Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die Technikentwicklungstheorie von Jacques Ellul 1
3. Die Technikentwicklungstheorie von Stanislaw Lem. 5
4. Die Technikentwicklungstheorie von Matthias Horx 10
5. Vergleich der Technikentwicklungstheorien. 14
6. Kritik der Theorien aus der Perspektive der Techniksoziologie. 16
7. Fazit 18
Literaturverzeichnis i
Abbildungsverzeichnis
Tabelle 1: Vergleich der Technikentwicklungstheorien von Ellul, Lem und Horx 16
1. Einleitung
Einem kritischen Beobachter der Debatten um neue Technologien fällt eine merkwürdige Gespaltenheit der Argumentation auf. Einerseits wird ein Automatismus des technischen „Fortschritts“ unterstellt. Dabei erscheint der Mensch nur als Zuschauer und Opfer. Auf der anderen Seite wird zu einer stärkeren Kontrolle der technischen Entwicklung aufgerufen und zum Teil sogar Umsteuerung gefordert. Einige Aussage in diesem Kontext sind sicher einer auf Aufmerksamkeit zielenden Rhetorik der Dramatisierung geschuldet (Rammert, 1993, S. 151 f.). Der Hauptgrund der Gespaltenheit der Technikdebatten liegt aber in den verschiedenen unausgesprochen zugrunde liegenden Theorien der technischen Entwicklung (Rammert, 2000, S. 59). Die Argumentation hängt entschieden von der Antwort auf die Titelfrage dieser Arbeit ab: Wer oder was steuert den technischen „Fortschritt“ und wohin führt er uns?
Ziel dieser Hausarbeit ist es, drei Technikentwicklungstheorien vergleichend vorzustellen. Ausgewählt wurden die Theorien von Jacques Ellul, Stanislaw Lem und Matthias Horx, weil sie sich in zentralen Punkten wesentlich voneinander unterscheiden.
In den Kapiteln 2 bis 4 werden die Theorien einzeln in groben Zügen wiedergegeben, um danach anhand von sechs Kriterien direkt miteinander verglichen zu werden (Kapitel 5). Im sechsten Kapitel werden die Theorien einer kurzen Kritik aus der Perspektive der neueren Techniksoziologie unterzogen. Abschließend wird aus den Ergebnissen ein Fazit gezogen (Kapitel 7).
2. Die Technikentwicklungstheorie von Jacques Ellul
Der französische Jurist, Philosoph, Theologe und Soziologe Jacques Ellul stellte seine Theorie der Technikentwicklung in seinem 1954 erschienen Werk mit dem Titel „La technique ou l'enjeu du siècle“ dar, dass erst mit der zehn Jahre später erfolgten englischen Übersetzung „The Technological Society“ international bekannt wurde.
Ellul definiert Technik folgendermaßen: „technique is the totality of methods rationally arrived at having absolute efficiency (for a given stage of development) in every field of human activity” (Ellul, 1964, S. xxv). Es geht ihm nicht nur um
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Technik im materiellen Sinn (z.B. Maschinen), sondern auch im immateriellen (z.B. Sozialtechniken wie bürokratische Verwaltung). Der Mensch ist nicht auf die Imitation von Naturprodukten angewiesen. Mit dem Verstand kann er Technik konstruieren bzw. Techniken erfinden, die kein Vorbild in der Natur haben. Die Ergebnisse seiner Entwicklungsbemühungen überprüft er und sucht nach Verbesserungsmöglichkeiten, denn das Ziel der Technik ist die höchstmögliche Effizienz und das Wesen der Technik ist die Suche nach dem einen besten Weg. In der modernen Welt greift das technische Prinzip auf alle Bereiche des menschlichen Lebens über. Die Hauptbeschäftigung des Menschen der Moderne ist es, in jedem Feld die effizienteste Methode zu finden. Das ist das „technische Phänomen“ (Ellul, 1964, S. 20 f.)
Aus Elluls Sicht ist kein sozialer Fakt bedeutender (und in seiner Bedeutung) weniger durchschaut als das „technische Phänomen“ (Ellul, 1964, S. 3). Mit seiner „Charakterologie der Technik“ versucht er diesem gefährlichen Zustand entgegenzuwirken. Aus seiner Sicht zeichnet sich die Technik der Moderne durch sieben Merkmale aus:
1. Rationalität: Rationalität äußert sich am eindrucksvollsten in Systematisierung, Arbeitsteilung, Schaffen von Standards und Produktionsnormen und Ähnlichem. Spontaneität und persönliche Kreativität werden durch die Rationalität ausgeschaltet. Die Logik ist die einzige zulässige Methode (vgl. Ellul, 1964, S. 78 f.).
2. Künstlichkeit: Ellul zufolge ist die Technik der Natur entgegengesetzt. Sie unterwirft und zerstört die natürliche Welt und erlaubt es ihr nicht, sich zu erholen. Eine symbiotische Beziehung zwischen Technik und Natur ist nicht möglich (vgl. Ellul, 1964, S. 79).
3. Automatismus (der Wahl): Zum technologischen Phänomen gehört die erwähnte Suche nach dem einen besten Weg. Dadurch verliert der konstruierende und erfindende Mensch die Möglichkeit zur Wahl, denn er kann sich nur für die effizienteste Möglichkeit „entscheiden“. Er ist nur dazu da, die Effekte und Ergebnisse der Technik zu registrieren. Die Technik gibt die Richtung ihrer Entwicklung gleichsam selbst vor. Das Merkmal des Automatismus hängt eng mit dem Kapitalismus zusammen. Im erbitterten Konkurrenzkampf können nur die effizientesten Methoden und Lösungen das Überleben eines Unternehmens sichern und ein starker Antrieb zur Technikentwicklung kommt aus der
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Wirtschaft. Der systemische Zwang führt nicht nur zum Automatismus der Wahl, sondern auch zur immer stärkeren Automatisierung der Produktion, was nach Ellul letztlich zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen muss (vgl. Ellul, 1964, S. 79-85).
4. Selbststeigerung: Die modernen Menschen sind derart enthusiastisch in Bezug auf Technik und dermaßen überzeugt von ihrer Überlegenheit, dass sie ohne Ausnahme auf den technischen Fortschritt hin orientiert sind. Alle arbeiten daran. Die Zahl der Wissenschaftler und Techniker hat sich von 1800 bis 1950 mit jedem Jahrzehnt verdoppelt. Alles was Technik betrifft wächst Ellul zufolge automatisch und dieses Wachstum ist weder gewünscht noch gewählt. Die Technik greift wie erwähnt auf alle Bereiche des menschlichen Lebens über. Auch ein Politiker z.B. wendet (politische) Techniken an, um sich die Stimmen der Wähler zu sichern. Ellul erkennt zwei Gesetze der Selbststeigerung: 1) Der Technische Fortschritt ist unumkehrbar und 2) beschleunigt sich immer weiter (geometrisches Wachstum), denn jede Erfindung verlangt nach einer Vielzahl von weiteren Erfindungen. Nur der Zusammenbruch der („technologischen“) Gesellschaft kann diesen Prozess stoppen. Bei dem Glauben, dass der Mensch Herr der Technikentwicklung ist, handelt es sich um eine gefährliche Illusion. Die gleichzeitig (moralisch) blinde und klarsichtige (in Bezug auf das Ziel: Effizienz) Technik regiert allein (vgl. Ellul, 1964, S. 85-95). 5. Monismus: Das technische Phänomen und alle Techniken zusammen formen ein geschlossenes System, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Rationalisierung eines Gebiets hat unvermeidlich die Rationalisierung anderer Gebiete zur Folge. Zum Beispiel findet die Medienberichterstattung nicht ohne Grund auf niedrigem Niveau statt. Die effizientesten psychischen und psychoanalytischen Techniken werden angewendet um dem Massenpublikum zu gefallen und damit den Absatz zu steigern. Würden die Presse auf hohem intellektuellen Niveau berichten, wäre der Absatz gering oder es käme langfristig zu einer Revolte gegen die „technische Gesellschaft“. Die Technik toleriert keine moralische Bewertung. Es geht einzig und allein um Effizienz. Auch Techniker die moralische Bedenken haben und „gute“ Absichten verfolgen, können nichts ändern. Sie würden lediglich aufhören, gute Techniker zu sein, wenn sie sich nicht mehr am Effizienzkriterium orientieren. Jede neu verfügbare Technik wird so schnell wie möglich angewendet, denn sie muss sich in Form von Geld,
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Prestige oder Macht auszahlen, bevor sie veraltet ist. „Weil es möglich ist, war es nötig.“ ist das typische Prinzip der Technikentwicklung. Sobald die vollständige Überwachung der Bürger technisch möglich ist, wird sie auch realisiert. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man die negativen Auswirkungen der Technik unterdrücken und nur die guten Seiten genießen kann, schon allein deswegen, weil die Auswirkungen einer neuen Technik nicht (vollständig) vorhersehbar sind (vgl. Ellul, 1964, S. 94-111).
6. Technischer Universalismus: Das technische Phänomen greift auf immer mehr Länder über und wird die ganze Welt erfassen. Ellul meint, dass jede Regierung und jede Unternehmensführung versucht, die „technische Versklavung“ so schnell wie möglich voranzutreiben, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können. Kulturelle Unterschiede werden neutralisiert und „traditionelle Religionen“ werden durch den Glauben an den technischen Fortschritt abgelöst. Das Resultat wird eine weltweite technische Einheitskultur sein. Selbstverständlich war die Kulturzerstörung von keinem Techniker intendiert, doch sie geschieht trotz aller Willensbekundungen, sie zu verhindern. Der Fehler aller Bemühungen, dieser Entwicklung Grenzen zu setzen, ist, dass sie zu spät kommen (vgl. Ellul, 1964, S. 116-133).
7. Technische Autonomie: Obwohl Ellul an einigen Stellen auf die unterstützende Funktion des Kapitalismus für die Herrschaft des technischen Phänomens hinweist, betont er, dass weder die Wirtschaft noch die Politik den technischen Fortschritt bestimmen. Es ist im Gegenteil die Technik, die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandel verursacht. Lange wurde behauptet, Technik sei weder gut noch schlecht, weder richtig noch falsch, sondern neutral. Ellul dagegen behauptet, sie ist zum Richter über die Moral geworden. Gut und richtig ist alles, was zu erhöhter Effizienz führt, alles andere ist verwerflich. Der Mensch beherrscht die Technik nicht, sondern sie beherrscht ihn und hält dabei die Illusion von Freiheit, Wahl und Individualität aufrecht (vgl. Ellul, 1964, S. 133-147).
Wie schon vor ihm Max Weber („Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“) und Georg Simmel („Philosophie des Geldes“) erkennt Ellul, dass sich in der modernen Gesellschaft das Verhältnis von Mittel und Zweck verändert hat. Effizienz war früher ein Mittel zum Zweck und ist in der technologischen
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Arbeit zitieren:
Paul Thierbach, 2009, Wer oder was steuert den technischen „Fortschritt“ und wohin führt er uns?, München, GRIN Verlag GmbH
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