Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der diskrete Charme der Bourgeoisie und das Gespenst der Freihiet. 4
2.1 Synopsis: Der diskrete Charme der Bourgeoisie 4
2.2 Synopsis: Das Gespenst der Freiheit 4
3. Diskontinuierliche Narration 5
3.1 Episodisches Erzählen. 5
3.2 Gruppe vs. Beziehungsgeflecht 6
3.3 Strategien der Unterbrechung. 7
3.3.1 Zufälle 8
3.3.2 Träume 12
3.3.3 Zuschauer 14
3.4 Die fragmentierte Gesellschaft. 16
3.4.1 Brüchige Konventionen. 16
3.4.2 Zyklen. 19
4. Fazit 20
Filmverzeichnis. 22
Literaturverzeichnis. 23
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1. Einleitung
Sucht man in der Internet Movie Database (IMDB) nach Luis Buñuel so findet man 34 Filme bei denen der Spanier im Laufe eines halben Jahrhunderts Regie führte. Buñuels Oeuvre erstreckt sich von dem weltbekannten surrealistischen Frühwerk EIN ANDALUSISCHER HUND (UN CHIEN ANDALOU) von 1929 über mexikanische Genrefilme in den 50er Jahren bis hin zu dem in Frankreich produzierten Spätwerk, zudem unter anderem BELLE DE JOUR (1967) mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle zählt. Wie also bei so einer Bandbreite an Werken ein Thema, gar einen einzelnen Film für eine Hausarbeit auswählen?
Ich habe mich bei dieser Frage vom Aufbau, der Struktur der Filme leiten lassen. Dabei bin ich auf ein Strukturmerkmal buñuelscher Filme gestoßen, dass vor allem bei DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE (LE CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE (1972)) und DAS GESPENST DER FREIHEIT (LE PHANTÔME DE LA LIBERTÉ (1974)) 1 eklatant wird: die Unterbrechung.
Was der amerikanische Filmkritiker Jonathan Rosenbaum in seiner Kritik zu DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE konstatierte, trifft umso mehr zu, wenn man auch den folgenden Film Buñuels betrachtet. „Interruption as Style“ (Rosenbaum 1972, S.2); die Unterbrechung der scheinbar etablierten Narration wird zur eigentlichen Handlung und schließlich zum dramaturgischen Prinzip erhoben. Wenn die Unterbrechung zum Dauerzustand wird, hat dies natürlich Auswirkungen auf die Erzählweise. Diese wird sich zwangsläufig weg von einer linear erzählten Geschichte zu einer nonlinearen, episodischen Erzählweise entwickeln. In der folgenden Arbeit sollen die dramaturgischen Mittel vorgestellt werden, die Buñuel benutzt, um die Entwicklung seiner Geschichte immer wieder selbst zu unterlaufen. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf der Frage liegen, was durch Buñuels Strategie der Unterbrechung letztlich ausgesagt wird. Wenn die Erzählung einer sich linear entwickelnden Geschichte nicht mehr möglich erscheint, was impliziert das dann für das Verständnis der Welt und der Historie?
Neben den dramaturgischen Gemeinsamkeit sind DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE und DAS GESPENST DER FREIHEIT auch inhaltlich vergleichbar, Buñuel selbst bezeichnet die beiden Filme zusammen mit DIE MILCHSTRAßE (1969) als „eine Art Trilogie oder besser ein Triptychon“, da sie dieselben Themen behandeln; Zufall, gesellschaftliche Rituale, Moral, das unerlässliche Suchen und das zu respektierenden Geheimnis (Buñuel 1983, S. 242).
1 In der folgenden Arbeit werden der Einfachheit halber die deutschen Titel der Filme benutzt. Die Filme lagen in der französischen Originalfassung mit englischen Untertiteln vor. Aufgrund mangelnder Französischkenntnisse meinerseits wird für die Zitation der Filmdialoge grundsätzlich der Text der englischen Untertitel benutzt, außer es handelt sich um besondere Ausdrücke im Französischen.
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Zunächst soll eine inhaltliche Zusammenfassung der beiden Filme gegeben werden, soweit dies überhaupt möglich ist. Danach soll kurz einführend auf das episodische Erzählen im Film und die Figurenkonstellationen, die dadurch hervorgerufen werden, eingegangen werden. Schließlich sollen Buñuels Strategien der Diskontinuität näher untersucht und an einigen Beispielen expliziert werden.
2. Der diskrete Charme der Bourgeoisie und das Gespenst der Freihiet
Sowohl DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE (1972) als auch DAS G ESPENST DER FREIHEIT (1974) wurden von Luis Buñuel unter der Mitarbeit von Jean-Claude Carrière geschrieben und von Serge Silberman in Frankreich produziert. DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE war einer von Buñuels erfolgreichsten Filmen und gewann 1973 sogar den Oscar für den besten ausländischen Film.
2.1 Synopsis: Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Eine großbürgerliche Gruppe, bestehend aus den zwei Paaren Henri und Alice Sénéchal und Francois und Simone Thévenot sowie Simones jüngerer Schwester Florence und dem Botschafter der (fiktiven) lateinamerikanischen Republik Miranda Rafael Acosta, versucht sich zum Essen zu treffen. Ihre Zusammenkünfte werden jedoch immer wieder durch mehr oder weniger absurde Zwischenfälle gestört. Zu diesem hauptsächlichen Handlungsstrang kommen diverse Nebenhandlungen und Figuren; die Verwicklung der Männer ins Drogengeschäft, die Bedrohung Acostas durch eine terroristische Gruppe, ein Bischoff, der sich bei den Sénéchals als Gärtner einstellen lässt, Soldaten mit Mutterkomplex und vieles mehr.
2.2 Synopsis: Das Gespenst der Freiheit
Toledo 1808: Spanische Aufständische gegen die Besatzung durch Napoleon rufen vor ihrer Erschießung das absurde „Viva las cadenas!“ („Es leben die Ketten!“). Ein Hauptmann der französischen Armee begehrt die seit Jahrhunderten tote Dona Elvira. Als er ihr Grab öffnen lässt, stellt er fest, dass der Tod ihrem Antlitz nichts anhaben konnte. Eine Nanny liest auf einer Parkbank diese Geschichte, kurz bevor das ihr anvertraute Mädchen offensichtlich obszöne Fotos von einem Fremden zugesteckt bekommt. Der Vater des Mädchens leidet unter Schlaflosigkeit, welche durch nächtliche Besuche eines Postboten und eines Vogel Strauß in seinem Schlafzimmer begründet ist. Die Sprechstundenhilfe des Arztes, den der geplagte Mann aufsucht, will ihren todkranken Vater besuchen. Auf dem Weg trifft sie Soldaten, die mit ihrem Panzer auf Fuchsjagd sind. In einem Gasthaus, in dem sie aufgrund des schlechten
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Wetters einkehren muss, begegnet sie kartenspielenden Mönchen, einem Jüngling, der seine greise Tante verführen will und einem Paar, dass eine öffentliche Sado-Maso-Show vorführt. Ein Professor, den die Arzthelferin am nächsten Morgen mit in die Stadt nimmt, wird in der Polizeischule, in der er einen Vortrag über die Relativität sozialer Konventionen hält, von den Polizeischülern verspottet. Diese halten kurze Zeit später einen zu schnell fahrenden Mann an, welcher auf dem Weg zum Arzt ist. Nachdem der Arzt dem Mann mitgeteilt hat, dass er Krebs im fortgeschrittenen Stadium hat, muss dieser auch noch erfahren, dass seine Tochter aus der Schule verschwunden ist. Die polizeiliche Suche nach der Tochter beginnt, obwohl diese die ganze Zeit zugegen ist. Ein Amokläufer erschießt willkürlich mehrere Menschen und wird vom Gericht zum Tode verurteilt; dann geht er nach Hause. Der Polizeipräsident wird von seiner toten Schwester angerufen und sucht sie in der Familiengruft auf. Als er dort festgenommen wird, muss er feststellen, dass es noch einen Polizeipräsidenten gibt. Die beiden Polizeipräsidenten schlagen gemeinsam einen Aufstand im Zoo nieder.
3. Diskontinuierliche Narration
3.1 Episodisches Erzählen
Episodisch erzählte Filme wirken laut Karsten Treber als „gewollte Abschweifungen und Entgleisungen, die ein dezentriertes Weltbild vermitteln, in dem die Figuren und ihr Handeln ein umfassendes Netz von wechselseitigen Beeinflussungen und zufälligen Verstrickungen bilden“ (Treber 2005, S.10f). Sie stehen dabei im klaren Gegensatz zur klassischen aristotelischen Drei-Akt-Dramaturgie. Das Episodische an sich wurde von Aristoteles streng abgelehnt, ja als erzählerischer Exzess gebrandmarkt, der die wesentliche Entwicklung der Geschichte außer Acht lässt (vgl. Treber 2005, S.27). Im antiken Theater verstand man die Episode als eine Art Zwischenspiel, die die eigentliche Handlung unterbricht. Diese fragmentierende Wirkung wird auch im aktuellen episodisch erzählten Film deutlich, so unterbindet der episodisch erzählte Film die Entwicklung einer linearen Handlung (vgl. Treber 2005, S.15). Treber grenzt episodisches Erzählen wiederum ab vom reinen Episodenfilm, der mehrere in sich zeitlich und räumlich abgeschlossene Segmente aneinanderreiht, die sich wechselseitig nicht beeinflussen und oftmals sogar von unterschiedlichen Regisseuren gedreht worden sind (vgl. Treber 2005, S. 17). Beim episodischen Erzählen hingegen besteht zumeist ein kontinuierlicher Handlungsraum indem die Figuren sich gemeinsam bewegen und unvermittelt vernetzen.
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3.2 Gruppe vs. Beziehungsgeflecht
Im Gegensatz zum klassischen Drei-Akt-Schema wird in einem episodisch erzählten Film nicht ein Protagonist in den Mittelpunkt gerückt, sondern vielmehr ein Beziehungsgeflecht von unterschiedlichen Figuren dargestellt. Gleichzeitig implizieren plurale
Figurenkonstellationen natürlich auch das episodische Erzählen, da jeder Figur ein gewisser Raum zur Verfügung gestellt werden muss. Damit das Fehlen eines Protagonisten und damit einer eindeutigen Identifikationsfigur nicht zur völligen Desorientierung beim Zuschauer führt, kann die durch die Erzählperspektive fragmentierte Handlung durch verschiedene erzählerische Strategien wieder zusammengeführt werden. Dazu zählen ein einheitliches Thema, wiederkehrende Standardsituationen und die andauernde Variation eines Motivs oder eines Konflikts (vgl. Treber 2005, S. 23).
DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE ist zwar strukturell ein episodisch erzählter Filmder einzige lineare Handlungsstrang ist der andauernde Versuch der Gruppe, sich zum Essen zu treffen. Da dieses Vorhaben jedoch ständig unterbrochen wird, steht die Geschichte eher still, als sich narrativ voranzubewegen. Dennoch trifft die von Karsten Treber für episodisch erzählte Filme beschriebene Figurenkonstellation auf diesen Film nicht zu. Bei den sechs Hauptpersonen handelt es sich nicht um Einzelfiguren, die sich in einem losen Netzwerk der Beziehungen zu anderen Einzelfiguren befinden, sondern eher um eine Gruppenfigur. Die Gruppenfigur ist laut Margrit Tröhler „in ihrem Inneren keineswegs homogen […], doch als Typ - ein Konglomerat von sozialen und symbolischen, physisch kodierten Merkmalen - und als Rolle - hier ein in einzelne Momente aufgesplittetes Handlungsprogramm - finden die einzelnen Figuren ihr Echo immer in der Gruppe “ (Tröhler 2007, S. 49). Die Gruppenfigur aus DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE teilt die sozialen Merkmale des Großbürgertums welche klar abgegrenzt werden von denen des Proletariats (Siehe Kapitel 3.4.1). Das vereinende Ziel der Gruppe ist das Streben nach einem gemeinsamen Essen, was jedoch immer wieder unterbunden wird. Die individuelle Charakterisierung der sechs Hauptfiguren bleibt dabei zwar auf einem oberflächlichen Niveau, wird jedoch durch viele Kleinigkeiten und versteckte Anspielungen im Laufe des Films vorangetrieben. Das Auftreten der Figuren als soziale Gruppe wird so neben der immer wiederkehrenden Variation der Standardsituation des gemeinsamen Essens zur entscheidenden narrativen Strategie, der Verknüpfung der einzelnen Episoden. Rosenbaum sieht im Habitus („myth, behavior and appearance“) der Bourgeoisie, die sich trotz der abstrusesten Widrigkeiten nicht von ihren konventionalisierten Vorhaben abbringen lässt, die eigentliche Kontinuität des Films (vgl. Rosenbaum 1973, S.3).
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Arbeit zitieren:
Stefanie Graf, 2009, Interruption as Style, München, GRIN Verlag GmbH
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