Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der geschichtliche Raum 1
2.1. Alexander II. und die Aufhebung der Leibeigenschaft 1
2.2. Gestaltwandel durch Reformen 3
2.3. Revolutionäre Aktivität, Nihilismus und Terror 4
2.4. Asienpolitik, Imperialismus und Panslavismus 8
3. Kulturelles Leben 10
3.1. Modernisierungsschub in den beiden Hauptstädten 10
3.2. Aufschwung von Kunst und Wissenschaft 11
4. Ästhetik und Literaturkritik 13
4.1. Polarisierung in der Ästhetik: „reine“ vs. nützliche Kunst 13
4.2. Der Sovremennik 14
4.3. Radikale Kritiker 15
5. Das Zeitalter des realistischen Romans 17
6. Turgenev-Romanist 18
7. Otcy i deti (Väter und Söhne) - ein Gegenwartsroman 20
7.1. Bazarov als eine der Hauptfiguren des Romans Otcy i deti 21
7.1.1. Beziehung Bazarovs zu dem Adel und den Bauern 21
7.1.2. Die politischen Ansichten Bazarovs 25
7.1.3. Die wissenschaftlichen Auffassungen Bazarovs 27
7.1.4. Bazarovs Nihilismus 29
7.1.5. Bazarov und Odincova 31
7.1.6. Die seelische Krise Bazarovs 33
7.2. Andere handelnde Personen 36
7.2.1. Pavel Kirsanov 36
7.2.2. Nikolaj Kirsanov 38
7.2.3. Arkadij Kirsanov 39
7.3. Resümee 40
8. Andere Werke 41
8.1. Rudin 41
8.2. Zapiski ochotnika (Aufzeichnungen eines Jägers) Chorʼ i Kalinyč 44
9. Zusammenfassung 49
10. Bibliographie 51
1. Einleitung
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen in Russland die Werke der bedeutendsten russischen Schriftsteller, deren Namen die Weltliteratur bereichert haben und überall bekannt sind. Es war eine Situation im Land, die Tolstoj, Gončarov, Dostoevskij, Turgenev, Ostrovskij, Leskov und anderen nicht gleichgültig war und sie zum Schaffen großer Werke in verschiedenen Gattungen veranlagt hat. Und nicht nur Literatur, sondern auch Kunst und Wissenschaft haben einen Aufschwung erlebt. Deswegen ist es interessant die kulturellen Entwicklungen zu untersuchen.
Die vorliegende Arbeit soll Aufschluss darüber geben, welche kulturelle Entwicklungen in dieser Zeit stattgefunden haben, inwiefern sie das Werk von Ivan Sergejevič Turgenev beeinflusst haben und wie wurden sie vom Dichter interpretiert. Um diese Fragen beantworten zu können, wird zuerst einen Blick auf die Geschichte geworfen. Es werden Politik und Reformen vom russischen Zaren Alexander II. (1818-1881) vorgestellt, dank deren Russland zu einem progressiven Land geworden war. Danach werden die revolutionären Bewegungen und deren philosophische Begründungen (Nihilismus) angesprochen. Das folgende Kapitel stellt kurz dar, was die Künstler und die Wissenschaftler bewegt hat, um im nächsten Kapitel zur Ästhetik und Literaturkritik übergehen zu können. Und da den Kritikern in der russischen Literatur schon immer eine besondere Rolle zukam, werden die Ideen von Černyševskij, Dobroljubov und Pisarev, die die bekannten Gercen und Belinskij abgewechselt haben und etwas radikaler wirkten, kurz beleuchtet. Es wird auch auf die Zeitschrift Sovremennik eingegangen, in der viele Schriftsteller ihre Werke publizieren konnten und die sehr wichtig für die Entwicklung der realistischen Schule in Russland war. Die Vorstellung Turgenevs als Romanist wird gefolgt von der Analyse des Romans Otcy i deti, die im Mittelpunkt des zweiten Teils dieser Arbeit steht. Anschließend werden zwei frühere Werke (Rudin und Zapiski ochotnika) von Turgenev betrachtet, um zu zeigen, dass sein Schaffen von der Entwicklung der Gesellschaft, in der er lebte, abhing, und von den Ideen, die seine Generation bewegten, durchdrungen war.
2. Der geschichtlicher Raum
2.1. Alexander II. und die Aufhebung der Leibeigenschaft
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Russland eine dem Zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. bzw. der Viktorianischen Zeit in England vergleichbare Kulturepoche. Vorausgegangen waren die Niederlage im Krimkrieg (1856) und ein Thronwechsel - der 1855
1
verstorbene Nikolaus I. wurde von seinem Sohn, Alexander II., abgelöst. Als ältester Sohn war
die Lösung der Bauernfrage. Obwohl „er selbst kein Reformator aus Passion war, sondern aus nüchterner Überlegung“ 3 , begann Alexander seine Reformen gleich am Anfang der Regierung mit zahlreichen, zunächst begrenzten sozialen Maßnahmen (Erlass von Steuerrückständen, Abschaffung der Militärkolonien, Befreiung der überlebenden Dekabristen und Wiederherstellung ihrer Rechte). Bereits 1856 deutete er auf einer Versammlung des Moskauer Adels an, es sei besser, die Leibeigenschaft von oben abzuschaffen als zu warten, bis sie von unten und von selbst abgeschafft würde. Es sollte jedoch noch fünf Jahre vergehen, bis am 19. Februar 1861 das Manifest über die Aufhebung der Leibeigenschaft unterzeichnet werden konnte, das eine neue Epoche in der russischen Sozialgeschichte einleitete. Dazwischen lagen Jahre intensiver Arbeit erst in einem „geheimen“, dann in einem „Hauptkomitee“ unter dem Vorsitz des Kaisers selbst, das die von den Adelskomitees in den Gouvernements erarbeiteten Vorschläge prüfte und aufeinander abstimmte. Die Frage um die besonders erbittert gestritten wurde, war die Zuteilung von Land an die Bauern, das ja in irgendeiner Form den Grundbesitzern entzogen werden musste, wogegen sich ein großer Teil des Adels wehrte. Somit war das Gesetz, das dem Manifest vom 19.Februar folgte und die praktische Durchführung der
1 Stökl, Günter: „Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Kröner Verlag, Stuttgart, 1990, S.476
2 Rimscha, Hans von: „Geschichte Russlands“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1972, S.478
3 Neander, Irene: „Russische Geschichte in Grundzügen“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1988, S.157
2
Reform regelte, „ein Kompromiss, der keinen befriedigen konnte“ 4 . Die Bauern waren jetzt zwar persönlich frei, mussten aber für die weitere Nutzung des Bodens eine Entschädigung an den Gutsherren zahlen oder ihm das Land abkaufen, wozu in der Regel die Mittel fehlten. Laut Städtke 5 „auch wenn der Staat für die Ablösesumme großzügige Kredite bereitstellte, war die soziale Verelendung auf dem Lande vorprogrammiert“. Auch ein großer Teil der kleineren und mittleren Grundbesitzer geriet durch die Bauernreform in eine schwere wirtschaftlich Krise. Man musste sich sehr anstrengen, um aus dem verbliebenen Restbesitz das Nötige herauszuwirtschaften. Das bedeutete eine Umstellung im Denken und Handeln, der viele nicht gewachsen waren. Jüngeren Angehörigen dieser Schicht boten sich allerdings größere Möglichkeiten, im Staatsdienst und in verschiedenen neuen Wirtschaftzweigen und Berufen ein Unterkommen zu finden, denn das Wirtschaftleben als Ganzes erfuhr nach 1861 eine fühlbare Belebung, u.a. durch den forcierten Ausbau des bis dahin noch sehr bescheidenen Eisenbahnnetzes.
2.2. Gestaltwandel durch Reformen
Da mit der Leibeigenschaftsordnung die Übertragung staatlicher Funktionen an den grundbesitzenden Adel verbunden war, wurde nach ihrer Aufhebung eine Neuordnung des Gerichtswesens und der Verwaltung in der Provinz notwendig. Und es folgten weitere Reformen auf den Gebieten der Justiz, der lokalen Selbstverwaltung (zemstvo), im Bildungswesen sowie in der Armee. Die Justizreform (1864) brachte dieselben Rechtsnormen zur Geltung wie im Westen: Gleichheit aller vor dem Gesetz, Trennung von Gericht und Administration, Unabhängigkeit und Unabsetzbarkeit der Richter, denen Geschworene zugesellt wurden, Öffentlichkeit der Verhandlungen, Appellationsrecht usw.
Mit der Landschafts- oder Zemstvo-Verfassung von 1864 wurden in den aus gewählten Vertretern der drei Stände: Adel, Städter und Bauern, bestehenden Landschaftsversammlungen und in den von ihnen bestellten ständigen Landschaftsverwaltungen Selbstverwaltungsorgane auf Kreis- bzw. Gouvernementsebene geschaffen, die die Belange der betreffenden Landschaft zwar unter der Kontrolle des Gouverneurs und des Innenministeriums, im übrigen jedoch selbständig wahrnehmen sollten.
4 Neander, S.158
5 Städtke, Klaus: „Realismus und „Zwischenzeit“ in der „Russische Literaturgeschichte“ herausgegeben von K.Städtke, Verlag Metzler, Stuttgard, Weimar, 2002, S.166
3
1874 wurde die allgemeine Wehrpflicht für alle Zwanzigjährigen eingeführt. Da die Jahrgänge erheblich größer waren als der jährliche Bedarf an Soldaten, so wurden einerseits bestimmte Kategorien von der Dienstpflicht befreit (einzige Söhne, Ernährer von Familien, Brüder von Soldaten) und unter den übrigen die Einzuziehenden ausgelost. 6 Gleichzeitig wurde für eine humane Behandlung der Soldaten und auch für eine elementare Bildungsgrundlage (lesen und schreiben) gesorgt.
Die Autonomie der Universitäten wurde erneuert und erweitert, die Lehrfreiheit wiederhergestellt. Der Besuch von höheren Schulen und Hochschulen wurde jetzt grundsätzlich den Kindern aller sozialen Schichten gestattet und von Aufnahmeprüfungen abhängig gemacht. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Frauenbildung geschenkt. Gerade in dieser Hinsicht ist Russland sehr fortschrittlich gewesen. In sogenannten „höheren Frauenkursen“ wurde den jungen Mädchen auch eine Hochschulausbildung gewährt; in besonderen medizinischen Frauenkursen (bereits seit 1872) wurden weibliche Ärzte ausgebildet. 7 Auch diese Bildungsanstalten waren grundsätzlich allen Schichten der Bevölkerung zugänglich. Die „Kursistka“ war das weibliche Gegenstück zum Universitätsstudenten.
Die Zensurbestimmungen wurden gelockert, man gewährte eine gewisse Meinungsfreiheit (glasnost’), und „diese vorsichtige Liberalisierung ermöglichte eine öffentliche Diskussion sozialer, ökonomischer, kultureller, politischer und wissenschaftlicher Probleme“- schreibt Klaus Städtke 8 .
2.3. Revolutionäre Aktivität, Nihilismus und Terror
Nach der ersten Reaktion auf das Manifest über die Aufhebung der Leibeigenschaft, die sehr positiv, zum Teil enthusiastisch war, kam dann die Enttäuschung, weil „die Reformen leider nur halbherzig waren und nicht radikal genug durchgeführt worden, um die Bauern zufriedenstellen zu können“ - schreibt Waegemans 9 . Die Unzufriedenheit unter den Intellektuellen führte zu revolutionären Bewegungen, die zuerst vormarxistisch waren und deren Ideengut aus sehr verschiedenen Quellen, westlichen und einheimischen, stammte und zum Teil über die Grenzen der eigentlichen revolutionären Organisationen hinaus auch in der Gesellschaft als Stimmung
6 Rimscha, Hans von: „Geschichte Russlands“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1972, S.492
7 Ebd., S.493
8 Städtke, Klaus: „Realismus und „Zwischenzeit“ in der „Russische Literaturgeschichte“ herausgegeben von K.Städtke, Verlag Metzler, Stuttgard, Weimar, 2002, S.165
9 Waegemans, Emmanuel: „Geschichte der russischen Literatur von Peter dem Großen bis zur Gegenwart“, Universitätsverlag Konstanz GmbH, Konstanz, 1998, S.116
4
oder als Mode verbreitet war 10 . Das gilt besonders für die stärkste Bewegung der „narodniki“. Narodničestvo oder der Populismus (unter den narodniki befanden sich nicht nur raznočincy, sondern auch sogenannte kajuščciesja dvorjane, „reumütige Edelleute“ 11 ) war durch zwei Aspekte gekennzeichnet: den Terrorismus und das „Ins-Volk-Gehen“ (choždenie v narod), letzteres, um das unwissende Volk über seine Situation aufzuklären und auf eine soziale Revolution vorzubereiten. Diese Bewegung fand in Herzen (Die Glocke), Pisarev, Černyševskij (Was tun?) und Lavrov (Vperëd) Fürsprecher. Der Čajkovskij-Kreis in Petersburg agitierte unter den Studenten (u.a. Fürst Pëtr Kropotkin, der berühmte Anarchist) und den Arbeitern in der Hauptstadt. 1874 unternahmen mehrere tausend narodniki eine großangelegte Wanderung in die Provinz, „ins Volk“ (v narod), um es mit ihren Ideen vertraut zu machen, um mit den Bauern zu leben, ihnen zu helfen und ihr Vertrauen zu gewinnen. „Der Glaube an den „mir“ als die naturgegebene russische Form des Sozialismus, die es ermöglichen würde, unter Umgehung des Kapitalismus gleich ins gelobte Land der Freiheit einzugehen, und der Glaube, dass der Bauer das tragende Element der Revolution sein werde, waren die wichtigsten Artikel des politischen Credo der Narodniki“ - schreibt Neander 12 . Beide wurden durch die Praxis erschüttert. Der Bauer begegnete den städtischen Intellektuellen mit Misstrauen, dachte weniger an die Revolution als an sein wirtschaftliches Fortkommen und glaubte nicht an den „mir“, weil er ein Hindernis auf dem Wege zu diesem Fortkommen war. Die jungen Intelligenzler und die Bauern lebten in zu verschiedenen Welten, um auch nur eine gemeinsame Sprache zu finden, geschweige denn ein gemeinsames Leben. Das Fiasko des Ins-Volk-Gehens warf die Narodniki wieder in die vom Volk fast ganz isolierte Intelligenzia zurück. Gleichzeitig führte die Enttäuschung zu einer Änderung und Radikalisierung der revolutionären Methode. Als Weg zum Ziel wurde jetzt die konspirative, straff disziplinierte, zentral geleitete und in kleine Zellen aufgegliederte Organisation gewählt und als Methode die individuelle heroische Tat, die „Abrechnung“ (rasprava), der Terror. Es wurde die terroristische Organisation Zemlja i volja gegründet, die 1879 ein (misslungenes) Attentat auf den Zaren verübte, nach dem Attentatsversuch (1866) eines Studenten, der noch ohne Auftrag gehandelt hatte. Die Terroristen fanden eine Quelle der Inspiration in der Persönlichkeit des Nečaev, der in seinem berühmten Katechizis revoljucionera behauptete, dass das persönliche Glück des Revolutionärs dem Kampf für die gute Sache unterzuordnen sei 13 . Plechanov, der erste russische Marxist (1872 war der 1. Band des „Kapitals“ in russischer Übersetzung erschienen), gründete 1879 die neue Gruppe Narodnaja volja, die am 1. März 1881 den russischen Zaren Alexander II., ausgerechnet den
10 Neander, S.165
11 Waegemans, S.116
12 Neander, S.167
13 Waegemans, Emmanuel: „Geschichte der russischen Literatur von Peter dem Großen bis zur Gegenwart“, Universitätsverlag Konstanz GmbH, Konstanz, 1998, S.116
5
Zaren, der die Bauern befreit hatte (car‘-osvoboditel‘), bei einem Anschlag tötete. Allmählich gelangte Plechanov zu der Anschauung, dass Terror gegen einzelne Personen keinen Sinn hatte, und gründete gemeinsam mit anderen Ex-Populisten - Vera Zasulič, Pavel Aksel‘rod, Lev Dejč - im Jahre 1883 in Genf die Gruppe Osvoboždenie truda. Plechanov und Ul‘janov (Lenin) wurden die Schlüsselfiguren in dieser marxistischen Bewegung.
In den 60-70er Jahren „der gespannten Erwartung, der leidenschaftlichen Auseinandersetzung, der begeisterten Einsatzes und der inneren Erregtheit, wuchs eine neue Generation revolutionärer Geister heran“ - schreibt Günter Stökl 14 . Belinskij war gestorben, Herzen (gest.1870) und Bakunin (gest.1876) verzehrten sich in der Emigration und konnten nur aus der Ferne versuchen, dem neuen Aufbruch Inhalt und Richtung zu geben 15 . Die Autorität aller drei war zwar groß, aber, laut Stökl, schon in den sechziger Jahren galten Herzens humaner und liberaler Sozialismus für ebenso veraltet wie Bakunins anarchistische Träume, und von Belinskij übernahmen sie Jungen weniger das innere Ringen als die Arroganz eines radikalen Literatentums 16 . Vielleicht deswegen wurde für die junge Generation in Russland der Nihilismus typisch. Aber der Begriff des Nihilismus lässt sich sehr schwer definieren. In seinem Buch „Nihilismus und Nihilisten“ schreibt Wolf-Heinrich Schmidt:
„Die traditionelle Unbestimmtheit des „Nihilismus“- Begriffs und die allen Klärungsversuchen zum Trotz sich erhaltenden abseitige Exotik der Denkweise, die er bezeichnet, sind in den bisherigen „Nihilismus“- Diskussionen eher reproduziert als aufgehoben worden. Es scheint unmöglich, den Begriff zu konkretisieren. Nicht allein die Philosophie hat auf seine Anwendung nicht verzichten wollen. Abgesehen von dem im Wort selbst ausgedrückten Verzicht auf Konkretion sieht sich der Versuch einer inhaltlichen Bestimmung des Begriffs einer ganzen Reihe von Hindernissen gegenüber, die nur zum Teil aus der Geschichte des Begriffs erwachsen“ 17 .
In seiner Untersuchungen analysiert Schmidt die Werke mehrerer Philosophen und Wissenschaftler (Nietzsche, Jacobi, Jaspers, Jünger, Kierkegaard, Goldschmidt, Antonovič, Thielicke, Mayer, Pisarev, Strachov) und kommt zu der Schlussfolgerung:
„Nihilismus“ kann interpretiert werden als Krankheit (geistige Krankheit, Zeitkrankheit) und Gesundheit, als extrem seltene Erscheinung, als pathologischer und als Zwischenzustand oder als Normalzustand, als passiver und aktiver „Nihilismus“, Symptom der Schwäche und der Stärke, als umfassende Kritik und System der Kritiklosigkeit und Inkonsequenz, lebensfeindlich und lebenssteigernd, unbegrenzter Machtwille und Kult der eigenen Ohnmacht, als
14 Stökl, Günter: „Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Kröner Verlag, Stuttgart, 1990, S.567
15 Stökl, S.567
16 Stökl, S.567
17 Schmidt, Wolf-Heinrich: „Nihilismus und Nihilisten“, Wilhelm Fink Verlag, München,1974, S.7
6
Weltanschauung und Verneinung aller möglichen Weltanschauungen, als ästhetischer „Nihilismus“ und als „Nihilismus“, der die Ästhetik vernichten will.“ 18
Da der Nihilismus-Begriff so vielseitig ist, wird in dieser Arbeit versucht nur den Unterschied zwischen dem Nietzsches Nihilismus und dem „russischen Nihilismus“, der einen literarischen Ursprung hat, vorzustellen.
Nietzsche verwendete diesen Begriff gegen die christliche Religion, die er als im Kern nihilistisch brandmarkte. Für ihn ist der Nihilismus eine dekadente Entwicklung der abendländischen Kultur, welche er bis auf Sokrates zurückverfolgt hat. Nietzsche formuliert den Nihilismus insbesondere mit folgenden Argumenten:
- Es ist nichts mit der Moral: moralische Werte haben keine unbedingte Geltung, sondern sind nur in einer bestimmten Situation nützlich oder nutzlos.
- Es ist nichts mit der Wahrheit: unbezweifelbare, objektive und ewige Wahrheiten sind nicht erkennbar. Wahrheit ist stets subjektiv („Dass es keine Wahrheit gibt; dass es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein >Ding an sich gibt< - dies ist selbst ein Nihilism, und zwar der extremste“ 19 ).
- Gott ist tot: es existiert keine übergeordnete, ewige Instanz. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen(„Was bedeutet Nihilism? dass die obersten Werte sich entwerten“ 20 ).
- Die ewige Wiederkehr des Gleichen: Geschichte ist nicht finalistisch, es gibt keinen Fortschritt und kein Ziel („Denken wir den Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: >die ewige Wiederkehr<. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das >Sinnlose<) ewig!“ 21 ).
In Russland haben sich mehrere Philosophen und Kritiker mir dem Nihilismus-Begriff beschäftigt. Man kann bei Herzen, Strachov, Pisarev, Antonovič und vielen anderen Definitionen und Reflexionen darüber finden. Aber eine besonders breite öffentliche Aufmerksamkeit gewann der Begriff nachdem der russische Dichter I.S.Turgenev mit seinem Roman „Väter und Söhne“ (1862) dem Wort einen politischen Inhalt gab. Die Gestalt des Bazarov hat die Bezeichnung und den Typus Nihilist bekannt gemacht, und zwar mit solchem Erfolg, dass die Begriffe „russischer Revolutionär“ und „Nihilist“ weithin identisch wurden. „Eine Romanfigur wurde zum Vorbild
18 Schmidt, S.8
19 Nietzsche, Friedrich: „Sämtliche Werke“ Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Dt. Taschenbuch-Verlag, München, 1980, Nachlass Bd.12, S.351
20 Ebd., S.350
21 Ebd., S.213
7
oder zum Schreckgespenst für eine ganze Generation“ - schreibt Stökl 22 . Aber Turgenev hatte seinerseits Vorbilder in der Wirklichkeit. Als „Urnihilisten“ gelten N.G.Černyševskij (1828- 1889),N.A.Dobroljubov (1836-1861) und D.I.Pisarev (1840-1868), auf die im Folgenden eingegangen wird. Der russische Nihilismus, dessen Merkmale die Ablehnung von Autoritäten - Staat,Kirche und Familie - und das Streben nach einer freiheitlichen, gleichheitlichen und atheistischen Gesellschaft sind, umfasst sowohl eine philosophische Strömung als auch eine sozio-kulturelle Bewegung. Schmidt 23 ist der Meinung, dass unter dem „russischen Nihilismus“ eine Negation als Aufklärung zu verstehen ist und dass folgende Kennzeichen für ihn typisch sind:
- Naturwissenschaft und Analytik: Die Naturwissenschaft wird dem „Nihilismus“ zur Grundlage der Polemik gegen das bestehende System der Bildung und Erziehung und die geistige Armut der Gesellschaft, sie gilt ihm als „Synonym für Bewusstheit, Kritik, Analyse, Fortschritt, Eindeutigkeit und Einfachheit, Praxis, Leben, Realismus“ 24 .
- Begriff des „Nutzens“ (pol‘za): Primitiv materialistisch erkannten die Nihilisten nur an, was unmittelbar Nutzen brachte und wie Hans von Rimscha schreibt: „gefielen sich darin, ein Paar Schuhe höher zu werten als das Gesamtwerk Shakespeares“ 25 .
- Utopie: Die Nihilisten haben sich einem utopischen Denken ergeben, das von einer wissenschaftlichen Umwandlung sowohl der außermenschlichen wie auch der menschlichen Natur selbst das Paradies auf Erden erwartete 26 .
Im Bezug auf den „russischen Nihilismus“ schrieb Nietzsche über das Phänomen einer Entwertung der obersten, sinngebenden Werte der Menschen einer Kulturgemeinschaft und über ein „russisches Nihilin“ als terroristisches Mittel eines Geistes, „der nicht bloß Nein sagt, Nein will, sondern - schrecklich zu denken! Nein tut.“ 27
2.4. Asienpolitik, Imperialismus und Panslavismus
Zu den innenpolitischen Problemen, die im Zeitalter Alexanders II. eine zunehmende Verschärfung erfuhren, gehört auch das Nationalitätenproblem. Anlass dazu war der polnische Aufstand von 1863. Nachdem der Aufstand unterdrückt wurde, mussten die Polen die völlige Angleichung ihres Landes an das übrige Russland hinnehmen. Es wurde in mehrere
22 Stökl, S.568
23 Schmidt, Wolf-Heinrich: „Nihilismus und Nihilisten“, Wilhelm Fink Verlag, München,1974, S.14
24 Schmidt, S.30
25 Rimscha, Hans von: „Geschichte Russlands“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1972, S.498
26 Schmidt, S.33
27 Nietzsche, Friedrich: Werke in drei Bänden, ed. K. Schlechta, Bd. 2, München, 1960, S.670
8
Gouvernements mit rein russischer Verwaltung aufgeteilt, alle nationalen Organisationen und Bildungsanstalten wurden aufgelöst, während man andererseits versuchte, das Bauerntum zu fördern und in den Landesteilen mit litauischer, weißrussischer oder ukrainischer Bevölkerung den Einfluss der polnischen Oberschicht mit allen Mitteln zurückzudrängen 28 .
Außenpolitisch setzte Russland die Politik der imperialen Expansion fort - nach der Niederschlagung des polnischen Aufstandes, folgte die Unterwerfung des westlichen Kaukasus (1864), die Besetzung von Samarkand und Buchara (1868), von Chiva und Kokand (1873 und 1876), der Krieg gegen die Türken (1877/78). All das war durch eine Bewegung des Panslavismus, vor allem im Zusammenhang mit der Idee der Befreiung des Balkans von türkischer Vorherrschaft, ideologisch abgestützt. Bei Städtke kann man lesen, dass „Nikolaj Danilevskijs Buch Rossija i Evropa (1869), in dem der „romano-germanischen Kultur“ im Westen ein eigenständiger und überlegener „slavischer Kulturtyp“ entgegengestellt wurde, zur Untermauerung dieser nationalistischen Ideologie beitrug“ 29 .
Die russische Expansion in Asien trug ihre besonderen charakteristischen Züge, zum Beispiel schuf sie nicht im eigentlichen Sinne Kolonien, sondern erweiterte nur immer das eigene Territorium. Trotzdem ging Russland als Eroberer zu anderen Völker und wurde auch als ein solcher empfunden. Das Positive an ihrer Fremdherrschaft, die in mancher Hinsicht toleranter war als bei der Expansion anderer europäischer Völker, dass es von Anfang an alle Anzeichen einer rassischen Diskriminierung der Unterworfenen fehlten. Auch die russischen Kulturleistungen in Asien dürfen nicht unterschätzt werden.
Aber die Reformen waren nicht von allen begeistert angenommen. Die Konservativen und „Reaktionäre“ wetterten gegen das widerspenstige Polen, gegen den westlichen Parlamentarismus, gegen die Juden usw. Besonders nach dem 1. März 1881 griff die Reaktion schnell um sich. An diesem Tag hatte Alexander II. nämlich dem gemäßigten Grundgesetzt zugestimmt, das von seinem traumatisierten Nachfolger Alexander III. auf Eis gelegt werden sollte. Im darauffolgenden Vierteljahrhundert (1881-1905) blieb das politische Programm der russischen Regierung (Alexander III. 1881-1894, Nikolaus II. 1894-1917) unverändert: starke Kontrolle der freien Meinungsäußerung; den zemstvos Zügel angelegt; strengere Zensur; Kontrolle des Bildungsbereichs (mit dem allerreaktionärsten aller Bürokraten, Graf Dmitrij Tolstoj, als Minister für Volksaufklärung); polizeiliche Überwachung der Intellektuellen; Russifizierung in Polen, in den baltischen Gebieten und in der Ukraine; Antisemitismus. „Zu
28 Neander, S.172
29 Städtke, Klaus: „Realismus und „Zwischenzeit“ in der „Russische Literaturgeschichte“ herausgegeben von K.Städtke, Verlag Metzler, Stuttgard, Weimar, 2002, S.167
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Arbeit zitieren:
Ada Gorskih, 2009, Kulturelle Entwicklungen Russlands in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, dargestellt an literarischen Werken von Turgenev, München, GRIN Verlag GmbH
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