Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Vorgehensweise 2
2. Ausgangspunkte der Philosophie der frühen Stoa 6
2.1 Geschichtlicher Ausgangspunkt 6
2.2 Politischer und ökonomischer Ausgangspunkt 8
2.3 Philosophischer Ausgangspunkt 11
3. Die Philosophie der frühen Stoa 18
3.1 Logik 18
3.2 Physik 23
3.3 Ethik 27
4. Die Politeia und die Philosophie der frühen Stoa 35
4.1 Fragmente der Politeia und der Philosophie der frühen Stoa
35
4.2 Zentrale Begriffe und Gedanken der Politeia
42
4.2.1 Befreiung von Herrschaft 42
4.2.2 Bezugspunkte, Verfassung und Recht 44
4.2.3 Weise, Tüchtige’ und Untüchtige’ 46
4.2.4 Pathos, Apathie und Unbeirrbarkeit 49
Exkurs : Menschlicher Kannibalismus 53
4.3 Zentrale Begriffe und Gedanken der Philosophie der frühen Stoa 58
4.3.1 Logos 58
4.3.2 Physis 61
4.3.3 Schlechtigkeit und Arete 64
5. Begründung von Herrschaft 68
5.1 Werturteile und Kathekonta 68
5.2 Menschen, Frauen und Männer 71
5.3 Gottheit und christliche Theologie 76
6. Ergebnisse 83
6.1 Resümee 84
6.2 Ausblick 89
7. Verzeichnisse und Tafeln 92
7.1 Zeittafeln 92
7.2 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 98
7.3 Literaturverzeichnis 99
7.4 Nachschlagewerke 102
7.5 Siglen 102
1
Ich bin mir bewusst, dass persönliche Vorbemerkungen in einer Magisterarbeit unüblich sind. Mit dieser Konvention möchte ich an dieser Stelle brechen und mich - in alphabetischer Reihenfolge - bei Christian, Gabi, Gudrun, Hendrik und Sybille für die inhaltlichen Anregungen und Korrekturen sowie die emotio- nale Begleitung und Unterstützung bedanken.
1. Einleitung und Vorgehensweise
Die nachfolgende Untersuchung 2 setzt es sich zum Ziel, die Philosophie des Gründers der Stoa, , und der frühen Stoiker als politische Philosophie aufzuzeigen und aufzuweisen, dass die Gedanken der Befreiung von Herrschaft, die in ihr aufscheinen, in der Konsequenz in die Begründung von Herrschaft umschlagen. Die Begründung von Herrschaft - wie sie in der Philosophie der frühen Stoa begegnet - ist in verschiedenen ‚Traditionslinien’ bis heute wirksam, und so fragt die Untersuchung gleichzeitig nach der Erklärung dieser Wirksamkeit.
Das Erscheinen der Politeia fällt mit dem Zeitpunkt der Gründung der Philosophie der Stoa (300 v.u.Z.) zusammen. Sie ist der Ausgangspunkt dieser Philosophie. Die Schriften der frühen Stoiker aus der Zeit zwischen 300-130 v.u.Z. sind - abgesehen von Zeus-Hymnus - verloren. Das Quellenmaterial dieser Untersuchung sind Fragmente, die in sekundärer Überlieferung erhalten sind. Die Beschäftigung mit den Fragmenten
1 Zenon von Kition bei Plutarch. In: Arnim, Johann von (Hrsg.): Stoicorum veterum fragmenta.
Vol. I, Zeno et Zenonis discipuli, 1938. Fragment 262. Im folgenden zitiert als: SVF I, 262
2 Technische Vorbemerkungen zur Untersuchung: 1. Ereignisse und Lebensdaten, die vor un-
serer Zeitrechnung liegen sind entsprechend gekennzeichnet: v.u.Z.; 2. Ereignisse und Le-
bensdaten, die nach unserer Zeitrechnung liegen sind ohne entsprechende Angabe notiert;
3. Zitate sind mit der vollständigen Angabe von Autor, Titel, Ort, Jahr und Seite in den Fuß-
noten vermerkt; 4. Bei mehrmaliger Verwendung einer Literatur begrenzen sich die Anga-
ben auf: Autor, Titel und Angabe der zitierten Seite; 5. Die in Kapitel 4.1 zusammengestell-
ten Fragmente sind durch die Angabe der Fragmentnummer kenntlich gemacht. Zum Bei-spiel: SVF I, 260 = fr. 260
2
ist der Ausgangspunkt und die Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit den anderen Textfragmenten.
Die Wirkungen der stoischen Philosophie sind vielfältig und langfristig. Die Philosophie der frühen Stoa hat sich während der Jahrhunderte ihrer Überlieferung weiterentwickelt und gewandelt. Sie hat dabei die Eigenart und Fähigkeit entwickelt, neue Gedanken zu integrieren und vorhandene neu zu akzentuieren. Diese Offenheit und Anpassungsfähigkeit hat zu ihrer Langlebigkeit entscheidend beigetragen. Andererseits gibt es konstante Merkmale, die unverwechselbar in Verbindung zur Philosophie der frühen Stoa stehen. Zu nennen sind hier der Einfluss des stoischen Konzepts des Naturrechts auf die römische Jurisprudenz; des weiteren die stoische Konzeption der Gottheit, die ebenso Eingang in das Denken der christlichen Theologie fand wie die sittliche Forderung nach der Apathie; zu verweisen ist hier auch auf die Ausarbeitungen im Bereich der Logik, vor allem der Aussagenlogik. Die Gesichtspunkte, die innerhalb der stoischen Philosophie ‚Traditionslinien’ der Begründung von Herrschaft etablieren, können zum einen mit den Schlagworten Meritokratie und Androzentrismus benannt werden. Zum anderen begründen die Konsequenzen aus den vorbereitenden Gedanken der stoischen Philosophie im Hinblick auf die christliche Theologie Herrschaft. Darüber hinaus liegen die ‚Traditionslinien’ in den Begründungsstrukturen dieser Philosophie. Durch die Analyse dieser Strukturen erklärt sich zugleich die lange Wirksamkeit der Philosophie der Stoa, für die in der Politeia den Weg bereitet hat.
Die Vorgehensweise dieser Untersuchung ist folgende: Um die Voraussetzungen der Politeia und der Philosophie der frühen Stoa aufzuzeigen, werden zunächst die geschichtlichen (Kapitel 2.1), politischen und ökonomischen (Kapitel 2.2) und philosophischen (Kapitel 2.3) Ausgangspunkte ihrer Entstehung skizziert.
Daran schließt sich die Explikation der Logik (Kapitel 3.1), der Physik (3.2) und der Ethik (Kapitel 3.3) an, in der der praktisch-politische Charakter der Philosophie der frühen Stoa deutlich wird. In dieser Explikation sind diejenigen zentra-
3
len Begriffe und Gedanken ausgenommen beziehungsweise lediglich überblicksartig dargestellt, die in Kapitel 4 näher analysiert werden.
Vor diesem Hintergrund kann eine Auseinandersetzung mit den Fragmenten der Politeia und der Philosophie der frühen Stoa (Kapitel 4.1) geführt werden. Zunächst findet eine Auseinandersetzung mit der Politeia statt (Kapitel 4.2). Hierbei werden, nach einer Darstellung der Gedanken der Befreiung von Herrschaft (Kapitel 4.2.1), die Fragmente analysierend betrachtet erstens im Hinblick auf ihre Bezugspunkte der Entstehung der Politeia, zweitens auf die Konzeption der Verfassung und drittens im Hinblick auf die Frage nach der Verbindlichkeit von Recht und Gesetz (Kapitel 4.2.2). Daran schließt sich eine Betrachtung der zentralen Begriffe und Gedanken über die Weisen, die ‚Tüchtigen’ und ‚Untüchtigen’ (Kapitel 4.2.3) sowie über die Leidenschaft, die Apathie und die Unbeirrbarkeit (Kapitel 4.2.4) an. Nachfolgend werden die zentralen Begriffe und Gedanken der Philosophie der frühen Stoa (Kapitel 4.3) vorgestellt und analysiert. Im Einzelnen sind dies die Begriffe des Logos (Kapitel 4.3.1) und der Natur (Kapitel 4.3.2) und der Gedanke des kontradiktorischen Gegensatzes von Schlechtigkeit und Arete (Kapitel 4.3.3). Das Kapitel 4.2 wird durch Gedanken zum Thema Anthropophagie (menschlicher Kannibalismus) ergänzt. Dieses Kapitel weicht in der Darstellung des Themas und seinen inhaltlichen Bezügen zur Philosophie der Stoa von den anderen Kapiteln ab und wird daher in einem Exkurs behandelt. In den Analysen werden erste Strukturen der Begründung von Herrschaft aufgezeigt.
Kapitel 5 erhebt die aufgewiesenen Begründungsstrukturen von Herrschaft vertiefend zum Gegenstand der Betrachtung, führt den Begriff der ‚Traditionslinie’ ein und nähert sich damit der Erklärung der langfristigen Wirksamkeit der Politeia und der Philosophie der frühen Stoa. Dies geschieht anhand der stoischen Lehre über die moralischen Werturteile und die Kathekonta (Kapitel 5.1), der Betrachtung des Geschlechterverhältnisses von Frauen und Männeren (Kapitel 5.2) und vermittels der Parallelen zwischen der stoischen Konzeption der Gottheit und Gedanken der christlichen Theologie (Kapitel 5.3).
4
Die bis hier herausgearbeiteten Resultate werden im Kapitel 6 zusammengetragen. Das Resümee (Kapitel 6.1) verbindet die Strukturen der Begründung von Herrschaft explizit mit der Erklärung der langen Wirksamkeit der Politeia und der Philosophie der frühen Stoa. Den Abschluss findet diese Untersuchung in einem Ausblick (Kapitel 6.2).
5
2. Ausgangspunkte der Philosophie der frühen Stoa
Die Untersuchung der Politeia und der Philosophie der frühen Stoa als politische Philosophie muss sich der Aufgabe stellen, den Kontext der Zeit zu betrachten, in der diese Philosophie entstanden ist. Dies ist die Zeit des Hellenismus. Ein Überblick der geschichtlichen, politischen, ökonomischen und philosophischen Ausgangspunkte dieser Zeit dient dazu, die Bedingungen und Voraussetzungen der Philosophie der Stoa zu skizzieren. Die Bezeichnung Griechenland gibt in dem geschichtlichen Überblick keinen feststehenden räumlichen Zusammenhang mit starren Grenzen an, sondern meint in geographischer Hinsicht den Raum, der in etwa dem heutigen Süden des griechischen Festlandes entspricht. In politischer und ökonomischer Hinsicht umfasst die Bezeichnung Griechenland den Raum des Athener Stadt-Staates, zu dem konstitutiv der vielfältige Kontakt mit anderen Staaten und Reichen gehörte.
2.1 Geschichtlicher Ausgangspunkt
Die Anfänge stoischer Philosophie fallen in die Wende vom vierten zum dritten Jahrhundert v.u.Z. 3 Im Jahre 333/332 v.u.Z. wurde in Kition, einer kleinen Insel auf Zypern, geboren. Neun Jahre später begann mit dem Tode (323 v.u.Z.) 4 eine Epoche kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen seinen Feldherren, den Diadochen, die sich in wechselnden Bündnissen in insgesamt sechs Diadochenkriegen bekämpften. Griechenland hatte sich bei der Nachricht von Tod erhoben und versucht, unabhängig von Makedonien zu werden. An der Spitze dieser Bestrebungen stand , ein Mitglied der demokratischen Partei. Es kam zum Lamischen Krieg (323 v.u.Z.) gegen die Makedonier, der mit dem Sieg der Makedonier unter endete (322 v.u.Z.). Infolge der Niederlage erhielt Athen eine oligarchische Verfassung. Die Athener standen Makedonien, wenn auch nicht immer offen feindlich, so doch skeptisch und eher ablehnend gegenüber. Nach dem Tode
3 Die Quellenlage vor allem über die Zeit des vierten Jahrhunderts v.u.Z. ist unbefriedigend. Es
existieren Materialien zu einzelnen Fakten, eine zusammenhängende Darstellung gibt es
jedoch nicht. Darüber hinaus ist die Authentizität der Quellen nicht immer eindeutig. Dies
gilt es bei den Ausführungen mitzubedenken.
4 Eine Übersicht der Jahreszahlen und geschichtlichen Ereignisse ist in der Zeittafel 1: Histori-
scher Überblick zusammengestellt, die sich im Anhang befindet (Seite 87).
6
(319 v.u.Z.) kam es erneut zu Machtkämpfen. , mit der Unterstützung der demokratischen Partei, und , mit der Unterstützung der oligarchischen Partei, kämpften um die Vorherrschaft. Diese Kämpfe wurden sowohl in Griechenland als auch in Makedonien ausgetragen, in ihnen setzte sich letztlich durch (317 v.u.Z.). Im asiatischen Teil des Makedonischen Reiches hatte sich als Alleinherrscher durchgesetzt und versuchte nun, das ganze Reich unter seine Herrschaft zu bringen. Um das zu verhindern, verbündeten sich die übrigen Satrapen. Ein fast fünfzehnjähriger Krieg (315-301 v.u.Z.) begann, in dem im Jahre 301 v.u.Z. schließlich unterlag. In diese Zeit (312/311 v.u.Z.) fällt die Ankunft in Athen.
Griechenland wurde durch diesen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Hier errang der Sohn von , , Erfolge gegen , indem er sich durch die Zusicherung von Rechten die Unterstützung der demokratischen Partei sicherte. So stand Athen ab dem Jahr 307 v.u.Z. unter der Herrschaft von und dessen Vater , der eine demokratische Regierung einsetzte. Weder der Tod von noch der Versuch sich gegen das Abhängigkeitsverhältnis aufzulehnen führten zu einer Veränderung dieser Herrschaft. behielt die Herrschaft über Athen. Nach dem Tode (297 v.u.Z.) übernahm er auch den Thron Makedoniens (295 v.u.Z.).
Die Gründung der stoischen Philosophie (300 v.u.Z.) fällt in die Zeit der Herrschaft von Das Verhältnis der Stoa zu war positiv. Er ließ seinen Sohn in der stoischen Schule ausbilden.
Im Jahre 288 v.u.Z. verlor den makedonischen Thron an , bei dem Versuch seinen asiatischen Besitz zurückzuerobern starb (283 v.u.Z.). In den darauf folgenden Kämpfen siegte über seine Gegner. Er sah die Möglichkeit, das Reich noch einmal zu einen. Doch bevor er nach Makedonien zurückkehren konnte, wurde er von ermordet (280 v.u.Z.), der sich nun in den Besitz der Herrschaft setzte. Er fiel jedoch kurze Zeit später im Kampf gegen die Galater (279 v.u.Z.). Nach deren Abzug errang den Thron Makedoniens (278
7
v.u.Z.), der von nun an in den Händen der Antigoniden blieb. Fünfundvierzig Jahre nach dem Tode war das Reich nun in drei Königreiche geteilt: Makedonien und Griechenland unter den Antigoniden, Asien unter den Seleukiden und Ägypten unter den Ptolemären.
2.2 Politischer und ökonomischer Ausgangspunkt
Die Veränderungen der ökonomischen Situation der Bevölkerung ab dem fünften Jahrhundert v.u.Z. wurden durch die immer wieder aufflammenden Kriege bestimmt. Sie führten zu einer Rechtsunsicherheit in den ländlichen Gebieten. Die Bevölkerung konzentrierte sich in den Städten. Die Verwüstungen des Landes und die Unsicherheit der Seewege lähmten den Handel und führten mehrfach zu Hungersnöten. Der Handwerkerstand ging zugunsten kleiner Manufakturen zurück, die zum Teil für den Export produzierten. Im Zusammenhang mit dem sich entwickelnden Seehandel spezialisierten sich einige Orte auf bestimmte Produkte. Infolge der Kriege litt die griechische Wirtschaft unter erheblichen Schwierigkeiten. So konnten oftmals benötigte Rohstoffe nicht eingeführt und Produkte nicht mehr ausgeführt werden. Dies betraf auch die Landwirtschaft, die nicht mehr nur für den Eigenbedarf produzierte. War das vierte Jahr-hundert v.u.Z. gekennzeichnet durch verstärkte wirtschaftliche Schwierigkeiten, bedeuteten die Feldzüge (336-323 v.u.Z.) für Griechenland eine wirtschaftliche Erholung. Weite Gebiete wurden dem griechischen Handel zugänglich gemacht. 5 Mit den Diadochenkriegen kam es erneut zu Gefährdungen der Verkehrswege, zu Verwüstungen des Landes und zu Ungewissheiten der politischen Lage durch häufig wechselnde Herrscher. Neu hinzu kam die wirtschaftliche Entwicklung der Diadochenreiche und damit das Entstehen neuer großer Handelsstädte in Asien und Ägypten, wie zum Beispiel: Alexandria, Antiochia und Seleukia.
Die Veränderung der politischen Situation wurde durch die mangelnde außenpolitische Durchsetzungskraft Athens ausgelöst und ging mit krisenhaften Erscheinungen im Inneren einher. Athen erlebt eine Zuspitzung der sozialen Differenz von Verarmung auf der einen und Konzentration des Reichtums auf der
8
anderen Seite. Aufgrund dieser neuen Spaltung verlor die Aufteilung in Demos und Aristokratie an Bedeutung. Die Metöken wurden stärker in das Leben der Polis einbezogen 6 und einige Sklaven wurden zu bestimmten Geschäften zugelassen, um sich dann selbst aus der Sklaverei freikaufen zu können. Die persönliche Freiheit der Menschen war im dritten Jahrhundert v.u.Z. in Griechen-land in keiner Weise gesichert. Niemand konnte sicher sein, nicht selbst irgendwann verkauft und damit versklavt zu werden. Politisch erlebte Athen einen Rückgang der Bedeutung des Rates (βουλή, boule) und eine Zunahme der Bedeutung öffentlicher Redner (δημαγωγοί, demagogoi), die kein Amt bekleideten und somit nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten. 7 Der Kampf um politischen Einfluss wurde hauptsächlich auf dem Gebiet der politischen Redekunst, der Rhetorik ausgetragen.
Ein Aspekt des politischen und kulturellen Selbstverständnisses ist die Diskussion um den Panhellenismus, die Vorstellung einer über den einzelnen griechischen Staaten stehenden Gemeinschaft aller Griechen. Bei den führenden ‚politischen Köpfen’ Athens bestand das Bewusstsein der Differenz zwischen den kulturell überlegenen Hellenen und den rückständigen ‚Barbaren’, das von dem Gedanken der Unvermeidlichkeit ihrer Feindschaft geprägt war. Im Athen des vierten Jahrhunderts v.u.Z. gab es in dieser Hinsicht zwei neue politische Ideen. Erstens, dass die Hellenen aufgrund ihrer gemeinsamen Identität auch gemeinsam handeln müssen und zweitens, dass zu den Hellenen auch die Makedonen gehören. Freilich vertraten nicht alle die Ansicht, dass zu den Hellenen auch die Makedonen gehören, und nichts lässt darauf schließen, dass die promakedonische Partei in Athen jemals mehrheitlich wurde. Interessant und charakteristisch an der Auseinadersetzung um den Panhellenismus ist, dass beide Lager auf der Idee von der Überlegenheit der griechischen Poliswelt wegen ihrer politischen Freiheit als Begründung ihres Standpunktes insistierten.
5 An dieser Stelle kann darauf hingewiesen werden, dass die wechselseitige Beeinflussung - im
Sinne einer ökonomischen und kulturellen Befruchtung - des Ostens und des Westens ein
wesentliches Charakteristikum des Hellenismus darstellt.
6 Dies geschah durch die Beteiligung der Metöken an der Phalanx (den schwerbewaffneten
Streitkräften).
7 Vgl. Kreißig, Heinz: Geschichte des Hellenismus. Berlin, 1982 S.25
9
Im Hinblick auf den Ausgangspunkt der politischen Philosophie ist das Selbstverständnis der Philosophen in Bezug auf das Verhältnis von Theorie und Praxis bedeutsam. fuhr drei Mal nach Sizilien, zu , dem Tyrann von Syrakus, um den Inhalt der Politeia in praktische Politik umzusetzen. Und war Erzieher von und dem jungen . Diesen Tätigkeiten liegt die Annahme zugrunde, >dass die theoretische Arbeit Anspruch auf Veränderung der Praxis erheben kann und muss<. 8
Die Folge der inneren Krisen und äußeren Kriege war ein Fraglichwerden der bestehenden Werte und Ideale. Auf der Suche nach Auswegen aus dieser Krise gingen die Philosophieschulen unterschiedliche Wege. Die Situation begünstigte das Entstehen neuer philosophischer Re-
flexionen über die Möglichkeiten der individuellen 9 Lebensausrichtung. Dies vermag den gleichzeitigen Bestand der vier bedeutendsten Philosophieschulen Athens in so unmittelbarer räumlicher Nähe zu erklären. Es ging ihnen allen um die Frage, wie Menschen zur Eudämonie (εύδαιμονία, Glückseligkeit) gelangen und in menschlicher Gemeinschaft leben können. Das Ziel war ihnen gemeinsam,
jedoch über den Weg gingen die Auffassungen Abbildung. 1: Die philosophischen Schulen 10 auseinander.
Die Stoa wurde zur richtungweisenden Philosophie >und Zenon erlebte noch, dass seine Lehre zur offiziellen Staatsphilosophie Makedoniens wurde<. 11 Wa-
8 Iliopoulos,Georgios: Ganzes und Teile des Politischen bei Aristoteles. Marburg, 2004. S.59
9 Die Bedeutung des Begriffs der Individualität der griechischen Antike zu dieser Zeit kann hier
nicht erschöpfend dargestellt werden. Die wesentlichen Merkmale sind folgende: Es gab In-dividualität insofern, als sich Individuen durch besondere Fähigkeiten auszeichnen konnten.
Es gab das Recht als institutionalisiertes Recht und damit Verantwortung und Schuld. Das
Selbsterkennen war ein Abgleich mit ethischen Regeln, die Sorge um sich selbst war eine
Verankerung mit Anderen, um die eigenen Person zu konsolidieren, nicht um sich selbst
kennen zu lernen.
10 Die philosophischen Schulen des hellenistischen Athen. Orte und Entfernungen. In: Long,
A.A.; Sedley, D.N.: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Stuttgart,
2006. S.4
11 Simon, Heinrich und Maria: Die alte Stoa und ihr Naturbegriff. Ein Beitrag zur Philosophiege-
schichte des Hellenismus. Berlin, 1956. S.26
10
rum die Stoa diejenige Philosophie war, die fast 500 Jahre 12 eine tragende Rolle in der Auseinandersetzung um Lebenskonzepte spielen konnte, ist eine der spannenden Fragen, die an diese Philosophie herangetragen werden kann.
2.3 Philosophischer Ausgangspunkt
Die Philosophie der Stoa entstand in Anlehnung und Abgrenzung zu den bestehenden Philosophien. Der philosophische Ausgangspunkt bezieht sich daher zum einen auf die Philosophen, von denen wir wissen, dass bei ihnen gehört hat beziehungsweise deren Schüler er war. Dies waren: Die Akademiker und die Peripatetiker, die Megariker und und der Kyniker , sein Lehrer. Zum andern werden exemplarisch Anknüpfungspunkte der stoischen Philosophie aufgewiesen. Damit kann gezeigt werden, dass sich mit den bestehenden philosophischen Gedanken auseinandergesetzt hat. Dies ist insofern geboten, da einzelne Untersuchungen über die Vorstellung vermitteln, dass er bestimmte Lehren nicht verstanden habe, dass sie für ihn einfach >zu hoch< 13 waren. Bei Max Pohlenz 14 entsteht der Eindruck, dass die Stoa die Platonische und Aristotelische Philosophie ignoriert und sich auf die Philosophien der Vorsokratiker zurückgezogen hat. 15
Zunächst zu den Akademikern. wurde 339 v.u.Z. Schuloberhaupt der Akademie. Er gilt als der Urheber der Dreiteilung der Gebiete der Philosophie: Er etablierte neben der Ethik und der Physik die Logik als dritten Teil. hat diese Einteilung übernommen, mit ihr jedoch eine andere Bedeutung zum Ausdruck gebracht. Sie entspricht bei ihm der unmittelbaren Verbindung
12 Von ihrer Gründung durch im Jahre 300 v.u.Z. bis zum Tode des letzten
bedeutenden Vertreters der späteren Stoa im Jahre 180.
13 Barth, Paul: Die Stoa. Stuttgart, 1908. S.37
14 Max Pohlenz, dessen Buch Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung 1992 in sieben-
ter Auflage erschienen ist (Text unverändert seit 1943), erklärt die Neuerungen der stoi-
schen Philosophie häufig mit der ‚semitischen’ Herkunft . Die unreflektierte und un-
kommentierte Verwendung dieser und anderer offen rassistisch verwendeter Begriffe las-
sen auf eine Gedankenlosigkeit schließen, die meines Erachtens nicht zu tolerieren ist.
15 Die Frage nach der Beeinflussung von durch orientalische Vorstellungen ist eine offe-
ne. Ich neige einem Verständnis der Philosophie zu, das Dyroff wie folgt beschreibt:
„Der dogmatische Inhalt der stoischen Lehre lässt sich aus dem Vorgange der sokratisch-
kynischen, die Form und die Methode aus dem der Aristotelischen Philosophie und aus ei-
11
von Sprachanalyse, Wahrheit und Praxis (Kapitel 3.1 bis 3.3). führte in der Diskussion darüber, wie sittlicher Fortschritt gedacht werden kann, den Begriff des nicht guten ein. Seine Gedanken hierüber sind im Zusammenhang des kontradiktorischen Gegensatzes von Schlechtigkeit und Arete 16 (αρετή, Tugend) innerhalb der stoischen Philosophie bedeutsam (Kapitel 4.3.3). war ab 315 v.u.Z. Nachfolger von in der Leitung der Akademie. Er hat eine umfangreiche Lehre der ersten Naturtriebe ausgearbeitet. Möglicherweise ist hier der Ursprung von Bestimmung des Selbsterhaltungstriebes als dem ersten Trieb der Menschen zu sehen (Kapitel 3.3).
In Bezug auf die Peripatetiker heißt es in der Literatur lediglich, dass auch die Peripatetiker gehört habe. Eine wesentliche Abgrenzung zu den Peripatetikern besteht darin, dass das Mittlere für die Stoiker selbst keinen sittlichen Wert hat (Kapitel 3.3 und 4.3.3).
war ein Dialektiker der Megarischen Schule. Er gilt als Mitbegründer der Aussagenlogik. Seine Ansätze wurden von weiterentwickelt. Die Stoiker haben als erste eine methodische Tempuslehre entwickelt und damit eine systematische Sprachlehre geschaffen. Innerhalb der Logik hat die Lehre der Deklination geschaffen und in der Form ausgebaut, wie sie im Ganzen noch heute besteht. war ein vom Kynismus beeinflusster Vertreter der Megarischen Schule. Von ihm wird berichtet, er habe der eristischen Dialektik zu ihrer Verbreitung verholfen. Es scheint, dass sich intensiv mit Fragen der Ethik beschäftigt hat und hier eine Lehre vertrat, die der der Philosophie der Stoa ähnlich war. So soll er im Umgang mit Leid eine philosophische Apathie empfohlen haben (Kapitel 4.2.4). Eine Anekdote besagt, dass er sein Haus und seine Angehörigen verloren habe und als er gefragt wurde, ob er darüber nicht verzweifelt sei, antwortete er, dass er
gener Denktätigkeit von Zenon verstehen.“ Dyroff, Adolf: Die Ethik der alten Stoa. Berlin,
1897. S.319
16 Arete (Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit, Vollendung des wahren Wesens) bezeichnet die hervorra-
gende Eigenschaft und Tauglichkeit im Sinne eines Qualitätsmerkmals. Auch Dinge können
Arete haben. So kann ein Messer Arete besitzen (seine Schärfe). In Bezug auf die Men-schen ist Arete die Vollendung des wahren Wesens.
17 Er soll täglich 500 Zeilen geschrieben und im Ganzen mehr als 705 Bücher verfasst haben.
18 Er hörte bei , dem Begründer des Kynismus.
12
„…von seinem Eigentum nichts verloren [habe]; denn niemand habe ihm seine Bil-dung entführt, sein Verstand und sein Wissen seien ihm geblieben.“ 19 ()
Erheblichen Einfluss auf Philosophie hatte der Kynismus und sein Lehrer , ein Schüler von . n schrieb seine Politeia in der Zeit, als er Schüler von war. Daher sagten „…einige scherzend, er habe sie auf dem Schwanz des Hundes geschrieben.“ 20
() 21
Für die Kyniker führt der Weg zur Eudämonie über die Beschränkung der Bedürfnisse auf das unabdingbare Minimum und über die Befreiung von jedweder Art von Zwängen. Angestrebt wird damit eine größtmögliche Autarkie. vertrat inhaltlich die gleichen Prinzipien wie , doch tat er dies in weniger provokanter Form. In der Sache war er jedoch nicht weniger radikal als . Bei der Darbietung seiner Lehre bediente sich immer wieder der Parodie. 22 Er formte jedermensch bekannte Verse berühmter Gedichte in der Weise um, dass er darin die Prinzipien der kynischen Philosophie und Lebensweise darlegte. So zum Beispiel die kynische Forderung des Kosmopolitismus. Aus den Versen:
„Argiver oder Thebaner [bin ich]; denn ich rühme mich nicht, aus einem Land zu
stammen; jede Festung der Griechen ist mein Vaterland,“ 23 dichtete die Verse:
„…nicht eine Festung ist mein Vaterland, nicht ein Dach, sondern auf der ganzen
Erde steht jede Stadt und jedes Haus mir zum Wohnen zur Verfügung.“ 24 Die Philosophie der frühen Stoa ist meines Erachtens ohne den Kynismus nicht zu denken. Die Implikationen und die expliziten Verknüpfungen des Kynismus in und mit der stoischen Philosophie stellen das dar, was ich als kynisches Erbe bezeichnen möchte.
19 Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen
übersetzt von Otto Apelt. Unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl neu herausgegeben sowie
mit Vorwort, Einleitung und neuen Anmerkungen zu Text und Übersetzung versehen von
Klaus Reich. Hamburg, 1990. II, 115. Im folgenden als zitiert als: D.L.
20 D.L.: VII, 4
21 Es handelt sich hier vielleicht um ein Wortspiel mit dem Vorgebirge Kynosura, wie man ver-
mutet hat, oder es bezieht sich auf die Tatsache, dass Kyniker war und κύων (kyon)
übersetzt der Hund heißt.
22 Die Kyniker zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie viele neue Literaturformen
schufen.
23 Tragicorum Graecorum Fragmenta, vol.2, adsep.392. Zitiert nach: Döring, Klaus: Die Kyniker.
Bamberg, 2006. S.76
13
Welche Anknüpfungspunkte bestehen zwischen dem Kynismus und der Philosophie der Stoa? Als Begründer des Kynismus gilt . Er war Schüler des 25 . sieht in der Befreiung von Zwängen und der praktizierten Bedürfnislosigkeit 26 den Weg zur Autarkie. Er stellte seine Bedürfnislosigkeit öffentlichen als Provokation zur Schau. >Their behaviour was designed to shock, but there was a pedagogical intent to it. The aim, in part at least, was force people to realize that conventions have nothing to do with morality<. 27 kennzeichnet sein Philosophieren mit den Worten, er
„…habe die Münze umgeprägt.“ 28 () Beziehungsweise „…er habe das nomisma umgeprägt…“ 29 ()
Das war zum einen eine Anspielung auf seine Herkunft, 30 zum anderen bezieht er sich hier auf die doppelte Bedeutung des Wortes Nomisma. Es bedeutet sowohl Münze als auch Brauch. Die Politeia ist als eine systematische Anwendung des Grundsatzes der Umprägung der Münze auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu lesen. In ihr hat radikale Thesen und Forderungen aufgestellt. Eine dieser Thesen ist, dass gegen das Essen von Menschenfleisch und den Verzehr des Fleisches Verstorbener nichts einzuwenden sei. Ebenso dürften Kinder ihre Eltern als Opfer schlachten und verspeisen. begründet seine Auffassung damit, dass diese Praktiken bei anderen Völkern allgemein üblich seien. Daraus folgert er, dass Praktiken, die andernorts üblich sind, nicht wider die Natur der Menschen sein können. Eine weitere Forderung ist, dass sexuelle Beziehungen zu Müttern, Schwestern, Brüdern und Söhnen erlaubt sein sollten. Dies ergibt sich konsequent aus der Forderung nach einer Frauen- und Kindergemeinschaft. bezeichnet es als legitim einen Tempelraub zu begehen. Er charakterisiert viele Lehrfächer als nutzlos und nicht notwendig, so zum Beispiel: Musik, Geometrie und Astronomie. Einen
24 Suppl. Hellenist. 364 = fr.15. Zitiert nach: Döring, Klaus: Die Kyniker. S.76
25 Dieser war seinerseits Schüler des .
26 Als elementare Grundbedürfnisse anerkannte Essen, Trinken, Beklei-
dung, Behausung und Befriedigung des Sexualtriebs.
27 Rist, J.M.: Stoic Philosophy. Cambridge, 1969. S.69
28 D.L.: VI, 20
29 D.L.: VI, 29 vgl. D.L. VI, 71
30 Er kam vermutlich aus der Familie eines Münzbeamten. Möglicherweise ist es auch eine An-
spielung auf die Überlieferung, dass sein Vater der Münzfälschung überführt worden ist.
14
Wert hat nur das, was zur Eudämonie beiträgt, so betrachtet er beispielsweise hohe Geburt und Ruhm als wertlos.
Der Grundgedanke seiner Aussagen bezieht sich immer wieder auf die Entgegensetzung von Physis (φύσις, Natur) und Nomos (νόμος, Sitte, Brauch). postulierte eine Lebensweise, die der Natur gemäß sei. Es kam ihm darauf an, zu zeigen, dass Bräuche, Sitten und Gesetze ein Potential von Zwängen bilden.
„Dem Schicksal, sagte er, stelle ich den Mut, dem Gesetz die Natur, der Leiden-schaft die Vernunft entgegen.“ 31 ()
Durch Zwänge werden die Menschen daran gehindert zur Autarkie und damit zur Eudämonie zu gelangen. Allein maßgeblich sind die für alle Menschen gleichen Forderungen der Natur. Wenn das so ist, dann sind alle Bräuche und Gesetze nichtig. Um zur Eudämonie zu gelangen gilt es deshalb sich über alle Zwänge und Gesetze hinwegzusetzen. Damit ist in der Konsequenz sämtlicher staatlicher Ordnung (πολιτικòν νόμισμα, politikon nomisma) der Boden entzogen. Eine Forderung von in der Politeia lautet, dass die üblichen Staatsordnungen allesamt abzuschaffen seien, da „…die einzige wahre Staatsordnung die Ordnung des Kosmos sei.“ 32 () Er bezeichnete sich selbst als Kosmopoliten. Für stellte die kynische Philosophie die Grundlage dar, um ‚richtig’ zu leben. Auf die Frage, welchen Gewinn ihm die Philosophie bringe, sagte er:
„…wenn auch sonst nichts, so doch jedenfalls dies, auf jede Schicksalswendung
gefasst zu sein.“ 33 ()
Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Kynismus und der Philosophie der frühen Stoa, die sich auch in den philosophischen Diskussionen spiegelt. Bei Diogenes Laertius wird den Stoikern in allgemeiner Weise die Auffassung beigelegt, dass
„…der Weise unter Umständen auch Menschenfleisch zu sich nehmen wird.“ 34 ()
31 D.L.: VI, 38
32 D.L.: VI, 63
33 D.L.: VI, 63
34 D.L.: VII, 121
15
Spätestens seit lehnen die Stoiker diese Auffassung grundsätzlich ab. 35 Von den Stoikern wurde diskutiert, ob „…der Weise wie ein Kyniker leben (kynizein) werde.“ 36 () Und weiter heißt es bei :
„Was die Lebensweise der Kyniker betrifft, so sagen die einen [unter den Stoikern],
sie komme für den Weisen in Frage, falls zufällig ein derartiger Fall eintrete, dass er
so handeln müsse, die anderen hingegen lassen sie in keinem Fall zu.“ 37 () Deutlich wird durch das Zitat, dass sich die Beantwortung der Frage nach einer kynischen Lebensweise für den stoischen Weisen (σπουδαϊοι, spoudaioi) im Laufe der Zeit verändert hat. , der vom Stoizismus beeinflusst war, aber nicht unmittelbar der stoischen Schule angehörte, wird die Ansicht zugeschrieben, dass
„…der Weise wie ein Kyniker leben werde, denn der Kynismus sei ein abgekürzter
Weg zur Tugend.“ 38 ()
Und ebenfalls bei heißt es, dass der Stoiker, wenn er ein Weiser sei, jedoch nicht mit dem Kynismus beginnen werde. Neben dem Weg über die Lehren der stoischen Philosophie wird die Lebensweise der Kyniker hier als alternative Möglichkeit zur Arete zu gelangen, anerkannt.
Kyniker wie Stoiker verfolgten das Ziel sich von den gängigen Sitten und Gesetzen und den durch sie hervorgerufenen Zwängen zu befreien und dadurch zu einem der Natur gemäßen ‚richtigen’ Leben und zur Eudämonie zu gelangen. Sie strebten dies auf verschiedenen Wegen an. Die Kyniker dadurch, dass sie sich durch praktisches, systematisches geistiges und körperliches Training gegen alle nicht notwendigen Bedürfnisse abhärteten. Dass sie sich von äußeren Zwängen durch Normen und Konventionen unabhängig machten, um so ein Leben uneingeschränkter Freiheit in Autarkie führen zu können. Entscheidend war für sie nicht was die Menschen wissen oder sagen, sondern wie sie leben. Die Stoiker strebten diesen Weg dadurch an, dass sie durch grundlegendes philosophisches Wissen - das in der Logik, der Physik und der Ethik expliziert ist - zur Einsicht in den wahren Wert der Dinge gelangen. Dass sie durch theo- 35 Vgl.Cicero, Marcus Tullius: De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch und
deutsch. Übers., kommentiert und hrsg. von Heinz Gunermann. Stuttgart, 1992.
36 Cicero, Marcus Tullius: De finibus bonorum et malorum. Über das höchste Gut und das größte
Übel. Lateinisch - deutsch. Übers. und hrsg. von Harald Merklin. Stuttgart, 1989. 3, 68
37 Cicero, Marcus Tullius: De finibus bonorum et malorum. 3, 68
16
retische Ausbildung eine gefestigte Erkenntnis erreichen, mit der sie handelnd
aktiv am Leben des Gemeinwesens teilnehmen.
38 D.L.: VII, 121
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3. Die Philosophie der frühen Stoa
Die Philosophie der frühen Stoa umfasst ungefähr den Zeitraum von 300 bis 130 v.u.Z. 39 Der Stoizismus wurde benannt nach der Stoa poikile, der bemalten Athener Säulenmarkthalle unterhalb der Akropolis, die die Stadt zur Verfügung stellte und in der er lehrte. 40
gliedert die Philosophie in drei Teile. Für das Verhältnis der drei Teile zu-einander sind bildliche Vorstellungen überliefert. Es sind erstens die Vorstellung der Philosophie als lebendes Wesen, wobei die Logik den Knochen und Sehnen entspricht, die Physik den fleischigen Teilen und die Ethik der Seele; zweitens die Vorstellung der Philosophie als Ei, wobei die Logik das Äußere (die Schale) ist, die Physik das darauf folgende (das Eiweiß) und die Ethik das Innerste (das Dotter) ist; drittens die Vorstellung der Philosophie als Fruchtgarten, wobei die Logik die Mauer ist, die Physik die Bäume sind und die Ethik den Früchten entspricht. 41 Der Dreiteilung liegt der Gedanke einer Einheit der Teile zugrunde, die keine Gleichheit der Teile impliziert. Die Bilder verdeutlichen, dass für die Philosophie der frühen Stoa die Ethik der Seele, dem Innerstes und der Frucht der Philosophie entspricht, während die Logik und die Physik Voraussetzungen und Begrenzungen darstellen. Der Stellenwert der Ethik lässt den Schluss zu, dass es den Stoikern vor allem um das ‚richtige’ praktische Handeln geht.
3.1 Logik
Bedeutung erfährt die Logik in der Philosophie der frühen Stoa, da sie die Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit bereitstellt und durch sie die Urteilsfähigkeit ausgebildet wird. Die Logik ist insofern grundlegend und von hoher praktischer Relevanz. zählt neben der Dialektik auch die Rhetorik als wissenschaftliches Gebiet zur Logik, damit grenzt er sich von und ab. Die Rhe-torik hat für keinen Wissenschaftsstatus, da sie nicht zur Wahrheitsfin-
39 Siehehierzu auch die Zeittafel 2: Einteilung der Stoiker in frühe, mittlere und späte Stoiker,
die sich im Anhang befindet (Seite 93).
40 In einiger Literatur wird die Wahl des Ortes mit der finanziellen Situation begründet.
Als möglicher Grund erscheint ebenso die Vermutung, dass diesen Ort wählte, um zu
viele Zuhörer zu vermeiden. Mir scheint es nicht unwahrscheinlich, dass er mit dieser Orts-
wahl bewusst gegen die Konvention diese Halle zu meiden, handelte. In der Halle wurden
zur Zeit der Dreißig Tyrannen über 1.400 Athener Bürger ermordet.
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dung beiträgt. Sie ist für nur eine Methode der Dialektik und der Sophisten, denen es nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Überredung und Wirkung geht. Für ist Dialektik eine methodische Argumentationsanleitung, eine Deduktion, deren Prämissen sich auf anerkannte Meinungen (ενδοζα, endoxa) beziehen, 42 sie ist eine Hilfswissenschaft. Die Rhetorik ist für kein wissenschaftliches Beweisverfahren, sondern eine Argumentationstechnik, eine Theorie des Meinungswissens, die es mit wahrscheinlichen Schlüssen zu tun hat. Dieser Betrachtung folgen die Stoiker 43 nicht. Für ist Dialektik die Wissenschaft von dem, was wahr und was falsch und was keines von beiden ist. Rhetorik ist die Wissenschaft der Wohlredenheit bei zusammenhängenden, einheitlichen Vorträgen, sie soll in fortlaufender Rede dasselbe Ziel erreichen wie die Dialektik. Sie hat es erstens zu tun mit Beratung, zweitens mit Rechtsprechung und drittens mit Lobpreisungen. 44 Die Dialektik fasst die Gedanken straff zusammen, während die Rhetorik die Gedanken in der Rede entwickelt. Die Dialektik umfasst zwei Gebiete: Zum einen das des Bezeichneten, zu ihm gehören die Lehren von den anschaulichen Vorstellungen, von den Sätzen, Aussagen, Geschlechtern, Arten, Tropen, Schlüssen und die Lehre von den Worten. Das zweite Gebiet ist das des Ausdrucks oder des Wortes. Die Dialektik ist für die Stoiker unentbehrlich und eine Arete.
Weitere Gebiete der Logik sind die Definitionskunde, die Lehre von den Regeln (κανόνες) und dem Kriterium (κριτήριον) der Wahrheit, die Lehre von der Phantasia (φαντασία, Vorstellung), der Aisthesis (αίσθησις, Wahrnehmung), dem Denken (νόησις, noesis) und die Lehre von den Urteilen (άξιώματα, axiomata). Die Definitionskunde unterstützt die Erkenntnis der Wahrheit, denn für die Stoiker werden die Dinge durch die Begriffe erfasst. Die Lehre von den Regeln und den Kriterien dient der Urteilsfindung in Bezug auf Wahrheit und Falschheit. In der Lehre vom Denken unterscheiden die Stoiker neun Anregungen dessen, was durch Denken erkannt werden kann. Die Anregung kann bestehen in zufäl- 41 Vgl.D.L.: VII, 40
42 Vgl. Aristoteles: Organon. Bd.1. Topik. Über die sophistischen Widerlegungsschlüsse. Grie-
chisch - deutsch, hrsg., übers., mit Einl. und Anm. vers. von Hans Günter Zekl. Hamburg,
1997. 1, 100a 18 ff
43 Wenn im folgenden von den Stoikern die Rede ist, dann ist - soweit nichts anderes vermerkt
ist - die Philosophie der frühen Stoiker gemeint.
44 D.L.: VII, 42
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ligen Umständen, in der Ähnlichkeit, in der Analogie, in der Versetzung, in der Zusammensetzung, in der Entgegensetzung, in der Regel des Übergangs, in den natürlichen Gesetzen und in der Verneinung. Mit dem Urteil wird etwas kundgetan, was entweder wahr oder falsch ist oder eine vollständige Sache, die, wie in seinen dialektischen Definitionen sagt, an sich entweder bejaht oder verneint werden kann. 45 Die Stoiker unterscheiden zwischen möglichen, unmöglichen, notwendigen, nicht notwendigen und wahrscheinlichen Urteilen. Die wohlbegründeten und die überzeugenden Urteile veranlassen den Logos (λόγος, Vernunft) zur Zustimmung.
Ein Zeugnis dessen, was für ein Kriterium der Wahrheit ist, ist nicht überliefert. Bei Diogenes Laertius ist von frühen Stoikern die Rede, die den Orthos Logos (òρθός λόγος) als Kriterium der Wahrheit betrachten. versteht unter Orthos Logos die das Sittliche treffende Vernunft. 46 Die Stoiker verstehen darunter die rechte Vernunft 47 ein angeborenes sittliches Vermögen, das die Außenwelt interpretiert 48 und Verbots- und Gebotsnormen vermittelt. 49 In welcher Form von einem Kriterium der Wahrheit sprechen kann, lässt sich anhand dessen, wie die Stoiker den Erkenntnisprozess denken, darstellen. Die Stoiker unterscheiden grundlegend zwischen Wahrheit (αλήθεια, aletheia) und wahr (άληθές, alethes). Wahrheit gilt ihnen als Körper. Auch die Seele betrachten sie als Körper, und Wahrheit oder auch Arete sind Körper, mit denen die Seele eine Mischung eingeht. Die Seele ist das >Zentralorgan in einer bestimmten Verfassung (ήγεμονικόν πως έχον, hegemonikon pos echon)<. 50 Der Ausdruck wahr hingegen meint eine bestimmte Eigenschaft von Urteilen, also eine Qualität von etwas Unkörperlichem, das selbst unkörperlich ist. Innerhalb des Erkenntnisprozesses gibt es zwei Bestandteile, die zur Erkenntnis der Wahrheit beitragen. Erstens die Phantasia kataleptike (φαντασία καταληπτική, begriffsbildende, ‚ergreifende’ Vorstellung), als Wahrheitsbedingung, der zugestimmt werden kann. Sie hat eine Beziehung zu einem real existierenden Ob- 45 Vgl.D.L.: VII, 65
46 Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Aus dem Griechischen und mit einer Einführung und
Erläuterungen versehen von Olof Gigon. München, 1991. VI 13, 1144b 23, 1103b 32
47 Hobert, Erhard: Stoische Philosophie. Frankfurt am Main, 1992. S.211
48 Vgl. Graser, Andreas: Zenon von Kition. Positionen und Probleme. Berlin, 1975. S.132
49 Vgl. Graser, Andreas: Zenon von Kition. S.134
50 Graeser, Andreas: Zenon von Kition. S.28
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Monika Skolud, 2009, Die "Politeia" Zenon von Kitions als Begründung von Herrschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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