Gliederung
1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung 1
1.2 Zielsetzung und Begründung des Themas 2
1.3 Gliederung 3
Teil A: Theoretische Grundlagen zur Thematik „Waldsterben im Erzgebirge“ 5
2 Der erzgebirgische Wald 5
2.1 Die Bedeutung des Waldes 5
2.2 Die Funktionen des Waldes 6
3 Der anthropogene Einfluss auf den erzgebirgischen Wald 7
3.1 Die Besiedlung des Erzgebirges 7
3.2 Entstehung und Entwicklung der Rauchschäden und der
Rauchschadforschung 8
3.2.1 Die Anfänge der Rauchschadforschung 8
3.2.2 Das Problem der „klassischen Rauchschäden“ 8
3.2.3 Das Problem der „neuartigen Waldschäden“ 11
3.3 Die Entwicklung der Rauchschäden nach dem Zweiten Weltkrieg 12
3.3.1 Das Problem des Ferntransportes von Emissionen für
das Erzgebirge 12
3.3.2 Die Zunahme der Emissionen 14
3.3.3 Forstwirtschaftliche Maßnahmen gegen das Waldsterben 15
3.3.3.1 Waldgefährdungszonen im Erzgebirge 15
3.3.3.2 Zustandserfassung 17
3.3.3.2.1 Schadstufen und Schadzonen 17
3.3.3.2.2 Bewirtschaftung der Schadzonen 18
3.3.3.2.3 Entwicklung der Schadflächen 18
3.3.3.2.4 Wirtschaftliche Auswirkungen 19
3.4 Die Entwicklung der Waldschadenssituation seit 1989 20
3.4.1 Erste Waldschadenserhebung nach 1990 20
3.4.2 Sanierungsmaßnahmen 22
3.4.3 Wirkungen der Sanierungsmaßnahmen 22
4 Schadursachen, Schädigungsarten, Schadbild und Schadensverlauf sowie Sekundärschäden 24
4.1 Schädlichkeit von Schwefeldioxid auf Bäume 24 4.2 Schadursachen 24
4.2.1 Die trockene Deposition 25
4.2.2 Die feuchte bzw. okkulte Deposition 25
4.2.3 Die nasse Deposition / Saurer Regen 26 4.3 Schädigungsarten 26
4.4 Schadbild und Schadensverlauf 27
4.5 Das Auftreten von Sekundärschäden im Rauchschadgebiet 27
5 Ausbreitung von Luftverunreinigungen 29
5.1 Emissionsseitige Parameter 29
5.2 Meteorologische Parameter und geographische Bedingungen 29
5.2.1 Klimatische Bedingungen 30 5.2.2 Luftschichtung 30 5.2.3 Bodenverhältnisse 31
6 Maßnahmen zur Verminderung der Schäden und zur Walderhaltung 32
6.1 Die vier Phasen der Waldveränderung 32
6.2 Praktisches Vorgehen vor Ort 32
6.3 Rauchresistente Ersatzbaumarten 33
6.4 Ergebnisse der Maßnahmen gegen das Waldsterben nach 1990 35
6.5 Strategien zukünftigen Handelns 36
7 Gegenwärtige Gefahren für den Wald 37 7.1 Wirkung von Ozon 38
7.2 Die verschiedenen Ebenen der Ozonschäden bei Pflanzen 39 8 Aktueller Waldzustand 40
Teil B: Praktische Umsetzung des Themas „Waldsterben im Erzgebirge“ anhand einer Unterrichtseinheit Grundkurs 12 42
9 Didaktische Vorüberlegungen 42 9.1 Grobanliegen 44 9.2 Grobziele 44 9.2.1 Kognitive Ziele 44 9.2.2 Instrumentale Ziele 45 9.2.3 Affektive Ziele 45
9.3 Grundüberlegungen für die Stoffstrukturierung 45
9.4 Stoffgliederung und Medienplanung 46
10 Planung der Unterrichtsstunden zum Thema „Waldsterben im Erzgebirge“ 47 10.1 Planung der theoretischen Doppelstunde zum Thema „Waldsterben im Erzgebirge“ 47 10.1.1 Grundanliegen 47 10.1.2 Feinziele 47
10.1.3 Lernstand 48
10.1.4 Prozessplanung der Doppelstunde „Waldsterben im Erzgebirge“ 49 10.1.5 Begründung des methodischen Vorgehens und
10.2 Planung der Exkursions-Unterrichtsstunde zum Thema: „Waldschäden im Erzgebirge“ 52 10.2.1 Grundanliegen 52 10.2.2 Feinziele 52
10.2.3 Lernstand 53
10.2.4 Planung der Exkursion „Waldsterben im Erzgebirge“ 54
10.2.4.1 Die Exkursionsroute 54
10.2.4.2 Erster Standort 54
10.2.4.3 Zweiter Standort 58
10.2.4.4 Dritter Standort 60
10.2.4.5 Vierter Standort 61
10.2.4.6 Fünfter Standort 64
11 Zusammenfassung 66
12 Quellenverzeichnis 68
Anhang
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Das Erzgebirge wurde vor der Besiedlung von einem großen, zusammenhängenden Bergmischwald, vornehmlich aus Buche, Tanne und Fichte, bedeckt. Dieser undurchdringliche Urwald wurde germanisch Miriquidi genannt, was soviel wie Dunkel- oder Schwarzwald bedeutete. Obwohl einige Passpfade, die als Handelsstraßen zwischen Sachsen und Böhmen dienten, bereits um die erste Jahrtausendwende durch diese unwegsame Gegend führten, kamen außer unerschrockenen Jägern und Fischern nur selten Menschen aus dem Vorland hierher. So bildete der Miriquidi einen breiten Grenzstreifen zwischen den frühzeitig besiedelten fruchtbaren Landschaften Nordböhmens und des sächsischen Hügel- und Tieflandes. Der Beginn der Besiedlung des Erzgebirges, auf deutscher Seite im 12. Jahrhundert, brachte auch eine gezielte Nutzung des erzgebirgischen Waldes mit sich, die sich mit der zunehmenden Besiedlung intensivierte. Der erzgebirgische Wald wurde immer stärker anthropogen beansprucht und verändert, insofern die Ansprüche an den Wald immer weiter stiegen. Doch im letzten Jahrhundert war eine besonders erschreckende Veränderung des erzgebirgischen Waldes zu verzeichnen, wie beispielsweise Wanderberichte aus verschiedenen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts anschaulich darlegen. Anfang des 20. Jahrhunderts beschreibt CARL RAUSCH die Wälder des Erzgebirges, im Gebiet um Olbernhau, folgendermaßen 2 :
1 Zitat aus: HÖVELMANN, 2005. - http://www.querwaldein.de/
2 RAUSCH, 1903: 112. Über seine Wandertour I „Von Olbernhau über den Hahnberg nach dem Bruchberg, So-
phienstein, Stösserfelsen und Töltzsch durch das Natschungtal zurück nach Olbernhau“.
1
„Vor uns, rechts und links die zu den Wolken anstrebenden Talwände mit dem al-ten Hochwald, mit den hundertjährigen Tannen und Fichten und deren geheimnis-
volles Rauschen seiner Wipfel…“
1969 hört sich eine vergleichbare Wandertour in den nur einigen Kilometern entfernten Wäldern von Deutscheinsiedel, welche MARTIN HAMMERMÜLLER beschreibt, auffallend anders an 3 :
„[Wir]… gelangen, durch Fichtenwald aufsteigend, zu einem Mischwald am Fuße
des Ahornberges (823 m). Dieser Waldbestand leidet schon sehr unter den Abga-
sen der nordböhmischen Braunkohlen- und Chemieindustrie. Noch stärker ge-
schädigt und z. Z. im Absterben begriffen sind die Fichtenwaldungen diesseits
und jenseits der Staatsgrenze.“
Das Bild des erzgebirgischen Waldes hatte sich in 66 Jahren bereits massiv verändert, und die Transformation vom malerischen Märchenwald hin zur abgestorbenen Waldwüste vollzog sich unaufhaltsam weiter. Spätestens seit den 1980er Jahren drohte das Horrorszenario des flächenhaft abgestorbenen Waldes im Erzgebirge schon bald Realität zu sein. Und obwohl es zum Abwenden dieser Katastrophe effektive Möglichkeiten gab, war ihre Nutzung aufgrund politischer Gegebenheiten unmöglich. Die Wandlung vom dunkelgrünen, unwegsamen Miriquidi zur graubraunen, kahlen Hochebene wurde Wirklichkeit.
1.2 Zielsetzung und Begründung des Themas
Die folgende Arbeit befasst sich mit der Thematik des Waldsterbens im Erzgebirge im letzten Jahrhundert. Sie soll zunächst klären wie es möglich war, dass der undurchdringliche Erzgebirgsmischwald zum kahlen Kammgebiet dieses Gebirges werden konnte. Des Weiteren soll eine Aufarbeitung dieser Thematik für SchülerInnen des Grundkurses 12 an Gymnasien in Sachsen exzerpiert werden. Zum Nachkommen dieser Zielsetzungen, wird die Arbeit in zwei Teile gegliedert und sich jeweils mit verschiedenen Aspekten auseinandergesetzt. Diese werden in Punkt 1.3 näher benannt.
Obwohl die Thematik des Waldsterbens lange die Medien beherrschte - in der Bundesrepublik erschienen zwischen 1981 und 1988 in den Zeitschriften Stern, Spiegel, Zeit und der FAZ
3 HAMMERMÜLLER, 1969: 33. Über eine Wandertour in die Wälder Deutscheinsiedels.
2
über 100 Artikel zu diesem Thema 4 - und schnell Politikum wurde, verschwand sie auch genauso schnell aus den öffentlichen Schlagzeilen. Trotzdem ist eine Auseinandersetzung mit diesem Thema sinnvoll, weil sich die kritische Diskussion in der Wissenschaft um die Gefährdung der Wälder und um die Rolle von Luftschadstoffen als Schadensursache nicht gelegt sondern, im Gegenteil, inzwischen verstärkt hat. So bietet diese Thematik einen beispielhaften Ausgangspunkt für die heutigen Diskussionen. Zudem regt das Thema, auch wenn die Problematik glücklicherweise im angesprochenen Gebiet im Abklingen begriffen ist, zu umweltbewusstem Verhalten an.
Anhand seiner lebensnahen Problematik macht das Thema außerdem deutlich, wie leicht der Mensch seine Umwelt benutzt und gebraucht ohne mögliche Konsequenzen abzuwägen und die von ihm missbrauchte Natur letztlich zu schützen. So lässt sich vortrefflich aufzeigen, wie leicht der Mensch vergisst, dass auch er nur ein Teil einer symbiotischen Lebensgemeinschaft ist und wie leicht er seine eigenen Lebensgrundlagen gefährdet. Somit ruft die Problematik zu verstärktem Umweltbewusstsein und aktivem Handeln an der Umwelt, auch vor der eigenen Tür, auf und wirft außerdem ein Licht auf die immensen Umweltprobleme zur Zeit der DDR.
1.3 Gliederung
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im theoretischen Teil A der Arbeit werden die fachlichen Grundlagen des Themas besprochen, im praktischen Teil B wird anhand einer Unterrichtseinheit das Thema für einen Grundkurs 12 aufbereitet.
Um die in Punkt 1.2 gesetzten Zielstellungen erreichen zu können, soll im theoretischen Teil A zunächst erläutert werden, was die Bedeutung und die Funktionen des Waldes sind, um deutlich zu machen, warum das Ökosystem Wald in der heutigen Zeit von solch hoher Wichtigkeit ist. Daran anschließend wird sich mit der Hauptthematik des theoretischen Teils, dem Waldsterben im Erzgebirge, auseinandergesetzt. Dabei wird zunächst ein Schwerpunkt auf die Ursachen und somit die Entstehung der Rauchschäden durch den zunehmenden Einfluss des Menschen auf den erzgebirgischen Wald gelegt. Anschließend wird auf die Entwicklung der Rauchschäden während des letzten Jahrhunderts und besonders während der Zeit von 1989/90 bis 2005 eingegangen. Folgend wird die Schädlichkeit des Schwefeldioxides, seine sichtbaren Auswirkungen auf die erzgebirgischen Wälder sowie die Faktoren genauer betrachtet, welche die Wirkung dieses Schadstoffes verstärken können. Ferner werden die Maßnahmen der
4 Vgl.: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/bstuecke/78906/index.html
3
Forstwirtschaft gegen das Waldsterben besprochen, um abschließend auf neue Gefahren für den Wald aufmerksam zu machen.
Im sich anschließenden Teil B der Arbeit wird anhand der Unterrichtseinheit „Die Mittelge-birgslandschaften der Erde am Beispiel des Erzgebirges“, welche dem Rahmenthema „Nutzung und Nutzungsprobleme in ausgewählten Landschaften der Erde“ für den Grundkurs 12.1, Landschaftsökologie, zuzuordnen ist, das Thema „Waldsterben im Erzgebirge“ in Form einer Exkursion praktisch behandelt.
4
Teil A: Theoretische Grundlagen zur Thematik „Waldsterben im Erzgebirge“
2 Der erzgebirgische Wald 5
Der erzgebirgische Wald hat sich so entwickelt, wie es die mehrmals wechselnden Klimaperioden nach der Eiszeit zuließen. Im Eiszeitalter wurde der erzgebirgische Wald, durch die klimatischen Bedingungen, nämlich mehrmals aus dem Erzgebirge verdrängt. Wie jedoch pollenanalytische Untersuchungen und waldbauliche Forschungen ergeben haben, sind die verschiedenen Baumarten nach den Eiszeiten aus ihren südlichen Rückzuggebieten wieder in das Erzgebirge einwandert. Zunächst rückte vor 5.000-6.000 Jahren die Fichte vor, gefolgt von der Tanne vor rund 4.000 und schließlich der Buche vor rund 3.000 Jahren. Diese natürliche Vegetation des Erzgebirges, welche als herzynischer Bergmischwald bezeichnet wird, bildete lange Zeit die Hauptbestockung der mittleren und oberen Lagen des Erzgebirges.
2.1 Die Bedeutung des Waldes 6
Die Bedeutung des Waldes, auch des erzgebirgischen, wird v. a. im Blick auf den Wasserhaushalt, die Erhaltung des Kulturbodens und den klimatischen Verhältnissen deutlich. Diese sollen im Folgenden kurz angeschnitten werden.
Der Wasserhaushalt wird durch den Wald insofern positiv beeinflusst, als dass der Wald Regen- und Schmelzwasser, aber auch Luftfeuchte (Nebel) aufnimmt und langsam an das Grundwasser abgibt. Da große Teile des Niederschlages folglich nicht oberflächlich abfließen, sinkt die Hochwassergefahr deutlich ab. Zudem wird der Boden so vor Auswaschungen und Abschwemmungen sowie vor Verschlammungen, Versandung und Vermurung geschützt. Zur Erhaltung des Kulturbodens trägt der Wald bei, indem er die Geschwindigkeit des Windes bremst. Da dieser Effekt auch noch einige hundert Meter vom Waldrand entfernt zu spüren ist, kann der Boden der angrenzenden landwirtschaftlich genutzten Felder weniger schnell abgetragen werden und überdies hält der Boden länger seine Feuchtigkeit zurück, da die Verdunstung von Boden und Pflanzen herabgesetzt wird.
Zu guter Letzt beeinflusst der Wald auch die klimatischen Verhältnisse günstig. So mildert er extreme Temperaturen ab, schützt gegen übermäßige Sonneneinwirkung sowie Frost und erhöht die Luftfeuchtigkeit.
5 Vgl.: KADEN, 2001: 3.
6 Vgl.: LINDNER, 1957: 114ff.
5
2.2 Die Funktionen des Waldes 7
Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte haben sich Nutzung und Ansprüche an den Wald zunehmend geändert. Zunächst diente er als Sammel- und Jagdgebiet, danach auch als Weide-und Rodungsland und später erhöhte der wachsende Bedarf an Holz, welches als Baustoff und Energieträger genutzt wurde, seine Bedeutung. Heute hat der Wald im Gegensatz zu früher, aufgrund zunehmender Bevölkerungszahlen, steigender Umweltbelastungen und wachsendem Erholungsbedarf der Menschen, eine Vielzahl weiterer Funktionen zu erfüllen. Die Aufgaben des Waldes werden laut der Sächsischen Landesanstalt für Forsten in drei Hauptkategorien eingeteilt 8 :
1 Der Wald leistet durch seine Erholungsfunktionen einen wichtigen Beitrag für Ge-
sundheit, Erholung, Freizeit und Naturerleben der Bevölkerung.
2 Die Schutzfunktionen in den Bereichen Boden, Wasser, Klima, Natur, Landschaft und
Kultur sind für die Gesellschaft unverzichtbar.
3 Die Nutzfunktion umfasst die Erzeugung und Ernte des Rohstoffes Holz, trägt zum
Einkommen des Waldbesitzers bei und schafft Arbeitsplätze.
Obwohl jeder Wald diese drei Hauptfunktionen erfüllt, erhalten örtlich einzelne oder mehrere Funktionen besondere Bedeutung. Wichtig für eine nachhaltige Sicherung dieser Funktionen ist es deshalb zu wissen, wo der Wald welche Funktion in welchem Maß erfüllt.
7 Vgl.: LAF, 2000: 3f.
8 Ebd.: 3.
6
3 Der anthropogene Einfluss auf den erzgebirgischen Wald
3.1 Die Besiedlung des Erzgebirges 9
Noch vor 1.000 Jahren war das Erzgebirge eine undurchdringliche Wildnis. Kein Mensch traute sich weit in das Innere des dichten, dunklen Urwaldes, der das gesamte Kammgebiet des Erzgebirges bedeckte. Da der Wald die Besiedlung des Gebietes erheblich erschwerte, konnte diese, zumindest im Norden, erst nach planmäßiger Kolonisation unter markgräflicher Herrschaft von Meißen im 12. und 13. Jh. erfolgen. Mit der einhergehenden Rodung des Waldes wurde in den natürlichen herzynischen Bergmischwald des Erzgebirges entscheidend eingegriffen. Die ersten Siedlungen entstanden an den Handelsstraßen nach Böhmen. Die Eingriffe in den Wald waren jedoch zu dieser Zeit noch unbedeutend. Erst um 1600, mit dem Beginn des Abbaus der Erze und des Silbers, im Zuge des „Berggeschreys“, wurde in den Wald nachhaltig eingegriffen. Das Holz des Waldes wurde als Grubenholz für die Bergwerke, Baumaterial und Energieträger benötigt. Da der Bergbau immer mehr erblühte und sich die Bevölkerung stetig vergrößerte, stieg bereits damals der Holzverbrauch, und damit die Rodung des Waldes, ins schier Unermessliche.
Mit dem Aufblühen der Papier- und Zellstoffindustrie Ende des 14. Jahrhunderts gewann der Wald als Rohstofflieferant an zusätzlicher Bedeutung. Die benötigten Holzmengen wurden meist ohne Rücksicht auf die Regenerationsfähigkeit der Wälder eingeschlagen. Es herrschte die so genannte regellose Bedarfswirtschaft. Doch diese zog erste schwere Folgen nach sich. Der erzgebirgische Wald wurde zunehmend vernichtet, so dass er sich bald in einem so beängstigenden Zustand befand, dass sich die sächsischen Landesherren gezwungen sahen Schutzvorschriften zu erlassen. Doch erst nach der Einführung der nachhaltigen Waldbewirtschaftung vor über 200 Jahren, welche auch die Maßgabe der Wiederaufforstung beinhaltet, konnte die drohende Holznot langsam gemindert werden. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wurde mit planmäßigen Aufforstungen begonnen, die allerdings auch dazu führten, dass speziell die Fichte massenweise im Reinbestand angepflanzt wurde. Diese und nachfolgende Aufforstungen zeigten auch 1995 noch deutliche Auswirkungen im Wald des Osterzgebirges, in welchem der Fichtenanteil zu jener Zeit das 4,5fache des natürlichen Vorkommens betrug. 10
Ende des 18. Jahrhunderts musste der erzgebirgische Wald dann im Zusammenhang mit dem sich etablierenden Kapitalismus neue Schläge einstecken. Industriewerke schossen aus dem
9 Vgl.: KADEN, 2001: 1ff. sowie THOMAS-LAUCKNER 1971: 67-75. und: WENTZEL, 1997: 896.
10 Vgl.: HARTIG et al., 1998: 622.
7
Boden. Die Dampfmaschine und Eisenbahn hielten Einzug, so dass auch der vorher unzugängliche Wald des Erzgebirges transporttechnisch, entlang der Flusstäler, erschlossen wurde. Die Problematik der so genannten „klassischen Rauchschäden“ 11 hielt langsam Einzug in die Wälder des Erzgebirges.
3.2 Entstehung und Entwicklung der Rauchschäden und der Rauchschadforschung 12
3.2.1 Die Anfänge der Rauchschadforschung
Die so genannten „Rauchschäden“ sind nicht erst in den letzten Jahrzehnten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Erste Literaturhinweise dazu, dass Schwefeldioxid ein schweres Atemgift ist, sind bereits bei STRABO zu finden (63 v. Chr. - 26 n. Chr.). Im Jahre 1556 berichtet der bekannte Montanwissenschaftler GEORG AGRICOLA über schwere Schäden an der Vegetation des Erzgebirges, wohl verursacht durch den schwefelhaltigen Dampf des Hüttenwesens. 13 Ende des 17. Jahrhunderts werden, mit der weiten Verbreitung des Hüttenwesens, die Schäden an der Vegetation in der näheren Umgebung der Hütten immer offen-kundiger. Offensichtlich jedoch konnten das Phänomen der Schäden und die Zusammenhänge lange nicht erläutert werden, Erklärungsversuche sind jedenfalls nicht überliefert. Das Tannensterben in Sachsen wird im Jahr 1724 zum ersten Mal beschrieben. 125 Jahre später befasst sich in Tharandt am Lehrstuhl für Pflanzenchemie erstmals STÖCKHARDT mit den Auswirkungen des Hüttenrauches auf die Forst- und Landwirtschaft im Freiberger Raum. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Tharandter Forstakademie zu der zentralen Forschungsstelle auf dem Gebiet der Rauchschäden. Verbunden damit sind neben STÖCKHARDT auch seine Nachfolger SCHRÖDER und WISLICENUS.
Seit mehr als 150 Jahren ist die Thematik somit mittlerweile Gegenstand der Forschung.
3.2.2 Das Problem der „klassischen Rauchschäden“
Nachdem 1875 für Sachsen JUDREICH und MANTEUFFEL als erste über ein massenhaftes Sterben der Tannen berichteten, nahm dieses Problem eine zunehmende Rolle auch in der öffent- 11 Dieals „klassische Rauchschäden“ bezeichneten Phänomene sind durch einen monokausalen Wirkungszu-
sammenhang zwischen Emission, Immission und Beeinträchtigung der Waldentwicklung gekennzeichnet. In
Sachsen entstanden sie um 1850. Ihr Hauptschadstoff ist das Gas Schwefeldioxid. (Scherzinger, 1996: 262. und
Mayer, 1986: 350.)
12 Gesamtes Kapitel 3.2 Vgl.: KADEN, 2001: 5ff.; HAUFF, 1985: 148ff.
13 Vgl.: KLEIN, 2002: 15.
8
lichen Diskussion ein. Dies zeigt sich z. B. darin, dass sich 1886 der Sächsische Landtag mit dem Thema der Hüttenrauchschäden befasste.
Als man bald einen zweifelsfreien Zusammenhang zwischen den beobachteten Pflanzenschäden und dem bei der Kohleverbrennung freigesetzten Schwefeldioxid feststellte, formulierte 1888 die Versammlung des Sächsischen Forstvereins 14 : „Zu den zahlreichen Feinden, die als Sturm, Schnee und andere Witterungsunbil-
den, die aus Thier- und Pflanzenwelt unser grünes Waldreich befehden, hat seit
einer Reihe von Decennien sich auch der Rauch gestellt.“
Doch es gab immer noch eine nicht unbedeutende Anzahl von Forstexperten, welche davor warnten die Schuld an den beobachteten Waldschäden gar zu einseitig nur der Emission zuzuschreiben. Sie wiesen eindrücklich darauf hin, dass es nach wie vor vor allem Sturm-, Insekten-, Frost- und Trockenschäden wären, welche den Wald schädigten. So beschäftigte sich auch CLAUS 1928 in seinem Artikel über „Das Tannensterben im sächsischen Wald“ 15 mit dieser prekären Thematik. Darin erläutert er zunächst, dass das Tannensterben seinen Ursprung in Sachsen habe und sich dann konzentrisch von Sachsen weiterbewege - „neuer Nahrung zu“. 16 Denn auch außerhalb Sachsens, besonders in Schlesien, Böhmen und dem Harz, hatte der Wald unter Rauchschäden zu leiden. Des Weiteren erklärt CLAUS, dass sich bei der Diskussion um die Ursachen des Tannensterbens zwei Auffassungen herausgebildet hätten. Während mit der einen Einflüsse nicht parasitärer Art als Grund für das Sterben angenommen wurden, machte die andere tierische und pflanzliche Parasiten verant-wortlich. In seinem Artikel kommt CLAUS zu folgender Schlussfolgerung 17 : „Als nicht parasitäre Ursache des Sterbens wurde lange Zeit der Rauchschaden als
Folge der zunehmenden Industrie angenommen. Wenn diese Ansicht zuträfe, so
müsste das Hauptwaldgebiet von Sachsen, das Erzgebirge, das zwischen den
böhmischen und sächsischen Industriezentren liegt, in der Nähe der Städte beson-
ders starkes Sterben aufweisen. Das ist jedoch niemals der Fall gewesen. […] Das
Sterben der Tanne schließlich auf die jetzt vorherrschende Wirtschaftsform in
Sachsen zu schieben, erwies sich ebenfalls als unhaltbar. […] Die zahlreichen
Versuche und die genauen Feststellungen lassen keinen Zweifel mehr darüber zu,
daß der Läusebefall als Ursache des Tannensterbens in Frage kommt. […] So wis-sen wir nun endlich nach reichlich fünfzig Jahren, wer der Erreger unseres Tan-nensterbens ist.“
14 HAUFF, 1985: 149.
15 CLAUS, 1928: 309-312.
16 Ebd.: 309.
17 Ebd.: 310ff.
9
Trotz solcher, aus heutiger Sicht erstaunlicher Meinungen, war die Majorität der Forstwissenschaftler überzeugt, dass die Rauchschäden in Verbindung mit den großen Industriezentren und der Kohlenverbrennung standen, da allgemein bekannt war, dass „…allen voran […] die Rauchschädengeschichte Englands und Belgiens, man kann sagen seit der Steinkohle, schon große öffentliche Bedeutung erhalten [hatte]…“ 18 , wie WISLICENUS es 1907 formulierte. Diese so genannten klassischen Rauchschäden, die nur in direkter Umgebung der Emittenten zu beobachten waren, verursachten an der Vegetation typische Symptome, welche NEGER 1906 auf einer Versammlung des Sächsischen Forstvereins zu beschreiben versucht 19 : „Mehr oder weniger charakteristische Symptome [der Krankheit „Tannenster-
ben“ sind - Anm. d. Verf.] dürftige Benadlung der oberen Zweige nahe unter der
Krone, stellenweise vollkommene Entnadelung einzelner Äste, sehr reicher Flech-tenansatz. Dieser Zustand kann oft Jahre unverändert andauern, ohne dass die
Krankheit wesentliche Fortschritte macht [….] In einem fortgeschrittenen Stadium
platzt die Rinde unmittelbar über dem Boden, oft bis zu mehreren Metern Höhe.
Das endgültige Absterben erfolgt in der Regel im Laufe weniger Wochen.“
Die beschriebenen Symptome ließen sich mit der Zeit immer häufiger feststellen. Denn auf-grund der permanenten Steigerung des Kohlenkonsums, welche aus den rasch steigenden Bevölkerungszahlen und der bedeutenden Vermehrung und Vergrößerung der industriellen Anlagen resultierte, erhöhten sich die Rauchschäden in Umfang und Intensität stetig. So sorgte man sich zunehmend, dass der Nadelwald um die großen sächsischen Industriezentren herum gänzlich verschwinden könnte. Auf dem ersten deutschen Naturschutztag 1925 äußerte sich DIETRICH besorgt, dass es “…doch möglich sein [müsse], den Schwefel, der als Geißel des Waldes entweicht, abzufiltern, ehe er sein zerstörerisches Werk beginnt.“ 20 Man wollte also unbedingt Möglichkeiten finden „…um dem Rauche seine, die Vegetation schädigenden Eigenschaften zu nehmen, beziehungsweise dieselben wesentlich abzuschwächen.“ 21 Dabei sollten dem Problem der klassischen Rauchschäden bald neue Aspekte hinzutreten.
18 HAUFF ,1985: 151.
19 Ebd.: 148.
20 KLEIN, 2002: 15.
21 HAUFF, 1985: 150.
10
3.2.3 Das Problem der „neuartigen Waldschäden“ 22
Die erste Lösung, die man zur Minimierung der klassischen Rauchschäden fand, war die Errichtung riesiger Schornsteine. Bereits ab 1890, und später verstärkt ab 1960, wurden Schornsteine mit Höhen von 50 bis 300 m errichtet. Man erreichte damit eine Verringerung der Schadstoffkonzentrationen im unmittelbaren Umfeld der Verbrennungsanlagen, was freilich mit einer Verteilung auf einer wesentlich größeren Fläche erkauft wurde. Somit wurde die Diskussion über die Schädlichkeit der Industrieemissionen um den Aspekt ihrer Fernwirkung, über welche man sich Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch noch sehr uneinig war, erweitert.
Viele Wissenschaftler waren der Überzeugung, dass in Gebieten wie dem Erzgebirge die dort nun ebenso auftretende Krankheit der absterbenden Tannen unmöglich durch den Rauch verursacht werden konnte, da diese Gebiete zu weit entfernt von bewohnten Orten bzw. von der entsprechenden Industrie lagen. So formuliert NEGER 1907: „Indessen wird die Krankheit in der Sächsischen Schweiz, im Erzgebirge, im Fichtelgebirge und Thüringer Wald in Gegenden beobachtet, wo von einer Vergiftung der Atmosphäre in keiner Weise die Rede sein kann.“ 23 Doch kritische Stimmen warnten bereits um 1900, dass der Wind die schädlichen Kohlendämpfe weit treiben und damit auch weit entfernte Wälder beeinflussen könnte. Diesbezüglich äußerte SCHRÖTER: „…[D]urch die Errichtung riesiger Schornsteine [kann] ein Schaden eventuell in der näheren Umgebung derselben vermieden, jedoch oft in entferntere Gegenden übertragen [werden].“ 24 und WISLICENUS stellt fest, dass „… schädliche Gase […] nicht nachlässig ‚höheren Luftschichten’ übergeben werden [dürfen].“ 25 Zunehmend wurde damit befürchtet, dass die hohen Schornsteine als Maßnahme gegen die klassischen Rauchschäden einer großflächigeren Verteilung der Schadstoffe bis in so genannten Reinluftgebiete, welche fernab von Industrieanlagen lagen, dienten. Allerdings war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Frage um den Ferntransport von Emissionen noch Randdiskussionsthema, aber trotzdem sollten die Kritiker letztlich Recht behalten. Schon bald rückte die Diskussion um die so genannten „neuartigen Waldschäden“ in den Blickpunkt umweltpolitischer Diskussionen, da diese neuartigen Walschäden eine Intensität unbekannten Ausmaßes aufwiesen.
22 Der Begriff „neuartige Waldschäden“, der seit Mitte der 1970er Jahre Verwendung findet, kennzeichnet ein
Phänomen, bei dem kein offensichtlicher Zusammenhang zwischen Emission, Immission und Beeinträchtigung
der Waldentwicklung besteht. Waldschäden wurden nun auch auf großen Flächen in so genannten Reinluftgebie-ten, also in Wäldern fernab von Industriegebieten, lokalisiert. (Scherzinger, 1996: 263., Mayer: 1986: 353f.)
23 HAUFF, 1985: 151.
24 Ebd.: 152.
25 Ebd.: 152.
11
3.3 Die Entwicklung der Rauchschäden nach dem Zweiten Weltkrieg 26
Unterbrochen wurden die Forschungsarbeiten zu den Rauchschäden durch den zweiten Weltkrieg. Erst mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft konnte und musste das Problem der Rauchschäden weiter behandelt werden. Doch mittlerweile hatte die Wissenschaft mit einer neuen, kniffligen Aufgabe zu kämpfen. Zwar waren die lokalen Rauchschäden relativ gut erforscht und es lagen Erfahrungen vor, wie man ihnen waldbaulich begegnen konnte, jedoch eben nur für einen begrenzten Raum.
Der wirtschaftliche und politische Aufschwung nach 1945 führte schließlich dazu, dass es durch die Industrie aber auch bis zum kleinsten Haushalt zu einem enormen Anstieg des Verbrauchs an Elektroenergie kam. So entwickelte sich in der DDR die auf Stein- und Braunkohle basierende Energiewirtschaft, welche sich, nicht nur für die nah umliegenden, sondern auch für weiter entfernte Gebiete, so auch für den Erzgebirgswald, als tödlich erwies. Da die regionale Kohle einen sehr hohen Schwefelanteil hat und überdies ihre Verbrennungsgase von den Luftbewegungen konzentrisch gegen nahe gelegene Waldgebiete geführt wurden, verzeichnete man ab 1955 extreme Waldschäden im Erzgebirge. Nachdem man zunächst nur das so genannte Tannensterben beobachten konnte, wiesen nun auch andere Nadelbäume wie die, häufig in Reinbeständen angepflanzte, Fichte die gleichen Symptome auf. Das Phänomen des flächenhaften Waldsterbens war geboren. Man wusste bereits, dass es sich um Rauchschäden im Zuge der starken Industrialisierung handelte. Bei der Verbrennung der Kohle wurden Schwefel und andere Schadstoffe ausgestoßen, welche die Nadelbäume - auch wenn diese in weit entfernten Gebieten lagen - tödlich angriffen. 3.3.1 Das Problem des Ferntransportes von Emissionen für das Erzgebirge Bis Mitte der 1950er Jahre hatte sich niemand wirklich mit der Frage des Ferntransportes von Emissionen beschäftigt. Förster HELMUT KLUGE formuliert diese Situation, bezogen auf sein ehemaliges Forstrevier Deutscheinsiedel, in seinem Artikel „Nur die Buchen überlebten“ 27 wie folgt:
„Niemandem kam es bis 1950 in den Sinn, dass ihre [die 10-15 km Luftlinie ent-
fernten Kraftwerke auf tschechischer Seite - Anm. d. Verf.] Abgase fast den ge-samten Fichtenwäldern des Erzgebirges einen schnellen Tod bringen könnten. […]
Nicht einmal die berühmte Tharandter Rauchschadenschule hat diese Entwicklung
26 Vgl.: neben KADEN, 2001: 6ff. auch RANFT, 1964: 23 - 26.
27 KLUGE, 2005: 452.
12
vorausgesehen, und in dem dreibändigen Werk von 1935/43 „Die Bewirtschaftung
des erzgebirgischen Fichtenwaldes“ von Forstmeister Dr. h. c. Hermann Graser,
der jahrzehntelang das nahegelegene Forstamt Zöblitz geleitet hat, steht kein
Hinweis auf eine solche tödliche Gefahr.“
Jetzt standen Forstwissenschaftler und Förster also vor dem Problem des raschen und großflächigen Waldsterbens in den für den Waldbau an sich ungünstigen Lagen des oberen Erzgebirges, gegen das keine Gegenmaßnahmen bekannt waren.
Ab 1956 konnte eine deutliche Zunahme der Waldschäden auf deutscher sowie auf tschechischer Seite, wo die Schäden bereits früher festgestellt worden waren, beobachtet werden. So schreibt Forstmeister HORST RANFT in den Sächsischen Heimatblättern 1964 28 : „Unter Ausnutzung der Braunkohlelager greift die industrielle Entwicklung im
nordböhmischen Becken rasch um sich. Die Anballung von Industrieanlagen führt
zwangsläufig zu Luftverunreinigungen mannigfaltiger Art, die in diesem Falle von
der Luftströmung von den 15 bis 25 km entfernten Rauchquellen […] an den
Kamm des Erzgebirges herangeführt werden und sich hier schädigend auswirken.“
Für die Vegetation der höheren Lagen des Erzgebirges bedeutete dies, dass sich zu den ohnehin schon ungünstigen Klimafaktoren nun noch verstärkt der schädigende Raucheinfluss gesellte. Hauptverursacher der Waldschäden im Erzgebirge war das Schwefeldioxid, welches, zusammen mit Ruß und Staub, durch bestimmte Wetterlagen und v. a. der O-SO Luftbewegung die Fichtenwälder der oberen Lagen angriff. Erste Messwerte zur Konzentration des SO 2 in der Luft wurden in den 1960er Jahren gewonnen. Sie zeigten bereits einen deutlichen Anteil von Schadstoffen in der Luft. Erschreckend waren besonders die in dem auf der Hochebene des Erzgebirges gelegenen Örtchen Deutscheinsiedel 1965 gemessenen Spitzenwerte von 2,5 mg/m³ bzw. von 3,0 mg/m³ (im Winter) Schwefeldioxid, v. a. da bekannt war, dass bereits bei einer Konzentration von 0,08 mg/m³ das Auftreten von Vegetationsschäden möglich war. Der Grenzwert zum Schutz der menschlichen Gesundheit, nach dem damals geltenden Landeskulturgesetz, lag bei einem Wert von 0,15 mg/m³ bis 0,30 mg/m³ Kurzzeitbeeinträchtigung. Der gemessene Langzeitwert (24h) in diesem Dorf lag aber deutlich darüber, nämlich bei 0,37 mg/m³. Aber auch in anderen Orten des Erzgebirges wurden gefährliche Langzeitwerte gemessen, so z. B. in Cämmerswalde 0,15 mg/m³ und in Nassau 0,13 mg/m³. 29
28 RANFT, 1964: 23f.
29 Werte siehe: KADEN, 2001: 12.
13
3.3.2 Die Zunahme der Emissionen 30
Obwohl die bis 1964 geschädigten Waldflächen im akut betroffenen Gebiet Deutscheinsiedel-Deutscheudorf mit zirka 1.000 ha ausgewiesen wurden und zudem wohl bekannt war, dass bei einem weiteren Ausbau der Kohleveredlung im nordböhmischen Braunkohlebecken mit einem fortlaufenden Anstieg der Schadstoffimmissionen und somit mit zunehmenden Schäden zu rechnen sei, unternahmen die Regierungen der DDR und der ČSSR keine Eingriffe gegen die Ursachen der steigenden Luftverunreinigung.
Ganz im Gegenteil: Das Sterben des erzgebirgischen Waldes wurde zugunsten des zunehmenden Ausbaus der braunkohlebasierten Energiewirtschaft billigend in Kauf genommen, ohne dass man sich um effektive Abgasreinigung bemüht hätte.
Da sich der weitaus größere Teil der erzgebirgischen Wälder auf dem Gebiet der ČSSR be-fand und den Schadstoffquellen am nächsten lag, traten die Schäden hier auch wesentlich früher als auf deutscher Seite auf. Mitte der 1960er Jahre war im tschechischen Teil des Osterzgebirges eine Waldfläche von rund 50.000 ha mit teilweise hohen und höchsten Schadstufen ausgewiesen. Hier wurden zeitweise Schwefeldioxidkonzentrationen von bis zu 14,9 mg/m³ Luft gemessen. Dieser recht hoffnungslose Zustand führte in der ČSSR allerdings nicht zu der Meinung, etwas gegen die Verursacher unternehmen zu müssen, sondern zu der aus heutiger Sicht kaum nachzuvollziehenden „Strategie“, Waldbau erst dann wieder zu betreiben, wenn die Kohlelager erschöpft bzw. abgebaut sind. „So hatte z. B. die Konferenz von Flaje 1978 eine ‚volkswirtschaftlich notwendige’ Steigerung der Immissionen in Nordböhmen bis zum Jahr 2020 avisiert.“ 31 Bis dahin war, so die Meinung der Tagenden, eine Erhöhung des Schadstoffausstoßes, v. a. von SO 2 , unvermeidbar. Aufgrund dieses Standpunktes erfolgte eine Erweiterung des Ausbaues der auf der schwefelhaltigen Kohle basierenden Energiewirtschaft und der chemischen Industrie v. a. in Nordböhmen, was die Lage des Waldsterbens weiter verschärfte.
Doch auch die Emittenten der DDR waren auf Zuwachs programmiert, ohne dass eine effektive Abgasreinigung in der notwendigen Größenordnung technisch möglich war. In den 1980er Jahren, als Reinigungstechnologien für den großtechnischen Einsatz endlich zur Verfügung standen, wurde ihr Einsatz unter den gegebenen ökonomischen und politischen Bedingungen der DDR nicht einmal ernsthaft in Erwägung gezogen.
Da folglich keine Beseitigung der Ursachen der Schadstoffimmissionen in Aussicht stand, sondern im Gegenteil durch den Ausbau der Industrien noch verstärkt wurde, musste man sich
30 Kapitel 3.3.2 Vgl.: KADEN, 2001: 6.
31 DITTRICH, 2006 :89.
14
auf Seiten der Forstwirtschaft zunehmend mit dem ernsten Problem des Waldsterbens befassen und Gegenmaßnahmen entwickeln
3.3.3 Forstwirtschaftliche Maßnahmen gegen das Waldsterben 32
Aufgrund der sich weiter verstärkenden Waldschäden und der Tatsache, dass eine Beseitigung der Ursachen nicht realisierbar war, wurde 1952 die Tharandter Rauchschadenforschung von ZIEGER wieder aufgenommen. Ab 1963 begann man dann, die Waldbestände der DDR hinsichtlich Gefährdung und Schädigung systematisch zu kartieren. Seit 1977 wurden die Schäden anhand von Luftbildaufnahmen mit Spektrozonalfilm erfasst. Bei diesen Erfassungen stellte man fest, dass überwiegend Fichten und Kiefern geschädigt waren. Zudem erkannte man, dass die Intensität des Rauchgaseinflusses nicht linear mit der Entfernung zur Quelle abnahm, vielmehr wechselten sich relativ unbeschadete Gebiete mit solcher maximalen Schädigung ab.
3.3.3.1 Waldgefährdungszonen im Erzgebirge
In den oberen Lagen des Erzgebirges befanden sich die am stärksten geschädigten Gebiete, die sich klimatisch durch stärkere Temperaturschwankungen, erhöhte Strahlung, stärkere Winde und somit höherer Verdunstung charakterisieren ließen. Da der Einfluss von SO 2 wesentlich von der Länge der Vegetationszeit, der Durchschnittstemperatur, der Niederschlagsmenge und der Luftfeuchtigkeit, der Orthographie des Geländes und den Luftströmungen und deren Geschwindigkeit bestimmt wird, wurden folgende Waldgefährdungszonen 33 beschrieben, welche die spätere Grundlage für die weitere Behandlung, Bewirtschaftung und Um-wandlung der geschädigten und gefährdeten Bestände bildeten:
32 Gesamtes Kapitel 3.3.3 Vgl.: DITTRICH, 2006: 77ff.
33 Vgl.: KADEN, 2001: 7f.
15
Arbeit zitieren:
Claudia Kolbe, 2006, Waldschäden im Erzgebirge – Fachliche Grundlegung und Umsetzung für eine Unterrichtseinheit für den Grundkurs 12, München, GRIN Verlag GmbH
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