Fortschritte in wissenschaftlicher und ökonomischer Hinsicht, zudem ein neues selbstbewußtes Bürgertum herausbildete, welches an machtpolitischen Prozessen zu partizipieren gedachte, die monarchistischen Strukturen aber an immer weniger legitimierten und legitimierenden Instrumenten der Herrschaft festhielten, war es für den Fortbestand der Monarchie in der damaligen Form essentiell eine demokratische Opposition, welche vor allem von den Studenten und ihren Studentenverbindungen (insbesondere den Burschenschaften) getragen wurde, gar nicht erst erstarken zu lassen und sie effektiv zu bekämpfen. Nachfolgend formte sich in beiden Staaten, aber auch in anderen deutschen Herrschaftsgebieten, ein äußerst repressives Regime heraus, welches nach seinem Initiator auch Metternichsches Regime genannt wurde.
Zwar führte diese Politik zur demokratischen Revolution von 1848, diese wurde allerdings niedergeschlagen. Es ist jedoch heute davon auszugehen, daß trotz dieser Niederschlagung eine gewisse Auswirkung dieser Revolution auf die Regime stattgefunden hat und, zur Herrschaftskonsolidierung aber auch zur wirtschaftlichen Entfaltung der Menschen, ein gewisser indirekter Einfluß gegeben war. So wurden nachher bestimmte Reformen durch- und Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeführt, wenn auch nicht so weitereichend wie ursprünglich gefordert.
Nichtsdestotrotz zeichnete sich bei Preussen, welches bereits während der napoleonischen Kriege tiefgreifende Reformen in Heer- und Bildungswesen durchgeführt hatte, unter zunächst ähnlichen politischen Bedingungen wie in Österreich, immer deutlicher ab, daß es dieses viel größere Land ökonomisch und geistig zunehmend überflügelte. Die Reformen im Militär sind bis heute fester Bestandteil der deutschen Armee und auch die Bildungsreformen Humboldts hatten bis vor wenige Jahre Bestand. Sie waren wesentlich am Aufbau und Erfolg der deutschen schulischen und universitären Ausbildung, und betrachteten, insbesondere letzteres, als zweckfreies Streben nach Wissen zur Erbauung des Individuums. Gerade diese unabhängige und zunächst zweckfreie Wissenschaft war interessanterweise eine der Ursachen des deutschen wirtschaftlichen Erfolges bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Erst als 1999 ein rechtlich nicht bindender Vertrag zwischen den Bildungsministern der europäischen Staaten geschlossen wurde, vernichtete man das deutsche -universitäre- Bildungswesen sukzessive, aber nachthaltig und bezeichnete dies als „Bologna- Prozeß“. Durch die Wirkung der Emser Depesche 1870 erklärte Frankreich Preussen und seinen Verbündeten den Krieg. Das Königreich Preussen nutzte die gesamtdeutsche Stimmung propagandistisch aus und konnte im Zuge des erfolgreichen Krieges, nach der Schlacht von Sedan, eine Einigungsbewegung initiieren, steuern und nutzen, um ein einiges Deutsches
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Kaiserreich unter Preussens Führung, also unter Erbmonarchie der Könige Preussens, zu etablieren. Österreich, welches durch die deutschen Bevölkerungsteile des Reiches und im Hinblick auf die selbstverstandene kontinentale Führungsrolle- auch in bezug auf den Deutschen Bund-, kein Interesse an einer solchen Entwicklung haben konnte, schied aus dem dualistischen Ringen als Verlierer aus und mußte als schwächerer Juniorpartner in eine enge Beziehung zum Deutschen Reich treten.
Allerdings schied mit dieser Kleindeutschen Lösung, welche vor allem den Interessen Preussens entsprach, auch die großdeutsche Lösung (dies entsprach einem Reich mit der deutschstämmigen Bevölkerung Österreichs) als auch die teilweise utopische Lösung eines „Reichs der 150 Millionen“ (dieses Reich sollte das Gebiet des ehemaligen HRR und des Kaiserreichs Österreich vollständig umfassen) aus.
Es handelt sich bei dem vorliegenden Text also um eine Rede zu genau dem o.g. Sachverhalt und soll vor dem persönlichen historistischen Hintergrund Rankes dessen Einschätzung dieser Prozesse verständlich machen.
Ranke gilt als einer der prominentesten Vertreter des Historismus im allgemeinen und desselben in Deutschland im speziellen. Er wurde am 21.12.1795 in Thüringen geboren und gilt als wegweisender Vordenker der Geschichtswissenschaft und hier vor allem des Historismus. Beim Historismus handelt es sich um eine vor allem im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland sehr populäre und einflußreiche geschichtswissenschaftliche Strömung, welche auch philosophische Denkweisen integrierte.
Prägend war vor allem die Vorstellung, daß die Geschichtlichkeit des Menschen insofern bedeutend sei und er somit diese auch gestalte, inwieweit er von der Vergangenheit in Form von Tradition und des Bewußtseins hierüber beeinflußt wird und dies für ihn begreifbar ist. Die Betrachtung geschichtlicher Prozesse wird somit auf eine individualistische Ebene projiziert, welche den „Staat“ oder die „Nation“ nicht als rationale Ergebnisse gesellschaftlicher (geschichts- metaphysischer) Prozesse begreift, sondern als eine organisch und geschichtlich hervorgebrachte Wesenhaftigkeit. Auf diese Weise sollte zu einer explizit objektiven und empirisch fundierten Betrachtungsweise geschichtlicher Ereignisse und Phasen beigetragen und die hermeneutische Wissenschaft als solche gestärkt werden. Nicht zu verwechseln ist der Historimus mit dem Historizismus, welcher andere Schwerpunkte in der Betrachtung geschichtlicher Sachverhalte setzt, allerdings häufig von Kritikern des Historismus als Argument gegen diesen angeführt wurde und wird.
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Ranke hatte im Laufe seines Lebens hohe Positionen im öffentlich- akademischen Bereich inne, war über diese sehr einflußreich und besaß damit durchaus auch eine gewisse Deutungshoheit Begrifflichkeiten und Verständnisweisen betreffend. Ranke starb 1886 in Berlin.
Die vorliegende Rede wurde von dem Historiker persönlich zu Lebzeiten gehalten. Im Rahmen der damaligen geschichtswissenschaftlichen Debatten ist diese Rede als historistisches Zeitdokument durchaus aktuell und plausibel.
Die Rede gliedert sich inhaltlich in drei Hauptteile, wobei der erste Teil aus einer Einleitung in das Thema besteht. Hierbei läßt Ranke das HRR historisch revuepassieren sowie dessen historische, ja ideale, Bedeutung herausstellen.
Rankes Ausführungen sind subjektivistisch und leiten keine wissenschaftliche Untersuchung oder Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Jahres 1870/ 71 ein, sondern begründen die vorgenommene Argumentationskette Rankes unter dem Eindruck des Historismus. Insofern wird der Zuhörer bereits in der Einleitung in eine bestimmte Richtung beeinflußt. Nach der entsprechenden Denkweise und innewohnenden typischen Vorgehensweise im Rahmen der Vorstellungen historistischer Entwicklungen, wird zunächst eine Verortung des zu behandelnden Prozesses und des entsprechenden Subjektes in der Geschichte vorgenommen. Dies soll die Plausibilität des Vorgehens unterstreichen und die geschichtlichen Ereignisse in eine organisch begründbare Zwangsläufigkeit einordnen. Aus diesem Grund erfolgt zu Beginn der Rede ein Verweis auf das alte „Römisch- deutsche Reich“. Die Ausführungen zur Geschichte und Legitimation des Reiches dienen als theoretischer Unterbau der Ranke eigenen Ausführungen. Auf dieser Grundlage fußt seine im nächsten Abschnitt, dem dreigliedrigen Hauptteil, formulierte Theorie: „Die Tatsache an und für sich verknüpft die Jahrhunderte unserer Geschichte: Sie ist der Ausdruck des Gemeingefühls der Nation, wie es von Urzeiten her gebildet, die Gegenwart erfüllt. Und dadurch, daß die neue Würde erblich übertragen worden ist, bietet sie eine Gewähr der Einheit für die Zukunft, wie sie noch niemals vorhanden war.“ Der dem Historismus innewohnende Charakter der Fokussierung auf Persönlichkeiten in der Geschichte, wird durch die indirekte Ansprache der „Übertragung der Würde“ mehr als deutlich. Gemeint sind die preussischen Könige und jetzigen Kaiser. Noch deutlicher wird die Herstellung einer organischen Verbindung zwischen Geschichte und personifiziertem Akteur in dieser Passage:
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„Einer der großen Stämme der Nation, durch den Lauf der Ereignisse auch von den letzten gemeinsamen Kämpfen und von der dadurch bedingten Gemeinschaft des neuen Reiches ausgeschlossen [...]“
Die Habsburger Monarchie wird hier sogar als deutscher Stamm bezeichnet. Die Einleitung enthält zudem einen kurzen Hinweis auf die geschichtliche Bedeutung des Prozesses und somit auch einen Hinweis auf die Notwendigkeit der geschichtlichen Erforschung dessen. Das heißt, Ranke begründet bereits in der Einleitung die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Epoche und den entsprechenden Persönlichkeiten. Zitat:
„Es ging [1870] ein Gefühl durch die Nation, daß das Deutsche Reich und Kaisertum wiederhergestellt werden müsse. Man könnte ein Buch darüber schreiben, welche Wandlungen die Idee des Kaisertums in den verschiedenen Jahrhunderten erfahren hat.“ Die Einordnung der geschichtlichen „Persönlichkeiten“ Preussens und Österreichs (mit den entsprechenden Repräsentanten) in den größeren geschichtlichen Kontext wird im bereits erwähnten Hauptteil vorgenommen und führt die Argumentation in einem Resümee, als letzter kurzer Teil dieses Textes, zu einem Ende. In diesem Hauptteil begründet Ranke die geschichtliche Bedeutung des Prozesses mit dem Erläutern desselben. Persönlichkeit in Form der Reiche und geschichtlich relevanter Prozeß ergänzen sich einander und beeinflussen sich gegenseitig.
Die Ausführungen Rankes machen die historisierende Argumentationskette für den Zuhörer unfraglich, da sie zum einen logisch und kohärent ist sowie die scheinbare idealisierte Darstellung der Geschichte des HRR im momentanen Prozeß der Reichsgründung ihre Richtigkeit und Zwangsläufigkeit unter Beweis gestellt hat.
Eben diese Vorgehensweise, die Verortung des Prozesses in der Geschichte, welcher sich durch aktuelle Ereignisse als richtig herausstellt, sichert die Argumentation vor eventueller Kritik ab.
Die sprachliche Ausgestaltung dieser Rede bewegt sich auf einem normalen Niveau. Es ist festzuhalten, daß die verwendete Sprache von einem Großteil der Menschen verstanden werden konnte, wenngleich einige Fachausdrücke und indirekte Ansprachen folgen. Da diese Rede vor einem Publikum stattfand, welches über die aktuellen Ereignisse gut informiert war,
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Christina Herzog, 2010, Leopold von Rankes Rede "Gefühl der Nation" von 1871 - Eine Textanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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