Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis iii
Abbildungsverzeichnis iv
Tabellenverzeichnis vi
1. Einführung 1
2. Theoretischer Hintergrund 4
2.1. Belastungs-Beanspruchungs-Konzept 4
2.2. Arbeitszeit 6
2.2.1. Risiken langer Arbeitszeiten 8
2.2.2. Überstundenarbeit 10
2.3. Zur Wahl der Methode 12
3. Fragestellung 14
4. Methode 17
4.1. Zeitreihenanalye 17
4.1.1. Univariate Zeitreihenanalyse 18
4.1.2. Bivariate Zeitreihenanalyse 19
4.1.3. Univariate Spektralanalyse 21
4.1.4. Bivariate Spektralanalyse 24
4.1.5. Bereinigung von Zeitreihen 27
5. Datenbasis 29
5.1. Stichprobe 29
5.2. Krankenstand 30
5.3. Freischichten 30
5.4. Unfallbedingter Krankenstand 30
5.5. Personalstand 31
6. Ergebnisse der univariaten Zeitreihenanalyse 32
ii Inhaltsverzeichnis
6.1. Bereinigung der Zeitreihen 32
6.1.1. Krankenstand 32
6.1.2. Unfallbedingter Krankenstand 35
6.1.3. Freischichten 37
6.1.4. Personalstand 39
6.1.5. Zusammenfassung der Zeitreihenbereinigung 41
7. Ergebnisse der bivariaten Zeitreihenanalyse 42
7.1. Freischichten und Personalstand 42
7.1.1. Ergebnisse der Kreuzkorrelationen 43
7.1.2. Ergebnisse der bivariaten Spektralanalyse 46
7.2. Krankenstand und Personalstand 48
7.2.1. Ergebnisse der Kreuzkorrelationen 48
7.2.2. Ergebnisse der bivariaten Spektralanalyse 51
7.3. Krankenstand und Freischichtstand 52
7.3.1. Ergebnisse der Kreuzkorrelationen 52
7.3.2. Ergebnisse der bivariaten Spektralanalyse 56
7.4. Unfallbedingter Krankenstand und Personalstand 57
7.5. Unfallbedingter Krankenstand und Freischichten 59
7.6. Unfallbereinigter und unfallbedingter Krankenstand 61
7.7. Zusammenfassung der bivariaten Analysen 63
8. Diskussion 65
8.1. Diskussion der Fragestellungen 65
9. Ausblick 77
10. Zusammenfassung 80
Literaturverzeichnis 81
A. Anhang 84
A.1. Periodogramme der Zeitreihen UKS und PS 84
A.2. Verlauf und ACF der Zeitreihe FSdiff 85
A 3 Bereinigungsmodell und CCFs der Zeitreihe KS-UKS 86
Abkürzungsverzeichnis
ArbZG . . . . . . . . Arbeitszeitgesetz
BAuA . . . . . . . . . Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
FSdiff . . . . . . . . . Monatliche Überstundenarbeit
KAPOVAZ . . . . Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit
ACF . . . . . . . . . . . Autokorrelationsfunktion (Autocorrelation Function)
ArbSchG . . . . . . Arbeitsschutzgesetz
BBM . . . . . . . . . . Belastungs-Beanspruchungs-Modell
CCF . . . . . . . . . . . Kreuzkorrelationsfunktion (Cross-Correlation Function)
FS . . . . . . . . . . . . . Freischichtstand
KS . . . . . . . . . . . . . Krankenstand
KS-UKS . . . . . . . Unfallbereinigter Krankenstand
MAK-Werte . . . Maximale Arbeitsplatz-Konzentration für toxische Stoffe am Arbeitsplatz
PS . . . . . . . . . . . . . Personalstand
SGB . . . . . . . . . . . Sozialgesetzbuch
UKS . . . . . . . . . . . Unfallbedingter Krankenstand
Abbildungsverzeichnis
2.1. Belastungs-Beanspruchungs-Modell 5
4.1. Autokorrelation 19
4.2. Verschiebung um eine Zeiteinheit nach rechts 20
4.3. Verschiebung um eine Zeiteinheit nach links 21
4.4. Abbildung einer Rechteckfunktion durch Sinusfunktionen 22
4.5. Periodogramm und ACF der Zeitreihe KS 23
4.6. Zwei Sinusfunktionen und ihre Kohärenz 25
4.8. Gaindiagramm der Zeitreihen FS und KS 27
6.1. Bereingungsmodell und ACF der Zeitreihe KS 33
6.2. Verlauf und ACF der Zeitreihe KS, Residuen 34
6.3. Verlauf und ACF der Zeitreihe UKS 36
6.4. Bereinigungsmodell und ACF der Zeitreihe FS 37
6.5. Verlauf und ACF der Zeitreihe FS, Residuen 38
6.6. Bereinigungsmodell und ACF der Zeitreihe PS 39
6.7. Verlauf und ACF der Zeitreihe PS, Residuen 40
7.1. Verläufe der bereinigten Zeitreihen FS und PS 43
7.2. CCF der Zeitreihen FS und PS 44
7.3. Feedback-Beziehung der Zeitreihen FS und PS 45
7.4. Ergebnisse der Spektralanalyse der Zeitreihen FS und PS 47
7.5. CCF der Zeitreihen PS und KS 48
7.6. Zusammenhänge der Zeitreihen KS, FS und PS 50
7.7. Ergebnisse der Spektralanalyse der Zeitreihen KS und PS 52
7.8. CCF der Zeitreihen FS und KS 53
7.9. CCF der Zeitreihen FSdiff und KS 55
7.10. Ergebnisse der Spektralanalyse der Zeitreihen KS und FS 56
7.11. CCF der Zeitreihen PS und UKS 58
7.12. Beziehungen der Zeitreihen UKS, FS und PS 59
7.13. CCF der Zeitreihen FS und UKS 60
7.14. CCF der Zeitreihen UKS und FSdiff 61
Abbildungsverzeichnis v
7.15. CCF der Zeitreihen UKS und KS-UKS 62
A.1. Periodogramm der Zeitreihe UKS 84
A.2. Periodogramm der Zeitreihe PS 85
A.3. Sequenzdiagramm der Zeitreihe FSdiff 85
A.4. Autokorrelation der Zeitreihe FSdiff 86
A.5. Verlauf und Bereinigungsmodell der Zeitreihe KS-UKS 86
A.6. CCF Zeitreihen KS-UKS und FS 87
A 7 CCF der Zeitreihen KS-UKS und PS 87
Tabellenverzeichnis
6.1. Alle in den untersuchten Zeitreihen ermittelten kontaminierenden
Komponenten 41
7.1. Alle signifikanten Kreuzkorrelationen 64
A 1 Korrelationskoeffizienten der Kreuzkorrelationen 88
KAPITEL 1
Einführung
Unternehmen stehen aufgrund wachsender und sich ständig ändernder Markt-und Produktionsanforderungen vor immer größeren Herausforderungen. Eine Voraussetzung, um diesen Anforderungen gerecht zu werden und dauerhaft am Markt bestehen zu können, ist die Fähigkeit eines Unternehmens, schnell und flexibel auf Nachfrage- und Produktionsspitzen reagieren zu können. Um ein hohes Maß an Reagibilität zu erreichen, sollen die Arbeitszeiten der Mitarbeiter möglichst flexibel gestaltet werden. Flexible Arbeitszeitsysteme ermöglichen es, die Arbeitszeitvolumen der Mitarbeiter fortlaufend den sich ändernden Anforderungen anzupassen. Eine von vielen Möglichkeiten, Arbeitszeiten flexibel zu gestalten, ist die Einführung sogenannter Arbeitszeitkontenmodelle. Solche Modelle ermöglichen in der Regel transitorische Überstundenarbeit, die es den Unternehmen wiederum gestattet, das Arbeitszeitvolumen der Mitarbeiter je nach Bedarf - welcher angeblich nicht planbar ist - entweder nach oben oder nach unten anzupassen. In Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs können die Arbeitszeiten der Mitarbeiter mittels transitorischer Überstunden ausgedehnt werden, in Zeiten von Minderproduktion und konjunkturellen Einbrüchen kann geleistete Mehrarbeit hingegen ausgeglichen werden. Von Arbeitgeberseite wird immer wieder hervorgehoben, dass Flexibilisierungsmaßnahmen bezüglich der Arbeitszeit Arbeitsplätze sichern, die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und außerdem den Arbeitnehmern eine höhere Zeitsouveränität ermöglichen. In der Vergangenheit hat sich allerdings gezeigt, dass Arbeitszeitkontensysteme nicht nur Vorteile für die Arbeitnehmer mit sich bringen, sondern auch zu erheblichen Problemen führen können. In Unternehmen, in denen keine Höchstgrenze für Zeitguthaben festgelegt wird, kann es zu erheblichen Anhäufungen von Überstunden kommen, sodass ein Überstundenausgleich innerhalb eines angemessenen Zeitraums oft nicht mehr möglich ist. Überstun- dennutzung unter dem Zeitverschiebungsaspekt kann entsprechend dazu führen,
dass die Arbeitszeit unter dem Dach der Überstundenarbeit ausgedehnt wird. Dies ist der Fall, wenn das betriebliche Arbeitsvolumen dauerhaft nur unter Einbezug von Überstunden erreicht wird, Überstunden also die Regel sind und nicht die Ausnahme. In solchen Fällen verlieren Überstunden allerdings ihren Flexibilisierungscharakter. Infolge von Überstundenarbeit kommt es so in vielen deutschen Unternehmen zu einer permanenten Erhöhung der vertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeit, wobei als gesichert gelten kann, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen (Rücken-, Magen-, Herzbeschwerden, allgemeine Ermüdung etc.) mit Zunahme der wöchentlichen Arbeitszeit ebenfalls zunehmen (Nachreiner, Rädiker, Janßen & Schomann, 2005). Des Weiteren erhöht sich bei längeren Arbeitszeiten das Unfallrisiko (Akkermann & Nachreiner, 2001). Der Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten, gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Unfallrisiko wird im Allgemeinen dadurch erklärt, dass mit der Ausdehnung der Arbeitszeit (Expositionsdauer) die Belastung und Beanspruchung zunimmt und es aufgrund dessen zu negativen kurz- und längerfristigen Beanspruchungsfolgen kommt.
Zur Analyse von Zusammenhängen zwischen Arbeitszeit und gesundheitlichen Beeinträchtigungen wurden oft Daten aus Befragungen zur Arbeitszeit und zum subjektiven Wohlbefinden herangezogen. In der vorliegenden Untersuchung werden die Berechnungen mit sogenannten harten Fakten bzw. mit nichtreaktiven Betriebsdaten eines deutschen Automobilherstellers durchgeführt. Im Folgenden wird mit zeitreihenanalytischen Methoden geprüft, ob es mit passiv erfassten Betriebsdaten möglich ist, einen direkten und/oder zeitversetzten Zusammenhang zwischen Arbeitszeitausdehnung (mittels transitorischer Über-stunden) und krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten aufzuzeigen. Auch wenn die betrieblichen Fehlzeiten 1 in den letzten Jahrzehnten stetig zurückgegangen sind, sind die Folgekosten nicht zu unterschätzen. Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ergaben, dass Fehlzeiten im Jahr 2006 einen Produktionsausfall von 36 Mrd. Euro verursachten (BKK Gesundheitsreport, 2009).
Existiert tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Akkumulation von transitorischen Überstunden und krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten, sollten Unternehmen mit Arbeitszeitkontenmodellen in ihren Kosten-Nutzen-Rechnungen nicht nur die vermeintlichen Vorteile berücksichtigen, die mit flexiblen Arbeitszeitsystemen einhergehen, sondern auch die Folgekosten, die durch eine Zunahme der krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten verursacht
1 Wenn in dieser Arbeit von Fehlzeiten gesprochen wird, sind ausschließlich die krankheits-
und unfallbedingten Fehlzeiten gemeint.
werden. Folglich müssten sich Unternehmen die Frage stellen, ob Arbeitszeitsysteme, die hohe Überstundenvolumen zulassen, tatsächlich ökonomischen Kriterien entsprechen bzw. Humankriterien gerecht werden.
Ferner soll in der vorliegenden Analyse untersucht werden, ob die Ergebnisse zeitreihenanalytischer Berechnungen nutzbar gemacht werden können, um die betriebliche Arbeitszeitgestaltung und Personalplanung zu optimieren. Da sich in der Vergangenheit zeitreihenanalytische Methoden als vielversprechende Instrumente erwiesen haben, arbeitswissenschaftliche Fragestellungen zu be-antworten, sollen abschließend die in dieser Arbeit angewandten Methoden auf ihre Tauglichkeit hin überprüft werden, vom Unternehmen erfasste Daten auszuwerten.
KAPITEL 2
Theoretischer Hintergrund
2.1. Belastungs-Beanspruchungs-Konzept
Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell (BBM) wird in dieser Arbeit zur Erklärung krankheits- und unfallbedingter Fehlzeiten herangezogen. In den verschiedenen arbeitswissenschaftlichen Disziplinen ist das BBM ein leitender theoretischer Entwurf, um Arbeitsbedingungen insbesondere in ihren negativen physischen und psychischen Auswirkungen auf den Menschen zu untersuchen (vgl. Frieling & Sonntag, 1999). Eine umfassende Einführung in das BBM findet sich bei Schmidkte (1993) und Ulich (2005). Um einen einheitlichen Sprachgebrauch unter Wissenschaftlern und im Bereich Ergonomie zu gewährleisten, werden die Begriffe Belastung und Beanspruchung in der internationalen Norm DIN EN ISO-10075-1 verbindlich definiert. In der internationalen Norm wird die psychische Belastung als die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse definiert, was die Arbeitszeit selbstverständlich mit einbezieht, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. Die Beanspruchung ist die unmittelbare (nicht die langfristige) Folge der Belastung, wobei die Beanspruchung von den jeweiligen Voraussetzungen und Bewältigungsstrategien des Individuums abhängt und die Beanspruchungsfolgen negativ oder positiv sein können. Im Idealfall kommt es infolge von (Arbeits-) Belastung kurzfristig zu positiven Beanspruchungsfolgen wie z. B. Aufwärmeffekten oder Aktivierung. Längerfristig kann eine optimierte Belastung bzw. eine ergonomische Arbeits-und Arbeitszeitgestaltung zu Lerneffekten führen und den Erwerb neuer Kompetenzen fördern. Belastung kann daher positive Effekte auf den Arbeitenden haben. Kurzfristige negative Beanspruchungsfolgen sind z. B. Ermüdung, Sättigung und herabgesetzte Wachsamkeit (vgl. DIN EN ISO-10075-1). Langfristig kann eine Fehlbeanspruchung gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich
ziehen. Schmidkte (1993) definiert die Belastung B als eine Funktion der Belastungsdauer D und der Belastungsintensität I (B=f(ID)) und die Beanspruchung als eine physiologische Reaktion auf die einwirkende Belastung. Die Belastung ergibt sich dementsprechend aus der Belastungsdauer und der Belastungsintensität. Diese Belastungsfunktion verdeutlicht, dass sich die Arbeitsbelastung zum einen durch eine Modifikation der Arbeitsintensität und zum anderen durch eine Regulierung der Arbeitszeit optimieren lässt, wobei die Arbeitszeit die Überstundenarbeitszeit mit einschließt. Auf diesem Hintergrund wird die Arbeitszeitgestaltung oft als die zweite Dimension der Arbeitsgestaltung angesehen, weil nicht die Intensität der Arbeit, sondern die zeitliche Erstreckung der Arbeit gestaltet wird. Ziel der Arbeitszeitgestaltung ist es, durch die Begrenzung der Belastungsdauer bei gegebener Belastungsschwere einen Schutz vor Fehlbeanspruchungen zu erreichen (Rutenfranz, Knauth & Nachreiner, 1993). Berücksichtigt man nun die Zielsetzung der Arbeitszeitgestaltung und die An-
Abbildung2.1: Belastungs-Beanspruchungs-Modell zur Erklärung von krankheits-und unfallbedingten Fehlzeiten
nahme, dass Belastung zu Beanspruchung führt, die wiederum dysfunktionale bzw. negative Beanspruchungsfolgen nach sich ziehen kann, wird nachvollziehbar, warum das BBM ein geeignetes Erklärungsmodell ist, um den Zusammenhang zwischen Überstunden bzw. langen Arbeitszeiten und krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten zu erklären. Langfristige und kurzfristige dysfunktionale Beanspruchungsfolgen werden im Folgenden als krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten operationalisiert. Aus dem BBM für Nacht- und Schichtarbeit (vgl. Rutenfranz et al., 1993) wurde zur Klärung der vorliegenden Fragestellung das Modell in Abbildung 2.1 abgeleitet. Das Modell veranschaulicht den kausalen Zusammenhang zwischen Überstundenarbeit, also der Belastung, und krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten. Ferner berücksichtigt das Modell
die Variable Personalstand, die in dieser Arbeit wichtig ist und voraussichtlich direkt und indirekt - über die Steuerung der Mehrarbeit bzw. der Belastungdie betrieblichen Fehlzeiten beeinflusst. Kommt es nun in einem Betrieb infolge hoher Auslastung und unzureichender Personalausstattung zu kontinuierlicher Überstundenarbeit, steigt die tägliche, wöchentliche und monatliche Arbeitszeit bzw. Belastungsdauer. Weil längere Arbeitszeiten die Folge von Überstundenarbeit sind, ist bei anhaltender Überstundenarbeit entsprechend mit den negativen Beanspruchungsfolgen zu rechnen, die mit langen Arbeitszeiten assoziiert werden und aus der Arbeitszeitforschung bekannt sind, sowie mit einer Zunahme der krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten.
2.2. Arbeitszeit
Bei der Gestaltung menschengerechter Arbeit ist die Arbeitszeit ein zentrales Gestaltungselement. Im 19. Jahrhundert wurde mit dem Preußischen Regulativ, welches die Arbeitszeit für Kinder und Jugendliche gesetzlich beschränkte, der Gesundheitsschutz eingeleitet. Heute gibt es verschiedene Richtlinien zur Arbeitszeitregelung, u. a. das Arbeitszeitgesetz (ArbZG), das die Arbeitszeit regeln soll. Die wesentlichen Gestaltungselemente der Arbeitszeit sind Dauer, Lage, Dynamik, Vorhersehbarkeit, Dispositionsspielraum und Variabilität (vgl. Rutenfranz et al., 1993; Janßen & Nachreiner, 2004). In dieser Arbeit wird lediglich die Auswirkung der Arbeitsdauer auf die krankheits- und unfallbedingten Fehlzeiten untersucht. Denkbar ist aber, dass sich hohe Variabilitäten, geringe Dispositionsspielräume und eine unzuverlässige Vorhersehbarkeit der Arbeitszeit ebenfalls negativ auf die betrieblichen Fehlzeiten auswirken. Bei der Gestaltung von Arbeit sowie bei der Gestaltung von Arbeitszeit sollten die von Hacker definierten und hierarchisch strukturierten Humankriterien der Ausführbarkeit, Schädigungslosigkeit, Beeinträchtigungsfreiheit und der Persönlichkeitsförderlichkeit (vgl. Hacker, 1998) berücksichtigt werden. Die zeitliche Erstreckung der Arbeit sollte daher immer so gestaltet sein, dass Menschen ihrer Arbeit nachgehen können, ohne gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen zu erleiden. Sind diese Grundvoraussetzungen erfüllt, sollte die Arbeitszeit darüber hinaus so gestaltet werden, dass sie den Arbeitenden dabei unterstützt, sich während der Ausübung seiner Arbeit persönlich weiterzuentwickeln.
In den letzten Jahren ist jedoch eine Tendenz zu beobachten, die Arbeitszeit zu flexibilisieren und über die Normalarbeitszeit 1 hinaus auszudehnen (z. B. mittels KAPOVAZ 2 oder Überstunden), um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhöhen (Beermann, 2004). Die gesundheitlichen Risiken, die langfristig mit einer extensiven Flexibilisierung oder Ausdehnung der Arbeitszeit einhergehen, werden in der Regel nur ungenügend berücksichtigt. Das liegt u.a. auch daran, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen einen erheblichen Spielraum zulassen, die Arbeitszeit auszudehnen bzw. zu flexibilisieren. So darf laut ArbZG z. B. die wöchentliche Arbeitszeit unter der Voraussetzung, dass innerhalb von 24 Wochen eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von acht Stunden nicht überschritten wird, auf 60 Stunden ausgedehnt werden (vgl. §3 des ArbZG). Solche gesetzlichen Regelungen sind aus arbeitswissenschaftlicher Perspektive kritisch zu bewerten, weil sie nicht selten zu einer Massierung von Arbeitszeit führen. Eine Massierung von Arbeitszeit sollte weitestgehend vermieden werden, weil sie eine erhöhte Belastung für die Beschäftigten darstellt, deren Folge eine Zunahme der körperlichen und psychischen Gesundheitsrisiken sowie eine Erhöhung des Unfallrisikos sein kann (vgl. Janßen & Nachreiner, 2004). Darüber hinaus macht eine Massierung von Arbeitszeit einen erhöhten Zeitbedarf zur Kompensation der Beanspruchungsfolgen notwendig (Nachreiner, Mesenholl & Mehl, 1993). Ein weiteres Problem stellen die MAK-Werte in diesem Zusammenhang 3 dar, weil sie in der Regel nur für einen Achtstundentag ausgelegt sind. Somit ist davon auszugehen, dass bei einer Ausdehnung der Arbeitszeit über mehr als acht Stunden die maximal zulässige Menge toxischer Stoffe überschritten wird und aufgrund dessen die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsfreiheit (vgl. ArbSchG §5) nicht mehr garantiert werden kann. Für Unternehmen stehen meistens die betrieblichen Belange wie Flexibilität, Kostenreduktion und Effizienzsteigerung im Vordergrund, obwohl aus arbeitswissenschaftlichen Untersuchungen hinlänglich bekannt ist, dass sowohl eine Ausdehnung (Rüters, 2008) als auch eine Flexibilisierung (Wirtz, 2007) der Arbeitszeit zu gesundheitlichen und sozialen Beeinträchtigungen führt und außerdem das Unfallrisiko erhöht (Akkermann & Nachreiner, 2001). Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass eine Ausdehnung der Arbeitszeit nicht zu der gewünschten Effizienzsteigerung führt, sondern zu einer ineffizienteren Arbeitsleistung (vgl. Beermann, 2004). Es sollte daher kritisch hinterfragt werden, ob die von Hacker definierten Humankriterien der Ausführbarkeit, Schädigungslosigkeit, Beeinträchtigungsfreiheit und der Per-
1Vollbeschäftigung, ca. 35-40 Stunden pro Woche
2 Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit. Der Dispositionsspielraum liegt ausschließlich
beim Arbeitgeber.
3 Die Maximale Arbeitsplatz-Konzentration für toxische Stoffe am Arbeitsplatz
sönlichkeitsförderlichkeit bei einer Ausdehnung und/oder Flexibilisierung von Arbeitszeiten noch erfüllt werden können und ob eine Ausdehnung der Arbeitszeit (z. B. mittels Überstunden) wirklich zu einer Produktivitätssteigerung führt. Im folgenden Absatz werden die Risiken langer Arbeitszeiten dargelegt.
2.2.1. Risiken langer Arbeitszeiten
Es ist hinreichend belegt, dass ein Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen existiert (Spurgeon, Harrington & Cooper, 1997), wenn auch die Datenlage diesbezüglich immer noch recht lückenhaft ist, weil es an spezifischer Forschung fehlt (vgl. Rädiker, 2005) und konfundierende Variablen in vielen empirischen Untersuchungen ein Problem darstellen (Beermann, 2004). Es gibt unterschiedliche Formen langer Arbeitszeiten: Lange Arbeitszeiten können u. a. durch Überstunden, flexible Arbeitszeitsysteme oder lange Schichten verursacht werden. Wie bereits dargelegt, werden in dieser Arbeit ausschließlich lange Arbeitszeiten untersucht, die die Folge von regelmäßiger Überstundenarbeit sind.
Lange Arbeitszeiten werden in der Regel mit Schlafstörungen, kardiovaskulären, gastrointestinalen und psychischen Problemen sowie Leistungsbeeinträchtigungen und Unfällen assoziiert (Beermann, 2004; Dembe, Erickson, Delbos & Banks, 2005). Rädiker, Janßen, Schomann & Nachreiner (2006) konnten signifikante Zusammenhänge zwischen der Wochenarbeitszeit, insbesondere wenn sie 39 Stunden pro Woche übersteigt, und muskuloskelettalen, psychovegetativen sowie allgemeinen Erkrankungen aufzeigen. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse der von Rädiker et al. (2006) durchgeführten sekundäranalytischen Untersuchung, dass die gesundheitlichen Beschwerden zunehmen, je häufiger innerhalb eines Monats mehr als zehn Stunden (>10 Std.) täglich gearbeitet wird. Daraus kann geschlossen werden, dass sowohl lange tägliche als auch lange wöchentliche Arbeitszeiten einen Risikofaktor für die betroffenen Mitarbeiter darstellen. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der berücksichtigt werden sollte, ist die Akkumulation von Arbeitszeiten. Die Befunde der Untersuchung Extended Working Hours and Health (Rädiker et al., 2006) deuten ebenfalls darauf hin, dass lange Arbeitszeiten nur für einen begrenzten Zeitraum schädigungslos bewältigt werden können und dass eine Akkumulation von Arbeitszeit über einen längeren Zeitraum zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. Ein weiteres Problem sind die durch lange Arbeitszeiten verursachten kürzeren Regenerationszeiten. Die von Hulst, Veldhoven & Beckers (2006) durchgeführte Untersuchung Overtime and Need for Recovery in Relation of Job Demands and Job Control deutet darauf hin, dass hohe Arbeitsanforderungen, wenig Kontrolle
und lange Arbeitszeiten einen kumulativen Effekt auf die benötigen Regenerationszeiten haben. Das bedeutet, dass Personen, die an ihrem Arbeitsplatz diesen drei Faktoren ausgesetzt sind, besonders lange Ruhezeiten benötigen, um sich vollständig von ihrer Arbeitsbeanspruchung zu regenerieren. Bei der hier untersuchten Stichprobe handelt es sich um Montagearbeiter, die an getakteten Fließbändern arbeiten. Somit haben sie wenig Kontrolle über ihre ausgeübte Tätigkeit und sind zusätzlich hohen physischen (z. B. permanentes Stehen) und psychischen (z. B. Zeitdruck) Anforderungen ausgesetzt. Möglicherweise führen lange Arbeitszeiten nicht selten dazu, dass sich die betroffenen Mitarbeiter in ihrer zur Verfügung stehenden freien Zeit nicht vollständig erholen können. Daher wirken sich lange Arbeitszeiten in zweierlei Hinsicht negativ aus: Zum einen verkürzen sie die Ruhezeiten und zum anderen machen sie längere Regenerationszeiten notwendig, weil sie eine Akkumulation von Arbeitszeit bzw. Belastung zur Folge haben. Infolgedessen kann es dann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen.
Ergebnisse der Arbeitszeitforschung belegen ferner, dass das Unfallrisiko mit Ausdehnung der Arbeitszeit zunimmt (Akkermann & Nachreiner, 2001). Untersuchungen zeigen, dass durch lange Arbeitszeiten circadiane Rhythmen aus dem Gleichgewicht gebracht werden, was in Kombination mit Schlafmangel und Ermüdung zu einer ineffizienteren Arbeitsleistung führt und infolgedessen das Unfallrisiko zunimmt (Harrington, 2001). Des Weiteren fand man heraus, dass das Unfallrisiko jenseits der 8. Stunde exponentiell ansteigt (Akkermann & Nachreiner, 2001; Hänecke, Tiedemann, Nachreiner & Grzech-Sukalo, 1998). Vernon konnte in Untersuchungen in einer Munitionsfabrik zeigen, dass 12-Stunden-Schichten im Vergleich zu 8-Stunden-Schichten eine 1,5 bis 2-fach erhöhte Unfallrate aufweisen (Vernon, 1923 & 1940, zitiert nach Beermann, 2004). Somit stellen Arbeitstage, die sich über mehr als acht Stunden erstrecken, ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für die Beschäftigten dar. Dieser Sachverhalt wird dadurch erklärt, dass die Arbeit aufgrund von Ermüdungserscheinungen am Ende einer Schicht ineffektiver ist als zu Beginn einer Schicht, wenn die Mitarbeiter noch frisch und ausgeruht sind. Neben langen täglichen Arbeitszeiten können auch lange wöchentliche Arbeitszeiten als ein Sicherheitsrisiko gewertet werden. Im produzierenden Gewerbe verdoppelt sich das Unfallrisiko bei einer wöchentlichen Arbeitszeit >50 Stunden (Dong, 2005). Untersuchungen von Schmidtke zeigen, dass Ermüdungserscheinungen und Stresssymptome mit der Arbeitsbelastung, die eine Funktion der Arbeitsintensität I und der Arbeitsdauer D ist (vgl. Abs. 2.1), zunehmen (Schmidkte, 1993). Wird nun die Arbeitszeit (z. B. mittels Überstunden) ausgedehnt, steigt die Belastung und die beeinträchtigenden Effekte nehmen zu. Die Folge ist eine Zunahme von Verhaltensfehlern und Unfällen.
2.2.2. Überstundenarbeit
Auch wenn sich in Deutschland der 8-Stunden-Arbeitstag durchgesetzt hat, sind lange Arbeitszeiten und Überstunden noch weit verbreitet (Hänecke et al., 1998). Überstundenarbeit wird von Unternehmen als probates Hilfsmittel angesehen, um Arbeitszeitvolumen je nach Bedarf nach oben anzupassen. In der Regel sollen mit Hilfe von Überstunden Nachfrage- und Produktionsspitzen abgebaut oder aufgefangen werden.
Allgemein werden jene geleisteten Arbeitsstunden, die über die vertraglich vereinbarte regelmäßige Arbeitszeit hinausgehen, als Überstunden bezeichnet. Im traditionellen Sinne ist Überstundenarbeit die Möglichkeit, die alltägliche Arbeitszeit je nach Bedarf flexibel zu gestalten bzw. auszudehnen (Bellmann & Gewiese, 2003). Andere Varianten der Überstundennutzung ergeben sich aus dem Zeitverschiebungsaspekt. Es kann zwischen definitiven und transitorischen Überstunden unterschieden werden. Definitive Überstunden beschreiben jene Überstunden, die mit oder ohne Aufschlag entlohnt werden und auch solche, die überhaupt nicht entschädigt werden. Werden Überstunden hingegen in einem Bezugszeitraum zu irgendeiner Zeit durch Freizeit ausgeglichen, wird von transitorischen Überstunden gesprochen (vgl. Bellmann & Gewiese, 2003).
Transitorische Überstunden, die üblicherweise auf sogenannten Arbeitszeitkonten gutgeschrieben werden, ermöglichen es den Unternehmen, mithilfe von Arbeitszeitanpassungen und ohne Personalanpassungsmaßnahmen flexibel und kostengünstig auf Produktions- und Nachfrageschwankungen zu reagieren (Bellmann & Gewiese, 2003). Kostengünstig, weil keine Überstundenzuschläge vom Unternehmen gezahlt werden müssen und weil kein zusätzliches Personal rekrutiert werden muss; wobei vermutlich in den meisten von den Unternehmen durchgeführten Kosten-Nutzen-Rechnungen die krankheitsbedingten Folgekosten, die durch bestimmte Überstundenregelungen verursacht werden könnten, unberücksichtigt bleiben. Aus Arbeitnehmersicht sind Überstundenregelungen unter dem Zeitverschiebungsaspekt nicht unproblematisch, weil sie Unternehmen aufgrund der dargelegten Vorteile dazu verleiten können, Überstunden zu institutionalisieren. Solche Regelungen führen häufig zu einer Ausdehnung der tarifvertraglich vereinbarten Arbeitszeit. In vielen Unternehmen ist es den Beschäftigten nicht möglich, ihre angesammelten Überstunden auszugleichen, weil die Überstundenkonten entweder zu voll sind oder angesammelte Überstunden verfallen, da sie nicht im dafür vorgesehenen Zeitraum ausgeglichen werden konnten.
In dieser Arbeit werden die Auswirkungen einer Überstundenregelung auf die Gesundheit und die Sicherheit der Beschäftigten untersucht, die dazu geführt hat, dass über mehrere Jahre hohe Überstundenvolumen anfielen und dass ein Überstundenausgleich nur eingeschränkt möglich war. Eine über mehrere Jahre anhaltende hohe Produktionsauslastung machte eine Ausdehnung der Betriebszeiten im hier untersuchten Unternehmen notwendig. Die Ausdehnung der Betriebszeiten hat die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter dazu veranlasst, eine Überstundenregelung zu installieren, in der vereinbart wurde, dass jeder Mitarbeiter infolge der notwendigen Schichtverlängerung täglich eine Überstunde leistet und darüber hinaus durchschnittlich jeden zweiten Samstag arbeitet. Nur so konnte die Betriebszeitenausdehnung bewerkstelligt werden, ohne eine umfangreiche Rekrutierungsmaßnahme erforderlich zu machen. Außerdem einigten sich die Parteien darauf, dass ein Überstundenausgleich in einem angemessenen Zeitraum möglich sein muss, wobei weder ein Ausgleichszeitraum noch eine Höchstgrenze für Zeitguthaben explizit festgeschrieben wurde 1 .
Da im gesamten Betrachtungszeitraum ein Überstundenausgleich nur bedingt möglich war (vgl. Abs. 6.1.3 auf S. 37), ist es wahrscheinlich, dass die Überstundenregelung im untersuchten Unternehmen dazu führte, dass (1) die tägliche Arbeitszeit (>8 Std.), (2) die wöchentliche Arbeitszeit (>39 Std., evtl. sogar >50 Std.) dauerhaft über der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit von 35 Stunden lag, (3) sich Regenerationszeiten verkürzten und (4) die Beschäftigten kontinuierlich einer erhöhten Arbeitsbelastung ausgesetzt waren.
Auf dem Hintergrund der in Abschnitt 2.2 dargelegten Befunde zu langen Arbeitszeiten und ihren Risiken ist bei regelmäßiger Überstundenarbeit entsprechend zu erwarten, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der betroffenen Mitarbeiter zunehmen sowie die Unfallrate steigt und sich infolgedessen die betrieblichen Fehlzeiten erhöhen. In dieser Arbeit wird ausschließlich der Effekt transitorischer Überstunden untersucht. Der Effekt monetär oder überhaupt nicht entschädigter Überstunden ist nicht Gegenstand der Untersuchung.
1 Diese Informationen sind Gesprächen mit Mitarbeitern entnommen worden. Die vereinbarte
Überstundenregelung liegt nicht in schriftlicher Form vor.
Arbeit zitieren:
Gunnar Hoyer, 2009, Zum Zusammenhang zwischen Personalstand, Mehrarbeit und krankheits- und unfallbedingten Ausfallzeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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