Ulrich Krieter
Karl - Andreas Krieter
Pfarrer
der Katholischen Kirchengemeinde
St. Bonifatius in Hamburg Wilhelmsburg
in den Jahren 1934 bis 1961
2
Dieses Werk widme ich meiner lieben Frau, Ingrid Krieter.
3
Danksagung:
Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Domkapitular und Dechant im Ruhestand,
Heribert Brodmann. Er hat mich vor Jahren ermutigt, das Leben des Pfarrers und
Dechanten, Karl-Andreas Krieter, zu beschreiben. Er verschaffte mir auch
Zugang zu der Chronik der Katholischen Kirchengemeinde St. Maria in Harburg
und zeigte sich am Fortgang meiner Arbeit immer wieder interessiert.
Herr Dechant Peter Wohs ermöglichte mir den Zugang zur Chronik der
Katholischen Kirchengemeinde St. Franz-Josef in Harburg-Wilstorf. Pfarrer
Burkhard Göcke stellte mir die Chronik der Katholischen Kirchengemeinde
St. Bonifatius in Wilhelmsburg zur Verfügung. Sein Nachfolger, Pfarrer
Dr. Jürgen Wätjer, gewährte mir Einsicht in die vielen Akten des Archivs der
Kirchengemeinde St. Bonifatius. Allen drei Herren danke ich herzlich.
Den Leitern der Katholischen Grund-, Haupt- und Realschulen in Harburg und
Wilhelmsburg, den Herren Michael Pfennig und Erhard Porten, danke ich, weil
sie mir Material zur Geschichte ihrer Schulen zur Verfügung stellten.
Ich danke den Damen und Herren im Bistumsarchiv Hildesheim und Herrn
Dr. Clemens Brodkorb, dem Leiter des Archivs der deutschen Provinz der
Jesuiten. Sie haben mir mit der Bereitstellung von Quellen geholfen.
Mein Dank gilt auch Herrn Dr. Günter Dörnte und Monsignore Peter
Schmidt-Eppendorf. Dr. Dörnte hat mir zu Beginn meiner Arbeit durch
konzeptionelle Anregungen und Bereitstellung von Büchern seiner
Privatbibliothek geholfen. Herr Schmidt-Eppendorf zeigte sich immer am
Fortschritt meiner Arbeit interessiert. Auch er stellte mir Bücher zur Verfügung.
Herrn Adolf Cramer danke ich für die Bereitschaft, mehrmals Teile des
Manuskripts zu lesen und zu korrigieren.
Ulrich Krieter, im Februar 2010
4
Vorwort
Am 4. Februar des Jahres 1969 gab der Senat der Freien und Hansestadt
Hamburg im ,,Amtlichen Anzeiger" bekannt, dass eine Straße auf der Elbinsel
Wilhelmsburg den Namen ,,Krieterstraße" erhalten habe.
1
Die Straße liegt im
damaligen Neubaugebiet zwischen der Neuenfelder Straße und der
Thielenstraße im Bahnhofsviertel von Wilhelmsburg und zweigt in nördlicher
Richtung von der Neuenfelder Straße ab. Die Benennung erfolgte auf
einstimmigen Vorschlag des Ortsausschusses Wilhelmsburg zur Ehrung des
Pfarrers der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius, Karl-Andreas Krieter.
Er war sechs Jahre vorher, am 24. Februar des Jahres 1963, verstorben.
Der Pfarrer und Dechant Karl-Andreas Krieter galt vielen Menschen seiner Zeit
als liebenswerte und bedeutende Persönlichkeit. Damit er nicht in Vergessenheit
gerät, habe ich mir vor Jahren das Ziel gesetzt, sein Leben und Wirken zu
beschreiben.
Karl-Andreas Krieter wurde im Jahre 1890 geboren. Er starb im Jahre 1963.
Von 1923 bis 1934 wirkte Karl-Andreas Krieter in Harburg-Wilstorf als Pastor
der katholischen Kirchengemeinde St. Franz-Josef. Dieser Abschnitt seines
Lebens ist von mir bereits beschrieben und veröffentlicht.
2
Vom Oktober 1934 bis zum August des Jahres 1961 war Karl-Andreas Krieter
Pfarrer der katholischen St. Bonifatius-Gemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg.
Während der 27 Jahre, die er in dieser Gemeinde tätig war, erlebte er die
Diktatur Adolf Hitlers, den 2. Weltkrieg und die Anfangsjahre der
Bundesrepublik Deutschland. Die Menschen in der Kirchengemeinde
St. Bonifatius, die persönliche Erinnerungen an Karl-Andreas Krieter haben,
werden von Jahr zu Jahr weniger. Deswegen hatte ich mich schon im Jahre 2003
entschlossen, meine Recherchen zum zweiten Teil der Biografie des Pfarrers
Krieter mit der Befragung von Zeitzeugen zu beginnen. Diese
Zeitzeugen-Berichte nahmen im Laufe von sechs Jahren einen solchen Umfang
an, dass es sinnvoll erschien, sie gesondert zu veröffentlichen. Das ist unter dem
Titel ,,Die St. Bonifatiusgemeinde in Hbg.-Wilhelmsburg zur Zeit des Pfarrers
Krieter, 35 Zeitzeugen berichten aus den Jahren 1934 bis 1963" im November
des Jahres 2009 geschehen.
3
1
Amtlicher Anzeiger, Teil II des Hamburger Gesetz- und Verordnungsblattes; herausgegeben vom Senat der
Freien und Hansestadt Hamburg, Staatliche Pressestelle, Nr. 26, Donnerstag, den 6. Februar 1969
2
Krieter, Ulrich, Karl-Andreas Krieter - Pastor der katholischen Kirchengemeinde St. Franz-Josef in
Harburg-Wilstorf. Sein Leben und Wirken im Rahmen der Geschichte Deutschlands und
Harburg-Wilhelmsburgs in den Jahren 1923 bis 1934 , Grin- Verlag für Akademische Texte, 2008,
ISBN 978 - 3- 638 95144 9.
3
Grin-Verlag für
Akademische Texte, 2009, ISBN 978 - 3- 640 - 4849 -2.
5
Der hiermit vorliegende zweite Teil der Biografie des Pfarrers und Dechanten
Karl-Andreas Krieter beschreibt sein Leben und Wirken in der
Kirchengemeinde St. Bonifatius und im Dekanat Lüneburg / Harburg. Ich habe
mir größte Mühe gegeben, die Quellen, die erreichbar waren, selbst zu Worte
kommen zu lassen. Dieses Quellenmaterial, das bislang im Verborgenen ruhte
und durch das vorliegende Werk bekannt gemacht wird, regt vielleicht zu
weiteren Forschungen auf dem Gebiet der katholischen Kirchengeschichte
Hamburgs an.
Im Jahre 1995 wurde das Erzbistum Hamburg gegründet. Ihm wurden alle
katholischen Kirchengemeinden auf dem Gebiet der Freien und Hansestadt
Hamburg zugewiesen. Die Mehrheit dieser Kirchengemeinden gehörte bis dahin
zum Bistum Osnabrück. Die Kirchengemeinden in Wilhelmsburg und Harburg
dagegen gehörten zum Bistum Hildesheim. Ihre Geschichte ist in Hamburg
verständlicherweise nahezu unbekannt. Das vorliegende Werk schließt also eine
Wissenslücke in der katholischen Kirchengeschichte des Stadtstaates und des
Erzbistums Hamburg. Gleichzeitig werden Details der Ortsgeschichte der
Hamburger Stadtteile Wilhelmsburg und Harburg veröffentlicht, die noch nicht
erforscht und beschrieben waren. Deswegen findet das vorliegende Werk
hoffentlich auch bei Personen Interesse, die nicht katholisch sind.
Ulrich Krieter, im Februar 2010
6
Inhaltsverzeichnis
1. Pastor Krieter wird Pfarrer der Gemeinde
St. Bonifatius in Harburg-Wilhelmsburg.
S. 12
1.1. Das Angebot des Bischofs
S. 15
1.2. Die Zusage
S. 21
1.3. Die Unterschriftensammlung des
Kirchenvorstehers Born
S. 23
1.4.
Hinterlassene
Probleme
S. 24
1.5. Geschichte und soziale Struktur
der Gemeinde St. Bonifatius
S. 28
1.6. Die Einführung in St. Bonifatius
S. 37
2. Pfarrer Krieter richtet sich in St. Bonifatius ein. S. 38
2.1. Alltag im Pfarrhaus
S. 39
2.2. Die Organisation der pastoralen Arbeit
S. 46
2.3. Die weltlichen Mitarbeiter
S. 51
3.
Das erste Jahr im Pfarrer-Amt
S. 55
3.1. Nationalsozialistischer Geist in der
katholischen Schule
S. 55
3.2. Die Nutzung der ,,Höpenwiese"
S. 57
3.3. Bauliche Mängel an der Bonifatiuskirche,
am Kirchplatz und am Pfarrhaus
S. 62
3.4. Advent und Weihnachten 1934
S. 64
3.5. Die ,,Kindersegnung" am Fest
der unschuldigen Kinder
S. 68
3.6. Anordnungen zum Gebet, zum Glockenläuten
und zum Beflaggen der Bonifatiuskirche S. 70
3.7. Karitatives Wirken in der Bonifatiusgemeinde S. 74
3.8. Der erste Besuch des Bischofs Joseph-Godehard
in Harburg-Wilhelmsburg
S. 77
3.9. Sorgen um das Weiterleben der Bekenntnisschule
S. 80
3.10. Nur ,,rein-religiöse" Jugendarbeit ist noch erlaubt. S. 82
3.11. Die ,,Wandernde Kirche"
S. 86
7
3.12. NS-Lügengeschichten über
einen Bischof und einen Generalvikar
S. 88
3.13. Kirchliche Feiern in Harburg-Wilhelmsburg S. 90
3.14. Pfarrer Krieter, ein sachlich orientierter Seelsorger S. 94
3.15. Pfarrer Krieter wird immer beliebter.
S. 101
3.16. Die Sitzung des Kirchenvorstandes im Juli 1935
S. 104
4.
Die Kapläne der Jahre 1935 bis 1940
S. 107
4.1. Der Abschied von Kaplan Konrad Dorenkamp S. 108
4.2. Kaplan Johannes Wosnitza
S.
111
4.2.1. Finanzielle Verhandlungen mit dem
Generalvikariat wegen des Kaplans Wosnitza
S. 112
4.2.2. Kaplan Wosnitza zu Beginn seiner Zeit
in St. Bonifatius
S. 114
4.3.
Joseph Krautscheidt, Kaplan
für die ,,Wandernde Kirche"
S. 118
4.4. Kaplan Antonius Holling
S.
121
5.
Die Jahre der Bedrängnis, 1936 bis 1939
S. 122
5.1. Seelsorgerliche Anstrengungen
S. 122
5.2. Die Bischöfe und die Rheinlandbesetzung.
S. 124
5.3. Beleidigt und verleumdet
S. 126
5.4. Die Bischöfe bieten der NS-Regierung
ein Bündnis an
S. 128
5.5. In die Sonderstellung gedrängt
S. 129
5. 6. Das ,,St. Willehadstift" schafft Sorgen
S. 132
5.7. Die Enzyklika ,,Mit brennender Sorge..."
S. 135
5.8 Der Kampf gegen erneute Verleumdungen
S. 137
5.9. Drohungen des Reichsstatthalters Kaufmann S. 140
5.10. Das Ende der katholischen Schulen
in Wilhelmsburg und Harburg
S. 141
5.11. Das kirchliche Leben geht dennoch weiter
S. 150
5.11.1. Jubel in Wilstorf
S. 152
5.11.2. Bautätigkeiten in Wilhelmsburg
S. 156
5.12. Rückblick auf die ,,große Politik"
der Jahre 1936 bis 1939
S. 160
8
6. Pfarrer Krieter während des 2. Weltkrieges
S. 167
6.1. Erste Auswirkungen des Krieges in
St. Bonifatius
S. 169
6.2. Priesterjubiläum im zweiten Kriegsmonat
S. 171
6. 3. Gebote, Verbote, Anordnungen und Bekanntgaben S. 174
6.4. Das Jahr 1940
S. 177
6.4.1. Einschränkungen im Alltagsleben und Sorgen
wegen Zusatzkosten für die Kirchenkasse
S. 177
6.4.2. Kaplan Holling wird versetzt.
S. 180
6.4.3. Pfarrer Friedrich Schmidts wird Nachfolger des
Dechanten Carl Kopp.
S. 181
6.4.4. Die ersten Bomben fallen auf Hamburg.
S. 184
6.4.5. Primiz am Morgen nach dem Luftangriff S. 187
6.4.6. Kaplan Wosnitza wird versetzt.
S. 189
6.4.7. Die Weihe der Gemeinde
St. Bonifatius an die Gottesmutter
S. 191
6.4.8. Der Zorn des Dr. Offenstein
S. 192
6.4.9. Rückblick auf das Jahr 1940
S. 195
6. 5. Das Jahr 1941
S.
197
6.5.1. Die Luftangriffe gehen weiter.
S. 197
6.5.2. Die Kinderlandverschickung
S. 200
6.5.3. Die seelsorgerliche Betreuung
dienstverpflichteter Ausländer
S. 203
6.5.4. Der Hirtenbrief der deutschen Bischöfe
vom
26.
6.
1941
S.
204
6.5.5. Der ,,Klostersturm"
S. 206
6.5.6. ,,Euthanasie"; die dritte Predigt des
Bischofs von Münster
S. 210
6.5.7. Rettung aus der psychiatrischen Anstalt Lüneburg S. 212
6.5.8. Pater Jussen kommt und Kaplan Surkemper
wird versetzt.
S. 213
6.5.9. Rückblick auf das Jahr 1941
S. 215
6.6.
Das Jahr 1942
S. 217
6.6.1. Die Gemeinde ,,opfert" Kirchenglocken
S. 218
6.6.2. Katholische Gedanken und Trostworte
zum Soldatentod
S. 219
6.6.3. Wahrzeichen der Angst an der ,,Heimatfront" S. 222
9
6.6.4. Nachbesserungen an der
Verdunkelungseinrichtung der Bonifatiuskirche S. 226
6.6.5. Folgen einer Denunziation
S.
227
6.6.6. Seelische und körperliche Anforderungen bis
an die Grenze der Belastbarkeit
S. 228
6.6.7. Der sorgenerfüllte Dezember 1942
S. 232
6.6.8. Freude am Engagement der Pfarrjugend
S. 235
6. 7. 1943, das ,,Jahr des Schreckens"
S. 236
6.7.1. Stalingrad und der Umgang
mit der militärischen Niederlage
bei Katholiken und Nationalsozialisten
S. 236
6.7.2. Die Bomben- und Brandkatastrophe
für Hamburg
S. 241
6.7.3. ,,Bereitseinkönnen zum Sterben"
und das Gebet für den Frieden der Völker S. 246
6.7.4.
Die Versetzung des Pfarrers Wüstefeld S. 248
6.7.5.
Nachrichten von den Verwandten
S. 249
6.7.6. Die letzten Monate des Jahres 1943
S. 252
6.8.
1944, ein Jahr voller Unglück
für die katholischen Kirchengemeinden
in Wilhelmsburg und Harburg
S. 253
6.8.1. Das Kriegsgeschehen und die Folgen
für den Gottesdienst
S. 254
6.8.2. Unglückswochen für die Kirchengemeinde
St. Bonifatius im Juni und August 1944
S. 256
6.8.3. Pfarrer Krieter wird Dechant
des Dekanates Lüneburg.
S. 260
6.8.4. Die Unglückswochen für die
Kirchengemeinde St. Maria
S. 261
6. 9. In Erwartung des Kriegsendes
S. 265
6.9.1. Unglück für St. Bonifatius
S. 267
6.9.2. Die Woche nach dem 31. 3. 1945
S. 273
6.9.3. Während der letzten Tage des Krieges
S. 275
10
7.
Dechant Krieter in den ersten Nachkriegsjahren S. 277
7. 1. Neue Personen in der Regierung
und Verwaltung Hamburgs S. 277
7. 2. Der Wiederaufbau des religiösen Lebens
und karitative Anstrengungen
S. 280
7. 3. Geistige Fixierung
S. 284
7. 4. Die Bonifatiuskirche wird restauriert.
S. 285
7. 5. Mangelnde Kontinuität auf den Kaplanstellen
von St. Bonifatius
S. 289
7. 6. Senator Velthuysen macht
der Bonifatiusgemeinde ein Geschenk.
S. 294
7. 7. Zwei Briefe von Bischof Joseph-Godehard
S. 297
7. 8. Die Wiedereinrichtung der katholischen
Schulen in Wilhelmsburg und Harburg
S. 298
7. 9. Dechant Krieter bestellt Andreas Nolte
zum Rektor der Bonifatiusschule
S. 305
7. 10 Die Gründung des Krankenhauses Groß-Sand S. 310
7. 11.
Dechant Krieter und die besonderen Nöte
der ersten Nachkriegszeit
S. 323
7. 11. 1. Die Entnazifizierung
S. 323
7. 11. 2. Die Hunger- und Kältekatastrophe 1946 / 1947
S. 328
7. 11. 3. Die Währungsreform
S. 333
7. 12. Die Verwandten während
der ersten Nachkriegszeit
S.
339
8. Jahre der Zufriedenheit und Kontinuität
S. 347
8.1. Dechantentätigkeit
S. 348
8. 2. Die Kapläne Goedde und Hölsken
S. 355
8. 3. Verzicht auf die Privatsphäre und Kapitulation
vor der Aufgabe, Pflegevater zu sein
S. 363
8. 4. Die Bauvorhaben der Fünfziger Jahre
S. 367
8. 4. 1. Der Bau des neuen Gemeindehauses
S. 369
8. 4. 2. Die Erweiterung des Krankenhauses
S. 378
8. 5. Freude über den Priesternachwuchs aus der
Bonifatiusgemeinde
S. 384
11
9. Schwere Prüfungen
in den letzten Amtsjahren
S. 388
9. 1. Körperliche Beschwerden
S.
388
9. 2. Zwei ,,schwierige" Kapläne
S. 389
9. 3. Der Tod des Rektors Nolte
S. 394
10. Zustimmung zur Wiedereinrichtung
des Sportvereins DJK-Wilhelmsburg
S. 398
11. Silbernes Ortsjubiläum
und unerwartete Ehrungen
S. 403
12. Die Bitte um Versetzung
in den Ruhestand
S. 408
13.
Ruhestand
in
Hilkerode
S.
415
14. Tod, Bestattung und
Nachrufe
S.
419
Literaturverzeichnis
S. 426 - 437
Personenregister
S. 438 - 449
Abbildungsnachweis
S. 450 - 459
12
1. Pastor Krieter wird Pfarrer der Gemeinde St. Bonifatius in
Harburg-Wilhelmsburg.
Seit dem 1. Oktober 1923 war Karl-Andreas
Krieter Pastor der Gemeinde St. Franz-Josef in
Harburg-Wilstorf. Im Jahre 1931 bat er den
damaligen Bischof von Hildesheim, Dr.
Nikolaus Bares, zum ersten Mal um
Versetzung und Zuteilung einer Pfarrer-Stelle -
am liebsten auf dem Eichsfeld, in seiner
Heimat.
4
Sein Bischof bot ihm eine
Pfarrvikar-Stelle in Groß-Ilsede an. Diese
Stelle - zwischen den Städten Hildesheim und
Peine gelegen - wollte und konnte Karl-
Andreas Krieter nicht annehmen.
5
Seine beiden Versetzungswünsche, die er in
den folgenden Jahren dem Bischof schriftlich
6
und sogar mündlich
7
vortrug, wurden nicht
erhört.
Am 16. Dezember 1933 wurde Dr. Bares von
Papst Pius XI. zum Bischof von Berlin
ernannt.
8
Der Bischofssitz in Hildesheim war vakant. Deswegen wandte sich
Karl-Andreas Krieter mit seinem nächsten Schreiben, das den Wunsch nach
Versetzung vortrug, an den Generalvikar des Bistums, an Dr. Otto Seelmeyer.
Das Schreiben ist auf Montag, den 4. Juni 1934, datiert. Dieses Mal erklärte er
sich bereit, jede Pfarrei anzunehmen, ,,für die man ihn geeignet halte."
9
Die
Hoffnung, in nächster Zeit eine Pfarrstelle auf dem Eichsfeld zu bekommen,
hatte er also aufgegeben.
4
Bistumsarchiv Hildesheim, Personalakte K.-A. Krieter, Bischöfliches Generalvikariat, Eingang 19. 1. 1931.
5
Die Gründe für die Ablehnung einer Versetzung nach Groß-Ilsede sind ausführlich dargestellt
in Krieter, U., Karl-Andreas Krieter, Pastor der Katholischen Kirchengemeinde St. Franz-
Josef in Harburg - Wilstorf; Sein Leben und Wirken im Rahmen der Geschichte Deutschlands
und Harburgs in den Jahren 1923 bis 1934, Grin - Verlag für akademische Texte, 2008,
ISBN 978 -3 - 638 - 95144 - 9 .
6
Briefe vom 16. 1. 1933 und 16. 8. 1933 an das Bischöfliche Generalvikariat, Bistumsarchiv
Hildesheim, Personalakte Karl- Andreas Krieter.
7
Anlässlich des Besuches von Bischof Dr. Bares im Pfarrhaus von St. Franz-Josef, Reeseberg 16, am
4. 9. 1933, hatte K.-A. Krieter Gelegenheit gehabt, seinem Bischof den Wunsch nach Versetzung
mündlich vorzutragen. Vgl. Chronik der Kirchengemeinde St. Maria, Seite 103.
8
D
as Bistum Berlin war am 13. 8. 1930 neu gegründet worden. Der erste Bischof, Dr. Christian
Schreiber, war am 1. 9. 1933 verstorben. Am 16. 12. 1933 wurde Dr. Nikolaus Bares zum
Bischof von Berlin ernannt. Vgl. Kluck, A. und Sauermost B., 75 Jahre Bistum Berlin, Glaube für die
Zukunft - Spuren der Geschichte - Konturen des Lebens, SERVI -Verlag, Berlin 2005, S. 78 ff.
9
Bistumsarchiv Hildesheim, Personalakte Karl-Andreas Krieter.
Abb.1: Karl-Andreas Krieter im
Alter von 46 Jahren; ein Foto aus
dem Jahre 1936
13
Generalvikar Dr. Seelmeyer antwortete schon am nächsten Tag. Er forderte
Pastor Krieter auf, seinen Wunsch zu wiederholen, sobald der Hildesheimer
Bischofsstuhl neu besetzt sei.
10
Am 22. 6. 1934 wurde Dr. Josef-Godehard Machens von Papst Pius XI. zum
Bischof von Hildesheim ernannt. Karl-Andreas Krieter konnte sich aber nicht
umgehend an den neuen Bischof wenden, denn in den Tagen vom 30. Juni bis
zum 2. Juli 1934 geschah in Deutschland Ungeheuerliches. Der Reichskanzler
persönlich verhaftete seinen obersten SA-Führer, Ernst Röhm, und einige andere
Männer der SA-Führung. Weil sie nicht mehr in sein politisches Konzept
passten, ließ Hitler diese Männer ohne Gerichtsprozess erschießen. Gleichzeitig
nutzte er die günstige Gelegenheit, die Ermordung weiterer unliebsamer
Personen in Auftrag zu geben. Pastor Krieter erfuhr sehr bald, dass unter den
unschuldigen Opfern der ,,Reichsmordwoche" prominente Vertreter des
katholischen Vereinswesens waren, so Adelbert Probst, der Reichsführer der
katholischen Sportvereinigung ,,Deutschen Jugendkraft", und Dr. Erich
Klausener, der Führer der ,,Katholischen Aktion" im Bistum Berlin.
11
In den folgenden Tagen und Wochen schwiegen die deutschen Bischöfe, obwohl
sie über die Mordaktionen Hitlers genau informiert waren.
12
Die Bischöfe
hatten Sorge, ein klares Wort gegen die Regierung werde ein Blutbad unter den
Katholiken zur Folge haben. Außerdem standen sie zu diesem Zeitpunkt mit der
Hitler-Regierung in Verhandlungen wegen des Konkordatsartikels 31
(katholisches Vereinswesen). Sie wollten positive Verhandlungsergebnisse nicht
gefährden. Karl-Andreas Krieter sah ein, dass es in diesen Tagen wenig Sinn
machte, einen Wunsch nach Versetzung zu äußern. Er stellte sein Anliegen also
zurück und wartete auf einen Zeitpunkt, der größere Aussicht auf Erfolg
versprach.
Am 23. Juli 1934 vereidigte Reichserziehungsminister Rust - in seiner Funktion
als Reichskultusminister - den neuen Bischof von Hildesheim. Das Konkordat,
das der Vatikan am 20. Juli 1933 mit dem Deutschen Reich abgeschlossen hatte,
schrieb die staatliche Vereidigung jedes neu inthronisierten Bischofs vor.
10
Bistumsarchiv Hildesheim, Personalakte Karl-Andreas Krieter.
11
Die ,,Katholische Aktion" wurde 1922 von Papst Pius XI. als Form des katholischen Laienapostolats
gegründet.
12
Wie Karl-Andreas Krieter die Errichtung der persönlichen Alleinherrschaft Adolf Hitlers im August
1934 erlebte, ist ausführlich dargestellt in Krieter, U., Karl-Andreas Krieter, Pastor der Katholischen
Kirchengemeinde St. Franz - Josef in Harburg - Wilstorf; ... a. a. O. S. 181 ff.
14
Auch in den folgenden Wochen erschien Pastor Krieter die Zeit ungeeignet, sich
um eine Pfarrstelle zu bewerben. Wieder stand die ,,große Politik" im Wege:
Zwei Tage nach der Vereidigung des Bischofs Joseph-Godehard wurde Europa
durch einen Putsch der NSDAP Österreichs, die dort illegal war, erschreckt.
Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß - ein streng gläubiger Katholik -
wurde am 25. Juli 1934 in Wien von NS-Putschisten niedergeschossen. Sie
gewährten dem Sterbenden weder ärztliche Hilfe noch die kirchlichen
Sakramente. Am Abend desselben Tages brach der Putsch zusammen. Alle Welt
sah damals Adolf Hitler als Drahtzieher des schändlichen Mordes. Papst Pius
XI. verkündete öffentlich, dass Dollfuß eine bedeutende christliche
Persönlichkeit gewesen sei, der treueste Sohn der Kirche. Hitler bestritt jede
Teilhabe an den Vorgängen in Österreich und sprach in Erklärungen und
Telegrammen das Bedauern Deutschlands aus. Den deutschen Botschafter, der
sich von den Putschisten nicht eindeutig distanziert hatte, setzte Hitler
scheinheilig ab. Nachfolger sollte Vizekanzler Franz von Papen werden. Der
folgte dem Willen Adolf Hitlers, obwohl er genug Gründe gehabt hätte, dieses
Amt abzulehnen. Pastor Krieter, der als Mitglied der katholischen
Abb.2 : Dr. Joseph-Godehard Machens, Bischof
von Hildesheim (22. 6. 1934 - 14. 8 .1956)
15
Zentrumspartei
13
die Politik regelmäßig verfolgte, konnte nur verständnislos mit
dem Kopf schütteln. Er erlebte eine Wiederholung: Wieder sah er Adolf Hitler -
den Kanzler des Deutschen Reiches - in Kontakt zu Verbrechern, und wieder
schwieg ein prominenter Katholik.
Wenige Tage nach den Ereignissen in Wien brachten die Zeitungen die
Nachricht, Reichspräsident von Hindenburg läge auf seinem Gut Neudeck im
Sterben. Am selben Tag, an dem Hitler nach Neudeck fuhr, um sich
werbewirksam den Segen des sterbenden Reichspräsidenten zu holen, ließ er
vom Reichskabinett das Gesetz über die Nachfolge des Reichspräsidenten
beschließen. Das Gesetz vereinte in der Person Adolf Hitler das Amt des
Reichskanzlers mit dem Amt des Reichspräsidenten. Damit war Hitler
uneingeschränkter Herrscher über das Deutsche Reich, Diktator auf Lebenszeit.
Zur Abrundung seiner Alleinherrschaft ließ Hitler erst die Soldaten der
Reichswehr und wenige Tage danach alle Beamten des Reiches auf seine Person
vereidigen. Die Soldaten der Reichswehr hatten am 2. August 1934 - noch am
Todestag Paul von Hindenburgs! - zu schwören: ,,Ich schöre bei Gott diesen
heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf
Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten
und als deutscher Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben
einzusetzen." Am 22. August 1934 wurden alle Beamten verpflichtet, ihren
Treue-Schwur auf den ,,Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf
Hitler" zu sprechen.
14
Obwohl er bereits alle Macht in den Händen hielt, fand
Hitler es nützlich, das Gesetz vom deutschen Volk bestätigen zu lassen. Bei der
,,Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt" am Sonntag, den 19. August
1934, stimmten 89,9 % der Deutschen für die Vereinigung der Ämter des
Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in der Person Adolf Hitler. 4,3
Millionen Deutsche stimmten dagegen. Unter diesen Deutschen befand sich
wahrscheinlich auch Pastor Krieter.
1. 1. Das Angebot des Bischofs
Von Dienstag, den 4. September, bis Montag, den 10. September 1934, fand in
Nürnberg der 6. Reichsparteitag der NSDAP statt. Die Festtage der
Nationalsozialisten standen in diesem Jahr unter dem Motto ,,Triumph des
Willens". Alle Deutschen und auch das Ausland sollten sehen, dass ,,Führer und
Volk" eins seien. In diesen Hochtagen nationalsozialistischer Propaganda erhielt
Pastor Krieter ein Telegramm aus Hildesheim.
13
Vgl. Bistumsarchiv Hildesheim, Personalakte Karl-Andreas Krieter.
14
Das ,,Gesetz zum Neuaufbau des Reiches" vom 30. Januar 1934 hob in Artikel 1 die Länderparlamente
auf, in Artikel 3 wurden alle Länderregierungen der Reichsregierung unterstellt, damit auch alle Beamten.
16
Am Donnerstag, den 6. September 1934, las er: ,, Bischof beabsichtigt, Ihnen
Wilhelmsburg, Bonifatius, zu übertragen; erbitten Drahtantwort,
Generalvikariat"
15
Karl-Andreas Krieter war überrascht. Weil der damalige
Pfarrer von St. Bonifatius, Friedrich Schmidts, sein Duz-Freund war, wusste er
wahrscheinlich, dass ,,Fritze" die Pfarrei in Wilhelmsburg verlassen wollte, aber
er war dennoch erstaunt. Es war verwunderlich, dass der Bischof ausgerechnet
ihm die große Pfarrei St. Bonifatius übertragen wollte, denn bis dahin hatte er
auf einer Stelle gesessen, die recht unbedeutend war. Als Pastor der
Tochtergemeinde St. Franz-Josef war er rechtlich sogar nur Hilfsgeistlicher des
Pfarrers Wüstefeld von der Muttergemeinde St. Maria.
16
Es gab einige Gesichtspunkte, die das Angebot des Bischofs sehr verlockend
machten. Karl-Andreas Krieter fand es reizvoll, dass er bei einer Entscheidung
für Wilhelmsburg auf einem Terrain blieb, das er kannte. Während seiner elf
Dienstjahre in St. Franz-Josef war er oft in Wilhelmsburg gewesen. Er hatte die
Pfarrer und Kapläne der Nachbargemeinde mehrmals im Jahr getroffen.
Mehrmals hatten die Geistlichen der Gemeinden St. Maria, St. Franz-Josef und
St. Bonifatius gemeinsame Aktionen durchgeführt.
17
Mit Pfarrer Schmidts und
dessen Vorgänger, Dr. Wilhelm Offenstein, war Karl-Andreas Krieter sogar
befreundet. Den Kaplan Konrad Dorenkamp, der seit 1920 in St. Bonifatius tätig
war, kannte er seit zehn Jahren.
15
Das Telegramm findet sich im Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius in Wilhelmsburg,
Akte ,,Personalia" .
16
Die Duzfreundschaft mit Pfarrer Schmidts und einige Passagen im Brief des Bischofs Josef-Godehard
an den Kirchenvorsteher Born (siehe unten) legen die Vermutung nahe, dass Pfarrer Schmidts dem Bischof
vorgeschlagen hat, Karl-Andreas Krieter als Nachfolger in St. Bonifatius einzusetzen.
17
Ein Beispiel für die Zusammenarbeit der Gemeinden ist der Postversand der als Gemeindezeitung gedachten
4000 ,,Blätter für die Katholiken von Harburg und Wilhelmsburg zum Weihnachtsfest 1926", Vgl.: Chronik
der Kirchengemeinde St. Maria, S. 93.
Abb.3: Konrad
Dorenkamp -
Kaplan in St.
Bonifatius von
1920 bis 1935 -
im Kreise der
Marianischen
Kongregation.
17
Den zweiten Kaplan in St. Bonifatius, Bernhard Bank, kannte Pastor Krieter
ebenfalls recht gut. Dessen Bruder, Johannes Bank, war seit 1932 in Harburg
Kaplan an St. Maria. Karl-Andreas Krieter mochte die robuste, zupackende Art
der beiden ,,Bänke" gern.
Auch mit Laien der Pfarrgemeinde St. Bonifatius
war Pastor Krieter oft zusammengetroffen. Er
dachte an Josef Krebs, den langjährigen
Bürgervorsteher der Stadt Harburg-Wilhelmsburg,
der in St. Bonifatius Stellvertretender Vorsitzender
des Kirchenvorstandes war.
Die Nationalsozialisten hatten den Abgeordneten
der Zentrumspartei im letzten Jahr aus dem Amt
des Bürgervorstehers gejagt. Sie hatten das
,,Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums" auf ihn angewandt und Josef
Krebs zwangspensioniert. Mit ihm ließe sich
gewiss gut zusammenarbeiten. Pastor Krieter
kannte seit Jahren den Stadtinspektor Paul Ulitzka,
der hauptamtlich im Finanzamt der Stadt Harburg-Wilhelmsburg arbeitete und
nebenamtlich in der Gemeinde St. Bonifatius die Kirchensteuer erhob. Ebenso
waren ihm die meisten Mitglieder des Lehrerkollegiums der katholischen
Volksschule Wilhelmsburgs bekannt.
Abb. 4: Bernard Bank, Kaplan
in St. Bonifatius von 1934 bis
1937
Abb. 5: Der ,,Wilhelmsburger Vatikan"; eine Postkarte aus dem Jahre 1914
18
Als ihm die Vorteile eines Dienstantritts in Wilhelmsburg durch den Kopf
gingen, war Karl-Andreas Krieter gewiss beeindruckt von der stattlichen
äußeren Gestalt der Gemeinde St. Bonifatius. Die Kirche und das Pfarrhaus in
Wilhelmsburg waren im Vergleich zur Kirche und zum Pastoratshaus in
Wilstorf geradezu prächtig. Ihm wird der Begriff ,,Wilhelmsburger Vatikan"
eingefallen sein. Die Katholiken Wilhelmsburgs bezeichneten das große Areal
am südlichen Ende der Veringstraße scherzhaft mit diesem Namen. Es war
bebaut mit der Bonifatiuskirche, mit dem Pfarrhaus und mit einem Gebäude der
Katholischen Volksschule, das in der Bonifatiusgemeinde ,,Alte Schule" hieß.
Eine Mauer mit aufgesetztem Zaun grenzte den ,,Vatikan" ab.
Die katholische Schule Wilhelmsburgs, die ihr Hauptgebäude seit 1903
gegenüber der Kirche - an der Bonifatiusstraße (früher Karlstraße) - hatte,
benutzte die ,,Alte Schule" weiterhin für Unterrichtszwecke. Rechtlich gehörten
beide Gebäude dem Staat Preußen. Die Mitglieder der Gemeinde St. Bonifatius
betrachteten aber vom Gefühl her beide Gebäude der katholischen Schule als ihr
Eigentum, weil die katholische Schule Wilhelmsburgs von der Gemeinde
gegründet worden war. Die Lehrkräfte und sogar der Hausmeister waren
katholisch.
Abb. 6: Die ,,Alte Schule" auf einem Foto aus dem Jahre 1933. Man beachte die
Fahnenstangen!
19
Der Hausmeister hieß Siegfried Lisiewicz und war dem Pastor Krieter als sehr
treues und eifriges Mitglied der Bonifatiusgemeinde
bekannt. Er wohnte mit seiner Familie in der ,,Neuen
Schule".
18
Ein besonderer Schatz der Kirchengemeinde St.
Bonifatius war das Gemeindehaus. Pastor Krieter kannte
es unter dem Namen ,,St. Willehad-Stift". Im
Dachgeschoss des Gemeindehauses wohnten sieben
,,Barmherzige Schwestern des Heiligen Vinzenz von
Paul". Als ,,außerordentlicher Beichtvater" dieser
Schwestern, war Pastor Krieter seit sechs Jahren in
regelmäßigen Abständen zum ,,Beichtehören" in die
Kapelle des Stiftes ,,St. Willehad" gekommen.
19
So
wusste er, dass die Schwestern im Gemeindehaus eine Kindertagesstätte
betrieben, einen Kindergarten und eine ,,Näh- und Kochschule" für junge
Frauen. Zwei Schwestern waren in Wilhelmsburg als ambulante
Krankenpflegerinnen tätig, sowohl für die
Katholiken als auch für Nichtkatholiken
Wilhelmsburgs.
Pastor Krieter schätzte die Tätigkeit der
Schwestern hoch ein. Auch in seiner St.
Franz-Josef-Gemeinde in Wilstorf
arbeiteten ,,Barmherzige Schwestern des
Heiligen Vinzenz von Paul". Dass ihn
,,Barmherzige Schwestern" unterstützen
würden, war ein weiteres Plus der
Pfarrstelle St. Bonifatius.
18
Die zuständige preußische Bezirksregierung hatte im Jahre 1893 die Einrichtung einer katholischen
Volksschule in Wilhelmsburg bewilligt. In diesem Jahr mussten 84 Kinder in einer Klasse unterrichtet
werden, im nächsten Jahr waren zwei Klassen mit 116 Kindern vorhanden. Am 1. Oktober 1893 war der
Bau der ,,Alten Schule" fertig gestellt. Vgl. Festschrift: Wedig, E, Die katholische Volksschule
Wilhelmsburgs in den ersten 25 Jahren ihres Bestehens - 1. Oktober 1893 bis 1. Oktober 1918.
19
Bischof Dr. Nikolaus Bares hatte K.-A. Krieter mit Schreiben Nr. 4955 vom 22. 5. 1925 bis zum 1. 6. 1928
zum ,,Confessarius extraordinarius" der Ordensfrauen in Wilhelmsburg bestimmt. Mit Schreiben Nr. 5870
verlängerte Bischof Bares diesen Auftrag bis zum 1. Juli 1934. Beide Schreiben finden sich im Archiv der
Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Personalia".
Abb.8: ,,Barmherzige Schwestern" in der
Eingangstür zum ,,St. Willehad-Stift".
Abb. 7 : Siegfried
Liesiewicz
20
Schon das Gemeindehaus selbst machte die Übernahme der Pfarrei
St. Bonifatius attraktiv. Oft genug hatten die Geistlichen der Harburger
Gemeinden - etwas neidisch - erlebt, welche Möglichkeiten dieses Haus den
Mitbrüdern in Wilhelmsburg eröffnete.
20
Eine Küche im Erdgeschoss des
Gemeindehauses erleichterte die Durchführung von Einkehrtagen für alle
,,Stände" der Gemeinde.
21
Zwei große Säle - davon einer mit einer Theaterbühne
- und mehrere kleine Räume standen den kirchlichen Vereinen zur Verfügung.
Die umfangreiche Pfarrbücherei war in einem eigenen Raum untergebracht.
Es gab noch einen weiteren Besitz, den Pastor Krieter als Pluspunkt der
Bonifatiusgemeinde einschätzte: Die Gemeinde hatte im Jahre 1932 eine große
Wiese von 4620 Quadratmetern am Stadtrand von Harburg erworben.
22
Die
Wiese lag im ,,Höpen", so hieß ein Waldgebiet zwischen den Ortschaften
Sinstorf, Meckelfeld und Fleestedt.
20
Beide katholische Gemeinden in Harburg besaßen zu dieser Zeit kein Gemeindehaus. Die kirchlichen
Vereine von St. Maria benutzten notgedrungen Räume im Kinder- und Waisenhaus Maria-Hilf. Die
kirchlichen Vereine von St. Franz-Josef benutzten Räume im Vinzenzhaus und im Pastoratshaus
Reeseberg 16. Vgl. Chronik der Kirchengemeinde St. Maria, Bd. 1, S. 105.
21
Man unterschied damals in der Seelsorgearbeit als ,,Stände" der Gemeinde die Männer, die Frauen,
die Jugend und die Kinder.
22
Grundbuch von Hamburg-Sinstorf, Bd. 4. Blatt 127, Flurstücke 314 / 16 und 315 / 14 in der Gemarkung
Sinstorf. Vgl. Nr. 27 des Urkundenregisters der Hansestadt Hamburg für 1947,Tauschvertrag vom 11. 7.
1947, in: Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Schriftwechsel zum Bau des Krankenhauses".
Abb. 9: Die Vorderfront des Gemeindehauses ,,St. Willehad-Stift" im Jahre
1934
21
Sie war von der Bonifatiusgemeinde ,,hauptsächlich für Zwecke der
katholischen Schule" gekauft worden.
23
Als Karl-Andreas Krieter das Telegramm aus Hildesheim in den Händen hielt,
konnte er der Pfarrstelle in Wilhelmsburg also viel Verlockendes abgewinnen.
Da waren aber auch Bedenken und Zweifel. Die Seelsorgearbeit und die
Verwaltung der Pfarrei würden deutlich mehr Anstrengung verlangen als die
Pastorenarbeit in Wilstorf. Immerhin war die Zahl der Gemeindemitglieder in
St. Bonifatius mehr als doppelt so groß. Am 1. 2. 1933 gehörten 7330 ,,Seelen"
zur Bonifatiusgemeinde.
24
Vor Mehrarbeit fürchtete sich Karl-Andreas Krieter
allerdings nicht. Ein Grund für Bedenken und Zweifel war eher die Tatsache,
dass er keine Erfahrung in der Leitung geistlicher und weltlicher Mitarbeiter
hatte. Im Fall des nur zwei Jahre jüngeren Konrad Dorenkamp würde es
möglicherweise problematisch werden, dessen Vorgesetzter zu sein. Wie viel
Erfahrung in der Gemeinde St. Bonifatius hatte dieser Mann ihm voraus!
Wenn er an das Kollegium der katholischen Volksschule Wilhelmsburgs dachte,
bedrängte ihn eine weitere Sorge. Pastor Krieter wusste, dass sich der Rektor der
Schule, Heinrich Hupe, seit Januar 1933 mehr als Nationalsozialist denn als
Katholik engagierte.
Es war vorauszusehen, dass es mit diesem Rektor Kämpfe
geben werde. Unangenehme Erinnerungen verband Pastor Krieter mit dem
Lehrer Riediger. Mit ihm war Pastor Krieter zusammengestoßen, als Herr
Riediger sich im April 1933 für die Rektorenstelle an der Katholischen
Volksschule II in Harburg-Wilstorf beworben hatte. Pastor Krieter hatte sich
damals - wie er selbst es einschätzte - mit guten Gründen gegen Herrn Riediger
ausgesprochen. Als dessen Bewerbung erfolglos geblieben war, hatte dieser
behauptet, die gesamte katholische Geistlichkeit der Stadt Harburg-
Wilhelmsburg habe gegen ihn intrigiert. Pastor Krieter war von Herrn Riediger
schriftlich als Lügner und Verleumder beschimpft worden.
25
1.
2. Die Zusage
Karl-Andreas Krieter hatte am 6. 9. 1934 nicht die Zeit, das Für und Wider der
Pfarrstelle St. Bonifatius noch gründlicher zu bedenken. Das Generalvikariat
erwartete seine umgehende Antwort. Nachdem er bereits das Angebot, nach
Groß-Ilsede versetzt zu werden, abgelehnt hatte, wäre eine weitere
Eigenwilligkeit unerhört gewesen.
23
Vgl. Krebs, Josef, Chronik. Die Aufzeichnung bemerkenswerter Ereignisse der kath. Bonifatiusgemeinde
Wilhelmsburg, 1938, unveröffentlicht, S. 18, Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius.
24
Am 1. 2. 1933 hatte die Gemeinde St. Bonifatius 7330 Mitglieder, am 1. 1 .1935 waren es 7187 Mitglieder.
Vgl. handschriftliche Notizen zum Schreiben des Bischöflichen Generalvikariates, Nr. 5076 vom 1. 6. 1933
im Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Diözesansteuer / Kriegsabgabe" .
25
Die Aktivitäten des Rektors Hupe im Sinne des Nationalsozialismus und die Vorgänge um die Bewerbung
des Lehrers Riediger für die Rektorenstelle in Wilstorf sind ausführlicher dargestellt in: Krieter, U.,
Karl - Andreas Krieter, Pastor der katholischen Kirchengemeinde St. Franz- Josef in Harburg- Wilstorf. ...
a. a. O., S. 163.
22
Er stimmte also der Übernahme von St. Bonifatius zu. In Hildesheim hatten
Bischof Joseph-Godehard und Generalvikar Dr. Seelmeyer nichts anderes von
ihm erwartet. Noch am selben Tage stellte der Bischof die Übertragungsurkunde
aus. Er wünschte in seinem Begleitbrief dem neuen Pfarrer von Wilhelmsburg
,,Gottes reichsten Segen bei seinen Arbeiten in der ihm anvertrauten
Gemeinde."
26
Die Urkunde, mit der die Pfarrei St. Bonifatius in Wilhelmsburg
an Karl-Andreas Krieter übertragen wurde, war lateinisch geschrieben. Die
deutsche Übersetzung des Textes lautet: ,,Joseph Godehard durch Gottes
Erbarmung und des Apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Hildesheim,
Doktor der heiligen Theologie, entbietet unserem in Christus geliebten Priester,
Carl Krieter, Pastor in Harburg-Wilhelmsburg, Gruß und Segen im Herrn. Da
die Pfarrstelle der katholischen Pfarrkirche St. Bonifatius in Harburg-
Wilhelmsburg durch die Versetzung des Hochwürdigen Herrn Pastors Schmidts,
des derzeitigen Pfarrers, auf eine andere Pfarrei vom 1. Oktober ab frei wird und
da die Leitung und die Neubesetzung der Pfarrei uns zusteht, und du für würdig
befunden bist, die Pfarrei zu verwalten, haben wir angeordnet, die Pfarrei St.
Bonifatius Dir zum 1. November 1934 zu übertragen. Wir übertragen sie Dir
hiermit mit allen Rechten, Früchten und Einkünften. Und so übertragen wir Dir
die Pfarrei mit all ihren Pflichten und Lasten in der Erwartung, dass Du Gott
dem Allerhöchsten und uns darüber stets Rechenschaft geben kannst. Mit deiner
Einführung in das Pfarramt ist der Hochwürdige Herr Dechant Kopp in Celle
beauftragt. Hildesheim, den 6. September 1934, Joseph Godehard, Bischof von
Hildesheim"
27
Zugleich mit seinen Segenswünschen gab Bischof Joseph-Godehard im
Begleitbrief den Befehl: ,,Vor Ihrer Einführung haben Sie die Professio fidei
(das Glaubenbekenntnis) und das Juramentum Pianum (das Gehorsamsgelöbnis)
in meine Hände abzulegen. Sie wollen zu diesem Zwecke an einem Werktage
nach vorheriger schriftlicher Anmeldung in der Bischöflichen Hauskapelle sich
einfinden."
28
Gehorsam fuhr Karl-Andreas Krieter an einem der nächsten Werktage mit der
Eisenbahn nach Hildesheim. Er fand sich pünktlich in der Hauskapelle des
Bischofs ein, sprach das Glaubenbekenntnis und sein Gehorsamsgelöbnis, und
der Bischof setzte ihm das Zeichen der Pfarrerwürde, das Birett, aufs Haupt.
29
Nach der in dieser Form üblichen Zeremonie erfuhr er wahrscheinlich die
Hintergründe seiner Versetzung nach Wilhelmsburg.
26
Der Brief des Bischofs vom 6. 9. 1934 findet sich im Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius,
Akte ,,Personalia".
27
Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Personalia".
28
Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Personalia".
29
Seit der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils - es tagte von 1962 bis 1965 in 4 Sitzungsperioden -
ist der Gebrauch des Biretts den katholischen Geistlichen freigestellt und kaum noch üblich.
23
1. 3. Die Unterschriftensammlung des Kirchenvorstehers Born
Als ihm bekannt geworden war, dass Pfarrer Schmidts die Bonifatiusgemeinde
verlassen werde, führte der Kirchenvorsteher Kurt Born in der Gemeinde eine
Unterschriftensammlung durch, ohne den Vorsitzenden des Kirchenvorstandes -
Pfarrer Schmidts - informiert zu haben. Die Unterschriftensammlung sollte den
Verbleib des Pfarrers in St. Bonifatius bewirken. Bischof Joseph-Godehard
antwortete am 25. 9. 1934: ,,Sehr geehrter Herr Born, es ist mir eine Freude,
durch zahllose Unterschriften katholischer Wilhelmsburger über die große Liebe
und Verehrung belehrt zu werden, die Herr Pastor Schmidts, der mir seit meiner
Jugend nicht bloß bekannt, sondern auch befreundet ist, in der dortigen
Gemeinde genießt. Ihr Schreiben und verschiedene andere Briefe, die ich erhielt,
sind mir liebe Beweise dafür, dass Hirt und Herde in Wilhelmsburg in Treue und
herzlicher Liebe verbunden sind. Kein Wunder, dass sich beim Abschied die
Anhänglichkeit besonders stürmisch kundtut. Wenn Ihr verehrter Pfarrer von
Ihnen geht, um in Osterode (Harz, Anm. d. Verf.), auf kleinem, aber
schwierigen Arbeitsfelde zu wirken, so geschieht es nur - und zwar in vollem
Einverständnis und auf gänzlich freies Ersuchen Ihres Seelsorgers - um ihm ein
wenig Abspannung nach der aufreibenden Großstadtseelsorge zu verschaffen,
damit er später - hoffentlich recht bald - einen größeren Weinberg des Herrn zu
bestellen in der Lage ist. Machen Sie darum dem scheidenden Pfarrer das Herz
nicht noch schwerer. Seien Sie überzeugt, dass er und die Gemeinde
Wilhelmsburg das besondere Wohlwollen des Bischofs besitzen. Gehen Sie mit
vollem Vertrauen dem neuen Seelenhirten entgegen, der bald bei Ihnen Einzug
halten wird und schon seit Wochen als ernannter Pfarrer von Wilhelmsburg ein
Recht nicht so sehr auf die Pfarrei als auf die Herzen der Pfarrkinder hat. Im
Sinne von Pastor Schmidts bereiten Sie ihm einen herzlichen Empfang, der der
Auftakt treuen Zusammenarbeitens des neuen Pfarrers und seiner Gemeinde zu
Gottes Ehre und zum Heil der Seelen sein soll. Pastor Schmidts aber wird, wenn
auch in Osterode fern dem Körper nach, dem Geiste nach auch ferner unter
Ihnen wohnen. Getrennt dem Orte nach, werden Pastor Schmidts und
St. Bonifatius in Wilhelmsburg in Gebetsgemeinschaft treu verbunden bleiben.
Und als Dritter in diesem geistigen Bunde des Gebetes und der Christusliebe
möchte ich dabei sein, ich, Euer Bischof, gez. Joseph Godehard"
30
Kirchenvorsteher Born ließ sich durch den Brief des Bischofs überzeugen, dass
die Versetzung zum Wohle des Pfarrers Schmidts geschehe. Er blieb Mitglied
des Kirchvorstandes, auch unter dem neuen Pfarrer Krieter.
30
Der
Brief des Bischofs Joseph-Godehard vom 25. September 1934 an den Kirchenvorsteher Born findet
sich im Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius in Wilhelmsburg, Akte ,,Personalia".
24
1. 4. Hinterlassene Probleme
Ein Brief des Generalvikars, Dr. Seelmeyer, vom 29. September 1934,
verpflichtete den designierten Pfarrer Krieter, sich schon einen Monat vor seiner
Amtseinführung ein Bild von der Situation der Gemeinde St. Bonifatius zu
verschaffen. Der Generalvikar schrieb: ,,Wir bestellen Sie hiermit für die Zeit
vom 1. Oktober bis 31. Oktober 1934 zum Administrator (vicarius oeconomus)
der Pfarrei ad Sanctum Bonifatium in Harburg-Wilhelmsburg. Ihre Befugnisse
und Obliegenheiten regeln sich nach Can. 473, C.J.C.. Als Pfarradministrator
leiten Sie die kirchliche Vermögensverwaltung und führen den Vorsitz im
Kirchenvorstand."
31
Anfang Oktober 1934 sah sich Karl-Andreas Krieter also vor zwei Aufgaben
gestellt. In Harburg-Wilstorf hatte er die Pastorenstelle an seinen Nachfolger,
Leonard Mock, korrekt zu übergeben. In Wilhelmsburg sollte er sich in den 27
Tagen bis zu seiner Amtseinführung mit der finanziellen Lage der
Kirchengemeinde befassen. Die erste Aufgabe ließ sich leicht lösen. Leonard
Mock schrieb später in die Chronik der Kirchengemeinde St. Franz-Josef: ,,Am
1. November 1934 trat ich, Leonard Mock, die Stelle in St. Franz-Josef,
Harburg-Wilstorf, an. Ein guter, von allen geachteter und geliebter Priester hatte
31
Bistumsarchiv Hildesheim, Bischöfliches Generalvikariat, Seelmeyer, Nr. 9676. Die letzte Sitzung des
Kirchenvorstandes von St. Bonifatius unter Vorsitz von Pfarrer Schmidts hatte am 30. 4. 1934 stattgefunden.
Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Protokolle über Kirchenvorstandsitzungen 1911-1959".
Abb. 10: Friedrich Schmidts, vom 1. 3. 1928 bis zum 1. 9. 1934 Pfarrer von
St. Bonifatius in Wilhelmsburg. Das Foto zeigt Pfarrer Schmidts vor der
,,Lourdes-Grotte" im Garten des Gemeindehauses von St. Bonifatius.
25
hier gewirkt. Da brauchte ich nur - mit den Ratschlägen meines Freundes Karl-
Andreas Krieter unterstützt - weiter zu arbeiten."
32
In Wilhelmsburg dagegen stieß Karl-Andreas Krieter auf eine Reihe schwieriger
Probleme. Als er die Jahresabrechnungen der Kirchengemeinde einsah, stellte er
fest, dass die Kirchenkasse für das Abrechnungsjahr 1932 / 33 ein Defizit von
456,74 Reichsmark aufwies und für 1933 / 34 einen Fehlbetrag von 836,75 RM.
Hinzu kamen Rückstände an Diözesansteuer. Die Sätze der Diözesansteuer
waren am 1. Juni 1933 durch das Generalvikariat Hildesheim neu festgelegt
worden. Die Diözesansteuer errechnete sich danach aus 1% des
Reichseinkommensteuersolls der Gemeinde, aus 2,5% des
Grundvermögenssteuersolls und aus 10 Reichspfennig pro Kopf der Gemeinde.
Für das Jahr 1933 betrugen die Rückstände an Diözesansteuer 933,- RM. Für
das Jahr 1934 waren noch 733,- RM zu zahlen. Ein Schreiben des
Generalvikariates, das diese Summen einforderte, lag bereits vor.
33
Karl-Andreas Krieter wird Friedrich Schmidts nicht die Schuld an der
schwierigen Finanzlage von St. Bonifatius zugeschrieben haben. Er wusste, dass
die unerfreulichen Zahlen ihren hauptsächlichen Grund in der Erwerbslosigkeit
vieler Gemeindemitglieder hatten. Anfang 1934 gab es im Deutschen Reich
keine Stadt, die so viele Erwerbslose hatte wie Harburg-Wilhelmsburg. Diese
extreme Erwerbslosigkeit war eine Nachwirkung der Weltwirtschaftkrise von
1930.
34
Es war für Karl-Andreas Krieter tröstlich, dass Paul Ulitzka ihm
Besserung versprechen konnte. Der Finanzbeamte erwartete für das nächste
Rechnungsjahr ein höheres Steuereinkommen, denn die Erwerbslosenziffer im
Deutschen Reich war schon im Sommer 1934 drastisch gesunken.
Die Beschäftigung mit den Finanzen seiner neuen Pfarrgemeinde brachte Karl-
Andreas Krieter zwangsläufig vertieftes Wissen über die Konflikte zwischen
Pfarrer Schmidts und dessen früheren ,,weltlichen Mitarbeitern" Franzikowski,
Rhein und Wucherpfennig. Pfarrer Schmidts hatte nach Auswegen aus der
Finanzmisere seiner Gemeinde gesucht. In den Sitzungen vom 25. und 29. Mai
1933 hatte er den Kirchenvorstand aufgefordert, das Gehalt aller
Kirchenangestellten um 20% zu kürzen.
Der Küster Franzikowski war deswegen unzufrieden gewesen. Zusätzlich hatte
er sich vom Pfarrer schikaniert gefühlt. Als Pfarrer Schmidts später mehrfach an
der Arbeit des Küsters herumgemäkelt hatte, hatte sich dieser an die
Kirchenvorsteher Ballhausen und Josch gewandt. Die Kirchenvorsteher hatten
die Aussagen des Küsters schriftlich zusammengefasst und diese an Pfarrer
Schmidts geschickt, damit sie im Kirchenvorstand besprochen werden könnten.
Karl-Andreas Krieter fand auf dem Schreiben der Kirchenvorsteher die
32
Chronik der Kirchengemeinde St. Franz-Josef, Bd.1, S. 41.
33
Schreiben des Bischöflichen Generalvikariates Nr. 5076, Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius,
Akte ,,Jahresrechnungen" und Akte ,,Diözesansteuer".
34
Vgl. Stegmann, Dirk, Die industrielle Entwicklung Harburgs von 1900 bis 1937, in: Harburg, Von der Burg
zur Industriestadt, S. 334 /335., Veröffentlichung des Helms-Museums, Nr.52, 1987 = Veröffentlichungen
des Vereins für Hamburgische Geschichte , Band XXXIII.
26
handschriftliche Notiz des Pfarrers: ,,Sämtliche 9 Punkte stehen nicht zur
Diskussion. Das Schreiben ist voller Unsinn und Irrtümer. Die Besprechungen
mit dem Küster sind abgelaufen, weil man mit ihm nicht verhandeln kann."
35
Küster Franzikowski war im Unfrieden aus dem Amt gegangen. Ein neuer
Küster mit geringeren Dienstbezügen war am 1. 4. 1934 durch Pfarrer Schmidts
eingestellt worden: der Lokomotivführer a. D., Stanislaus Zagorski.
Der Organist Richard Rhein - seit 35 Jahren in diesem Amt tätig und selbst
Mitglied des Kirchenvorstandes - hatte sich mit der Gehaltskürzung um 20%
einverstanden erklärt. Er war dem Kirchenvorstand sogar noch weiter
entgegengekommen. Karl-Andreas Krieter fand ein Schreiben des Organisten.
Darin hieß es, dass Herr Rhein den baldigen ,,Abschluss eines neuen Vertrages
auf der Grundlage von 325 Mark" erwarte.
36
Weiter schrieb der Organist:
,,Damit verzichte ich freiwillig auf 50 % meines bisherigen Gehaltes. Für das
Resthalbjahr vom 1. 10. 1933 bis 31. 3. 1934 bin ich entgegenkommenderweise
mit 120 Mark netto zufrieden. Steuern trägt die Kirchenkasse. Sollten diese
beiden Wünsche nicht erfüllt werden können, so bin ich leider gezwungen, ab
1. November meine Tätigkeit als Organist einzustellen." Pfarrer Schmidts hatte
diesen Brief voller Empörung dem Kirchenvorstand vorgelegt. Er hatte
argumentiert, der Organist Rhein habe von der Kirchenkasse seit 35 Jahren
regelmäßig sein Gehalt bekommen, zusätzlich zu seinem Gehalt als Lehrer der
katholischen Schule. Herr Rhein sei seit jüngster Zeit Konrektor und habe
dadurch eine Mehreinnahme an Gehalt.
37
Deswegen solle er in Anbetracht der
schlechten Zeiten mit einem geringeren Organistengehalt zufrieden sein. Im
Übrigen habe sich bereits ein anderer Herr bereit erklärt, den Organistenposten
zu versehen - für geringeres Entgelt. Der Kirchenvorstand solle also dem
Organisten Rhein die Kündigung aussprechen. Er, Pfarrer Schmidts, sei bereit,
im Namen des Kirchenvorstandes an das Generalvikariat in Hildesheim zu
schreiben und um Richtlinien für einen Vertrag mit einem neuen Organisten zu
bitten. Er werde in seinem Schreiben darauf hinweisen, dass der neue
Organistenvertrag die Weiterzahlung des Gehaltes bei Urlaub und bei Krankheit
ausschließen und die Honorierung für das Orgelspiel bei Trauungen weit unter
10 Mark drücken müsse.
38
Wie Pfarrer Krieter aus den Akten ersehen konnte, war der Vertrag, den die
Gemeinde mit dem Organisten Rhein hatte, tatsächlich zum 1. 10. 1933 von
35
Der Brief der Kirchenvorsteher Ballhausen und Josch findet sich im Archiv der Kirchengemeinde St.
Bonifatius, Akte ,,Schriftwechsel bis 1968" .
36
Die genannten Geldbeträge sind keine monatlichen, sondern jährliche Einkünfte.
37
Hier war Pfarrer Schmidts nicht ausreichend informiert. In den ,, Anlagen zum Haushaltsplan der Gemeinde
Wilhelmsburg für das Rechnungsjahr 1919" findet sich auf Seite 10 folgender Eintrag zum Gehalt des
Lehrers Rhein: ,,Das Grundgehalt Rheins beträgt 1600 Mark (jährlich !; Anm. d. Verf.) anstatt 1400 Mark;
es gelten 200 Mark als Gehalt für den Organistendienst. Hierzu gibt die Gemeinde 150 Mark, die Kirche 50
Mark."
38
Vgl. zu dem gesamten Vorgang um den Organisten Rhein das Schreiben von Pfarrer Schmidts an das
Bischöfliche Generalvikariat vom 15. 6. 1933 im Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte
,,Schriftwechsel bis 1968" .
27
Seiten des Kirchenvorstandes gekündigt worden. Danach hatten sich unschöne
Auseinandersetzungen zwischen Pfarrer Schmidts und Herrn Rhein abgespielt.
Sie hatten auch schriftlich Niederschlag gefunden. Bei der Lektüre des
Schriftverkehrs konnte Karl-Andreas Krieter sich nicht an die Seite seines
Duzfreundes Schmidts stellen. Konrektor Rhein war von Pfarrer Schmidts
brüskiert worden. Er hatte daraufhin auch die Mitarbeit im Kirchenvorstand
eingestellt. Diese Entwicklung der Streitigkeiten bedauerte Karl-Andreas Krieter
besonders. Er hielt es auch für eine unglückliche Entscheidung, dass mit Herrn
Heinrich Mecke ein Organist eingestellt worden war, der zum selben
Lehrerkollegium wie Konrektor Rhein gehörte. Ein zerstrittenes Kollegium,
vielleicht sogar eine unfreundliche Haltung der Mehrzahl der Lehrkräfte
gegenüber dem neuen Pfarrer, war in der katholischen Schule Wilhelmsburgs zu
erwarten. Zudem brachte die Kündigung des Vertrages mit dem Organisten
Rhein finanzielle Nachteile für die Kirchenkasse. Nach staatlichem Recht war
das Amt des Organisten in der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius mit
der Stelle ,,Zweiter Lehrer der katholischen Volksschule" ,,organisch
verbunden". Solange also Herr Rhein die Stelle ,,Zweiter Lehrer" innehatte, so
lange war die Kirchengemeinde St. Bonifatius verpflichtet, ihn als Organisten zu
beschäftigen. Herr Rhein erhielt für seine Organistentätigkeit eine Zulage zu
seinem Lehrer-Grundgehalt, die zu ¾ von der staatlichen Gemeinde und zu ¼
von der Kirchengemeinde getragen wurde. Sollte der Kirchenvorstand also die
Kündigung des Herrn Rhein nicht zurückziehen, würde die Gemeinde das volle
Gehalt eines anderen Organisten zu zahlen haben und zusätzlich ein Viertel der
Kirchenamtszulage des Herrn Rhein. Heinrich Mecke, der neue Organist, war
von Pfarrer Schmidts am 1. 4. 1934 angestellt worden. Nach den
Auseinandersetzungen zwischen ,,Fritze" und dem Organisten traute Pastor
Krieter es sich nicht zu, Herrn Rhein um die Rückkehr in sein Amt zu bitten. Bis
zu Pensionierung des Herrn Rhein - im Jahre 1941 - würde die Kirchenkasse
also eine unnötige Belastung zu tragen haben.
39
Als Administrator hatte sich Karl-Andreas Krieter schließlich mit dem Fall der
gekündigten Pfarrhelferin Kunigunde Wucherpfennig zu beschäftigen. Frl.
Wucherpfennig war am 1. 10. 1929 von Pfarrer Schmidts eingestellt worden.
Am 31. 3. 1934 hatte Pfarrer Schmidts im Namen des Kirchenvorstandes dem
Fräulein Wucherpfennig geschrieben: ,,Wie bereits mündlich mitgeteilt,
wiederholen wir hiermit Ihre Kündigung zum 1. 4. 1934. Der schlechten
finanziellen Verhältnisse der Kirchenkasse wegen ist es uns leider nicht mehr
möglich, das Gehalt einer Pfarrhelferin aufzubringen. Daher müssen wir
vorläufig die Stelle einer Pfarrhelferin in unserer Gemeinde aufheben."
39
Tatsächlich
hatte die Zahlung der ,,Kirchenamtszulage für den Konrektor Rhein" durch die
Bonifatiusgemeinde erst ein Ende, als Herr Rhein im Jahre 1941 das Ruhestandsalter erreichte. Vgl. das
Schreiben der Gemeindeverwaltung der Hansestadt Hamburg - Schulverwaltung B II a, vom 20. 2. 1941
an den Kirchenvorstand der Katholischen Kirchengemeinde Hamburg-Wilhelmsburg., Archiv der
Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Schriftwechsel bis 1968". Wegen des Kriegsgeschehens ging der
Konrektor Rhein erst am 31. 12. 1944 in den Ruhestand. Vgl. Chronik der Schule Bonifatiusstraße 2,
S. 132.
28
Unverständlicherweise - es war aus den Unterlagen jedenfalls nicht zu ersehen -
hatte Pfarrer Schmidts sich dennoch schon im Februar 1934 beim Katholischen
Fürsorgeverein um eine neue Pfarrhelferin bemüht. Zum 1. September 1934 -
also fünf Tage, bevor der Bischof die Pfarrei St. Bonifatius an Pfarrer Krieter
übertragen hatte - war die neue Pfarrhelferin von Pfarrer Schmidts eingestellt
worden: Frl. Frieda Kayser. Karl-Andreas Krieter wusste nicht, was er von
diesem ,,Geschenk" seines Freundes halten sollte. Ihm würde nun die
unangenehme Aufgabe zufallen, baldmöglichst Frl. Kayser zu entlassen, weil
die miserable Lage der Kirchenkasse nichts anderes zuließ. Das war aber nicht
die einzige Unannehmlichkeit. Wie Karl-Andreas Krieter erfuhr, brachte Frl.
Wucherpfennig seit Monaten Unruhe in die Gemeinde.
40
Sie erzählte jedem, der
es hören wollte, dass sie gegen Pfarrer Schmidts - ihren Verwandten -
gerichtlich vorgehen werde, weil dieser für ihre Versicherung zu wenig Beitrag
gezahlt habe. Karl-Andreas Krieter konnte aus seinem Aktenstudium ersehen,
dass Frl. Wucherpfennig den Prozess, den sie anstrengen wollte, gewinnen
würde.
1. 5. Die Geschichte und soziale Struktur
der Gemeinde St. Bonifatius
Um die Bonifatiusgemeinde noch besser kennen zu lernen, musste sich Pastor
Krieter mit der Geschichte der Gemeinde beschäftigen. Mündliche und
schriftliche Informationen konnte ihm Kaplan Dorenkamp liefern, der bereits
zwei Aufsätze zum Thema verfasst hatte.
Auch ein Aufsatz des Dr. Offenstein
lag im Archiv.
41
Die Anfänge der St. Bonifatiusgemeinde in Wilhelmsburg sind eng verbunden
mit der Gründung einer Fabrik, die über viele Jahre die größte Fabrik der
Elbinsel war: die ,,Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei zu
Reiherstieg - AG". Sie wurde im Jahre 1889 gegründet. Die Einwohnerzahl
Wilhelmsburgs war damals für die Bedürfnisse der Industrie zu gering.
Deswegen deckte die Direktion der ,,Wollkämmerei" ihren Bedarf an
Arbeitskräften, indem sie Männer und Frauen aus den Gebieten der preußischen
Provinzen Westpreußen, Posen und Schlesien anwarb. Die meisten der Arbeiter
und Arbeiterinnen, die daraufhin einwanderten, waren polnisch sprechende
Katholiken. Sie kamen nicht als ,,Gastarbeiter", sondern wollten auf Dauer in
Wilhelmsburg leben. Bald wurde unter ihnen der Wunsch laut, eine eigene
Kirche und eine eigene katholische Gemeinde auf der Elbinsel zu haben. Diesen
Wunsch griff die Direktion der ,,Wollkämmerei" auf. Sie wandte sich im Juli
1891 an den Bischof von Hildesheim und an die Harburger Pfarrei St. Maria, die
nach katholischem Kirchenrecht für Wilhelmsburg zuständig waren. Die
40
Fräulein Kunigunde Wucherpfennig wohnte in der Wollkämmereistraße, Nummer 47.
41
Der folgende Text über die Gemeindegeschichte basiert auf den genannten Arbeiten.
29
Direktion der ,,Wollkämmerei" war bereit, einen Raum für den katholischen
Gottesdienst einzurichten. Zusätzlich sollte ein katholischer Geistlicher freie
Wohnung und die eine Hälfte seines Gehaltes bekommen - jährlich 600,- Mark.
Die andere Hälfte sollte die Arbeiterschaft aufbringen. Der damalige Dechant
und Pfarrer von St. Maria in Harburg, Meyer, befragte in einem
Versammlungsraum der Wollkämmerei die katholische Arbeiterschaft nach
ihrem Einverständnis.
Die Männer und Frauen erklärten sich bereit, pro
Person vierteljährlich eine Mark zum Gehalt eines
Geistlichen beizusteuern. In einem Saal des so
genannten Mädchenheimes der Wollkämmerei
wurde daraufhin eine Kapelle eingerichtet. Der
Religionslehrer Stysinski - ein polnischer
Geistlicher aus Krakau - weihte im Auftrag des
Bischofs von Hildesheim am Heiligen Abend des
Jahres 1891 die Kapelle ein.
Abb.11: Die ,,Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei zu Reiherstieg- AG", eine
Abbildung aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Abb.12: Gustav Töttcher,
,,Missionsvikar" in St.
Bonifatius von 1892 bis 1897
30
Die heilige Messe am selben Tage war der erste katholische Gottesdienst nach
Einführung der lutherischen Reformation auf der Elbinsel Wilhelmsburg.
42
Der
Religionslehrer Stysinki hielt sich aber nur während der Weihnachtstage des
Jahres 1891 in Wilhelmsburg auf. Erst im Frühjahr 1892 bekamen die
Katholiken Wilhelmsburgs einen eigenen Geistlichen. Es war der Kaplan von St.
Maria in Harburg, Gustav Töttcher, der zum ,,Missionsvikar" von Wilhelmsburg
ernannt worden war. Er wohnte in einem Haus, das die ,,Wollkämmerei" zur
Verfügung gestellt hatte. Gustav Töttcher erreichte bei der Direktion das
Zugeständnis, dass auch Katholiken, die nicht in der ,,Wollkämmerei"
beschäftigt waren, die Kapelle benutzen durften. Diese Kapelle besaß keine
Kirchenbänke. Nur deswegen konnten bei einem Gottesdienst etwa 500
Personen darin Platz finden. Die Errichtung einer katholischen Kirche in
Wilhelmsburg war also dringend nötig. Nicht nur die Direktoren der
Wollkämmerei, sondern auch andere Unternehmer in Wilhelmsburg hielten die
Bindung der Arbeiterschaft an die christlichen Kirchen für wichtig. Sie sahen in
den Kirchen einen mächtigen Verbündeten gegen den Einfluss des Sozialismus /
Kommunismus. Aus diesem Grund schenkte der Bauunternehmer Hermann
Vering im Jahre 1893 der Bischöflichen Behörde in Hildesheim ein 4.500
Quadratmeter großes Grundstück und 10.000 Mark zum Bau einer Kirche.
43
Wie
Hermann Vering sagte, geschah seine Schenkung ,,zur Hebung der Religiösität
und der tief gesunkenen Moral der Arbeiterbevölkerung."
44
Am 26. Juni 1898 wurde die Bonifatiuskirche eingeweiht. Die Baukosten waren
zur Hauptsache vom Bonifatiusverein getragen worden.
45
42
Die Einführung der lutherischen Reformation erfolgte in Wilhelmsburg im Jahre 1527.
43
Hermann Vering wurde am 4. 11. 1846 zu Ahlen in Westfalen geboren. Nach dem Besuch der
Technischen Hochschule in Hannover trat er in die Baufirma ein, die sein Bruder in Hamburg führte.
Die Firma war am Bau des Nord-Ostsee-Kanals, des Elbe-Lübeck-Kanals und an dem Ausbau der Häfen
Hamburg, Breslau und Stettin beteiligt. Hermann Vering machte sich auch als Erfinder einen Namen.
Die Technische Hochschule Hannover ernannte ihn zum Ehrendoktor. In Wilhelmsburg war er jahrelang
Mitglied des Gemeinderates. Er starb am 6. 1. 1922. Vgl. Reinstorf, E., Geschichte der Elbinsel
Wilhelmsburg, Verlag Buchhaus Romanowski, Hamburg, 1955, Seite 272.
44
Die Firma Vering hatte nach der Gründung des Hamburger Freihafens (1888) den Auftrag übernommen,
für die Stadt Hamburg das Hansa-Hafenbecken zu bauen. Um die ausgehobenen Erdmassen ablagern zu
können, hatte die Firma im Westen der preußischen Elbinsel Wilhelmsburg große Grundstücksflächen
aufgekauft. Dieses Gelände wurde mit dem Aushub bis zur Deichhöhe aufgefüllt und damit für Wohn- und
Industriebauten baureif gemacht. Die so gewonnenen Grundstücke wurden an Baugenossenschaften,
Privatleute und Industriebetriebe verkauft. Die Firma Vering schenkte der katholischen Gemeinde
ein Grundstück für den Bau der Kirche und ein weiteres Grundstück von 1142 Quadratmetern für den Bau
des Schulgebäudes ,,Alte Schule". Dieselbe Firma Vering stellte auch der evangelisch-lutherischen
Kirche kostenlos ein Grundstück für den Bau einer neuen Kirche und eines neuen Pfarrhauses - im
Reiherstiegviertel - zur Verfügung. Außerdem führte sie für die evangelische Gemeinde die Straßenbauten
kostenlos aus, die im Anschluss an den Kirchbau notwendig waren. Der Grundstein zum Bau der
Reiherstiegkirche wurde am 7. Juni 1895 gelegt. Die Einweihung der Kirche erfolgte am 25. Oktober 1896.
Die Gründung der evangelisch-lutherischen Reiherstieggemeinde weist viele Ähnlichkeiten mit der Gründung
der katholischen St. Bonifatiusgemeinde auf. Vgl. Henatsch, Hildebrand, Zwischen Industrie und grünen
Wiesen - Hundert Jahre Kirchengemeinde im Reiherstieg auf der Elbinsel Hamburg - Wilhelmsburg, 1896
Bis 1996, E.B.-Verlag, Hamburg, 1996.
45
Der Bonifatiusverein =,,Verein zur Förderung der Katholischen Kirche in der Diaspora mittels Gründung
und Unterhalt von Kirchen und Schulen" wurde 1849 gegründet.
31
Die Gemeinde selbst hatte in anderthalb Jahren einen Betrag von 9.000 Mark
aufgebracht. Das große Pfarrhaus war ein Jahr später bezugsfertig. Mit dem Bau
der Kirche und des Pfarrhauses waren die Voraussetzungen für eine
Selbständigkeit der neuen Gemeinde
gegeben. Dennoch blieb St. Bonifatius
zunächst eine Pfarrvikarie, die von der
Muttergemeinde, St. Maria in Harburg,
abhängig war. Als Pfarrvikar wurde Franz
Klaus eingesetzt. Genau diese
Abhängigkeit einer Tochter- zur
Muttergemeinde hatte Karl-Andreas
Krieter in Harburg-Wilstorf jahrelang
selbst erlebt. Er war mit dieser Situation
oft unzufrieden gewesen und hatte
dagegen gekämpft.
46
Im Jahre 1909 hatte
Bischof Adolf Bertram die Gemeinde St.
Bonifatius zur selbständigen Pfarrei
erhoben und Franz Algermissen als
Pfarrer eingesetzt. Seit diesem Jahre
waren die jeweiligen Geistlichen der
Bonifatiusgemeinde nicht mehr von der
Muttergemeinde St. Maria abhängig und ebenso nicht
mehr abhängig von einem weltlichen Industriebetrieb,
der Wollkämmerei.
47
Als er bei seiner Geschichtsbetrachtung dem Bischof
Dr. Adolf Bertram begegnete, ließ Karl-Andreas
Krieter wahrscheinlich seinen persönlichen
Erinnerungen freien Lauf. Er war von Bischof Adolf
am 11. 10. 1914 zum Priester geweiht worden.
Bischof Adolf hatte auch die St. Franz-Josef-Kirche
in Harburg-Wilstorf geweiht, in der Karl-Andreas
Krieter täglich - seit nun schon elf Jahren - die heilige
Messe las. Seit seiner Priesterweihe hatte Pastor
Krieter das Leben und Wirken des Bischofs Adolf
Bertram mit Anhänglichkeit verfolgt. Nachdem die
Hitler-Regierung an die Macht gekommen war, hatte Pastor Krieter manche
Entscheidung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz bedauert.
46
Vgl. Krieter, U., Karl-Andreas Krieter, Pastor der kath. Kirchengemeinde St. Franz-Josef ..., a. a. O., S. 85.
47
Vgl. Hauschildt, Elke, Polen und Katholische Kirche in Wilhelmsburg 1890 - 1914 , in: Harburg, Von der
Burg zur Industriestadt, Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288 1938, Christians-Verlag,
Veröffentlichung des Helms-Museums Nr. 52, 1987, S. 254 ff.
Abb. 14: Kardinal Dr. Adolf
Bertram
Abb.13: Franz Klaus, Pfarrvikar in St.
Bonifatius von 1897 bis 1909
32
Manchmal hatte er Mitleid mit Bischof Adolf gehabt, der mittlerweile 75 Jahre
alt war. Eine ungeheure Verantwortung lastete auf diesem alten Mann. Jetzt, als
Karl-Andreas Krieter vor der Übernahme einer Pfarrei mit vielen polnisch
sprechenden Gemeindemitgliedern stand, erinnerte er sich daran, dass Kardinal
Bertram in der Diözese Breslau den Anspruch seiner polnisch sprechenden
Diözesanen auf Gottesdienst und auf Unterricht in der Muttersprache anerkannt
und durchgesetzt hatte.
Zurück bei der Geschichte der Bonifatiusgemeinde wandte Karl-Andreas Krieter
seine Gedanken dem Pfarrer Franz Algermissen zu. Er selbst war ihm zum
ersten Mal im Jahre 1923 begegnet, nachdem er seine Pastorenstelle in St.
Franz-Josef angetreten hatte. Er bewunderte Franz Algermissen, weil unter
dessen Verantwortung das Gemeindehaus von St. Bonifatius gebaut worden
war. Franz Algermissen hatte die Pläne zum Bau des Gemeindehauses ,,St.
Willehad-Stift", die seit 1914 vorlagen, in schwierigster Zeit verwirklicht - im
ersten Jahr nach Ende des Weltkrieges (1919). Die Nachfolger des Pfarrers
Algermissen - Dr. Wilhelm Offenstein
48
und Friedrich Schmidts - waren
Personen der jüngsten Gemeindegeschichte. Beide waren mit Karl-Andreas
Krieter befreundet. Mit ihrem Wirken in der Bonifatiusgemeinde war er vertraut.
48
. Dr. Offenstein war von September
1930 bis November 1933 Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei im Reichstag.
Abb. 15: Franz Algermissen, Pfarrer in
St. Bonifatius von 1909 bis 1925
Abb. 16: Dr. Wilhelm Offenstein,
von 1925 bis 1928 Pfarrer in St.
Bonifatius.
33
Die Zahl der Gemeindemitglieder war seit den ersten Anfängen ständig größer
geworden. Als der Verschiebebahnhof Wilhelmsburg im Jahre 1892 in Betrieb
gegangen war, hatte das einen Zuzug von 1.500 zumeist katholischen
Eisenbahnern zur Folge gehabt. Die meisten Eisenbahner hatten damals in der
Nähe des Bahnhofs Wilhelmsburg ihre Wohnung gefunden. Karl-Andreas
Krieter kannte die Redensart: ,,Der ganze Bahnhof in Wilhelmsburg ist
katholisch."
Weiteren nennenswerten Zuwachs hatte die Bonifatiusgemeinde bekommen, als
im Jahre 1897 die Weizenmühle Georg Plange ihren Betrieb aufgenommen
hatte.
Schon bald darauf arbeitete aber die Mehrheit der Gemeindemitglieder nicht
mehr nur ,,in der Wollkämmerei", ,,bei Plange" oder als Eisenbahner. Kaplan
Dorenkamp konnte seinem neuen Vorgesetzten viele andere Betriebe nennen, in
denen Katholiken sich ihren Lebensunterhalt verdienten. Da waren die Betriebe
der Erdölindustrie: Deutsche Erdölwerke Wilhelmsburg; Benzinwerke
Wilhelmsburg = Rhenania-Ossag = Shell; Benzol-Vertrieb, Tank-Anlage
Köhlbrand = BP und die Ölwerke Julius Schindler. Da waren große Lack- und
Farbenfabriken: Carstens, Höveling, Mankiewitz, Schülcke. Da waren - ganz in
der Nähe der Bonifatiuskirche - die Kokerei und Teerkocherei Haltermann und
die Firma Schlobach. Letztere verarbeitete Hölzer aus aller Welt zu Furnierholz.
Da waren die Firma ,,Chemische Werke Reiherstieg-AG", die Palminwerke
(Schlink & Co.) und die Werften Wolkau und Oelkers, dazu die Baufirmen
Abb.17: Die Weizenmühle Georg Plange zu Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts.
34
Harriefeld, Holst, Rieckmann und Klimek. Alle diese Firmen hatten ihren Sitz
im Westen Wilhelmsburgs.
49
Entsprechend viele katholische Arbeiterfamilien hatten sich im Westen der Insel
eine Wohnung gesucht. Im ,,Reiherstiegviertel" wohnten im Jahre 1914 schon so
viele Katholiken, dass der Kirchenvorstand von St. Bonifatius unter Pfarrer
Algermissen geplant hatte, dort eine zweite katholische Kirche zu bauen. Der
Plan war wegen des Kriegsbeginns 1914 aufgegeben worden. 1926 / 27 wollte
Pfarrer Dr. Offenstein an der Lessingstraße (später Rotenhäuser Damm) einen
Schul-Neubau errichten. In das Gebäude dieser zweiten katholischen Schule
sollten ein Gottesdienst-Raum und Räume für die Gemeindearbeit integriert
sein. Das Grundstück war 1927 bereits ausgesucht und vermessen worden. Die
Baupläne lagen vor. Der damalige Oberbürgermeister von Harburg-
Wilhelmsburg, Dr. Walter Dudek, hatte den Katholiken seine Unterstützung
beim Grundstückskauf zugesagt und ein privates Urteil zu den Bauplänen
abgegeben. (Er fand sie ziemlich unmodern und unpraktisch.)
50
Nachdem Pfarrer Dr. Offenstein im Jahre 1928 in die Gemeinde St. Benno in
Hannover-Linden versetzt worden war, hatte Pfarrer Schmidts die angefangene
Sache vorangetrieben. Die Stadtsparkasse zu Harburg-Wilhelmsburg hatte ihm
ein Darlehen über 30.000, - Reichsmark angeboten. Die Zinsen über zunächst 5
Jahre sollten 9,5 % betragen, die Darlehen-Beschaffungsgebühr 150,-
Reichsmark.
51
Pfarrer Schmidts hatte jedoch bei der ,,Hilfsgemeinschaft für
Katholische Wohlfahrts- und Kulturpflege, G.m.b.H." in Berlin ein Angebot
eingeholt, das um einen Prozentpunkt günstiger lag. Im Jahre 1930 hatte das
Bischöfliche Generalvikariat der Kirchengemeinde St. Bonifatius die
Genehmigung gegeben, ein Darlehen in Höhe von 20.000 Reichsmark -
höchstens 22.000 Reichsmark - aufzunehmen. Am 4. März 1930 hatte der
Kirchenvorstand St. Bonifatius schließlich mit der Stadt Harburg-Wilhelmsburg
einen Kaufvertrag über das Grundstück an der Lessingstraße abgeschlossen. Die
endgültigen Kauf-Formalitäten und der Baubeginn hatten sich verzögert, als die
Wirtschaftskrise die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde in den Jahren
1930 bis 1934 immer mehr geschwächt hatte. Daraufhin hatte der Magistrat der
Stadt Harburg-Wilhelmsburg vor einem halben Jahr - am 7. April 1934 - bei der
Kirchengemeinde angefragt, ob sie auf dem Grundstück Lessingstrasse
überhaupt noch bauen wolle. In diesem Schreiben las Karl-Andreas Krieter:
,,Sollte die Ausführung des Bauprojektes nicht mehr beabsichtigt sein, so würde
einer Aufhebung des Kaufvertrages stadtseitig voraussichtlich nichts im Wege
stehen." Pfarrer Schmidts hatte am 9. April 1934 - ohne Einberufung des
Kirchenvorstandes - auf dieses Schreiben geantwortet, die Gemeinde habe
weiterhin die Absicht zu bauen. Karl-Andreas Krieter war wegen dieser Antwort
49
Vgl. zu diesen Angaben das Kapitel ,,Wilhelmsburger Betriebe" in: Reinstorf, E. , Geschichte der Elbinsel
Wilhelmsburg, Verlag Buchhaus Wilhelmsburg, Georg Romanowski, Wilhelmsburg, 1955, S. 355 ff.
50
Schreiben des Oberbürgermeisters Dr. Dudek an Pfarrer Dr. Offenstein vom 5. 12. 1927, Archiv der
Kirchengemeinde St. Bonifatius Akte ,,Kirchbau, Grundstücksache, Kirchplatz ab 1894".
51
Schreiben der Stadtsparkasse zu Harburg-Wilhelmsburg an das Katholische Pfarramt vom 7. 5. 1929.
35
entsetzt, denn die Kirchenkasse seiner neuen Gemeinde war leer. Es drückten
sogar Schulden! An einen Neubau war gar nicht zu denken. Selbst wenn die
wirtschaftliche Lage im Deutschen Reich und in Wilhelmsburg besser werden
sollte, waren keine Steuereinnahmen zu erwarten, die eine Darlehensaufnahme
in großer Höhe zugelassen hätten. In der Kirchengemeinde St. Bonifatius gab es
nur wenige selbständige Handwerker, einige Besitzer kleinerer Geschäfte und
einige Beamte. Niemand aus diesen Gruppen konnte als besonders steuerträchtig
angesehen werden. Die weitaus größte Gruppe der Bonifatiusgemeinde bildeten
einkommensschwache Arbeiter. Folglich musste Karl-Andreas Krieter den
Kirchenvorstand zur Rücknahme des Kaufvertrages bewegen. Das war eine
weitere Sorge, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hatte.
Nachdem Karl-Andreas Krieter über die finanzielle Lage und die Geschichte
von St. Bonifatius informiert war, war eine Frage noch immer nicht beantwortet:
Wie bedeutsam waren die polnischen Ursprünge für das jetzige Leben der
Bonifatiusgemeinde? Seit die Nationalsozialisten an der Macht waren, hatten
sich deutsche Ressentiments gegen Polen verstärkt. Sie waren von
deutschnational gesinnten Zeitungen seit Jahren artikuliert worden. Im Archiv
der Bonifatiusgemeinde hatte Pastor Krieter einen Artikel der ,,Hamburger
Nachrichten" aus dem Jahre 1925 gefunden. Seine Überschrift lautete: ,,Das
Polenparadies Wilhelmsburg". Pfarrer Algermissen hatte sich damals mit aller
Macht gegen die Ansichten und polenfeindlichen Kommentare des
Artikelschreibers geäußert.
Aber wie bedeutend war der polnische Einfluss nun wirklich, jetzt im Jahre
1934? Pfarrer Algermissen und Kaplan Dorenkamp hatten die polnische Sprache
erlernt, um ihre seelsorgerlichen Aufgaben gut erfüllen zu können. Sollte Pfarrer
Krieter sich dieser Mühsal auch unterziehen müssen?
Recht genaue statistische Angaben zu den Polen in der Bonifatiusgemeinde hatte
Pfarrer Schmidts am 1. 10. 1930 gemacht. Damals hatte er eine Anfrage des
Generalvikariates Hildesheim betreffs ,,Pastoration in Orten mit dauernd
ansässiger polnisch sprechender Bevölkerung" beantwortet. 1930 gab es in St.
Bonifatius bei einer Gesamtzahl von 7200 Gemeindemitgliedern 500 Personen,
die nur ihre Muttersprache Polnisch verstanden. 250 bis 300 dieser
Gemeindemitglieder besuchten regelmäßig die polnischen
Sonntagsgottesdienste. Ein Angebot, in polnischer Sprache zu beichten, bestand
dauernd, weil Kaplan Dorenkamp die polnische Sprache beherrschte. Beicht-
und Kommunionunterricht für Kinder in polnischer Sprache wurde von den
Eltern nicht gewünscht. Schulplanmäßig erteilter Religionsunterricht fand nur in
deutscher Sprache statt. Es gab 3 polnische Vereine: den Stanislaus-, den Josef-
und den Hedwigverein. Die beiden Vereine für Männer hatten ihren ,,Sitz" in
den Gaststätten Bachmann, Fährstraße 17, und Mayer, Veringstraße 164. Der
Hedwigverein hatte seinen ,,Sitz" im Gemeindehaus ,,St. Willehadstift".
36
Einem vierten polnischen Verein hatte Pfarrer Schmidts die kirchliche
Anerkennung verweigert.
52
Zusammenfassend ließ sich sagen: Ein polnischer Einfluss war in der Gemeinde
St. Bonifatius noch vorhanden.
Deswegen waren Schwierigkeiten mit den
Nationalsozialisten in dieser Gemeinde eher zu erwarten als anderswo, aber
Karl-Andreas Krieter bereute es dennoch nicht, die Pfarrstelle St. Bonifatius
angenommen zu haben. Er hatte bereits gute Erfahrungen mit Polen gemacht.
Jahrelang hatte er der polnischen Minderheit in Harburg die St. Franz-Josef-
Kirche zur Verfügung gestellt. Dadurch hatten die Polen Harburgs die
Möglichkeit gehabt, einmal pro Monat in einer eigenen Messe polnische Lieder
zu singen und eine Predigt in polnischer Sprache zu hören.
53
52
Im Februar 1930 hatte der polnische Gesangverein ,,Cäcilia" um die kirchliche Anerkennung gebeten. Wie
Karl-Andreas Krieter aus einem Brief ersah, den er im Pfarrarchiv fand, , hielt Pfarrer Schmidts es damals
für richtig, dem Verein die kirchliche Anerkennung zu verweigern. In einem Schreiben an den
Vereinsvorsitzenden zählte Pfarrer Schmidts die Gründe für seine Weigerung auf: ,, 1. Nach den Statuten
können in den Verein Jugendliche beiderlei Geschlechtes - von der Schulentlassung ab - aufgenommen
werden. 2. Die Gründung des Vereins ist vorgenommen, ohne dass ein Geistlicher zu Rate gezogen ist und
ohne dass ich davon unterrichtet bin. 3. Der Verein hat in letzter Zeit drei Maskeraden veranstaltet mit dem
Hinweis darauf, solange die Fahne nicht kirchlich geweiht sei, könne der Verein derartige Vergnügen
veranstalten. Ich möchte Ihnen dazu mitteilen, dass es keine katholischen kirchlichen Vereine gibt - mit
Jugendlichen beiderlei Geschlechtes vom 14. Lebensjahre ab -, die Vergnügen veranstalten und dazu noch
durch öffentlichen
Anschlag jeden beliebigen Menschen einladen." Akte ,,Polen- Pastoration".
53
Durch
die
,,Harburger Anzeigen und Nachrichten" (HAN) vom 15. Dezember 1931 ist belegt, dass Pastor
Krieter seine St. Franz-Josef-Kirche der polnischen Minderheit Harburgs einmal pro Monat zur Verfügung
stellte.
Abb. 18: Pfarrvikar Franz Klaus und Mitglieder des polnischen
Josefvereins vor dem Pfarrhaus von St. Bonifatius im Jahre 1908.
37
1. 6. Die Einführung in St. Bonifatius
Am Sonntag, den 28. 10. 1934, - es war das Fest ,,Christkönig" - traf
Karl-Andreas Krieter gegen 9 Uhr morgens vor dem Pfarrhaus der Gemeinde
St. Bonifatius ein. Ein Herr namens Dr. Dopfer - es ist unklar, ob Dr. Dopfer zur
Bonifatiusgemeinde oder zur Gemeinde St. Franz-Josef gehörte - hatte ihn mit
seinem Privatauto vom Pastoratshaus in Harburg-Wilstorf bis zum Pfarrhaus in
Wilhelmsburg gefahren. Vor dem Pfarrhaus war eine große Menschenmenge
versammelt. Ein Mädchen aus der Abschlussklasse der katholischen
Volksschule - Maria Cybulla - trug ein Gedicht vor. Es gefiel Karl-Andreas
Krieter so sehr, dass er das Gedicht im Pfarrarchiv aufbewahrte.
,,Sei willkommen deiner Herde, schau, sie eilt entgegen dir;
dass durch dich uns Segen werde, steht sie auf der Schwelle hier.
Horch, es tönen schon die Glocken von den Höh´n des Hirten Nah´n,
und der Herzen hehr´ Frohlocken kündet froh dein Kommen an.
Deinem Eingang schenk´ Gott Segen von dem ew´gen Zion aus!
Segen sei auf deinen Wegen, Segen folge dir ins Haus!
Und nun komm zu deiner Herde, komm ins schöne Gotteshaus!
Dass uns allen Segen werde, macht auch deine Freude aus.
Engel mögen dich geleiten in das schöne Heiligtum,
finde Trost zu allen Zeiten, wirke dort zu Gottes Ruhm!
Mög´st in unser´n heil´gen Hallen deine Herde glücklich seh´n!
Zu des Ew´gen Wohlgefallen mög´ kein Schäflein irre geh´n!
Und so möge Gott es walten: lang sei unser Pfarrer hier!
Gott mög´ dich gesund erhalten, seine Gnade ruh´ auf dir!"
Abb.19: Dechant Carl Kopp, von 1910
bis 1940 Pfarrer an St. Ludwig in Celle,
gestorben am 9. 4. 1940 in Celle.
38
Im Pfarrhaus wartete schon Dechant Carl Kopp aus Celle auf den neuen Pfarrer.
Karl-Andreas Krieter legte im Pfarrhaus den Pfarrer-Ornat an. Danach - genau
um 9 Uhr 15 - wurde er in feierlicher Prozession in die Bonifatiuskirche geführt.
Dort verlas Dechant Kopp die bischöfliche Anstellungsurkunde und hielt ,,vor
der zahlreich versammelten Gemeinde eine Predigt über das Verhältnis des
Pfarrers zur Gemeinde und der Gemeinde zum Pfarrer, in Anknüpfung an das
Wort Johannes 10,14: `Ich bin der gute Hirt und kenne meine Schafe und meine
Schafe kennen mich´. Alsdann wurde der neue Pfarrer in die Pflichten seines
Berufes in Anlehnung an den im Dekanate üblichen Ritus eingewiesen, nahm
das Versprechen des Gehorsams durch den Kirchenvorstand entgegen und
gelobte selbst, alle seine Pfarrerpflichten gewissenhaft zu erfüllen. Darauf hielt
der neue Pfarrer ein feierliches Amt, bei dem die Kapläne Dorenkamp und Bank
levitierten und dessen Schluss das ,,Tedeum" bildete."
54
Nach der kirchlichen
Einführungsfeier fand im Gemeindehaus ,,St. Willehad-Stift" eine weltliche
Feier statt. Über die Teilnehmer und über den Ablauf dieses Festes gibt keine
Quelle Auskunft. Nur eine Notiz in der Jahresabrechnung der Kirchengemeinde
von 1934 / 35 meldet: ,,Kosten anlässlich der Einführung des Pastors, 28. 10.
1934, 26, - Reichsmark".
2. Pfarrer Krieter richtet sich in St. Bonifatius ein.
Am Montag, den 29. Oktober 1934, zogen Pfarrer
Krieter und seine Schwester, Therese Krieter, in das
Pfarrhaus von St. Bonifatius ein. Die beim Umzug
anfallenden Arbeiten hatten die Geschwister an die
in Wilhelmsburg alteingesessene Speditionsfirma
Sievers vergeben. Therese Krieter wusste, dass sie
auch in Wilhelmsburg als Haushälterin völlig freie
Hand bekommen werde. In den nächsten Tagen und
Wochen traf sie Entscheidungen, die während der
Jahre von 1934 bis 1961 den Alltag der
Pfarrhausbewohner bestimmten.
54
Das Zitat stammt aus der `Niederschrift über die Einführung des Pastors Carl-Andreas Krieter in
Harburg- Wilhelmsburg St. Bonifatius´, Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Personalia".
,,Amt" bedeutet hier eine besonders feierliche katholische Messfeier. Man nennt solch eine feierliche
Messe auch ,,Hochamt". In einem ,,Levitenamt" wird die Messe von drei Geistlichen gefeiert, von einem
Hauptzelebranten und zwei Assistenten, den Leviten. Das ,,Tedeum" wurde damals lateinisch gesungen.
Die deutsche Übersetzung dieses Liedes beginnt: ,,Großer Gott, wir loben dich ...".
Abb.20: Karl-Andreas und Therese
Krieter im Jahre 1935
39
2. 1. Alltag im Pfarrhaus
Therese Krieter war zunächst unzufrieden gewesen, als ihr Bruder sich
entschieden hatte, die Pfarrstelle in Wilhelmsburg zu übernehmen. Sie hatte
sich - mehr noch als ihr Bruder - gewünscht, auf das Eichsfeld ziehen zu
können, in die Heimat. Während des zurückliegenden Monats hatte sie ihre
Unzufriedenheit überwunden. Sie hatte Argumente gefunden, die ihr halfen, der
nun einmal gefallenen Entscheidung ihres Bruders Gutes abzugewinnen.
Die private finanzielle Situation der Geschwister Krieter war seit 1930
schwierig.
55
Da war es von Wichtigkeit, dass St. Bonifatius in Wilhelmsburg so
viele ,,Seelen" zählte. Nach der Anzahl der Gemeindemitglieder berechnete sich
nämlich das ,,Reichseinkommenssteuersoll" der Gemeinde. Dieses wiederum
war die Grundlage des staatlichen ,,Pfarrbesoldungszuschusses". Therese Krieter
ließ sich von ihrem Bruder vorrechnen, dass er in Wilhelmsburg folgende
Einkünfte haben werde: Das von der Diözese Hildesheim zu zahlende jährliche
Gehalt würde 3.472,- RM betragen, der Staatszuschuss 1.628,- RM. Das waren
5.100,- RM. Davon waren 255,- RMfür die Ruhevorsorge und für die
Diasporahilfe abzuziehen. Es blieb also ein Jahresgehalt von 4.845,- RM zur
eigenen Verfügung.
56
Das war gegenüber dem Pastorengehalt, das er bisher
bezogen hatte, ein finanzieller Fortschritt. Außerdem würde der Umzug von
Harburg nach Wilhelmsburg geringere Kosten verursachen als ein Umzug ins
Eichsfeld.
Während der Administratorentätigkeit ihres Bruders hatte sich Therese Krieter
vergewissert, dass die räumliche Enge und die Unruhe, unter der beide
Geschwister im Pastoratshaus von St. Franz-Josef zu leiden hatten, mit dem
Einzug in das große Pfarrhaus von St. Bonifatius beendet wären.
57
Im
Wilhelmsburger Pfarrhaus würde sie auch leichter Besucher aus der
Verwandtschaft unterbringen können. Dieses Argument beeindruckte Therese
Krieter besonders positiv.
58
55
Im Jahre 1930 hatten die Geschwister in Harburg das Haus Reeseberg 16 gebaut. Durch den Beginn der
Weltwirtschaftskrise im selben Jahr waren die Geschwister Krieter in große finanzielle Schwierigkeiten
geraten. Vgl. Krieter, U., Karl-Andreas Krieter, Pastor ... a. a. O., S. 85.
56
Archiv der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Akte ,,Pfarrbesoldung".
57
Die Geschwister Krieter hatten das Haus Reeseberg 16 als Pastoratshaus an die St. Franz-Josef-Gemeinde
vermietet. Folglich wurde es nicht nur als Wohnung des Pastors genutzt, sondern auch für Gruppenstunden
der Vereine. Auch das Pastoratsbüro befand sich im Haus Reeseberg 16.
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Nach
Auskunft der Nichten von K.-A. Krieter - Marianne Müller und Hedwig Wollersen, beide geborene
Krieter - besuchten sie Karl-Andreas und Therese Krieter alljährlich, oft wochenlang. Die Nichten
betätigten sich dann im Pfarrhaus als Haushaltshilfen. Vgl. die Gespräche mit Marianne Müller und Hedwig
Wollersen am 31. 3. 2004. Diese beiden Gespräche sind - wie alle Gespräche mit Zeitzeugen, auf die im
Folgenden verwiesen wird - veröffentlicht in: Krieter, Ulrich, Die St. Bonifatius-Gemeinde in
Hbg.-Wilhelmsburg zur Zeit des Pfarrers Krieter, 35 Zeitzeugen berichten aus den Jahren 1934 bis 1963,
Grin Verlag für akademische Texte, November 2009, ISBN 978-3-640-48494-2.
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Als Therese Krieter die Möglichkeiten zur Versorgung des Pfarr-Haushaltes mit
Eigenprodukten erkannte, die der Pfarrhausgarten, der Vorgarten und eine
brachliegende Fläche hinter dem Pfarrhaus boten, wurde ihre positive
Einschätzung der Pfarrstelle in Wilhelmsburg noch verstärkt. Der Vorgarten des
Pfarrhauses in Wilhelmsburg grenzte mit einem Teil an die Bonifatiusstraße und
an das Nachbargrundstück Bonifatiusstraße 3. Der andere Teil grenzte an den
Kirchplatz. Im Vorgarten fanden sich Blumenbeete und - das war wichtiger - ein
Bestand alter Birnbäume.
Der Garten des Pfarrhauses lag parallel zur Kirche. Die gesamte Fläche war
eingezäunt. Sie umrahmte hufeisenförmig einen Anbau des Pfarrhauses, der
schon zu Zeiten von Pfarrvikar Klaus erbaut worden war. Der Anbau diente
links mit einem größeren Raum als Waschküche und mit einem kleineren Raum
zur Aufbewahrung von Gartengeräten. Der rechte Teil des Anbaues hatte ein
Fenster, das den Blick auf das Kirchengelände ermöglichte. Dieser Teil des
Anbaues wurde in der warmen Jahreszeit von den Geistlichen gern als kühler
Aufenthaltsraum genutzt. Man konnte dort in Gartenmöbeln sitzen, hatte aber
auch einen Zugang zum Pfarrhausgarten.
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Im Garten standen in einer Reihe - nahe dem Haus - vier Apfelbäume. Darunter
standen Beerenobststräucher. Die anschließende Fläche konnte zum Anbau von
Kartoffeln und Gemüse genutzt werden. Hinter dem Pfarrhaus lag eine schmale,
aber lang gestreckte Fläche ungenutzt. Sie musste nur eingezäunt werden, dann
eignete sie sich für die Hühnerhaltung. Als Hühnerhaus konnte der Raum des
Anbaues dienen, in dem zu dieser Zeit nur Gartengeräte standen.
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Natürlich wusste Therese Krieter, dass alle Tätigkeiten im Garten und auf dem
Hühnerhof auf sie selbst warteten. Die Aussicht auf vermehrte Arbeit störte sie
aber nicht. Von Kindesbeinen an war sie mit Garten- und Feldarbeit und mit
Kleintierhaltung vertraut. Sie kam ,,vom Dorfe", und das empfand sie nicht als
Makel. Schon in der St. Franz-Josef-Gemeinde in Harburg-Wilstorf hatte
Therese Krieter ein kleines Stück Gartenland bewirtschaftet. Sie freute sich, dass
ihr in Wilhelmsburg ,,ein bisschen Landwirtschaft" erhalten blieb.
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Therese Krieter fand es auch schön, dass sie die Freundschaften weiter pflegen
konnte, die sie während der vergangenen elf Jahre in der St. Franz-Josef-
Gemeinde aufgebaut hatte. Wilhelmsburg war ,,nicht aus der Welt". Die
Straßenbahnlinie 33 bot eine bequeme Möglichkeit, nach Harburg-Wilstorf zu
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Viele Kapläne liebten es, im Pfarrhausgarten von St. Bonifatius hin und her zu gehen, während sie das
Brevier beteten. (Das Brevier ist ein Gebetsbuch, das die Texte zum kirchlichen Stundengebet enthält.
Katholische Priester sind verpflichtet, das Brevier täglich zu beten.)
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Um diesen Raum des Anbaues besonders gut nutzen zu können, ließ Therese Krieter ihn später durch eine
Holzdecke zweiteilen. Der obere Teil diente danach als Hühnerstall. Die Hühner erreichten ihren Stall durch
ein Loch in der Außenwand des Anbaues. Zu dem Loch hinauf kamen sie über ein Brett, das als
Hühnerleiter diente. Im unteren Teil des Raumes standen Gartengeräte und ein Sack mit Hühnerfutter.
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Bis in die Mitte der 50er Jahre betrieb Therese Krieter den Kartoffel- und Gemüseanbau im
Pfarrhausgarten und hinter dem Pfarrhaus die Hühnerhaltung.
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