre Lage bestimmt. Der gesellschaftlich generierte, interpretierte, gestaltete Raum ist der Secondspace. Zu letzterem gehören auch die kognitiven, imaginierten Räume, die unsere Vorstellung von der Umwelt mit bedingen. 24 „Epistemologien des Zweit-Raums [sind] unmittelbar daran zu erkennen, dass sich ihre Erklärungen auf den wahrgenommenen Raum konzentrieren und sie von der unausdrücklichen Annahme ausgehen, dass Raumwissen vornehmlich durch diskursiv vermittelte Repräsentationen des Raums, durch die räumliche Arbeitsweise des Geistes produziert wird.“ 25 Da die im Geiste produzierten Raumvorstellungen dynamisch, also permanenter Veränderung und Neubewertung ausgesetzt sind, entfaltet sich dieser Raumbegriff in der Zeit. In enger Anlehnung an Lefebvre stellt Soja fest, dass sowohl Gesellschaftlichkeit als auch Geschichtlichkeit in räumlichen Begriffen gedacht werden können 26 , und fordert nicht weniger als eine „ontologische Neuordnung“ 27 : Das Sein ist „wesentlich als zugleich geschichtliches, gesellschaftliches und räumliches zu bestimmen.“ 28 Dies endlich, die Verbindung aus historisch-zeitlichen, sozial-gesellschaftlichen und physischen Raumvorstellungen, nennt Soja Thirdspace. Auch dieses Zusammendenken ist erst einmal keine neue Erfindung. Schon Harold Innis (1949) hatte den Aufstieg und Niedergang großer Imperien verknüpft mit ihrer Fähigkeit, auf räumliche und zeitliche Beständigkeit hin ausgerichtet zu sein. 29 Wurde einer der beiden Faktoren vernachlässigt, folgte auf lange Sicht der Untergang. Soja geht darüber hinaus, indem er die Dynamik, die sich aus der Verbindung verschiedener Raumkonzepte ergibt, für ein neues Raumverständnis nutzen will: „Spatiality exists ontologically as a product of a transformation process, but always remains open to further transformation in the context of material life. It is never primordially given or permanently fixed.” 30 Ebenso soll
23 vgl. Soja 1997 [1989]: 79f.
24 vgl. ebd.: 121
25 Soja 2005 [1990]: 119
26 vgl. ebd.: 111f.
27 ebd.: 113
28 ebd.
29 Innis 1997: 95ff.
30 Soja 1997 [1989]: 122
wissenschaftliche Praxis epistemologisch „radikal offen“ 31 bleiben, um formal adäquat auf ihre Inhalte eingehen zu können.
Dieses performative Verschmelzen von Theorie und Gegenstand erinnert stark an poststrukturalistische Positionen. Auch Deleuze/Guattari haben ja mit der Metapher vom „Rhizom“ 32 einen Netzwerkbegriff vorgeschlagen, der den vielfältigen a-linearen, dynamischen und nicht-hierarchischen Beziehungen und Verflechtungen unseres gesellschaftlichen Lebens Rechnung trägt, und diesen Begriff gleichzeitig mit der Forderung nach einer wissenschaftlichen Praxis verbunden, assoziativ Verbindungen zu knüpfen: „macht Rhizom!“ 33 Parallel dazu nennt Soja seine Methode im present progressive: „Thirding“ 34 , mit dem Versprechen, dadurch einen allumfassenden Blick auf den Raum zu gewinnen, für den die Erzählung vom Aleph in vielen Texten Pate steht.
Mir scheint, dass dieses Thirding der Versuch einer Antwort sein soll, wie dem eingangs erwähnten Problem begegnet werden könnte: Raumphänomene, die sich raumzeitlich entfalten, die sich also dynamisch entwickeln und simultan sind, wissenschaftlich beschreiben zu müssen. Ergebnis wäre dann ein unbestimmtes Anderes („Thirding-as-Othering“ 35 ), ein offener Mehrwert, die „Überführung der kategorischen und geschlossenen Logik des Entweder/Oder in die dialektische und offene Logik des Sowohl/Als auch.“ 36
Deshalb ist die Kartografie auch so ein dankbarer Untersuchungsgegenstand: Während das Aleph noch eine phantastisch-literarische Idee ist, verlinkt kartografische Sprache die unüberschaubare räumliche Dimension der Welt mit einer wissenschaftlichen Praxis. „Ihre Haupteigenschaft und Hauptleistung ist dabei die Abbildung der Gleichzeitigkeit […].“ 37
Mit dieser diskursiven Kontextualisierung des spatial turn hoffe ich im Sinne Karl Schlögels deutlich gemacht zu haben, dass derartige Wendungen „keine
31 Soja 2005 [1990]: 123
32 „Rhizom“, Deleuze/Guattari 1977
33 Deleuze/Guattari 1977: 41, Hervorhebung B. S.
34 Soja 2005 [1990]: 102
35 ebd.: 101
36 ebd.
37 Schlögel 2006: 97
Neuentdeckung oder Neuerfindungen der Welt [sind], sondern Verschiebungen von Blickwinkeln und Zugängen, die bisher nur nicht oder nur wenig beleuchtete Seiten sichtbar werden lassen. […] Spatial turn: das heißt daher lediglich: gesteigerte Aufmerksamkeit für die räumliche Seite der geschichtlichen Weltnicht mehr, aber auch nicht weniger.“ 38
3. Form und Inhalt
Neben der diskursiven Beschreibung des Raums stehen räumliche Abbildungsverfahren, Repräsentationen des Raums, wie ich sie am Beispiel der Kartografie untersuchen möchte. Wie das Aleph in Borges’ Erzählung leisten Karten seit jeher eine simultane Zusammenschau des Raums. Ich möchte im Folgenden zeigen, was Karten über das Raumverständnis ihrer Epoche aussagen, und wie sie im Gegenzug das Raumverständnis auch prägen können. Vor dem Hintergrund des spatial turn lässt sich zeigen, dass Karten anschaulich Zeugnis darüber ablegen, welche (auch der gerade genannten) Raumkonzepte einer bestimmten Epoche zugrunde liegen. Wegen ihrer wechselseitigen Funktion sind Karten dazu besonders geeignet: Einerseits wird auf Karten Zeit verräumlicht, andererseits wird Raumwahrnehmung zeitlich kontextualisiert und im Vergleich mit anderen Karten relativiert. Die Karte als Raummedium zu untersuchen bedeutet daher, systemtheoretisch gesprochen, die Position eines Beobachters Zweiter Ordnung einzunehmen, indem ich die Beobachtung von Raum beobachte. Es geht nicht in erster Linie um das in erster Ordnung Dargestellte (das Signifikat, den Raum), als vielmehr um die Untersuchung des Signifikanten, der Kartografie, um darüber erst Rückschlüsse auf den Raum gewinnen zu können.
Im ersten Absatz dieser Einleitung habe ich zeitlich weit auseinander liegende Ereignisse nebeneinander gestellt, nicht nur um das Problem des Simultanen und Sukzessiven zu illustrieren. Damit ist auch der inhaltliche Rahmen dieser Arbeit aufgespannt: Die kartografischen Beispiele, auf die ich fokussieren werde (mappae mundi und Google Earth), sind einerseits sehr disparat, weisen andererseits auch starke Ähnlichkeiten auf. Es geht nicht darum, die alte gegen
38 Schlögel 2006: 68
die neue Repräsentationsform deterministisch auszuspielen 39 . Vielmehr glaube ich, gerade durch die historische Distanz von über 700 Jahren aus dem Vergleich zweier disparater Elemente ein epistemologisches Drittes gewinnen zu können. Zwischen mittelalterlichen Karten und heutigen Geobrowsern wie Google Earth steht die Geschichte und Entwicklung der technischen Bilder, die zwar (vorerst) kulminiert in der aktuellen interaktiven satellitengestützten Kartografie, aber damit auch - so meine These - in einigen Punkten wieder anschließt an eine vorneuzeitliche Repräsentation.
Ich habe einige Begriffe vorweg genommen, die ich hier noch einmal aufgreife, weil sie Teil des wissenschaftlichen ‚Werkzeugkoffers’ dieser Arbeit sein werden, und um einen Ausblick zu geben auf meine Argumentation.
Zunächst ist zu klären, was eigentlich die Definition einer Karte ist. Ganz allgemein ist jede Karte ein Bild. Kartografie als Repräsentation des Raums zu untersuchen heißt also zwangsläufig, Raumwissenschaft mit Elementen der Bildwissenschaft zu verbinden, denn die Entwicklung kartografischer Verfahren war schon immer abhängig von allgemein bildlichen Repräsentationstechniken. Im zweiten Teil dieser Arbeit werde ich den Schwerpunkt legen auf eine vorneuzeitliche Kartenform, die mappae mundi. Diesen Karten ging es nicht um geografische Genauigkeit, wie wir das heute von einer Karte erwarten, sondern um die Positionierung des Menschen im heilsgeschichtlichen Kontext; damit sind sie Repräsentanten eines mittelalterlichen, theologischen Weltbildes. Am Beispiel der Ebstorfer Weltkarte (entstanden um 1290) werde ich verdeutlichen, dass mappae mundi dem menschlichen Bedürfnis nach Verortung in einem idealisierten Bild der Welt als determinierte theologische Narration entsprachen, und so weniger Abbild eines physischen als eines zeitlichen Raums waren.
Dies wandelte sich mit der Entdeckung der Zentralperspektive um 1425 in Florenz, die zeitgleich mit der (Wieder-)Entdeckung kartografischer Projektions-
39 vgl.Schlögel 2006: 152: „Alle Welt- und Kartenbilder sind, wenn man sie für sich und immanent
betrachtet, in sich geschlossen, schlüssig, haben ihre Plausibilität, und es gehörte zu einer historischen
Betrachtung der Kartographie, diese immanent zu betrachten, sie für sich stehen und gelten zu lassen,
anstatt aus der Höhe des Geographical Information System (GIS) oder der Satellitenkartographie auf die
Beschränktheiten und phantastischen ‚Irrtümer des Mittelalters’ herabzublicken.“
verfahren 40 das Bild der Welt veränderte. Die Anwendung der Zentralperspektive gilt als wichtigster Wendepunkt in der Geschichte bildlicher
Repräsentationstechniken. Auch für die kartografische Raumdarstellung markiert sie einen Wendepunkt, indem sie den Raum berechenbar machte. Der mathematisch konstruierte Raum erlaubt die exakte Lagebestimmung eines beliebigen Ortes oder Körpers und dessen Projektion, also maßstabsgerechte Abbildung, auf einen Bildträger. Fluchtpunkt und Blickpyramide verweisen auf einen definierten Beobachterstandpunkt. Fortan war es also der Blick des Individuums, der den Raum bestimmte oder überhaupt erst erzeugte. Im mathematisch konstruierten, unendlichen Raum gibt es keinen Mittelpunkt mehr, auf den sich eine Weltvorstellung beziehen könnte. Im Mittelalter war diese Mitte häufig mit Jerusalem identifiziert, in der Neuzeit nahm der individuelle Beobachterstandpunkt und damit das Subjekt diesen Platz ein. Deshalb bezeichnete Panofsky die Perspektive als symbolische Form: sie konstruiert nicht nur einen Raum, sondern wirkt zurück auf die Selbstbestimmung des sie verwendenden Subjekts. Der Begriff könnte daher fast auf alle medialen Dispositive zutreffen, scheint mir aber für die Karte aus den genannten Gründen besonders geeignet. Meine Arbeit argumentiert für die Auffassung der Karte als symbolische Form. „Es muss darum gehen, die Binnenrelation des Bildes zu seinem Objekt zu verlassen, um die auf das Bild gerichtete Sehkultur zu reflektieren.“ 41
In der Zentralperspektive ist bereits das Grundprinzip aller technischen Bilder angelegt. Dem zeichnerischen Projektionsverfahren des Quattrocento fehlte lediglich der entscheidende Schritt, wie sich der abzubildende Gegenstand ‚von selbst’ auf einen Informationsträger einschreiben konnte. Es führt also eine direkte Linie von der Zentralperspektive über die weiter entwickelte camera obscura zur analogen Fotografie. Daher ist auch der große Schritt von den mappae mundi des Mittelalters zu den fotografischen Kartografieverfahren seit dem frühen 20. Jahrhundert motiviert. Denn das Prinzip, den Raum durch Projektion auf eine Fläche zu bannen, war seit der Renaissance paradigmatisch,
40 Claudius Ptolemäus hatte bereits in seiner Geographia (um 140 n.Chr.) Grundlagen für kartografische
Projektionsverfahren gelegt, die heute noch gültig sind.
41 Nohr 2002: 184
und prägt über die Moderne hinaus unsere Raumwahrnehmung 42 . Unsere Bereitschaft, zentralperspektivische Darstellungen und Fotografien als realistisch anzusehen, liegt zu einem großen Teil an der Gewöhnung an diese dominante Sehweise, obwohl sie „eine überaus kühne Abstraktion von der Wirklichkeit“ 43 ist (siehe II.3.2 und III.1.1).
Im Hinblick auf die Kartografie werde ich also die Zeit der großen Kartenproduzenten des 16. und 17. Jahrhunderts 44 überspringen, um im dritten Teil direkt auf die Raumrepräsentation durch heutige technische Bilder zu sprechen zu kommen: analoge Fotografie und digitale Satellitenbilder. Hier wird der Repräsentationsstatus technischer Bilder eine Rolle spielen, also das Verhältnis des Abbilds zu seinem Gegenstand und das damit verbundene Authentizitätsversprechen. Auf die Kartografie bezogen ist die Repräsentation durch technische Bilder gleichsam eine Geschichte des sich in die Vertikale aufschwingenden Blicks, des Aufblicks, der dem Apparat eine Sicht auf den Raum bietet, die vorher nur indirekt aus am Boden gewonnenen Daten abgeleitet werden konnte. Das damit verbundene Versprechen von Objektivität ist dabei kritisch zu untersuchen.
Schließlich folgt als vorläufiger Endpunkt der Abbildtechnik der leiblose, automatisierte Blick des Satelliten. Die daraus resultierenden digitalen Bilder finden für den Verbraucher ihre Verwendung z.B. in Geobrowsern wie Google Earth. Durch die Anbindung an das Internet ergibt sich ein interaktiver Blick auf die Welt, der durch Flexibilität und ständige Aktualisierung (Zeitbindung) auch durch das Nutzernetzwerk den fixierten Einzelstandpunkt auflöst. Multiperspektivität, Hypertextualität und Einbindung zeitlicher Faktoren kennzeichnen den derzeitigen Blick auf die Welt, der damit anschließt an die mittelalterliche Raumdarstellung. Diese Zusammenführung ist Gegenstand des vierten Teils der Arbeit.
42 Zwar hat die Malerei seit der Moderne auch andere Techniken der Raumdarstellung hervorgebracht, und
auch die (De-)Konstruktion filmischer Räume durch Montage funktioniert anders. Sie haben aber den
Realitätseindruck zentralperspektivischer Darstellung nicht völlig verdrängt, sondern den einen Beobach-terstandpunkt ergänzt um eine Vielzahl von Standpunkten in wechselseitiger Beziehung.
Vgl. Edgerton 1975: 162f., Wortmann 2005: 178
43 Panofsky 1980 [1927]: 101, vgl. auch Wortmann 2006: 168
44 von Norman Thrower bezeichnet als „Age of Atlasses“, zit. nach Schlögel 2006: 83
II. Vom theologischen Raum des Mittelalters zum
mathematischen Raum der Neuzeit
1. Was ist eine Karte?
Eine Karte ist nach der Definition der Internationalen Kartografischen Vereinigung (ICA) eine „versinnbildlichte Repräsentation geografischer Realität, die auf der Kreativität und den Entscheidungen eines Kartografen beruht und bestimmte Aspekte und Charakteristika darstellt, um räumliche Beziehungen abzubilden.“ 45 Einer Karte kommt also eine stellvertretende Funktion zu. Sie ist Repräsentation, weil sie eine Sache durch eine andere darstellt, also auf etwas verweist, was sie selbst nicht ist: Raum. Die Vorstellung vom Raum ist epochetypischen Veränderungen unterworfen, so dass sich auch seine kartografische Repräsentation mit den Zeiten ändert und Rückschlüsse auf diese Zeiten erlaubt. Die Karte bezieht sich auf geografische (aber auch soziale oder kosmologische) Realität, aber auf eine angenommene Realität. 46
Ihr Wahrheitsgehalt bezieht sich also auf die konzeptuelle Vorstellung, die eine bestimmte epochale Geisteshaltung vom Raum hat, und ist entsprechend zu relativieren. Das muss auch für die uns vertrauten heutigen Weltkarten und Atlanten gelten, denen wir eine völlig objektive Darstellung der Welt zuzuschreiben geneigt sind. 47 Denn Karten werden von Kartografen erstellt, also von Autoren, die bestimmte (Vor-) Entscheidungen treffen müssen 48 , um die Welt auf einer Karte so abbilden zu können, dass sie handhabbar wird - im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Es scheint ein grundlegendes Bedürfnis zu sein, die überfordernde Unübersichtlichkeit der Welt so zu reduzieren, dass sie kontrollierbar erscheint - in den verschiedensten Kulturen entstanden unabhängig voneinander kartografische Raumrepräsentationen. Deswegen waren Karten auch immer ein Instrument der Ausübung von Kontrolle: „Der Besitzer einer Karte [hat] die Welt im Kleinen in seiner Hand. Es ist ein Stück virtueller Macht, ein Stück Verfügungsgewalt, ein Stück Teilhabe an der in der
45 Zit. nach Schneider 2006: 7
46 Vgl. Nohr 2002: 184f.
47 Es gibt auch Karten, die sich völlig der Fiktion verschrieben haben; um die geht es aber hier nicht.
48 Vgl. Schlögel 2006: 94: „Kartenbilder beruhen auf Entscheidungen, Vorentscheidungen, einer Wahl.“
Karte fixierten Welt.“ 49 Die Karten beispielsweise, die Kolumbus im Zuge seiner ersten Entdeckungen in der Karibik anfertigte, waren unter größter Geheimhaltung für den König persönlich bestimmt - als wären sie ein schriftlicher Beleg für die Landnahme. Und tatsächlich ging die kartografische Vermessung oft mit der Eroberung einher.
Der auf der Karte fixierte Raum hilft dem Betrachter außerdem dabei, sich zu verorten, sich einzuordnen in das angenommene Weltbild. Karten suggerieren, dass man sich in einem übergeordneten Zusammenhang befindet, in dem jeder eine bestimmte Position innehat. 50 Das bedeutet für den Menschen des Mittelalters die Einordnung in den heilsgeschichtlichen Kontext, und für den Menschen der Neuzeit die Bestimmung einer exakten geografischen Position. Durch die Art und Weise der kartografischen Repräsentation müssten „die sich (historisch) verändernden Episteme und Werthaltungen [sich] nicht zuletzt im Bezug auf die Subjektkonzeption Im Kartenbild niederschlagen.“ 51
Bei der Herstellung einer Karte muss eine Reihe von Entscheidungen getroffen werden. Die Reduktion des Raums bringt es mit sich, dass Objekte vergröbert dargestellt, ja ganz weggelassen werden müssen, wenn sie zu klein oder unwichtig sind. Was aber wichtig und unwichtig ist und wie es dargestellt wird, bleibt den Entscheidungen des Kartografen überlassen und richtet sich nach dem Zweck, den die Karte erfüllen soll. Zwei historische Beispiele: Eine Portolankarte, die dem Auffinden von Häfen diente, wird die Küstenlinien genauer darstellen als das Landesinnere. Ein Itinerar, ein Vorläufer der Reisekarte, beschreibt Routen zu Lande, interessiert sich also mehr für das Gelände als für maritime Belange. Von absoluter Objektivität kann also niemals die Rede sein. Diesen Vorgang nennt man Erfassungsgeneralisierung. Verallgemeinerung ist sogar notwendige Bedingung für die Lesbarkeit einer Karte, denn auf einer Karte, die alles gleichwertig abbildet, kann man gar nichts mehr erkennen. Jede Karte wertet bestimmte Elemente auf, z.B. werden Straßen auf einer Straßenkarte vergrößert dargestellt, weil sie das wichtigste Element sind. Bildliche Elemente allein machen noch keine Karte aus. Es bedarf auch
49 Schlögel 2006: 224
50 Vgl. Schlögel 2006: 149
51 Nohr 2002: 187f.
textueller Elemente, schriftlicher Bezeichnungen und Erklärungen, um die Abstraktion zu überbrücken, die durch die immense Verkleinerung entsteht.
Sofern die Erde als Globus erkannt und trotzdem auf der Fläche in seiner Gesamtheit abgebildet werden soll, stellt sich ein weiteres, mathematisches Problem: die verzerrungsfreie Abbildung der Kugel auf der Fläche. Da dies nicht möglich ist, haben sich in der Geschichte der Kartografie verschiedene Projektionsmethoden entwickelt, auf die ich hier aber vorerst nicht näher eingehen kann. Die Kugelgestalt der Erde war jedenfalls schon seit der Antike bekannt, und Eratosthenes (276-194 v. Chr.), der als der Vater der wissenschaftlichen Geografie gilt, hat als Erster den Erdumfang berechnet. Claudius Ptolemäus (ca. 100-175 n. Chr.) dann, der später in dieser Arbeit noch eine wichtige Rolle spielen wird, entwickelte aus den Prinzipien der euklidischen Optik die Grundlagen der Kartenprojektion und ein geografisches Referenzsystem (das Gradnetz), das über Jahrhunderte hinweg Gültigkeit besitzen sollte. Der ideelle Zusammenhang zwischen Optik und Kartenprojektion leuchtet sofort ein, denn „phänomenologisch ist die Landkarte nichts anderes als ein idealer Blick“ 52 , den wir beim Anblick einer Karte symbolisch einnehmen. Für die meisten Kartenprojektionen allerdings gilt, dass sie gerade nicht auf einen fixierten Beobachterstandpunkt verweisen, sondern ein aperspektivisches Nebeneinander räumlicher Gegebenheiten zeigen. 53 Nichtsdestotrotz leistet gerade die Weltkarte ein Überblicksversprechen, ob sie nun perspektivisch konstruiert ist oder nicht. Dieses Versprechen bezieht sich auch auf die Eigenschaft vieler Weltkarten als Wissensspeicher, bis hin zum „enzyklopädischen Charakter“ 54 der mittelalterlichen mappae mundi.
2. Mappae mundi: kartografische Repräsentation des theologischen Raums
Die mathematisch exakte Darstellung der Erde, bzw. des aus eurozentrischer Sicht bekannten Raums, war im theologisch geprägten Mittelalter nicht das Ziel
52 Nohr 2002: 182
53 Einzige Ausnahme: die perspektivische Azimutalprojektion, vgl. Kapitel III., S. 31
54 Schneider 2006: 13
Arbeit zitieren:
Benedikt Schulte, 2009, Die Karte als symbolische Form - Kartografische Repräsentationen des Raums und ihre Transformation durch technische Bilder, München, GRIN Verlag GmbH
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