Gesamtausgabe 4 vorgenommen wurde. Zusätzlich werde ich mich auf die Arbeit von Johannes Winckelmann 5 beziehen, der bereits im Jahre 1922 "Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre" als erste Auflage herausbrachte, die mir jedoch in der 6. Auflage aus dem Jahre 1985 vorliegt. Die Rezeption von Webers Werk erlebte vor allem in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine neue Blüte, die sich in den damals entbrannten Positivismusstreit einordnen lässt, der nicht zuletzt auch von Webers Postulat von Werturteilsfreiheit mit verursacht worden war. 6 Im weiteren Verlauf dann soll Webers Wissenschaftslehre im Lichte der heute vorherrschenden Wissenschftsrealität betrachtet werden. Dabei muss vor allem die Frage bedacht werden, inwieweit Webers Vorstellung als Utopie gedacht wurde.
4 Weber, Max: Wissenschaft als Beruf 1917/ 1919. Politik als Beruf 1919. (= Max Weber Gesamtausgabe, Abteilung I, Bd. 17). Im Folgenden MWG I, 17.
5 Winckelmann, Johannes (Hg): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre von Max Weber.
6 Vgl. dazu: Sukale, Michael: Max Weber - Leidenschaft und Disziplin: Leben, Werk, Zeitgenossen. S. 28-32
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2. "Wissenschaft als Beruf"
Weber eröffnet seine Rede, indem er zunächst die "äußeren Bedingungen des Gelehrtenberufes" 7 darlegt und erörtert, in welcher Lage sich ein Hochschulabsolvent befindet, der sich für eine wissenschaftliche Karriere entscheidet. Als Vergleichspunkt dient Weber dabei das amerikanische Hochschulsystem, "wo in dieser Hinsicht der schärfste Gegensatz gegen uns besteht" 8 . Dabei liege der Hauptunterschied zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Wissenschaftsbetrieb in der Laufbahn der jungen Wissenschaftler: Im Gegensatz zu einem deutschen Nachwuchswissenschaftler, dem lediglich ein Kolleggeld zustünde, das zudem noch von der Hörerzahl seiner Veranstaltung abhinge, werde der "assistant" besoldet. Allerdings, so räumt Weber ein, sei die Arbeitsplatzsicherheit in Deutschland wesentlich höher als in den Vereinigten Staaten. Dem gegenüber stünde ein höheres Arbeitspensum der amerikanischen Nachwuchswissenschaftler: Während der junge Wissenschaftler in Deutschland lediglich Nebenvorlesungen hält und sich somit schon frühzeitig aus seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren kann, hielte in Amerika ein gerade eben habilitierter Wissenschaftler bereits große Vorlesungen. 9 Allerdings stellt Weber auch eine Tendenz der Annährung zwischen amerikanischem und deutschem Hochschulsystem fest. Er vergleicht die modernen Institute einer Universität mit "staatskapitalistischen Unternehmungen", in denen der Arbeiter (in diesem Falle: der Assistent) ebenso wie im kapitalistischen Staat von den Produktionsmitteln getrennt ist, wobei für das Gebiet der Wissenschaft dem Institutsdirektor die Rolle des Fabrikdirektors übertragen werde. All dies mutet wie eine Anspielung auf Marx' "Kapital" an. 10
Obwohl Weber die Vorteile eines solchen Systems erkennt - es sind vor allem bürokratische, technische Vorteile - , erkennt er doch, dass damit den Universitäten der "Geist" verloren gehe; der "Ordinarius alten Stils" zeigt offensichtlich bedeutende Unterschiede zu einem "Chef eines solchen großen
7 MWG I, 17. S. 80
8 Ebd. S. 71
9 Ebd., S. 71ff
10 Ebd., S. 74, FN 5
3
kapitalistischen Unternehmens". 11 Damit ginge jedoch das humboldtsche Ideal des Hochschullehrers als Forscher und Lehrer in einer Person, also die Einheit von Forschung und Lehre, verloren. Die Karriere eines jungen Wissenschaftlers werde in Folge dessen sehr viel stärker als vorher vom Zufall bestimmt, denn "[o]b es einem solchen Privatdozenten [...] jemals gelingt, in die Stelle eines vollen Ordinarius und gar eines Institutsvorstandes einzurücken, ist eine Angelegenheit, die einfach Hazard ist" 12 . Dennoch sei die Zahl der "richtigen Besetzungen" in Deutschland noch recht hoch: So hätten nur dort, wo Politik direkt in Form von "Parlamenten, Monarchen oder revolutionären Gewalthabern" eingreife, "bequeme Mittelmäßigkeit oder Streber allein die Chancen für sich" 13 . Nun hat natürlich nicht jedermann von Hause aus die Befähigung zu einen guten Hochschullehrer, die nach dem Postulat der Einheit von Forschung und Lehre beinhaltet, sowohl ein guter Lehrer als auch ein guter Gelehrter zu sein. Nach Weber spiele auch hierbei der Zufall eine entscheidende Rolle. So hinge der akademische Ruf eines Wissenschaftlers stark von seinen Hörerzahlen abhängig. Diese wiederum seien oft nur das Resultat seines Temperamentes oder Tonfalls, nicht aber von einer echten fachlichen Kompetenz. In diesem Zusammenhang macht der den Studenten den folgenden Vorwurf: "Die Frage aber, ob er ein guter oder schlechter Lehrer ist, wird beantwortet durch die Frequenz, mit der ihn die Herren Studenten beehren." Die Bedeutung solcher Äußerlichkeiten sei aber das "akademische Todesurteil" für eines Wissenschaftler und sei "[...] er der allererste Gelehrte der Welt [...]". Weber verurteilt also die Tendenz zu Massenkollegien und fordert satt dessen: "Die Demokratie da, wo sie hingehört. Wissenschaftliche Schulung aber [...] ist eine geistesaristokratische Angelegenheit." 14 Auch stellt Weber die notwendige Leidensfähigkeit eines jungen Akademikers heraus. So stellt er jedem, der ihn bittet, bei ihm habilitieren zu dürfen, nachfolgende Frage: "Glauben Sie, daß Sie es aushalten, daß Jahr um Jahr Mittelmäßigkeit nach Mittelmäßigkeit über Sie hinaussteigt, ohne innerlich zu verbittern und zu verderben?" 15
11 MWG I, 17. S. 75
12 Ebd.
13 Ebd., S. 77; Die Formulierung "revolutionäre Gewalthaber" referiert auf die damals aktuelle politische Situation. Darauf lässt das als älteste Quelle erhaltende Manuskript des Frühjahrs 1919 schließen, das Weber stark überarbeitet und erweitert hat. Die in Frage stehende Formulierung wurde nachträglich eingefügt. (Vgl.: MWG I, 17. S. 62-65)
14 Ebd., S. 79
15 Ebd., S. 80
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Überdies kritisiert er die Chancenungleichheit: So würden Juden, die sich um eine Lehrbefugnis bemühen, häufig auf Grund ihrer Religion von einer wissenschaftlichen Karriere ausgeschlossen. "Ist er Jude, so sagt man ihm natürlich: Iasciate ogni speranza [Laßt alle Hoffnung fahren]." 16 Kurz und mit Max Weber gesprochen: "Das akademische Leben ist also ein wilder Hazard." 17 Im zweiten Teil seiner Rede erörtert Weber nun den "[...] inneren Beruf zur Wissenschaft [...]" 18 .
Zunächst, so Weber, müsse den Wissenschaftler heute im Gegensatz zu vergangenen Zeiten ein Drang zur Spezialisierung auszeichnen, denn "eine wirklich endgültige und tüchtige Leistung ist heute stets: eine spezialisierte Leistung". Und wer sich keine "Scheuklappen" anziehen und ein Detail betrachten könne, so als ob "[...] das Schicksal seiner Seele davon abhängt [...], der bleibe der Wissenschaft nur ja fern" 19 . Denn "ohne diesen seltsamen, von jedem Draußenstehenden belächelten Rausch, diese Leidenschaft [...] hat einer den Beruf zur Wissenschaft nicht und tue etwas anderes" 20 . Die zweite Voraussetzung, die laut Weber ein Wissenschaftler erfüllen müsse, sei der Einfall, die Eingebung. Obwohl er auch Laien Eingebungen zugesteht, meint er doch, dass Laien von Fachleuten durch ein wichtiges Merkmal geschieden würden: Der Fachmann könne anders als der Laie seine Eingebung in ihrer Tragweite genau abschätzen, da er "[...] die feste Sicherheit der Arbeitsmethode [...]" besäße. Nun ersetze ein Einfall natürlich nicht die Arbeit, sondern vielmehr sei das Gegenteil der Fall. "Nur auf dem Boden ganz harter Arbeit bereitet sich normalerweise der Einfall vor." Beide hingen wechselseitig voneinander ab, ein Einfall bedinge die Arbeit und "die Arbeit kann den Einfall nicht ersetzen oder erzwingen [...]. Beide - vor allem: beide zusammen - locken ihn" 21 . Die Bedeutung der Eingebung in der Wissenschaft vergleicht Weber mit dem in der Kunst und sieht sie als häufig überbewertet. Wie auch in der modernen Wirtschaft habe der Einfall einen ebensogroßen Stellenwert in der Wissenschaft und "ganz und gar nicht - wie sich der Gelehrtendünkel einbildet - eine[n] [...]" 22
16 MWG I, 17. S. 80
17 Ebd., S. 79
18 Ebd., S. 80
19 Ebd.
20 Ebd., S. 81
21 Ebd., S. 82
22 Ebd., S. 83
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kleineren. Auf Grund dieser Gabe zur Eingebung entstehe vor allem bei der akademischen Jugend ein Persönlichkeitskult und ein Feiern des Genies, was Weber zutiefst ablehnt. So wendet sich Weber direkt an das anwesende studentische Publikum: "Verehrte Anwesende! 'Persönlichkeit' auf
wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient!" 23 Und etwas später formuliert er:
"Auf dem Gebiet der Wissenschaft aber ist derjenige ganz gewiß keine 'Persönlichkeit', der als Impressario der Sache, der er sich hingeben sollte, mit auf die Bühne tritt, sich durch 'Erleben' legitimieren möchte und fragt: Wie beweise ich, daß ich etwas anderes bin als nur ein 'Fachmann' [...]?"
Die sei "eine heute massenhaft auftretende Erscheinung, die überall kleinlich wirkt, und die denjenigen herabsetzt, der so fragt [...]" 24 . Dieses Bestreben, dieses Bedürfnis, der Sache dienen zu wollen, müssen der Wissenschaft ebenso zu eigen sein wie der Kunst.
Einen der zentralen Punkte seiner Rede leitet Weber jedoch aus dem grundlegenden Unterschied zur Kunst ab, dem Sinn der Wissenschaft. Unabhängig von der Entstehungszeit sei ein echtes Kunstwerk hinsichtlich seiner Bedeutung immer gleich hoch zu bewerten. Kunst ist nach Weber also zeitlos. Anders hingegen die Wissenschaft:
"Jeder von uns [...] in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft [...]: jede wissenschaftliche 'Erfüllung' bedeutet neue 'Fragen' und will 'überboten' werden und veralten." 25
Nun ließe sich dieser Fortschritt theoretisch bis ins Unendliche weiterdenken. Warum aber, so fragt sich Weber, "betreibt man in etwas, das in der Wirklichkeit nie zu Ende kommt und kommen kann?" 26 Weber beantwortet die von ihm gestellte Frage zunächst aus einem praktischen Blickwinkel: "sich besser
23 MWG I; 17. S 84
24 Ebd., S. 84f
25 Ebd., S. 85
26 Ebd., S. 86
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Arbeit zitieren:
MA Sylvia Meyer, 2008, Max Weber und seine Wissenschaftslehre, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Position Gregors VII. im Investiturstreit mit Heinrich IV.
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 19 Seiten
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