1. Einleitung: Was ist Jazz?
„Wer Jazz beschreibt, kommt nicht ohne Gegensätze aus.“ 1 Nicht nur auf Grund der Schwierigkeit, Jazz allein in Formeln und Gesetzen der zu der Zeit bekannten Musiktheorie darzustellen, da gerade das, was den Jazz so besonders macht, etwas mit dem richtigen feeling zu tun hat, sondern auch weil sich um die Geschichte des Jazz so viele diverse und sogar kontroverse Thesen und Behauptungen gebildet haben, zeugt dieser Satz von Wahrheit. Jazz ist also ein „emblem of discontinuity“ 2 . Welche verschiedenen Ansichten bei dem Disput um die Anfänge des Jazz aufeinander treffen und warum dieser niemals ein Ende zu finden scheint, werden in dieser Arbeit beleuchtet. Dabei werden sowohl rassistische und soziale sowie musikalische Argumente der jeweiligen Verfechter berücksichtigt. Um jedoch den eigentlichen Gegenstand des Streites nicht zu ignorieren, werden in der Einleitung kurz die allgemeinen Merkmale der Musikrichtung Jazz dargestellt. Im Laufe der Zeit bildeten sich viele Stile des Jazz, die sich sowohl von der populären Musik der jeweiligen Zeit beeinflussen ließen, als auch selbst die Entwicklung dieser Musik prägten. Diese verschiedenen Stile, von denen sich etwa jedes Jahrzehnt ein neuer bildete, sind so unterschiedlich, dass es manchmal schwierig ist, alle zur Kategorie des Jazz zu zählen. Da der Fokus hier auf den Anfängen der Jazzgeschichte liegt, werden nur die Kernmerkmale des frühen Jazz genannt. Zunächst wurde in einer Combo von einer Melodiegruppe und einer Rhythmusgruppe gespielt. Die Melodiegruppe, bestehend aus Trompete, Klarinette und Posaune, hatte die Aufgabe der Kollektivimprovisation während die Rhythmusgruppe, mit Klavier, Banjo (oder Gitarre), Bass (oder Tuba) und Schlagzeug, der Melodiegruppe als metrische Unterstützung dienen sollte. Als Grundrhythmus herrschte der Two Beat, die Betonung des 1. und 3. Schlages eines Taktes ähnlich einer Marschmusik oder eines 4/4 Taktes der europäischen Musik. Sehr wichtig waren die charakteristischen Blue Notes, mikrotonal unklare Intervalle, die durch undeutliche Intervallphrasierungen betont wurden und einen ungewohnten, vom Standard des Schönen abweichenden Klang erzeugten. Des Weiteren gab es eine Menge unterschiedlicher Techniken, welche die Spielart einzelner Musiker noch individueller und mit größerem Wiedererkennungswert gestalteten. Diese Techniken werden unter dem Begriff der Hot-Intonation zusammengefasst. Dirty Notes, unsauber intonierte Töne; Blechbläser-Dämpfer, zur Imitation sowohl menschlicher als auch tierischer Stimmen; Off-Pitchness, geringfügige Tonhöhenabweichungen; Glissando; Vibrato und noch ein paar weniger Bekannte fallen beispielsweise darunter. Individualität wurde zusätzlich durch die
1 Berendt, 1975, Die Story des Jazz, S. 7
2 2 Peretti, 1992, S. 23
3
ursprüngliche Art der Tonbildung sowie der Phrasierung erzeugt. Eine sehr beliebte Darbietungsweise war das bekannte Call & Response, welches an Gospelchöre erinnert, die in gleicher Weise eine abwechselnde Interaktion zwischen Solist und Chor aufweisen. Soli wurden zunächst in so genannten breaks eingebaut, kurze Passagen, die die einzelnen Teile (strains) eines Stückes miteinander verbinden. Diese Soli waren Improvisationen, die Kerneigenschaft des Jazz. Mit diesen war die Individualität der Spielarten einzelner Musiker vollkommen, da sich die Improvisationen auf direkteste Weise vom Künstler widerspiegelten. Ebenso wurden sie durch das Instrument empfunden, da dieses nun nicht mehr an irgendwelche Vorgaben angepasst werden musste. Die Musik kam aus dem Innern der Menschen, wie Stokes umschreibt:
Die Musiker konnten sich in Verbindung mit ihrem Instrument einfach fließen lassen. Durch diese persönliche und unnachahmliche Art der Tonbildung wurde klar, dass im Jazz nicht nur der Ausdruck wichtiger ist als die Ästhetik, sondern auch, dass der Selbstausdruck des Interpreten im Mittelpunkt steht. „Jazz ist nicht was Du machst, sondern wie Du es tust.“ 4 Schließlich wollten die Jazzmusiker sich nicht an ein standardisiertes Ideal von Ästhetik anpassen und sich somit einem vorgeschriebenem Klangbild verpflichten. Es war etwas ganz Neues, es war der „soundtrack of modern America in the 1920s“ 5 . Wie es zu dem Wort ‚Jazz’ kam ist unklar. Einige Vorstufen wie die Begriffe ‚Jass’, ‚Jasmo’ oder ‚Jismo’ und noch andere sind bekannt und existierten bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert. Für diese Ausdrücke gibt es verschiedene Bedeutungen, so erklärt Berendt beispielsweise: „Vorher wurde ‚Jass’ und noch früher ‚Jasm’ und ‚Gism’ als Dialekt- und
Zweifellos handelt es sich um eine ordinäre Wortschöpfung für eine gänzlich neuartige Weise, sich der Welt mitzuteilen aus einer Gruppe Menschen, für welche dies bislang unmöglich schien. Diese Gruppe Menschen befand sich in New Orleans, einer Stadt in Amerika, welche sich, ebenso wie der Jazz, durch Gegensätze auszeichnete. Folgend werden einige Informationen zu der Stadt New Orleans dargestellt, um somit ihre Auswirkungen auf die Menschen und die Musik zu verdeutlichen und um zu erklären, warum „jazz has been
3 Stokes, 1991, S.8
4 Thomas „ Fats“ Waller
5 Carney, 2006, S. 301
6 Berendt, 1981, S. 26
4
characterized as the most outrageous and controversial and most reprensentative, product of a decade of controversy.“ 7
1 Zwei Stile, Eine Heimat - New Orleans
1.1 „Unamerikanisch“ unter amerikanischen Städten
New Orleans ist die größte Stadt im amerikanischen Bundesstaat Louisiana und befindet sich im bekannten Mississippi Delta. Durch ihre Funktion als Industriezentrum und durch ihren Hafen galt New Orleans schon immer als wichtig für politische Interessen. 1718 wurde die Stadt von französischen Kolonialherren gegründet und wurde 1762 von Spaniern übernommen. Im Jahre 1800 ging die Herrschaft für drei Jahre an Frankreich zurück bis zum berühmten Louisiana Purchase 1803. Dabei wurde das gesamte Land von Napoleon an Amerika verkauft. Mittlerweile hatte sich jedoch eine grundlegende französisch-spanische Stadtkultur ausgebildet. Durch die ungewohnt starke kosmopolitische Einstellung der sogar polyglotten Bevölkerung, hatte die Stadt den Ruf von einer verhältnismäßig geringen Rassendiskriminierung im Vergleich anderer Südstaaten der USA und wurde somit ein Magnet weiterer tausender Immigranten. Menschen und somit kulturelle Einflüsse aus Frankreich, Spanien, Amerika, der Karibik und aus Afrika, vor allem wegen der Sklaveneinfuhren zwischen 1618 und 1808, trafen in New Orleans aufeinander. Trotz starker Verbindungen und reicher Interaktion in dieser gastfreundschaftlichen Umgebung behielten alle Gruppen viele ihrer bekannten Traditionen, zum Beispiel sowohl in religiöser Hinsicht als auch in Bezug auf musikalische Zwecke und Darbietungen. Mit anderen Worten war „New Orleans […] um die Jahrhundertwende ein Hexenkessel der Völker und Rassen.“ 8 Ungewöhnlich und gleichzeitig sehr wichtig für die Entwicklung des Jazz war die Tatsache, dass zwischen diesen einzelnen Ethnien noch weiter differenziert wurde und zwei verschiedene Gruppen von Farbigen existierten. Eine Gruppe waren die so genannten schwarzen Kreolen, französisch sprechende Katholiken, die Downtown lebten, zum größten Teil frei waren, wie zum Beispiel die freigelassenen Maitressen und Kinder karibischer Kolonialherren, und eine bessere Bildung genossen hatten. Die andere Gruppe bildete sich aus Afro-Amerikanern, englisch sprechende Protestanten, die Uptown lebten, zum größten Teil Sklaven waren und meist ärmer und weniger gebildet als ihre Nachbarn. Vor dem Gesetz jedoch wurde jeder, der in irgendeiner Weise eine afrikanische Verwandtschaft hatte, als farbig betrachtet, somit war die Trennung zwischen Uptown und Downtown nie absolut.
7 Peretti, 1992, S. 94
8 Berendt, 1981, S. 22
5
Außerdem spielte die Rasse nur zum Teil eine Rolle in der Differenzierung zwischen den einzelnen Gruppen. Ebenso waren Klasse und sozialer Hintergrund sowie Bildung und auch Religion wichtige Ausgangspunkte. Für die Afro-Amerikaner war das Leben trotz der kosmopolitischen Grundeinstellung in New Orleans nicht einfach und verschlechterte sich noch durch weitere Fluten von Immigranten, zum Beispiel aus Italien, und der Maschinisierung der Industrie, da dies eine gravierende Arbeitslosigkeit bedeutete. Auch in anderer Hinsicht war New Orleans zu der Zeit der Entstehung des Jazz als eine Stadt im Niedergang zu betrachten. 1874 betrugen die Schulden der Stadt bereits 53 Mio. Dollar ohne Aussicht auf Veränderung. 1878 wurde die Bevölkerung von einer Gelb-Fieber-Epidemie befallen. Plagen, zum Beispiel von Moskitos, waren keine Seltenheit und bis zum Jahre 1892 gab es kein Abwassersystem. Trotz dieser Schwierigkeiten zeichneten sich die Einwohner von New Orleans durch einen starken Hang zum Feiern aus. Paraden, Tänze und Parties wurden zu sämtlichen öffentlichen Veranstaltungen gegeben. Reich frequentierte Treffpunkte, vor allem für Musiker, waren auch der bekannte Congo Square und das berühmte Rotlichtviertel Storyville. Doch diese fröhliche und feierfreudige Einstellung konnte auch aus dem Drang zur Distanz von dem Leiden und von der Schwere des Lebens dort resultieren. Die Menschen nutzten jede Gelegenheit um sich von ihren Anstrengen und Ängsten ablenken zu lassen. Dadurch ließ sich New Orleans als Stadt mit der größten Liebe zur Kunst und speziell zur Musik kennzeichnen, wie sich auch in Entwicklung von 1792 bis 1859 erkennen lässt. In dieser relativ kurzen Zeitspanne wurden nämlich fünf große Theater, zwei Opernhäuser und eine Akademie für Musik errichtet und ausgebaut. Unbestreitbar ist, dass die Stadt eine große Menge an Möglichkeiten bot und Neues gern gesehen wurde, was Carney mit diesen Worten ausdrückt:
„In terms of the creation of jazz music this rural-urban dichotomy and the city’s unique diversity allowed for a wide range of musical elements to permeate New Orleans.“ 9 New Orleans war also zu der Zeit der Entstehung des Jazz eine kulturell bunt gemischte und kosmopolitische Stadt, was das Aufkommen und Florieren neuer künstlerischer Bereiche nur unterstützen kann, trotzdem ist dies kein Beweis, dass New Orleans der Entstehungsort der Jazzmusik ist.
9 Carney, 2006, S. 300
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Arbeit zitieren:
Olivia Beck, 2009, Die Anfänge des Jazz, München, GRIN Verlag GmbH
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